Kapitel 5


An Bord der Libertad, etwa fünfzig Seemeilen nordöstlich von Kuba


Nuño González stand in der Offiziersmesse der Libertad.

Es war ein Schiff der Fuerzas Armadas Revolucionarias, genauer der kubanischen Marine. Es war ursprünglich ein sowjetisches Forschungsschiff gewesen, das kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion an Kuba übergeben worden war. Schon damals war die Maschine veraltet gewesen, vom wissenschaftlichen Equipment ganz zu schweigen. Bei genauer Betrachtung hatte der Kahn vermutlich kurz vor der Ausmusterung gestanden. Aber die kubanische Marine hatte das Schiff nach besten Möglichkeiten generalüberholt. Der Rumpf war verstärkt worden, einige Aufbauten waren verschwunden und hatten einer Hubschrauberlandeplattform Platz gemacht. Mit großem Aufwand war ein neuer Dieselmotor eingesetzt, die Brücke entkernt und der Leitstand mehr oder wenig vollkommen ausgetauscht worden. Die technische Ausrüstung an Bord entsprach inzwischen zwar auch schon nicht mehr dem neuesten Stand, aber immerhin war sie nicht mehr vierzig Jahre alt. Sogar die Kajüten hatte man renoviert – jedenfalls die der Offiziere, von denen González eine belegte.

»¡Camarados!«, begann er, »Heute ist der erste Abend unserer Mission und auf diesem Schiff, der Libertad. Und eine Freiheit soll sie uns bringen! Freiheit für das, was wir hinter uns lassen, Freiheit für unsere Zukunft und Freiheit für das Gold auf dem Meeresboden!«

Die Männer der versammelten Mannschaft lachten, rissen die Arme nach oben und riefen González begeistert zu.

»Heute Abend feiern wir gemeinsam, und ab morgen kämpfen wir gemeinsam. Wir bezwingen dieses Meer, die Tiefe, und wir holen uns den Schatz!«

Wieder jubelte die Mannschaft. González hob eine Hand und gebot den Männern mit einem strengen Blick zu schweigen.

»Wenn wir von dieser Mission zurückkehren, seid ihr alle freie Männer, zum ersten Mal richtig frei. Könnt neue Autos kaufen, große Häuser bauen und euren Familien Ruhm und Reichtum bringen. Aber bis es so weit ist, gibt es zwei eiserne Gesetze an Bord der Libertad, und ich werde keine Übertretungen dulden. Zwei Gesetze, mehr nicht. Eines dieser Gesetze ist Capitán Manuel. Er ist der Herr über die Libertad.« González deutete auf den Kapitän, der breitschultrig und in Uniform neben ihm stand. »Alles hier gehört ihm, ihr seid nur seine Gäste. Seinen Anweisungen wird nicht widersprochen.«

Die Männer nickten schweigend.

»Und das andere Gesetz bin ich, der Comandante dieser Mission. Was das Schiff angeht, beuge auch ich mich dem Capitán, aber alles andere bestimme ich. Mein Wort ist das erste und das letzte. Es gibt keine Diskussionen. Wer mit diesen Regeln nicht einverstanden ist, hat jetzt die Möglichkeit, fünfzig Seemeilen an Land zu schwimmen. Morgen werden es hundert sein. Wer aber einverstanden ist, wer mit uns kämpfen und siegen will, der gehört zu unserer Familie, und der ruft nun: ›¡Viva la libertad!‹«

Die Männer stimmten energisch ein, dann sagte González: »Und dies war mein letztes Wort zum heutigen Abend! ¡Viva la fiesta!«


Wenig später war die Mannschaft mit Essen und Trinken beschäftigt. Es gab Kartoffeln, Bohnen, gebratene Lammkoteletts und ausreichend Bier und Rum. Es wurde viel gelacht, und González, der am Rand einer Tischreihe saß, ließ seine Augen über die Männer wandern. Es waren zehn gute Kerle. Die meisten kannte er persönlich. Es waren entfernte Verwandte, Freunde von Verwandten oder Verwandte von Freunden, und er hatte sich ihre Geschichten erzählen lassen, die sie alle etwas größer, kräftiger und erfahrener gemacht hatten, als sie vermutlich waren. Es war niemand unter ihnen, dem er nicht die besten Absichten unterstellen würde, der nicht den Drang hatte, alles zu geben, um erfolgreich zu sein. Es waren keine reichen Leute, die wenigsten hatten nach der Schule eine richtige Ausbildung begonnen, einige waren in der Armee gewesen und hatten sogar Tauchen gelernt, andere arbeiteten jedoch als Lastwagenfahrer, als Werftarbeiter oder Tagelöhner. Doch wichtiger als eine Ausbildung waren ihr Herz, ihre Energie und dass sie zupacken konnten. Capitán Manuel befahl selbst eine Crew von einem halben Dutzend Matrosen an Bord, die sowohl das Schiff als auch die wissenschaftliche Ausrüstung betreuten. González konnte sich also auf die Suche und die Handarbeit konzentrieren, wusste, dass die Technik in der Hand von Experten war.

Zum ersten Mal seit dem Tod seines Bruders fühlte er wieder so etwas wie eine kleine Hoffnung in sich aufsteigen. Er konnte es tatsächlich schaffen. Er würde es schaffen! Vielleicht würde er in dieser Nacht endlich wieder ruhig schlafen.

Er sah hinüber zum Fernseher, der unter der Decke montiert war und halblaut vor sich hin dudelte. Es liefen amerikanische Nachrichten. Walstrandungen in Florida. Sentimentales Getue. González schnaubte. Dann kam die nächste Meldung, und ein gewaltiges Forschungsschiff erschien im Bild.

»Manuel, mach das mal lauter!«, rief er.

Der Kapitän gab einem seiner Matrosen einen Wink.

Die Männer im Speiseraum drehten die Köpfe, als sich der Beitrag über ihnen in den Vordergrund drängte. Die meisten sprachen gut genug Englisch, um den Inhalten folgen zu können.

»¡Mierda!«, fluchte González, als ihm klar wurde, was die Nachricht bedeutete. Erregt stand er auf. »Manuel, kommen Sie, wir müssen reden!«

Sie gingen auf die Brücke, wo González an den Kartentisch trat.

»Zeigen Sie mir, wo es ist!«, sagte er.

Der Kapitän deutete auf einen Punkt im Atlantik unweit einer Stelle, die bereits auf der Karte markiert war.

»Ich habe es geahnt«, knurrte González. »Genau das hat uns gefehlt. Das darf nicht wahr sein!« Er sah einen Moment lang zur Decke. Er hasste dieses Gefühl, wenn ihm jemand ins Essen zu spucken drohte. Etwas musste geschehen! Und da gab es auch eine Möglichkeit...

»Nassau«, sagte er dann. »Wir müssen nach Nassau, so schnell es geht. Ändern Sie den Kurs, Capitán!«


An Bord der Argo, nordwestlich der Bimini-Inseln


Als Peter an Deck kam, trat er an die Reling und zog die kühle Luft ein. Es war bereits strahlend hell, die Sonne stand schon eine Handbreit über dem Horizont. Es war noch frisch, aber der Himmel ließ erahnen, dass es ein heißer Tag werden würde. Die See war nahezu spiegelglatt. Stille umgab die Szenerie wie eine gläserne Kuppel. Es war allerdings nicht nur die Ruhe des Meeres, auch die Argo lag still im Wasser. Die Motoren waren abgeschaltet, das Schiff lag vor Anker. Als Peter nach unten blickte, sah er durch das hellgrüne, vollkommen transparente Wasser geradewegs bis auf den zehn Meter darunter liegenden Meeresboden. Es schien, als schwebe die Argo über einem unbekannten Land. Peter erkannte Fische, die an Korallenbrocken nagten, blaue und schwarze Formen, kaum von der Wasseroberfläche verzerrt, und bisweilen blitzten weiße und gelbe Farbtupfer an ihnen auf.

»Guten Morgen, Professor!«

Peter drehte sich um und entdeckte Patrick, der sich auf ein zusammengerolltes Tau auf einer Luke gesetzt hatte, an der Wand lehnte und rauchte.

»Guten Morgen, Patrick«, entgegnete Peter. »Sind Sie aus dem Bett gefallen?«

Patrick lächelte. »Ich habe für einen Moment geglaubt, dass Sie die Fische füttern wollten.«

»Mir geht es gut, danke der Nachfrage«, antwortete Peter. Kurze Zeit nach ihrer Abfahrt aus Fort Pierce war ihm der Seegang auf den Magen geschlagen. Eine Weile hatte er danach an Deck gestanden, mit der Nase im Wind und dem Blick auf den Horizont, aber bei Einbruch der Dämmerung hatte er sich in seine Kabine zurückgezogen. Er erinnerte sich an frühere Schiffsreisen, auf denen er keine Anflüge von Seekrankheit gehabt hatte, aber vielleicht war auch dies ein Zeichen des unbarmherzigen Älterwerdens.

»Frühstück gibt's erst in einer halben Stunde«, sagte Patrick und deutete auf einen Becher neben sich. »Aber einen Kaffee haben sie schon rausgerückt. Wollen Sie sich auch einen holen?«

Peter lehnte dankend ab. An seinem Magen lag es nicht. Tatsächlich war er sogar hungrig, was er als gutes Zeichen deutete, aber mit einem Kaffee auf nüchternen Magen hatte er sich noch nie anfreunden können. Er würde sich auf einen Tee oder zur Not heißes Wasser beschränken.

»Wo sind wir hier?«, fragte er.

»Bimini. Da wollten Sie doch hin.«

»Hier ist es also...« Peter sah wieder auf das Wasser hinaus.

»Na ja, nicht ganz. Ich schätze, wir werden zum Tauchen mit einem Dingi näher heranfahren.«

»Einem Dingi?«

»Einem Schlauchboot.«

Peter nickte. Es ging los. Er hatte das Projekt bewusst so geplant, dass sie gleich zu Beginn etwas zu sehen bekamen. Später dann, an der zweiten Forschungsstelle, würde sich herausstellen, wie handfest seine weiteren Vermutungen und die gemeinsamen Berechnungen wirklich waren. Dort würde sich seine Theorie beweisen müssen. Er selbst würde sich beweisen müssen. Es stand so viel mehr auf dem Spiel als das Projekt und das Geld, das sie investierten. Seinem Erfolg als Historiker und Theoretiker stand der Neid vieler Kollegen gegenüber, die ihn als Fantasten und bestenfalls Nutznießer fremder Vorarbeit ansahen. Peter hatte im Lauf seines Lebens immer wieder erfahren, dass die größten Entdeckungen durch die mutigsten Ideen zustande kamen. Die eigenwilligsten Ansätze führten zu den ungewöhnlichsten Resultaten und den größten Erfolgen. Und so war es auch jetzt. Nur durch das Risiko, mit seinem gesammelten historischen Wissen und seiner unvergleichlichen analytischen Erfahrung den größten Fehlschluss seines Lebens zu ziehen, konnte er gleichzeitig das sensationellste Puzzle der Menschheit zusammensetzen. Er hatte zu viel gesehen, gerade in den letzten drei Jahren, gemeinsam mit Patrick, als dass er seine restlichen Tage in einem grauen Büro mit einem grauen Leben verbringen wollte. Er hatte sich entschieden. Wollte die ganze Wahrheit, und nun gab es kein Grau mehr, nur Schwarz oder Weiß. Triumph oder Niederlage.

John Harris kam an Deck.

»Guten Morgen, Gentlemen«, grüßte er. »Gut, dass ich Sie hier finde. Ich möchte, dass Sie sich etwas ansehen. Kommen Sie mit, in wenigen Minuten geht es los.«

»Hat es nicht bis nach dem Frühstück Zeit?«, fragte Patrick.

»Leider nein. Ich vermute, dass es wichtig für Sie ist.«

Patrick sah den Professor an und zuckte mit den Schultern. Dann stand er auf, und gemeinsam folgten sie dem Kapitän in einen Aufenthaltsraum der Mannschaft. John schaltete den Fernseher an und stellte den Sender FOX ein.

»Gestern kam ein Beitrag. In den Acht-Uhr-Nachrichten werden sie ihn noch einmal wiederholen.«

Sie setzten sich und folgten dem Programm.

Dann tauchte mit einem Mal die Argo auf, zusammen mit einer eingeblendeten Unterzeile: Europäer suchen Atlantis.

Die Kamera wanderte über das Schiff, und eine Karte des Atlantiks wurde eingeblendet; am linken Rand war die Ostküste Floridas zu sehen, unten die Bahamas. Ein Sprecher erklärte dazu: »Die Argo 2K, das größte Forschungsschiff der Woods Hole Oceanographic Institution ist in einem neuen und spektakulären Auftrag unterwegs. Der renommierte britische Geschichtsprofessor Peter Lavell und der französische Ingenieur Patrick Nevreux haben sich der Suche nach Atlantis verschrieben. Sie vermuten den sagenhaften versunkenen Kontinent in den tiefen Gewässern nordöstlich der Bahamas. Sie sind der festen Überzeugung, dass sie finden können, was seit Jahrtausenden immer wieder vergeblich gesucht wurde und der allgemeinen wissenschaftlichen Ansicht nach nur ein Märchen ist.«

Nun erschien Peter im Bild, während der Sprecher fragte: »Glauben Sie, dass es sinnvoll ist, sich mit der etablierten Wissenschaft anzulegen?«

»Ja, unbedingt«, kam Peters Antwort.

»Ist es nicht total verrückt, fast eine Million Dollar für so ein Märchen auszugeben?«

Die Kamera zeigte Patrick. »Das interessiert uns einen Dreck«, war aus seinem Mund zu hören.

Jetzt sah man den Journalisten selbst vor dem Hintergrund des Kais. Er hielt ein Mikrofon in der Hand und lächelte. »Die Zeit der Mythenjäger ist offenbar nicht vorbei. Wir dürfen gespannt sein, ob wir je wieder von diesem Projekt hören. Mein Name ist Kevin Strout für FOX News.«

Der Kapitän schaltete den Apparat aus.

»Cet enculé! Was für ein Riesenarschloch!«, rief Patrick in die Stille und stand auf. »Der hat uns die Worte in den Mund gelegt, wie es ihm gepasst hat!«

Peter nickte. »In der Tat. Eine unangenehme Sache...«

»Unangenehme Sache?! Ich habe Ihnen gleich gesagt, dass Journalisten nicht über den Weg zu trauen ist.«

»Bei allem Respekt«, sagte John, »Sie haben den Mann auch nicht sonderlich gut behandelt. Offenbar hat er es Ihnen verübelt.«

»Und jetzt sind wir auch noch selbst schuld?«, ereiferte sich Patrick.

»Ich meine nur, dass Sie möglicherweise nicht vorsichtig genug mit Ihren Äußerungen gewesen sind. Ich weiß, dass Sie in Europa offene Worte schätzen. Sie haben eine andere, direktere Art, als man es hier gewohnt ist.«

»Und das sagen Sie ausgerechnet über einen Engländer?« Patrick lachte auf. Außer in seinen wissenschaftlichen Aufsätzen und Vorträgen trug Peter üblicherweise nicht gerade sein Herz auf der Zunge.

John schüttelte den Kopf. »Sei es, wie es sei«, lenkte er ein. »Der Umgang mit der Presse ist jedenfalls sehr diffizil. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass ich einige Erfahrungen damit gesammelt habe. Falls dieser Beitrag weitere Reporter aufgescheucht haben sollte, wäre es vielleicht sinnvoll, über eine PR-Beratung nachzudenken. Auch über offizielle Pressemeldungen und Richtlinien für die externe Kommunikation und für die Crew.«

Patrick verdrehte die Augen.

»Nun, lassen Sie uns erst einmal frühstücken«, sagte John mit versöhnlichem Ton. »Wir haben einen aufregenden Tag vor uns, und Sie können ja noch darüber nachdenken.«


»Bevor wir mit dem Tauchgang beginnen«, erklärte John während des Essens, »müssen wir ein Briefing abhalten. Auch wenn es nur ein einfacher Tauchgang ist: Sie wissen selbst, wie viel jeder einzelne Tag kostet, und wir möchten jede Minute maximal nutzen. Daher werden wir uns in...«, er sah auf seine Uhr, »in zehn Minuten im Besprechungsraum mit dem Team treffen. Der Projektplan sieht keine außergewöhnlichen Gerätschaften vor, sodass ich vier Taucher, zwei Kameraleute und natürlich einen Matrosen für das Dingi eingeteilt habe. Mittags findet die erste Materialauswertung statt. Sind Sie damit einverstanden?«

»Weshalb so viele Taucher?«, fragte Peter.

»Das Wasser ist hier relativ seicht«, sagte John, »aber auch in zwölf Metern Tiefe erreichen Taucher mit Nitrox nach rund dreieinhalb Stunden die Nullzeit, und das muss hier im Grande nicht sein.«

Patrick sah Peters fragenden Blick. »Je länger und je tiefer Sie unter Wasser bleiben, umso mehr Stickstoff sammelt sich im Blut«, erläuterte er. »Ist die sogenannte Nullzeit überschritten, dürfen Sie nicht einfach an die Oberfläche, sondern müssen beim Auftauchen Zwischenstopps in verschiedenen Tiefen einlegen, damit das Gas abgearbeitet werden kann. Auch wenn man vor der Nullzeit wieder hochkommt und kurze Zeit später erneut taucht, ist noch immer Stickstoff im Blut, und der nächste Tauchgang muss entsprechend kürzer sein. Daher sollte man nach einem Tauchgang noch eine Weile aussetzen. Wenn Sie also den Meeresboden gründlich absuchen wollen, dann ist es effektiv, mit zwei Teams zu arbeiten, die nacheinander je drei Stunden unten bleiben. Jedenfalls, wenn wir ohnehin genug Leute an Bord haben.«

Peter nickte. »Gut. Ich werde meine Unterlagen zur Besprechung mitbringen. Haben Sie eine genaue Karte dieser Region?«

»Sie werden sehen«, sagte der Kapitän, »dass wir aufs Beste ausgerüstet sind. Das Team muss lediglich instruiert werden, was das Ziel der Untersuchung ist. Gemeinsam werden wir den Tauchgang dann anhand Ihrer Vorgaben planen.«

In der Mitte des Besprechungszimmers stand kein Konferenztisch, wie Peter erwartet hatte. Stattdessen fanden sich hier mehrere Stuhlreihen und ein kleines Podium vor einer großen Tafel, wie in einem Seminarraum. Auf dem Podium standen ein Pult und ein Tisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop lag. John bat Peter zu sich nach vorn und wartete, bis sich der Raum gefüllt hatte. Es kamen nicht nur die Taucher, auch die anderen Mitarbeiter, die Techniker, Piloten und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Argo waren zum Treffen gebeten worden. Peter zählte im Ganzen rund zwanzig Leute.

»Guten Morgen, Leute. Das ist Professor Lavell, einige von euch haben ihn gestern schon kennengelernt, und dies«, der Kapitän wies auf den Franzosen, der in der ersten Reihe saß, »ist Patrick Nevreux, sein Partner. Sie sind unsere Auftraggeber und Leiter des Projekts. Wie üblich ist also ihren Anweisungen Folge zu leisten, ihre Fragen sind zu beantworten, und jeder an Bord ist verpflichtet, sie in diesem Projekt aufs Äußerste zu unterstützen.« Es war eine Selbstverständlichkeit, aber John wiederholte es bei jedem Projekt, um an ihre Verantwortung als Dienstleister zu erinnern und auch, damit sich die Kunden gut aufgehoben fühlten. »Wie ihr wisst, sind wir nicht zum Schnorcheln hergekommen. Die eigentliche Forschungsstelle werden wir erst in zwei Tagen erreichen, nachdem wir in Nassau Zwischenstopp gemacht haben. Heute ist unser Aufwärmtag. Professor Lavell hat genaue Vorstellungen davon, weshalb wir an dieser Stelle liegen und was wir hier tun. Wir werden heute zwei Tauchgänge unternehmen, unterbrochen von einer Materialsichtung mittags. Gegen siebzehn Uhr legen wir ab Richtung Bahamas. Professor Lavell, wollen Sie kurz erklären, um was es geht?«

Peter hatte die Gesichter der Mannschaft studiert. Bis auf einige wenige waren es junge Leute in den Zwanzigern oder Dreißigern. Im ersten Augenblick hatte Peter gezögert, ob es richtig war, ein so wichtiges Vorhaben in die Hände dieser in T-Shirts und Jeans gekleideten Männer und Frauen zu legen.

Andererseits waren sie nicht ohne Grund auf diesem Schiff. Es mussten Profis auf ihrem Gebiet sein, und die disziplinierte Weise, in der sie erschienen waren und den einleitenden Worten zuhörten, empfand er als sehr zufriedenstellend. Er war zwar Kunde, aber letztlich war er auf sie angewiesen, und sie würden in der Kürze der Zeit reibungslos zusammenarbeiten müssen. Er entschied sich, ihnen einen Vertrauensvorschuss zu geben.

»Guten Morgen«, sagte er. »Ich danke Ihnen für Ihr Kommen. Es scheint mir unangenehm genug, dass ich vermutlich zehnmal so alt bin wie Sie alle zusammen. Fangen wir also am besten damit an, dass wir den ›Professor‹ weglassen und Sie mich Peter nennen. Und ich bin sicher, dass mein Kollege nichts dagegen hat, wenn Sie Patrick zu ihm sagen.«

Die Stimmung innerhalb der Mannschaft wurde spürbar entspannter.

»Warum sind wir hier? Nun, ich bin sicher, dass der ein oder andere von Ihnen schon einmal von der ›Bimini-Straße‹ gehört hat. Es handelt sich dabei um eine ungewöhnliche Gesteinsformation, die man in diesen Gewässern gefunden hat. In zehn bis zwölf Metern Tiefe, also durchaus von einem niedrig fliegenden Flugzeug aus zu sehen, zieht sich etwas, das wie eine Straße aussieht, über den Meeresboden.«

Peter holte eine Zeichnung hervor und hielt sie hoch.

»Diese Skizze der Formation ist die beste bekannte Reproduktion der ›Bimini-Straße‹. Kleine sowie zum Teil mehrere Meter breite Steinquader, die in zwei parallelen Spuren liegen, formen dieses etwa fünfhundert Meter lange, J-förmige Gebilde, das auf den ersten Blick wie eine antike gepflasterte Straße wirkt.

Sie können sich vorstellen, dass es die etablierte Wissenschaft für vollkommen ausgeschlossen hält, dass es sich hierbei tatsächlich um eine von Menschenhand erbaute Straße handeln könnte. Und dass die Entdeckung vor vierzig Jahren mit Schlagzeilen wie ›Atlantis gefunden?‹ durch die Presse ging, hat der Seriosität des Fundes kaum weitergeholfen. Es hat infolgedessen kaum ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen dieses Gebiets gegeben. Theorien vermuten, dass es sich um eine Ansammlung von Ballaststeinen handelt, wie sie in der Antike verwendet wurden, oder aber um natürliche Formen, sogenannten Beach Rock, wie er an Stränden durch Sand und Kalkablagerungen entsteht. Die meisten dieser Theorien sind zwanzig und dreißig Jahre alt und genauso wenig bewiesen wie die neuesten, ebenfalls nicht wissenschaftlich anerkannten Untersuchungen, die Steinkeile und Bohrlöcher gefunden haben wollen.

Um eines klarzustellen: Die Untersuchung der ›Bimini-Straße‹ hat in meinen Augen nichts mit Atlantis zu tun. Falls sich eines Tages herausstellen sollte, dass es sich hier um eine künstliche, von Menschenhand erzeugte Konstruktion handelt, dann wird dies möglicherweise auf eine präkolumbianische Kultur verweisen, vielleicht eine, die wir noch nicht kennen. Aber lassen wir Atlantis hier aus dem Spiel.

Worum es mir heute geht: Zum ersten Mal soll eine Untersuchung durch – verzeihen Sie meine damit einhergehende Selbstbeweihräucherung – seriöse und etablierte Wissenschaftler vorgenommen werden. Durch unsere Recherchen vor Ort, unsere Proben und Aufnahmen, möchte ich ein Zeichen setzen, damit, falls wir auch selbst keine endgültigen Ergebnisse erzielen sollten, andere ernsthafte Wissenschaftler es wagen, sich diesem und ähnlichen Themen zu widmen. Es gibt zu viel unentdecktes Wissen auf der Welt, das aus bloßer Scheu und akademischen Zweifeln den Heerscharen von Pseudowissenschaftlern, Sinnsuchern und Esoterikern überlassen wird. Dem möchte ich entgegenwirken. Lassen Sie uns den eingestaubten Fakultäten zeigen, dass es auch heute noch Abenteuer in unerforschten Mysterien gibt, dass es sich lohnt, nach immer neuen Antworten zu suchen.«

Spontaner Applaus und Lachen zeigten Peter, dass er die Mannschaft erreicht hatte.

Auch John grinste. Dann hob er eine Hand, woraufhin die Laute verstummten.

»Also gut, ich denke das reicht fürs Erste. Heute noch keine Vorlesung über Atlantis, dafür ist später Zeit. Jetzt werden wir die Planung für den Vormittag durchgehen. Steve, Neil, Keith und Susan, ich habe euch für die Tauchgänge eingeteilt. Mario und Ken, ihr seid wie üblich für die Kameras zuständig. Chad, du übernimmst das Dingi. Ihr bleibt also zum Briefing hier. Die andern können ihre Arbeitsbereiche auf Vordermann bringen, soweit das noch nicht der Fall ist. Heute ist auch ein guter Tag, um die Rechner zu checken und die Unterwasser-Fahrzeuge zu polieren. Mike, wir brauchen deine Unterstützung für das LAN. Labor zwei hat meines Wissens immer noch Verbindungsprobleme.«

Die Leute standen auf und verließen den Raum. Die Taucher rückten auf die vorderen Stühle.

John griff zum oberen Ende der Tafel und zog eine Leinwand herunter. Dann drückte er einige Tasten des Laptops, woraufhin sich ein Projektor ein Stück aus der Decke senkte und eine Karte auf die Leinwand projizierte. Anhand der eingezeichneten Tiefenlinien war zu erkennen, dass es sich hierbei um ein Abbild des Meeresbodens handelte.

John wies auf einen Punkt. »Das hier ist unsere momentane Position. Die Bimini-Formation befindet sich nur eine halbe Meile von hier.« Die Karte bewegte sich ein Stück, und daran, dass sich die Tiefenlinien auseinanderzogen, war zu erkennen, dass der gewählte Ausschnitt nun vergrößert wurde. Als das Bild zum Stillstand kam, erschien als Überlagerung die Skizze der Steinanordnung.

»Dies ist die Lage der sogenannten Bimini-Straße, maßstabsgetreu eingeblendet. Wie der Professor vorhin schon erklärt hat, gibt es keine seriöseren und verifizierten Daten, das hier ist vermutlich nur eine Annäherung. Meer und Wetter sehen zwar ruhig aus, aber in zehn Metern Tiefe haben wir eine Unterströmung gemessen, es wird also ein Strömungstauchgang, und daher werden wir mit dem Dingi hierhin fahren und dort den Einstieg vornehmen.« Nun zeigten sich mehrere farbige Linien auf der Karte. »Den ersten Tauchgang unternehmen Keith und Susan. Mario, du begleitest sie und dokumentierst mit der Kamera. An dieser Stelle hier wird Chad warten und euch das zweite Set Flaschen runterlassen. Danach fährt er zum Ende der Straße, um euch in diesem Gebiet wieder an Bord zu holen.«

Die Angesprochenen nickten. Patrick sah zur Seite und musterte sie. Besonders an Susan blieb sein Blick hängen. Sie war sehr jung und sah gar nicht sonderlich sportlich aus. Vielleicht lag es an ihrem übergroßen Pullover. Er hätte sie auf der Straße spontan für eine Verkäuferin im Bio-Laden gehalten. Er legte den Kopf schief. Wie leicht es immer wieder fiel, Menschen nach dem Äußeren zu beurteilen. Dabei verstand sie vermutlich ihr Handwerk, sonst hätte der Kapitän sie nicht ausgewählt. Susan bemerkte, dass der Franzose sie taxierte, und nickte ihm zu. Offenbar hatte er keinen allzu geringschätzigen Gesichtsausdruck gehabt, oder sie ließ es sich nicht anmerken. Patrick nahm sich vor, sich mehr zurückzuhalten. Vor einigen Jahren war es ihm vollkommen egal gewesen, was andere von ihm dachten, und in seiner Meinung hatte er sich stets alle Bewertungen erlaubt. Noch immer brach es manchmal aus ihm heraus, wie bei diesem vorlauten Journalisten. Aber in den letzten Jahren hatte er sich verändert, nicht zuletzt durch die Projekte mit dem Professor. Nachdem er sich zunehmend mit Fragen nach den Ursprüngen des Seins beschäftigt hatte, nach dem Sinn des Daseins, hatte er auch einen anderen Blick auf die kleinen Dinge bekommen. Er schmunzelte über sich selbst und fragte sich, ob es wirklich nur mit seinem Erlebnis in der Höhle damals in Südfrankreich zusammenhing.

Und nun suchte Peter Atlantis. Eine wahnwitzige Idee. Der Professor hatte ihm in Hamburg eine Kopie von Platons Dialog gegeben, und in den folgenden Wochen hatten sie das Projekt geplant. Patrick hatte dies alles unter der Prämisse getan, es sei ein reguläres archäologisches Projekt, das sich auf geschichtliche Fakten berief. Tatsächlich war dem natürlich nicht so, und obwohl auch Patrick schon so abenteuerlich scheinende Projekte wie die Suche nach Eldorado angezettelt hatte, war Atlantis eine völlig andere Größenordnung. Ein Unternehmen, das selbst ihm, dem risikofreudigen Abenteurer, schlicht lächerlich vorkommen musste. Dennoch... Etwas war da. Er spürte es wie eine tief vergrabene Erinnerung, wie ein Wort, das einem auf der Zunge lag. Er suchte keine wissenschaftliche Anerkennung, die Peter zum Ende seiner Karriere wichtig geworden zu sein schien, Patrick suchte auch keine Schätze, vermutete nicht einmal, etwas anderes als höchstens alte Steine zu finden. Patrick wusste nicht, auf was sie stoßen würden, aber er spürte, dass sie sich etwas Großem näherten. Vielleicht war es kein Gegenstand, kein Fund, vielleicht war es etwas Virtuelles, ein Ereignis, eine Erkenntnis. Er musste plötzlich an Melissa denken, die er in Ägypten kennengelernt hatte. Sie war der Ansicht gewesen, dass er eine Art Sehergabe besaß, was auch immer man sich unter solchem esoterischen Quatsch vorstellen sollte. Vielleicht nicht mehr als ein besonders gutes Gedächtnis, eine außergewöhnliche Auffassungsgabe oder einen herausragenden Instinkt. In jedem Fall ahnte er aber, was sie gemeint hatte. Patrick zuckte mit den Schultern. Melissa hatte ihm und dem Professor in ihrem Abschiedsbrief ein Leben in interessanten Zeiten gewünscht... und nichts anderes geschah gerade.

»Ich tauche mit«, sagte er unvermittelt.

»Wie bitte?« Der Kapitän sah ihn fragend an, und die Crew drehte sich geschlossen zu ihm herum.

»Sie können nicht mittauchen!«, sagte Peter.

»Klar kann ich. Ich habe seit zehn Jahren einen Tauchschein und rund vierzig Tauchgänge im Log. Und Strömungstauchen habe ich im Mittelmeer auch schon gemacht. Einen zusätzlichen Anzug werden Sie wohl noch an Bord haben, oder?«

»Ich halte das wirklich für keine gute Idee«, wiederholte der Professor. »Ich benötige Sie im Projekt. Was, wenn Ihnen etwas zustößt?«

»Was soll denn schon passieren? Zwölf Meter ist eine Kleinigkeit. Außerdem tauche ich ja nicht allein.«

»Von mir aus ist es kein Problem«, sagte Keith, einer der Taucher. »Wir können auf ihn aufpassen. Und zu dritt decken wir das Gebiet sogar noch viel besser ab.«

John zuckte mit den Schultern. »Ich habe auch keine Einwände. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie Ihr Logbuch dabei haben, aber wenn Sie versichern, ausreichend Taucherfahrung zu haben...« Sein Blick wanderte zu Peter. »Sie beide entscheiden das selbst.«

Peter, der gehofft hatte, dass der Kapitän Einwände haben würde, hob nur die Hände in einer Geste der Resignation.


Das Dingi war weit mehr als ein schlichtes Beiboot. Es war ein regelrechtes Tauchboot, auf dem sechs Personen mitsamt ihrer Ausrüstung Platz hatten. Sie hatten die Neoprenanzüge schon an Bord der Argo angezogen. Jeder Taucher brachte eine Box mit, in der sich Flossen, Maske, Bleigürtel, Lungenautomat und Tarierweste befanden, die Flaschen wurden von Helfern auf das Boot getragen. Für Patrick hatte man eine Ausrüstung zusammengestellt und ihm reguläre Pressluft in die Flaschen gefüllt, da er sich mit Nitrox nicht auskannte.

Das Tauchboot hatte die Position schnell erreicht, und Chad warf den Anker. Keith gab Patrick eine kurze Einweisung in den Tauchcomputer, den er ihm ans Handgelenk band. Das Prinzip war Patrick klar, aber die Bedienung änderte sich alle paar Jahre und von Modell zu Modell.

Dann stand Susan in vollständiger Montur vor ihm und drückte ihm ein kleines Päckchen von der Größe einer Zigarettenschachtel in die Hand.

»Eine Oberflächenboje«, erklärte sie. »Wenn du früher hochkommst, bläst du sie mit der Luftdusche auf. Damit Chad dich findet, okay?«

»Alles klar.« Er befestigte das Päckchen an seiner Weste.

Sie ging um ihn herum. »Tut mir ja wirklich leid, aber so schlank wie du früher vielleicht mal warst, bist du nicht mehr.« Sie rüttelte an seinem Bleigürtel. »Zieh den noch mal aus.«

»Wie bitte?!«

»Du hast mindestens zwei, wahrscheinlich sogar vier Kilo Blei zu wenig dran. Das ist außerdem kein Shorty, den du da trägst, der hat einen ziemlichen Auftrieb. Kann mir nicht denken, dass du die ganze Zeit mit Tarieren beschäftigt sein willst.«

Patrick fiel keine schlagfertige Erwiderung ein. Stattdessen zuckte er mit den Schultern, fügte zwei Gewichte hinzu und zog den Gürtel erneut an. Wie selbstverständlich half sie ihm beim Anlegen der Weste mit der Flasche und prüfte alle Anschlüsse. Dann wandte sie sich an die anderen. »Seid ihr alle so weit?«

Nacheinander ließen die vier sich rückwärts über den Rand des Bootes ins Wasser kippen. Sie warteten aufeinander, prüften ein letztes Mal den Sitz von Maske und Schnorchel und tauchten ab.

Die erfahrenen Taucher sanken schnell hinab. Patrick, dessen letzter Tauchgang schon länger zurücklag, ließ die Luft nur langsam aus seiner Tarierweste. Der Druck auf seinen Ohren nahm rasch zu, der Druckausgleich, der bei den anderen Routine war, gelang ihm nicht so zügig, und so dauerte es eine Weile, bis er bei ihnen auf dem Grund ankam. Auf dem letzten Meter war er allerdings zu schnell und kam sich etwas unbeholfen vor, als er mit den Flossen eine Sandwolke aufwirbelte. Sie mussten ihn für einen plumpen Anfänger halten, überlegte er, was nicht furchtbar weit von der Wahrheit entfernt war. Tauchen war keineswegs eine Sache, die man einmal lernte und dann konnte, man musste in ständiger Übung bleiben, musste Routine darin entwickeln, ohne unaufmerksam zu werden. Anders als bei einem Waldspaziergang konnte hier schließlich deutlich mehr schiefgehen.

Der Tauchcomputer zeigte elf Meter Tiefe an. Selbst für einen Hobbytaucher eigentlich kein Problem. Das Wasser war fast klar, die Sicht gut. Patrick spürte die Strömung, als er sich einige Handbreit über dem Meeresboden in einen Schwebezustand tariert hatte und dabei langsam abdriftete. Keith und Mario schwammen bereits geradeaus auf eine dunkle Formation zu. Susan wartete. Mit dem Okay-Zeichen fragte sie Patrick, ob er bereit sei. Er erwiderte das Handzeichen, dann setzten sie sich ebenfalls in Bewegung.

Erst jetzt fand Patrick Gelegenheit, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Er spürte die Stille des Meeres, die Ruhe des sanften Schwebens. Das Sprudeln der Luftblasen im Rhythmus seines Atems, der gleichmäßiger wurde. Den Boden bedeckten heller Sand und vereinzelte Gesteinsbrocken, in kleinen Flecken wuchs Seegras. Barben wühlten mit ihren Barteln den Sandboden auf, andere Fische nagten an Steinen und Korallen. Keines der Meereslebewesen ließ sich stören, als die Taucher sich langsam über sie hinwegbewegten.

Nach wenigen Augenblicken hatten sie die Formation erreicht. Die plötzliche Ansammlung von Gesteinsbrocken war sofort auffällig. Und nicht nur aus der Luft, auch von hier unten war zu erkennen, wie sich die Blöcke in einer geraden Linie fortsetzten, jedenfalls noch mindestens fünfzig oder sechzig Meter, bis sich die Sicht in einem blauen Dunst verlor. Die Taucher verteilten sich über die Breite der Straße und gingen etwas tiefer, sodass sie sich mit den Handschuhen an den Steinen festhalten konnten.

Patrick spürte einen schmerzhaften Druck in den Ohren und musste erneut einen Druckausgleich vornehmen. Er sah auf seinen Tauchcomputer. Zwölfeinhalb Meter.

Die Steine waren mit Sedimenten überlagert, ragten nur zu einem Teil aus dem Meeresboden auf und waren überwuchert mit Korallen, Seepocken und Algen. Die Form der Steine war häufig nicht auf Anhieb auszumachen, und erst, wenn er zwei Meter höher stieg, ließ sich erkennen, dass einige davon nahezu rechte Winkel aufwiesen.

Patrick ging näher heran und untersuchte die Steine. Nur an wenigen Stellen lagen Kanten oder Teile der Oberfläche frei. Mit seinem Tauchermesser kratzte er daran, um die Beschaffenheit zu untersuchen. Ohne einen Brocken davon aus dem Wasser zu holen und aufzubrechen, war das Gestein nahezu unmöglich zu bestimmen. Es wirkte nicht wie verhärtetes Sediment, aber das mochte täuschen.

Er sah auf, als er ein metallenes Klacken hörte. Es war Susan, einige Meter entfernt, die eine kleine Kugel gegen ihre Flasche schlagen ließ, um die anderen Taucher auf sich aufmerksam zu machen. Sie schwebte etwas höher im Wasser, deutete hinter sich und machte ein Handzeichen. Patrick wusste, was es bedeutete: Ein Hai!

Die Taucher nahmen sich ein Beispiel an Susan, die trotz der Gefahr ruhig blieb und sich behutsam umdrehte, sodass sie beobachten konnte, was sich ihnen näherte.

An Susans Drehung erkannte Patrick, dass der Hai offenbar einen Bogen geschwommen hatte und sich nun auf seiner Seite näherte. Er wandte sich um.

Nicht einer, sondern gleich drei Haie steuerten mit elegant schlängelnden Bewegungen auf ihn zu. Die Entfernung und ihre Größe waren gegen das offene Wasser schwer zu schätzen.

Haie waren neugierig. Denkbar, dass sie nur sehen wollten, welche Wesen hier in ihr Gebiet eindrangen. Dass sie derart ohne Scheu waren, konnte ein schlechtes Zeichen sein, denn vielleicht waren sie auf der Jagd. Patrick bemerkte, wie sein Atem schneller ging, doch er bemühte sich, trotz seines klopfenden Herzens weiter gleichmäßig und tief zu atmen.

Dann senkten sie sich, näherten sich den Steinen, schwammen direkt über sie, und Patrick erkannte endlich, dass sie nicht länger als eineinhalb Meter waren. Ihre Form war selbst für einen Laien eindeutig, es handelte sich um Ammenhaie, eine friedfertige Art, die sich nicht um Taucher kümmerte. Sie schwammen in zwei Metern Entfernung an Patrick vorbei. Er sah zu Susan. Sie nickte, beschrieb mit den beiden Zeigefingern die Form eines lachenden Mundes und machte dann das Okay-Zeichen. Ganz offenbar freute sie sich über die Begegnung und wollte wissen, ob es Patrick auch so ging. Er erwiderte das Signal. Aber der erste Schreck hatte trotzdem gesessen.

Er sah auf sein Finimeter. Fast ein Drittel seiner Luft war verbraucht. Er musste sich bemühen, weniger hektisch zu atmen, wenn er mit den Profis mithalten wollte.

Sie wandten sich wieder der Untersuchung der Formation zu und schwammen langsam weiter.

Nun kamen sie in einen Bereich, in dem die Struktur viel deutlicher als zuvor eine gerade Strecke bildete, die einer Straße aus übergroßen Pflastersteinen glich. Hier erhoben sich die Steine auch weiter aus dem Boden. Dabei wurde deutlich, dass es sich nicht um eine schlichte Fläche handelte. Vielmehr lagen die Steine übereinander, und nur die oberste Schicht war zu sehen. Es wirkte wie der abgeflachte Kamm eines Damms oder einer Mole, die fast vollständig unter einer unbekannten Menge Sand begraben lag.

Patrick richtete sich im Wasser etwas auf und fächerte mit einer Flosse Sand beiseite, der von der Strömung fortgetragen wurde. Dann senkte er sich wieder, hielt sich an den Steinen fest und kratzte die Verkrustung an der Nahtstelle zweier Steine frei. Sie wurde zu einer feinen, ebenmäßigen Linie, ganz anders, als lägen diese Seiten zufällig aufeinander, sondern so, als habe man sie bewusst so platziert, ähnlich wie in den Tempelanlagen der Maya. Es war nur eine Kleinigkeit, aber es war ein deutlicher Hinweis darauf, dass dies keine natürliche Aufhäufung war.

Er sah auf und suchte Mario, überlegte, ob es sinnvoll war, dass er diese Naht filmte. Aber der Kameramann war nicht in der Nähe. Egal, dachte er, sicher würden sich noch weitere solche Stellen finden lassen. Er stieß sich ab und schwamm langsam weiter.

Die Steine boten nach einer Weile nur noch ein mehr oder weniger gleichförmiges Bild. Wiederholt ging einer der Taucher näher heran und prüfte etwas, nur um kurz darauf wieder davon abzulassen. Patrick schaute erneut auf sein Finimeter. Es zeigte neunzig Bar an. Er wusste nicht, wie weit er vom Ausstieg auf halber Strecke entfernt war, und näherte sich Susan. Er stieß sie an, wies sie auf seine verbleibende Luftmenge hin und machte das Zeichen zum Auftauchen. Gestikulierend beantwortete sie seine Frage: Auftauchen bei fünfzig Bar, weiter schwimmen. Patrick bestätigte. Fünfzig Bar war verdammt wenig. Aber wenn sie sich dann bereits direkt unter dem Dingi befanden, war der Aufstieg eine Sache von wenigen Minuten.

Er stockte, als ihm direkt unter sich eine dunkle Stelle im Stein auffiel. Mit dem Messer entfernte er eine Schicht aus dünnen Algen und Seepocken. Es war ein quadratisches Loch von sechs oder sieben Zentimetern Seitenlänge. Er fächerte mit dem Handschuh Sand heraus, dann stocherte er mit der Klinge darin herum. Das Messer versank fast bis zum Heft. Das war mit Sicherheit nicht natürlich entstanden. Jemand hatte dieses Loch in den Stein gearbeitet, vielleicht, um einen Balken oder einen Riegel aufzunehmen. Endlich ein eindeutig verwertbarer Hinweis!

Patrick griff hinter sich und klopfte mit dem Griff des Messers an seine Flasche. Die Taucher und Mario hörten das Klacken und kamen schnell herbei.

Der Kameramann brachte sich in Stellung und dokumentierte den Fund. Keith klopfte Patrick auf die Schulter, beglückwünschte ihn und wies dann zur Seite. Einen Meter entfernt befand sich noch eine quadratische Vertiefung! Sie war in einer geraden Linie mit der ersten angeordnet. Der Stein selbst unterschied sich in seiner Größe und Beschaffenheit nicht von den anderen, die ihn umgaben, vermutlich war er also ebenso alt. Dennoch war es nun notwendig, von diesem Stein eine Probe an Bord zu nehmen und diese mit einer weiteren aus einem tiefer liegenden Stein zu vergleichen.

Patrick deutete den Plan an. Daraufhin holte Keith einen Meißel und einen Hammer aus seiner Gürteltasche und begann, ein faustgroßes Stück von der Kante des Steins abzuschlagen. Danach gruben sie die Ecke eines anderen Steins frei, der nur zu einem kleinen Stück aus dem Sand herausragte. Auch hiervon brach Keith einen Brocken ab.

Patrick prüfte den Druck seiner Flasche. Die Nadel lang am Rand des roten Bereichs: Fünfzig Bar! Er ballte seine rechte Hand zu einer Faust, wies dann auf sich und schließlich mit dem ausgestreckten Daumen nach oben, das Zeichen, dass er auftauchen wollte.

Er stieg auf, doch schon nach wenigen Metern spürte er ein Ziehen in seinen Ohren. Beim Abtauchen in größere Tiefen nahm der Druck zu und die Trommelfelle wölbten sich schmerzhaft nach innen. Dem konnte man entgegenwirken, indem man sich die Nase zuhielt und dagegen pustete. Beim langsamen Aufsteigen hingegen glich sich der Druck üblicherweise von alleine aus. Doch etwas blockierte Patricks Ohren. Er stieg versuchsweise einen weiteren Meter auf, doch das Stechen in seinem Ohr nahm so sehr zu, dass er sich sofort wieder absinken ließ.

Susan beobachtete ihn. Okay?, fragte sie mit einem Zeichen. Patrick machte eine wackelnde Bewegung mit der flachen Hand und wies dann auf seine Ohren. Druckausgleichprobleme!

Susan kam näher, hielt sich an seinem Arm fest, sodass sie auf gleicher Höhe schwebten. Sie bat ihn, Kaubewegungen zu machen und dann noch einmal durch die geschlossene Nase zu blasen. Patrick folgte ihren Anweisungen. Sie griff nach seinem Finimeter, prüfte den Druck und gab ihm zu verstehen, dass er ganz ruhig bleiben, wiederholt versuchen solle, ein Stück nach oben zu schwimmen und bei Bedarf wieder herunterzukommen.

Wieder versuchte er einen Aufstieg, aber erneut wurde das Stechen in seinen Ohren zu stark, sodass er nach wenigen Metern aufgeben musste.

Er befand sich nur knappe zehn Meter unter der Meeresoberfläche, aber er konnte sie nicht erreichen! Es war zum Verrücktwerden. Und bei aller Anstrengung und Aufregung verbrauchte er viel mehr Luft als normal. In zehn Minuten musste er oben sein, sonst würde er hier unten ersticken.

Er mahnte sich, sein Atmen zu beruhigen. Panik war der schlimmste Feind des Tauchers. Er ließ sich auf den Boden sinken, setzte sich und konzentrierte sich ganz auf das sanfte Schaukeln der Strömung. Zwei Minuten später versuchte er es erneut, aber die Schmerzen ließen nicht nach. Er konnte unmöglich auftauchen, ohne dass seine Trommelfelle reißen würden – aber er konnte auch nicht viel länger unten blieben!

Er beobachtete, dass sich Susan mit Keith austauschte, woraufhin der junge Taucher nach oben verschwand.

Es fiel Patrick schwer, die Ruhe zu bewahren. Seine Druckanzeige war tief im roten Bereich. Susan blieb bei ihm, streckte ihm ihr Finimeter entgegen, sodass er ihre Restluft ablesen konnte. Patrick war wenig verwundert: Sie hatte ihre Flasche gerade bis zur Hälfte geleert. Das war der Unterschied zwischen einem Profi und ihm. Er fluchte innerlich. Dieses Mal hatte er sich ganz offenbar zu viel zugemutet. Sie legte eine Hand auf seine Schulter, strich ihm mit der anderen Hand über die Wange und machte eine beschwichtigende Handbewegung. Sie wies auf den Zweitautomaten, der an einer Schlaufe ihrer Weste steckte und deutete damit an, dass sie ihm Luft geben konnte, wenn es knapp werden würde.

Sie setzten sich gemeinsam auf den Boden. Er zwang sich, langsam zu atmen. Seine Ohren nahmen ihm das häufige Auf und Ab übel und pochten dumpf.

Nur noch zwanzig Bar.

Ein Taucher ohne Luft! Was für eine Ironie, dachte er. Die meisten Tauchunfälle geschahen tatsächlich an der Oberfläche durch Unachtsamkeit. Auf die Luft unter Wasser zu achten, war hingegen so selbstverständlich und sicher, wie man beim Autofahren auf den Tank achtete. Er hatte nur ein einziges Mal keine Luft in der Flache gehabt: Sein Tauchlehrer hatte ihm nach Ankündigung das Ventil in fünf Metern Tiefe für einen Moment zugedreht, um ihn spüren zu lassen, was passiert, wenn die letzten Kubikzentimeter verbraucht sind. Es waren die längsten Sekunden unter Wasser gewesen, die er je erlebt hatte, und er hatte nicht das geringste Interesse, diese Erfahrung zu wiederholen.

Susan fragte, ob er es noch einmal versuchen wollte. Er lehnte ab. Es hatte noch keinen Zweck, er spürte es.

Er sah hinauf. Ein Dutzend Meter. So nah! Früher hätte er allein mit einem Schnorchel so tief tauchen können. Nun, die Hälfte vielleicht, korrigierte er sich. Aber dennoch.

Über sich entdeckte er das Dingi, das gerade herankam. Keiths Umriss war an der Wasseroberfläche zu sehen. Er kletterte an Bord. Wenige Augenblick später fiel er wieder ins Wasser und kam schnell tiefer. Er transportierte etwas. Eine Druckluftflasche!

Patrick stöhnte erleichtert auf und sandte damit einen großen Schwall Luftblasen durch sein Mundstück. Eine Ersatzflasche, natürlich! Er war überhaupt nicht darauf gekommen, und Susan hatte das einzig Richtige getan.

Keith kam heran und stellte die Flasche vor Patrick in den Sand. Okay? Patrick bestätigte. Jetzt ja.

Susan legte Patricks Hände auf ihre Schultern und machte ihm so klar, dass er sich an ihr festhalten solle. Dann reichte sie ihm ihren Zweitautomat, sodass sie gemeinsam aus ihrer Flasche atmeten. Keith kam von hinten heran und löste mit langsamen Bewegungen Patricks Jackett. Er stellt es auf den Boden und löste die leere Flasche mitsamt der ersten Stufe heraus. Mit sicheren Griffen befestigte er die neue Flasche, schnallte sie fest und half Patrick dabei, die Weste wieder überzuziehen. Er zog alle Gurte fest, überprüfte den Sitz und gab dem Franzosen schließlich das Okay-Zeichen.

Patrick angelte nach dem Atemregler und nahm kurz darauf den ersten Zug aus seiner neuen Flasche.

Zweihundert Bar – jetzt hatte er wieder Zeit!

Es dauerte weitere zwanzig Minuten, bis Patrick den Aufstieg schließlich schaffte. Als er die Wasseroberfläche durchbrach, füllte er seine Tarierweste vollständig auf, sodass sie ihn wie eine Schwimmweste trug. Dann spuckte er das Mundstück aus und riss sich die Maske vom Gesicht.

Frische Luft!


»Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass Ihr Tauchgang keine gute Idee war«, sagte Peter. Sie saßen im Mannschaftsraum zur Nachbesprechung und hatten den Ablauf des Tauchgangs analysiert.

»Ja, ja, schon gut«, gab Patrick zurück.

»Eine Umkehrblockade. So was kann man nicht vorhersehen«, erklärte Susan. »Vielleicht bekommt er eine Erkältung.«

»Das mag ja sein«, sagte Peter, »und wenn das einem professionellen Taucher passiert, ist das – mit Verlaub – Berufsrisiko. Aber ich halte es für leichtsinnig und überflüssig, wenn wir selbst uns in solche Gefahr begeben.«

Patrick nickte stumm. Er ärgerte sich über sich selbst. Weniger darüber, das Peter ihn zurechtwies, sondern dass er an körperliche Grenzen gestoßen war. Sicher, er war nicht mehr Mitte zwanzig, aber gerade Tauchen war nun nicht gerade ein Sport, der ein Höchstmaß an Kondition verlangte. Dass es ausgerechnet Susan gewesen war, die ihm beigestanden hatte, stellte wohl eine kleine Lektion in Sachen Demut für ihn dar. Unwillkürlich musste er lächeln. Eine andere Perspektive, und aus dem Ärger wurde eine Erkenntnis.

»Wir haben die Gesteinsbrocken zur Untersuchung weitergegeben«, warf nun John ein. »Wir haben einen Geologen an Bord, der die Stücke bestimmen wird. Wir sollten uns nun vor dem Essen noch die Aufnahmen ansehen.«

Mario hantierte bereits an seiner Kamera, die er an den Fernseher angeschlossen hatte. Kurz darauf erschienen die ersten Bilder.

Peter beobachtete die Strukturen. Ihm wurde deutlich, weswegen die Formation solch zwiespältige Ansichten hervorrief. So offensichtlich gradlinig die Anordnung der Steine auch war, so wenig eindeutig war ihr Zweck. Natürlich war es sinnlos, ein Stück Straße auf dem Meeresboden zu vermuten, das nirgendwoher kam und nirgendwohin führte. Und wie könnte dies der Kamm eines alten Deichs, einer Mole oder einer Kaimauer sein, wenn doch rundherum nichts als Sandboden und Wasser zu finden war? Dennoch: Wenn der Meeresspiegel tatsächlich in den letzten Jahrtausenden gestiegen war, konnten Wasser und Sand nun theoretisch eine größere Anlage bedecken.

Schließlich zeigte der Film die rechteckigen Löcher, die Patrick entdeckt hatte, und Peter lehnte sich ein Stück nach vorn. Das war es! Vermeintliche Bohrlöcher, von denen auch frühere Untersuchungen berichtet hatten. Der Unterschied war nur, dass sie jetzt die Möglichkeit hatten, sie wissenschaftlich zu dokumentieren, und einen Ruf, durch den man ihre Publikationen ernst nehmen würde.

»Das hatte ich gehofft«, sagte er. »Wie viele dieser Löcher haben Sie gefunden?«

»Nur diese zwei«, erklärte Patrick. »Dann mussten wir den Tauchgang abbrechen.«

»Wenn Sie möchten, können wir uns heute Nachmittag auf diese Löcher konzentrieren«, sagte Keith. »Wir könnten sowohl diese hier präzise vermessen, als auch nach weiteren Ausschau halten und sehen, ob sie sich dazu in Beziehung setzen lassen.«

»Ja, das wäre sehr gut«, sagte Peter. »Wie schon gesagt, die Bimini-Straße ist nicht der Hauptzweck unseres Projekts. Eine vollständige Erforschung ist also ohnehin nicht möglich. Daher sollten wir uns auf diese Merkmale konzentrieren. Wenn uns noch dazu eine Alters- oder Herkunftsbestimmung der Gesteine möglich ist, haben wir das Interimsziel erreicht.«

»Wenn es sich nicht um ein Sediment handelt«, sagte Patrick, »und es sah mir nicht danach aus, wird es mit der Altersbestimmung schwer.«

»Lassen wir unserem Geoteam ein bisschen Zeit«, sagte der Kapitän und stand auf. »In einer halben Stunde gibt es Mittagessen, vielleicht haben wir bis dahin erste Ergebnisse. Keith, Susan, Mario, danke für die gute Arbeit.«


»Susan!« Patrick war der Taucherin auf das erste Unterdeck gefolgt.

Sie drehte sich um. »Patrick, was kann ich für Sie tun?«

Er streckte ihr seine Hand entgegen. »Ich wollte mich für deine Hilfe bedanken.«

Sie ergriff seine Hand und grinste. »Okay, dann mal los.«

Patrick erwiderte ihr Lächeln. »Danke!«

»Kein Problem. Du solltest in der nächsten Zeit aber nicht mehr tauchen. Kurier dich erst aus, da ist vielleicht etwas im Anmarsch.«

»Ich habe dich unterschätzt. Das wollte ich noch sagen. Ihr macht eine tolle Arbeit hier an Bord.«

Sie winkte ab. »Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Was ist eigentlich dein Fachgebiet? Tauchen offenbar nicht.«

»John hat es ja schon gesagt: Ich bin Ingenieur. Ich habe viel mit Feldforschung zu tun gehabt und mich mit allen möglichen technischen Geräten beschäftigt, die man dafür braucht. Also Forschungsroboter, Sonden, Computer und solche Sachen.«

»Wie ein Computerfreak siehst du aber nicht aus.«

»Nein, bin ich auch nicht. Aber ich weiß in etwa, wie das alles funktioniert, und kenne zur Not Leute, die bei den Details helfen können. Peter ist ein Typ, der hauptsächlich am Schreibtisch sitzt und seine Nase in Bücher steckt, aber ich halte mich lieber draußen auf.«

»Hast du dir schon die ROVs hier an Bord angesehen?«

»Nein.«

»Möchtest du?«

»Gerne.«

»Warte hier.« Sie deutete auf ihre Kabinentür. »Ich ziehe mich nur schnell um und führe dich gleich mal herum.«

Wenige Minuten später waren sie auf dem Weg zum Oberdeck.

»Wir haben drei verschiedene Geräte an Bord«, erklärte Susan, »die alle vom Heck aus ins Wasser gelassen werden. Deswegen sind sie dort auch untergebracht.«

»Sentry, Jason und Alvin II.«

»Ja, genau. Ich schätze, du hast dir die Spezifikationen schon in den Unterlagen angesehen, die ihr bei der Organisation des Projekts bekommen habt. Ist im Wesentlichen auch keine Zauberei. Was dich aber sicher interessiert, ist unser neues U-Boot! Hat John euch schon davon erzählt?«

»Nur, dass es in unserem Projekt zum ersten Mal offiziell eingesetzt wird. Dann ein bisschen etwas über mehr Platz, mehr Fenster und solche Sachen.«

Sie traten an Deck und gingen zum hinteren Teil des Schiffes. »Das stimmt. Aber es gibt noch unendlich viele andere Details. Es ist eine komplette Neuentwicklung.«

Vor ihnen ragte der übergroße blaue Rahmen auf, der der Argo als Lastkran diente. Er ließ sich weit über das Heck des Schiffs hinaus nach außen klappen, sodass mit ihm die Roboter und das U-Boot abgesenkt, emporgezogen und wieder an Bord gehievt werden konnten.

Vom Erfassungsbereich des Krans führten in den Boden eingelassene Schienen zu einer Art kleinem Hangar, den Susan nun ansteuerte. Ein Mitarbeiter der Besatzung sah sie kommen und kam heraus.

»Darf ich vorstellen? Das ist Dick«, sagte sie.

Es war ein junger Mann, der seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Er schob seine Nickelbrille zurecht, wischte sich die rechte Hand an der Jeans ab und reichte sie dann dem Franzosen. »Eigentlich heiße ich Richard.«

»Er ist der verantwortliche Techniker und Pilot von Alvin II. Dick, kannst du Patrick ein bisschen was zeigen?« Sie klopfte ihm lächelnd auf die Schulter. »Die übliche Angeber-Tour vielleicht? Aber nicht ganz so viel dummes Zeug erzählen, Patrick kennt sich auch ein bisschen aus.«

»Habe ich jemals dummes Zeug erzählt?« Er lachte auf. Dann wandte er sich an den Franzosen. »Sie wollen den ganzen Stolz der WHOI sehen? Dann sind Sie hier genau richtig! Kommen Sie mit!«

Sie folgten ihm in den Raum, der wie eine übergroße Garage aussah. Richard schaltete die Deckenbeleuchtung an, die ein Szenario ausleuchtete, das aus einem Science-Fiction-Film entsprungen zu sein schien. An den Wänden reihten sich Werkbänke, Computer und Kontrollgeräte aneinander. Im Zentrum des Raums stand, auf einem stählernen Schlitten und umgeben von Schläuchen und Kabeln, Alvin II. Das weiß lackierte Unterseeboot erinnerte an einen Spielzeugfisch von der Größe eines Minivans. Eine Anzahl von Scheinwerfern und drei nach vorn gerichtete Bullaugen bildeten die Front, unter der zwei Greifarme wie die zusammengeklappten Fänge einer Gottesanbeterin angebracht waren. Die Seiten des Boots waren mehr oder weniger eben. Eine Schwanzflosse und eine rote Rückenflosse auf der Oberseite rundeten das Bild eines stählernen Fisches ab.

Dick hieb mit der flachen Hand auf die Außenwand.

»Titan. Muss auch was aushalten. Das Baby geht bis auf sechseinhalbtausend Meter runter. Da unten gibt's einen unvorstellbaren Druck. Wollen Sie mal schätzen?«

»Na ja, es werden rund sechshundertfünfzig Bar sein«, gab Patrick zurück.

Dick hob eine Augenbraue und stockte einen Moment. »Ja! Ganz genau!«, sagte er dann. »Sechshundertfünfzig Bar. Also sechshundertfünfzig Kilo Gewicht auf jeder Fläche so groß wie Ihr Daumennagel. Das sind auf jedem Quadratmeter sechstausendfünfhundert Tonnen Druck, so viel wie sechzehn voll beladene Jumbo Jets.« Er legte die ausgestreckten Arme auf das Metall. »Auf so einer Fläche. Sechzehn Boeing 747. Unvorstellbar, oder?« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern sprach weiter. »Die eigentliche Tauchkapsel ist natürlich viel kleiner. Sie befindet sich hier, im vorderen Teil, und ist wie eine vollkommene Kugel geformt, um dem Druck besser standzuhalten. Sie transportiert zwei Wissenschaftler und einen Piloten. Also mich.« Er grinste. »Außerdem können wir extern noch rund zweihundert Kilo schleppen.« Er ging um das Boot herum. »Alvin hatte nur drei Fenster. Das neue Modell hat neben den vorderen Bullaugen zusätzlich noch je eines an der Seite mit einem Extrascheinwerfer. Damit haben wir fast eine Rundumsicht. Was gibt es noch... Diverse Kameras, gyroskopgesteuerte Thruster für die Stabilisierung und Bewegung in alle Richtungen, sogar seitlich. Messfühler für Temperatur und Leitfähigkeit des Wassers, Salzgehaltberechnung und so weiter.«

»Nicht übel«, sagte Patrick. »Wie schnell kommt man damit runter?«

»Fast fünfzig Meter pro Minute. Das ist ziemlich schnell.

Aber bis dorthin, wo Sie hinwollen, wird's trotzdem eine oder anderthalb Stunden dauern.«

»Und wie lange reicht die Luft?«

»Bei drei Personen, und wenn man da drin keinen Sport treibt, so etwa achtzig Stunden. Luft ist das kleinste Problem. Eher wird der Strom knapp. Die Batterien reichen aber für etwa zehn Stunden. Oder knapp sechs Stunden Arbeiten am Grund.«

Patrick nickte. Ein faszinierendes Gerät. Er brannte darauf, sich den Innenraum anzusehen, aber Susan fasste ihn an der Schulter.

»Das Mittagessen ist fertig. Wir sollten zusehen, dass wir zurückgehen.«

»Okay«, sagte er. »Danke, Dick. Vielleicht komme ich noch mal vorbei.«

»Aber klar doch, jederzeit.«

Sie fanden Peter gemeinsam mit dem Kapitän und einigen anderen Crewmitgliedern bereits beim Essen vor und setzten sich dazu.

»Ah, Patrick!« Der Engländer sah auf. »Wir haben Ergebnisse von den Geologen.«

»Das scheint ein wirklich gutes Team hier an Bord zu sein«, sagte Patrick. »Ich habe mir vorhin das U-Boot angesehen und bin ziemlich beeindruckt.«

»Dann wird Sie sicherlich auch erfreuen, was die Analysen ergeben haben.« Peter schob eine kleine Box über den Tisch. Als Patrick sie öffnete, fand er darin auf einer Schicht aus Watte eine dünn geschnittene und geschliffene Gesteinsscheibe vor. Er hob sie behutsam heraus und betrachtete sie.

»Das ist Granit«, sagte er dann.

»Sehr richtig«, bestätigte Peter. »Granit. Ein magmatisches Gestein, wie man mir erklärte. In jedem Fall einige Millionen Jahre alt und keinesfalls Sediment, das sich aus Sand und Ablagerungen gebildet hat. Granitblöcke brechen auch nicht von ganz allein in viele rechteckige Formen, die sich ordentlich nebeneinander legen.«

»Klingt ganz nach dem Beleg, den Sie gesucht haben.«

»Ja. Es scheint nun mehr als unwahrscheinlich, dass die Bimini-Formation natürlichen Ursprungs ist.«

»Und die Löcher?«

»Ich habe mit John bereits besprochen, dass sich das zweite Tauchteam nach dem Essen ausschließlich um diese Löcher kümmern soll. Das heißt, präzise vermessen, Nahaufnahmen, und wenn es geht, noch mehr davon suchen, damit wir uns einen Überblick über die Anordnung verschaffen können.«

Patrick nickte und füllte seinen Teller mit einigen Fleischstücken, die auf einem großen Tablett in der Mitte des Tisches lagen. »Und eine Datierung?«

»Bisher noch nichts. Wir können nur vermuten. Vor fünftausend Jahren lag der Meeresspiegel einige Meter tiefer, so viel ist bekannt, und vor fünfzehntausend Jahren, in der Endphase der letzten Eiszeit waren es dreißig Meter und mehr. Irgendwann innerhalb dieses Zeitraums hätten die Steine aus dem Wasser geragt. Vielleicht ist aber auch der Boden an dieser Stelle abgesackt, und es ist noch gar nicht so lange her. Das alles ist unklar und sagt uns auch nicht, wann die Konstruktion tatsächlich errichtet wurde.«

»Wenn die Taucher organisches Material aus der Bauzeit fänden«, sagte Patrick zwischen zwei Bissen, »dann könnten wir eine C14-Bestimmung vornehmen. Altes Holz, Kohle oder Lehm tief zwischen den Steinen, das würde helfen.«

»Ja, ich habe das schon angeregt, bezweifle aber, dass wir in der kurzen Zeit so viel Glück haben werden.«

»Wenn es stimmt, was Sie über die Straße vermuten, wäre das allein ein eigenes Projekt wert. Eine menschliche Konstruktion, eine Befestigung, eine Kaianlage, oder was auch immer es einmal war, hier draußen, aus einer Zeit, lange vor den Maya und den ganzen Jungs.« Er nickte anerkennend.

»Wohl wahr«, sagte Peter. »Und es würde dennoch verblassen, wenn wir das wirkliche Ziel unserer Suche fänden!«


Das Tageslicht hatte bereits eine rotgoldene Färbung angenommen, als die Argo am späten Nachmittag den Anker lichtete.

Peter stand an Deck und sah in Richtung der niedrig stehenden Sonne. Bis hierher hatte sich die Reise gelohnt. Auch der zweite Tauchgang war erfolgreich gewesen. Sie hatten Gesteinsproben von anderen Stellen der Straße hochgeholt, weitere Löcher gefunden, vermessen und noch mehr Filmmaterial beisammen. Peter neigte nicht zu übertriebener Euphorie. Zu oft stellten sich Dinge viel komplexer dar, als es den Anschein hatte, es gab Schattenseiten, versteckte Schwierigkeiten und späte Folgen. In diesem Augenblick aber, am zweiten Abend ihrer Forschungsreise, leuchtete der Horizont. Eine wichtige Hürde war genommen, die nicht nur die Mannschaft, sondern auch ihn motivierte.

Peter lächelte. Er sah sich hier an Deck eines gewaltigen Forschungsschiffes stehen, wie er es bisher nur aus der Ferne gekannt hatte. Er, der neben einigen Hilfsarbeiten als Student und einer Handvoll Studienreisen nie im Feld tätig gewesen war, war nunmehr nicht nur Teilnehmer, er war sogar ursächlich und verantwortlich für ein Projekt, dessen Größe ihm selbst Respekt einflößte.

War er wirklich auf der Suche nach Atlantis?

Noch vor wenigen Jahren hatte er am Schreibtisch seines Büros im Museum für Völkerkunde in Hamburg gesessen und hätte über jeden gelacht, der sich angestrengt hätte, dieser Legende tatsächlich nachzugehen. Stattdessen hatte er Tagungsunterlagen und Forschungsberichte gelesen und geglaubt, das Wissen der Welt allein aus Puzzleteilen zusammensetzen zu können. Er hatte sich von Ruinen und Ausgrabungen entfernt und damit – das erkannte er jetzt – aus seiner Not eine Tugend gemacht. Er hatte die Mythologie erforscht, die Mystik und die Religionsgeschichte. Er hatte versucht zu ergründen, wie sich Legenden und Traditionen durchdrangen und bedingten, wie sich Ideen, Anschauungen und Glaube entwickelt hatten. Er hatte gedacht, Kulturen und letztlich die Gegenwart dadurch besser verstehen zu können. Tatsächlich aber hatte er dabei immer in die falsche Richtung geblickt. Er ahnte heute, dass er schon damals auf einer ganz anderen Suche gewesen war: einer Suche nach dem Ursprung allen Wissens und aller Weisheit. Wo kamen die Menschen her? Woher stammte ihr Wissensdrang? Wie war der Evolutionssprung vor sich gegangen, in dieser einzigen von Milliarden unterschiedlicher Spezies auf dem Planeten, die innerhalb kürzester Zeit Schrift, Wissen und Kultur entwickelt hatte?

Als er vor wenigen Jahren das erste Projekt gemeinsam mit dem Franzosen begonnen hatte, wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass dies sein Leben ändern könnte. Dann aber hatten sie eine unerklärliche Quelle des Wissens gefunden, die ihre Kenntnis über die Geschichte Lügen strafte. Es war ihnen offenbart worden, dass es ein verborgenes Geheimnis hinter den Jahrhunderten und Jahrtausenden gab. Noch war ihnen nicht klar gewesen, welche Zusammenhänge es gab, und doch hatten sie nur wenig später dieselbe Spur erneut aufgenommen, in Ägypten. Hier hatte Peter das erste Mal selbst in einem solchen Wissensarchiv gestanden, war in Berührung mit dieser unbekannten und längst verschollenen Kultur gekommen, die zu einer Zeit, lange vor den Ägyptern, als das Land fruchtbar gewesen war, es Regen gegeben und sich Tropfsteinhöhlen gebildet hatten, bereits über Wissen verfügte, das das heutige in den Schatten stellte.

Ja, nun war er tatsächlich auf der Suche nach Atlantis. Es lag dort draußen, tief unter dem Meer. In ewiger Stille und Dunkelheit. Das große Geheimnis, der erste Quell. Atlantis war dort. Und er würde es finden!

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