1. In einem dunklen Wort
«Der Mensch, das große Ungedachte, bsss, warum nicht? Sollen sie ihn neu züchten, herrichten… domestizieren, wenn sie das wollen, die ulkigen Dschungelgötter, und ihn sich ins große ungemachte Bett legen. Stört's uns? Humanismus, tiefes Wasser, neue Weibchen…«, dibberte Philomena freudig vor sich hin, weil ihr wohl war. Sie hatte einen strahlenden Sieg bei der Frontbegradigung zu melden.
Die Kelche der kostbaren Blüten im Raum dufteten stärker als alle Pherinfone draußen; die Sonne schien freundlich durchs breite rückwärtige Fenster. Um sich dem Herrscher deutlicher zu machen, setzte Philomena hinzu:»Im entschlossenen Tiersein und… Tierbleiben haben die Gente einen Vorteil ergriffen, an den nichts heranreichen wird, was diese beiden… je erschaffen könnten.«
Die Libelle schwebte in gehöriger Höhe mitten im Sandelholzzimmer, dem Vorraum zum Sanctum Sanctorum des Löwen. Ein Schwingspiegel, dunkel wie poliertes Blei, hing vor ihr an der Wand, nahm auf, was sie sagte, und sandte es dem Löwen, der träumend auf Reisen war, in seinem REM-Raum: Hinter den Holzpaneelen lag der Vater aller Gente in einer von körperwarmer Kupferwolle beheizten Kissenlandschaft und ließ nur wenige isolierte höhere Hirnfunktionen mit der Außenwelt verkehren. Während der ruhigen Phasen seiner Staatsgeschäfte verschlief er inzwischen ganze Monate, damit er, wenn sie dringlich wurden, um so kraftvoller eingreifen konnte.
«Es war also«, fuhr Philomena fort, sich ihrem Thema in vorsichtigen Ellipsen nähernd,»um zu den Angelegenheiten des Inneren zurückzukommen, ganz richtig, was wir mit den Kügelchen… Nun, wir haben, da sie jetzt schon die Quellen, Bäche, Flüsse meiden, den Menschen über… Mittler zwischen ihnen und den Gente, vor allem Wanderratten und andere kleine Händler, überzuckerte Limonade verkauft, auf Flaschen gezogen, wie sie's mögen. In denen… das heißt im… Substrat, waren, entsprechend Eurer Empfehlung, die Kügelchen bis zur Sättigung gelöst.«
Der Abdruck einer menschlichen Hand, wie aus Wasser gemacht, mit schaumigen Kräuseln auf dem Handrücken, wo bei einer echten Hand Adern gewesen wären, wurde auf dem Schwingspiegel sichtbar. Philomena verstand, daß das eine Frage war.
«Ja, ihre Hände, wie vorhergesagt, gingen als erste… kaputt. Mit den erwartbaren Folgen: Keine Computereingaben mehr, Schluß mit Feinmechanik, mit der Bedienung auch gröberer Geräte, keine Selbstbefriedigung, stark erschwerte Nahrungsaufnahme, vom Händeschütteln zu schweigen, das ganze Sozialgefüge war… na, und Töpferei und Verarbeitung der Metalle, bald auch Spinnen und Weben, damit hatte es sich. Endlich gehen, was wir aus den äußern Gürtelgegenden um die Schlafstadt hören, nicht einmal Jagd und Viehzucht mehr. Handel und Gewerbe: Fehlanzeige. Wir werden sie einsammeln und in die einzige Stadt bringen, die sie haben will… wir werden… Nun, das alles, stellt Euch vor — das heißt, Ihr wißt's, von Euch stammt ja der Schachzug — dieser sogenannten Hände wegen. Die umgekehrt bei uns, das heißt den Gente, jetzt häufiger werden. Alle wollen so was haben. Ich nicht. Schön. Jedenfalls. Also. Ein Erfolg. Der Mensch, das große Ungedachte… Hand, Sprachorgan, Gehirn — man schlage ihm eine Stütze weg, und der ganze Dreifuß, tja, erst kippelt er, dann fällt er.«
Im Spiegel regte, rührte sich kein Stäubchen.
Die Libelle schnörkelte krakelig in der mit Anisessenz angereicherten Luft herum, teils aus Übermut, teils, damit etwas kinetische Energie verausgabt werde und ihr plastählerner Denkapparat sich nicht überhitzte. Das hatte sie von Izquierda:»Eine Libelle aus Plastahl muß immer und überall auf ihre Gesundheit achtgeben; du bist das Delikateste, was es überhaupt gibt, Liebste.«
Als sie mit ihren Kleinstübungen fertig war, verharrte Philomena wieder am vorherigen cartesischen Punkt, die Augen auf ihr Spiegelbild an der Oberfläche der Schnittstelle gerichtet.
Als weiter nichts geschah, sagte sie:»Gut, zum Auswärtigen wieder. Wir hören von… jenseits des Meers im Westen: Die beiden Brandopferverzehrer, Katahomencopiava und Katahomenduende, sind miteinander einig geworden, vermutlich endgültig. Aus Gründen, hört Euch das an, der… Aufwandsersparnis, der Komplexitätsreduktion und… der Statik erwägen sie, so wird angegeben, miteinander zu verschmelzen, zu einer Neuigkeit, die dann… Katahomenleandraleal heißen soll. Eine Götzenhochzeit! Über den Status der Menschenfrauen, um die es im begrabenen Zerwürfnis gegangen sein soll, ist keine Auskunft… einzuholen. Wir wissen nicht, wer in der Meinungsverschiedenheit seinen Standpunkt hat durchsetzen können, und also auch nicht, was das Ganze für uns bedeutet.«
Der Spiegel nahm auf, was Philomena ihm hinterbrachte; eine Blackbox, die mit keiner Andeutung verriet, wie der Schläfer das Gesagte bewertete. Im Hintergrund des stumpfen Widerbilds der Sandelholzkammer sah Philomena einen Umriß und erkannte Dmitri Stepanowitsch Sebassus, den Wölfling, mit dem sie nach Kapseits gereist war, um die Erste in der Dachsenmacht von der Kügelchenidee zu überzeugen.
Philomena nahm ganz richtig an, daß sein Schemen im Spiegel bedeutete, daß der König von ihm träumte. Sie hätte überrascht geblinzelt, wenn ihr das möglich gewesen wäre.
«Die Unterredung…«, fragte sie, ein bißchen unzufrieden darüber, daß ihr Gebieter einfach weiter ruhte,»ist zu Ende?«
Das Wolfsbild flackerte, wallte wellig, wie unter schmutzigem Wasser.
Philomena stieg schweigend zur Schleuse auf und ließ sich aus dem Zimmer saugen.
2. Kurier ohne Botschaft
Dmitri Stepanowitsch fand sich im Urlaub wie ein Ausgesetzter unter unbekannten Tierkreiszeichen. Er wollte seiner Karriere in Cyrus Goldens Diensten nur auf ein paar Monate entfliehen, bevor man endgültig eine staatstragende Kraft aus ihm machte.
Er lief bei Nacht, so schnell er konnte, und ruhte bei Tag, meist in verlassenen Häusern, um die herum einst Siedlungen gewesen waren, welche die Gente während der Befreiung zerstört hatten.
Kudja wedjot äta doroga?
Verheerte Stätten.
Vernichtung dieser Art war dem Wolf zuwider, weil etwas sehr anderes als ein Jagdergebnis.
Dmitri Stepanowitsch erinnerte sich, wie das Jagen gewesen war: ans Gebietsrecht, die Dichte der Beute, idi sudja, komm hierher — nie mehr als fünfzehn Hirsche, drei Elche pro Quadratkilometer, und das waren damals noch die besten Jahre gewesen. Freie Vergesellschaftung freier Mörder: Die Verteidigung der Wölfe, die sie damals gewesen waren, wäre ihm noch heute nicht schwergefallen, in der Zivilisation. Vier Tiere pro Kleinstrudel, genossenschaftlich, auf ungefähr fünfundsiebzig Quadratkilometern, je budu vstretschatsa sdurzjami, los doch, ich werde meine Freunde treffen. Evolutionär stabile Strategien: Ein isoliertes Kleinstrudel hatte stets geringere Chancen, sich zu erhalten, als mehrere, die einander die Beute zutreiben konnten.
Er blickte den Vögeln nach und spürte, wie das für sie sein mußte.
Weg hier, woanders hin, ins Weite.
«Verdammte Schmarotzer«, hatte Dmitris Schwester geschimpft — Raben, Adler, Kojoten, Füchse, immer waren sie sofort da gewesen, wenn wir einen Elch gerissen hatten, der uns für mehrere Mahlzeiten gereicht hätte. Sie zeigten sich schon, wenn wir nur einen fremden, einsamen, vielleicht kranken Wolf töten mußten, der in unser Gebiet eingedrungen war. So hielten wir es damals, wie ist es heute? Was fehlt mir, uns, im Löwenland? Sertsa.
Nach zwanzig Reisewochen erreichte er an der Grenze zweier ausgelöschter Menschenstaaten das Teppermeer, die grüne Welt, wo die Genetiker der frühen Befreiung die Folgen der Erderwärmung und der rodungsbedingten Sauerstoffverknappung durchs Anlegen einer riesigen Graslandschaft in die Schranken verwiesen hatten. Unzählbare Quadratkilometer nach allen Richtungen weit erstreckten sich da zahllose, windgepeitschte Tsunamis aus Gras, tausend sonnenverwöhnte Karibiken aus Gras, hundert sich kräuselnde Ozeane aus Gras, und jeder Kräusel war ein Blitzen von Scharlach oder Ambra, Smaragd oder Türkis, vielfarbig wie Regenbögen. Die Farben zitterten über den Prärien in Streifen und Flecken, die Gräser — manche hoch, manche niedrig, manche von kleinen Federchen besetzt, manche glatt — schufen sich im Wachsen ihre eigene Geographie.
Dies war die wahrgewordene Phantasie einer toten Menschendichterin, von der man nur noch den Namen wußte, den sie dem Ort geschenkt hatte.
Es gab zu ihren Ehren Grashügel, wo die großen Wimmelbüsche in Massen sich türmten, dreißig Wölfe hoch; Grastäler, in denen der Belag wie Moos lebte, weich unter den Pfoten Dmitris; und enge Durchgänge unter breitblättrigen Baldachinen.
Mein König, dachte der Wolf, als er am Rand der grünen Welt auf Brandspuren stieß und sich die Witterungen der Befreiung und der noch ungelebten Zeiten kreuzten.
Kann ich dir nützlich sein? Finde ich mich, in deinem Dienst?
Ich und meine kleinen Gründe, vom Rudel wegzulaufen, wo man mir als Welpe das Fell geleckt hat und wo ich mehr Weibchen in einem Jahr geliebt habe als inzwischen in zweieinhalb Leben.
Vier Wochen war ich alt, da durfte ich die Höhle verlassen und staunte, als ich die Regeln der Verwandten kennenlernte, denn die handelten alle davon, daß das Verlassen der Höhle letztlich nichts bedeutete — die Welt des Stamms und seiner Politik war bloß eine größere Höhle, das Dach der Himmel, die Wärme spendete unsere gegenseitige Treue, die Dunkelheit überall war eine Tradition, die man nicht in Frage stellen durfte.
Familie, Bluturenge, ich wollte raus — und bin ich geworden, was ich werden wollte, sein Sohn?
«Bei ihm bist du noch einmal auf die Welt gekommen«, hatte seine Schwester ihm ausrichten lassen, ein bißchen spöttisch,»du zweimal Geborener, Digonos, Digonos.«
Meine Erziehung, so sah der Löwe das, als er mich aufnahm, war von da an seine Schuldigkeit; er mußte wohl oft damit kämpfen, mich anzuerkennen, auch vor seiner Tochter, die ich nie gesehen habe.
So oft, daß er jetzt immerhin dagegen abgehärtet ist, daß ich meinem eigenen Kopf folge.
Die Atlantiker, die Schwärme im Osten, die um Landers streichenden Wolfsrudel können diese seltsame Adoption nicht ungeschehen machen, da der Erfolg davon so anmutig ist: ein echter Diplomat, der erste der nach rund fünfhundert Jahren immer noch jungen Welt der Gente.
Nachts eilen, tags rasten; das ging so, bis er zur Küste kam.
Dort fand er einen Schüttwall aus Menschenknochen. Er kletterte hinauf, bis ihn die Pfoten schmerzten, und blickte, oben angekommen, auf die ganz grüne See.
Dmitri schloß die Augen. Das Rot, das er unter seinen Lidern schaute, Warnung aus ferner phylogenetischer Vergangenheit, erinnerte ihn ans freiwillig vergossene Blut auf den Stufen des Tempels in Kapseits. Vorsichtig stieg er auf derselben Seite, die er erklommen hatte, den Wall wieder hinunter. Splittrig knirschte das Weiße unter seinem besonnenen Tritt. Einige Leiber waren noch in die schäbigen Fetzen verlorenen Lebens gekleidet, in Erinnerungslumpen aus Sachen wie: Kuscheln im Freien während schwüler Juninächte, grünes Gebolze auf schmutzigen Fußballplätzen, Arbeiteraufstände russischer Bergwerksstädte, mittelgute Popmusik, Bindungen an enge Freunde. Informationen über Menschenleidenschaften, an denen Dmitri seit alten Studientagen interessiert war, ließen sich aus den gefrorenen Gesichtern, spektralen Ektoschlieren nicht gewinnen.
Seeschwalben zeigten dem Wolf, wo entlang es nach Süden ging.
Er freute sich, weil er wußte: Die sind mindestens so vertrauenswürdig wie sonst die Raben, wollen aber, anders als diese, nicht bezahlt werden: neue Freunde.
Er hätte auch ohne sie wissen können, wohin er mußte, wenn er bereit gewesen wäre, sich die Nahrungssupplemente verabreichen zu lassen, die ihn Vögeln gleichgemacht hätten, was den Orientierungssinn anging. Magnetische Teilchen aus Eisenmineralspuren in den Schnäbeln; Philomenas ewige Vorträge über mechanosensitive Ionenkanäle, empfänglich für Signale, die in Nervenzeichen umgewandelt wurden, die wiederum das Flugverhalten aller gefiederten Gente…»Ach Affengepinsel«, spuckte der Wolf aus. Er wollte das alles gar nicht haben, gar nicht wissen: Instinkte konnte man jetzt kaufen, oder der Souverän verlieh sie einem, aber:»Vielen Dank, kein Interesse«, flüsterte Dmitri Stepanowitsch. Er vertraute den Vögeln und wollte sich ansonsten lieber ein paar Kapazitäten freihalten, für später, auf ein anderes Ich hin.
Der König, dachte der Wolf: Ich liebe ihn und das, was er für uns getan hat. Ich liebe es, für ihn unterwegs zu sein, ich freue mich, daß man einer so sanften und großen Gewalt helfen kann, als einfacher Wolf, ihm und der Sonne heiligem Strahlenkreis, und Dame Liviendas Mysterien, und der Nacht, und allen Kräften der Planetenbahn, durch die wir dem Leben und dem Tod verfallen…
Aber etwas fehlte dennoch, wußte der Diplomat: Sertsa.
Im Lauf der Wochen wurde Dmitri ein gewissenhafter Streuner: Wenn ein Weg aussah, als wären ihn schon viele gegangen, mied der Wolf ihn.
Morgens gähnte er, daß es ihm den Kiefer ausrenken wollte, rieb seinen Rücken an Akazien und Zedern, aß zum Frühstück Beeren, zum Abendessen Hasen, die keine Gente waren (hier, weit draußen, gab es das noch), und streckte sich mitunter stundenlang. Allmählich kannte er seine Muskulatur, seinen Knochenbau, seine Haut und seinen Pelz gut genug, um sich wieder so darin wohlzufühlen wie seit Welpentagen nicht mehr.
In einer Höhle im Präferenzgebirge begegnete er Rauhhautfledermäusen, die im Dunkeln Bauteile zusammenfügten. Es ging da um die Fertigung eines neuen großen Fortschrittswunders, das Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden allen schenken wollte, die unter seinem Schutz standen.
Die leitende Technikerin war berühmt, Dmitri kannte sie aus Pherinfoplexen, sie nannte sich Izquierda. Er hatte nicht gewußt, daß die an so gut verstecktem Ort arbeitete. Natürlich besaß sie Wohnungen in allen drei Städten, aber von der Höhle hier hatte man noch nie gehört. Izquierda erläuterte dem Wolf, nachdem sie seine Kennung eingelesen hatte, was ihr Projekt bedeutete:»Unser Lenker, du kennst ihn ja. Er traut der Handwerkelei nicht mehr, er will jetzt Nägel mit Köpfen.«
«Ich glaube«, riskierte Dmitri eine eigene Meinung,»daß ihn der Tag beschäftigt, an dem er einmal nicht mehr für uns wird denken können.«
«Institutionen schaffen, die leisten können, was der Löwe leistet — das ist sein Ziel, und das wird heikel«, bestätigte Izquierda.
«Was ist mit der Tochter, Lasara?«fragte der Wolf.
Die Fledermaus pfiff zwischen den spitzen Zähnchen:»Was soll man sagen? Dynastisches, ich glaube, er mag's rein gar nicht. Außerdem liebt er sie so, seine Tochter, daß er ihr, selbst wenn das Erbrecht gilt, die Entscheidungsfreiheit lassen möchte. Vielleicht will sie ja gar nicht regieren? Keine tausend Jahre alt werden, indem sie ganze Zeitalter verschläft, hoch droben«, die Fledermaus verdrehte beide Augen, die hatten hier, im Kunstlicht, die Farbe von grünem Tee,»hinterm Sandelholz. Wie dem auch immer sei: Er wird sich wohl selbst dann, wenn er vorerst nicht abtritt, auf die Beratungen der neuen kalkulierenden Gewalt stützen, sobald sie fertig ist.«
Die neue kalkulierende Gewalt: Dmitri erkannte, fasziniert und etwas beunruhigt, wie im Dunkeln Komponenten glänzten; er dachte an geleckten Mondstein, schwarzen Zucker. Was sie hier bauen, ahnte er, wird denken können.»Wann, meint ihr, werden…«
«Hat keine Eile. Sie werden ineinandergesteckt, dann kommen sie auf Platinen, dann wird man Becken graben und füllen, mit den nötigen Medien, dann wird man die Platinen hineintauchen, dann wird das, was dabei herauskommt, wenn wir alles richtig gemacht haben, anfangen zu leben, dann ahnt es, was und wer es ist… bis zum ersten Augenaufschlag, bis man von Bewußtsein sprechen kann, werden noch zwanzig Jahre, eventuell dreißig ins Land gehn. Und bis dann die Setzlinge auf kompakte Kopien von… aber nein, davon sprechen wir lieber nicht.«
Davon darf ich nicht sprechen, sagte der Tonfall. Die Stellung der feinsten Härchen in Izquierdas Ohren verrieten dem Wolf, daß die Ingenieurin wußte, wie weit, vielleicht zu weit, sie sich bereits vorgewagt hatte. Die Information, die sie eben so beiläufig verraten hatte, war eigentlich nicht für vorübergehend dienstbefreite Durchreisende gedacht.
«Ich danke dir für deine… Erläuterungen«, sagte Dmitri und verließ, den Schwanz zwischen den Hinterbeinen, damit die Nachtarbeiterinnen wußten, daß er sie achtete (und auch ein wenig fürchtete), die kalte Höhle.
3. Einen Mann töten
Noch höher, an den Rändern der waldumstandenen Schluchten, wurde Dmitri Stepanowitsch von der Stille überrascht, die bei längst vergessenen Menschen» Wolfsstunde «geheißen hatte: Unvorstellbar, daß noch einmal die Morgensonne scheinen würde, das Felsgestein kälter als Eis und jedes Geräusch, auch das leiseste, eine Drohung von Teufeln, die so klein waren, daß man sie nicht sehen konnte.
Hier erst verstand der Wolf, daß seine lang zurückliegende Trennung vom Rudel ihn nicht nur verändert, sondern wirklich verwandelt hatte: Ich bin allein.
Das ist etwas, was niemand in meiner Familie je war.
Und wenn sie im Stollen Maschinen bauen, die alle Gente ganz anders verbinden sollen als bisher, weil der Löwe nicht will, daß welche allein sind, so ändert das nichts: Ich werde fortan immer allein sein.
Eine sehr ruhige innere Stimme fand, das sei gut.
«Ist es so?«sagte er halblaut in die Stille, ohne zu wissen, ob er der inneren Stimme damit eigentlich wirklich widersprochen hatte oder nicht.
Als es dämmerte, begegnete Dmitri einem verrücktgewordenen Überlebenden.
Der Mann schrie fürchterlich und richtete ein Gewehr auf den Wolf. Die Langeweile lebt, dachte Dmitri grimmig und sprang den Irren an, weil der ihm keine Wahl ließ. Noch ehe der Mensch einen Schuß abgeben konnte, hatte Dmitri ihm beide Hände abgebissen. Der Mensch brüllte, als lachte er, fuchtelte mit den sprudelnden Stümpfen, dann stillten Stoffe, die in Dmitris Speichel lebten, sowohl die Blutung wie den Schmerz. Der Wolf saß auf dem Brustkorb des Mannes, um ihm Gelegenheit zu geben, in Dmitris Augen die höhere Vernunft zu erkennen, die Leute wie er immer noch nicht wahrhaben wollten. Zu ihrem eigenen Schutz vielleicht, dachte der Wolf: Sie müssen das, was wir sind, ärger fürchten als den Tod, sonst verstehen sie bald nicht mehr, warum so viele von ihnen gestorben sind, im Krieg um die Befreiung.
Der Mann war furchtbar dreckig, hatte einen kalkweißen Bart mit struppigen Pfefferfäden drin und etwas altem Eigelb. Jetzt hörte er auf zu weinen und zu schreien, fing aber dafür an, wirklich zu lachen, in einem Tonfall, der verriet, daß er sich für etwas ganz Besonderes, unwiederholbar Wahnsinniges hielt.
Seine Gesichtsmuskeln zuckten, es sah ganz heillos aus. Jetzt brabbelte er Worte, die an sämtlichen Bedeutungen abrutschten, die sie hätten haben können. Seine Atmung wurde flach, er schnappte nach Luft und erwischte auch die nicht. Wie er ihn sabbern sah und mit den Augen rollen, wie er spürte, daß der Besiegte sich aufbäumen wollte, wie sie das immer taten, dachte Dmitri: Wir hätten sie einfach entwaffnen sollen und auf entlegene Inseln verschiffen; da hätten sie sich gegenseitig aufgefressen.
Es dauerte noch lang.
Am Ende begann Dmitri, sprechenden Dampf zu schnauben, pherinfonierte, primitive Bilderspiele mit arithmetischen Reihen, auf das primitive Zentralnervensystem des Menschen zugeschnitten: beruhigende Sinnestäuschungen.
Das endlich brachte den von verebbender Raserei Geschüttelten zur Ruhe.
Der Mann sackte nach hinten, bis er wie ein Toter auf dem Rücken lag. Atmete aber noch ein. Aus. Dann fing er leise an zu sprechen, verständlicher jetzt:»Heult… heult… o ihr seid… all… von Stein… Hätt' ich eu'r… Aug' und… Zunge nur, mein… Jammer sprengte… des… Himmels…«
Dmitri hatte genug gehört.
Er biß dem armen Idioten die Kehle durch und spuckte, was er zwischen seinen Zähnen aus dem Menschenhals herausgerissen hatte, angewidert in den Schnee.
Die schwarze Galle vergiftete seinen Speichel; seine Flanken pulsten, so zornig war er, weil er sich mit den brechenden Augen des Mannes sah: ein Ungeheuer.
Was denn?
Sie fressen Dreck und halten sich verborgen an den unzugänglichsten Orten, sie graben sich ein wie die spritzenden Würmer und denken immer noch, wir Gente wären das Abscheuliche, die Niedrigkeit, und wüßten nichts von Shakespeare, von Symphonien, von der milanesischen Kathedrale, von den pindarischen Oden, dem ganzen alten Geraffel, und wenn sie zugeben müssen, daß wir davon doch wissen, dann reden sie sich ein, wir wüßten's zwar, aber verstünden's nicht. Die Gente werden das nie ändern.
Diese Leute wollen nicht mit uns leben; sie bilden sich ein, sie dürften entscheiden, wer die Erde wie bewohnt.
Blubbern und Gurgeln aus dem Rachen des Sterbenden, dann nichts mehr. Auf diesem Nichts blieb Dmitri Stepanowitsch ein Weilchen hocken und dachte an die Stadt, in die er zurückwollte.
Der letzte Blick des Menschen sah auf Dmitris Schnauze.
Ja: Das ist alles, was er sieht, das bin ich, ein Biest, das in der Dunkelheit hockt und sich beschmutzt, wenn er das rote Licht seines zerstörten Verstandes auf es richtet.
Als der Mann, der ihn hatte erschießen wollen, nicht mehr atmete, ging Dmitri fort, auf einen Felsvorsprung, und blickte hinab in einen zusammenfließenden Nebelsee zwischen den spitzen finsteren Bäumen.
Überrascht begriff er, daß er nicht mehr an den Löwen glaubte.
Er liebt uns? Er will, daß wir glücklich sind und bei ihm auf ewig wohnen? Er hat einen Plan? Ich denke, nichts davon ist wahr.
Und doch liebe ich ihn, weil er sich das alles für uns einredet.
Dmitri wußte nun, daß er sich nicht länger genötigt fühlte, dem Löwen um irgendeiner Wahrheit willen zu dienen, die größer war als Menschen, Gente oder die neuen Götter im Regenwald.
Von jetzt an würde der Wolf, wenn er weiterhin tat, was der Löwe von ihm verlangte, das gänzlich aus eigenem, befreitem Willen tun.
Die Freude über diesen Gedanken kämpfte eine Weile in Dmitris Herz mit der Trauer darüber, daß die Welt auch mit all der Macht, die der Löwe hatte, offenbar nicht zu bessern war.
Dann gebot er beiden, der Freude wie der Trauer, zu schweigen.
Sie gehorchten.
4. Wer wen gezeugt hat
Im Ruf des Löwen hatte Schrecken seinen festen Platz.
Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden, sagten die Gente, das ist ein Name, der Taten, Abenteuer und Zeichen meint, die man nicht jedem laut erzählen darf.
Stimmt, was sie heimlich sagen, in den drei Städten? Hat er einen Gott zerfleischt, hat er die Oberfläche der Sonne betreten, ohne zu verbrennen, hat er Kinder mit seinen Kindern gezeugt?
Es gibt, seit überhaupt wer Sprache hat, immer Gerüchte, die von alleine tödlich sind; da braucht es keinen, der sie übelnimmt.
«Lebt, als ob ihr auf einer neuen Erde lebtet, die einen neuen Himmel vorhat«: Seine alte Weisung sollte der Löwe selbst, hieß es, bis zum Exzeß befolgt haben.
«Er ist«, behauptete eine Technikerin, die seit anderthalb Jahrhunderten unter Izquierda diente,»in den ersten Jahren nach der Befreiung mehrmals wöchentlich von einer Tierart zur andern übergetreten.«
Wie lange der König seit damals ununterbrochen Löwe geblieben war, wußte niemand (einige Kalender und Chroniken fehlten). Der lange Name, unter dem man ihn jetzt kannte, stellte ein Verzeichnis der Stufen seines Wegs zur Macht dar; die Auflistung der Namen mehrerer verschiedener Löwen, die er gewesen war. Der Pakt, das juristische, politische und biotische Einverständnis der ersten Fürsten der Gente, die diese Namen getragen hatten, war seine Geburtsurkunde (es mochte dabei ganz ähnlich zugegangen sein wie bei dem Vorgang, der aus Katahomenduende und Katahomencopiava die neue Ungeheuerlichkeit Katahomenleandraleal hatte erwachen lassen).
«Cyrus«: So hieß ein Buch, das wußte, wie eine große gelbe Katze in einem jungen (mit einem Wort jener Zeit» zentralasiatischen«) Staat der frühen Befreiung, umzingelt von grünen und feuerfarbenen Dschungeln, dafür gesorgt hatte, daß gewisse Mißstände des Justiz- und Exekutivzweiges der neuen Ordnung zügig abgestellt wurden. Bis er sich der Sache angenommen hatte, gab es für Dachse und Kühe, die dort damals etwa ein Fehlverhalten von Tigern oder Leoparden beobachtet hatten und es höheren Stellen melden wollten, keinerlei Schutz vor Blutrache. Man bezichtigte sie vielmehr, wenn sie Pech hatten, in Fehmeverfahren der Clans der Angezeigten, die geheim waren und ohne Möglichkeit der Revision, nicht selten der Kollaboration mit den noch alles andere als geschlagenen Menschen und warf sie dann von Klippen ins Meer.
Die Tatze Cyrus zerschlug diesen im Entstehen begriffenen Katzenfeudalismus. Legionen von Soldaten und Polizisten, rekrutiert vor allem aus den Dachsenrassen, die er befreite, waren sein Kriegswerkszeug dazu gewesen. Die unerschütterliche Loyalität, die Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden noch Jahrhunderte danach vom Stamm Georgescus entgegengebracht wurde, war Lohn und Erbe jener Kämpfe:»Ich dulde kein Durcheinander, das nur aus der Dummheit der Starken stammt. Chaos meinetwegen, wenn es sich denn als fruchtbar erweist. Aber nackter Raub, weil welche nicht mit ihren weniger gierigen Verwandten zusammenleben können, das muß vorbei sein.«
«Iemelian «hatte ein geschmeidiger Vorkämpfer des seltsamen Rechts geheißen, Kleidung zu tragen oder es zu lassen, im Nordteil der ersten der drei Städte.
Er war so weiß gewesen wie Sand und hatte die Elche der Gegend, in der man damals gerade erst das Skandinavische verlernte, lange beschützt, nämlich vor Wölfen, die sich nach der Befreiung oft wie toll aufführten. Es gab keine Foto- oder Filmaufnahmen von ihm, anders als von den andern frühen Identitäten des Löwen. Sein engster Ratgeber war ein belesener Eulenvater gewesen, der als Schneider zu einiger Prominenz gelangt war, nachdem die Protogente das Menschenjoch abgeworfen hatten.
Hemden für Vögel: Das hatte es vorher nirgends gegeben, und wenn man es auch nach der ersten weltweiten Festigung des Äons der Gente wieder seltener sah, blieb doch die kulturumwälzende Geste unvergessen, das stolze Zeichen: Wir müssen nichts missen.
«Wir kennen und können in allem mehr, nicht weniger. Überwinden heißt für uns erweitern, nicht ersetzen«, so hatte Iemelian gesprochen.
«Adrian «lautete die Signatur des größten nichtmenschlichen Baumeisters, der je gelebt hatte. Seine Steine machten sich die Räume zurecht, nicht umgekehrt wie vorher.
Das aus Trümmern und Schutt erstandene Borbruck verdankte ihm die Trägerkonstruktion für die großen Eisenschienen des Benzolrings, um den die dunklen, malefikalen Strukturen der Stadt bald darauf nach allen Himmelsrichtungen und in schwindelerregende Höhen geschossen waren wie Kristallgewächse, satt von Schwingungen. Man rühmte, wo man etwas davon verstand, Adrians Ingenium, die einfachsten Lösungen für die von den Menschen liegengelassenen Probleme des unitären Urbanismus zu finden. Sein Spürvermögen für Leylinien, seine nie erlahmende Lust daran, die von ihm selbst in den freien Raum gepflügten Stadtuntiefen zu erwandern und danach zu verbessern, waren Legende; man pries auch seine überragende Kenntnis der Hinterlassenschaften aller älteren Architekten und seinen aristokratischen persönlichen Stil.
Die vier schmalen Platinreife um Hand- und Fußgelenke, die man an Statuen sah, die Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden zeigten, hatte Adrian tatsächlich getragen; sein Erbe mit dem längeren Namen trug sie nicht mehr. Es war nicht nötig, man wußte auch so, wer er war.
«Vinicius«: Diesen geschickten Verhandlungsführer riefen noch heute die Kaufleute in Nöten an, weil er es, behaupteten die Gerüchte, gewesen war, der Ryuneke, den Wirtschaftslenker, in die Koalition der ersten die neue Zeit lenkenden Gente geholt hatte.»Wir brauchten Ryuneke und brauchen ihn weiterhin«, so predigte der Löwe, in dem Vinicius aufgegangen war, noch heute seinen Dachsen, Wölfen und Fledermäusen,»weil anders als mit einer neuen Art, Güter zu erzeugen und zu verteilen, die Selbstemanzipation des zweiten Tierreichs nicht zu vollenden ist.«
Bescheiden trat er mit dieser Erklärung hinter Ryuneke zurück; aber Vinicius selbst, nicht der Fuchs, hatte die Geschicke der neuen Erzeugungsweise nach den Erschütterungen der Befreiung entscheidend mitbestimmt, sie durch den Genstandard und dessen Entkopplung vom Geldverkehr gelenkt und alle nötigen Anpassungen verfügt. Die hundertfünfzigjährige sogenannte» Salomonabgabe «zum Zweck des gerechten Ausgleichs der Landtiere mit den Meeresbewohnern etwa war sein Werk, wie auch deren endliche Abschaffung, als die neuen Tauschmaßstäbe sich selbst bei den Atlantikern zu bewähren begannen. Am Tag, als Vinicius schließlich abtrat und seinen Geist zugunsten des vereinigten Löwen aufgab, vermachte er den Gente eine Trias überaus stabilwertiger allgemeiner Äquivalenzmittel: Gold, Pherinfoncodes, geprägte Femtofakturplättchen (letztere, scherzhaft auch» Münzgeld «genannt, wurden inzwischen beinah als eine Art Naturalien betrachtet; die Kontoführung der schwarzen Kassen in den Höhlen der Fledermäuse etwa basierten ausschließlich auf dieser Währung).
«Golden«: Wortgewordenes Eigenlob eines zuvor undenkbaren Zustands der Welt eher als ein Eigenname — dies war das Zeichen, an dem die Gente den Philosophen erkannten, der ihnen ihre Herkunft mit einem neuen Mythos verständlich gemacht hatte. Gerade denen, die den wissenschaftlichen Einzelheiten nicht folgen konnten oder wollten, blieb so erspart, auf die falschen Religionen der Vorfahren hereinzufallen. Goldens gesamte Lehre ergab sich aus einer einfachen Demonstration: Ja, es war möglich, aus etwas Unbelebtem etwas Lebendiges zu schaffen, aber das allein, wie diese an jeder Lesestelle für Pherinfone abfragbare Vorführung unwiderleglich aufwies, stellte keine ethisch relevante Leistung dar, weder im Guten noch im Bösen.
Wer Leben schafft, kann diesem Leben damit längst noch keine Bestimmung zuweisen. Nur weil einer eßbar ist, heißt das nicht, daß man ihn essen darf, und aus einem Tun folgt sowenig ein Sollen wie aus einem bloßen Sein. Als die Gente dies verstanden hatten, begann erst die allseitige Freiheit.
«Bene Gente «taufte man die Lehre flapsig; als Golden seinen Leib verließ, war sie den Tieren schon so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß dieser Name langsam in Vergessenheit geriet. Niemand wollte sie ja zu einer neuen Doktrin im Stile der Langeweile entwürdigen. (»Keine heiligen Schriften«, hinterließ Golden seinen Getreuen,»die Gefahr der Abschreibfehler ist zu groß.«)
Auf diesen Namen, diesen Gesichtern, diesen Taten gründete die Epoche, in der nur noch eine einzige Autorität galt — nicht die eines Gewalthabers, sondern eine, auf die man sich aus Einsicht und bewußtem Vorsatz geeinigt hatte: Person und Bild, Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden.
5. Lasaras Mutter
Fünf Jahre vergingen, nachdem die Kügelchenvergiftung ihre häßliche, aber notwendige Wirkung getan hatte.
Dmitri Stepanowitsch reiste.
Izquierda plante und baute.
Philomena log und kicherte.
Der Löwe träumte und sprach Recht aus dem Schlaf.
Dann geschah etwas Überraschendes: Lasaras Mutter ließ von sich hören.
Von ihr war lange nichts bekanntgeworden. Die Pherinfoplexe wußten bloß, sie habe sich, ihren eigenen Worten nach,»dafür entschieden, nach einer stark verbesserten Verkörperung zu suchen — verglichen mit der kruden, in der Vater Goldens Gente leben«.
Lasaras Mutter trug, ihrer Stellung angemessen, viele Namen.
Der bekannteste war der, mit dem sie sich während der guten Zeiten ihrer mehrfach geschiedenen und mehrfach wieder geschlossenen Ehe mit dem Löwen hatte anreden lassen: Livienda Iemelian Adrian Vinicius Golden.
Gern ließ sie das, schon um ihn zu brüskieren, selbst vom niedrigsten Besuch zu» Dame Livienda «abkürzen.
Vor Jahrhunderten, als sie den Löwen kennengelernt hatte, war sie, biologisch gesehen, ein Gründerschwarm gescheiter Insekten gewesen; ökonomisch und politisch betrachtet: eine inkarnierte Anleihe auf große Zwecke im transfiniten Genpool der ersten Pielapielimaten. Ihre Losung, damals an vielen Wänden in Borbruck zu lesen:»Alles muß sich ändern; wir sorgen dafür, daß es sich zum Guten ändert.«
Der Satz, verkürzt auf sein syntaktisches Stemma, diente Jahrzehnte nach Livendas erstem Verschwinden den Dachsarmeen im ehemaligen Europa und im früheren Asien noch immer als Signalentfaltungsschlüssel bei der EPR-Kommunikation. Der Gründerschwarm Protolivienda hatte als Militante, ja Militaristin gegolten; die Menschen in ihrem Umkreis hatten, solange es noch welche gab, wenig Freude an ihr gehabt.
Die Libelle Philomena band es nicht jedem auf die Nase, wenn man sie nicht direkt danach fragte, aber sie war ursprünglich ein aus der langen Rückgratskette jenes Gründerschwarms gesprengtes Glied gewesen, bevor sie zu sich gekommen war.»Ich binde im Zwinkertakt Eigenwerte an die kleinsten Rechenzustände«, hatte sie Dmitri Stepanowitsch einmal erzählt,»und wie das geht — wie man ›ich‹ sagt und wozu das nützt —, das habe ich von ihr gelernt. Sie war sehr groß damals, bedeutend und gefährlich.«
Als Livienda, seit Jahren verschwunden, nun wieder von sich hören ließ, richteten sofort Hunderte Foren und zahlreiche einzelne Gente Anfragen an die Archive: Wer sie denn sei, wie man sie sich vorzustellen habe, was sie wohl im Schilde führe.
Ihr erster neuer Forumsbeitrag, in einem abseitigen Gesprächsfaden der Weltkonversation der Gente (betreffend meteorologische Fachfragen), gab große Rätsel auf:»Ich werde den Himmel nie wieder so sehen wie vorher. Ich werde lernen, mich von gestern zu verabschieden.«
Die Pherinfone zeichneten ein merkwürdiges Bild von der Teilnehmerin, die diese Äußerung getan hatte. Das war ganz offensichtlich eine Maske, die sich aus alten Codes des gewesenen Gründerschwarms herleitete: Das Gesicht bestand aus Torf-Mosaikjungfern und anderen blaugrün schimmernden Insekten; geschwinde Splintböcke hielten den Kontakt der Hohen Frau zum festen Grund und Boden; Schmalbienen, Seidenbienen und Prinzenbienen bildeten den eigentlichen Leib und tanzten nach den verbindlichen Protokollen der geläufigsten Sprachen gentiler Ökotekturen. Nachforschende wurden auf sehr altes Material verwiesen.
Die Brautephemeriden waren seinerzeit kurz nach der ersten Eheschließung mit dem Löwen öffentlich gemacht worden; wer neugierig war, konnte noch heute alles darüber erfahren. Das ganze schwirrende Agencement, das Livienda damals gewesen war, hatte sich, verrieten die Ephemeriden, während der langen Zeit, in der Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden um sie geworben hatte, fast täglich vom Löwen dieselbe Vorhaltung machen lassen müssen:»Du bist reizend, meine Liebe. Aber von zwei Dingen bist du ungesund besessen: Das eine ist deine Autonomie; das andre ist deine Autotomie.«
Sie pflegte zu entgegnen:»Die Autonomie, da redest du von dir selbst. Die kümmert mich wenig, schon weil sie mit Autotomie, wie ich sie verstehe, nicht allzuleicht zusammengeht. Daß man mich zerbrechen kann, ohne mich zu vernichten, und daß meine Beweglichkeit nicht davon abhängt, ob ich mir meine Integrität zum Fetisch mache, der vom einen Augenblick zum nächsten unbedingt mit sich identisch bleiben muß, das wirst du noch als einen Vorzug begreifen lernen. ›Ich bin dies und das, der und der, ein großer Löwe‹: keine gute Idee. Gußeiserne Götter landen früher oder später auf dem Schrottplatz.«
«Ich mag deine lästerlichen Reden und deine liederliche Zunge«, schmeichelte der Verliebte.
«Meine Zunge ist viele Zungen«, erwiderte Livienda.
«Du besitzt eine Sprache, die ich verstehe, auf mehr kommt's mir nicht an. Und wenn du einen, sagen wir: frivolen Standpunkt zur Identität einnimmst, dann soll mir das…«
«Diesen sogenannten frivolen Standpunkt wirst du mir noch als Eigenschaft neiden, die alle meine andern von dir geschätzten Eigenschaften an Wert weit übertrifft.«
Der Löwe ließ es sich nicht nehmen, diese kokette Antwort mit einem Geschenk zu erwidern, das gerade beleidigend genug war, um lustig zu sein:»Hier, Schwarmgeist, hast du einen neuen Leibdiener, der dir zeigen wird, wie schön das ist, wenn man ein Individuum schurigeln kann und immer weiß, um wen es sich dabei handelt.«
Es war ein autotomes Laufschwein namens Hébert Loskauf, dessen lebenslange Ergebenheit der Löwe unter Brechung von ihm selbst erlassener Gesetze per Fesselpherinfonik an die Krabblergenomik seiner Braut hatte binden lassen. Er ging dabei davon aus, daß Livienda den Klugen, wenn sie seine vergnügliche Anhänglichkeit satt bekam, von ihren Bienen totstechen lassen würde.
Aber ob nun aus Mutwillen, Trotz, Schalkheit oder Perversion: Sie behielt Hébert Loskauf durch alle Anfechtungen und Stürme der Ehe, sorgte gut für ihn und machte ihn sogar, als sie im sechsten Löwenkabinett des zwanzigsten trikontinentalen Aedilstags zur Bevollmächtigten für Kladismus, Taxonomie und Gametenpartnerrechte ernannt wurde, zu ihrem persönlichen Referenten.
Das Laufschwein war schlau, pflichtbewußt und im Streit mit politischen Feinden stets tapfer.
Während der auf beiden Seiten grausamen Ausrottungsfeldzüge nach der Befreiung, als zweihundertvierzig Millionen Gente und drei Milliarden Menschen binnen weniger Monate getötet wurden, trug Hébert einmal wöchentlich schmutzige Liebesbriefchen, auf Menschenhaut geschrieben, zwischen den beiden Eigensinnigen von der Front ins Hinterland und zurück.
Selbst die Orkanwinde aus Giften wurden irgendwann müde in diesem Krieg; das Laufschwein nie.
Am Ende, hieß es in den Archiven, soll Livienda mit Izquierda und anderen Technikerinnen einen Weg gefunden haben, den Getreuen aus seiner Pheromonsklaverei zu befreien. Die Kur wurde verabreicht, aber Hébert Loskauf blieb dennoch bei ihr.
«Zur Identität bei bewußten Geschöpfen«, lautete eine der letzten Nachrichten, die Livienda ihrem Gatten vor der endgültigen Trennung hatte zustellen lassen,»gehört wenigstens die Illusion des freien Willens. Ein gutes Beispiel: Was mit deinem Geschenk passiert ist.«
Danach hatte sie hundertsiebzig Jahre abgeschieden gelebt, ohne Wortmeldung in den kollektiven Angelegenheiten der Gente.
Ihre offizielle Rückkehr nach dem Kügelchentriumph fand nicht in Gestalt eines persönlichen Auftritts statt — was immer» persönlich «bei ihrer bekannten Abneigung gegen identitäre Festschreibungen bedeutet hätte —, sondern bestand außer in dem rätselhaften Forumsbeitrag vor allem in einem finanzpolitischen Eingriff, dessen Durchführung in Borbruck von Hébert Loskauf überwacht wurde.
Auch das Laufschwein war lange nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Jetzt stellte es sich den Pherinfoplexen, nachdem erste Berichte von seiner neuen Rolle aufgekommen waren, und erklärte:»Madame wünscht ihren Verpflichtungen auf verantwortungsvolle Weise nachzukommen. Sie hat mich hierher nach Borbruck geschickt, um alte Irrtümer zu korrigieren.«
«Beabsichtigt sie«, wollte der Affe Stanz wissen, der sein als Künstler errafftes Vermögen inzwischen dazu benutzt hatte, sich in ein Aedilsamt einzukaufen, und kurz darauf zum Affensprecher für die Zwei-Städte-Koalition Borbruck — Landers gewählt worden war,»in die Politik zurückzukehren?«
«Das kommt darauf an«, Héberts Lächeln wirkte nicht völlig aufrichtig,»was man unter Politik versteht. Sie will ein Stiftungsstipendium ausschreiben, um das Gametenrecht von… Experten reformieren zu lassen. Sie hat, bevor sie mich mit dieser Aufgabe betraute, dem Empfinden Ausdruck verliehen, sie habe diesen Zweig des Genterechts in, ich zitiere, ›ziemlich zerwuscheltem Zustand‹ zurückgelassen, ›aus persönlichem Ärger über den Bock, der sich für einen Löwen hält‹.«
«Um wieviel Geld geht es?«hakte der Affe nach, ohne die antileonische Unverschämtheit zu kommentieren.
Hébert ließ eine Summe aufleuchten.
«Aber das…«, die zugeschaltete Revisorin der Getreidebank rang nach Atem,»ist so viel, daß man… wo nimmt sie so viel her?«
«Aus der Lasarastiftung.«
«Aber dann«, empörte sich Stanz,»liegt das Stammkapital blank. Das wird alle Zinsfilter abtragen, da kann doch…«
«Sie läßt ihr Kind, falls das deine Sorge sein sollte, nicht mittellos zurück«, Hébert Loskaufs Mimik verriet, daß er keinen Augenblick daran glaubte, das könnte wirklich die Sorge des Affen sein,»selbst wenn der Zinsertrag von diesem mutigen Vorstoß vielleicht auf ein, zwei Dekaden ohne Überbleibsel aufgezehrt…«
Wie erwartet redeten jetzt alle durcheinander:»Wer wird das anleiten?«,»Wer wird sie ausarbeiten, diese Reform?«,»Wo?«,»Wann?«,»Was für Gremien werden gebildet?«,»Welche Quasispezies sind vertreten?«,»Welche sollen vertreten sein?«
Das Laufschwein lehnte es wie angewiesen ab, sich dazu irgend zu erklären.
In Wahrheit hatten alle erforderlichen Vorbereitungen bereits begonnen; auch einige der Frager waren informiert und versuchten mit ihren Fragen lediglich, andere über ihren Wissensstand zu täuschen.
Das Laufschwein brach die Pressekonferenz ab und wandte sich konkreteren Geschäften zu.
Alle Gente wollten bald ihr Stück vom Kuchen.
Hébert Loskauf manövrierte umsichtig durch die beschleunigten Datenströme. Man drang besonders von seiten der atlantischen Botschaft in ihn, Personalentscheidungen zu treffen und auch bekanntzugeben; er hatte früh Fühlung mit den ozeanischen Nationen aufgenommen. Deren exzellente Rechtshistoriker, Gametenkasuisten und Raumordner wurden auf der ganzen bewohnten Erde geachtet. Es gelang Hébert, die heiklen Dinge immer genau so lange unter Verschluß zu halten, bis sie tatsächlich entschieden waren.
Unterdessen hielt er sporadisch weitere Pherinfoplexbegegnungen ab. Bald wurden sie zum zweiwöchentlichen Ritual.
«Wie befindet sich Livienda? Geht es ihr gut? Was für eine Gestalt hat sie?«
«Madame hat ihren langen Löwennamen abgelegt und durch einen nicht weniger langen ersetzt. Die Kennung wird gleich ausgegeben. Der neue Name…«
«Um ihren ehemaligen Gemahl zu beschämen?«
«Madame hat erklärt, daß sie nicht der Ansicht sei, er werde seinen vielen Titeln noch gerecht. Cyrus undsoweiter, das sei, sagt sie, eine lange Namensschleppe, die nicht verbergen könne, wie sehr sein Geist auf die Dimensionen seines Kopfkissens geschrumpft sei.«
Man lachte; wenn auch ängstlich.
«Wie sollen wir sie also nennen?«
«Informell hat Madame ihr Genügen daran, wenn man von ihr als ›Livienda‹ oder ›Dame Livienda‹ spricht. Gewissen, nun, sagen wir, stammesgeschichtlichen Investitionen, für die sie einzustehen wünscht, wäre es aber gemäß, wenn man sie in amtlichen und wissenschaftlichen Zusammenhängen bei ihrem neuen vollen Namen Livienda Sonya Gina Anya Katya Nisi Saba Scheba Mattha Catriona Elyce Finfin-Fain nennen würde.«
«Bezieht sich das auf eine Ausdifferenzierung von Sub-Individualitäten im Schwarm?«
«Gut, daß Sie das fragen«, das Laufschwein rümpfte putzig den Rüssel,»es gibt mir Gelegenheit, einem unvermeidlichen Mißverständnis entgegenzutreten. Madame hat nicht nur ihre Ehe mit dem Löwen gelöst, sie ist auch kein Gründerschwarm mehr. Die Hexapoden, deren, ähm, Gemeinwesen sie war, sind entweder tot oder in alle Himmelsrichtungen zerstreut, als nunmehr freigesetzte und«, Hébert zwinkerte, weil er wußte, daß sein Publikum die Anspielung verstehen würde,»auch autonome Glieder eines autotomen leiblichen Vorlebens. Im Gegensatz zu den Leuten, von denen ihr euch hier in den drei Städten und in Atlantis regieren laßt, also zweifelhaften Zelebritäten wie Philomena, Jodenzi, Kaneun und anderen ihres Schlags, wurden die Abgetrennten mit dem Geschenk vollständigen Vergessens ihrer pheromonregulierten Treuepflichten für geleistete Dienste mehr als großzügig belohnt.«
«Ganz ähnlich wie Sie selbst?«
«Kein Kommentar. Nun ja: Kein Kommentar in der Hauptsache, die ist privat. Zur Nebensache, um die es Ihrer Frage eigentlich geht, darf ich sagen: Ich setze meine Arbeit für Madame aus Treue fort, nicht aus Zwang.«
«Wenn Livienda kein Gründerschwarm mehr ist«, fragte der Zander Westfahl Sophokles Gaeta, der als Sohn des Sohnes des berühmten ersten atlantischen Botschafters in Borbruck zu den höchststehenden Bündnisgenossen des Laufschweins im politischen Spiel gehörte,»was ist sie dann?«
Das Laufschwein schüttelte den Kopf und schnüffelte. Nicht der große Haufen an den Tansceivern, wohl aber dieser Fisch verdiente eine aufrichtige Antwort, schließlich war er schon jetzt für eine der leitenden Positionen in der Administration von Liviendas Projekt bestimmt. Wie sagte man's ihm?
«Was ist sie?«fielen andre ein.»Wer?«,»Wie?«
Der Zander blickte Hébert unverwandt an.
Da verriet Hébert Loskauf mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern gerade so viel, wie er, im äußersten Bedrängnisfall, zu verraten ermächtigt war:»Sie ist, ich würde sagen: ein Baum geworden.«
«Ein Baum, wie…«
«Dringt nicht weiter in mich, Gente.«
«Aber die nötige Technologie…«,»…die Pfote Ryunekes im Spiel, wenn nicht…«
«Ihr irrt. Es hat…«, er lächelte melancholisch,»…zwar mit Proteomik zu tun, soweit das Wort außer von ›Proteinen‹ vielleicht ja auch vom ›Proteus‹ herstammt. Aber…«
«Ein Baum?«staunte ein verschlafener Halfterfisch, der sich in einer atlantischen Leuchtblase aufhielt und zu spät zugeschaltet worden war, um die abwehrende Haltung des Laufschweins zu genaueren Fragen mitbekommen zu haben.»Wie wurde sie ein Baum? Und sag uns auch: weshalb?«
«Auf dem normalen Weg. Und aus den Gründen, aus denen wir alle nach Wachstum streben«, versicherte das Laufschwein, das sich jetzt gefangen hatte:»Frucht, Sproß, Hauptwurzel, Seitenwurzeln, reckt sich, kommt aus sich hervor, strebt in die Sonne. Alles, was man schon während der Langeweile drüber wußte, gilt ja weiterhin.«
Westfahl Sophokles Gaeta ließ sich so leicht nicht abwimmeln:»Hébert, entschuldige, aber so geht das nicht. Wir fragen das nicht als irgendwelche Gente. Viele von uns, die heute hier teilnehmen, gehören zum vorgesehenen Stab des Reformprojekts. Wir wollen Livienda selbst sprechen.«
«Wozu?«Hébert war ehrlich verblüfft.
«Wir müssen ihr auseinandersetzen, was wir brauchen, wenn wir den Auftrag annehmen, wenn wir diesen — wie sagt man? Arbeitsausschuß von Rechtserforschern und Gesetzesverbesserern gründen sollen«, sagte der Zander.
Hébert schüttelte den Kopf:»Ich bitte euch, ihr klugen Gente, macht keine Gewissensentscheidung daraus. Sie hat ihre intimen Gründe, das soll man respektieren. Ihr könnt den Auftrag annehmen oder euch dem Wunsch von Madame verweigern. Sie treffen, mit ihr fraternisieren: das könnt ihr nicht. Der Baum, das muß ich euch sagen, steht an geheimem Ort, da soll er stehen bleiben, seinen eigenen Schatten werfen und nur von mir gesucht und gefunden werden. Ich bin Liviendas Vertrauter und darf euch nur so weit entgegenkommen, daß ich versichere: Einmal wieder, in veränderte Gestalt, wird sie sich unter die Gente mischen und teilhaben an ihrem — an unserem — Schicksal. Wenn die Zeit gekommen ist.«
«Sie wird die drei Städte aufsuchen?«
«Das habe ich nicht gesagt. Genug.«
Die Versammlung wurde zerstreut, die Verbindungen wurden gekappt.
6. Lust und Fortpflanzung
Héberts umsichtige Netzwerkarbeit, die Pherinfonkonferenzen und Einzelgespräche taten ihre Wirkung: Nach ein paar Jahren fanden die Gente der drei Städte zu einem Konsens, der besagte, daß Livienda für ihren Vorstoß großen Dank verdiente. Lebte man nicht wirklich, was die wichtigsten Gametenprobleme betraf, in beschämender Rechtsunsicherheit? Hatte man die Spuren der Langeweile überhaupt aus den vorherrschenden Fortpflanzungssitten getilgt? Gab es für die neuen Usancen irgendwelche Tiefengrundlagen? Nein, es gab» verknotete Gewohnheiten«(Livienda, aus Hébert Loskaufs Mund), eine allmählich erschlaffende Lust am Experimentieren, aber keine Ordnung.
Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden, so die übereinstimmende Meinung aller, die sich mit Héberts Mitteilungen auseinandergesetzt hatten, war offenbar nicht willens oder nicht in der Lage, die vorhandenen Verschlingungen mit einem Hieb zu durchtrennen. War es da nicht rechtens, ja ein Glück, daß Livienda Sonya Gina Anya Katya Nisi Saba Schebe Mattha Catriona Elyce Finfin-Fain sich von der geregelten Gesellschaft, die gar so geregelt nicht war, fernhielt, bis ihr Geld und ihre Förderung dafür gesorgt hatten, daß das Chaos überwunden wurde?
Die neue Akademie für Kladismus, Taxonomie und Gametenrecht wurde als wassergefüllter, mit allen nötigen Druck-, Nahrungskreislauf- und Lichteinrichtungen versehener Torus aus Fruchtglas unterm Benzolring ins Borbrucker Trägerbrückengeflecht eingepaßt.
«Meerestiefen, mitten in der Stadt!«schwärmte das omnipräsente Laufschwein in der Woche des Montagebeginns. Dann zog sich Hébert Loskauf eine Weile ins Kleinklein der präliminarischen Ausschußarbeit zurück und blieb schließlich selbst den orgiastischen Festen fern, für die ein großer Teil des Liviendaschen Werbebudgets im ersten Jahrfünft nach der Rückmeldung der ehemaligen Löwengattin verwendet wurde.
Die Bauzeit für den Torus betrug siebzehn Jahre.
Als sie beendet war, konnten die Atlantiker und einige wenige Kroyphäen aus anderen Lebensräumen, die mit ihnen intellektuell Schritt zu halten vermochten, in ihr neues Borbrucker Hauptquartier einziehen und das Titanenwerk in Angriff nehmen.
Geduldig saß Hébert Loskauf zwei volle Schweinealter in seinem Dachgarten unter den leuchtenden Kupferwolken auf der Südkante des Benzolrings.
Etwas regte sich von Zeit zu Zeit in seinen Ohren. Dann redete er, ohne daß sich seine Lippen merklich bewegten, mit der fernen Herrin. Wenn sie ihn fragte, wie es voranging, sagte er Sätze wie:»Ich bin zufrieden. Ich erlebe etwas Bedeutendes hier. Ich höre der Corioliskraft, der Abwärme, den Scherkräften, den Zugkräften, den Druckkräften, der Schwerkraft, dem Elektromagnetismus, der starken und der schwachen Kernkraft dabei zu, wie sie überschüssige Zwischenzeit aus dem Wohn- und Arbeitsbereich der Atlantiker pressen. Ich sehe, wie alle Kraftvektoren der Natur Übersprungsbeschlüsse der Unterausschüsse aus den Dokumentationen herausflensen und den Augenblick immer näher heranholen, an dem die zentrale Koordinationskommission ihre Funde und Urteile verkünden wird.«
«Wenn das so ist«, flüsterte die Stimme Liviendas, die niemand hören konnte außer Hébert,»dann bin ich ebenfalls zufrieden.«
Ohne Mandat verfolgte Hébert, wenn er schon mal da war, mit detachiertem Amüsement die seltenen Nachrichten vom auffälligen Verhalten der Herrschertochter Lasara.
Die Klatschplattformen der Pherinfonportale lebten seit einem Dutzend aufgeregter Sommer von nichts anderem als den Parties, Drogendelikten, Selbstverstümmelungen, Affären und theoretischen Leistungen des Wunderkindes, das sich im Okkasiviertel von Kapseits niedergelassen und sich in teils rührender, teils besorgniserregender Parodie der Vita ihrer Mutter mittels mehrerer Heiraten, Scheidungen, Identitätskollusionen, Partialabspaltungen und Rekombinationsmanöver viele extreme Erfahrungen und einige neue Namen zugelegt hatte.»Sie heißt jetzt Lasara Iemelian Oktet Chukwudi Ottobah Sandra Belle Placide Lais Olbers Vinicius Golden«, verriet Hébert seiner fernen Herrin.
«Wenn das so ist«, erwiderte sie, und es klang ihm inzwischen wie ein Wiegenlied,»dann bin ich darüber ebenfalls zufrieden.«
Lasaras Leben mochte ein einziger Unfall sein, ihre geistige Laufbahn war alles andere.
Nachdem sie mit einer makellosen Herleitung der» Abweichungen der Wirtschaftszyklen des befreiten Tierreichs von den national- und globalökonomischen Gesetzmäßigkeiten der Vorfahren während der Langeweile unter besonderer Berücksichtigung der eingetretenen Ungültigkeit des Okunsabyoschen Gesetzes von der Elastizität der Ratio des tatsächlichen zum möglichen produktiven Output eines gegebenen Erzeugungsraums «die Adlermedaille der wissenschaftlichen Gesellschaft des IV. Aedilskonzils gewonnen hatte, warf sie sich auf die Biologie.
Hier erwarb sie sich zunächst höchste Verdienste um die Renaissance der Idee der Orthogenese, ging dann zu deren politischer Nutzanwendung über, mischte also eine Weile unter atemberaubender Steigerung ihrer persönlichen Skandalrate in den obersten Rängen der polyarchischen Partei mit (mehrere Verhaftungen und demonstrativ harte Strafen im Zusammenhang mit Pielapielpalastbesetzungen, Pherinfonverkehrsdisruptionen und anderen Akten zivilen Ungehorsams, darunter der Organisation einer dreiwöchigen Massenblockade zweier Dachskasernen im Umland von Kapseits, waren die Höhepunkte ihres Engagements).
Als der dissidente Dachs Oudemans Dahl sich auf einer Sitzung des Parteivorstands mit donnerndem Groll gegen» pueriles Hysterietheater «und» reiche Schnepfen, die uns als Vehikel für ihre abstoßende Selbstinszenierung mißbrauchen «aussprach, lachte sie ihm ins Gesicht und erklärte formlos ihren Austritt aus der Partei:»Wißt ihr was? Leckt mich, ihr Leichen.«
Als ihr Ruhm nicht mehr steigerungsfähig schien, ließ Lasara ihren zahlreichen Bewunderern in allen einschlägigen Programmen der Schwingspiegel, Schirme, Blätter, Datenschaumkronen und Pherinfoplexe ausrichten, sie habe sich» im Beobachterparadox verfangen: Wir können nicht sehen, wie Gente sich aufführen, die von niemandem gesehen werden, und deshalb lege ich jetzt meine Namen eine Weile ab, auch mein Gesicht, das ihr alle dauernd küssen oder ficken wollt, und suche mir eine neue leibliche Konfiguration. Es ist nötig geworden, daß ich mir eine Weile selber aus dem Weg gehe.«
«Sie macht's, wie's ihre Mutter gemacht hat«, dachten und sagten viele.
7. Ob man der Tochter trauen sollte
Zwischen dem siebzehnten und dem achtzehnten Esprit-Fest, das Hébert Loskauf als besonders geehrter Gast der Hunde, der Katzen und ihrer gemeinsamen Ziehkinder in Borbruck verlebte, hatte das Laufschwein eine folgenreiche Begegnung: Die Libelle Philomena sprach bei ihm vor. Sie überbrachte eine Warnung des Löwen:»Livienda kann machen, was sie will, mit ihrem Vermögen und auch sonst. Aber das Unternehmen könnte sich als ein riesiger Mühlstein um ihren Hals herausstellten — der Reifen, den sie den Fischen gebaut hat, ist am Ende einer, durch den sie selbst springen muß, wie ein dressierter Pudel.«
Hébert Loskauf gab sich unbeeindruckt:»Ob ich dieses Zeug überhaupt weiterleiten will, weiß ich nicht. Das Motiv für die Drohung scheint mir allzu durchsichtig.«
«Drohung?«
«Er hält ihr vor, daß sie ihr Vermögen, auf das er keinen Zugriff mehr beanspruchen darf, zum Fenster hinauswirft, weil sie damit eine Aufgabe in Angriff genommen hat, vor der er sich seit Ewigkeiten drückt. Die Gente, Frau Libelle, fangen schon an, sich zu fragen: Warum muß eigentlich eine zurückgetretene Ministerin aus eigener Tasche finanzieren, was Aufgabe des Staates wäre? Er droht ihr, das Projekt zu sabotieren, damit sie es bleibenläßt.«
Philomena, deren Gesicht zu klein war, als daß sie Launen darauf hätte erkennen lassen können, erwiderte lässig:»Nun hab dich mal nicht so, kleines Schweinchen. Wenn seine Gründe, ihr zu größerer… Sparsamkeit zu raten, auch durchaus von der Art sein können, die du andeutest, so verdient seine… Mahnung doch, ernstlich erwogen zu werden. Ich nehme schließlich nicht an, daß Madame Livienda so ganz und gar abgeschnitten von den Nachrichten mit ihrer Krone raschelt, daß sie keine Kenntnis davon hat, was man über die Versuche der Fische in… ihrer Heimat behauptet?«
«Wessen Heimat? Liviendas?«Hébert war auf der Hut: Die Libelle versuchte ganz offensichtlich, ihn auszuhorchen.
«Ich meine, und du weißt sehr gut, daß ich das meine, das, was im Meer geschieht. In den… Tiefen und Untiefen, den Schlünden und… Schründen.«
Hébert zog das Schnäuzchen schief:»Die wilden Märchen von der Hasardeursphysik? Daß sie dort, unter Hochdruck, an Methoden gegen die Schwerkraft arbeiten und ihre Physiologie stärker verändern als die andern Gente je? Daß ihre Arbeit im Torus für sie nur ein Weg ist, uns Landbewohnern ihre Rechtsvorstellungen einzutrichtern, weil sie uns langfristig zu beherrschen vorhaben? Daß sie fliegen wollen und daß sie ihre Körper für die Eroberung der Luft, später des erdnahen, in noch fernerer Zukunft gar des interplanetarischen und schließlich des interstellaren Leerraums umrüsten?«
«Es ist alles… belegbar. Es gibt Bilder, Filme, Messungen. Subozeanische Beschleuniger von… Kontinentalplattenausmaßen, alteriertes Cavorit, Tanks voller entartetem Fermionengas, aus denen sie… Fahrzeuge bauen, die unsern trägen… Luftschiffen bald die Manövrierräume streitig machen werden.«
«Geschichten. Geschwätz von pressierlichen Dachsen, die nicht genug Feinde haben und gern mal wieder einen Krieg vom Zaun brechen möchten.«
«Der Löwe…«
«Ja, freilich. Immer macht er sich Sorgen, träumt seine Alpträume. Die Keramikungeheuer in Brasilien sollen ja auch so eine Bedrohung sein — ich frage mich manchmal, ob der Löwe nicht, falsch beraten von dir und Georgescu, einfach nach kriegsrechtsartigen Befugnissen schielt, ob er nicht die Vorfahrenunarten wiederbeleben will. Transkontinentale Sicherheitspolitik, sogenannte Abschreckung, am Ende umfangreiche Waffengänge, nicht nur gegen Menschen.«
«Du gehst sehr weit, mein… Schweinchen. Du wirst dir die Zunge verbrennen.«
Das war das letzte, was Philomena hören ließ, bevor sie grußlos davonschwirrte.
«Sie redet«, vertraute Hébert seinen Eindruck von der Unterhaltung einigen treibenden Blättern im Höhenföhn auf seinem Balkon an, die alles, was er sagte, zu Livienda tragen würden,»als wäre es ihr ein überlebenswichtiges Anliegen, daß man merken soll, wie sehr sie Livienda, von der sie stammt, verachtet und wie groß ihr Respekt vor dem Löwen ist, zu dem sie sich geschlagen hat. Wir kriegen hier neben den Polyarchen, den Dachsen und den Libertären bald neue Parteien, wenn wir nicht aufpassen. Und mit denen zeichnen sich auch schon wieder die Dinge ab, die wir aus der Langeweile kennen.«
8. Was der Zander fand
«Progressive Phylogenie«: Das Projekt, das Livienda angestoßen hatte, erhielt seinen offiziellen Namen von den Pherinfonnetzen. Man munkelte, der käme, auf Umwegen, von der» geschädigten «Lasara — sie stünde, um ihren alten Herrn zu desavouieren, aus der verlarvten Abgeschiedenheit ihres Untergetauchtseins heraus seit längerem mit Westfahl Sophokles Gaeta in Kontakt.
Der war es, der die neue Formulierung schließlich offen in Umlauf brachte — und als Kennung einem Riesenmolekül anheftete, mit dem allen Interessierten, und das hieß: den meisten Gente überhaupt, verkündet wurde, daß der große Tag gekommen war:»Erstmaliges vollständiges Zusammentreten aller Generalkommissionen sämtlicher atlantischer und sonstiger Experten im Gametenrechtsreformtorus am ersten Cusatag des neuen Jahres.«
«Wir entschuldigen uns bei allen, die auf unsere Arbeit an endlich zureichenden Rechtsgrundlagen für die geregelte Reproduktion hoffen, in aller Form dafür, daß das Plenum erst jetzt tagt«, erklärte Westfahl der Vollversammlung eine Woche später leicht verschnupft.
Ein paar weitschweifige Erklärungen folgten; der Zander beruhigte sich erst wieder, als er sah, mit wieviel Wohlgefallen das Laufschwein seinen gütigen Blick von der Loge aus auf dem Vorsitzenden und dessen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ruhen ließ.
Die eigentliche Auftaktrede konnte beginnen:»Hohes Kollegium, verehrte Aedile, liebe Freunde. Der historische Teil unserer Forschungen, die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Überwundenen, stellte uns in den letzten drei Jahren vor Schwierigkeiten, die nicht antizipiert worden waren, weder von der generösen Schenkerin«, ein nervöser Blick in Richtung Hébert Loskauf, ein verständnisvolles Nicken desselben,»noch von uns selbst. Allein die Kalender, die Daten, die Datierung selbst, der ungeheure biometrische Verhau des aus der Langeweile Hinterlassenen, all diese korrumpierten Informationen, der haarsträubende Unsinn von Religionen und Kulturräumen, der sich wie ein Schimmelpilz über alles Interessante gelegt hat und den davon abzulösen nicht selten auch die Unterlagen selbst zerstört — es war entsetzlich. Ein Beispiel: Islamische und chinesische Kalender waren lunar, christliche und buddhistische waren solar, ich weiß, die Worte sagen den meisten, auch den Fachgelehrten, nicht viel, aber wenn man biologische und geologische Zeiträume in Anschlag bringt… wer sich auskennt, wird wissen, daß erst ein läppisches Halbjahrtausend vergangen ist, seit der letzte wahre Weltkrieg tobte, und wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn die Verheerungen, unter deren…«
So ging das eine gute Weile weiter.
Héberts Aufmerksamkeit drohte bereits abzudriften, da kam der Zander endlich zur Sache:»Der bedauerliche Abhub dieses allesdurchdringenden, übelkeiterregenden Aberglaubens ist auch bei lebenswichtigen Angelegenheiten nicht aus dem Gewebe der von den Vorfahren erschaffenen und ertragenen Verhältnisse herauszutrennen. Das macht es besonders schwierig, sich auch nur die einfachste Anfangsübersicht zu erarbeiten. Liest man etwa davon, daß der Tatbestand des sogenannten ›Sodomism‹, also der spezifischen ›widernatürlichen Unkeuschheit‹ im Sinne des atavistischen menschlichen Gametenrechts, keineswegs erst dann erfüllt war, wenn der Same des Menschenmännchens in die für deren reproduktiven Empfang ja auch gar nicht hinreichend gerüsteten entsprechenden Gefäße einer der für niedrigerstehend gehaltenen Spezies eingeleitet wurde, sondern schon etwa ein geringer Teil desselben, der, ich zitiere, eine sogenannte ›Einpflanzung des Geblüts‹ sollte vollbringen können, so wird nicht nur Ihnen, meinen hier versammelten hochgeschätzten Kolleginnen und Kollegen, sondern gewiß auch dem anspruchslosesten Teil des gemeinen Publikums klar, daß das Ausmaß der metaphysischen Verirrung, die sich bis in den lexikalischen Bestand der uns zur Verständigung hinterlassenen Sprachen eingenistet und dort verfestigt hat, in feinster Verteilung, zartester Giftwirkung Schäden anzurichten geeignet ist, die unserer nun endlich mit Tatkraft und Weitsicht in die Wege geleiteten gigantischen Reforminitiative als Partisanen des Absurden, Unrätlichen und Verbrecherischen zu schaffen machen müssen, das wir zerstören und dessen unteilbar kleinste Bestandteile wir bis zur letzten Zeichenkette abtragen, ausmerzen, beiseite schaffen müssen, wenn wir jemals hoffen wollen, denen, die diese Erde bewohnen, verbriefte und unveräußerliche Rechte garantieren zu können, welche als verbindliche Grenznutzenbestimmungen für bislang verborgene Freiheitsgrade der Fortpflanzung die Diversität und evolutive Persistenz unserer fortschrittlichsten Quasigattungen stabilisieren helfen mögen.«
Der zwischen salbungsvollem Knödeltremolo und klinischer Genauigkeit changierende Tonfall verbarg arglosen Zuhörern erfolgreich die revolutionären Implikationen, die wahre Reichweite des Unterfangens, dessen erste Stufe mit der Einberufung dieser Konferenz genommen war.
Hébert Loskauf aber war alles andere als arglos. Er konnte die Erwartung grundstürzender Dinge bis ins Ringelschwänzchen spüren und war sicher, daß, mochten auch nicht einmal alle Anwesenden und sicher nicht die Mehrheit der pherinfonisch zugeschalteten Gente richtig auffassen, worum es überhaupt ging, zumindest der träumende Herrscher diese sanfte, aber nachdrückliche Herausforderung seiner Autorität unmittelbar begreifen mußte. Wie würde er sich verhalten?
Vielleicht verhinderte die äsopische Redeweise des Zanders ja, daß der Löwe bis zum Eingreifen gereizt wurde — ein Gedanke, der sofort zu nichts zerging, als Westfahl auf dem Podium fortfuhr:»Man hat uns also, das muß ich so grob sagen, einen greulichen Misthaufen aus falschen Ansätzen und verkehrten Begründungen zugemutet, als die richtige Lebensform für Gente, nach der Befreiung. Evolutive Vorteile, stabile Strategien, Selektion, immer dieselben Stichworte aus der Hoch- und Spätlangeweile — aber wer sagt uns überhaupt, daß wir diesen überkommenen Plunder nur mit einem Vorzeichenwechsel versehen müssen, vom Kopf auf die Füße stellen, von innen nach außen krempeln, um unsere Zukunft erfolgreich planen zu können, um unser Genomerbe zu schützen und, soweit möglich, zu verbessern? Ich kenne mich, um rasch persönlich zu werden, unter Wasser aus — schöne Farben hat meine Heimat, sie fördern den ästhetischen Sinn. Das sehen Sie, hier, oben, unten, überall im Torus — und die jüngeren unter den Antilopen haben«, er schenkte den Angesprochenen, die sich noch immer bewegten, als atmeten sie durch Mund und Nase (die Alterierung ihrer Physiologie mit Kiemen und stabilisierenden Flossen war ihnen selbst nach dem langen Aufenthalt im Torus nicht zur zweiten Natur geworden), ein freundliches Nicken,»uns gleich in der zweiten Woche unserer Arbeit hier eine schöne Studie über die genetische Abkunft der klassischen Fischfarben vorgelegt: je bunter, desto größerer Paarungserfolg. Gut, fein — kräftige Farben, das denkt man sich leicht, stehen für ausgezeichnete Gesundheit — aber woher wissen wir, daß das nicht einfach eine Überlebensfrage war, daß also etwa Jäger bunte Beute verschmähten, weil man an der Buntheit sah, daß diese Protogente fliehen würden, also zuviel Hatzaufwand erheischten? Männliche Lerchen singen ihre berühmtem Lieder, wenn sie von Falken verfolgt werden, nicht nur als Ouvertüre zum Vögeln. Überhaupt scheint mir, auch im Lichte der berühmten ökonomischen Outputergebnisse von Lasara Iemelian Oktet Chukwudi Ottobah Sandra Belle Placide Lais Olbers Vinicius Golden«, Hébert zuckte zusammen, wie er hoffte, unmerklich: Was für ein gefährlicher Name, was für eine politisch riskante Nennung in diesem Kontext, der Zander ließ wirklich nichts aus,»in den Präliminaruntersuchungen dieser Arbeitsgruppe eine falsche Betonung der Nutzfaktoren sexualbegleitender Unterschiede zwischen dimorphen Spezies gegenüber einer realistischen Betrachtung von deren Kosten vorgeherrscht zu haben — ein Vorurteil, dessen wir uns inzwischen schon bei vielen weiterführenden Studien glücklich entledigt haben, genau wie des falschen Verständnisses der sozialen Eigenarten unserer Ahnen, der falschen Maße der Partnerwahlquoten und so weiter. Aber ›fortschrittlich‹, meine Freunde, können wir das alles nur nennen, wenn wir uns unserer Zielsetzung dabei bewußt werden, wenn wir sie unbeirrbar verfolgen, wenn wir uns nicht mehr abbringen lassen davon. Wie lautet sie? Das läßt sich simpel sagen: Wie können wir die maximale Vielfalt innerhalb der verbliebenen äußerlichen Arten sowie hinsichtlich der Anzahl der überhaupt vorhandenen Varianten mit dem Überleben der Tierwelt, der Biosphäre insgesamt, im Lichte erwartbarer wie unerwartbarer Gefahren auch gametenpartnerrechtlich, nicht nur militärisch, sichern?«
Die Stille, die dem Zander antwortete, meinte unmißverständlich Zustimmung.
«Das ist es«, bekräftigte Westfahl,»und nichts sonst. Mit der Möglichkeit erneuter Auslöschungen großen Stils muß immer gerechnet werden«, das Laufschwein sog scharf Atem durch die Nasenlöcher ein: Der Zander kam zum riskantesten Punkt,»auch im glücklichen Zeitalter, das wir bewohnen, selbst im ewigen Frieden, den man uns verspricht. Der Löwe Cyrus Iemelian Adrian Vinicius Golden hat uns eine neue Lebensweise geschenkt. Wir ehren ihn nicht, indem wir sie unbesehen so belassen, wie sie an ihrem Ursprung ausgesehen hat.«
Eine höflichere Majestätsbeleidigung war nicht denkbar.
«Niemand hat sich bis jetzt ernsthafte Gedanken darüber gemacht, ob wir die letzten Menschen beseitigen, in Reservate wegsperren, unserem Genpool zuführen, optimieren, in unsere Gesellschaft einladen sollen, oder was wir sonst mit ihnen tun und inwieweit das mit dem harmonieren kann, was wir untereinander anstellen. Die Frage nach dem Sodomism, wenn der ulkige Ausdruck gestattet ist, stellt sich erneut, aber in umgekehrter Richtung. Denn was uns jetzt bedroht, hat diese Frage auch gestellt und sie beantwortet. Das Schlimmste ist: Wir wissen nicht einmal, wie. «Er unterließ die Nennung des Namens, aber nicht nur Hébert Loskauf wußte, daß von Katahomenleandraleal die Rede war.
«Das Verhältnis von Sexualität, Fortpflanzung, Überlebenserfolg, Kampf, Krieg, Ausrottung ist zu sichten, durch alle in Bewegung geratenen Taxa hindurch, und aus dem, was diese Sichtung ausweist, sind die Konsequenzen zu ziehen. Wir werden das Faktenmaterial erarbeiten — wir haben bereits begonnen, die ersten Funde sind äußerst vielversprechend —, die Entscheidung aber treffen alle Gente, wir, als Gemeinwesen. Wir müssen sie bald treffen. Wir dürfen nicht säumig bleiben, bei Strafe des Untergangs.«