1. Kopfschütteln
Die Behausung des wichtigsten Wesens auf dem Gestirn war keine Höhle. Man hatte sie nur aus dem warmen Stein geschnitten, als wäre sie eine, damit sie ihm Schutz biete. Innen gab es Schotten, Rampen, Durchgänge, Rahmen und Reifen aus Gold, Glas und Silber. Die Räume waren eingerichtet mit Möbeln aus synthetischem Koniferenholz, geflochtenem Bast, Gerätschaften aus Plastahl, Obsidian, Marmor.
Besucher aus den armen Landschaften fanden oft, das alles erinnere eher an eine Grabkammer als an eine Kinderstube; aber was die fanden, zählte nicht. Von außen sah die Behausung einschüchternd aus. Die Wälle, die treppenförmig zu ihr hinaufführten, waren so steil wie die von Mykene, damals, auf der alten Welt.
Die längst verschwundenen Menschen hatten einst geglaubt, die mykenischen Mauern seien von einäugigen Riesen erbaut worden. Die Felsfronten hier waren aber nicht von Monstren, sondern von den Freunden und Hegern des wichtigsten Wesens auf dem Gestirn zurechtgehauen worden, mit großen Werkzeugen, bevor sie das Kind aus seinem langen Schlaf geweckt hatten. Der hatte länger gedauert als Mykenes ganze Pracht.
Eingelassen in die hohen Treppenstufen, die zur Nichthöhle führten, sah man bereits aus zwanzig Kilometern Entfernung große, grüne, scheibenförmige, opaleszierende Lichter; in jeder Reihe zwölf, von jeweils einem Dutzend Metern Durchmesser.
Die halfen den Leitsystemen von Schiffen, welche gelegentlich noch eintrafen. Die Schiffe brachten Rohstoffe, Wasser und Samen für Bepflanzung, sie kamen aus dem Orbit und aus der Vorgeschichte. Sie landeten nie; stürzten immer nur ab. Nahe beim Stufenbau hatte man die Absturzstelle der ersten hier gelandeten Schiffe dieser Sorte mit Latten und Drahtgestellen umfriedet. Dort gab es Gräber, in denen ruhten die direkten Vorfahren der Freunde und Heger des wichtigsten Wesens auf dem Gestirn. Ganz in der Nähe war das genetische Material dieses Wesens selbst in gekühlten Aggregaten auf diese Welt gefallen.
Noch früher waren Sonden der Menschen hier gelandet. Sie hatten Venera 3, Venera 4, Pioneer oder Venera 11 bis 14 geheißen. Ihr Fracht hatte keine Sprache gehabt.
Das wichtigste Wesen auf dem Gestirn dagegen hatte alle Sprachen, die sich denken ließen.
Sobald das wichtigste Wesen auf dem Gestirn begriff, daß es das wichtigste Wesen auf dem Gestirn war, schüttelte es den Kopf.
«Er schüttelt den Kopf«, sagten die Heger und Freunde. Sie wußten nicht, ob das ein gutes Zeichen war oder ein schlechtes.
2. Freunde mit Fell
Als er noch klein war, nannten ihn die Freunde mit Fell so häufig» Feuer«, bis er begriff, daß er das war.
Sie führten ihm mit tausend kleinen Gesten, Lauten, endlosen Ehrbezeugungen vor, daß sie es für etwas sehr Besonderes hielten, mit der Aufgabe seiner Erziehung betraut zu sein. Verstecken und Suchen spielten sie mit ihm so lange, bis sie ihn nicht mehr finden konnten. Da erst waren sie zufrieden, fanden dieses Spiel aber auch plötzlich» zu gefährlich «und gewöhnten es ihm wieder ab. Manchmal sagten sie, er sei ein Prinz. Er nahm an, Feuer sei das, was er, Prinz hin, Prinz her, immer bleiben würde, denn so nannten sie ihn vor allem dann, wenn er etwas richtig gemacht hatte und ganz bei sich war.»Prinz «hieß er nur, wenn er Nachsicht brauchen konnte, weil er sich mit Essen bekleckert, jemanden verbrannt oder etwas kaputtgemacht hatte.
Feuer sah aus wie einer, der zum Schnell-Laufen, Hoch-Springen, zum sehr raschen Sichbewegen geschaffen war. Sein Zwerchfell spürte Veränderungen der Luft, wenn die Siebenvierer ihre Arbeit nicht getan hatten. Dann kletterte er auf den Stufen im warmen Stein so hoch er konnte, um nicht Herzbeschwerden zu bekommen, wegen der an solchen Tagen viel zu dicken Luft in Bodennähe. Lendenwirbel, Kreuzbein, die ganze Hüftkonstruktion, all das war bei ihm beweglicher ineinandergehängt als je beim Menschen, dessen Skelett die biohistorische Vorform des Bauplans von Feuers Gestalt gewesen war. Seine Arme und Beine, mit starken Muskeln ausgestattet, ließen sich in ihren Gelenken nach Richtungen hindrehen, die der menschlichen Intuition widersprochen hätten.
Feuers Hirn konnte mühelos denken, was seine Sinne unmöglich hätten wahrnehmen können: unbenennbare Zeitformen aus nicht stattgehabter Vergangenheit und unwahrscheinlicher Zukunft, höhere Geometrien, durch die er sich zu winden wußte, wenn es eng wurde, beim Versteckspiel und im Ernst.
Das war die Erbschaft der Keramikaner, aus Geheimnissen entwickelt, die man denen gestohlen hatte. Seine Haut war bronzen, bis auf den in kleinen rautenförmigen Plättchen gepanzerten Rücken, die Oberarme und die Schädeldecke; die Haare auf dem Rücken kräuselten sich bunt und bildeten ineinandergestellte V-Muster; die Frisur auf dem Kopf leuchtete kupferfarben. Er mußte sie sich nicht stutzen lassen, sie wuchs nur bis zur Länge der spitzen Krallenzehen seiner gespaltenen Füße, dann nicht mehr. Manchmal, wenn er sich sehr auf eine Denkaufgabe konzentrierte, glommen die Spitzen der Haare wie glosende Kohlepunkte. Sein Gesicht war schön und schmal, die Nase fein, die Wangenknochen standen hoch, die Lippen waren voll, die Augen glänzten mandelförmig, weißgolden, mit schwarzen, katzenhaften Pupillen darin. Das, wie die Freunde mit Fell fanden, Putzigste an ihm, in diesen jungen Jahren, waren die langen, spitzen Ohren, in deren Muscheln sich ein feines Netzwerk von Blutgefäßen fand, wie bei manchen Schakalen und Luchsen auf der alten Welt.
Wenn Blut sehr rasch durch diese Gefäße floß, wurde Hitze abgegeben, und der Kopf konnte abkühlen. Das war wichtig, dort am warmen Stein,»in der heißen Höhe«, wie Feuer gern sagte, dem es da sehr gefiel. Die Ohren blieben lebenslang, wie sie waren, sie lagen später nur enger am Kopf. Seine Stimme aber veränderte sich, als er 45 Tage alt war. Davor klang sie weich, hoch und fragend, danach rauher, voller, tief.
Er lernte erst singen, als die Stimme sich verändert hatte.
Selten aß er Fleisch; Lebewesen, die keine Sprache hatten und die man deshalb essen durfte, waren rar auf dem Plateau, deshalb recht scheu, man mußte sehr geschickt sein, um sie erfolgreich zu jagen. Sie schmeckten ihm ohnehin nicht besonders. Nur weil die Freunde mit Fell ihn anhielten, ab und an Fleisch zu sich zu nehmen, der Proteine wegen, und weil die Jagd ihn auf seine» große Aufgabe «vorbereitete, ließ er sich überhaupt dazu überreden.
Diese Aufgabe, das Ungreifbarste, manchmal für ihn Aufwühlendste, dann wieder Gleichgültigste, was es in seinem Leben gab, hatte, soviel verrieten ihm die Freunde, etwas mit einer Reise zu tun, die er würde unternehmen müssen, mit einem sogenannten» Isottatempel«, den er würde suchen und finden müssen, denn dort sei» die schwache Hälfte vom Wetzelchen«, und» darauf, es zu gebrauchen, hat keiner hier ein Recht außer dir«.
Später fragte er sich: Wer hatte ihm das gesagt?
Die gläserne Amme, die Freunde mit Fell, die Salamander oder die Ameisen, die Stimmen in den langen Nächten, von denen er nicht wußte, ob sie zu seinem Kopf gehörten oder sein Kopf zu ihnen, oder keins von beidem, oder beides?
Lieber als jedes Fleisch, selbst das weiße, gekochte der Hühner, aß er Gemüse, Leuchtbohnen etwa oder schwarze Stabgurken, die zwischen den beiden großen Vulkanadern nördlich seiner Nichthöhle unter den Gräsern und Schachtelhalmen zu finden waren. Auch die Gräser selbst verschmähte er nicht, und wenn die Freunde gebacken hatten, streute er Minze und Süßholz auf die breiten, flachen Brote oder brockte sie in einen scharfen Brei mit Pilzen drin, den die Salamander aus der Amphibienkolonie am flachen See ihm zuzubereiten beigebracht hatten. Feuer lernte viel von allen, am meisten aber von den Freunden mit Fell, fast alles, was die wußten und konnten: daß man, wenn sich Farbtöne änderten, oft glaubte, es ändere sich die Lichtstärke, was gar nicht stimmte (das zeigten sie ihm an lichtbelebten Oberflächen, großen und kleinen); daß evolutionäre Veränderungen am Lebendigen nicht rückgängig gemacht werden können, auch wenn das manchmal so aussah; daß die Naturgeschichte mit dem Erscheinen der Sprache zu Ende gegangen war; daß man Muskeln, Drüsen, Atmung, Herzbewegung und neurale Reaktionen wie Musik in sich selbst arbeiten hören konnte, wenn man lebte wie Feuer und jede Sprache hatte.
Sie brachten ihm bei, was die Welt für ein Gestirn war, die er bewohnte: daß sie kleiner war und nicht so dicht wie die, von der das Leben kam und die man hier» die alte «nannte. Jene alte Welt kam Feuer staubig, unwirtlich, ja unbewohnbar vor, er rümpfte die Nase, als er erfuhr, daß sie ihren Bewohnern ein viel zu kurzes Tagesmaß und dafür ein gedehntes Jahresmaß aufgezwungen hatte. Woher hatten sie dort gewußt, wann es Zeit wofür war?
Vulkane, hier das Allergewöhnlichste, gab es dort auch, aber sie hatten eine viel kürzere Lebensdauer.»Das liegt an der Plattentektonik«, erklärte ein Freund mit Fell,»die Kruste dort ist zerbrochen, und die Teile verschieben sich gegeneinander. Da werden dann die heißen Punkte überdeckt.«
Woher, fragte sich Feuer, wußten sie dort dann, wo sie waren, wenn nichts je am selben Ort blieb, auch nicht der Ort als solcher?
Als die Freunde merkten, wie er über das dachte, ermahnten sie ihn, er solle» Respekt haben «vor der» Wiege des Lebens und der Sprache«, schließlich sei die Welt, die er selbst bewohne, erst seit jüngster Zeit bevölkert — dreitausend Tage habe es gedauert, bis die Technik der Gente (das Wort bezeichnete Geschöpfe, die es, wie die Menschen, nicht mehr gab, und war anscheinend Synonym eines drolligen andern Worts:»die Altvorderen«) mit den Widernissen der Weltbelebung fertig geworden sei,»und das, obwohl man parallel mehrere Strategien verfolgt hat«. Die flachen Meere und Seen, inzwischen wieder abgebaut oder in den Boden versickert, Heimat künstlicher blaugrüner Algen, hatten Kohlendioxid in Sauerstoff umgewandelt, während überschüssiger Druck von den Siebenzweiern und Siebendreiern aus der Atmosphäre abgelassen und ins All gepumpt worden war. Im dritten Arbeitsgang hatten dann sonnenkraftgetriebene Pendelfrachter Wasserstoff von einer Welt namens» Saturn «importiert. Diese Frachter waren mehrere Kilometer lang gewesen und pflegten viele Wochen lang im Tagestakt einer nach dem andern in die kochenden jungen Meere zu stürzen, wie Meteore.
Von all den folgenreichen Vorkommnissen gab es entweder keine Aufzeichnungen, oder man wollte sie Feuer, da er zu jung war, sie einzuordnen, nicht zumuten. Er träumte auch so davon, als wäre er dabeigewesen: Schau, der Einschlag, die riesigen Wellen, das Zischen, der Schaum, bedeck deine Ohren, schütz deine Augen.
Viele Stunden, ganze Tage verwandten die Freunde mit Fell darauf, Feuer mit der lokalen Geographie vertraut zu machen. Bald kam es ihm vor, als hätte er die Welt selbst geschaffen, so sehr spürte er unter seinen Füßen, in seinem Bauch, unter seinen Haarwurzeln die Hochländer, die vulkanischen Schrägen und Planitiae, die nach allen Seiten endlos weiten Täler, die hohen Regiones,»also das, was man auf der alten Welt Kontinente genannt hätte«: Isthar Regio im Norden, wo Feuer lebte, unweit der Maxwell Montes, und Aphrodite Regio am Äquator. Zwei kleine Terrae gab es, Töchter der Regiones:»beachte die Inselhochländer«, das eine kompakt, Lada Regio, das andere dreigeteilt in Beta, Phoebe und Themis.
«Man hätte sie besser Regan, Goneril und Kordelia genannt«, sagte eine der Freundinnen mit Fell.
Feuer verstand nicht, fragte nach, erhielt eine verwirrende Auskunft:»Ach, die alten Namen, weißt du, die langsam abgeschliffen werden, und teilweise sind neue im Gebrauch — das flache Wasser heißt anders als lange der Krater hieß, in das man es geschüttet hat, so ändert der Inhalt den Namen des Gefäßes. Es sind alles weibliche Namen, aus ganz alten Mythen, aus der Zeit noch vor den Gente, die man die Langeweile nennt: Viers-Akka etwa, so oder ähnlich hieß eine Fruchtbarkeitsgöttin in Lappland, und Vellamo, hier drüben auf der Karte, das war eine finnische Meerjungfrau, und das da, Xochiquetzal, so hieß die aztekische Göttin der Blumen.«
«Azte…«
«Stämme der Menschen, lange ausgestorben.«
So viel, für Feuer fast zu viel, wußten die Freunde mit Fell, und manchmal kostete es Feuer alle Beherrschung, zu der er fähig war, nicht entnervt nachzufragen, worin eigentlich der Nutzen solchen Wissens liegen sollte.
Die alte Welt: Man konnte durchs Fernrohr schauen und sie ansehen.
Sie hatte einen Mond.»Wozu braucht sie den?«
Die Frage war wohl lustig, denn der Freund mit Fell, der das Fernrohr bediente, fand sie zum Kichern:»Das haben die Keramikaner auch gedacht — wozu einen Mond? Jedenfalls haben sie ihn beschossen, als sie rauskriegten, was unsre Altvorderen dort getrieben haben. War ja die wichtigste Zwischenstation — dorthin sind Lasaras Raketen geflogen, dort gab es schließlich Basen, dort, auf der erdabgewandten Seite, wurde das Material prozessiert, für die zweite Stufe des Exodus. «Feuer hatte das immer wieder gehört, er fand es schwierig, es zu behalten, alles lag ewig zurück. Um nicht undankbar zu sein und weil er hoffte, daß bei mehreren Erzähldurchläufen vielleicht doch einmal Zusammenhänge erkennbar werden mochten, die es ihm ermöglichen würden, sich die verworrene Geschichte zu merken, fragte er auch diesmal nach:»Die Gente lebten auf dem Mond?«
«Ja, für eine Weile, zumindest einige. Man nahm die Einschätzung Lasaras sehr ernst — der Erdkreis würde den Keramikanern genügen. Also auf zum Mond, und dort, mittels disassemblern und assemblern, aus der toten Gesteins- und Staubmasse, gewann man das Material für alle weiteren Schritte. Richtete eine Basis ein. Die Keramikaner — die Maschinen, die nicht nur Maschinen, sondern auch so was wie Menschen waren — hatten ihre Augen und Ohren aber eben doch außerhalb des Erdkreises und griffen die Basis und die… na… die Bergwerke schließlich an. Zu spät. Die Arbeit war schon fast getan. Es glückte ihnen bloß, etwa ein Drittel der Geflohenen umzubringen, die andern zwei waren schon zur nächsten Station unterwegs, auf dem Weg zur Besiedlung der zwei neuen Welten.«
Was Feuer wußte, paßte immer noch nicht zusammen. Er verlor das Interesse und fragte lieber wieder nach den Verhältnissen auf seiner Heimatwelt:»Atalanta, Niobe, das sind die Gegenden, wo von uns keiner hin darf, richtig?«Er zeigte nach rechts oben auf der Mercatorprojektion der Radarkarte des Planeten. Der Freund mit Fell, der ihm Topographie beibrachte, nickte und blinzelte:»Da sitzen sie, die Irren. Weißt du, die Gente«, schon wieder, es schien unmöglich, übers Hiesige zu reden, ohne Fragen der Ur- und Frühgeschichte zu berühren,»lagen ja in allem richtig, nur haben sie die Wirkung der Zeit unterschätzt, Erosion, Entropie… Die Irren da oben, Atalanta, Niobe, sie nennen sich… Menschen, und bauen Maschinen — aber sie sind im Grunde nur degenerierte Gente, keine homines sapientes. Nicht mal die von Katahomenleandraleal damals geretteten Frauen würden diese Leute als menschlich anerkennen, so wenig wie dich übrigens.«
«Aber…«
«Aber, genau. Sie haben diese Religion, diese Ideologie… sie glauben, es sei der Sinn der Besiedelung der zwei Welten gewesen, die Geschichte des intelligenten irdischen Lebens… des solaren Lebens, sagen sie, das ist ihnen wichtig… also… an dem Punkt wieder anzuknüpfen, an dem die Menschen gescheitert sind. Eine zweite Erde, eine dritte… ›das Tierische in uns überwinden‹, sie meinen das Erbe der Gente.«
«Wie waren die denn, die Gente?«Feuer wollte sich's endlich vorstellen können.
«Wie wir, nehme ich an.«
«Du und ich?«
«Nein, wir… du nicht. Deine Freunde mit Fell, wie du sagst, und die Salamander drunten, und die Vögel drüben. Nichtmenschlich, nichtmaschinell, aber im Besitz von Sprache.«
«Mmpf«, sagte Feuer, um zu demonstrieren, daß er auf diesen Besitz wenig gab.
Feuer verstand nicht, wie man Mensch sein wollen konnte. Er hätte lieber zu den Freunden mit Fell gehört und folglich, nahm er an, zu den Gente.
Es gab sehr viel zu lernen.
«Ich sehe schon«, die Schnurrhaare des ältesten der Freunde zitterten, als habe er Witterung von Leckerem aufgenommen,»daß du dich fragst, welche Lehre aus dem, was wir über die Vergangenheit wissen, zu ziehen ist. Du wirst staunen: Ich weiß es nicht. Niemand weiß es — man ahnt bloß viel und muß damit dann arbeiten. Ich selber hab nur ein eisernes Gesetz gefunden, in den Berichten versteckt: Es ist sehr gefährlich, eine Ordnung abzuschaffen — selbst die Ordnung der Langeweile —, bevor man seinen Frieden mit dem Gedanken gemacht hat, daß es nichts nützt, diese Ordnung zu vermissen, wenn sie erst einmal zerschlagen ist. Die Ereignisse in Atalanta und Niobe bestätigen das, hübsch häßlich. Wir können dir nur zeigen und erzählen, was sich darauf reimt, begreifen mußt du es selber. Du bist klüger als wir, wir wissen nur mehr als du. Noch.«
Feuer lernte, wie man, wenn man Feuer war — andere konnten das nicht —, unverbrannten Fußes durch die Lavaströme ging, wie man die bunten Härchen auf dem Rücken aufstellen und als silberne Nadeln verschießen konnte, wie man manchmal wußte, was andere dachten, wie man spüren konnte, daß Leute aus anderen Leuten zusammengesetzt waren und immer weitere Zirkel zogen, als Spiralen dessen, was sie waren und wie sie dachten und träumten. Feuer lernte, was Geduld war: Sie sagen mir immer noch nicht mehr über meine Aufgabe, und ich muß das aushalten.
Er wußte: Wenn es soweit sein wird und ich aufbreche, kehre ich vielleicht nie zurück. Das tat auf eine Art und Weise ein ganz kleines bißchen weh, die ihm gefiel.
Einer der Freunde mit Fell redete, wenn Feuer nach der Aufgabe fragte, immer vom» Plan«:»Du bist ein Junge, dann wirst du ein Mann, dann eine Frau und dann ein Mädchen, das ist der Plan. Das passiert alles unterwegs, im Zug der Reise. «Der Pelz dieses Freundes war eisgrau war bis auf die Ohren, unter denen grüne Härchen büschelweise nach allen Seiten abstanden.
3. Der Vasch
Zu festen Zeiten, in immergleichen Abständen, die für Feuer allerdings im Lauf der Wochen zu schrumpfen schienen, besuchte ihn in der großen Halle, wo die meisten lichtbelebten Oberflächen waren, der Vasch.
Vor dem Vasch hatten die Freunde mit Fell große Achtung. Auch Feuer lernte, ihn zu respektieren, denn der Vasch wußte alles übers Kochen, übers Essen, über die Gesundheit und das Lebendigsein.
Der Vasch hieß Wempes, war lang und schlank, mit muskulösen Beinen, sein Körper lag fast waagerecht auf den Oberschenkeln. Seine Augen hatten schwarze Ränder, sein Maul war breit, die Zähne blitzten spitz und klein. Alle Vaschen, von denen Feuer je erfuhr, lebten jenseits der Landestelle der alten Schiffe, auf dem unfesten Grund, in den blasenwerfenden, bleigrauen Sumpfmarschen.
Jeder mochte die Vaschen, selbst die Salamander.
Als der Vasch Wempes Feuer die Baupläne der alten Arten gezeigt hatte, kam Feuer ganz allein darauf, wie die Vaschen komponiert worden waren:»Dein Leib, das Eigentliche — das waren früher die Seeleoparden, in den kälteren Meeren, auf der alten Welt, richtig? Und die Beine, das sind stärkere Varianten von Vogelbeinen, Großlaufvogelbeinen.«
«Strauße hatten solche wie ich, das ist wahr.«
Der Vasch besuchte Feuer als, wie die Freunde mit Fell sagten,»Gastdozent «im Fach Biologie. Manchmal kochten sie auch zusammen, etwa Fleisch von Sprachlosen aus den Tunnelsystemen des Ultimervulkans.
«Was du zuerst verstehen mußt, ist die Evolution«, mahnte der Vasch, als Feuer, unwillig, ihm zuzuhören, lieber mit den Plastahlmodellen der Gente und Menschen spielte, die der Vasch ihm mitgebracht hatte.
«Evolution verstehen, pfffps. Wir können ja doch nichts dran machen. «Damit meinte Feuer, daß sehr vieles verlorengegangen war, was die Gente besessen hatten: Die Technik der ambulanten Züchtungen, die metamorphischen und proteischen Nanoniken… Alles, was die Tatsachen der Evolution aus der Naturgeschichte in die Geschichte geholt hatte, war zwar in Datenbanken noch vorhanden, konnte aber auf der Welt, die Feuer bewohnte, kaum angewandt werden, weil — ja, warum eigentlich?
«Ah, nichts dran machen, richtig, Junge. Aber was sind die Gründe dafür, hier bei uns?«fragte der Vasch herausfordernd und zog die Oberlippe hoch.
«Na ja öhm weil hier zuwenig lebt und weil wir deshalb eben zusehen müssen, wie wir unverbessert über die Runden kommen.«
«Richtig«, der Vasch neigte den Kopf ein wenig nach vorn, schmatzte und sagte:»Es ist eine Frage der vorhandenen Biomasse und des allgemeinen Reichtums — die Gente lebten damals in einer Ökotektur ohne Mangel, sie hatten eine selbstkorrigierende Homöostase erreicht. Deshalb, weil das, na sagen wir, ein erstrebenswerter Zustand ist, wollen wir beide, du und ich, uns die Evolution und ihre Gesetzmäßigkeiten noch einmal zusammen anschauen.«
Er aktivierte ein paar lichtbelebte Oberflächen und stellte dazu zwei hologrammatische Würfel in die Mitte des Raumes, die bald tanzende Konfigurationen zeigten, um seine Worte in Bewegung auszudeuten.
Den Anfang machten Blasen, Sphären, Eier:»Chemisch aktive, räumlich abgeschlossene Einheiten, deren interne und den Verkehr mit der Umwelt betreffende Vorgänge von genetischer Information gesteuert werden«, sagte Wempes.
«Klar: Zellen«, sagte Feuer.
«Die Evolutionstheorie der Langeweile, die Evolutionstheorie der Menschen also«, sagte der Vasch und genoß blinzelnd die Mehrdeutigkeit der beiden Genitive,»ging zunächst von der falschen Seite an die Sache heran: von oben nach unten — sie fingen mit den hohen Taxa an, mit den Verteilungskämpfen im Ringen um Reproduktionserfolge, mit den Spezies, dem Agonalen, der Kontingenz der Konkurrenz. Wo diese Denkvoraussetzungen einmal gegeben waren, mußten die Menschen natürlich zu dem Schluß gelangen, daß sich die Entwicklung der Arten zwar entlang einer Achse zunehmender Komplexität vollzogen habe, daß diese Richtung, dieser Zuwachs aber weder universal noch unvermeidlich gewesen sei. Im Hinblick auf die Diversität der Arten«, Lichtpfeile zischten zwischen den Modellen hin und her, Stammbäume wurden skizziert und wieder verwischt,»war das durchaus richtig, aber auf der Ebene, um die es eigentlich hätte gehen sollen, wäre eben doch eine innere Notwendigkeit des ganzen Ablaufs zu erkennen gewesen, die nichts mit romantischen Vorstellungen von Vorsehung oder Orthogenese zu tun hat. Ansätze dazu, dies zu begreifen, gab es zwar schon während der Endphase der Langeweile — man studierte das genetische Material, das war die Genomik, und die Proteine, in der Proteomik, und die Substrate der metabolischen Pfade, in der Metabolomik. Aber erst die Gente haben sich der Sache richtig herum genähert: von den chemischen Systemen selbst her, den molekularen Komponenten in ihrer Gesamtauffächerung. Struktur, Thermodynamik, Kinetik. Über das Leben nachdenken als Chemiker, nicht als Hundezüchter. Die Form kommt nicht nur von den geordneten Strukturen, die den Menschen schon beim Zeichnen und Malen auffielen, sie kommt auch von den Beschränkungen dynamischer Flüsse, von der Organisation. Die Abfolge der Artentstehungen war keine beliebige Sukzession von… sagen wir: anekdotischen Organismen. Die Sauerstoffanreicherung, die Oxidation der Biosphäre — daraus vielmehr folgte geradezu deterministisch alles, was die lebendigen Chemotypen waren, was sie sind, bis zum heutigen Tag, auf inzwischen drei uns bekannten Welten. Der Prozeß der Evolution, ungeachtet aller Zufallsvariationen auf Speziesebene, verläuft gerichtet, nämlich logisch eingebettet im chemischen Gesamtsystem so einer Welt — das ganze Ökosystem, alle Ökotekturen, sind von Energiedegradationen angetrieben, die eine definitive Richtung haben. Der Sauerstoffgehalt nimmt zu — erst kommen die anaeroben, dann die aeroben Prokaryoten, dann die Eukaryoten, dann die ersten interessanten multizellularen Organismen, dann die Tiere, dann die Menschen, dann die Gente, die Keramikaner… Zwei Milliarden Jahre vor dem Ende der Naturgeschichte, das, wie du weißt, von der Geburt der Gente markiert wird, legten die Bakterien den ersten revolutionären Schalter des irdischen Mechanismus um, als sie Sauerstoff ausschieden und damit eine Veränderung in der Verfügbarkeit gewisser Elemente auslösten. Solche Umwälzungen sind das Entscheidende — nicht irgendein imaginärer Gleichgewichtszustand, den die Menschen ›Gaia‹ nannten. Es gibt die große Wabbelwahrheit nicht, in der sich alle wohlfühlen können.«
Es wurde kühler im Raum; die Leuchtverbindungen zogen sich zusammen zu einem Punkt, der einmal hell aufflammte, dann verschwand.
4. Die ganz Dummen
Die Freunde mit Fell brachten Feuer bei, wie man schneller lief, als das Silberwasser im Bach unter Feuers Zuhause sprudelte; wie man an den Wolken erkannte, was für Wetter kommen würde und wovor man sich dicht am Boden in acht nehmen mußte.
«Hüte dich«, sagten die Freunde mit Fell,»vor allen, die unbedingt Menschen sein wollen, und vor deren Maschinen und vor den Eltern derer, die Menschen sein wollen, und vor den Eltern der Maschinen und vor den Kindern derer, die unbedingt Menschen sein wollen, und vor den Kindern der Maschinen. Hüte dich vor allem, was aus Atalanta stammt und aus Niobe und aus den Kolonien in der Gegend von Lavinia. Die dort wohnen, wollen dich töten, falls sie dich kennen.«
«Warum? Und was soll das: töten?«
Sie sagten:»Schwer zu erklären. Sie sehen dich als etwas, das man so gründlich kaputtmachen sollte, daß es nie wieder richtig zusammengesetzt werden kann.«
«Aber ich bin doch kein Ding, das man… ich bin ein Muster. Das hängt doch nicht von dem ab, was ich, in Fleisch und Blut…«, er kämpfte damit, zu erklären, warum das, was diese sagenhaften Verfolger offenbar wollten, so unsinnig war,»…also ein Muster kann man doch nicht… das könnte man doch auf ein anderes Substrat übertragen. Was lebt und Sprache hat, kann eigentlich nie wirklich… irreversibel beseitigt werden.«
«Das stimmt. Aber das wissen sie nicht.«
«Na und? Sie können doch nicht etwas tun, nur weil sie nicht wissen, daß es nicht geht. Was nicht geht, kann man nicht tun, fertig.«
«Es handelt sich für sie nicht ums Zerstören des Musters. Es handelt sich, für diese Leute, darum, den Teil des Musters zu zerstören, der von sich selber wissen kann. Sie bringen dich weg, sozusagen, aus deinem… aus dir… und verstecken dich so, daß du dich nicht wiederfindest und daß es möglichst auch keinen mehr gibt, der dich sucht.«
«Also sie nehmen mir die Sprache und sorgen dafür, daß ich sie nicht wiederfinde, das ist die Absicht.«
«Weißt du… auf der alten Welt, zur Zeit der Gente, hätten sie es viel schwerer gehabt, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Damals wärst du am Tag deiner Geburt bereits in Partialen und Kopien ins Pherinfonnetz gebettet worden, von deinen Eltern. Nicht, daß das allen so ging, aber wenn jemand so wichtig war wie du… Das Leben lebte dicht an dicht, auf der alten Welt, und war, weil die Gente es so eingerichtet hatten, durch Düfte verbunden, selbst da, wo sich die Moleküle dieser Düfte nicht so schnell bewegen konnten, tief unter Wasser. Hier dagegen sind die Abstände noch zu groß, die Welt ist nicht hinreichend dicht besiedelt und zu heiß, zu lebensfeindlich in vielen Regionen, um ein Pherinfonsystem tragen zu können. Deshalb können sich Verwirrte wie die, vor denen wir dich warnen, hier freier bewegen. Und das Leben und die Sprache der Wenigen, Seltenen sind also bedroht.«
Diese Auskünfte veränderten die Lage: Jetzt wollte Feuer doch mehr wissen, als ihn bisher interessiert hatte — über Menschen, Maschinen, über Kinder und Eltern.
Menschen zumindest konnte man Feuer zeigen, indem man ihn zu lichtbelebten Oberflächen im Innern der alten Schiffe führte, in denen das Leben hergekommen war. Da bewegten sich Abbilder und stellten seltsame Sachen an.»Sie sind ganz dumm«, fand Feuer, der Prinz, und lachte und ging in die Hocke, um sich nah heranzubeugen an die Bilder.
«Später, wenn du erwachsen bist«, mahnte ein Freund,»wirst du das anders sehen. Die Vernunftlosigkeit der Geschöpfe, denen du da zuschaust, ist überhaupt nicht lustig. «Feuer ahnte, was gemeint war: Sie wußten nicht, was sie wollten, wußten nicht, was sie sollten, wußten nicht, was sie konnten und was ihnen unmöglich war.
Feuer beobachtete einen Menschen dabei, wie der zeigte, daß er nicht denken konnte. Offenbar besaß er nichts, wozu er, wie Feuer zu sich, hätte» ich «sagen können, sondern nur Triebe, die ihn zum Beispiel dazu brachten, Dinge vom Tisch zu nehmen, der vor ihm stand, und daran zu riechen.
Es gab nichts, was in ihm sagte:»Hm, was ist das?«Nur einen Appetit, der an dem Geruch lutschen wollte, und ein Abwarten im Blick, ob wohl die Zunge daran lecken würde, und eine Hoffnung, daß er, wenn die Zunge wirklich dran lecken sollte, vielleicht darauf herumkauen konnte. Er nahm also etwas an sich, das nicht eßbar war, und dann kaute er darauf herum, und dann spuckte er es aus. Danach beugte er sich darüber und ließ die Nase noch einmal überprüfen, ob das ein Ding war, das sich vielleicht lohnte. Es roch gut. Der Mund schnappte es sich wieder, kaute und ließ es fallen. Der Mensch konnte das vier- oder fünfmal machen, ohne zu einem Schluß zu kommen. Andere Menschen auf den lichtbelebten Oberflächen taten ähnliches; ganz heillos. Schnüffeln, kauen, spucken.
Feuer lachte.
Der älteste unter den Freunden mit Fell knurrte; er fand die Heiterkeit des Prinzen einen schlechten Platzhalter für Furcht, Schrecken und Mitleid.
Da saß ein Mensch mit verklebtem Haar, hängenden Brüsten und ging schaurig um mit etwas, das auf dem Tisch lag —»Präg es dir ein, das Dokument der Narrheit, Nacktheit, Gewalt, des Leidens der Menschen, die nach ihrer Wiedergeburt auf Befehl der schlimmen Hebamme Katahomenleandraleal keine Sprache mehr hatten und keine Welt. «Der Mensch, der da ein nicht fertig geborenes Menschenjunges, das gestorben war, beschnüffelt hatte und bekaut, besaß weniger Verstand als die Läuse, die sich einmal, während eines langen Herbstes, in Feuers Haar und Rückenpelz festgesetzt hatten und von den Freunden mit Fell nur unter großen Mühen daraus entfernt worden waren.
Feuer zog die Brauen kraus: Wenn das nicht lustig war, was war es dann?
5. Von Myxamobae zu Myxamobae
«Gibt es noch Menschen? Wo sind sie? Woher werden sie kommen, wenn sie mich töten wollen?«wollte Feuer wissen.
«Auf der alten Welt, von der alles kommt, was du kennst. Ich vermute, sie sind dort wieder viele, nachdem sie einmal fast ganz ausgerottet gewesen waren«, sagte eine junge Freundin mit Fell.
«Warum waren sie fast ganz ausgetrottet?«fragte Feuer.
Die Freundin führte Feuer zur kleinsten lichtbelebten Oberfläche in Feuers Zuhause. Die war zwar längst nicht so hochauflösend wie jene in den alten Schiffen, man konnte damit indes einiges zeigen.
Zunächst aber blieb sie blind. Die Freundin erklärte:»Die allerersten Mutmaßungen, als es… geschehen war und die Menschen fast… vertilgt waren, gingen dahin, daß die Menschen vielleicht keine Liebe gehabt hätten. Keinen Zug zum Schönen, keine… Aber die Forschung ergab, daß das Schöne, und der Mangel am Schönen, bei den Menschen ganz dieselben Empfindungen und… Bewegtheiten wie bei uns ausgelöst hat, wie überhaupt bei allen, die Sprache haben: den Drang zur Schöpfung, das Bemühen um den Erhalt, die Wertschätzung, das Verlangen, die Lust am Erwerb, sogar die Lust an der Zerstörung, denn die Werte selbst haben ja ein Magnetfeld um sich, das auch die Zerstörung anzieht.«
«Wenn es aber der Mangel an Liebe nicht gewesen ist, was die Menschen hat scheitern lassen, wie haben…«
Die Freundin zeigte mit der Tatze auf die lichtbelebte Oberfläche und sagte:»Hier, sieh. Das dort, dieses Blasige, ist ein Schimmelpilz.«
«Sieht aus wie Schleim«, sagte Feuer. Die Freundin leckte sich mit der langen Zunge über die Nase, setzte sich auf einem Holzschemel zurecht und sagte:»Ist es auch. Eine sehr besondre Sorte. Der alte Name lautet dictyostelium discoideum. Hochinteressanter Lebenszyklus, paß nur auf. Siehst du?«
Die Farben auf der Oberfläche waren fahl; was da so seltsam lebte, wirkte wie zerkocht.
«Die Menschen«, fuhr die Freundin mit wollig warmer Stimme fort,»haben das hier erst sehr spät entdeckt, gegen Ende ihrer Herrschaft über die belebte Welt. Verstanden haben sie es nie. Jetzt, schau hin, die Vergrößerung: Das ist die vegetative Phase des Lebenszyklus bei diesem Schimmel. Einzelne Zellen. Ein zufälliges Kollektiv unverbundener Monaden.«
«Sieht aus wie, ich weiß nicht… Amöben?«Er dachte an die Lektionen des Vaschen.
«So in etwa, ja. Die Menschen nannten es Myxamobae. Sie fressen Bakterien. Solange es welche gibt, wachsen die Zellen und vermehren sich. Aber jetzt, schau — wir nehmen ihnen die Nahrung weg. Gib acht.«
«Hmmja. Oh… he! Was ist denn das? Die… diese Einzeller schuscheln aufeinander zu. Schieben sich… sie verklumpen. Matschen aneinander.«
«Ja. Eigenartig, nicht? Sie bilden eine andre Masse. Gewebegleich. Die Menschen nannten das Pseudoplasmodium.«
«Das… das bewegt sich von allein! Es… ist das ein neues, eigenständiges Lebewesen?«
«Schwer zu sagen. Einzeller, die sich organisieren… wie nenne ich das Ergebnis am besten? Ich kann es beobachten, dann erkenne ich schnell: Es sucht ganz offensichtlich wirklich selbständig nach Nahrung. Eine winzig kleine Schnecke. Sie wird vom Licht angezogen, sie achtet auf Temperaturunterschiede, auf Feuchtigkeit…«
«Besorgt… besorgt sich was zum Fressen. Wie wir.«
«Ganz recht. Hier, und jetzt… jetzt beschleunigen wir das. Da, eine neue Nahrungsquelle. Sie frißt. Und dann…«
«Noch 'ne Veränderung! Das… was wird's jetzt, eine Pflanze? Stiel, Stengel, und oben eine Art Frucht…«
«Eine Sporenkapsel. Und wenn die Sporen ausgeschüttet werden, beginnt der Zyklus neu. Wir sehen, ausgestreut…«
«Wieder Myxamobae. Frische Einzeller.«
«Richtig. Verstehst du?«Feuer grübelte einen stillen Augenblick lang.
Dann sagte er:»Weil sie so was nicht konnten. Die Menschen. Deshalb ist ihnen passiert, was ihnen passiert ist.«
Die Freundin schüttelte den Kopf:»Nein, Unsinn. Nicht, weil sie keine Schnecke bilden konnten. Sondern weil sie's, ohne dazu gerüstet zu sein, dauernd versucht haben. Eine Verwechslung: Personen sind keine Myxamobae, egal, ob sich's um Menschen, um Gente, um dich oder mich handelt.«
Die Oberfläche erblindete. Die» große Wabbelwahrheit«, von der Wempes abfällig gesprochen hatte, dachte Feuer: Die Menschen haben sie auch verpaßt.
Die Freundin sagte:»Es kommt nicht darauf an, herauszufinden, was das Leben eigentlich ist. Es kommt nur darauf an, was man damit anfängt.«
Feuer nahm sich's zu Herzen, das heißt, er bat den Vasch fortan, ihn nur noch praktische, Feuers eigenen Körper betreffende Dinge zu lehren, von denen Wempes wußte, weil er sich mit Feuers Physiologie auskannte wie niemand sonst.
Feuer erfuhr also, wie er seinen Urin mit seiner chemisch sehr ungewöhnlichen Spucke an der Sonne zu etwas reagieren lassen konnte, das sich wieder trinken ließ, so daß er auf langen Märschen im Heißen trotz Schweiß und Verdunstung weniger Flüssigkeit verlor. Feuer lernte, wie er mit offenen Augen schlafen konnte und erst erwachen mußte, wenn diese Augen etwas sahen, das sein Hirn beachten wollte. Feuer verstand, wie er seine Gliedmaßen, Arme und Beine, für eine begrenzte Zeit strecken oder stauchen konnte.
«Ich bin seltsam«, sagte Feuer, als er das alles verstanden hatte.
Der Vasch widersprach nicht.
6. Große und kleine Maschinen
«Und die Maschinen?«
«Du kennst genügend Maschinen. Du könntest nicht atmen, nicht trinken und essen, wenn es keine gäbe — auch wenn du selten welche aus der Nähe siehst.«
«Du meinst die Himmelsreiniger? Die Siebenvierer, die oben die Geodätischen entlangfliegen und Chemtrails hinter sich lassen?«Er hatte sie bei Aufenthalten in den Becken von Cleopatra, einem Krater unter den Osthängen, in großer Höhe kreuzen sehen, die Luft nachbereitend, zur Sicherung der Morgenbläue und der Abendkühle.
Die schönen, kühlen Abende gab es hier selten, weil die Tage so lang waren. Dreimal immerhin schon hatte Feuer in seinem kurzen Leben Gelegenheit gehabt, auf dem Felsvorsprung am Rand seines Zuhauses zu sitzen und den Himmel nach Siebenvierern abzusuchen. Wenn er keine sah, legte er sich auf den Rücken, wartete den langsamen Sonnenuntergang ab und dachte sich Geschichten aus, übers Fliegen: Heute bin ich oben gewesen, an meinem Lieblingsort im Himmel, und bin im Kreis gereist, immer im Kreis, hoch über der Welt, und ich dachte, wie schön das ist hier mit den Wolken, zu gleiten, ab und zu ganz laut zu schreien, und auf die kleinen Flügel sich zu verlassen. Dann bin ich einem Siebenvierer begegnet, der hat mich weggedrängt, deshalb mußte ich landen, da landete der Siebenvierer auch; sah mir ins Gesicht und sagte: Prinz Feuer, ich weiß nicht, warum du dir überhaupt die Mühe machst, ich weiß nicht, wohin du überhaupt fliegen willst, ich weiß nicht, wie du hoffen kannst, lang und weithin zu fliegen mit diesen kleinen Flügeln. Aber ich wollte ja gar kein Himmelsreiniger sein, das sagte ich ihm dann auch, ich fühlte mich mißverstanden, ich wollte nur ein Feuervogel sein, nicht die Schmutzstellen im Himmel auseinanderreißen, nur vielleicht mein Lied eine Weile singen. Ich will nicht das Wichtigste sein, ich will nicht in einem Blinzeln von hier nach dort gelangen, ich fliege nicht, weil das die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist, ich fliege im Kreis. Ich will nur Teil von dem sein, was da oben so schön ist, so wasserblau, hoch über den alten Gluten und den neuen Feldern. Ich will auch kein Floh sein und keine Wanze und keine Laus, kein Held in dem verrückten Zirkus, den die Freunde mit Fell immer veranstalten, wenn sie Tierchen bei mir finden, weil sie dann Angst vor Maschinen bekommen — Nanomaschinen, Kleinstkeramikanern. Ich will auch eigentlich überhaupt kein Prinz sein, kein Teil dieser Geschichte, die ich nicht begreife, ich will ein Singtier sein. Mir sagt, weil ich über mich selber bestimmen kann, keiner, wo ich fliege, mir sagt keiner, was ich singen soll, und wenn ich am Ende verlorengehe und ganz allein bin, dann weiß ich wenigstens, daß ich da, wo ich lande, mit meinen beiden eigenen kleinen Flügeln hin bin.
Später sagte er dem ältesten Freund mit Fell:»Der Siebenvierer ist eine Maschine, die mir nichts tut.«
«Richtig. Gebaut von den Atlantikern.«
«Fischen.«
«Richtig, Fischen. Hier gibt es keine, es fehlt das Wasser für sie. Es gibt die Vaschen, aber das sind keine Fische.«
«Wie ist das auf der andern neuen Welt?«
Feuer liebte es in letzter Zeit, das Gespräch auf die andre junge Welt zu lenken. Von allen Welten, deren Existenz ihm bekannt war — der seinen, der andern und der alten —, war die andre die, die ihn am meisten interessierte.
«Auf der andern Welt«, sagte der älteste Freund mit Fell,»würdest du inzwischen mehr Maschinen kennengelernt haben, wenn du dort… geboren worden wärst. Solche, die graben, solche, die bauen — dort hat man stärker mit mechanischer Hilfe gearbeitet, nicht weich und fließend wie hier. Also top-down, wie man das in der Langeweile nannte, statt, wie auf dieser Welt, bottom-up. Sie setzen dort auf bulk technology, wie hier auf kleinste assembler und disassembler. Dafür gibt es dort nicht die Blutreiniger, die dir helfen, nicht die kleinen Spinnen in der Spucke, nicht die Millionenaugen der Salamander, nicht die Schlafwolken der Vaschen.«
«Ich wär gern mal dort.«
«Vielleicht wirst du's sein.«
«Gehört das zum Plan?«
Ein Abwinken mit der rechten Tatze war die Antwort.
7. Eltern und Kinder
«Also gut, das über Menschen und Maschinen hab ich verstanden«, Feuer wurde ungeduldig,»aber was ist das mit den Eltern und Kindern?«
«Eltern… wir haben alle welche, wenn deine dir auch näher sein sollten als meine mir.«
«Deine?«
«Man könnte sie statt Eltern auch ›Vorfahren‹ nennen. Die Linie ist länger, die von ihnen zu mir führt, als die Linie von deinen Eltern zu dir. Dachse hießen meine, sie sind im letzten Krieg gefallen, vor dem Exodus.«
«Gefallen? Vom Himmel, wie die Schiffe der… Altvorderen?«
«Gestorben. Getötet worden, von Sachen, die halb Maschinen waren und halb Menschen. Wir wurden weggeschickt, damit wir hier weiterleben. Das haben deine Eltern auch mit dir getan — deine Mutter, die erst eine Braut war und dann eine Witwe, und dein Vater, der erst ein Held war und dann ein Schurke.«
Feuer runzelte die Stirn, er dachte an Logikbäumchen und das, was Wempes» Inferentielle Stemmata «nannte: Jeder Begriff spaltete sich, seinem Zugriff entfliehend, sofort in neue: Eltern waren Vater und Mutter, Vater war Held und Schurke, Mutter war Braut und Witwe…
«Erklär mir's«, forderte er.
«Der Vater ist, sagen die Menschen, der Mann, und die Mutter ist die Frau. Ich könnte Mutter sein, und nicht Vater.«
«Was war meine Mutter für eine?«
«Wie meinst du die Frage?«
«Denk dich hinein, sag mir, was sie sagen würde, wenn sie hier wäre. Was würdest du sagen, wenn du sie wärst? Was hätte sie zu mir gesagt, was getan, wenn ich bei ihr gewesen wäre auf der alten Welt, so, wie ich hier jetzt stehe?«
«Ich würde… das ist ein schwieriges Spiel. Ich würde mich an seine letzten Worte erinnern und mich fragen, ob ich sein Schicksal hinnehmen muß oder mich von diesem schlimmen Ort davonstehlen kann, irgendwohin, wo ich an den Schrecken nicht mehr denken muß, an die Nacktheit nicht und an die Narrheit nicht, an die Gewalt nicht und auch nicht ans Leiden. Ich würde… am Tag, da die drei Städte fallen… würde ich eine Glocke läuten hören, als Alarm, in einem der Befestigungstürme. Ich würde einen kleinen Vogel singen hören, und ich wüßte, der arme Wolf hat keine Wahl, er will zuviel. Und meine Pflicht würde ich tun gegen den Sohn, gegen die Tochter.«
«Deine Pflicht.«
«Mich wie die andern Frauen erheben über die Flut aus Scharlach, die über uns hinweggeht und die Witwe von der Braut trennt.«
«Der Mann hat dich verlassen? Der Vater?«
«Der Vater, der Wolf… greift hinaus über seine eigene Entscheidungskraft, läßt sich einfangen von der Maschinerie irgendwelcher Schwindler, die sich zu seinen Königen und Geldgebern, zu seinen Löwen und Füchsen aufwerfen, die alles zu Geld machen können und Geld in alles verwandeln, und die Dunkelheit der Nacht muß ihn umfangen, bis sie weicht, und dann dämmert es und ich, die Mutter, bleibe allein zurück, und muß mich fragen: Warum wollte ich ihn, wenn ich ihn doch verlieren muß?«
Feuer wußte nicht, was Könige und was Löwen und Füchse und Geld waren.
Aber er verstand, daß das Leben seiner Mutter und das Leben seines Vaters traurig gewesen waren.
Die Freundin mit Fell wandte sich ab und ließ Feuer am warmen Ofen stehen.
8. Höhepunkte
Als Feuer zweiundfünfzig Tage alt war, kam der Vasch Wempes, wie er selbst ihm sagte,»zum vorläufig letzten Mal«. Es gab, so erläuterte Wempes sachlich,»noch etwas Biologisches, was ich dir nicht beigebracht habe: deine Sexualität, denn die ist kompliziert«.
Ein bißchen wußte Feuer davon schon. Nächtliche Samenergüsse hatte er erlebt und angenehme Erektionen, nah am warmen Stein. Ein Freund mit Fell hatte ihm gezeigt, was er tun konnte, wenn ihm davon zu heiß wurde. Das ging allein; aber auch die Salamander halfen,»ein bißchen Rumvögeln hat noch niemandem geschadet«, fand der Salamander Shikibu.
Jetzt zeigte der Vasch mit Hilfe der Holowürfel dem Prinzen Frauen und Mädchen, Jungen und Männer, von menschlichem Phänotyp ebenso wie von der Art alter Gente. Feuer mußte still daliegen, seine Brust, seine Lenden, sein Penis und seine Schläfen waren mit Meßplättchen belegt, was er peinlich und lustig fand. Um seinen Hals hatten zwei der Freunde auf Anordnung des Vaschen einen neurostimulierenden Gürtel gelegt.
«Wir kalibrieren nur ein bißchen. Wir wollen dich jetzt schon, sehr früh, richtig vorbereiten, auf den Paarungserfolg, wenn du den Tempel findest und dort deine Braut, deinen Bräutigam.«
Die Kalibrierung war nicht unangenehm, aber anstrengend. Sie ging drei Stunden und brachte sieben Höhepunkte. Der intensivste war einer mit der Simulation der Luchsin (»das Ödipusmuster, es sitzt eben doch tief«, flüsterte Wempes dazu, aber ein Freund mit Fell widersprach:»Na was, sie haben es halt reingeschrieben, die Alten. Ein Beweis fürs kollektive Unbewußte ist das nicht.«).
Ein großer Rausch war's auch mit einem Echsenwesen, das nicht zwinkern konnte, aber melancholische Augen hatte.»Wer war… was war das?«fragte Feuer, außer Atem.
«Deine Braut«, sagte der Vasch, und gleichzeitig sagte der Freund mit Fell:»Dein Bräutigam.«
Feuer verstand den Witz nicht, aber er beschloß, sich die Pointe gut zu merken.
9. Die gute Maschine
Als Feuer fünfundfünfzig Tage alt war, kam eine große Maschine zu Besuch.
Erst fürchtete sich der Prinz, als er erkannte, was das war. Aber die Freunde mit Fell fürchteten sich nicht, also beschloß er, abzuwarten, achtzugeben.
«Das ist er? Der Prinz?«fragte die Maschine in gereizt blechernem Tonfall und besah sich Feuer mit sieben Stielaugen an langen metallischen Schläuchen. Feuer klatschte in die Hände, drehte sich, als sollte er für eine Darbietung auf einer der lichtbelebten Oberflächen aufgenommen werden, aber der älteste Freund mit Fell schickte ihn auf den Felsvorsprung, aus dem Raum:»Das ist kein Spaß hier, wir haben ernste Geschäfte.«
«Ich bin gekommen, um nachzusehen, ob er soweit ist, und falls ja, ihn zu begleiten«, schnarrte die Maschine, die einen zerschlissenen gelben Mantel trug. Der Freund mit Fell sagte:»Er kann den Tempel nicht suchen, er kann den Tempel nicht finden. Die Geographie hat sich verändert, seit die Venus bewohnt ist, auch wenn sich das physische Substrat nicht geändert hat. Er wird viele Gefahren bestehen müssen, wenn er sich an die Aufgabe wagt, und dafür ist er noch nicht gerüstet. «Der so redete, sah, daß Feuer sich auf dem Felswulst wieder an den Raum herangetastet hatte, und drohte ihm von weitem mit Krallen. Feuer lachte, wich aber zurück. Draußen pfiff der Wind, so konnte Feuer nur verwehte Fetzen des Gesprächs mithören:»Leerheit… voll Scham und…«
«Mißbraucht, gehetzt, verzettelt«,»nicht geheuer«,»Verpflichtung«.
«Es ist mir gleich, was die Minderlinge machen«, bellte die Maschine schließlich, das war so laut, daß Feuer draußen den ganzen Satz verstehen konnte und auch die Antwort des Freundes mit Fell:»Dir mag es gleich sein, aber man sieht es inzwischen aus der Luft! Drei Siebenvierer haben Aufnahmen gemacht, das sind richtige Städte da drüben.«
«In Sedna Planitium…«
«Nicht wie die Kuppeln in Sedna Planitium. Das waren Treibhauskolonien. Niobe hat, ich sag's dir noch mal, Städte — vierzehn Bezirke in jeder, mit Menschen, die…«
«Minderlingen. Nicht Menschen. Es sind Minderlinge, Karikaturen, es ist ein Hohn auf jede…«
«Aber sie bauen…«
«Und wenn sie Ninive und Ur und Babylon und New York und Landers und Borbruck und Kapseits in doppelter Größe wiedererrichten würden: Er muß den Tempel finden, und er muß durch das Tor. Die Wärmesignatur der Erde ist eindeutig! Es ist erloschen — alles da unten ist erloschen! Wir müssen zurück, wir müssen es untersuchen! Tausendzweihundert Jahre! Weißt du, was das bedeutet, bei exponentiellem technologischem…«
«Grimbart…«
«Tausendzweihundert Jahre, verflucht!«
Am Ende wurde die Maschine fortgeschickt, noch schroffer, als der Freund Feuer aus dem Raum verwiesen hatte. Sie schlurfte weg, ohne sich umzudrehen.
«Sie sieht beleidigt aus«, sagte Feuer, fast mitleidig.
«Der kommt wieder. Vergiß es.«
Etwas von den Worten der Maschine zeigte bei den Freunden mit Fell dennoch Wirkung.
Das Lernen war für Feuer jetzt vor allem körperliches Einüben in allerlei Geschicklichkeiten, die er für seine Aufgabe brauchen würde. Man ließ ihn über die breitesten Lavaflüsse springen oder durch sie waten, bis er dampfte, man ließ ihn von den hohen Wällen springen und sich im rotbraunen Staub wälzen, man griff ihn von vier Seiten an, daß er sich mit Waffen, mit einem Stock oder den bloßen Händen und Füßen verteidigen mußte, man knuffte ihn und trietzte ihn, forderte ihn und hetzte ihn, ließ ihn Gewichte heben und ziehen, schwere Dinge werfen, schnelle Dinge fangen, achtete auf seine Ernährung, auf sein Gewicht, auf seine Muskelmasse, und die Spione aus Atalanta, die ihn mit optischen Geräten beim Sport in den Ebenen und beim Klettern neben den großen grünen Scheinwerferaugen an den Wänden unter seinem Zuhause sich abmühen sahen, waren bestürzt, wie gut er alles meisterte.
Der schönste Moment von Feuers Kindheit und Jugend ereignete sich wenige Minuten vor beider Ende.
Er kam gerade zurück zum Steilhang, vom Üben, wie man schnell läuft, kämpft und ausweicht, mit zweien seiner Freunde. Die Übungen hatten sie weit von zu Hause fortgeführt, zu den Strauchflechten; jetzt nahmen sie den langen, gebogenen Weg zurück am Rand der Sümpfe. Feuer spürte jeden Muskel, jede Sehne in seinen flexiblen Gliedern; eine Art leiser Schmerz, der ihm guttat. Er blickte nach allen Seiten, wie um das Land in sich aufzunehmen und den Himmel, und fand, daß er das alles liebte: Die Felsen, die Sterne im Zwielicht des langen Halbtags, die Lebewesen, alle, die er kannte, und Feuer war glücklich.
Da fand er zu seiner Rechten im Graben einen toten Vaschen, den die Minderlinge ermordet hatten.
Erst verstand Feuer gar nicht, was das war; es erinnerte ihn an feiste Mahlzeiten, die manchmal, bei den seltenen gemeinsamen Gelagen, in seiner Behausung aufgetragen wurden: prall, glänzend verbrannt, aufgeschnitten, innen zart, voller erstaunlicher Farben.
Als er begriff, was das war — er ging drum herum, da erst sah er das Gesicht des Toten —, wurden seine starken Beine schwach, und ein Gefühl, das er noch nie erlebt hatte, zog ihn zur Erde, ein Insichzusammenfallen, als müßte er sofort vergessen, wer und wo er war, um überhaupt weiter atmen zu können.
Viel zu unwirsch — es tat ihm im selben Augenblick leid — wischte er die Tatze weg, die sich auf seine Schulter legte. Der Freund, dem sie gehörte, sagte:»Schlechte Nachrichten. «Feuer sah den andern Freund eins der primitiven Meldegeräte benutzen, das die Freunde auf längere Ausflüge mitzunehmen pflegten: Mit dem kleinen Mikrofon am Mund und dem Kopfhörer auf den Ohren redete er und hörte zu, neigte den Kopf hierhin und dahin, bedeutete den andern, was er hörte — die Tatze hoch — weg — ein Durchwinken — was?
«Sie haben… die Leute von Niobe haben unser… dein Zuhause angegriffen. Wir müssen dich fortbringen. Sie… brennen alles aus. Sie töten alle.«
«Fort… wo… wohin denn?«fragte Feuer und spürte eine Flauheit im Bauch, die ihm Angst machte.
«Zur Maschine. Die dich abholen wollte. Du erinnerst dich?«
Das Gestell. Die Stielaugen. Feuer nickte, stand auf.
«Also«, sagte der mit dem Funkgerät,»gehen wir. Nein, nicht da lang.«
Feuer schämte sich, daß er zurückgepfiffen werden mußte — er hatte eben damit angefangen, mit langen Schritten den Weg nach Hause fortzusetzen. Nun blieb er stehen und verstand, daß er nicht wußte, wie es weiterging. Wo lebte die Maschine?
«Komm mit. Ins Schilf, in den Sumpf. Wir müssen erst sicher sein, daß sie unsere Spur nicht aufgenommen haben.«
So begann Feuers lange Flucht.