ZWANZIG

Warum nicht gleich so? Endlich hat Willi ein Auto besorgt. Zwar ohne Chauffeur, aber immerhin mit vier Rädern. Es steht vor dem Haus, in dem Willis Wohnung liegt, und wartet nur darauf, uns alle nach München zu fahren. Und zwar ohne Transportbox oder Maulkorb. Ich bin begeistert, auch Beck hat wider seiner sonstigen Gewohnheit noch nicht gemeckert – nur Luisa wirkt seltsam zurückhaltend, dabei müsste sie doch glücklich sein, dass Willi nach der Pleite am Bahnhof so schnell ein anderes Fortbewegungsmittel organisiert hat. Stattdessen schleicht sie um das Auto herum und mustert es skeptisch.

»Bist du sicher, dass das noch fährt?«

»Aber natürlich? Wie hätte ich es sonst hier hinbekommen?«

»Schon klar. Ich meine ja auch: bis nach München.«

»Doch, doch. Mein Kumpel Paule sagt, es hat zwar schon so einige Kilometer auf dem Buckel, ist aber ansonsten top in Schuss.«

Willi öffnet die Fahrertür, ich linse hinein. Na also, wer sagt’s denn? Das Auto hat sogar ein Lenkrad, da kann uns doch gar nichts passieren.

»Aber es hat so viele Beulen und rostige Stellen.«

»Weißt du, Luisa, das Auto ist bestimmt nicht so schick wie das von deinem Papa, aber der Paule war damit sogar schon in Afrika. Es ist nicht besonders schnell, aber garantiert zuverlässig.« Er klopft mit einer Hand auf das Wagendach und grinst von einem Ohr bis zum anderen.

Luisa atmet tief ein, dann geht sie um das Auto herum und öffnet die Beifahrertür.

»Na gut, dann los!« Sie steigt ein.

Willi lädt Luisas Rucksack, seinen Beutel und eine Tasche in den Kofferraum und geht wieder auf die Fahrerseite. He! Und was ist mit uns? Herr Beck scheint das Gleiche zu denken, er schlängelt sich von der Seite heran, bereit, durch die Tür auf Luisas Schoß zu springen. Mist, das kriege ich natürlich nicht so einfach hin. Hoffentlich fahren die nicht gleich zu dritt los, und ich werde hier vergessen! Aber schon zwei Sekunden später schäme ich mich fast für diesen Gedanken, denn natürlich steigt Willi nicht einfach ein, sondern klappt seinen Sitz nach vorne, bückt sich und hebt mich auf die Rückbank. So lande ich sogar noch eher im Auto als Beck und kann mich auf der Bank schön breitmachen.

»Echt, du! Rück mal ein Stück!« Typisch Beck. Sich erst superschlau vordrängeln wollen und dann einen auf beleidigt machen, wenn es nicht klappt. Aber ich will mal nicht so sein, wenn dieses München wirklich so weit weg ist, wie alle behaupten, ist eine Fahrt im Fußraum natürlich ein bisschen unbequem. Nicht, dass Herrn Beck noch schlecht wird. Meine Schwester Charlotte zum Beispiel musste sich bei besagter Fahrt mit dem Chauffeur tatsächlich übergeben. Genau auf die Füße vom Alten. Vielleicht war das auch der Grund, warum der auf einmal so viel Cognac trinken musste – gewissermaßen als eine Art Medizin.


Ob es diesen Cognac auch in einer für Vierbeiner verträglichen Variante gibt? Und falls ja: Ob wir wohl welchen dabeihaben? Wir sind noch nicht lange unterwegs, und schon jetzt ist mir so schlecht, dass ich fürchte, mich auch bald übergeben zu müssen. Normalerweise habe ich mit dem Autofahren gar kein Problem, aber Willi fährt irgendwie … komisch! Wenn Caro oder Marc fahren, dann bewegt sich das Auto meistens recht gleichmäßig fort, aber dieser Wagen ruckelt und wechselt ständig zwischen schnell und langsam ab, dass ich es kaum aushalten kann. Herrn Beck geht es nicht viel besser. Während ich aber noch überlege, ob dieses Auto irgendein Problem haben könnte, selbst wenn es schon mal in Afrika – wo auch immer das sein mag – gewesen ist, hat er schon eine andere Fehlerquelle ausgemacht:

»Woah, das ist ja nicht zum Aushalten! Ich bin mir nicht sicher, ob Willi jemals zuvor schon ein Auto gefahren hat. Hoffentlich hat er überhaupt einen Führerschein, wir kommen hier sonst in Teufels Küche!«

Um mich von meiner Übelkeit abzulenken, versuche ich, mich darauf zu konzentrieren, was Beck mir gerade erzählt, auch wenn es mir schon verdammt schwerfällt.

»Was ist denn ein Führerschein?«

»Den braucht man, um Auto zu fahren.«

»Ja, aber Willi fährt doch Auto.« Vielleicht nicht gut, aber immerhin.

»Das muss noch gar nichts heißen. Mein altes Herrchen, der Anwalt, der hatte zwei große Gruppen von Mandanten: Die einen hatten Ärger mit Mann oder Frau und wollten ihn oder sie loswerden.« Oh nein, nicht wieder diese Anwaltsgeschichten! Ich spüre, wie sich der Speichel in meinem Mund sammelt. Gleich muss ich spucken, ganz sicher! »Die andere große Gruppe hatte hingegen immer Probleme mit ihrem Führerschein. Unter anderem, wenn sie gar keinen hatten.«

Ich hebe den Kopf vom Polster der Rückbank.

»Wie kann man denn mit etwas Probleme haben, was man gar nicht hat?«

»Glaub mir: Man kann! Große Probleme sogar. Wenn die Polizei merkt, dass du keinen Führerschein hast und trotzdem Auto fährst, kriegst du richtig Ärger! Mein Herrchen war natürlich ein brillanter Anwalt und konnte das Schlimmste meistens verhindern – aber teuer war es allemal.«

»Stopp, stopp, stopp – ich verstehe kein Wort. Man braucht einen Führerschein, um Auto zu fahren, aber man kann es auch ohne? Äh, wieso braucht man ihn dann?«

»Mann, Herkules, weil Autofahren sonst verboten ist!«

Offenbar gucke ich gerade aus der Wäsche wie ein kariertes Maiglöckchen, denn jetzt setzt Herr Beck ganz grundsätzlich an.

»Also, ein Führerschein ist ein Stück Papier. Und wenn du das nicht hast, darfst du nicht fahren, weil es sonst zu gefährlich ist.«

Ich kann es nicht fassen. Man braucht Papier, um Auto zu fahren? Faszinierend, wie vielseitig dieses Material ist! Menschen brauchen es, um darauf zu schreiben, sie brauchen es, um davon etwas abzulesen, und jetzt brauchen sie es sogar, um eine so große Maschine wie ein Auto zu bewegen. Toll! Wie das wohl funktioniert?

»Sag mal, Beck, und wieso ist es mit Papier weniger gefährlich? Das kann doch kaum schützen, wenn man irgendwo dagegenfährt – dazu ist es viel zu dünn, würde ich denken. Wäre nicht zum Beispiel ein Helm viel besser? So einer wie der, den Luisa zum Radfahren aufsetzt?«

Wenn Katzen jaulen könnten, würde Beck es jetzt offenkundig tun, so reicht es nur für ein heiseres Fauchen.

»Meine Güte, bist du heute begriffsstutzig, du Dackel! Natürlich kannst du fahren, aber du darfst es nicht. Weil du es eben dann auch meistens nicht kannst. Verstanden? Du brauchst eine Erlaubnis.«

Ich will gerade einwerfen, dass es wirklich kein Wunder ist, wenn ich bei dieser völlig wirren Erklärung nicht folgen kann, als Willi so scharf bremst, dass ich von der Rückbank fliege, gegen den Sitz vor mir pralle und schließlich im Fußraum lande. Aua! Was soll das denn? Auch Herr Beck ist sehr unsanft neben mir gelandet und faucht nun noch lauter. Willi dreht sich zu uns um.

»Entschuldigt, Jungs! Ich wollte eigentlich auf die Autobahn auffahren, aber ich komme nicht so recht darauf. Die anderen fahren doch ganz schön schnell, und ich bin etwas aus der Übung.«

Luisa scheint sich ebenfalls ziemlich erschreckt zu haben, jedenfalls klingt ihre Stimme ganz zittrig, als sie Willi etwas fragt, was mich nun auch brennend interessiert.

»Aber wie lange bist du denn schon nicht mehr Auto gefahren?«

Willi räuspert sich.

»Hm, also, so ungefähr zwanzig Jahre, schätze ich. Aber keine Sorge, das ist wie Fahrradfahren, man verlernt es nie wirklich. Nur das mit der Autobahn, das lasse ich vielleicht erst mal. Auf der Landstraße kommen wir schließlich auch nach München. Das dauert zwar etwas länger, ist aber landschaftlich viel reizvoller.«

Luisa sagt dazu nichts. Möglicherweise geht es ihr wie mir, und der Unterschied zwischen Autobahn und Landstraße ist ihr sowieso nicht klar. Die Aussicht, dass diese Fahrt nun aber noch länger als ohnehin schon dauern könnte, stimmt mich allerdings nicht gerade froh. Übel ist mir zwar nicht mehr, aber dafür habe ich mir bei der unfreiwilligen Flugübung den Nacken verzogen und kann den Kopf nicht mehr ohne Schmerzen zur Seite drehen. Herr Beck hat sich wieder aufgerappelt, aber glücklich sieht er auch nicht aus.

»Wir hätten besser in Hamburg bleiben sollen. Die Flucht ist ja lebensgefährlich. Ich weiß wirklich nicht, was ich hier verloren habe.«

»Aber du wolltest doch unbedingt mit«, erinnere ich Beck an seine großmäuligen Sprüche am Bahnhof.

»Na, wenn ich gewusst hätte, dass ich die nächsten Tage in einer totalen Rostbeule über die Lande würde eiern müssen, noch dazu mit einem Fahrer, der seit Katzengedenken kein Lenkrad mehr angefasst hat – ja, wenn ich das alles gewusst hätte, ich hätte dankend verzichtet.«

Hätte, hätte, Fahrradkette – ich kenn mich mit Schulhofsprüchen von Luisa normalerweise nicht gut aus, aber ich glaube, hier passt das. Erst behaupten, man sei wild entschlossen, Luisa bei allen Problemen beizustehen, und dann bei der ersten Kleinigkeit kneifen. Typisch Katze, hätte mein Opili dazu gesagt. Schlau und gerissen, aber eben nicht tapfer und mutig.

Willis Fahrstil normalisiert sich langsam, und auch meinem verspannten Nacken geht es besser. Ich bin wieder auf die Rückbank gehüpft und betrachte die Landschaft, die am Wagenfenster vorbeizieht. Ab und zu ein Wäldchen, dann wieder Felder, auf denen schon ziemlich hohes Korn steht. Irgendwie sieht es so aus wie die Gegend um Schloss Eschersbach. Ob wir ganz in der Nähe sind? Aber eigentlich kann das nicht sein, denn Schloss Eschersbach liegt zwar auf dem Land, aber man fährt nicht so lange dorthin, wie wir jetzt schon unterwegs sind. Ich habe Marc ein paarmal begleitet, wenn er als Tierarzt die Dackelzucht vom alten von Eschersbach untersucht hat, und außerdem hat Luisa dort ein Wochenende mit ein paar Freundinnen verbracht, und ich durfte mit – und jedes Mal kam mir die Fahrt eher kurz vor. Das kann natürlich auch daran gelegen haben, dass Marc besser Auto fahren kann als Willi.

Die Straße, auf der wir nun unterwegs sind, wird auf einmal ganz holprig, und wir werden gehörig durchgeschüttelt. Das Auto wird erst langsamer, dann hält es an. Willi dreht sich zu Luisa.

»Ich glaube, wir haben uns verfahren. Guck mal im Handschuhfach, da müsste eine Straßenkarte liegen.«

Luisa greift nach vorne und öffnet eine Art Schublade. Aha, in diesem Auto gibt es also auch ein Schränkchen! Ich kann von der Rückbank aus nicht genau sehen, was sich darin befindet, aber für eine Flasche Cognac und Gläser dürfte es zu klein sein. Luisa zieht ein großes Buch heraus und gibt es Willi. Och nee, der will doch jetzt nicht anfangen, hier ganz gemütlich zu lesen, oder? Wenn Carolin sich erst mal mit einem Buch auf das Sofa gelegt hat, ist es um den Rest des Tages meistens geschehen. Ich hoffe nicht, dass Willi nun auf einmal beschlossen hat, es für heute mit unserer Flucht bewenden zu lassen.

»Ja, tatsächlich. Ich bin eben falsch abgebogen. Aber das macht nichts, hier gibt es eine Abkürzung. Wenn wir die nehmen, sind wir fast keinen Umweg gefahren. Ist zwar ein Feldweg, aber das macht ja nichts. So, ich wende mal eben.«

Wieder ein Ruckeln und Poltern, dann fährt Willi weiter. Nach kurzer Zeit biegt er auf eine sehr, sehr kleine Straße ab. Ob das so richtig sein kann? Dieser Weg scheint wirklich direkt durch die Felder zu führen. Ich will nicht in Herrn Becks allgemeines Lamento mit einstimmen, aber ein bisschen mulmig wird mir langsam auch. Hoffentlich weiß Willi, was er da tut. Was mich wieder daran erinnert, dass ich diese Sache mit dem Führerschein immer noch nicht richtig verstanden habe. Allerdings habe ich auch keine Lust, Beck noch einmal danach zu fragen, denn der muss …

»Scheiße!« Willi schreit laut auf und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich gucke nach vorne und sehe, dass ein riesiges Etwas direkt auf uns zurollt.

»Was ist das?«, will Herr Beck wissen, aber bevor wir noch genauer hinschauen können, reißt Willi das Lenkrad herum, und das Auto fährt eine scharfe Kurve. Wir landen direkt im Feld, um uns herum auf einmal nur noch fensterhohe Ähren. Ein paar Meter rollen wir noch, dann gibt es einen Knall, und das Auto steht. Ich kenne mich zwar nicht aus, aber: Dieses Fahrmanöver war mit Sicherheit keine Absicht.

»Scheiße«, zischt Willi noch einmal, aber deutlich leiser.

»Ist unser Auto jetzt kaputt?«, will Luisa wissen.

»Ich hoffe nicht! Aber ich musste dem Trecker ausweichen, der hätte uns sonst gerammt. So eine verfluchte Sch… äh, so ein Mist! Wie kommen wir jetzt wieder aus diesem Feld heraus?«

Ich hoffe doch sehr, dass Willi diese Frage nicht ernst meint! Von den Anwesenden kann sie außer ihm selbst mit Sicherheit niemand beantworten. In diesem Moment taucht ein dunkler Schatten neben dem Fahrerfenster auf, und eine Faust klopft an die Fensterscheibe.

»Hallo? Alles in Ordnung bei euch?«

Wer ist das? Willi kurbelt die Fensterscheibe herunter. Herein guckt ein lustig aussehendes Männlein mit einem noch lustiger aussehenden Hut.

»Habt ihr das Schild denn da vorne nicht gesehen? Der Weg ist eine Privatstraße, Durchfahrt verboten. Und das aus gutem Grund – wenn ich mit meinem Trecker da längs komme, passt niemand an mir vorbei.«

Aha. Lustiger Hut, Felder, Trecker: Der Fall ist klar. Bei dem Männlein handelt es sich um einen Bauern. Genau wie unser Nachbar auf Schloss Eschersbach. Willi hebt die Hände, lässt sie dann wieder auf das Lenkrad sinken.

»Entschuldigen Sie, ich habe mich verfahren und gar nicht auf irgendwelche Schilder geachtet. Tja, und jetzt haben wir den Salat.«

Das Männlein wiegt den Kopf hin und her.

»Hauptsache, es hat sich niemand weh getan, oder?«

Willi dreht sich zu Luisa, die schüttelt den Kopf.

»Nein, alles in Ordnung. Ich weiß nur nicht, wie wir wieder aus diesem Feld herauskommen. Ich bin auch gegen irgendetwas gefahren.«

»Jau, da ist noch ein kleiner Wall direkt am Feldrand. Meinen Trecker stört der nicht, aber so ein Auto kann da schon mal ein Problem bekommen. Raus krieg ich euch da schon, ich habe ein Tau dabei, damit kann ich euch schleppen.«

Er drückt die Ähren zur Seite, geht einmal um unser Auto herum und lugt neugierig in unser Wageninneres.

»Nanu, du hast ja richtig viele Passagiere dabei. Wo wolltet ihr denn hin?«

»Nach München!«, ruft Luisa. »Zu meiner Mama. Aber das ist geheim. Sonst ist Papa sauer. Willi, Herkules und Herr Beck wollten nur aufpassen, dass ich auch heil ankomme.«

»Willi, Herkules und Herr Beck?« Das Männlein klingt erstaunt.

»Genau. Das sind nämlich meine besten Freunde. Ist es denn noch weit bis nach München?«

Eine sehr gute Frage. Die Antwort würde mich auch brennend interessieren. Wobei – so lange, wie wir schon unterwegs sind, kann es nicht mehr lange dauern. Wahrscheinlich liegt München schon hinter dem nächsten Wäldchen, und wir können endlich dieses Auto verlassen. Von mir aus gehen wir den Rest zu Fuß. Das Männlein kratzt sich unter seinem Hut am Kopf.

»Na ja. Ihr seid jetzt kurz vor Winsen. Ich sach mal: ungefähr siebenhundert Kilometer? Grob geschätzt.«

Siebenhundert Kilometer. Sind das jetzt gute oder schlechte Nachrichten?

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