Kapitel 17


AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


Lieutenant Commander Walters sah auf, als es an seiner Tür klopfte.

»Herein.«

Es war Chief Warrant Officer Parker. »Guten Morgen, Sir«, sagte er und salutierte. »Er ist hier. Kann ich ihn hereinlassen?«

Walters nickte. »Ja, danke. Und bitten Sie Helen, uns ein paar Kekse und Kaffee zu bringen.«

Parker verschwand, während Walters sich von seinem Stuhl erhob und hinter seinem Schreibtisch hervorkam.

Der Engländer, der eintrat, war hochgewachsen und für seine zweiundsechzig Jahre erstaunlich rüstig. Seine Kleidung sah etwas mitgenommen aus, aber er hatte sich ganz offenbar Mühe gegeben, sie in Form zu bringen, und er war ordentlich frisiert und rasiert. Seine Augen blitzten Walters an, strahlten Ernsthaftigkeit und Seriosität aus. Dieser Mann war standfest, und er hätte vermutlich auch in Lumpen noch souverän ausgesehen.

»Es freut mich, Sie begrüßen zu dürfen, Professor Lavell.«

Peter schüttelte Walters die Hand.

»Guten Morgen, Lieutenant Commander.«

»Bitte setzen Sie sich.« Walters deutete in Richtung seines Besprechungstisches. »Ich hoffe, Sie hatten eine halbwegs geruhsame Nacht. Sie war weiß Gott kurz genug.«

»Danke, ja.«

»Haben Sie schon gefrühstückt?«

»Auch das.«

Walters nickte. »Gut«, sagte er, dann schwieg er einen Moment. Der Professor schien wenig geneigt zu sein, auf seinen Small Talk einzugehen, und vermutlich hatte er auch keinen Grund dazu. Walters versuchte, sich in die Lage des Mannes zu versetzen. Er musste annehmen, dass die Küstenwache und das Militär ihn und sein Projekt behindert hatten. Außerdem hatte er wer weiß was erlebt, war offenbar als Einziger mit dem Leben davongekommen. Der Kapitän der Argo hatte von dem Hubschrauber-Unfall an Deck sowie vom Verlust ihres Forschungs-U-Boots und dessen Besatzung berichtet.

Es klopfte kurz, dann trat Helen mit einem Tablett mit Gebäck und Getränken ein und stellte alles auf den Tisch.

Walters schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, nachdem er Peter etwas angeboten und dieser abgelehnt hatte.

»Sicherlich fragen Sie sich«, begann Walters, als er die Tasse anhob, »weshalb Sie hierhergebracht wurden. Gleichzeitig habe ich ein paar Fragen dazu, was Sie da draußen gesucht und erlebt haben. Also haben wir uns gegenseitig etwas zu erzählen.« Walters nahm einen Schluck und sah den Professor über den Rand der Tasse hinweg an. Er reagierte nicht.

Walters versuchte es erneut: »Vielleicht fragen Sie sich auch, ob Sie mir trauen können und ob Ihnen hier Gefahr droht.«

Peter hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.

»Nun gut«, sagte Walters, während er sich zurücklehnte. »Dann fange ich einfach mal an und erzähle Ihnen meine Version der Geschichte. Dann wissen Sie, was ich weiß, und Sie können die Geschichte ergänzen. Die Lücken füllen. Einverstanden?«

Peter nickte und machte eine leichte Handbewegung. »Fahren Sie fort.«

Walters musste innerlich lächeln. Der alte Kauz hatte auf eine seltsame Weise Stil. Er ließ sich überhaupt nicht aus der Reserve locken. Jeder Amerikaner hätte sich gewunden, einem so hohen Offizier gegenüberzusitzen und Rede und Antwort zu stehen. Nicht so dieser Engländer. Höflich, aber distanziert. Und er hatte auch recht, was sollte er vor einer Uniform zucken? Müsste sich nicht das Militär der Zivilbevölkerung gegenüber rechtfertigen? Arbeitete nicht das Militär für das Volk? Fragen, die Walters sich nicht mehr lange stellen wollte. Aber noch saß er hier. Daher erzählte er nun: »Das Gebiet, in dem Ihr Forschungsschiff, die Argo 2K, vor rund einer Woche mit der Arbeit begann, ist militärisches Sperrgebiet. Sie wenden jetzt vielleicht ein, dass Ihre Untersuchung angemeldet und von der Navy genehmigt war. Das stimmt. Tatsächlich hatte es dann aber einen Vorfall in dem Gebiet gegeben, eine Havarie, und danach ist die Sperrung in Kraft getreten.

Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ich bekam von der Regierung schon frühzeitig den Auftrag, Sie zu kontaktieren und Ihre Forschungen abbrechen zu lassen. Diese Basis, AUTEC, ist zwar eine Militäreinrichtung, aber sie dient allein der Forschung. Wir haben keine Militärjets oder Kriegsschiffe hier. Wir sind Wissenschaftler, Techniker, uns geht es um Wissen, um Entdeckung. Mich interessierte der Gegenstand Ihrer Forschung ebenso wie die ungewöhnliche Anfrage meiner Regierung, sie Ihnen zu untersagen.«

Walters nahm einen Schluck, bevor er fortfuhr.

»Also habe ich den Auftrag schleifen lassen, so gut es mir möglich war, denn erst wollte ich herausfinden, um was es hier ging. Aus den Unterlagen, die man mir dann im Lauf der Zeit zusammenstellte, wurde mir klar, dass Sie auf der Suche nach Atlantis waren. Was für eine Sensation, wenn es stimmte!

Zugleich war es mir nicht möglich zu ergründen, aus welchen Gründen die Regierung diese Untersuchung stoppen lassen wollte. Ich vermutete, dass es darum ging, das, was Sie finden würden, unentdeckt zu lassen. Vielleicht, weil es jemanden kompromittieren würde oder weil man selbst Profit daraus schlagen wollte... Wer konnte das schon wissen, bevor Sie es nicht ans Tageslicht holen würden?

Inzwischen waren Sie mit Ihrer Expedition schon in der Presse, und offenbar wuchs sich zudem ein Streit mit einem kubanischen Schiff aus, das ebenfalls dort kreuzte. Von Sabotage war die Rede. Nun, Sie waren selbst dabei – hier klafft eine Lücke in der Geschichte, vielleicht können Sie mir damit helfen.«

Walters hoffte einen Moment lang auf eine Reaktion des Professors. Der aber hörte ihm nur weiter unverwandt zu.

»Wie dem auch sei«, fuhr Walters fort, »Sie können sich sicher vorstellen, dass es beim Militär nicht gern gesehen wird, wenn Befehle nicht ausgeführt werden. Deshalb bekam ich wenig später ranghohen und durchaus unerfreulichen Besuch, der mich verhältnismäßig deutlich an meine Pflichten erinnerte.

Ich habe mich dann an die Küstenwache gewandt, die für solche Fälle eigentlich auch zuständig ist. Man hat ein Aufklärungsflugzeug und drei Hubschrauber auf See geschickt, um Ihr Schiff aus dem Gebiet zu lotsen.

Bedauerlicherweise ist kurz darauf einer der Hubschrauber abgestürzt, und die Aktion wurde sofort abgebrochen.«

Walters nahm einen Keks und deutete damit auf den Professor.

»Auch hier gibt es ein kleines Loch, das Sie vielleicht stopfen können. Aber dazu kommen wir später.

Nun, jedenfalls meldete Ihr Kapitän dann einen Maschinenschaden. Er konnte das Gebiet nicht mehr verlassen, und wegen des Sturms war es nicht möglich, andere Suchmannschaften loszuschicken. Ich hatte also nichts erreicht. Wie Sie sehen, Professor Lavell, aus meiner Perspektive ist hier einiges schiefgegangen, für das ich nun verantwortlich bin.«

Walters lächelte beim Gedanken daran ein wenig. Ja, er war tatsächlich verantwortlich. Und zum ersten Mal war er dies auch ursächlich. Er hatte Entscheidungen getroffen, die er für richtig gehalten hatte – und die er auch heute noch für richtig hielt. Und er war mit dem Ergebnis zufrieden, denn es war sein Ergebnis, und er konnte guten Gewissens dafür geradestehen.

»Um dennoch nach dem Rechten zu sehen«, fuhr Walters fort, »habe ich dann meinen Bruder kontaktiert, der als Kapitän der USS Georgia gerade auf dem Heimweg war und die Gewässer streifen würde. Er erklärte sich bereit, einen Umweg zu fahren, und als er dabei herausfand, dass Ihr Schiff gar nicht manövrierunfähig war, entschloss er sich zu einer kleinen... wie soll man sagen... Demonstration, um Captain Harris zum Abdrehen zu bewegen.

Und in dem Moment, als die Georgia auftauchte, trieben Sie plötzlich in den Wellen. Zwei tollkühne Navy-Matrosen haben Sie aus dem Wasser gefischt und an Bord des U-Boots gebracht. Den Rest der Geschichte kennen Sie wieder: Die Fahrt hierher, das Übersetzen mit unserem Schnellboot, die Nacht im Gästehaus. Und nun sitzen Sie hier.«

Peter schwieg eine Weile, ließ sich die Worte des Mannes durch den Kopf gehen. Sagte er die Wahrheit? War er wirklich ein Mann, der über seine Befehle nachdachte, einer, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlte? Oder war er doch nur ein pflichtbewusster Militär, der ihm eine Geschichte entlocken wollte?

»Hat man außer mir noch jemanden gerettet?«, fragte er schließlich.

»Nein, leider nicht«, sagte Walters. »Da waren nur Sie. Im Gespräch mit Ihrem Kapitän, Harris, wurde klar, dass Ihr U-Boot mitsamt den anderen darin befindlichen Personen vermisst wurde. Die Georgia musste nach einer halben Stunde weiterfahren, aber Harris erhielt die Genehmigung, mit der Argo dort zu bleiben. Der Sturm hat sich inzwischen beruhigt. Er wird heute und morgen den Meeresboden scannen und weiter nach Ihrem Boot und Ihren Kollegen suchen, mindestens so lange, wie der Sauerstoff darin noch reicht... Es tut mir sehr leid, ihnen keine besseren Nachrichten anbieten zu können.«

Peter nickte stumm. Alvin würden sie nie mehr finden. Es lag zerstört in einer Luftschleuse. Und John ahnte nichts davon, da ihre Verbindung abgerissen war, bevor sie die Schleuse erreicht hatten. Oder vielleicht war das Kabel auch – wie ihm jetzt dämmerte – absichtlich von dem U-Boot der Kubaner durchtrennt worden. Aber das war nun einerlei.

Peter erinnerte sich lebhaft, wie Patrick und Stefanie angeschossen worden waren und der Korridor mit den Rettungskapseln kurz darauf vollgelaufen war. Wenn Sie nicht kurze Zeit nach ihm auf irgendeine Weise hatten fliehen können, gab es keine Chance, dass sie noch lebten.

»Sabotage«, sagte er schließlich leise. »Ja, das war es. Aber nicht von unserer Seite.« Dann erklärte er, wie ihre Bilder an die Presse geraten waren und was Patrick an Bord der Libertad erlebt hatte.

»Ungeheuerlich«, sagte Walters und schüttelte den Kopf. »Leider gab es keine Handhabe gegen diese Leute. Als die Georgia auftauchte, machten sie kehrt und verschwanden.«

...und ließen ihr Boot und seine Besatzung auf dem Meeresgrund zurück, dachte Peter. Was Gier aus Menschen machte, war beängstigend genug, und González war ein gutes Beispiel dafür. Dass aber auch seine eigene Mannschaft ihn im Stich lassen würde, war nicht weniger ungeheuerlich. Nicht auszudenken, wenn die Leute die Technologie und das ganze hoch entwickelte Wissen von Atlantis in ihren Besitz gebracht hätten.

Und nun? Was geschah nun mit den Archiven?

Er versuchte, nicht daran zu denken, zu viele große Fragen schwirrten in seinem Kopf umher. Stattdessen erzählte er Walters, wie sich der Absturz des Helikopters zugetragen hatte.

Walters hörte aufmerksam zu. Aber Peter bekam das Gefühl, als interessiere sich der Mann nicht so sehr für die Details. Und schließlich, als die Abläufe rekonstruiert waren, sagte er: »Professor, erzählen Sie mir, was Sie dort auf dem Meeresboden gesucht haben, was Sie gefunden haben, und was dann passierte!«

Peter schwieg lange Zeit.

»Alvin hatte einen technischen Defekt«, sagte er schließlich. »Die technischen Anlagen fielen aus. Wir haben die Gewichte manuell gelöst und uns nach oben treiben lassen. An der Wasseroberfläche mussten wir die Luke öffnen, um unsere Position zu signalisieren. Eine Welle traf uns, ich wurde hinausgespült, aber Alvin hat es unter Wasser gedrückt. Und dann ist das Boot in der Tiefe versunken.«

Walters suchte nach Anzeichen von Emotionen im Gesicht des Professors. Aber der war gefasst. Vielleicht stand er noch unter Schock. Die Erlebnisse mussten schlimm gewesen sein.

»Und auf dem Meeresboden?«, fragte er noch einmal nach. »Was haben Sie auf dem Meeresboden gefunden?«

»Steine«, antwortete Peter. »Nur Steine.«


Sie unterhielten sich noch eine kleine Weile, aber Walters wusste, dass er keine näheren Informationen von dem Professor bekommen würde. Schließlich stand er auf und verabschiedete ihn.

»Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Professor.« Er reichte ihm die Hand und begleitete ihn aus dem Büro, durch die Flure und zum Ausgang des Hauptgebäudes. »Man wird Sie kontaktieren, wenn weitere Fragen zu dem Projekt auftauchen. Aber Sie wissen ja, wie langsam die Mühlen mahlen. Sie können Ihre Heimreise nach Deutschland antreten. Alles, was sich noch an Bord der Argo befindet, wird Ihnen nachgeschickt.«

Walters öffnete die Tür und ließ Peter hinaustreten. Dann reichte er ihm einen Umschlag.

»Hierin befinden sich ein provisorischer Pass und etwas Bargeld für Sie. Man hat mir mitgeteilt, dass Sie abgeholt werden.« Walters deutete über den Parkplatz zum Wärterhäuschen am Eingang der Basis. »Der Wagen müsste bereits dort stehen.«

Peter nickte. Das verhältnismäßig inhaltsleere Gespräch mit dem Lieutenant Commander und dessen bündiger Abschied waren nichts anderes als eine nachdrückliche, aber nicht ausgesprochene Empfehlung, das Land auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Vermutlich hatte Walters gute Gründe dafür, und Peter zweifelte nicht daran, dass es tatsächlich zu seinem Besten war. Wenn das Interesse der Regierung an dem Projekt so groß war, wie er erklärt hatte, würden sie ihn vermutlich nicht so einfach gehen lassen, wenn sie ihn erst mal in den Fingern hatten. Einmal aus dem Land war er sicher.

»Vielen Dank, Lieutenant Commander«, sagte Peter. »Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.«

»Das freut mich.«

Peter verließ die Basis über den Parkplatz und ließ Walters in der Tür stehen.


Walters blickte dem Professor hinterher, beobachtete, wie er einige Worte mit dem Wärter wechselte und an der Schranke vorbeiging. Ein schwarzer Chrysler rollte vor, der Professor stieg nach einigen Augenblicken ein, und dann fuhr er weg.

Walters wandte sich ab und ging zurück in sein Büro.

Er fragte sich, was sie hier in Wahrheit aufgewirbelt hatten. Und weswegen der Professor nichts preisgegeben hatte. Vielleicht, weil ihn die furchtbaren Geschehnisse noch zu sehr beschäftigten. Vielleicht war es aber auch einfach so schlicht, wie es sich anhörte: Sie hatten nichts gefunden.

Walters zuckte mit den Schultern. Die für ihn und seine Vorgesetzten relevanten Details über die Vorkommnisse an Bord der Argo würde er mit John Harris in den nächsten Tagen und Wochen noch ausführlicher klären, und über den Einsatz der Küstenwache und der Georgia musste er einen Bericht schreiben. Wichtig war, dass der Professor sich all dem möglichst zügig entziehen konnte. Was er dann mit seinem Wissen machte – falls er überhaupt etwas entdeckt hatte –, lag an ihm und in seinem freien Ermessen. Und falls er nichts entdeckt hatte, nun, dann war nur alles wieder wie zuvor.

Walters setzte sich an seinen Schreibtisch und legte die Hände auf die Tischplatte. Atmete durch. Dann räumte er alle Stifte, Papiere und Unterlagen weg, bis der Tisch vollständig leer und sauber war. Er sendete ein Dokument zum Drucker, schaltete seinen Rechner aus und griff anschließend zum Telefon.

Als Führungskraft hatte er schon immer Entscheidungen treffen müssen. Aber trotz seiner Position war er niemals frei gewesen. In Wahrheit war die Armee ein engmaschiges Netz, das starrste Gefüge, das man sich vorstellen konnte. Tatsächlich eigene und freie Entscheidungen gab es nicht. Walters hatte nun gespürt, wie es war, Dinge zu hinterfragen und selbst zu entscheiden, ob er etwas unterstützen oder es unterlassen, vielleicht sogar behindern wollte.

»Guten Morgen, Süße«, sagte Walters, als er die Stimme seiner Frau am anderen Ende der Leitung hörte. »Ich habe eine Überraschung für euch. Aber bevor ich es dir erzähle, kannst du mir Sarah geben? Oder ist sie schon in der Schule?«

Während er wartete, beugte er sich zur Seite, holte das Blatt aus dem Drucker, legte es vor sich hin und zog einen Stift aus seinem Jackett.

»Hallo Kleines!«, begrüßte er seine Tochter schließlich. »Weißt du was? Ich komme heute schon nach Hause! ... Ja, stimmt, es ist noch gar nicht Wochenende, aber darum muss ich mich ab sofort nicht immer kümmern, ist das nicht toll? ... Oh, und weißt du was? Die toten Wale, von denen du mir letzte Woche erzählt hast: Ich weiß nun, was mit ihnen passiert ist. Ich werd's dir erzählen, wenn ich da bin. Aber das Beste ist: Ich werde es auch möglichst vielen anderen Leuten erzählen, damit das nie wieder passiert! ...Ja, ich liebe dich auch, Kleine, bis bald!«

Während seine Tochter den Hörer eilig abgab und aus dem Haus rannte, um den Schulbus noch zu erreichen, setzte Walters seine Unterschrift unter das Dokument, mit dem er seinen freiwilligen Austritt aus der Armee erklärte.

Es fühlte sich an, als unterzeichne er ein Visum in ein neues Leben, und es war ein gutes Gefühl.


Als Peter das Wärterhäuschen hinter sich ließ und an die Straße trat, setzte sich ein schwarzer Wagen mit abgedunkelten Scheiben in Bewegung, der ein Stück weiter im Schatten gestanden hatte. Er hielt unmittelbar vor Peter.

Eine Tür im Fond öffnete sich, und ein hünenhafter Herr mit weißem Bart stieg aus. Peter kannte ihn. Und obwohl er ihn von allen Menschen am wenigsten hier erwartet hatte, überraschte es ihn nicht.

»Guten Morgen, Professor Lavell«, sagte der Mann.

Peter lächelte. »Ich hoffe, Sie erwarten nicht, dass ich Sie mit Namen begrüße«, sagte er. »Nachdem wir Sie in der Schweiz als Steffen van Germain und in Sakkara als Al Haris kennengelernt haben, erwarte ich, dass Sie nunmehr erneut einen anderen Namen tragen.«

»Ich möchte Sie ungern enttäuschen, Professor. Also nennen Sie mich doch einfach Gabriel.«

»Namen sind Schall und Rauch, nicht wahr?«

»So ist es, Professor.« Gabriel wies auf den Wagen. »Ich nahm an, dass Sie nun eine Transportgelegenheit nach Andros Town zum Flughafen benötigen würden. Wenn es Ihnen also recht ist, würde ich Sie gerne fahren.«

»Ja, in der Tat, das wäre mir sehr recht. Danke sehr.«

Peter stieg in den kühlen Wagen. Am Steuer saß ein jüngerer Mann, der ihn kurz grüßte und den er ebenfalls schon einmal gesehen hatte. Joseph hieß er, soweit er sich erinnern konnte. Langsam fielen die letzten Puzzleteile ins Bild.

»Ich soll Sie von Stefanie grüßen«, sagte Peter zu Gabriel, als der Wagen anfuhr.

»Vielen Dank. Und lassen Sie mich Ihnen mein tiefes Beileid über Ihren Verlust aussprechen. Es tut mir sehr leid.«

Peter nickte nur. Sie fuhren in maßvoller Geschwindigkeit. Er sah aus dem Fenster und nahm die subtropische Landschaft in sich auf.

»Wie geht es nun weiter?«, fragte er, mehr zu sich selbst.

»Die Archive von Atlantis sind in Sicherheit«, sagte Gabriel.

»Sind sie das? Oder sind sie nicht vielmehr endgültig verloren?«

»Die losen Enden sind verwoben, es ist niemand übrig, der die Existenz der Archive preisgeben könnte. Aber das Wissen selbst ist zu umfangreich, als dass es vollständig verloren gehen könnte. Nicht, solange es Hüter gibt, die überall auf der Welt das atlantische Vermächtnis bewahren für die Zeit, wenn die Welt reif genug dafür ist.«

»Ich könnte darüber berichten. Aufsätze schreiben und Vorlesungen halten.«

»Für dieses lächerlich scheinende Unternehmen haben Sie Ihren Ruf aufs Spiel gesetzt«, sagte Gabriel. »Es sollte Ihre letzte und größte Entdeckung werden. Es sollte Ihnen endlich die herausragende Anerkennung als Forscher bringen, die Sie sich Ihr Leben lang versuchten zu erarbeiten. Nun, da Sie mit leeren Händen zurückkehren, geben Sie sich dem Spott aller Akademiker preis, und Ihr Ruf wird irreparabel beschädigt sein.«

»Ja, das ist wohl wahr.«

»Und dennoch werden Sie Ihre Entdeckung verschweigen.«

»Auch das stimmt... Diese Entscheidung steht fest. Aber verraten Sie mir, weshalb.«

»Sie denken an Ihren Kollegen, Patrick, und Sie denken an Stefanie. Sie denken daran, was Sie ihnen schulden. Und Sie denken an die Macht, die hier verborgen liegt, sowie an González und die anderen Menschen und Organisationen, die Sie in den letzten Jahren immer wieder behindert haben. Ihnen ist klar geworden, was auf dem Spiel steht und dass Ihr Ruf und unser aller tägliches Streben nach Wissen, Erfolg und Ruhm nur eine Nichtigkeit vor den viel größeren Zusammenhängen sind.«

Peter nickte nachdenklich. »Ja...«

Er betrachtete wieder die am Wagen vorbeiziehende Landschaft. Es fügte sich wahrlich alles in ein Bild. Eines, das älter und größer war als er. Das älter und größer war als die Kulturen der letzten zehntausend Jahre. Sein Streben, seine Arbeit, seine bisherigen Forschungen, alles schrumpfte auf die Größe von einzelnen Pinselstrichen in einem riesenhaften Gemälde zusammen. Er spürte die Wehmut einer plötzlich erkannten Bedeutungslosigkeit. Aber zugleich fühlte er sich befreit. Frei in dem Wissen, dass es etwas Fantastischeres und Grandioseres gab, von dem er einen kleinen Teil hatte miterleben dürfen. Es war mehr, als er vom Rest seines Lebens je erwartet hatte.

»Aber darüber hinaus«, sagte Gabriel, »gibt es noch einen anderen Grund.«

Peter sah zu Gabriel hinüber und hob eine Augenbraue.

»Stefanie hat es Ihnen erzählt. Wir haben Sie als Hüter ausgewählt.«

Peter stutzte. »Aber ich... Ich bin geflohen!«, sagte er. »Ich habe davon nichts wissen wollen. Es war zu groß, zu viel... Ich habe Atlantis den Rücken gekehrt, es im Stich gelassen.« Leise fügte er hinzu: »Ich habe Patrick und Stefanie im Stich gelassen.«

»Ja«, sagte Gabriel. »Aber bedenken Sie, dass möglicherweise nichts geschehen ist, das nicht so hatte geschehen sollen.«

»Wollen Sie damit sagen, meine Entscheidungen seien vorherbestimmt gewesen?«

»O nein.« Gabriel winkte ab. »Keineswegs. Unsere Leben und unsere Entscheidungen sind nicht vorherbestimmt. Ihre genauso wenig wie meine. Und wenn auch viele Religionen der Ansicht sind, dass alles einem größeren Plan folgt, so kann ich Ihnen versichern, dass, wenn ein solcher Plan existiert, er noch deutlich größer sein muss als die vielen zehntausend Jahre der atlantischen Kultur, denn Strukturen und Muster eines universellen oder göttlichen Plans haben wir nicht beobachten können.«

»Die Abwesenheit von Belegen für eine Theorie ist aber auch kein Beweis für ihr Gegenteil.«

»Ah, da ist er wieder, der Professor!« Gabriel lachte. »In der Tat, Sie haben recht. Es bedeutet überhaupt nichts. Und was sind schon fünfzigtausend Jahre im Angesicht der Welt?«

»Was wollten Sie also ausdrücken?«

»Niemand konnte vorhersagen, wie Sie reagieren würden. Aber wir konnten uns auf die verschiedenen Möglichkeiten vorbereiten. Und Stefanie war vorbereitet. Sie hat Ihnen erzählt, dass wir Sie uns als neuen Hüter der Archive von Atlantis wünschen, und vielleicht erwähnte Sie auch, dass Ihnen die letzte Prüfung noch bevorstünde.«

»Ja, ich erinnere mich. Sie setzte dazu an, konnte es aber nicht mehr ausführen.«

»Es gab nichts auszuführen«, erklärte Gabriel. »Die letzte Prüfung war die Frage, wie Sie auf die Offenbarung von Atlantis reagieren würden, dort unten – und heute hier. Und nun betrachten Sie sich selbst. Was empfinden Sie?«

Peter dachte nach.

»Trauer«, sagte er dann. »Trauer über den Verlust. Ehrfurcht vor der Größe dieser Geschichte und dieser Macht. Ärger und Angst vor der Dummheit der Menschen. Und zugleich Glück darüber, ein Teil davon gewesen zu sein.«

»Das ist sehr gut, ja!« Gabriel nickte lächelnd. »Und was, wenn Sie die Chance hätten, weiterhin ein Teil davon zu sein? Wie würden Sie sich fühlen, wenn ich Ihnen verriete, dass längst nicht alles verloren ist, dass Atlantis weiter besteht und dass ich mir nichts mehr wünschen würde als Sie an unserer Seite?«

»Das... das kann ich unmöglich annehmen!« Peter war beinahe entrüstet.

»Und weil Sie meinen, es nicht zu können, sind Sie es, den wir ausgewählt haben.« Gabriel legte eine Hand auf Peters Schulter. »Sie müssen sich nicht sofort entscheiden. Aber denken Sie darüber nach, mein Freund.«

Nun breitete sich ein Lächeln über Peters Gesicht aus.

Nichts war vorherbestimmt. Die Zukunft entfaltete sich neu mit jedem Schritt, und er war gespannt darauf, wohin ihn seine Schritte führen würden.

Загрузка...