Kapitel 6


Fluid Lounge & Nightclub, Nassau, Bahamas


Jeff bahnte sich einen Weg durch die tanzende Menge. Er bemühte sich kaum, die beiden Cocktails nicht zu verschütten. Die dröhnende Musik hatte ihn längst im Griff, ebenso wie die drei Martinis, die er und Sheryl schon getrunken hatten.

Er sah sie im Gespräch mit einem jungen Kerl mit schwarzen Dreadlocks, den er als einen der DJs identifizierte. Sheryl warf den Kopf nach hinten und lachte auf, während der Typ eine Hand auf ihre Hüfte legte und eindeutige Bewegungen mit seinem Becken machte.

»Was soll'n das werden, Mann?«, fragte Jeff gegen den Lärm an, als er herangetreten war.

»Hi, Baby«, rief Sheryl.

Der DJ drehte sich um und grinste Jeff an. »Nicht schwitzen, lucky boy. Heiße Frau hast du, Mann.«

»Darauf kannst du wetten«, gab Jeff zurück, während er einen der Cocktails an seine Freundin reichte. Jeff war sich unsicher, in welche Richtung der Kerl das Gespräch lenken wollte. Unverschämtheiten wollte er sich nicht bieten lassen, aber er hatte auch nicht vor, sich mit ihm anzulegen.

»Alles cool?«, fragte der DJ.

»Ja, alles cool...«, gab Jeff zurück.

»Leute, ich bin Lance. Habe euch hier noch nie gesehen. Das erste Mal in Nassau?«

»Jeff geht morgen auf ein Schiff«, antwortete Sheryl. »Ein richtig großes!«

»Das ist großartig, Mann!«, sagte Lance und schlug Jeff auf die Schulter. »Siehst aber nicht aus wie ein Matrose.«

»Es ist ein Forschungsschiff«, erklärte Jeff.

»Ehrlich? Dann bist du von der Universität oder so? Und dann hängt ihr hier unten rum?«

»Wie meinst du das?«

»Hey, Alter, du bist im Fluid«, rief der DJ mit gespielter Empörung. »Weißt du eigentlich, was das heißt? Ist der angesagteste Club hier. Heiße Mucke und heiße Bräute.« Er richtete seinen Blick auf Sheryl. »So wie du, Baby. Und dahinten geht's in den VIP-Bereich. Das ist doch genau das Richtige für euch. Ein bisschen chiliiger, down-tuned, aber stylish, wenn ihr versteht, was ich meine.«

»Ich weiß nicht...«, sagte Jeff.

»Klingt doch nicht schlecht!«, sagte Sheryl. »Wie kommt man da rein?«

Lance rieb sich das Kinn »Na ja, nur mit Einladung... Aber hey, wie wär's, ich mache eine Ausnahme für euch. Wie wäre das? Jeff und Baby machen heute Abend einen auf VIP, hm?«

»Ich heiße übrigens Sheryl.«

»Mann, ein schöner Name für eine schöne Frau!« Lance ergriff ihre Hand und deutete einen linkischen Handkuss an. »Willkommen im Fluid, Leute. Also was ist, habt ihr Lust?«

Jeff sah seine Freundin an. Die überzogene Anmache schien ihr nichts auszumachen, im Gegenteil, sie strahlte. Es war ihr letzter gemeinsamer Abend, bevor er sich mit der Argo aufmachen würde. Ein paar Tage würden sie im Norden etwas untersuchen, und dann stand die Weiterfahrt über den Atlantik an. Er würde erst in sechs Wochen zurück sein. Seit zwei Jahren hatte er sich für eine solche Fahrt beworben, und Sheryl hatte ihn ermutigt, immer zu ihm gehalten. Sie kannten sich seit der Highschool und waren noch nie so lange getrennt gewesen. Nun, kurz vor der Abfahrt, merkten sie, dass sechs Wochen eine verdammt lange Zeit sein würden, und das Abschiednehmen fiel ihnen unendlich schwer. Heute wollten sie es sich noch einmal richtig gut gehen lassen, sich und das Leben genießen. Jeff konnte sich vorstellen, dass er bei der Arbeit und den ganzen Eindrücken und Menschen an Bord nur wenig Gelegenheit zum Denken haben würde, ja, vielleicht würde er sie gar nicht so sehr vermissen und die Zeit würde schneller vergehen, als er es heute vermutete. Aber Sheryl würde er zurücklassen in ihrem täglichen Leben, das plötzlich auf eine seltsame Weise leer sein würde. Daher wollte er alles für sie tun, damit sie den Abend genießen und bis zu seiner Rückkehr davon zehren konnte.

»Also gut«, sagte er. »Klar, warum nicht?«

»Das ist mein Mann!« Der DJ schlug ihm erneut auf die Schulter. »Dann kommt mal mit!«

Lance führte sie zu einer Tür, neben der ein breiter Security-Kerl stand, der leicht das Doppelte von Jeff auf die Waage brachte. Der DJ wechselte ein paar Worte mit ihm, dann öffnete der Mann die Tür. Dahinter war eine mit einem dunklen Teppich ausgelegte Treppe zu sehen, die nach oben führte. Blaue LED-Lampen in der Wand bildeten eine Reihe von Sternen.

Oben angekommen sagte Lance: »Fluid Lounge VIP welcomes Jeff and Sheryl! Der Abend gehört euch, Leute!«

»Danke, Mann«, sagte Jeff und beobachtete argwöhnisch, wie Sheryl dem DJ einen Kuss auf die Wange drückte.

»Oh, aber die Drinks müsst ihr hier lassen.« Lance streckte die Hände nach ihren Gläsern aus. »Sind zwei verschiedene Bars, wisst ihr. Aber betrachtet es als kleine Bezahlung für den Einlass. Außerdem: Oben gibt's noch viel feinere Sachen.«

Jeff sah Sheryl fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern und händigte ihren Cocktail dem DJ aus. Jeff nahm von seinem noch einen Schluck, leerte ihn dabei fast bis zur Hälfte und gab sein Glas dann auch ab.

Kaum war die Tür hinter ihnen geschlossen, änderte sich der Lärmpegel schlagartig. Die treibenden Tanzrhythmen waren verstummt, und an ihre Stelle trat eine entspannende Mischung, wie Jeff sie bisher noch nicht gehört hatte.

»Wow, Baby, sieh dir das an!«, entfuhr es Sheryl.

Das Ambiente war gedämpft, die Wände weiß, die Möbel schwarz und die Lichter in tiefem Blau gehalten. Gerade einmal zwei Dutzend Menschen saßen in mehreren großen und kleinen Sitzecken verteilt, nur zwei Paare sah man in langsamen tanzenden Bewegungen versunken. Der Fußboden war stellenweise aus Glas und gab den Blick auf den überfüllten Club darunter frei.

Sheryl deutete auf eine freie Ecke, ging hinüber und ließ sich auf ein Ledersofa hinter einem niedrigen Tisch sinken. Dann klopfte sie auf den Platz neben sich und lächelte Jeff zu. Es war dieses zauberhafte Lächeln, das ihn auf der Stelle eingefangen hatte, als er sie das erste Mal in der Biologie-Klasse gesehen hatte. Gott, wie er sie liebte!

Er setzte sich neben sie, schlang seinen Arm um ihre Schultern und wollte sie gerade küssen.

»Willkommen«, ertönte eine Stimme. Als Jeff aufsah, stand eine schwarz gekleidete Bedienung vor ihrem Tisch, die so sagenhaft perfekt aussah, als wäre sie gerade einem Miss Bahamas Contest entsprungen. »Mein Name ist Cindy. Was kann ich euch bringen? Oder möchtet ihr erst eine Karte?«

»Äh, die Karte«, sagte Jeff etwas kurz angebunden. Irgendwie ging ihm alles zu schnell. Mit drei Martinis und einem halben Sex on the Beach im Blut war ein solches Übermaß an Style schwer einzuordnen.

Die dunkelhäutige Schönheit händigte ihm eine Karte aus und verschwand genauso geräuschlos, wie sie gekommen war.

Jeff hatte Schwierigkeiten, die kleinen Buchstaben im Dämmerlicht zu erkennen. »Sechzig Dollar für eine Flasche Rotwein?!«, stieß er schließlich aus.

»Das ist ja auch kein einfacher Club, sondern eine VIP-Lounge«, sagte Sheryl.

»Ja, aber sechzig Dollar? Oder hier: Eine Flasche Absolut für über einhundertdreißig! Außerdem: Wer trinkt denn davon eine ganze Flasche? Haben die keine einfachen Drinks? Oder ein Bier?«

»Ach, komm schon, Baby. Heute ist eine ganz besondere Nacht. Hm?«

Jeff überschlug seine Finanzen. Knapp einhundert Dollar sollten noch übrig sein. Aber er musste auch noch das Taxi zahlen. Ach scheiß drauf, dachte er schließlich. Heute war tatsächlich eine besondere Nacht. Wer konnte wissen, wann sie so schnell wieder in eine VIP-Lounge kommen würden.

Sie orderten eine Flasche Rotwein. Dann sprachen sie über seine bevorstehende Reise, tanzten eine Weile und redeten über ihre Pläne nach seiner Rückkehr, und als Jeff das nächste Mal auf die Uhr sah, war es bereits zwei Uhr morgens. Um halb acht würden sie aufstehen müssen. Der Rotwein war leer, ihre Bewegungen beschwingt. Ihre Füße schienen den Boden kaum zu berühren, als sie die blaue Zauberwelt der Lounge verließen und schließlich auf die Straße traten.

Die schwüle Hitze der tropischen Nacht empfing sie mit einem dumpfen Schlag.

Einen Augenblick lang blieben sie vor dem Club stehen, atmeten tief ein, lachten, hielten sich aneinander fest und versuchten, sich auf einem wackeligen Grat zwischen Albernheit und Selbstbeherrschung zu orientieren.

Jeff küsste Sheryl auf den Mund.

Dann lachte er wieder auf und taumelte zwei Schritte zurück.

»Was für eine perfekte Nacht! Und ich liebe dich so!« Er streckte seine Arme in die Luft und rief in die Nacht: »Hört ihr? Ich liebe sie!«

Sheryl grinste.

Und plötzlich brach die Nacht in sich zusammen.

Sie hörte die schrille Hupe eines Autos, viel lauter, als es sein sollte. Dann leuchtete Jeff auf. Wie ein Engel strahlte er, mitten auf der Straße, die Arme wie Flügel ausgebreitet. Das war das Bild, das sich in ihr Gedächtnis einbrannte. Dann folgte der Knall. Dieser unbeschreibliche Knall, der alles zerriss, der Jeff zerriss.


An Bord der Argo, im Hafen von Nassau, Bahamas


»Guten Morgen, Peter!« Patrick hatte den Professor entdeckt, als dieser gerade auf dem Weg zum Aufenthaltsraum war. »Wo wollen Sie hin?«

»Nun, zum Frühstück. Sagen Sie nicht, dass Sie schon fertig sind. Dass der Koch heute schon eine Stunde früher angefangen haben sollte, könnte ich noch glauben, nicht aber, dass Sie schon um diese Uhrzeit gegessen haben.« Peter grinste breit. »Oder ist es die Seeluft? Gestern haben Sie mich auch schon überrascht.«

»Nichts von alledem. Aber Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass wir heute Nacht vor Anker gegangen sind. Wir liegen in Nassau! Die Bahamas, ich bitte Sie! Und da wollen Sie sich vom Smutje ein gekochtes Ei servieren lassen? Nichts da, mein Freund. Wir essen natürlich an Land!«

»Wissen Sie denn, wo es hier etwas gibt?«

»Vertrauen Sie meiner Nase.«

Peter zögerte. »Gut«, sagt er schließlich. »Dann werde ich mich noch umziehen.«

Patrick winkte ab. »Ach was, nun kommen Sie schon. Sie sehen tadellos aus.«

Widerstrebend folgte der Professor dem Franzosen. Als sie die Gangway hinuntergingen, sahen sie eine Gruppe von Menschen, die sich dort aufhielten. Sie diskutierten mit zwei Mitgliedern der Besatzung, die den Zugang zum Schiff blockierten. Als Peter und Patrick bemerkt wurden, wandte sich ihnen alle Aufmerksamkeit zu, und ein Durcheinander von Rufen erschallte.

»Haben Sie Atlantis gefunden?«

»NNRX FM Radio, haben Sie Zeit für ein Interview?«

»Ein Foto, Professor Lavell.«

»Glauben Sie, dass die Sintflut der Bibel eine Lüge ist?«

»Coast to Coast AM, geben Sie uns einen Termin!«

Einen Augenblick lang standen die beiden wie gelähmt vor der Horde von Journalisten. Patrick verdrehte die Augen, Peter schüttelte den Kopf.

»Wir geben keine Interviews«, sagte der Franzose dann und hob die Hände. »Lasst uns durch.«

Die beiden Crewmitglieder drängten die Reporter zurück, während Patrick sich an ihnen vorbeiquetschte.

»Rufen Sie mich an, Professor Lavell«, rief einer und steckte Peter eine Visitenkarte in dessen Brusttasche.

»Griffel weg!«, rief Patrick und schlug den Arm des Mannes beiseite. »Habt ihr nicht verstanden? Es gibt keine Kommentare von uns.«

Die Journalisten rückten ein Stück ab, offenbar überrascht vom Ausbruch des Franzosen. Augenblicklich fragte sich Peter, ob Patricks Haltung nicht vielleicht kontraproduktiv war. Für den Moment wirkte es allerdings. Ein paar Spiegelreflexverschlüsse klackten noch, dann hatten sie die Reporter hinter sich gelassen.

»Goodness«, sagte Peter, »Die wird man wohl nicht so einfach los. Wer hätte gedacht, dass man sich in Amerika so für wissenschaftliche Untersuchungen begeistern würde?«

»Wissenschaftliche Untersuchungen?«, echote Patrick. »Mein Bester, Sie suchen hier nach Atlantis! Verstehen Sie nicht, was das heißt?«

»Sicher, es wäre eine archäologische Sensation...«

»Unsinn, archäologische Sensation. Die meisten der Leute wissen doch noch nicht einmal, wie man das schreibt! Und wenn die Platon hören, denken sie vielleicht, das sei ein europäischer Kriegsfilm. Den gutgläubigen Massen hier ist an Wundern gelegen, an Sensationen, an Show, an Märchen und Hollywood-Blockbustern. Atlantis! Was könnte ein größeres Spektakel sein? Das übertrifft Disneyland, Schwarzenegger und jeden Fernsehprediger. Die Leute stehen auf so was. Und diejenigen, die etwas intelligenter sind, wittern hinter der Story so was wie eine neue Daseinsberechtigung für das Land, eine Art noble Abstammung. Muss doch ganz schön demütigend sein zu wissen, dass das eigene Land von Europäern und Einwanderern aufgebaut wurde und gerade einmal ein paar hundert Jahre alt ist. Diese verkrampfte Ausrichtung auf Fortschritt, der wahnhafte Expansionsdrang, das Aufspielen als Weltpolizei und dabei die verzweifelte Suche nach kulturellen Wurzeln, das alles kommt doch nicht von irgendwo her.«

Peter sah seinen Kollegen überrascht an. »Ich habe Sie nicht so anti-amerikanisch in Erinnerung. Ich kann mir vorstellen, dass man hierzulande ähnlich harte Worte auch über die Grande Nation findet.«

»Das hat man schon. Und ich will Frankreich überhaupt nicht verteidigen. Trotzdem kann es mir wohl erlaubt sein, mich aufzuregen.«

»Vermutlich brauchen Sie erst mal einen anständigen Kaffee. Sie werden schon sehen, dann wird alles gut.« Peter lachte.

Patrick erwiderte sein Lachen. »Sie haben ja recht... Dort, sehen Sie das dort drüben?« Er deutete auf einen gewaltigen orangefarbenen Gebäudekomplex, der sich wie eine übergroße futuristische Burg mit aberwitzigen Turmspitzen in einiger Entfernung erhob. »Das ist das Atlantis, das wohl spektakulärste Hotel in der Karibik.«

»Hotel? Das ist eine Stadt!«

»Das kann man wohl sagen. Und genau dort werden wir jetzt hingehen und etwas essen!«

Patrick suchte einen Taxistand, und kurze Zeit später waren sie auf dem Weg. Der Fahrer brachte sie zunächst in die entgegengesetzte Richtung, fuhr eine Schleife und steuerte dann auf einen breiten Highway zu, der direkt auf das Atlantis zuführte.

Die Straße stieg an, bis sie zu einer Brücke geworden war, die in zwanzig Metern Höhe über das Wasser führte. Nun war zu erkennen, dass die Argo zusammen mit einem halben Dutzend anderer ähnlich großer Schiffe auf einer künstlichen Insel festgemacht hatte, die in einem Meeresarm zwischen Nassau und jener Insel lag, auf der sich das extravagante Hotel befand und die Paradise Island hieß, wie der Fahrer erklärte.

Das türkisblaue Wasser, die weißen Segelboote und Yachten sowie die Palmen und pastellbunten Häuser am Ufer machten Peter deutlich, wie sehr sich die Welt hier von der unterschied, die er gewohnt war. Er fühlte sich wie auf einem anderen Planeten und stellte sich vor, wie es sein mochte, hier Urlaub zu machen.

Während Patrick sie kurz darauf auf der Suche nach einem Restaurant durch die Anlage lotste, hatte Peter Schwierigkeiten, die exotischen Eindrücke aufzunehmen. Ein Überborden von Farben und Formen, von Angeboten zum Amüsement und Glücksversprechungen. Fun und Action auf allen Seiten, und Hunderte, Tausende bunt gekleidete Menschen, Lachen, Kreischen, laufende Kinder, Fotoapparate, Videokameras. Sie bewegten sich wie durch einen Ameisenhaufen.

Peter sank ein Stück in seinem Sessel zusammen, als sie sich endlich für eines der zahlreichen Cafés entschieden und je ein Continental Breakfast bestellt hatten.

»Die Welt ist offenbar groß genug«, sagte er schließlich, »um neben Kriegen, Armut, Hungersnöten und Überbevölkerung auch solche Orte zu bieten.«

»Werden Sie jetzt pathetisch?«

Peter sah in eine unbestimmte Ferne. »Nein. Aber wissen Sie, manchmal denke ich... Ach, lassen Sie's gut sein. Es ist nicht wichtig, was ich denke.«

»Nun spucken Sie's schon aus.«

Peter antwortete nicht gleich. »Sehen Sie«, sagte er schließlich, »wenn man sich mit Kulturgeschichte und Archäologie beschäftigt, dann lernt man eines ganz schnell: Das Ausmaß an künstlerischem Ausdruck ist stets ein Indikator für die Fortschrittlichkeit und den Wohlstand einer Kultur. Solange Menschen darum kämpfen müssen, ihre unmittelbaren Grundbedürfnisse zu stillen, wie Nahrung, Unterkunft, materielle und persönlicher Sicherheit, kann sich kaum Kunst entwickeln. Erst mit dem Wohlstand stehen dann Zeit und Muße zur Verfügung, und es sind Phasen des Friedens und der Prosperität, in denen Kunst erschaffen wird. Damit meine ich nicht Kunst im modernen Sinn, also Kunst, die sozialkritisch wäre, verarbeitend, anprangernd, aufrührend, aufklärend. Ich meine Kunst, in der sich der Mensch der Ästhetik und dem Wohlgefallen widmet, also Schmuck, Malerei, Musik, Poetik, Architektur. In diesem Sinn scheint ein Ort wie dieser aus der Ferne betrachtet ein Anzeichen eines besonders hohen Entwicklungsstandes unserer westlichen Kultur zu sein. Und dennoch fühlt er sich... wie soll sich sagen... falsch an. Wie ein hohler Schein. Verstehen Sie, was ich meine?«

Patrick sah den Professor nur an. Der zurückhaltende Engländer war nicht häufig in so tiefsinniger Stimmung. Er gab nur wenig von sich preis, und in seinen Äußerungen beschränkte er sich in der Regel darauf, aus seinem zwar theoretischen, aber scheinbar bodenlosen Wissensschatz zu schöpfen. Er war ein verschlossener Mensch, und trotz der beiden Projekte, die sie schon gemeinsam überstanden hatten, konnte Patrick nur ahnen, welche Gedanken und Interessen hinter den aufmerksam blitzenden Augen des älteren Herren verborgen lagen. Patrick wusste um Peters Sinn für Humor, ebenso wie um dessen Scharfsinn und Bodenständigkeit. Er kannte Peters altertümlich anmutende Scheu vor moderner Technik, Peters Beklemmungen in der Dunkelheit und Peters Mut. Aber was trieb Peter im Inneren an? Wie dachte er über das Leben und die Welt?

»Man sieht sich diese Paläste an«, fuhr Peter fort, »und denkt: Ist das unser Ziel? Dies zu erreichen? Und was haben wir tatsächlich erreicht, wenn der Großteil der Weltbevölkerung dahinsiecht? Ist dies hier dann nicht ein Spott?«

Die Bedienung brachte ihr Frühstück. Patrick nickte nur, sagte aber nichts. Er wollte Peters Gedanken nicht ablenken und freute sich, als der Professor seine Überlegungen fortsetzte, während er sich Tee einschenkte.

»Sie erinnern sich an die Texte, die wir in Südfrankreich gefunden haben. Letztlich deuteten Sie damals schon auf die Legende von Atlantis hin, wie wir jetzt wissen. Es waren Schöpfungsgeschichten aus aller Herren Länder, denen die Eigenheit gemeinsam war, dass es sich um Geschichten einer Sintflut handelte. In jedem dieser Fälle wurde eine erste Kultur durch den Zorn Gottes vernichtet. Und die Begründung war stets, dass sich die Menschen aufgelehnt oder von Gott abgewandt hatten, dass sie aufbegehrten und den Weg von Moral und Ethik verlassen hatten. Auch Atlantis ging unter, weil sich die Kultur vom Spirituellen losgesagt und dem Materiellen und der Selbstgefälligkeit verschrieben hatte. So jedenfalls die Legenden.« Peter nahm einen Schluck von seinem Tee. »Ich will damit nicht ausdrücken, dass ich eine göttliche Strafe erwarte, weil hier ein großes Hotel steht. Was ich nur denke, wenn ich das hier sehe, ist, ob wir aus diesen alten Geschichten nicht etwas gelernt haben sollten. So wie uns Märchen etwas über Recht und Unrecht erzählen, über Ängste, über Regeln, über Moral, so liegt in allen überlieferten Legenden offenbar eine Wahrheit, die sie hat überleben lassen. Die Bibel oder die religiösen Texte anderer Religionen sind natürlich das Paradebeispiel dafür. Aber auch die Geschichte von Atlantis hat einen Kern, der unabhängig davon, ob es den Kontinent je gab, etwas aussagen will.«

»Demut«, sagte Patrick.

Peter sah ihn einen Augenblick lang an. »Ja, so könnte man es sagen. Ich denke, es fehlt in allem an Demut. Demut den überlieferten Weisheiten gegenüber, Demut den alles umfassenden Zusammenhängen gegenüber und Demut der Zukunft unseres Planeten gegenüber...«

Sie verbrachten die restliche Zeit des Frühstücks größtenteils schweigend, und jeder hing seinen Gedanken nach. Patrick erkannte in Peters Ausführungen ähnliche Beobachtungen, wie er sie selbst in den letzten Jahren zunehmend gemacht hatte. Er hatte dies darauf zurückgeführt, dass er in jener Höhle in Südfrankreich gewesen war, die etwas in seinem Denken verändert hatte. Doch auch Peter schien es so zu gehen. Vielleicht war das durch ihr Projekt in Ägypten ausgelöst worden?

Als sie sich nach dem Essen zurücklehnten, fragte Patrick: »Was hatte Ihnen der Typ da vorhin eigentlich zugesteckt?«

Peter griff sich an die Brusttasche und holte eine Visitenkarte hervor.

»Jeremiah Carpenter«, las er vor. »Ein Redakteur von Coast to Coast AM, scheint eine Radiosendung zu sein.«

»Nie gehört.«

Peter reichte die Karte seinem Kollegen. »Ich frage mich inzwischen, ob es nicht tatsächlich sinnvoll wäre, die Medien einzubinden. Oder ihnen zumindest Informationen zu geben. Mitzuspielen.«

»Wozu sollte das gut sein?«

»Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Aber vermutlich ist es nicht vorteilhaft, die Medien gegen sich zu haben, was wir durch allzu rüdes Verhalten möglicherweise provozieren.«

»Ja, ja, schon verstanden. Na und? Schieben Sie's dem Franzosen in die Schuhe. Macht mir nichts aus.«

»Nun, aber mir macht es etwas aus, mit Verlaub. Sie wissen selbst, dass das Projekt alle Bedingungen erfüllt, um einen Forscher bis zu seinem Lebensende lächerlich zu machen. Vielleicht wäre es da angebracht, zumindest die Berichterstattung – die wir ganz offenbar nicht verhindern können – ein wenig zu unseren Gunsten zu beeinflussen.«

»Und Sie denken, das klappt, indem Sie den Geiern ein paar Brocken hinwerfen. Ein Interview hier, ein paar Fotos dort, und alles wird gut?«

»Ich würde nicht zögern, wenn es so wäre. Wir haben beide keine Erfahrung im Umgang mit der Presse. Dennoch überlege ich, ob an dem Angebot dieser Kathleen Denver nicht etwas dran war.«

»Sie hat Ihnen gefallen, was?« Patrick grinste. »Sie alter Fuchs.«

»Sie sollten nicht so schnell von sich auf andere schließen, Patrick.«

»Sie war mir viel zu alt.«

»Aber wenn sie Mitte zwanzig gewesen wäre, hätten Sie sie vermutlich schon angerufen.«

Patrick zuckte scheinheilig mit den Schultern. »Ich weiß gar nicht, wie Sie darauf kommen.«

»Wie dem auch sei. Jedenfalls stimme ich unserem Kapitän zu, wenn er sagt, dass wir uns Gedanken über unseren Umgang mit der Presse machen sollten. Und eine offizielle Berichterstattung hätte einen weiteren Vorteil: Was auch immer uns zustößt, auf welche Schwierigkeiten wir auch stoßen mögen, wir würden nicht wieder wie bei den letzten beiden Projekten in einem undurchsichtigen Gewirr von Interessengruppen unter die Räder kommen.«

Patrick nickte. »Da ist vielleicht etwas Wahres dran...«

»Wir sollten zurück aufs Schiff, denke ich. Oder wollten Sie sich hier noch ein bisschen umsehen?«

»Nein. Auf geht's.«


Hotel Atlantis, Paradise Island, Bahamas


González stand neben dem Kapitän der Libertad an einem hohen Fenster, das den Blick auf Nassau freigab. Er nahm einen Schluck Rum und ließ ihn die Kehle hinabrinnen. Dabei verzog er sein Gesicht. Kubanischer Exportrum für Touristen. In Massen produzierte Billigware, die hier teuer verkauft wurde. Was für ein schwacher Abklatsch! Aber selbst in dem, was man aus seiner Heimat so abfällig über die Grenzen spuckte, war immer noch mehr Seele zu spüren als in jedem amerikanischen Fusel.

Die Seele Kubas. In winzige Portionen abgefüllt und verkauft. Und eines Tages würde nichts mehr übrig sein. Sie waren ein gefangenes und verkauftes Volk. Kuba brauchte Leute, die sich aufrecht hielten, Helden, die den Weg wiesen. Ihm, Nuño González, war es bestimmt, ein solcher Held zu werden. Er würde seinen Bruder rächen und dem Meer seine verfluchten Schätze entreißen, er würde als Sieger heimkehren, er würde Beachtung erhalten, und dann würde er die Zukunft Kubas gestalten. Er konnte es vor sich sehen. Das Gold. Die Parade. Und in seinen Traum mischte sich das große weiße Forschungsschiff der Amerikaner, und es beraubte ihn aller Schätze, allen Ruhms und seiner Zukunft. Und schlimmer noch, es zog das Angedenken Rauls in den Dreck, machte sich über González' Trauer lustig.

Mit dem Glas in der Hand deutete er auf die Insel im Meeresarm zwischen Paradise Island und der Hauptstadt.

»Da unten liegt sie. Diese verfluchten Amerikaner!«

»Es sind Europäer«, korrigierte Manuel.

»Ist doch scheißegal.« González stürzte sein Getränk hinunter. »Sie dürfen uns auf keinen Fall in die Quere kommen.«

»Wir kümmern uns ja schon darum.«

»Ein Student! Das reicht noch nicht. Wir brauchen mehr. Einen richtigen Plan, verstehst du, Manuel? Kommen wir an den genauen Projektplan heran?«

»Einige Daten habe ich schon besorgt, aber die genauen Koordinaten und alles andere können wir nur direkt von ihrem Schiff bekommen. Es wird eine Weile dauern, aber ich bin sicher, dass unser Mann uns etwas liefern wird.«

»Dir ist klar, dass ich bereit bin, jeden Preis zu zahlen, um mein Ziel zu erreichen.«

»Nicht nur du.«

González sah den breitschultrigen Kapitän an, der aus dem Fenster sah und nicht den Eindruck machte, als hatte er drohen wollen. »Was soll das heißen?«

Manuel wandte sich langsam um. »Glaubst du, der Tigre würde ein Versagen hinnehmen?«

»Cabrera ist mit mir verwandt!«

»Der Tigre ist mit niemandem außer dem Teufel verwandt.«

González ballte eine Hand zur Faust. »Dann werden wir der Teufel sein!«


An Bord der Argo, im Hafen von Nassau, Bahamas


John sah sie die Gangway hinaufsteigen. »Ich hatte mich schon gewundert, wo Sie waren«, grüßte er sie. »Es gibt Neuigkeiten. Ich fürchte, auch schlechte.«

»Um was geht es?«, fragte Peter.

»Zunächst einmal gab es einen Anruf für Sie mit der Bitte um Rückruf. Eine Miss Denver, soweit ich mich erinnere. Wir haben ihre Nummer notiert.«

Patrick grinste seinen Kollegen an. »Ihre Chance, Don Juan!«

Peter ließ sich nicht beirren. »Und was sonst noch?«, fragte er.

»Es hat einen Unfall gegeben«, erklärte John. »Nicht an Bord, aber einer der Studenten, die wir heute aufnehmen wollten, ist gestern bei einem Autounfall umgekommen. Aus vertraglichen Gründen müssen wir als Ersatz einen anderen Studenten von der Warteliste aufnehmen. Eigentlich wollte ich heute um fünfzehn Uhr auslaufen. Nun können wir vermutlich erst am Abend los.«

»Wie viel Zeit verlieren wir dadurch für das Projekt?«, fragte Patrick.

»Auch mit dieser Verzögerung werden wir morgen früh wie geplant vor Ort sein, da wir die Strecke heute Nacht bequem zurücklegen können. Es wird also keinen Einfluss auf das Projekt haben. Ich hoffe, dass Ihnen die zusätzlichen Stunden hier im Hafen nicht lang werden. Vielleicht möchten Sie ja an den Strand oder eine Tour durch Nassau unternehmen.«

»Zunächst sollten wir Miss Denver anrufen«, sagte Peter.

»Wollen Sie ihr also zusagen?«, fragte Patrick.

»Lassen Sie uns erst hören, was sie möchte.«

»Das kann ich Ihnen gleich sagen.«

»So, wie Sie klingen, schlage ich vor, dass ich das Gespräch führe.«

Patrick reichte dem Engländer sein Mobiltelefon. »Tun Sie sich keinen Zwang an.«

Das Gespräch dauerte nicht lange.

»Sie möchte sich mit uns treffen. Sie ist hier in Nassau«, sagte Peter schließlich, als er das Gerät zurückreichte.

»Sie ist uns nachgereist.«

»So oder so ähnlich. Sie sagt jedenfalls, sie hätte über die Sache nachgedacht und verstünde unsere Bedenken. Aber sie hätte einen Vorschlag und möchte ihn mit uns besprechen.«

Patrick zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen. Wir haben ohnehin nichts Besseres zu tun.«

»Das dachte ich mir. In dreißig Minuten treffen wir sie.«

Загрузка...