Die Sonne stand bereits tief. Sie schwebte noch eine Weile auf den schwarzen Kämmen der Berge und versank dann rasch dahinter. Vom Hafen in Genua war es ein langsamer und anstrengender Ritt gewesen. In vielen Windungen zog sich der Saumpfad die Berge hinauf, war aber ziemlich breit und viel begangen. Immer wieder kamen ihnen kleine Trupps von Händlern entgegen, die ihre bepackten Maultiere am Zügel führten. Man grüßte sich freundlich im Vorbeiziehen. Derart vielen Leuten auf dieser Bergstrecke zu begegnen, hatte Fidelma nicht erwartet.
»Wir befinden uns auf der alten Salzstraße«, erklärte ihr Magister Ado, der neben ihr ritt. Hinter ihnen kamen Schwester Gisa auf dem Packmuli und Bruder Faro auf einem fahlgrauen lebhaften Pferd. Fidelma, die sich vorzüglich auf Pferde verstand, war sofort aufgefallen, dass es sich bei dem Ross, auf dem er saß, um eine besondere Züchtung handelte: hoher Widerrist, gedrungene Rückenpartie, schmale Kruppe und tiefhängender Schweif.
»Salzstraße?«, fragte sie stirnrunzelnd. Sie hatte sich gerade nach der ihr unbekannten Pferderasse erkundigen wollen, als Magister Ados Bemerkung sie davon abbrachte.
»Diese Straße führt nach Ticinum Papia, einer Stadt weiter im Norden, jenseits der Höhenzüge hier. Die Händler schaffen Waren wie Wolle, Wein und Oliven zum Hafen an der See. Auf dem Rückweg bringen sie Salz nach Ticinum Papia. Deshalb nennen wir sie Salzstraße.«
»Und wollen auch wir nach diesem Ticinum Papia?«
Er schüttelte den Kopf. »Wir werden die Nacht in einer kleinen Ortschaft verbringen, bei der die Salzstraße geradenwegs durch die Berge nach Norden abzweigt. Unser Weg hingegen führt durch ein Tal, das Tal der Trebbia heißt es, und bringt uns direkt zur Abtei Bobium.«
Fidelma hatte die Landschaft, durch die sie ritten, mit lebhaftem Interesse wahrgenommen. In mancher Hinsicht erinnerte sie sie an ihre Heimat. Die Berge waren keine hochaufragenden Felszacken, ihre Kämme zogen sich in sanften Kurven dahin und erhoben sich zu Höhen, die ihr vertraut waren. Die unteren Hänge waren mit dichten Wäldern bestanden. Sie erkannte Buche, Eberesche und Mehlbeerbaum. Auch die Farnkräuter und Adlerfarne riefen Erinnerungen wach. Mit etwas Phantasie konnte sie sich einbilden, sie wäre zu Hause. Und doch war der Gesamteindruck irgendwie anders – wahrscheinlich lag es an der fetten, rötlich-braunen Erde.
Ab und an machte sie Turmfalken und Sperber aus, die hoch oben am Himmel kreisten. Aus den dichten Waldungen hörte sie Vogelgezwitscher, mal hier, mal da, das sie aber keinem Vogel zuordnen konnte. Vielleicht spürte sie gerade dadurch, dass sie sich in der Fremde befand. Dann fiel ihre eine Eiche auf, eine Eiche war es, ja, doch die Blätter waren anders geformt.
Ihre Begleiter Magister Ado, Schwester Gisa und auch Bruder Faro hatten ein offenes Ohr für ihre Fragen über die Beschaffenheit der Berge, der Pflanzen-und Tierwelt und antworteten freundlich und geduldig. Schließlich wies Bruder Faro auf einen Berg, der sich links von ihnen in einiger Entfernung über alle anderen erhob.
»Das ist der Monte Antola. Heute Abend werden wir noch diesseits von ihm rasten, dann verlassen wir die Salzstraße und ziehen morgen weiter ins Tal der Trebbia nach Süden. Unsere Abtei liegt hoch oben auf dem Steilufer der Trebbia.«
»Die Trebbia entspringt dort hinten bei dem Monte Perla«, ergänzte Magister Ado, »und fließt dann die ganze Strecke bis zu dem riesigen Strom, den wir den Padanus nennen. Aber das ist noch ein ganzes Stück weiter nördlich von Bobium.«
Je weiter sie ritten, desto mehr gewann Fidelma den Eindruck, dass die Berge doch beträchtlich höher aufragten, als sie es von Irland gewöhnt war.
»Müssen wir bis über die Berge?«, fragte sie besorgt angesichts der schroffen Höhenzüge.
»Es gibt einen Pass«, versicherte ihr Bruder Faro, »und haben wir erst mal den erreicht, bleiben wir dort auch über Nacht.«
Tatsächlich fanden sie auf der Passhöhe eine kleine Herberge, die Unterkunft für Durchreisende bot. Sie waren nicht die Einzigen; auch einige Kaufleute, die südwärts zogen, rasteten dort. In einer warmen Ecke machten sie es sich gemütlich und tauschten sich über ihre Heimatländer aus. Magister Ado konnte gar nicht genug erfahren über das Land, aus dem Columbanus gekommen war, und Fidelma erfuhr manches über die Herkunft ihrer Weggefährten.
Schwester Gisa gehörte zu den Langobarden, sie war im Trebbia-Tal aufgewachsen. Wie Fidelma bereits bemerkt hatte, war die Schwester nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern auch klug. Wann immer sie sich zu einer Frage äußerte, tat sie das wohlüberlegt. Fidelma schätzte sie nicht älter als einundzwanzig oder zweiundzwanzig. Sie war nach Bobium gekommen, um unter Magister Ado die Rechenkunst zu erlernen. Bruder Faro war erst seit zwei Jahren in der Abtei, aber abgesehen davon, dass er von irgendwo im Norden stammte, erfuhr Fidelma wenig über ihn.
»Ist Bobium ein conhospitae – ein gemischtes Haus?« Fidelma erkundigte sich danach, weil sie gehört hatte, dass immer noch fromme Brüder und Schwestern aus ihrer Heimat kamen, um in der Abtei zu leben.
»Nein«, erwiderte Magister Ado ohne Umschweife. »Ist es auch nie gewesen. Bis vor zwanzig Jahren wurde unsere Abtei nach der Regel geführt, die unser Gründer Columbanus festgesetzt hatte. Dann entschied sich Abt Bobolen mit Zustimmung der ganzen Bruderschaft, die Regula Benedicti zu übernehmen.«
»Die Benediktinerregel?« Fidelma wusste genug von den Zwistigkeiten, die diese Regel zwischen den Abteien in ihrem Heimatland verursachte. »Ihr habt die Regel eures Gründervaters aufgegeben?«
»Wir müssen mit der Zeit gehen«, entgegnete Magister Ado. »Die Regel des Columbanus war sehr harsch, es war unumgänglich, sich auf Kompromisse einlassen.« Er bemerkte, wie verwirrt sie dreinschaute. »Das scheint dich zu verwundern. Es war aber so, dass sich viele nicht mit der strengen Disziplin und den harten Strafen abfinden wollten, die Columbanus eingeführt hatte. Wenn zum Beispiel ein Mitglied der Abtei frühmorgens nicht die Zeit fand, sich zu rasieren, und unrasiert zur Messe erschien, wurde er mit sechs Geißelhieben bestraft.«
»Aber das ist nicht die Art, nach der klösterliche Gemeinschaften in Irland leben«, protestierte Fidelma. »Wie konnte dergleichen zur Regel von Colm Bán gehören?«
»Wie auch immer, wir haben sie zugunsten der des Benedikt aufgegeben.« Er sah sie nachdenklich an und fügte hinzu: »Einige der Brüder, die aus Hibernia zu uns gekommen sind, waren ebenfalls sehr erstaunt, als sie hörten, mit welcher Härte die Regel des Columbanus durchgesetzt wurde.«
»Das kann ich mir gut vorstellen. Diese Regel hat nichts mit den Grundsätzen zu tun, die in unseren Abteien gelten. Das klingt eher nach den Bußgesetzen, die einige nun auch unserem Land aufzwingen wollen. Meinst du, Colm Bán war bestrebt, die römischen Pönitenzvorschriften einzuführen?«
Schwester Gisa versuchte die Dinge zu erklären. »Ich habe gehört, Columbanus stand vor dem Problem, Zucht und Ordnung unter seinen Anhängern herzustellen, die aus den Ländern der Franken und Langobarden stammten. Dazu war eine starke Hand nötig, und deshalb hat er wohl strengere Regeln aufgestellt, als sie in seinem Land üblich waren.«
»Wenn die Abtei sich nun nach der Regula Benedicti richtet, wie du sagst, bedeutet das, dass in der Abtei die Geschlechter voneinander getrennt sind?«
Magister Ado bestätigte ihre Frage mit einem Kopfnicken. »Es gibt ein Haus für die Frauen außerhalb der Hauptgebäude der Abtei. Aber während der Arbeit und zum Gottesdienst bestehen wir nicht auf der strikten Trennung von Brüdern und Schwestern. Auch kommen die Nonnen vor der Andacht regelmäßig zu uns zur Abendmahlzeit. Nicht wenige meinen, wir sollten ein conhospitae sein, also ein gemischtes Haus, wie es in deinem Land üblich ist.«
»Unterstützt euer gegenwärtiger Abt die Trennung der Geschlechter?«
»Er gehört zu den Asketen, die sich dem Zölibat verschrieben haben«, warf Schwester Gisa ein, presste aber sofort die Lippen zusammen, als hätte sie es lieber nicht sagen sollen.
»Abt Servillius und ich sind seit langem Freunde », stellte Magister Ado klar und warf der jungen Schwester einen tadelnden Blick zu. »Wir haben uns kennengelernt, als wir noch junge Männer waren. Er entstammt einer alten Patrizierfamilie Roms und ist sehr stolz darauf. Er ist ein standhafter Verteidiger des Zölibats und erinnert uns oft daran, dass es diesen alten Brauch schon bei den Priestern des Bacchus in Rom gab. Ihn zu befolgen, hieße, sicherer zur Erfüllung unserer Glaubensgrundsätze zu gelangen.«
»Eine Auffassung, die in Rom immer stärker um sich greift«, bestätigte Fidelma. »Führt das in Bobium zu Spannungen?«
»Nein, nicht innerhalb der Abtei, denn alle Brüder sind darin eines Sinnes«, erwiderte Magister Ado rasch. »Anlässe zu Spannungen werden meist von draußen hereingetragen.«
»Spielst du auf die Anhänger des Arius an?« Fidelma bemerkte die beklommenen Blicke, die Bruder Faro und Schwester Gisa wechselten.
»Grund zur Besorgnis gibt es deswegen keinen«, erwiderte Magister Ado. »Aber falls du denkst, der Überfall auf mich hätte etwas mit ihnen zu tun, nun ja, vielleicht war es ein Akt der Vergeltung, weil ich gegen die lasterhaften Bischöfe und Adligen hier gewettert habe. Die geben vor, sie seien Anhänger des Arius. Sie nutzen das Banner des Arius und rechtfertigen damit ihre Übergriffe auf die klösterlichen Gemeinschaften.«
»Und das soll kein Grund zur Besorgnis sein? Wie du mir erzählt hast, warst du in Genua kaum an Land gegangen, als du überfallen wurdest. Wie lange bist du unterwegs gewesen?«
Er schaute sie forschend an. »Du bist beharrlich mit deinen Fragen, Fidelma.«
»Das liegt an meiner Ausbildung. Ich bitte um Verzeihung, wenn meine Frage irgendwie ungehörig war.«
Der betagte Geistliche schien sich zu entspannen und lächelte. »Schon gut. Ich war bloß ein paar Wochen fort, habe die Reise nur unternommen, um eine alte Handschrift aus dem scriptorium der Abtei Tolosa zu erwerben. Doch jetzt sind wir beinahe zu Hause. Morgen reiten wir ins Trebbia-Tal hinein, und dort haben wir nichts zu befürchten.«
Es erstaunte Fidelma, dass ein Mann, dem man eben erst aufgelauert hatte, so voller Selbstvertrauen war und jede Furcht vor weiteren Gefahren von sich wies.
Am nächsten Morgen verließen sie die Landstraße und folgten einem schmaleren Weg über die Hügel des Vorgebirges. Bald stiegen sie in ein sich in vielen Windungen hinziehendes Tal hinab, durch das ein wasserreicher Fluss munter dahinströmte.
»Das ist die Trebbia«, erklärte Bruder Faro, der nun neben Fidelma ritt. Magister Ado und Schwester Gisa waren ein Stück vor ihnen. »Der Fluss fließt auch an Bobium vorbei. Noch eine Übernachtung am Monte Lésima, und am Morgen danach liegt dann der geheiligte Ort vor uns, an dem sich Columbanus mit seinen Anhängern niedergelassen hat.«
Das Tal erinnerte Fidelma wieder stark an die saftig grünen Täler aus ihrer Heimat. Kein Wunder, dass Colm Bán sich gerade für diese Umgebung entschieden hatte, als er die Heimstatt für seine Gemeinschaft gründete. Vielleicht hatte er sich hier ähnlich zu Hause gefühlt wie in seinen heimatlichen Gefilden. Auf den sanften Hängen zu beiden Seiten des Flusses standen Buchen mit ihren leuchtend grünen Blättern in vollem Laub, dazwischen erhoben sich massive Erlen mit weitverzweigten Kronen, unter denen wenig wuchs. Ihr dichtes Blattwerk bildete im Sommer einen Schirm, der kaum Licht durchließ, auf das niedrige Sträucher angewiesen waren. Während die Buchen meist die höher gelegenen Hänge bevorzugten, standen unten die robust wirkenden Mehlbeerbäume. Fuhr eine Brise durch die Blätter, zeigten sie oft ihre silbrig-weiße filzige Unterseite. Wo immer die Bäume weniger dicht standen, wuchsen Adlerfarne und andere Farnkräuter. Um manche Bäume schlangen sich auch die kräftigen Stämme der wilden Klematis. Ihren weißen und grünlichen Blüten entströmte angenehmer Vanilleduft.
Bruder Faro spürte, mit welchem Interesse Fidelma die ihr neue Umgebung in sich aufnahm. In solchen Momenten gab er seine Zurückhaltung auf und suchte das Gespräch. »Du erinnerst dich gewiss an das Mahl, das wir gestern Abend vorgesetzt bekamen.« Er wies auf eine Gruppe stattlicher Bäume in Ufernähe. »Das sind Esskastanien. Wir haben von ihren Früchten gegessen.«
Fidelma kannte derartige Baumriesen von ihrer Reise durch die angelsächsischen Königreiche. Ein alter weiser Mann hatte ihr erzählt, dass die Römer vor langer, langer Zeit den Baum dort heimisch gemacht hatten.
»Die sind den Bäumen ähnlich, die ich im Lande der Angelsachsen gesehen habe, aber die Früchte werden dort nicht reif, man kann sie nicht essen wie hier.«
Magister Ado und Schwester Gisa hatten haltgemacht und warteten auf sie. Schwester Gisa, die die letzten Sätze ihrer Unterhaltung gehört hatte, ergänzte: »Die Nüsse dieser Bäume sind fettreich und sehr schmackhaft. Wir verwenden sie in verschiedenen Gerichten. Man braucht die stachlige Fruchthülle nur aufzuschlitzen, um an den Kern zu kommen.«
Magister Ado ließ sich nun zurückfallen und ritt neben Bruder Faro, damit die beiden Frauen sich weiter über die landesübliche Küche unterhalten konnten. Schwester Gisa und Bruder Faro ritten auf der Flussseite des Wegs, während Fidelma und Magister Ado sich auf der Bergseite hielten.
Vor ihnen bemerkte Fidelma einen Vogel mit spitzen Flügeln und langem Schwanz; er hatte am Fluss links neben ihnen gestanden und flog plötzlich auf. Dabei stieß er kurze, scharfe Schreie aus, ein Turmfalke, wie Fidelma wusste. Wenig später drangen schrille Rufe aus dem Wald, zwei große dunkle Vögel mit breiten gerundeten Schwingen und kurzen Hälsen stiegen steil aus den Baumkronen auf. Mäusebussarde. Das Vogelgeschrei steigerte sich. Die Unruhe unter den Vögeln bedeutete Gefahr. Wachsam suchte Fidelma mit den Blicken den dunklen Waldsaum ab. Sie sah einen Schatten neben einem Baum, drehte sich um und rief eine Warnung.
Offenbar hatte auch Magister Ado den Schatten bemerkt, denn schon hatte er sich tief über den Hals des Pferdes gebeugt. Ein Pfeifgeräusch zischte an ihnen vorbei, Bruder Faro schrie auf, rutschte vom Pferd und blieb rücklings liegen. Ein Pfeilschaft ragte aus seiner Schulter, und Blut quoll aus der Wunde. Fidelma erfasste das Geschehen sofort. Magister Ado saß wieder aufrecht. Er musste wohl gesehen haben, wie der Schütze den Bogen spannte, und hatte sich rasch geduckt. Der Pfeil war über ihn hinweggeflogen und hatte Bruder Faro getroffen. Schwester Gisa kreischte gellend auf.
Fidelma spähte zum Waldsaum hinüber. Zwei Männer mit gespanntem Bogen lösten sich aus der Deckung und kamen dreist auf sie zu. Was sollte man tun? Wenn sie flohen, mussten sie den Verwundeten den Feinden auf Gedeih und Verderb überlassen. Abzusteigen und den Bewusstlosen auf das Pferd zu hieven, blieb ihnen keine Zeit. Sich aber nicht vom Fleck rühren, bedeutete gewiss ihrer aller Tod, unbewaffnet wie sie waren.
Magister Ado schien seine eigene Rettung im Auge zu haben. Er preschte mit seinem Pferd vor, hatte sie schon überholt, blieb aber unversehens stehen, denn von vorn erklang der schmetternde Ton eines Jagdhorns. Weitere warnende Hornstöße folgten. Fidelma begriff kaum, was um sie herum geschah, zu schnell ging alles vor sich, und blieb unentschlossen auf ihrem Ross sitzen. Hinter einer Biegung des Talwegs kam in vollem Galopp etwa ein halbes Dutzend Bewaffneter heran. Sie sah eben noch, wie die beiden Bogenschützen die Flucht ergriffen und im Dickicht verschwanden.
Der Anführer des Trupps gab einige Befehle, drei seiner Reiter saßen ab und stürmten in das Waldesdickicht, den fliehenden Angreifern hinterher.
Schwester Gisa war von ihrem Maultier abgestiegen und kniete neben dem auf der Erde liegenden Bruder Faro. Fidelma eilte ihr zu Hilfe. Der Verwundete lag mit offenen Augen und stöhnte leise. Der Pfeil war ins Fettgewebe unter der Haut gedrungen, hatte aber wesentliche Muskeln verfehlt. Trotzdem musste er sofort entfernt und die Wunde versorgt werden. Die Gefahr einer Blutvergiftung, die leicht zum Tod führen konnte, war groß.
»Halt ihn fest«, wies Fidelma Schwester Gisa an, und Bruder Faro redete sie gut zu: »Es tut mir leid, aber es wird ein bisschen weh tun.«
Zum Sprechen hatte er nicht die Kraft, er nickte nur. Sie besah sich den Pfeil genau. Der war, ohne von Knochen oder Sehnen gehindert zu werden, ins Fleisch gedrungen und guckte auf der anderen Seite heraus. Die Pfeilspitze war, Gott sei Dank, glatt und ohne Widerhaken. Sie griff zu, brach das befiederte Ende so dicht wie möglich an der Wunde ab, packte dann die Spitze und zog den Rest des Schafts mit einem Ruck heraus. Bruder Faro schrie auf und wurde ohnmächtig.
»Schnell, Schwester, hol Wasser, wir müssen die Wunde reinigen.«
Schwester Gisa holte Wasser aus dem Fluss und brachte etwas aus ihrer Satteltasche mit. Fidelma wusch vorsichtig die Wunde aus, und Schwester Gisa erklärte: »Ich habe hier eine Paste aus gestoßenem Knoblauch. Mein Vater hat sie oft verwendet. Wir bestreichen damit die offene Stelle, das hilft bei der Heilung und beugt Entzündungen vor.«
Schweigend nickte Fidelma und ließ ihre Helferin gewähren und die Verletzung mit Leinwandstreifen verbinden. Bruder Faro kam wieder zu sich. Sie richteten ihn auf, lehnten ihn gegen einen Baumstamm und reichten ihm einen Becher mit Wein, den Schwester Gisa aus ihrem Vorrat hervorzauberte.
Fidelma ließ die beiden allein und ging zu Magister Ado hinüber, der angelegentlich mit dem Anführer des Reitertrupps sprach. Es war ein großgewachsener schlanker Krieger mit langem blondem Haar und leuchtend blauen Augen, die fast ins Violette changierten.
Magister Ado machte sie miteinander bekannt. »Das ist Schwester Fidelma aus Hibernia, die mit uns nach Bobium will.«
»Ich bin Wulfoald, Schwester. Ich stehe bei Radoald, Billos Sohn, dem Seigneur von Trebbia in Diensten. Ich heiße dich in unserem Land willkommen.« Sein Latein war fehlerlos.
»Ich habe nicht den Eindruck, dass einen jeder hier willkommen heißt«, meinte sie spöttisch.
Wulfoald zog die Brauen verächtlich hoch und wies auf den Wald, in dem die Angreifer verschwunden waren. »Banditen, Schwester. Wir werden sie zu fassen kriegen und abstrafen.«
Sie wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, doch Magister Ado wusste das zu verhindern. »Wir können von Glück sagen, Wulfoald, dass du mit deinen Mannen gerade hier vorbeigekommen bist.«
Der junge Krieger zuckte die Achseln. »Wir sind unterwegs, um an der Kreuzung zur Salzstraße von Kaufleuten Waren für meinen Seigneur zu übernehmen. Wir hörten die Warnrufe der Vögel und einen Aufschrei. Ich ließ meinen Jäger ins Horn blasen, ein Signal für jeden, dass Radoalds Krieger im Anmarsch sind. Wie geht es deinem Gefährten da?«
»Bruder Faro?« Magister Ado schien jetzt erst zu bemerken, dass sein junger Begleiter verwundet worden war. Er drehte sich um und stellte beruhigt fest, dass Bruder Faro aufrecht saß und von Schwester Gisa umsorgt wurde.
Von der Hangseite ertönte ein Ruf, die drei Krieger, die den Räubern hinterhergejagt waren, kamen zurück, allerdings ohne Erfolg.
»Sie sind uns entkommen, Wulfoald«, berichtete einer von ihnen. Sie hatten weiter oben Pferde und waren auf und davon, ehe wir sie umzingeln konnten.«
»Habt ihr erkennen können, wer sie waren?«, fragte Wulfoald.
»Nein. Sie haben schwarze Umhänge und Kapuzen getragen, die ihre Gesichter verbargen.«
Schwester Fidelma sah Magister Ado an. »Schwarze Umhänge und Kapuzen?« Ihre Bemerkung klang wie eine Frage.
Der Geistliche bewegte kaum merklich den Kopf, aber der Blick war Warnung genug.
»Banditen, wie gesagt.« Wulfoald wiederholte es mit Nachdruck. »Sei unbesorgt, Schwester. Die verziehen sich und wissen, dass der Arm von Seigneur Radoald lang ist und seine Rache überraschend schnell sein kann. Die kommen nicht zurück. Zur Sicherheit werde ich zwei meiner Leute anweisen, euch bis zu den Mauern von Bobium zu begleiten. Noch besser wäre, ihr nehmt für heute Nacht die Gastfreundschaft meines Herrn, Seigneur Radoald, auf seiner Festung an. Unser Arzt, Suidur der Weise, wird sich bestimmt gern um den jungen Klosterbruder kümmern.«
Magister Ado dankte ihm überschwänglich. Wulfoald erteilte seinen Leuten die entsprechenden Befehle, und Fidelma ging hinüber zu Bruder Faro. Der junge Mann lächelte beklommen.
»Ich spüre noch einen stechenden Schmerz, aber es ist erträglich«, sagte er, als sie nach seinem Befinden fragte. »Ich habe schon Schlimmeres ausgehalten.«
»Wirst du bis zu Radoalds Festung mitreiten können?«, erkundigte sich Magister Ado.
»Ich denke, schon.«
»Dann sollten wir die Gastfreundschaft von Seigneur Radoald in Anspruch nehmen.« Magister Ado schaute sich gewissenhaft nach allen Richtungen um, als wollte er sich davon überzeugen, dass die Angreifer tatsächlich verschwunden waren. »Sobald du dich kräftig genug fühlst, setzen wir uns in Trab.«
»Schwarze Umhänge und Kapuzen?«, überlegte Fidelma noch einmal leise. »Meinst du nicht, dass die Kerle, die dich in Genua angegriffen haben, genau die sind, die dich soeben ermorden wollten?«
»Aus ihrem Äußeren muss man das nicht zwangsläufig. folgern«, wehrte Magister Ado ab. »Viele Leute tragen hier schwarze Umhänge und Kapuzen.«
»Aber doch wohl nicht im Sommer«, bemerkte Fidelma knapp und schaute hoch zum wolkenlosen blauen Himmel.
»Die Nächte jedenfalls sind ziemlich kalt«, erwiderte er sarkastisch und wandte sich Wulfoald zu, der mit seinen Kriegern auf sie wartete.
»Ich habe zwei meiner Leute angewiesen, euch bis zur Festung von Radoald zu begleiten«, rief er ihnen zu und zeigte auf die beiden Männer. »Wir müssen jetzt weiterziehen, wir dürfen die Kaufleute an der Salzstraße nicht verfehlen.«
»Dann bleibt uns nichts weiter zu tun, als euch nochmals für eure rechtzeitige Hilfe zu danken. Nehmt unseren Dank und unseren Segen.«
Wulfoald schwang sich auf sein Pferd. Einen Moment lang dachte Fidelma, er hätte die Pferde verwechselt, denn sein fahler Grauer sah Bruder Faros Ross zum Verwechseln ähnlich. Er gab ein Handzeichen, und bald war der Kriegertrupp ihren Blicken entschwunden.
Unterstützt von der besorgt dreinschauenden Schwester Gisa kam Bruder Faro auf die Beine. »Ich bin bereit, Magister, sag, wann es losgehen soll.«
Sobald alle wieder im Sattel saßen, gesellte sich Fidelma zu Magister Ado, während Schwester Gisa an Bruder Faros Seite blieb. Hinter ihnen ritten die beiden schweigsamen Krieger. Sie schienen sich auf ihren Beruf zu verstehen, sooft sich Fidelma auch nach ihnen umdrehte, immer suchten sie mit wachsamen Augen die nähere und weitere Umgebung nach möglichen Gefahren ab.
Magister Ado mochte über den Überfall nicht weiter reden, und Fidelma wagte es nur noch einmal, darauf anzuspielen, ob die Schurken vom Vortag und jetzt nicht doch identisch sein könnten.
»Du musst diese Anhänger des Arius bis ins Mark getroffen haben, wenn sie wiederholt Anschläge auf dein Leben verüben.«
»Du scheinst sicher zu sein, dass der Überfall vorhin von denselben Kerlen verübt wurde wie in Genua«, erwiderte er steif. »Im Lande gibt es genug Banditen, besonders in der Nähe der Handelsstraßen, da würde ich mit solchen Anschuldigungen sehr vorsichtig sein.«
Sie merkte, es war nutzlos, ihn weiter zu bedrängen. Aus irgendeinem Grund war er nicht bereit anzunehmen, was sich ihr als logische Schlussfolgerung bot. Daher versuchte sie, sich dem Problem auf andere Weise zu nähern.
»Wie kommt es, dass die Leute hier so unerschütterlich für die Lehren des Arius einstehen?«
Magister Ado schaute sie misstrauisch an und zuckte dann die Achseln. »Als die Auffassungen des Arius in Konstantinopel Fuß zu fassen begannen, ist ein Gote namens Ulfilas, der mit den Ansichten des Arius zum Christentum bekehrt wurde, als Missionar unter den germanischen Völkerschaften umhergezogen. Seine Lehren verbreiteten sich unter den Goten, Vandalen, Westgoten, Burgunden und Langobarden. Die meisten übernahmen diese Form des Glaubens und bekämpften diejenigen, die, wie wir, sich ans Nicänische Glaubensbekenntnis hielten.«
»Und sie sind bei der Auffassung des Arius geblieben, trotz aller Versuche, sie eines anderen zu belehren?«
Magister Ado seufzte tief und schmerzlich. »Mein Volk, die Langobarden, ist jahrhundertelang den Deutungen von Arius gefolgt.« Er hielt inne. »Lass es mich dir erklären. Vor über drei Jahrhunderten wurde Arius in Alexandria wegen seiner Lehre angeklagt. Kaiser Konstantin berief ein Konzil nach Nicäa ein, um die anstehende Frage zu erörtern. Arius vertrat die Ansicht, Christus sei zwar göttlicher Natur, wurde aber zur Errettung der Menschheit in die Welt gesandt. Denn Er und der Heilige Geist seien nicht wesensgleich mit Gottvater, der sie erschaffen haben muss, denn Gott hat alles erschaffen. Die Auseinandersetzungen in Nicäa waren heftig und zogen sich hin. Am Ende wurde Arius mitsamt seiner Lehre verdammt. Die Versammlung der Bischöfe einigte sich auf ein Glaubensbekenntnis, das fortan als verbindlich galt. Der Zentralgedanke war: Vater, Sohn und Heiliger Geist sind eines Wesens; sie sind eine Einheit, sind eine Dreifaltigkeit. Christus ist nicht weniger als Gott.«
»Nachdem sich das Konzil zu Nicäa darauf geeinigt hatte, was geschah dann?«
»Konstantin, der Kaiser, verbannte alle diejenigen, die sich weigerten, sich an die getroffene Entscheidung zu halten, und auch alle diejenigen, die es ablehnten, Arius und seine Anhänger zu verdammen. Er befahl, sämtliche Abschriften der Thalia zu verbrennen.«
»Thalia … was ist darunter zu verstehen?«
»Das ist das Buch, in dem Arius seine Lehrmeinung dargelegt hatte. Das Wort bedeutet nichts weiter als ›Festlichkeit‹.«
»Damit hätte der Streit beendet sein müssen.«
»So war es aber nicht. Ein anderer Kaiser, Constantius, der zweite seines Namens, wurde ein Anhänger des Arius und nutzte seine Macht, die nicänischen Bischöfe zu vertreiben, er verbannte sogar Papst Liberius und setzte statt seiner den Arianer Felix auf den Heiligen Stuhl.
Als Constantius starb, wandte sich Kaiser Julian Apostata wieder der heidnischen Götterverehrung zu. Er erklärte, jedermann habe das Recht zu glauben, was er will. Demnach war es den verschiedenen Sekten freigestellt, ihren eigenen Vorstellungen zu folgen. Dann schließlich kamen nach einigen Jahrzehnten Kaiser Theodosius und seine Gattin Flacilla an die Macht. Beide entschieden sich für das Nicänische Glaubensbekenntnis. Sie vertrieben alle arianischen Bischöfe und gaben ein Edikt heraus, demzufolge jeder Untertan des Römischen Reichs sich zum Nicänischen Glaubensbekenntnis der Bischöfe von Rom und Alexandrien zu bekennen und Treue zu schwören hatte. Wer sich dem verweigerte, wurde harter Bestrafung unterworfen.«
Fidelma war entsetzt. »Das klingt ja, als hätte sich der Neue Glaube zu einem Instrument politischer Macht entwickelt, anstatt geistliches Bedürfnis, moralisches Verhalten und verstandesgemäßes Denken der Menschen zu befördern.«
Magister Ado schnaufte verächtlich. »Mitunter müssen die Menschen auf den rechten Weg gebracht werden.«
»Aber doch wohl nicht mit Gewalt?«
»Ach, komm.« Magister Ado lachte auf. »Du bist doch Anwältin in deinem Land. Schreiben die Gesetze nicht jedermann vor, wie er sich zu benehmen hat? Und wer sich nicht fügt, wird der nicht bestraft? Bedeutet das etwa nicht, dass man die Menschen zwingt, sich moralischen Vorstellungen unterzuordnen? Was nützt es, Menschen zu Spiritualität und Moral zu ermahnen, wenn sie sich in ihrer Raffgier über alles hinwegsetzen?«
Unrecht hatte der alte Gelehrte nicht, musste Fidelma zugeben, und doch war für sie ein solcher Standpunkt moralisch durchaus bedenklich. Sie hielt es für klüger, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Schließlich war der Mann zweimal überfallen worden – allem Anschein nach, weil er seine Glaubensvorstellungen unbeugsam verfocht. In theologische Streitfragen sollte sie sich besser nicht einmischen, war sie doch eine Fremde in einem fremden Land. Ihr vorrangiges Anliegen war, ihren ehemaligen Mentor, Bruder Ruadán, zu besuchen und ihm Trost auf seinem Krankenlager zu spenden.
Insgeheim glaubte sie schon zu verstehen, warum Arius die Ansicht vertrat, es gäbe nur einen von Ewigkeit zu Ewigkeit waltenden Gott, und dass Christus, der eingeborene Sohn, von Gott erschaffen sein musste. Und sagte nicht Christus im Evangelium des Johannes, sein Vater sei größer als er? Sie war hin und her gerissen. In ihrer eigenen Kultur waren die alten Götter und Göttinnen stets als dreieinige Gottheiten angesehen worden, jedes göttliche Wesen hatte drei Verkörperungen und drei leibliche Erscheinungsformen. Das Nicänische Glaubensbekenntnis war leichter mit den theologischen Ansichten ihres Volkes in Übereinstimmung zu bringen als der Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott. Sie würde sich nach einer Abschrift des Werks des Arius, der Thalia, umtun müssen, um seine philosophische Haltung besser zu verstehen. In solche Gedanken versponnen, ritt sie eine Weile schweigend dahin.
Ohne weitere Zwischenfälle folgten sie dem Weg am Fluss entlang durch das schöne Tal. Ab und an machten sie Rast, um die Pferde und den Maulesel zu tränken und selber von dem glasklaren Wasser zu trinken oder von den Beeren zu kosten, die Schwester Gisa pflückte. Hin und wieder sah sie auch nach Bruder Faros Wunde. Zwar war es nur eine Fleischwunde, doch eine von einem Pfeil verursachte Verletzung konnte gefährlich werden.
Die beiden sie begleitenden Krieger waren nicht gerade redselig, auch sprachen sie nur in der harschen Mundart der Langobarden, ihr Latein war dürftig. Die bange Sorge, bedroht zu sein, hatte sich im hellen Sonnenschein verflüchtigt. Bei dem beruhigenden Plätschern des rastlos dahinströmenden Flusses und begleitet von den sanften Vogelrufen aus der herrlich grünen Umgebung glaubte Fidelma, sich in idyllischer Landschaft zu befinden.
Kurz nach Mittag gebot Magister Ado allen Halt. Den beiden Kriegern gelang es mit erstaunlicher Geschicklichkeit, Fische zu fangen. Rasch war ein Feuer entfacht, und die Fische wurden über der Glut gegart. Inzwischen hatte Schwester Gisa Früchte von Büschen und Bäumen gesammelt. Man lagerte sich zum Imbiss an der Uferböschung, und während sich Fidelma im Sonnenschein ausruhte, überkam sie das Gefühl, hunderte Meilen von jeder menschlichen Siedlung entfernt zu sein und erst recht von jeder Gefahr. Sie verspürte Lust, in erholsamen Schlaf zu sinken.
Hundegebell schreckte sie auf. Ein kastenförmig gestaltetes Tier mit Drahthaarfell brach aus dem Unterholz. Sein Gesichtsausdruck war fast komisch, buschige Brauen überschatteten die Augen, und der Schnauzbart verdeckte fast die kräftigen Kiefer. Es blieb stehen, schaute sich um und trottete dann, Schwanz wedelnd, zu Schwester Gisa hin. Nervös fuhr Bruder Faro hoch.
»Vorsicht, das ist ein Jagdhund«, warnte er.
Das Mädchen tätschelte dem Tier den Kopf, es schien von Natur aus gutmütig zu sein.
Die beiden Krieger waren aufgesprungen, mit der Hand sofort am Schwertgriff. Der kleine Hund ließ sich von Gisa noch eine Weile streicheln, japste freundlich, schnaubte und trottete davon.
Fidelma schien die Einzige zu sein, die begriff, weshalb der Hund Bruder Faro und die beiden Krieger beunruhigte.
»Glaubst du, hier ist eine Jagdgesellschaft ist in der Nähe?«, fragte sie Bruder Faro.
Noch ehe er antworten konnte, hörte sie Pferdegetrappel und Rufe aus Männerkehlen. Unmittelbar darauf tauchten die ersten Reiter zwischen den Bäumen auf und blieben wie angewurzelt stehen, als sie die am Ufer rastende Gruppe erblickten. Sie führten ein Maultier am Zaum, dem ein erlegter Rothirsch aufgeladen war, allem Anschein nach die Jagdbeute des Tages.
Einer von Wulfoalds Kriegern ging ihnen entgegen und rief sie in seiner Sprache an. Ein kurzer Wortwechsel, und Fidelmas Gefährten entspannten sich sichtlich. Ein junger Mann in reich bestickter Jagdkleidung und einem kurzen Umhang glitt von seinem weißen Hengst. Er hatte angenehme Gesichtszüge, war glatt rasiert und trug sein korngelbes Haar sorgsam geschnitten. Die Augen waren hellblau. Freudig lächelnd ging er mit ausgestreckten Händen auf Magister Ado zu.
»Ich heiße dich willkommen, Magister Ado. Du bist von langer Reise zurück. Wie schön, dich wieder in unserem friedlichen Tal zu begrüßen.«
Er bediente sich eines umgangssprachlichen Lateins, äußerte sich aber sicher und gewandt, wie jemand, der gebildet und zu befehlen gewohnt ist.
»Das ist sehr freundlich von dir, Seigneur Radoald«, erwiderte der ältliche Geistliche.
Ein Blick aus den hellblauen Augen streifte Bruder Faro und Schwester Gisa. »Ah, wen sehe ich da … Schwester Gisa und Bruder Faro? Seid beide herzlich willkommen.« Der junge Mann runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass Bruder Faros Arm und Schulter bandagiert waren. »Irgendetwas stimmt nicht mit euch. Was für ein Unheil ist dir zugestoßen, mein Freund?«
Magister Ado erklärte, was vorgefallen war.
»Dass Banditen ihr Unwesen in diesem Tal treiben, ist ungewöhnlich«, sagte der junge Seigneur nachdenklich. »In der Regel überfallen sie wohlhabende Kaufleute auf der alten Salzstraße. Ins Trebbia-Tal kommen sie eigentlich nie, denn Kaufleute, auf die sie es abgesehen haben, ziehen kaum hier entlang, außerdem hätten sie meine Krieger zu fürchten.«
Bruder Faro versicherte ihm, die Wunde sei nur oberflächlich und würde bald heilen. Fidelma wartete, ob Magister Ado weitere Einzelheiten schildern oder erwähnen würde, dass man ihn bereits in Genua überfallen hatte. Doch er schien gewillt, die Sache auf sich beruhen zu lassen. »Wir hatten Glück, dass Wulfoald und seine Leute gerade in dem Augenblick dazukamen, als wir angegriffen wurden. Er hat diese beiden Bewaffneten beauftragt, uns bis zu deiner Festung zu geleiten, und hat gemeint, wir sollten für eine Nacht um deine Gastfreundschaft bitten.«
»Gastfreundschaft? Selbstverständlich.« Sein Blick ruhte auf Fidelma. »Haben wir einen Neuankömmling in unserem Tal zu begrüßen?«, fragte er.
»Das ist Schwester Fidelma aus Hibernia«, stellte Magister Ado sie vor. »Und das ist Radoald, Seigneur von Trebbia.«
»Fidelma aus Hibernia?« Der junge Mann betrachtete sie aufmerksam. »Feuerrotes Haar, helle Haut und seltsam grüne Augen hast du, all das habe ich auch bei anderen bemerkt, die aus Hibernia kamen. Aus deiner Heimat haben sich viele der Abtei hier angeschlossen. Gedenkst du, bei uns in unserem kleinen Tal zu bleiben?«
»Ich komme nur zu Besuch«, antwortete ihm Fidelma.
»Fidelma ist eine Prinzessin in Hibernia«, tat Schwester Gisa eilfertig kund. »Und nicht nur das, sie ist eine berühmte Persönlichkeit.«
Der junge Seigneur wandte sich Schwester Gisa zu und fragte lächelnd: »Eine Prinzessin? Und berühmt außerdem? Berühmt … weswegen?«
»Schwester Gisa übertreibt«, warf Fidelma ein.
»Nein, das tue ich gar nicht. Schwester Fidelma ist in ihrem Heimatland Anwältin und ist erst vor kurzem vom Heiligen Vater und seinem nomenclator hoch gelobt worden. Sie hat einen geheimnisvollen Mord an einem fremdländischen Erzbischof aufgeklärt, der sich im Lateranpalast ereignete.«
Radoald hob anerkennend die Augenbrauen und richtete seine nächste Frage an Fidelma. »Ist dem so? Ist dir das tatsächlich gelungen?«
Fidelma zuckte mit den Achseln, ihr war es peinlich, von der jungen Schwester so gerühmt zu werden. »Dass ich in der Angelegenheit nützlich sein konnte, will ich gern gestehen.«
»Siehe da, und so bescheiden.« Der junge Mann tauschte bedeutungsvolle Blicke mit Schwester Gisa, der sehr viel daran lag, den Seigneur von Trebbia wissen zu lassen, wer der neue Gast war. Fidelma glaubte zu spüren, dass es zwischen den beiden ein geheimes Einverständnis gab. Vielleicht war sie aber auch zu empfindsam. Wo immer sie konnte, vermied sie es, über ihre bisherigen Erfolge als dálaigh, Anwältin bei den Gerichten ihres Landes, oder ihren Rang als Königstochter zu sprechen. Sie hatte ihre Ausbildung mit dem Grad eines anruth abgeschlossen, der zweithöchsten Auszeichnung, die die Hohen Schulen verleihen konnten. Gutgelaunt fuhr der junge Seigneur fort: »Nur haben wir hier keine geheimnisvollen Morde, um deren Aufklärung ich dich bitten müsste. Doch gestatte mir, eine Prinzessin aus Hibernia in meinem bescheidenen Tal willkommen zu heißen.«
»Es ist mir ein Vergnügen, hier sein zu dürfen«, erwiderte Fidelma, wie es die Sitte erforderte.
Radoald wandte sich allen zu und breitete die Arme aus. »Seid mir willkommen, meine Freunde, mein Dach soll heute Nacht auch euer Dach sein.«
Seine Begleiter waren bereits abgestiegen und hatten ihre Pferde zur Tränke an den Fluss geführt. »Wir waren auf der Pirsch, um den Braten für unser Festgelage heute Abend zu erjagen. Ein prächtiger Hirsch ist unsere Beute. Bevor wir nach Hause zurückkehren, wollten wir Abkühlung am Fluss suchen. Zieht jetzt mit uns, betrachtet meine Festung für diese Nacht als euer Heim.«