1. Hinauswurf
«Geh doch zurück, in die Gräben zwischen den Burgen, wo ihr euch um den Verstand freßt und rammelt, oder scher dich gleich nach Norden, wie wär's mit Syrtis Major Planitia, oder Vastitas Borealis, wo keine Burgen mehr sind und dir der Arsch zufriert! Du gehörst nicht unter Aristoi, nicht unter Leute, du gehörst nicht mal hierher, und nicht auf die Erde und auch nicht auf die Venus. Man sollte dich mit einer Rakete auf den Pluto schießen und vergessen!«rief Eon Nagegerg Bourke-Weiß im jähzornigsten Ton und warf die erstaunte, halb besinnungslose Padmasambhava mit zwei wohlabgezielten Tritten, locker aus dem rechten Bein geschlenzt, zur Tür hinaus.
Die Vertriebene schleppte sich mit stummer Betrübnis bis zu einem nahen farbigen Brunnen, in dem Honigwasser sprudelte, setzte sich auf den Rand und dachte: Da muß ich nicht mal das Buch des Lebens anrufen, das verstehe ich auch so, kalt, wie ich bin und immer war, er hat wohl recht: die Vastitas, ja, oder Pluto, richtig. Pluto hatte man, wie die Archive wußten, einst als Planeten der Sonne eingestuft, während der Langeweile, also gewissermaßen in den Kreis der respektablen Himmelskörper aufgenommen, so wie die Aristoi sie liebend als ihresgleichen behandelt hatten, sie, die herzlose rote Echse aus den Kriegsgräben des experimentum crucis, die nie drauf achtete, was Eon für Bedürfnisse hatte, und immer nur ihren eigenen ehrgeizigen Spinnereien nachgehangen war.
Pluto, das bin ich: kaum Masse, verglichen mit den anderen Planeten, ein Einsiedler, von der Wirklichkeit abgewandt, mit einer Umlaufbahn von siebzehn Grad Neigung gegenüber der Orbitalebene der anderen acht. Wenn Pluto sich von der Sonne wegbewegt, gefriert seine Atmosphäre und fällt als Schnee auf die Polkappen. Am Punkt der weitesten Sonnenentfernung ist die gesamte Atmosphäre verschwunden, dann treibt der Himmelskörper als seelenloser Ball aus Eis und Fels durchs Vakuum.
So wie ich jetzt durch mein, wie sagt man? Leben?
Wer will mich noch? Zu wem paß ich schon? Raphaela wird ihm sagen: Ich hab dir gleich davon abgeraten, das Monster wie eine Tochter zu behandeln.
Und warum hat er mich überhaupt so lang behalten? Um meinem Wachstum zuzusehen (eine leise, etwas verbitterte Stimme, die redete, als sei sie das Buch des Lebens, aber mit kursivem Text, wisperte dazwischen: um deine Brüste beim Wachsen zu beobachten, deine Hüften dabei, wie sie sich verbreitern, und um dich, wie die abscheulichsten unter seinen Freunden über euch Echsenmädchen sagen,»einzureiten«, bis du ihm paßt), um mir Geleit zu geben, um mich zu erziehen, aber jetzt, da ich erwachsen bin, bin ich auch unerträglich.
Raphaela hat's gesehen, die konnte mich gleich nicht leiden.
Was will ich bei den Aristoi? Ihr liebstes Adjektiv ist» nobel«, meins» rot«, ich komme nun mal aus den Tälern, aus Rauch und Blut.
Die Selbstvorwürfe halfen nicht. Ihr linkes Hüftbein tat ihr weh.
Aus Liebe zu Eon hätte sie gern die Tatsache der harten Trennung geleugnet, wenn nicht der Schmerz sie jede Minute unwiderlegbarer gemacht hätte. Mit einem tiefen Seufzer gab sie also zu, daß es war, wie es war, ließ eine Träne fallen und machte ihrer Beklemmung durch eine wohlgesetzte Klage Luft:»Auch Eon ist einfach… wie die andern Aristoi, die mich am Anfang umworben haben, gekitzelt, gestreichelt, beschenkt, sich mit mir geschmückt auf den Festen, wo ich herumgereicht wurde wie ein seltener Stoff aus einer der nördlichen Burgen. Auch Eon beweist mir nur, daß die in den Gräben recht hatten, die alle Aristoi treulos, unbeständig, oberflächlich nannten? So empfindlich muß ich überführt werden, daß ich in einer blinden Bezauberung befangen war, als ich diese verkleideten Ungeheuer großzügig fand? Oh Eon! Warum reißt du mir die lidlosen Augen noch weiter auf? Nein, es ist nicht möglich. Du warst es nicht, ich habe geträumt. Breite deine Arme aus, wie ich meine Flügel! Ich komme zu dir zurück!«Sie wollte in der Begeisterung, die gedrechselten Worte im hohen Ton der Aristoi noch auf den Lippen, abrupt aufstehen, um sich» an seinen Busen «zu werfen, aber sie konnte sich nicht vom Brunnenrand erheben — die gelähmte Hüfte zog sie wieder zurück, daß sie vor Schmerz laut schrie.
Zur Vergrößerung ihres Kummers mußte der ungetreue Eon ihr gleich gegenüber, eine andere Silhouette halb verdeckend, wohl vor ihrer Nebenbuhlerin — vielleicht ja schon Raphaela? War sie übers Dach gekommen, mit einem Chopper? — , am Fenster stehn und mit der ausgelassensten Fröhlichkeit über die Echse spotten; wenigstens gab sie seinem Lachen diesen Sinn. Ja, er war es, sagte sie endlich leise zu sich, er war es, der Herzhund, die Nashornkuh! Er hat mir meine Hüfte zerbrochen, er hat geschafft, was die Kämpfe nicht fertigbrachten: mich zum Krüppel gemacht. In diesem Ton fuhr sie noch lange Zeit fort und unterbrach das nur, um einen Schluck Wasser zu trinken, sich etwas davon auf die Haut zu reiben.
Ein Mann und ein zylindrischer Roboter kamen jetzt auf sie zu — zwei Gestalten, die sie schon von weitem haßte, weil das Mannsgesicht eine so fröhliche Miene trug, als wenn die Glücksgöttin seine leibliche Schwester wäre. Schließlich erkannte sie ihn: der Clown, die Puppe, Sankt Oswald, ab und zu Gast bei Eons Gelagen. Er grüßte sie freundlich, da war ihr, als bliebe die Zeit stehen, oder hängen, als etwas — das Buch des Lebens? — ihr eine merkwürdige Gedankenkette eingab: Pluto bist du? Ein Planet mit seltsamer Umlaufbahn, eisig und dem Rest des Sonnensystems für immer entrückt? Was ist dann er, der nicht zu den Aristoi gehört und sich doch unter ihnen bewegt — könnte er Charon sein, dein Begleiter?
Sie lächelte, das erste Mal seit Wochen, daß sie dazu Anlaß fand.
«Hast du schon gefrühstückt?«fragte die Puppe im Näherkommen, glänzend aufgelegt — er hat neue Arme und Beine, dachte Padmasambhava, wo kriegt er die immer her?
2. Die Kunst der Rattendressur
«Ah«, machte sie,»oh «und» ihgitt«, als er ihr seine schlimmsten Schätze zeigte,»ganz schön rot.«
Er hatte inzwischen gelernt, das Adjektiv für sich zu übersetzen. Die Hausgemeinschaft raufte sich mit jedem Tag besser zusammen; so wußte Sankt Oswald, daß der Satz ein Kompliment war, für die Monster in den Einmachgläsern — glubschäugig, bucklig, kielkröpfig, vom eigenen Unschlitt beschmiert, mit dem eigenen Magen nicht selten identisch, mit Krallen besetzt wie eine Riesenpusteblume mit Samen oder scharf achtbeinig.»Das war die Vorform der Art, die du als Erzspinnen kennst. Die haben sich dann selber neu zurechtgeklont, jetzt gehen sie aufrecht. Ah, und die Hautflügler da — ich will dich nicht beleidigen, aber so was ist mir immer besonders garstig vorgekommen, wenn etwas Flügel hat, die nicht zu ihm passen.«
Die langen Regale mit den Präparaten, im Laufe vieler Jahre von Sammelrobotern aus den Gräben mitgebracht, standen im obersten Zimmer des eigenartigen Turms, den die Gliederpuppe bewohnte, Fremden verschlossen.
Hätten sie dieses oberste Zimmer betreten dürfen, so hätten die Aristoi rasch bemerkt, daß es zugleich das unterste war, einer Drehung in der vierten und einer halben in der siebzehnten Dimension entsprechend, die seinen Architekturmaschinen die Gönnerin Cordula Späth beigebracht hatte:»Was soll ich sonst mit der Technologie anfangen, außer sie denen schenken, die ich mir verpflichten will? Also, kapier's: Wenn du rückwärts wieder rausgehst, bist du im zweituntersten Stock, zu ebener Erde, als wärst du aus dem Keller gegangen, und wenn du dort vorwärts reingehst, kommst du in den andern Dachboden. Lustig, was? Ryu hat die Technik damals bezahlt, nicht allein, aber, hm, den Löwenanteil, ha ha. Ist von Leuten im Pentagon entwickelt worden, als superraffinierte Tarnressource — da hat der blöde Computer im Dschungel sie dann später auch hergehabt, darauf hat er aufgebaut, so konnten seine Keramikaner… egal, ich hatte das ganze Wissen da ja schon längst in meiner entsprechenden Hirnrindenfaltung, weil ich die große Selbstveränderung ganz anders aufgefaßt hab als der Löwe und seine Leute. Er hat mir deswegen, kurz bevor ich seine… traurige Zivilisation verlassen hab, große Vorwürfe gemacht: Cordula, bitteschön, wir transformieren die gesamte Biologie, das ist doch wirklich Revolution genug, wie kannst du da auch noch an die Physik Hand anlegen wollen? Immer dieselbe alte Befangenheit, als wollte er, wie die frühen Gegner jeder Biotech, damit sagen, es gibt Dinge, die man nicht wissen und schon gar nicht antasten darf. Klar gibt es die, quod erat demonstrandum, aber die Grenze bestimmt doch nicht irgendeine politische Opportunität für so ein Königsdrama, wenn… Na ja, Schnee von gestern.«
Padmasambhava schluckte trocken:»Und das bin ich.«
«Du? Na…«
«Das ist das Templat für…«, sie stand vor einer langen Röhre, in der etwas beißwütig Stachliges den ewigen Schlaf schlief.
«I wo, das ist… das zu beschaffen war am teuersten. Da mußte ich mit Herzhunden handeln, die übrigens nicht von Wölfen, sondern von Füchsen stammen, weswegen der Name Hund… ja, jedenfalls, dies hier ist ein Seitenarm der Entwicklung«, sagte Sankt Oswald, griff sie am Arm und führte sie hinaus.»Ich wollte dir's nur zeigen, damit du siehst, warum ich vom experimentum crucis nie allzuviel gehalten habe.«
Das wußte sie längst. Trotzdem gab es ihr Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die sie derzeit beschäftigte:»Wie wird das experimentum eigentlich… isoliert, ich meine, wie schaffen es diejenigen Aristoi, die unbedingt wollen, daß es weiterläuft, Kontaminationen fernzuhalten, das experimentum auf Kurs zu ähm…«
«Ah, du möchtest wissen, wie man es gegebenenfalls beenden könnte, was?«
Sie zog ein Gesicht, das zugab: Er hatte ihr Motiv erraten.»Na ja, ich denke«, er grübelte kurz nach und fummelte dabei an seinem Hemd herum, der Kragen saß nie richtig,»…hm… man müßte zunächst mal die Hormonzusätze reduzieren, drosseln, langsam abbauen, die Sachen im Wasser, in allen euren freien Nahrungsketten… entschuldige das ›euer‹, du bist ja jetzt hier«, sie wedelte die Bemerkung ungeduldig weg, er fuhr also fort:»…und dann gibt es da… na ja, die Steine, auch der lockere Boden, das steht — du wirst es gemerkt haben, hier bei uns fällt dir das Gehen leichter, du bist nicht…«, es stimmte, sie nickte, jeder Tag in der Burg war ihr, im Vergleich zum früheren Leben, aus Gründen, die sie nie näher untersucht hatte, wie ein Gang auf Watte, auf Wolken vorgekommen,»…wir legen… die Adligen legen eine Art Kriechspannung an, die Erde, die Felsplatten, das ist alles metallisiert und dann… es schießt immer wieder Strom von unten in euch. Und die Luft trägt Erreger und andere Stoffe, die eure Atemwege irritieren — also, wer am experimentum teilnehmen muß, durch Geburtszufall, nicht wahr, ihr… werdet ständig mit Vorsatz gereizt. So ist das. Hier könnte… hier müßte man ansetzen, wenn einem dran gelegen wäre, den Echsen… die Zähn… ja, und dann, also langfristig wäre dann das Genetische… auch da wird immer wieder… Und über Nahrung — ihr kauft ja Ergänzungs… ihr kauft ja… Beilagen zu euren Schlachtfesten bei den Nashornkühen draußen, richtig?«
«Weil die Zeit haben für den Ackerbau, auf ihren Streifen, klar«, sagte Padmasambhava und kam sich sehr dumm vor, als er ihr bestätigte, was sie bereits befürchtete:»Die Schwestern sind, na ja, nicht direkt unter Vertrag, aber wir geben ihnen Dünger und helfen ihnen mit Kunstsonnen aus und… dafür stellen sie sicher, daß die Früchte, das Gemüse, alles, was die Echsen bei ihnen erwerben, immer wieder den Nachschliff eures Stoffwechsels besorgt, falls einmal zu viele kooperative Verhaltensweisen… Die Keimzellen werden auf komplizierten biochemischen Wegen…«
«Danke, das reicht. «Padmasambhava lehnte sich an ein Bibliotheksregal und zog einen furchtbaren Flunsch.
Sankt Oswald grunzte, dann wurde er unerwartet sarkastisch:»Ach, das reicht dir schon, ja? Und die Erdstöße, glaubst du, die sind naturgegeben?«Seine neue Schülerin machte große Augen:»Du meinst… es gab natürlich immer mal wieder Beben, meistens wenn…«
«Wenn die Fronten zu übersichtlich wurden, nicht wahr?«Er zog die Brauen hoch. Es wäre komisch gewesen, wenn seine Stimme nicht diesen finsteren Unterton gehabt hätte:»Das haben sie vom alten Hebräergott, der hat auch sofort die Sprache verwirrt, damit nur ja keine dauerhaften Koalitionen zustande kommen, die sein Herrschaftswissen gefährden — kaum rotten sie sich zusammen und wollen einen Turm bauen, um mal bei ihm nachzugucken, über den Wolken, schon setzt es was… Sobald ihr Anstalten macht, euer Leben, such as it is«, er liebte die uralten Sprachen,»selbst zu regulieren, sobald ihr seßhaft zu werden droht, eine Siedlung gründet, Waffenstillstände aushandelt, werdet ihr aufgeschüttelt. Das verfängt, das bleibt im Gedächtnis haften, und früher oder später bildet sich sogar eine Tradition heraus, die…«
Padmasambhava wußte nur zu genau, was er meinte. Städte gründen, Anlagen bauen: Das empfand ihresgleichen als schwere Sünde. Und wenn sie sich jetzt fragte, ob bei allem, was ihr das Buch des Lebens früher auf Nachfrage über die Tiefengeologie des Mars verraten hatte, überhaupt wahrscheinlich schien, daß häufige Verschiebungen der Kruste vorkamen, so mußte sie zugeben, daß dem nicht so war. Es war immer nur eine Suggestion im virtuellen Auskunftsraum gestanden, als gäbe es da nicht näher zu bestimmende Analogien zur Plattentektonik der Erde.»Also das… das ist perfide. Wirklich.«
Sankt Oswald gab ihr recht: Er schüttelte sich, als wollte er giftigen Staub loswerden, und sagte:»Eben, meine Rede. Diese Verschwendung! Arbeitsstunden, Rechenzeit, das Einziehen der Stoß- und Schockgitter unter dem Marsmantel, und für was? Für eine Nagelprobe auf die Theorie von der Kampfeslust als Evolutionsbeschleuniger. Pfft. Was soll der Dreck? Schlag's in deinem Buch des Lebens nach, das ist nichts weiter als, wie sie in der Vorgeschichte gesagt hätten, Futurismo. Mafarka. Marinetti.«
Die Gliederpuppe sagte das so —»dein Buch«—, als wäre diese Quelle trübe; jedenfalls nicht mit dem Respekt, den Padmasambhava erwartete. Allerdings war ihr Glaube an die Allwissenheit des Buches ohnehin erschüttert. Denn ihr Asylgewährer hatte ihr mittlerweile so viel fehlende Information aus seiner Spintronik in ihre überspielt, Dinge, die sie zwar nie vermißt hatte, die aber viel erklärten, daß sie das Buch inzwischen fast als Sammelsurium von Halbwahrheiten empfand. Besonders bestürzend war, daß sie nicht mehr verstand, daß ihr der ganze Zusammenhang nicht viel früher aufgefallen war: Wie konnte mich das nicht interessieren, wie diese Welt zu ihrer Atemluft gekommen ist, warum sie in den letzten tausend Jahren zusehends bewohnbarer wurde, was für Sperren, was für Blockaden, welche Zensureinrichtungen haben mich daran gehindert, herauszufinden, daß das Buch nichts gewußt hat übers Ausstreuen des dunklen Staubs, der das Sonnenlicht bei sich behalten hat, über die Spiegel in der Umlaufbahn, übers Schmelzen der Polkappen zur Gewinnung gasförmigen Kohlendioxids, über die Verdickung der sich bildenden Atmosphäre in den tieferen Kratern, über die Zelte, über die Photosynthesephase, über die Nahrungsketten, über die Etablierung der Burgen da, wo die ersten lokalen Ökotekturen aufblühten, und schließlich über die Implementierung des experimentum crucis in den Gräben, als eine Art Schmuck am fertigen Bau.
Futurismo?» Ich schlag's nach«, versprach sie ihrem Hausgenossen.
Sankt Oswald winkte ab, dann fiel ihm noch was ein (und sie sah sich um, über die Schulter: Ist nicht doch das da meine Mutter, dieses Zackentier, statt der Luchsin, von der das Buch spricht?):»Was lernen wir aus alledem? Wie hat ein Weiser mal gesagt: Ja, man kann eine Ratte dressieren. Wenn man stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang mit der Ratte arbeitet, dann kann man eine Ratte dressieren. Aber alles, was man dann hat, ist eine dressierte Ratte.«
3. Akkorde statt Treppen
Das Leben in Ausschweifung, das Padmasambhava im Haus (»am Hof «sagte sie jetzt gern) von Eon Nagegerg Bourke-Weiß geführt hatte, ließ sich bei und mit Sankt Oswald nicht fortführen.
Obwohl er mitunter an den obligatorischen Orgien teilnahm und ab und zu auch, seinem Stand als den Aristoi irgendwie seitlich Affiliierter gemäß, bei sich selbst welche abhielt, spielte derlei in seinem Leben eine untergeordnete Rolle. Sie war's zufrieden, hatte» den Blödsinn «ohnehin satt und nahm sich lediglich einen jungen Geliebten. Sankt Oswald sagte:»Ja, laß dich mit einem von diesen Knaben in Strumpfhosen ein, mit schwarzer feuchter Nase und Fell auf der Schulter, dann bist du die Sorge los, wer dir nachstellt.«
Der Kerl war» ursuform«, wie das Buch des Lebens ihr verriet, das heißt: ein Humanoide mit Bärenanlagen. Er bewährte sich als guter Liebhaber, großzügiger Wirt, führte sie in Konzerte und Museen, zeigte ihr auch die andern Burgen, nahm nicht zuviel von ihrer Zeit in Anspruch und hieß Lodas Osier (sie mußte das öfter im Buch nachschlagen, es entglitt ihr immer wieder, wer und was er war, nämlich vor allem ein bißchen gesichtslos und ein wenig zu schlank — auf dem Schlachtfeld hätte sie ihn mangels Masse nicht einmal gefressen).
Lodas Osier besaß ein Luftschiff, von dem aus man die Burgen verlassen und das Getümmel in den Gräben verfolgen konnte, was sie besorgter und neugieriger tat, als ihm auffiel, der solche Ausflüge nur für einen besonders dekadenten Spleen seiner Liebsten hielt.
Da sie ihm bei diesen Touren durch die Luft ein bißchen davon verriet, wie sich das Dasein aus der Sicht der Kämpfenden ausnahm, gab sich der Arme eine Weile, als teilte er die agonale Weltsicht der Grabenbewohner: Er rempelte auf Festen Bekannte an, übte sich in Kampfsportarten, entwickelte eine ganz überflüssige und schrille Eifersucht gegen andere Liebhaber der Echsenfrau, besonders den dummen Eon, der doch nur bei den langweiligsten Orgien überhaupt noch zum Zuge kam, und führte schließlich die seit vierhundertvierzig Jahren vergessene Unsitte des Sichduellierens wieder in der heimatlichen Burg ein. Zweimal schlug er sich nach atavistischen Regeln mit Eon Nagegerg, beide Male wurde er getötet und natürlich umgehend wieder auferweckt, dann verlor er glücklicherweise das Interesse an der ganzen primitiven Idee, hatte aber unterdessen Nachahmer in anderen Burgen gefunden. Wäre er in dieser Sache nicht schließlich zu Verstand gekommen, dachte Padmasambhava, gleichermaßen abgestoßen wie gereizt, so hätte sie ihn vielleicht doch noch gefressen.
Jede Minute, die sie nicht mit eitlen Beschäftigungen an der Seite ihres Galans verbrachte, schenkte sie der Erziehung durch Sankt Oswald und seine Roboter.
Hinter allem, was die lehrten, stand, wie er bald verriet, seine Prophetin und Bekannte, Frau Späth:»Die darfst du fürchten. Sie hat direkt unter der Nase der Herrin der Erde gelebt, sie kennt Katahomenleandraleal persönlich.«
Viel von dem, was unterrichtet wurde, eigentlich das meiste, hatte mit Musik zu tun, und mit Mathematik: die Abbildbarkeit von optischer Wahrnehmung euklidischer und nichteuklidischer Projektionen in Mustern auditorischer Wahrnehmung. Kontrapunkt. Infinitesimalrechnung. Lieder der ausgestorbenen Vögel und Wale der alten Erde. Die ehemalige Echse lernte, Akkorde in Treppen zu übersetzen. Morphismen zwischen Architektur und Klang waren sogar das Herz der Ausbildung. Ihr» Gesellenstück«, wie Sankt Oswald sagte, bestand darin, die Form des vier-zu-siebzehn-dimensionalen Turms, in dem sie mit Sankt Oswald lebte, in einem Kanon zu codieren, Frequenzen wurden ihr zu Faserbündeln und umgekehrt, die tongrammatischen Regeln der Vorzeit, von der Sonatenform bis zu den Clustern, an denen sich die Aristoi berauschten, mußte sie zergliedern und Stemmata dafür schreiben lernen. Musikinstrumente waren mit dem abstrakten Begriff des nichtlinearen Oszillators zu vermitteln, das Verständnis der Vibration von Saiten verlangte ihr die Erarbeitung eines nahezu vollständigen neuen Systems der Physik ab…
«Ich frage dich lieber nicht, wozu ich das alles brauche«, sagte die Echse,»aber es wär schon lieb, wenn du mir zum Lohn für die Torturen wenigstens erklärst, was ich sonst so wissen will, auch wenn es sich um Dinge handelt, die… weitab liegen von Musik und Mathematik.«
«Was wüßtest du denn gern?«neckte er sie.
«Geschichte.«
Also gingen sie gemeinsam, unterstützt von einer wahren Sintflut an altem Bild- und Tonmaterial, die seine Spintronik barg, noch einmal den gesamten Gang der Angelegenheiten des Lebens seit der Befreiung des Gentegenoms von den Zwängen der Langeweile durch — erstens im Gröbsten: wie der Löwe zu seinen proteischen Mitteln gekommen war und woher er seine prometheischen Zwecke hatte; warum man so lange gebraucht hatte, die Menschen, obwohl sie bereits besiegt waren, aus den Ökotekturen zu drängen; wie man auf die Offensive gegen die menschlichen Hände verfallen war; welche Rolle dabei ihr Vater gespielt hatte; wie dieser und Lasara die Luchsin zusammengekommen waren; dann die große Landnahme durch die Keramikaner; der Exodus auf den Mond; die nächste genetische Selbstverwandlung als Parallelschöpfungsakt der Bewohnbarmachung von zugleich Venus und Mars; endlich die Saat — sie und ihr Geschwister —, die erst aufging, als die kontinuierliche Beobachtung aus sicherer Entfernung die erwarteten Neuigkeiten von der Erde brachte.
Als zweites ging's in die Details, darunter vor allem die strategischen und taktischen der kleinen und kleinsten Wendungen des allgemeinen Geschicks:»Also, das alles, daß sie da knapp dem Tod von der Schippe gesprungen sind, die vier — na ja, bis auf den armen Storikal —, das war von Ryuneke ausgeheckt, deshalb kam Hilfe zwar spät, aber doch gerade noch rechtzeitig, richtig?«
«Selbst Katahomenleandraleal war eingeweiht, ja«, erklärte Sankt Oswald, hörbar nicht frei von Bewunderung für die Winkelzüge der Puppenspieler jener weit entfernten Vergangenheit,»und der Sinn…«, das konnte Padmasambhava nun ohne Mühe selbst ergänzen:»…der Zweck war, für alle, die im Pherinfonnetz hingen, die heroische Statur von Anubis, Huan-Ti und Hecate hervorzuheben: Sie hatten den Keramikanern die Stirn geboten, sich mit ihnen geschlagen, wie wir das hier in den Gräben tun. Also wäre es jedenfalls keine Feigheit, diesen dreien auf den Mond zu folgen. Der Exodus, hieß die Botschaft, ist keine Flucht, sondern die kühne Tat von…«
«Von Helden, ja«, flüsterte die Gliederpuppe. Der leise Ton sollte sagen: Es ist alles lange her, und man hat immer noch daran zu tragen, wenn man's erlebt hat.
«Noch eine Frage.«
«Ja, mein Reißzahn?«
«Der Wolf. Dmitri Stepanowitsch Sebassus. Ich verstehe nicht, daß… ich meine, warum hat er sich breitschlagen lassen, zu dieser Selbstmordmission, zum Mord am Löwen, von Lasara, wo er doch — ich meine, aus herzinnigster Liebe kann das nicht gekommen sein. Und daß sie schwanger war, hat er ja nicht gewußt.«
Sankt Oswald lächelte geheimnisvoll, fast böse:»Und warum kann's aus herzinnigster Liebe nicht gewesen sein?«
«Philomenas vierzehnte Chronik, die, sagen wir… erhärtet wird durch verschiedene Kommentare zu den Gesprächen zwischen der Fledermaus und dem Löwen, besonders die Epsilon- und Tau-Nachschriften, und die Dokumente der Wolfsliederabteilung, das Brittpapier…«
Meiner Treu, dachte die Gliederpuppe, im Bibliographischen macht der Kleinen keiner mehr was vor.
«…da findest du unmißverständlich, daß Lasara nicht, also, dieser untreue Hund da…«
«Wenn ich mir die Sachen durchlese und die Oper von den Fliegenden Katzen anhöre, die Apis Olmy Seeer auf dem Mond geschrieben hat… Es gibt, wenn ich das richtig sehe, Fraktionen der Forschung, die sich völlig sicher sind, daß er vorhatte, nach allem… wenn die Gefahr irgendwann vielleicht… er wollte zu ihr zurückkehren. Nach Princeton. Also, warum hat er sich von der Luchsin zum Königsmord verführen lassen?«
«Was dir fehlt, ist Psychologie. Es gibt mächtige Emotionen wie schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, Dankbarkeit, Vertrauen, Hoffnung, Lust, die…«
«Wem gegenüber? Lasara?«
«Vielleicht. Das Herz der Langlebigen ist nicht weniger kompliziert, als das einfacher Sterblicher immer war, du kennst doch deinen Shakespeare. Und die kryptischen Sentenzen, die von der Comtesse überliefert sind, die kennst du auch: ›Ist nicht die Imagination unsere Rettung? Ich habe gebaut und gebaut und gebaut. Ich sammle alles, was damit zusammenhängt.‹ Pietismus, Quietismus…«
«Es klingt, als hätte sie sich langsam eingemauert. Und wäre dann im Gemäuer frömmelnd verblödet, mit dem… Gesammelten. Vielleicht war er nicht bei ihr, weil sie ihn gar nicht wirklich zu sich lassen wollte. Auf Armeslänge… Vielleicht… Imagination… das klingt, als hätte sie nicht gewußt, daß die Gefühle und Gedanken der Fühlenden und Denkenden dem ähm… Kosmos einerseits völlig gleichgültig sind, solange sie lediglich gefühlt und gedacht werden, aber andererseits die größte Macht im All darstellen, wenn man sie lebt… wenn man danach handelt. Wenn man, na du weißt schon, küßt und weint und lacht und was wagt und streitet, statt zu sammeln und zu träumen und sich zu verstecken.«
«Du sprichst«, er lächelte,»von dir und deinem Mut, nicht mehr von Dmitri oder Alexandra. Warum ist er nicht mehr zu ihr, warum behielt sie ihn nicht bei sich; fand er ein zweites, geläutertes Glück bei der Löwentochter? Es gibt, meine Liebe«, Sankt Oswald machte eine ausladende Armbewegung, die sozusagen im Raum zwischen ihnen die virtuellen Speicher der gemeinsamen Synergspintronik andeuten sollte,»über diese Frage Foren und Großforschungsprojekte, Bände und Aberbände — es geht uns hier in den Burgen mit dieser Art Frühgeschichte wie den alten Kung-Fu-Forschern der Langeweile mit der Frage, warum Bodhidarma von Indien nach China oder China nach Indien gegangen ist oder wie oder was das damals war.«
«Bodhiwer?«
«Die Antwort, mein Kind, weiß nicht einmal Frau Späth.«
Die ultima ratio der Auskunftsverweigerung: Darauf schwieg Padmasambhava.
Sankt Oswald aber riet ganz richtig, daß das keineswegs bedeutete, daß sie ihre Neugier in diesem speziellen Punkt aufzugeben bereit war; sie hatte bloß beschlossen, Frau Späth eines Tages persönlich mit dem Problem zu konfrontieren.
4. Bene Gente
Zwei Tage nach Esprit ging im heiligen Mischwald kein Lüftchen.
Lodas führte seine rote Herrin auf den Hügel, wo gestern noch der herbe Wein vergossen worden war, um ihr zu zeigen, was die Reisenden aus den andern Burgen hier am liebsten mochten. Es war frühmorgens, durchsichtig kühl, ein Kußwetterchen, das eben erst heraufzog, ließ die Liebenden wohlig erschauern. Sie legten sich zwischen zwei blühende Judasbäume, auf Grünes, unter Rosaschimmerndes, und fingen an, einander abzulecken wie die trägen Panther auf den Treppenstufen des Tempels von Kapseits, vor so vielen Jahren. Bald setzte das, was aus ihren Poren drang, das alte holographische Programm in Gang, und auf Laubstreu, in Alkoholpfützen, neben ausgebrannten Feuern, am Kreis aus Steinen erschien als hohe kalte Flamme der Löwe und sprach donnernd, warm, voll alter, unsterblicher Macht zu denen, die sich vor ihm liebten, weil dieses lebendige Bild so eingerichtet war, daß man sich lieben mußte, um es abzurufen:»Denkt nur nicht, ferne Nachkommen, daß ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Cyrus Golden zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Cyrus Golden aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.«
Lodas hielt die Echse fest, seine rechte Pranke lag auf ihrer rechten Hinterbacke, drückte sie nach rechts, damit er besser hinkam, wo er hinwollte; sie zischte lüstern, damit er ihre Neugier nicht störte.
Es kam ihr vor, als sähe der tote Herrscher ihr direkt ins Gesicht, als er verkündete, was nach der langen diasporischen Zeit übriggeblieben war von der Lehre Bene Gente:»Verflucht sind, die da Inzest fürchten, Klonen meiden, Pläne fliehen, denn ihrer ist die Langeweile. Verflucht sind, die nicht wissen, was sie wollen, denn andere müssen ihre Schulden begleichen. Verflucht sind die Trägen, denn sie werden sich vervielfältigen, ohne je gelebt zu haben. Verflucht sind, die da in die Follikel zurückzukriechen suchen, aus denen sie gekommen sind, denn sie werden der Zukunft die Zinsen wegfressen, noch bevor der Hahn auf der Wehrmauer sich dreimal erbrochen hat. Verflucht sind die Naturschützer, denn sie werden enden wie die Cotylosauria, die sie sich zum Vorbild nehmen. Verflucht sind die Timiden, die Quietisten und Opportunisten, denn sie werden sich in den Tentakeln des Selbstverständlichen verheddern und darin umkommen. Verflucht bin ich aber vor allem selber, denn ich erkläre noch der Nachwelt Sachen, die man nicht erklären, nur erarbeiten kann. Aber die Lähmung verurteilt die Gelähmte, die Lüge wird zum Gefängnis der Lügnerin und das feige Herz stirbt am eigenen Gift.«
Lodas Osier lachte laut, weil ihm die Vorführung, die er nicht verstand, so gut gefiel.
Seine Geliebte lachte nicht; sie wurde nachdenklich.
5. Die Verdammten
Padmasambhava wollte immer wieder wissen, wie Frau Späth war, was sie vorhatte, und am wichtigsten:»Wann kommt sie denn?«»Regulär«, sagte Sankt Oswald, als habe er soeben auf einer Uhr oder in einem Kalender nachgesehen,»rechne ich erst in ein paar Jahrzehnten wieder mit ihr. Aber in mir kribbelt ein Verdacht, daß sie sich diesmal früher blicken läßt.«
«Der Grund dafür…«
«Bist du. Sie wird dich abholen, denke ich, oder dich irgendwohin schicken, wenn deine… Erziehung abgeschlossen ist. «Die Auskunft war stets dieselbe, und immer reichte sie hin, um das erneute Nachhaken ein paar Unterrichtssitzungen weiter hinauszuschieben.
Padmasambhava versuchte, nicht allzu erregt in Erwartung der großen Dinge zu leben, die Frau Späth für sie vorgesehen haben mochte, und suchte sich andere Beschäftigungen.
Die riskanteste unter diesen war die Politik.
Analyse und Aneignung der allgemeinen Grundsätze der Verwaltung der Burgen waren in wenigen Stunden zu leisten, die schönen Phrasen der Verfassungen dieser Stadtstaaten (»Plebiszite lehnen wir ab. Wer nur das Recht hat, ja oder nein zu sagen, gibt bereits die Sprache her«,»Ein primitiven Zahlenschlüsseln gehorchendes repräsentatives System wäre für die angemessene Selbstverwaltung unzulänglich, daher haben wir uns geeinigt, daß…«) lernte sie in Sekunden auswendig. Die Struktur des gouvernementalen Organogramms zu begreifen dagegen fraß immerhin zwei Wochen: Führungsausschüsse, Generalausschüsse, Generalsekretariat des Kongresses, Regionale Komitees, Basiskongresse, der supraterritoriale Generalkongreß in der Burg I, die virtuellen Sitzungen der Bünde und Vereinigungen, zum Teil geordnet nach sogenannten Berufen oder Zünften (die es ja längst nicht mehr gab). Als Padmasambhava das alles aufgenommen hatte, besorgte sie sich gegen den anfangs entschiedenen, dann immer kleinlauteren Widerstand ihres Lehrers Unmengen kostspieligster Software, die ihr am Ende nur verriet, was sie gleich geahnt hatte: Da sie nun schon vier Jahre in der Burg lebte und auch alle andern Burgen besuchte, wie es ihr paßte, da sie Anteil hatte an der Produktion, der Verteilung und dem Verbrauch von Gütern, da sie mit den Aristoi Meinungen und sexuelle Gefälligkeiten tauschte, kam ihr de facto der Status einer Vollbürgerin zu, wenngleich er ihr nicht formell verliehen worden war.
Gewohnheitsrecht, zum Teil sogar in schummrigen Hypertextwinkeln der Verfassungsdokumente locker kodifiziert, sorgte dafür, daß es ihr freistand, eine politische Plattform zu gründen, eine Kampagne loszutreten, und genau das tat sie.
Aus ethischen, ressourcenökonomischen, ästhetischen und anderen Erwägungen, so forderte die von Padmasambhava initiierte Forengruppe, der sich überraschend schnell viele lokale Aristoi, ja sogar Eon und Raphaela anschlossen, sei das experimentum crucis so bald wie möglich einzustellen.
Als die Adligen erst einmal begriffen hatten, daß sie hier keineswegs dazu überredet werden sollten, die Tore der Burgen für endlose Flüchtlings- oder Geschädigtenhorden zu öffnen, da es vielmehr Padmasambhavas, wie sie sagte,»heiligstes Ziel «war, daß die Leute in den Gräben nicht etwa unter die Burgenzivilisation subsumiert werden, sondern endlich Gelegenheit erhalten sollten, ihre eigene Zivilisation zu gründen, als also klar wurde, daß der Spaß niemanden ernstlich etwas kosten würde, war ihr der Sieg sicher.
Ein bißchen Leben kam nur noch kurz vor der Ratifizierung der entsprechenden Kongreßbeschlüsse in die Diskussion. Da nämlich legte jemand eine Untersuchung vor, wonach die Stilllegung der Erdstoßvorrichtungen im Innern des Marsmantels möglicherweise Instabilitäten zur Folge haben könnte, die für eine Weile die Statik der den Gräben nächstgelegenen Burgen belasten würden.
Erdbeben, bei uns?
Ein Gezeter brach los, auf das Padmasambhava glücklicherweise längst vorbereitet war. Sie parierte mit einer glänzenden Rede vor dem supraterritorialen Generalkongreß:»So ist das also. Dieselbe Unruhe wie immer, wenn die Leute in den Räten kalte Füße bekommen. Wir sind verloren, nicht wahr? Am Ende. Verdammt als adlige Individuen, verdammt als Gemeinden, verdammt als Burgenbewohner, verdammt als Zivilisation. Wir müssen sofort handeln, nämlich mit aller Energie geplante Handlungen unterlassen. Wir müssen schwere Entscheidungen treffen. Soll heißen: Wir müssen einen Ausschuß bilden, wir müssen einen Bericht abfassen, wir müssen einen Plan machen und Millionen von Arbeits- und Rechenstunden ausgeben, damit alles wieder in Ordnung kommt, nämlich einfach so bleibt wie zuvor, denn das Vorhaben, unseren simpelsten ethischen Ansprüchen an uns selbst wenigstens einmal in tausend Jahren zu genügen, bringt nur alles in Unordnung, läßt dem Verderben freien Lauf. Wir werden zerquetscht werden unter den Rädern dieses furchtbaren Unglücks. Wir müssen daher umgehend akkurate Statistiken der Erdbebenhäufigkeit auf der alten Erde aus den Archiven kramen, wir müssen Graphiken zeichnen, wir müssen einen Schritt zurückgehen und das Ganze aus der Ferne noch mal objektiv betrachten, möglichst lange, möglichst kontemplativ, wir müssen erst einmal ein Mandat von künftigen Generationen einholen… nein, meine Freunde, das alles müssen wir nicht. Was so spricht, ist nichts als ein Schuldgefühl, das sich als Angst vor Strafe äußert. Uns — nun, einigen von uns — beginnt sehr spät zu dämmern, was für ein Unrecht hier begangen wurde, und das Verhängnis, vor dem wir uns fürchten, ist in Wahrheit nichts als die Züchtigung, von der wir glauben, sie verdient zu haben. Aber die Evolution, das sollten alle wissen, ist keine moralische Anstalt, und dieses Parlament ist keine Schule, die Verhaltensnoten ausgibt. Alles, was wir tun müssen, ist das praktisch und technisch Richtige. Das Vernünftige. Und wenn zu den Kosten gehört, daß wir die Statik der Burgen überprüfen und verbessern, dann hat das doch manchen Nebennutzen — etwa den, daß wir gegen künftige Meteoriteneinschläge und deren Folgen besser gerüstet sind. Es gibt überhaupt keinen Grund, sich zu fürchten. Nicht einmal das Urteil der Nachwelt steht unserer freien Entscheidung im Weg — wir werden diese Nachwelt nämlich, das scheint man zu vergessen, selbst erleben. Die meisten von uns haben noch viele Jahrhunderte vor sich! Also warum nicht anständig handeln, um darauf lange, lange stolz zu sein?«
Im Grunde war es der Gebrauch des winzigen Fürworts» wir«, was dieser Rede und damit der ganzen Kampagne den Erfolg sicherte — diese Art, sich auszudrücken, stellte die eigentlich erst angestrebte Versöhnung zwischen denen, die in den Gräben wohnten, und den Adligen in den Burgen als bereits vollendet dar.
«Keine üble Finte«, fand selbst Sankt Oswald, der Politik auch jetzt noch verabscheute, obgleich er Padmasambhavas Ziel guthieß.
Bernsteller Kurppheijn Tisla und andere, die zu den lautesten Erdbebenwarnern gezählt hatten, vollzogen binnen kürzester Zeit eine Kehrtwendung und waren nun, um ihre Klientel nicht zu verlieren, der breit ausgeführten Meinung, daß die Einstellung des Experiments langfristig weit über das von Padmasambhava angesetzte Maß hinaus Gewinne an Rechen- und Arbeitszeit abwerfen werde, die man etwa in dringend benötigte Verbesserungen der Energiemeteorologie investieren konnte:»Die nun schon seit Dekaden jährlich um rund zweihundert Prozent anwachsende Nachfrage in den Burgen nach genaueren Informationen über die topographische Struktur der Sonneneinstrahlung zum Zweck der Planung neuer Kollektoren-Arrays wird so befriedigt werden. Die Satelliten, die man bislang zur Protokollierung des Experiments eingesetzt hat, lassen sich zu Sonnenmeßplattformen umrüsten, und aus diesen Daten kann man die Strahlungsflußdichte am Erdboden über die Strahlungsbilanz gewinnen.«
«Von mir aus«, war Padmasambhavas Meinung dazu.»Ich weiß nicht einmal, ob sie das alles selber glauben«, erklärte sie Sankt Oswald,»aber sie sagen's, um sich als Unterstützer meines Programms zu inszenieren, weil sie sonst in der Obskurität zu versinken fürchten. Und das wiederum sagt mir, was ich hören will. «Sie konnte nicht zwinkern, ihr fehlten die Lider, aber er verstand sie auch so.
«Du hast gute Musik gespielt, Rattenfängerin.«
Nicht schön gesagt, aber schön gesehen.
6. Beben und Nachbeben
Triumph, Ruhm und höchste Ehren — der einzige echte Verlust, den Padmasambhava im Zusammenhang mit ihrer politischen Arbeit zu verschmerzen hatte, war die Trennung von Lodas Osier, dem irgendwann» der ganze Wahnsinn, das Gehetze «zuviel wurden.
Weinerlich kam er ihr obendrein:»Ich war für dich ja nur ein Lückenbüßer, bis du wieder Aufnahme findest in die erlauchten Kreise der Eons und Raphaelas«, nun ja.
Soviel stimmte: Sie nahm tatsächlich, jetzt, da sie endgültig zur Erwachsenen gereift war und damit ein Alter erreicht hatte, das den meisten ihrer Schlüpfgenossinnen unerreichbar blieb, solange das experimentum währte, wieder häufiger an den Gelagen und Bacchanalen der Schönen teil, wo es zum guten Ton gehörte, daß man allein erschien und sich für alles, was geschah, unabhängig von sentimentalen Bindungen verfügbar hielt.
«Ja, wenn wir mal gemeinsam hin könnten und auch gemeinsam wieder weg«, jammerte der Gekränkte,»wenn ich noch vorkäme in deinem Leben, dann…«
Sie lachte ihn aus:»Prima, und während alles durcheinanderrammelt, halten wir Händchen, bis wir, was bei dem Lärm natürlich nicht ganz einfach ist, dann beieinander eingeschlafen sind, nein danke, Schatz. «Er schmollte, sah aus dem wirbelnden Fenster, das die Wasserfälle um die Kunsthalle in Burg IV, den Wald von Burg II und andere schöne Aussichten zeigte.
Etwas milder gestimmt sagte sie, als sie die Hand auf seine Schulter legte:»Was stört dich denn nun wirklich, hm?«
«Mich stört«, sagte er, ohne den Blick vom Strudelpanorama zu wenden, das sechsmal so groß war wie sie beide zusammen und wegen der freien Feldaufhängung des breiten Bettes manchmal schräg vor, manchmal schief hinter ihnen schwebte,»daß du so entsetzlich viel Wind machst.«
«Wind?«sagte sie entgeistert.»Die größte Reform, die je…«
«Schon gut! Toll!«Er entwand sich ihr und war jetzt wirklich wütend, schlug die Decke zurück, setzte sich aufrecht hin, drehte sich in ihre Richtung, wenn auch nur im Halbprofil, und schrie an ihr vorbei:»Die größte, das beste, die wichtigste — was denn, warum denn? Du bist eine Heuchlerin. Du willst beides, dich waschen und nicht naß werden. Hast deine Leute da im Graben fallengelassen, bist nie wieder hin — das hättest du können, an den Außenposten, wenigstens den neuen, die auf dein eigenes Betreiben errichtet wurden, um äh, ach, gerechte Handelsbeziehungen zwischen den Burgen und den Gräben zu etablieren — und ekelst dich, vermute ich, wenn ich mir so angucke, wie du zuletzt aus dem Luftschiff runtergeguckt hast, eher noch mehr vor ihnen, als die Aristoi sich vor ihnen ekeln — die Aristoi, zu denen du gehören willst, aber wiederum auch nicht, ohne deinen Exotenbonus… bah…«, ihm ging die Luft aus.
Sie kicherte.»Wer sonst«, sagte sie, fast singend, jedenfalls beschwingt,»soll den Grabenleuten helfen, wenn nicht eine, die nie richtig dazugehört hat? Sie haben das gemerkt, mein Buch des Lebens ist anders als ihrs — und den Aristoi ist es ebenfalls aufgefallen. Der einzige, der mich je auf das festlegen wollte, was ich früher gewesen bin, was ich früher zu sein schien, der einzige, der Wert darauf legt, daß ich eine Exotin bin und nicht in seine Welt gehöre, bist…«, aber da fiel das Fenster um, stürzte an ihnen vorbei, der Kronleuchter klirrte, der Baldachin zitterte: ein Erdbeben, nicht stark, aber sehr plötzlich.
Als es vorbei war, schwiegen Lodas und Padmasambhava einander zunächst verblüfft an.
Dann mußten sie immerhin lachen. Daraus ergab sich ein Gerangel, das erst nur überraschend freundlich war, dann bald inniger wurde, und weil sie einander bereits offenbart hatten, daß sie vermutlich nicht befreundet bleiben würden, fiel der Sex, der sich ergab, dann doch sehr gut aus; erstens als Abschied, zweitens als etwas, das endlich unbelastet war von den Vorbehalten, dem Groll, den Heimlichkeiten der letzten Zeit.
Ein paar Stunden vor der Dämmerung wurden sie von einem neuen, stärkeren Beben geweckt.
Das Haus, das Padmasambhava sich inzwischen leisten konnte, stand auf einer Klippe in der Burgenmauer.
Geschenke, die Sankt Oswald ihr gemacht hatte, darunter uralte Bücher, fielen von den Regalen; Glas zerbrach. Eine lange Pause schloß sich an, in der die eben Erwachten überlegten, was sie einander sagen sollten.
Es fiel ihnen nichts ein.
Ein weiterer Tremor folgte. Das beste schien, rasch aufzustehen und zu gehen. Sie zog sich an. Er fragte:»In den Garten?«Sie lachte leise, nicht mehr freundlich jetzt, und sagte:»Sicher nicht.«
Sie rief ein Taxi, schickte ihn davon.
Blieb sitzen. Weinte ein bißchen.
Man muß stehen, wo man steht, dachte sie, das gilt vor allem für diese Leute hier, die Aristoi. Das Herz des Standpunkts ist: Man kann nicht fliegen.
Ich habe mir diesen Standpunkt zu eigen gemacht, obwohl ich fliegen kann, dann habe ich mein Ziel sogar durchgesetzt, und jetzt? Erzähl mir etwas, Buch, von den Gräben und den Leiden dort, von den Ackerbauversuchen, von der Dürre, auch von den Regengüssen. Erzähl's mir.
Aber sie hatte keinen ordentlichen Kenncode gesandt, mit dieser Aufforderung, und daher schwieg das Buch.
Sie legte sich aufs Bett, rief den Deckenspiegel auf und sah hinein.
Sofort war's da, das Schlimme, das sie seit Wochen ängstigte: Was, wenn der, den sie jetzt fortgeschickt hatte, vermutlich für immer, sie einfach nicht mehr hübsch genug fand? Wenn stimmte, was ihr ein Verdacht nahelegte, dessen Anlaß dort im Spiegel sichtbar war, den sie spüren konnte, wenn sie ihre Hüften betastete und ihre Brust: Sie verlor ihre weiblichen Formen, sie wurde eckiger mit jedem Tag, härter, straffer, wie ausgezehrt, und alle medizinischen Supplemente, alle Diagnostika und Therapeutika, auf die das Buch des Lebens sie hinlenkte, vermochten daran nichts zu ändern. Sicher, Sankt Oswald hatte sie drauf vorbereitet, und die Offenbarung ihres Namens hatte bereits einen entsprechenden Subtext enthalten. Beide rieten ihr, ihr Herz nicht allzu sehr ans Geschlecht zu hängen — ich war Mädchen, wurde Frau, werde Mann und kleiner Junge —, aber jetzt, da diese Prophezeiung physiologische Realität wurde, dämmerte ihr, daß sie das immer als Metapher hatte lesen wollen, als Bild eines Reifeprozesses, an dessen Ende eine zweite, veränderte Unschuld, eine Naivität auf höherer Stufe hätte stehen sollen. Statt dessen sinken bloß meine Brüste in meinen Brustkorb zurück. Ist das gerecht? Ist das erträglich? Kann ich so leben?
Will ich die sein, oder der?
7. Nicht einmal Schatten
«Du wirst nichts Wahnsinniges tun, oder?«
Sankt Oswalds Frage kam ihm selbst ein bißchen widersinnig vor, aber es war zu spät, Direkteres zu formulieren. Das Seifenblasentaxi bewegte sich in mittlerer Rauschgeschwindigkeit auf den Platz um Liviendas Urururenkelbaum zu, wo Padmasambhava ihre Rede würde halten dürfen, aus Anlaß der endgültigen offiziellen Einstellung des experimentum.
Vertreter der Echsen waren da (Sankt Oswald hoffte, daß sie einander nicht in einem unschönen Rückfall an die Gurgel gehen würden), Aristoi aus allen Burgen, Spinnen, Herzhunde, sogar Cyborgs von den Polkappen. Padmasambhava stierte rotäugig vor sich hin; sie trug schwer an Absichten, die ihr alter Hausgenosse vergeblich zu erraten suchte.
Noch einmal setzte er an, legte seinen Arm auf ihren und wisperte ihr ins Ohr:»Warum kannst du dich nicht mit dem Erreichten zufriedengeben? Gib ihnen eine schöne Sonntagspredigt, verdüstere dir selber deinen großen Tag nicht, wozu denn? Sprich über die neue Kultur, die neuen Bündnispartner der Burgen, die marsianische Morgenröte, spiel deine verführerische Musik. Welchen Schaden soll das anrichten? Wenn du jetzt einen unerwarteten Haken schlägst und dich in die nächste Kampagne wirfst, werden sie dir Undankbarkeit… und vielleicht Größenwahn…«
«Ich kann's nicht mehr gefährden, oder?«zischte sie zurück.»Das Ding ist eingestellt. Ich habe meinen Willen. Ich muß niemanden fürchten, mir wird nichts weggenommen.«
«Doch. Die Anerkennung für das, was du geleistet hast — wenn du sie verspielst. «Sie schnaubte und bedeutete der Seifenblase, schneller durchs Rohr zu rutschen.
Als Padmasambhava den Baum, den sie bislang nur als spintronisches Bild oder Hologramm kannte, das erste Mal leibhaftig vor sich sah — aus irgendeinem ihr selbst nicht durchsichtigen Grund war sie während all der langen Zeit nie dazu gekommen, diesen Platz persönlich aufzusuchen, obwohl sie nicht selten in der Burg gewesen war —, wäre sie beinahe doch noch von ihrem Vorhaben abgerückt.
Das Dach der Zweige und Äste, in dem Sonnenstrahlen das Blattwerk bewegten wie Finger, die in ein Weidengeflecht greifen, schien ihr ein so reiches Diagramm von Alternativen des Wachstums, eine Vision dessen, was möglich war, vieler Welten, vieler Wohnungen, daß sie einen Moment lang daran zweifelte, ob ihre Vorstellung vom richtigen Weg, vom Wachrütteln der Blinden, von ihrer Rolle als Beleberin einer statischen, stagnierenden Zivilisation wirklich richtig, wirklich wichtig war. Rattenfängerin, hatte der alte Freund gesagt.
Sollten nicht alle leben, denken, wirken, wie sie wollten, wie die Vöglein zwischen den Blättern, nicht säen, nicht ernten, und der himmlische Verratichnicht ernährt sie doch?
«Du bist dran«, sagte Raphaela und wies ihr den Weg zum Lesepult.
Padmasambhava trat ins Licht wie unter eine Dusche, räusperte sich damenhaft und begann ihre Rede mit den erwartbaren Grußformeln, Dankesphrasen, dem Erzählen des Wegs bis hierher.
Dann schwieg sie einen Augenblick — man fand das charmant, viele dachten, sie werde gleich zu großer Form auflaufen, und erinnerten sich an die perfekt getakteten Hebungen und Senkungen ihrer großen Kampagnenzeit. Sie sah nach oben, ins Blättergeflatter, nach vorn, ins Gesicht ihres ehemaligen Hausgenossen, der ihr bester und vielleicht einziger Freund war, und begann, leise und gefaßt, von etwas zu reden, wovon niemand in den Burgen reden wollte:»Wir haben Grund zur Freude, das stimmt, wegen der Leute in den Gräben«, ein kurzer Blick in deren Richtung — nein, sie gehörte nicht zu ihnen, und die sahen auch nicht so aus, als legten sie Wert darauf —,»wegen der Aristoi, der Herzhunde, der Nashornkühe. Aber ich sehe keine Gente hier, und keine Menschen, und keine Keramikaner, nicht einmal deren Schatten. Natürlich kann man sagen: Wir interessieren uns fürs Hier und Jetzt, für die Energiebilanz, für die neuen Landwirtschaften, für die soziale Rekonfiguration, auf unserem schönen Mars, oder Ares, oder wie immer wir das Ding nennen wollen. Aber weshalb interessieren wir uns dafür? Weil wir unser Geschick selbst bestimmen möchten. Weil wir wissen, daß es eine Zukunft gibt. Daran habe ich mich beteiligt, seit ich hier so freundliche Aufnahme gefunden habe, daran sind Freundschaften gewachsen, andere zerbrochen, das war meine Arbeit. Mir war aufgefallen — aus biographischen Gründen, wie jeder hier weiß —, daß es Angelegenheiten gibt, die für die Burgen von existentiellem Interesse sind und über die dennoch niemand spricht. Solche Angelegenheiten gibt es immer noch. Denn was ist mit der Erde? Ist sie Vergangenheit? Geht uns das nichts mehr an? Auch zu dieser unerwünschten Frage drängt mich meine Biographie: Ich bin auf diese Welt — Mars, Ares — gekommen, weil die genetische und die spintronisch in mich geschriebene Information — ich nenne letztere das Buch des Lebens, weil viele bei den Echsen ihre Spintroniken traditionell als Bücher sehen, aber das ist natürlich nur eine Metapher — im Genpool der Echsen zu einem Zeitpunkt aktiviert wurde, als… nun, ich wurde geboren, oder genauer: Was mich ausmacht, wurde in einem befruchteten Reptilienei erweckt, weil sich etwas auf der Erde verändert hatte. Es gibt mich also nur, weil die Erde nicht Geschichte ist, sondern Gegenwart. Nachrichten, die von dort ausgehen, verändern damit die hiesigen Dinge. Ohne mich, so hat man in den letzten Tagen in den Burgen und den Gräben oft gehört, wäre das experimentum crucis vielleicht noch lange fortgesetzt worden. Ohne mich, das heißt auch: ohne die Nachrichten von der Erde. Und trotzdem beschäftigen sich mit diesen Nachrichten, und den Folgen, die sie für uns haben können, keine Aristoi, keine Herzhunde, keine Echsen, die hier heute zusammengekommen sind — nur Roboter, Automatiken, Satelliten, Relikte der Vergangenheit, nur die späten, sprachlosen, nicht denkenden Vollstrecker der Testamente meiner Eltern, die, von den Nachrichten alarmiert, aus den Orbitalstationen auf den Mars heruntergekommen sind, um meine Geburt zu verursachen. Man hat gefragt, woher ich das Selbstbewußtsein genommen habe, den Weg zu gehen, den ich gegangen bin, den Konsens herauszufordern, das experimentum anzugreifen. Der Grund dafür ist, daß ich immer geglaubt habe — weil man mich dies gelehrt hat —, daß von mir viel abhängt, daß ich die Dinge klären muß. Das Drollige ist: Genau daran bin ich durch meinen Erfolg in der Sache, um die es hier heute geht, irre geworden. Diese ganze Messiasidee — schaut in euren Spintroniken nach, wenn ihr das Wort nicht kennt — war vielleicht der Auslöser, aber geschafft habe ich es nicht allein, geschafft hätte ich es alleine niemals. Sankt Oswald, und Eon, und Raphaela, und Lodas, und Parigi, Hjemer, Hillary, Biegar, all die Aristoi und Nichtaristoi, die sich an der Kampagne beteiligt, mit mir gestritten, dadurch meine Position geschärft oder der Sache auf irgendeine andere Art gedient haben — versteht ihr? Ich glaube nicht länger, daß es meine Aufgabe ist, irgendeinen Durchmarsch… ich glaube jetzt an etwas Gesünderes: Ich bin bloß eine Katalysatorin, eine Person, die etwas erleichtert, das dem Wissensstand meiner… Gesellschaft schon… implizit ist. Und in genau diesem Sinne will ich weitermachen, indem ich den formellen und informellen Gremien der Burgen heute eine neue Streitfrage vorlege, damit darüber geredet wird, und etwas entschieden, und dann gehandelt: Was tun wir der Erde wegen? Schicken wir weitere Sonden, schicken wir Radiowellen mit Botschaften, schicken wir eine Delegation? Rüsten wir uns, kümmern wir uns um unsere Verteidigung, nehmen wir Kontakt mit der Venus auf, den anderen… Taxa, die von den Gente abgezweigt sind?«
Mit Unruhe hatte sie gerechnet, darauf war sie gefaßt gewesen, dagegen hatte sie sich gestählt.
Aber was sie in den Gesichtern des Publikums sah, als sie sich zwang, genau hinzuschauen, war schlimmer: ein träges Unverständnis, eine faule Art Irritation — nicht einmal die Abweichung vom vorgesehenen Redestil wurde wirklich registriert, man fand wohl nur, sie spreche zu lang und dazu noch von Dingen, die allenfalls von esoterischem Interesse waren. Am schwersten traf sie Sankt Oswalds Miene, der sie sich zuwandte, um sich dran aufzurichten: Was sie da sah, war weder Sorge noch Zorn noch sonst eine vertraute Regung, die wiederzuerkennen ihr Halt geboten hätte, sondern nichts als Mitleid.
Die Veranstaltung, die ihren Sieg hätte feiern sollen, war auf eine schwer greifbare Weise Schauplatz ihrer Niederlage geworden — schon konnte sie sich die Meinungen vorstellen, die gerade in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer Gestalt annahmen: Sie ist immer noch nicht zufrieden, wir haben das experimentum gekappt, was will sie noch? Mit Worten, denen sie selbst kaum noch zuhörte, brachte sie, vom Sonnenlicht erleuchtet, als wäre sie ein glühender Brennstab, die Rede zu Ende:»Alles, was ich sage, ist: Die Information steht im Raum. Die Erde schweigt, das ist eine Mitteilung. Keine elektromagnetische Strahlung mehr, keine Radiowellen, keine thermischen Fluktuationen, die auf Industrie hindeuten. Sie ist verstummt. Sie wirkt von außen, wie vor tausend Jahren Mars und Venus wirkten. Wir werden uns dazu verhalten müssen. Ich danke euch.«
Spärlicher, höflicher, also gehässiger Applaus.
Ein rascher Abgang, eine schweigsame Fahrt zurück ins Hotel, eine rührend hilflose Geste des einzigen Freundes — er gab ihr die Hand und drückte sie, bevor er auf sein Zimmer ging —, eine heiße Dusche, ein Seufzer, und dann geschah, als Padmasambhava sich gerade hingelegt hatte und nur noch schlafen wollte, lange, ewig schlafen, etwas, das ihr seit dem Verlassen der Gräben nicht mehr widerfahren war: Das Buch des Lebens meldete sich, ohne aufgerufen worden zu sein.
«Du solltest schnell nach Hause fahren, Padmasambhava.«
«Streust du jetzt auch noch Salz in meine Wunden? Ich weiß selbst, daß ich hier nicht mehr angebetet…«
«Nein, nicht deswegen. Du hast Besuch. In deinem Haus.«