Kapitel 4


AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


Es war kurz vor acht, als Lieutenant Commander Walters sein Büro betrat. Mit einem Becher dampfenden Kaffees setzte er sich an seinen Schreibtisch, als sein Telefon klingelte.

»Walters«, meldete er sich. »Meine Tochter? Natürlich, stellen Sie sie durch!« Es klickte in der Leitung, und unwillkürlich lächelte er. »Hey, hallo Kleine! Na, das ist ja eine Überraschung! Bist du denn noch gar nicht in der Schule?« Er nippte an seinem Becher, während er zuhörte. »Oh, na, da hast du aber Glück. Nur die ersten beiden Stunden? Na ja, immerhin, oder? Dann ist der Vormittag nicht so lang... Wale sagst du? Ehrlich?... So richtig große Wale?... Oh, ich verstehe. Das tut mir aber leid... Also gut, wenn Mum das sagt, dann wird sie das auch machen... Sicher, Kleines!... Okay, dann noch viel Spaß in der Schule. Und am Wochenende bin ich wieder da, ja? Also, pass auf dich auf... Ich dich auch! Gibst du mir noch mal Mum?« Er wartete, bis seine Frau am Hörer war. »Guten Morgen, Süße! Was erzählt Sarah da? Ihr wollt euch gestrandete Wale angucken?«

Es klopfte. Als Walters aufsah, öffnete sich die Tür, und Chief Warrant Officer Parker trat ein. Ihm unterlag die Öffentlichkeitsarbeit der Militärbasis. Walters winkte ihn raus und widmete sich wieder seinem Gespräch. »Okay, aber sag ihr, sie soll nichts anfassen. Man weiß ja nie, was die für Krankheiten haben... Hör zu, ich habe jetzt einen Termin... Alles klar. Bis Freitag! Ich liebe dich!«

Er legte auf, trank von seinem Kaffee und verzog den Mund.

Es war eine furchtbare Brühe. Wale, dachte er. So ein Mist. Dann stand er mit dem Becher in der Hand auf, ging zur Tür und öffnete sie. Im Vorzimmer stand Parker und studierte einige Anschläge am Schwarzen Brett.

»Kommen Sie rein, Parker.«

Sie setzten sich an einen runden Tisch in Walters Büro. Parker trug wie zu jeder Routinebesprechung sein Notizheft bei sich, das er nun aufklappte.

»Guten Morgen, Lieutenant Commander. Ich hoffe, ich habe nicht gestört.«

»Kein Problem. Meine Familie. Also: Was liegt an?«

»Es gibt drei Angelegenheiten, über die ich Sie unterrichten muss, Sir.« Er sah auf und prüfte Walters' Reaktion. Aber der Offizier lehnte sich nur zurück und wartete. Also fuhr Parker fort. »Gestern Abend sind südlich von Jacksonville zwischen St. Augustine und Palm Coast rund zwanzig Schnabelwale gestrandet. Die Nachrichten sind voll davon, der Strand füllt sich mit Schaulustigen und Naturschützern. Und natürlich sind wir auch schon wieder in der Kritik.«

»Das mit den Walen weiß ich schon. Dumme Sache. Haben Sie geprüft, wann die letzte LFAS-Übung gewesen ist?«

Parker nickte und blätterte in seinen Notizen. »Das Niederfrequenz-Aktivsonar wurde vor drei Tagen während des Deep-Fathom-Tauchgangs eingesetzt.«

»Verdammt!« Walters rieb sein Kinn. »Wir sind erst 2005 verklagt worden. Denken Sie, dass das hier noch mal passieren kann?«

»Die Klage wurde ja glücklicherweise abgewiesen. Laut unseren Informationen und meinem Briefing aus Washington für diese Fälle liegen noch immer keine eindeutigen Beweise für einen Zusammenhang zwischen dem Sonar und solchen Massenstrandungen vor.«

»Parker, was Ihr Briefing für solche Vorfälle vorsieht, ist mir herzlich egal. Wichtig ist, was in den Nachrichten über uns erzählt wird, was die Aktivisten denken und was sie tun werden. Wird es Autopsien geben?«

»Mit ziemlicher Sicherheit ja.«

»Und was, wenn herauskommt, dass es ihre Ohren, oder was auch immer Wale so haben, zerfetzt hat? Was sagt Ihr Briefing dann?«

Parker kritzelte hektische Linien und Spiralen in sein Heft. »Das, Sir, müsste ich mit der Zentrale klären...«

»Dann tun Sie das, und zwar schnell. Ich möchte nicht, dass wir wie Idioten dastehen, weil wir erst Big Mama fragen müssen. Ich möchte alle Details wissen, auch solche mit Gedärmen und Organen, von denen ich keine Ahnung habe. Okay?«

»Ja, Sir.«

»Gut. Machen Sie weiter.«

»Die zweite Angelegenheit: Wir haben vor einer Stunde drei Leute innerhalb der Sicherheitszone aufgegriffen. Zwei Amerikaner aus Miami und einen deutschen Touristen. Angeblich waren sie gemeinsam auf Entenjagd. Ihre Ausrüstung bestätigt das auch. Es gab keine weiteren Auffälligkeiten. Sie befinden sich jetzt auf dem Gelände in Gewahrsam und warten darauf, dass sich jemand um sie kümmert.«

»Haben sie etwas gesehen?«

»Vermutlich nicht, Sir. Ihr Boot liegt an der Westküste, und sie sind querfeldein gelaufen.«

»Gut. Dann lassen Sie bloß keine Area-51-Attitüde heraushängen, so was können wir jetzt gar nicht gebrauchen. Konfiszieren Sie ihre Kameras und löschen Sie alles, was verdächtig aussieht, falls Sie so was auf den Speicherkarten finden. Dann geben Sie den dreien ein Frühstück, und führen Sie sie durch unser Labor. Zeigen Sie denen meinetwegen auch das Übungs-U-Boot, damit sie sehen, dass wir nichts zu verbergen haben. Danach eine Eskorte zurück zu ihrem Boot, und dort können sie ihre Kameras und Waffen zurückhaben.«

Parker, der die Anweisungen notierte, nickte. »Alles klar.«

»Und der dritte Punkt?«, fragte Walters und trank seinen Becher leer.

»Es geht um zwei Schiffe, denen wir kürzlich eine Freigabe für ihre Routen gegeben hatten.«

Walters zuckte mit den Schultern. Es war erforderlich, dass Schiffe, die dieses Gebiet und die angrenzenden Gewässer kreuzten oder sich längere Zeit hier aufhielten, eine Genehmigung der Navy einholten. Nur auf diese Weise konnten die unterseeischen Einsätze von AUTEC aus koordiniert und die Sicherheit auf den U-Boot-Routen gewährleistet werden. Natürlich legte die Navy ihrerseits nichts offen, aber sie konnte bei Bedarf eine Genehmigung verweigern, wenn fremde Anträge mit ihren eigenen Plänen in Konflikt gerieten. Aber diese Anträge waren Tagesgeschäft, und Walters hatte damit üblicherweise nichts zu tun.

»Na und?«

»Die beiden Boote möchten umfangreiche Forschungen unter Wasser betreiben. Sie sind gut ausgerüstet, führen ROVs und sogar kleine U-Boote an Bord. Das eine ist ein kubanisches Schiff, das andere stammt aus Woods Hole, Massachusetts, ist aber von Europäern gechartert. Uns ist aufgefallen, dass beide Boote genau in dem Gebiet forschen möchten, in dem wir vor einigen Wochen den Code fünfzig hatten. Ich dachte, das sollten Sie wissen.«

Walters hob die Augenbrauen. Da lag also der Haken. Er hatte den Weißwasser-Vorfall schon fast vergessen, froh, dass es sich lediglich um ein unbedeutendes Fischerboot gehandelt hatte, das höchstens in der Lokalpresse erwähnt werden würde. Aber Forscherteams? Noch dazu Europäer und Kubaner. Was für eine selten blöde Konstellation. Er zögerte eine Weile, aber er hatte schlicht zu wenige Informationen, um etwas endgültig zu entscheiden. Und langes Zaudern würde das auch nicht ändern.

»Wenn keine unserer geplanten Fahrten dagegenspricht, dann lassen Sie beide Anträge erst mal durch«, sagte er schließlich. »Aber ich möchte Kopien der Anträge haben. Und besorgen Sie mir weitere Informationen über alles, was nicht in den Anträgen steht. Ich möchte wissen, wo die Leute zur Schule gegangen sind, wo sie ihren letzten Urlaub verbracht haben... Das ganze Programm. Und suchen Sie am besten jetzt schon nach guten Gründen, die Leute notfalls auch ganz schnell wieder nach Hause zu schicken.«

»Ich kümmere mich darum, Sir.«

»Gut. War's das?«

»Ja, Sir.«

»Danke.« Walters stand auf, und während Parker das Büro verließ, trat er an sein Fenster und sah auf den Atlantik hinaus. Das war Murphys verdammtes Gesetz. Wenn etwas passierte, dann passierte alles auf einmal.


Port Lounge, Miami International Airport


»Nette Aussicht«, meinte Patrick mit einem Cocktail an den Lippen. Die Loungebar befand sich auf der achten Ebene des Flughafens von Miami. Im Stil eines Atriums gebaut, atmete die Lounge tropisches Klima und öffnete den Blick auf den Flughafen und die Skyline von Miami. Peter saß neben ihm und trank einen Tee. Seit ihrem Treffen in Hamburg waren knapp vier Wochen vergangen, und viel war geschehen. Während Peter weiter an den Übersetzungen gearbeitet hatte, hatte Patrick sich um die Organisation einer Expedition bemüht.

Es stellte sich heraus, dass sie sich besser ein halbes Jahr Zeit genommen hätten, denn ihr Vorhaben war komplex und alles andere als günstig. Aber sie hatten sich entschlossen, das Unternehmen selbst zu finanzieren, was mit den Mitteln, die sie durch ihre beiden vergangenen Projekte zusammengetragen hatten, möglich war. Aus diesem Grund mussten sie sich nicht um Geldgeber bemühen und langwierige Verhandlungen um Projektkalkulationen und Businesspläne über sich ergehen lassen. Zugleich drängte die Zeit. Peter fürchtete, dass andere Forscher ihnen zuvorkommen würden, nachdem er die ersten Ergebnisse der Sichtung der Dokumente aus Alexandria weitergegeben hatte. Patrick wurde bei der Recherche klar, wie viel mehr Aufwand eine Expedition, wie sie sie planten, bedeutete als eine Tour in den Urwald, die er alleine bestreiten konnte. Sie brauchten ein Schiff, das für unterseeische Untersuchungen voll ausgestattet war. Sie benötigten aber nicht nur Taucherausrüstungen, sondern auch ferngesteuerte Roboter – sogenannte ROVs –, idealerweise sogar ein U-Boot, darüber hinaus eine Mannschaft, die all das bedienen konnte, und natürlich sämtliche Genehmigungen, die hierfür notwendig waren.

Es gab zahlreiche Organisationen, die man ansprechen konnte. Schiffe ließen sich einzeln chartern, ebenso wie eine Crew und das Equipment. Es gab auch einige Unternehmen, die alles gemeinsam, sozusagen als Paket anboten. Neben der Tatsache, dass diese günstiger waren, lag ein weiterer Vorteil darin, dass es erfahrene und eingespielte Teams auf den eigenen Schiffen waren, die sich um alles kümmerten, die also auch bei der logistischen Planung berieten und einem die Beschaffung von Genehmigungen abnahmen. Dummerweise waren diese Schiffe in der Regel mehr als ein Jahr im Voraus vollkommen ausgebucht von wissenschaftlichen Fakultäten, Forschungseinrichtungen, Behörden und Privatleuten. Aber genau hier hatte sich eine glückliche Fügung ergeben: Eines der Schiffe der Woods Hole Oceanographic Institution war kurzfristig frei geworden. Die Schiffe und ROVs der WHOI hatten unter anderem die untergegangene Titanic entdeckt. Es war die weltweit größte derartige Organisation mit einer Flotte von vier großen Forschungsschiffen und zahlreichen Unterseebooten. Nun war ein Kunde abgesprungen, und die Argo war frei. Sie war gerade auf einer Mission in der Karibik gewesen und würde in rund zwei Wochen zu den Kanaren aufbrechen. Zwei Wochen waren frei geworden, und Patrick hatte das Schiff für diesen Zeitraum chartern können. Es würde sie rund sechzigtausend Dollar pro Tag kosten, aber sie hatten sich entschlossen, dieses Geld zu investieren. Natürlich konnte niemand mit gesundem Menschenverstand annehmen, dass sie mit einer derart kurzen Vorbereitung und nur vierzehn Tagen Zeit das untergegangene Atlantis finden würden, die hartnäckigste und zugleich flüchtigste Legende der Welt. Aber es war eine einmalige Gelegenheit, und besonders Peter glaubte felsenfest an die Qualität ihrer Informationen und an den Erfolg des Projekts. Wie auch immer sich dieses gestaltete – allein eine Spur oder gar ein einzelnes Artefakt –, alles würde unbezahlbar sein. Es würde ihren Ruf sichern, Türen öffnen und weitere Projekte ermöglichen.

Die Argo lag im Hafen von Fort Pierce, rund zwei Stunden Autofahrt nördlich von Miami. Peter und Patrick waren am nächsten Morgen mit dem Kapitän dort verabredet, und erst am Mittag wurden die Leinen gelöst. Patrick wünschte, sie würden sich die Zeit nehmen, um in Miami einen netten Abend zu verbringen, aber der einzige Grund, weshalb sie noch hier waren und sich noch nicht zum Leihwagen aufgemacht hatten, war der, dass Peter sich hier oben verabredet hatte.

Es handelte sich um eine Fernseh-Journalistin, die von ihrem Unternehmen gehört hatte und sich nun mit ihnen treffen wollte. Patrick hatte keine Vorstellung, wie um alles in der Welt die Frau Wind von der Sache bekommen hatte. In seinen Augen machte das die Frau verdächtig, doch dies traf im Grunde auf jede andere Journalistin auch zu. Peter hatte sich mit Details zurückgehalten, wollte aber, dass sie sich unvoreingenommen anhörten, was die Frau zu sagen hatte. Erst danach wollte er mit Patrick darüber reden.

Patrick bestellte sich gerade einen zweiten Long Island Icetea, als sie angesprochen wurden. Sie drehten sich um. Vor ihnen stand eine Frau mittleren Alters, Patrick schätzte sie auf Anfang vierzig, sportlich-leger in Jeans und Sweatshirt gekleidet, die schwarzen Haaren zu einem kurzen Zopf gebunden, mit einer schwarzrandigen Brille auf der Nase und einer Laptoptasche über der Schulter.

»Professor Peter Lavell?«, fragte sie.

Peter erhob sich von seinem Barhocker und reichte der Frau die Hand. »Das bin ich, ja. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie müssen Kathleen Denver sein.«

»Richtig.«

»Das hier ist mein Kollege, Patrick Nevreux.«

»Sehr erfreut! Sind Sie Franzose?«

»Haarscharf kombiniert«, gab Patrick zurück.

»Wollen wir uns dort drüben hinsetzen?« Sie deutete auf eine freie Sitzgruppe.

Nachdem sie mit ihren Getränken umgezogen und der Journalistin etwas bestellt hatten, kam sie schnell zur Sache. Was besonders Patrick sehr zu schätzen wusste.

»Ich freue mich, dass Sie meiner Bitte, sich mit mir zu treffen, so schnell gefolgt sind. Kurz zu mir: Ich bin freie Journalistin und arbeite zurzeit für die FOX International Channels, die unter anderem den History Channel verantworten. Meine Serie wird in diesem Rahmen gezeigt. ›Dare to Know‹. Vielleicht haben Sie sie schon einmal gesehen...« Als sie Patricks Schulterzucken sah, lenkte sie ein. »Es ist eine Reihe, die sich mit Rätseln der Menschheitsgeschichte beschäftigt. Wir hatten da schon etwas über die Templer, etwas über das Letzte Abendmahl, über die Bundeslade... und solche Sachen.«

Ein Ober brachte ihren Drink, und sie nahmen gemeinsam einen Schluck aus ihren Gläsern, bevor sie fortfuhr. »Wie dem auch sei, wenn Sie die Reihe nicht kennen, macht das nichts.« Sie öffnete ihre Tasche und holte eine DVD heraus. »Ich habe Ihnen ein paar Folgen gebrannt, damit Sie sich ein Bild machen können. Diese Reihe läuft allerdings im Sommer aus, und ich arbeite jetzt an einem neuen Konzept. Weniger reißerisch, weniger spekulativ, weniger nachgespielte Szenen in Kostümen...

sondern mehr echte Geschichte, mehr Wissenschaft und die Berichterstattung möglichst live.«

Peter nickte nur, sagte aber nichts. So viel wusste er bereits, als sich die Frau per E-Mail bei ihm gemeldet hatte.

»Nun habe ich von Ihrem Vorhaben gehört und möchte gerne über Ihr Projekt berichten. Was halten Sie davon?«

»Was wissen Sie über unsere Pläne?«, fragte Patrick.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie, Professor Lavell, in Alexandria einen besonderen Fund gemacht haben...« Sie nahm einen weiteren Schluck. »Nein, stimmt nicht. Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ich war sogar dabei.«

»Sie waren dabei?!« Peter hob eine Augenbraue.

Sie lächelte. »Ja. Ich war bei Ihnen, als Sie das Grab geöffnet haben, das dann gar keines war. Ich hatte mich in das Grabungsteam eingeschlichen, nachdem ich erfahren hatte, dass man etwas gefunden hatte... Sie müssen wissen, dass ich mich für solche Sachen naturgemäß besonders interessiere... Ich wollte schon einmal eine Sendung über Alexander den Großen machen und hatte so bereits einige Kontakte und wusste von den voranschreitenden Arbeiten. Als ich nun hörte, dass es ernst wurde, habe ich kurzfristig einen Kameramann im Team abgelöst. Ich war unten und habe Sie gefilmt, wie Sie sich vielleicht erinnern.«

Peter rief sich die Situation in Erinnerung. Er hatte die Frau mit der Kamera nicht beachtet, hatte sie für ein normales Teammitglied gehalten. Sie hatte sich tatsächlich eingeschlichen?

»Jedenfalls habe ich alles gesehen. Und ich weiß inzwischen, dass Sie einige der Texte aus der dortigen Bibliothek gesichtet und übersetzt und den vollständigen Kritias-Dialog gefunden haben.«

»Das ist ungeheuerlich!«, entfuhr es Peter. Mit einem Mal drohte ihm der sichere Boden zu entgleiten. Wenn schon die Presse davon wusste, wie war dann zu hoffen, dass sie ihre Untersuchung halbwegs ungestört durchführen konnten?

»Schätze mal, Sie nehmen es mit dem Gesetz nicht so genau?«, warf Patrick ein.

Die Journalistin hob abwehrend die Hände und rückte dann ihre Brille zurecht. »Ich bitte Sie! Ziehen Sie auf keinen Fall voreilige Schlüsse! Ich habe nicht vor, irgendetwas ohne Ihre Zustimmung – oder die des Centre d'Etudes Alexandrines – zu veröffentlichen. Sie haben mein Wort darauf! Deswegen treffe ich mich heute mit Ihnen. Es ist ein ungeheuer spannendes Feld, und Ihr Projekt ist so interessant, dass ich mit Ihnen gemeinsam eine Dokumentation daraus machen möchte.«

»Dann wissen Sie auch, weswegen wir in die Staaten gekommen sind?«, fragte Patrick misstrauisch.

»Ich weiß es natürlich nicht. Jedenfalls nicht genau. Aber ich habe erfahren, dass Sie ein Forschungsschiff aus Woods Hole gechartert haben...«

»Wie Sie das herausbekommen haben, möchte ich gar nicht wissen...«, knurrte Patrick und leerte seinen Drink.

»...und daher habe ich meine Schlüsse gezogen«, fuhr sie fort. »Es ist ja allgemein bekannt, dass Kritias sich mit Atlantis beschäftigt. Allein das ist einen Bericht wert! Und wenn Sie nun aufgrund dieses Fundes in See stechen, dann kann das nur bedeuten, dass Sie auf den Spuren des untergegangenen Kontinents sind.« Sie sah die beiden mit einer Mischung aus Eindringlichkeit und Begeisterung an.

Peter holte tief Luft. Konnte er wirklich keinen Schritt mehr tun, ohne dass es die ganze Welt erfuhr? Bei ihrem gemeinsamen Projekt in Südfrankreich, wo sie in aller Abgeschiedenheit forschen sollten, hatten sich in kürzester Zeit allerlei merkwürdige Gruppierungen an ihre Fersen geheftet. Beim Sakkara-Projekt ein Jahr später war es nicht anders gewesen; man hatte ihnen sogar die Einreise nach Ägypten verweigert, da ihnen ihr Ruf vorausgeeilt war. Und nun konnte er weder einen Fuß nach Alexandria noch nach Miami setzen, ohne dass man ihn bereits erwartete.

Noch bevor Peter etwas sagen konnte, hob die Journalistin erneut an. »Ich weiß, dass das überraschend für Sie kommt. Bestimmt wollten Sie Ihr Projekt ganz in Ruhe abwickeln, ohne Störungen von außen und ohne Publicity. Ich möchte mich auf gar keinen Fall aufdrängen, wenn Sie davon nichts wissen möchten. Ich bitte Sie nur, sich Gedanken darüber zu machen.« Sie holte eine Visitenkarte heraus, schrieb etwas darauf und überreichte sie Peter. »Sie können mich jederzeit mobil erreichen. Oder per E-Mail natürlich.«

Peter drehte die Karte in den Fingern. Gerade noch war er sich sicher gewesen, dass sie auf dem richtigen Weg waren, dass ihr Projekt erfolgreich sein würde. Und bei näherer Betrachtung mochte eine Dokumentation über sagenhafte Funde tatsächlich die beste Öffentlichkeitsarbeit sein, die er sich vorstellen konnte. Aber was, wenn sie scheiterten? Was für ein grandioses Scheitern würde das im History Channel werden? Nein, es war einfach zu früh, zu unsicher.

»Vielen Dank für Ihr Angebot, Miss Denver«, sagte er. »Es ist tatsächlich sehr verlockend, und die Vorstellung, dass das Projekt begleitet und dokumentiert würde, noch dazu in einem so angesehenen Kanal, ist schmeichelnd. Aber sicher verstehen Sie, wenn wir uns darüber erst Gedanken machen müssen und Ihnen jetzt keine Antwort geben können.«

Sie erhob sich. »Aber natürlich! Ich verstehe das vollkommen! Und ich bin auch schon wieder weg, denn ich möchte Ihnen nicht auf die Nerven gehen.« Sie lächelte beide an und reichte ihnen die Hand. »Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Professor Lavell, und Sie, Mister Nevreux. Und natürlich wäre es für mich eine große Ehre, wenn Sie mich an Ihrem Unternehmen teilhaben lassen. Über Details können wir ja sprechen, wenn Sie es sich überlegt haben! Auf Wiedersehen. Und genießen Sie Ihren Aufenthalt in Miami.« Sie schulterte ihre Laptoptasche und ging, nicht ohne sich am Ausgang noch einmal umzudrehen und zu winken.

»Reichlich aufgedreht, die Gute«, meinte Patrick nach einer Weile.

»Und was halten Sie sonst von ihr?«

»Ist nicht mein Typ.«

»Von ihrem Angebot.«

»Schon klar.« Patrick sah hinüber zu den Fenstern. »Also ich weiß nicht. Einerseits klingt es ja wie keine schlechte Idee. Aber andererseits... Ich meine, ist doch ziemlich komisch, dass sie von der Grabung in Alexandria wusste. Und unsere Expedition hat sie Ihnen auf den Kopf zugesagt.«

»Sie meinen, der Dame sei nicht zu trauen?«

Patrick zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist ja im Grunde ihr Job, gut informiert zu sein. Aber Reporter machen mich immer etwas nervös, wissen Sie. Vielleicht liegt es daran.«

»Ich habe kurz überlegt, dass es vorteilhaft sein könnte, sie einzubinden. Immerhin arbeitet sie nicht für einen zwielichtigen Lokalsender, sondern für einen mit internationalem Format. Sie könnte mit einer Dokumentation das Ganze in einem seriösen Licht zeigen. Es wäre vielleicht ein Weg, der Kritik zu begegnen, der wir zweifellos ausgesetzt sein werden.«

»Dem Spott viel eher«, meinte Patrick. »Es ist ja schon eine reichlich fantastische Unternehmung, die wir hier planen. ›Professor Lavell ist jetzt völlig verrückt geworden‹, wird man sagen.«

»Wenn Sie auch so denken, warum machen Sie dann mit?«

»Dass Sie verrückt sind, ist mir ja nichts Neues.« Patrick grinste. »Außerdem habe ich an einem Abenteuer in der Karibik nichts auszusetzen.«

Peter seufzte. »Wir können nur hoffen, dass es nicht halb so abenteuerlich wird wie unsere bisherigen Projekte.«

»Darauf ein Toast«, gab Patrick zurück und hob sein Glas.


Morgens, im Hafen von Fort Fierce, Florida


Die Argo war mächtiger, als Patrick sie von den Fotos im Internet in Erinnerung hatte. Er wusste zwar, dass sie das größte Schiff der Flotte und als einziges für den Einsatz des Forschungs-U-Boots ausgerüstet war. Aber nun direkt davor zu stehen, war etwas ganz anderes. Die leuchtend weißen Decks erhoben sich gute fünfzehn Meter über den dunkelblauen Rumpf bis hinauf zur quer verlaufenden Brücke. Am Heck des achtzig Meter langen Schiffes ragte der massige hochgeklappte blaue Rahmen auf, mit dem das U-Boot zu Wasser gelassen werden konnte.

Ein kräftiger Mann in einer kurzen weißen Hose trat auf sie zu und streckte ihnen die behaarte Hand entgegen. »John Harris, ich bin der Kapitän der Argo. Schön, dass Sie da sind.« Dann drehte er sich halb herum und wies lächelnd auf das Schiff. »Nun sehen Sie, was Sie gekauft haben. Ich hoffe, sie gefällt Ihnen.«

»Ich bin zutiefst beeindruckt, Mister Harris«, sagte Peter und fand keine weiteren Worte, um seinem Staunen Ausdruck zu verleihen. Hier waren keine Menschen, die alte Pergamente studierten, antike Texte übersetzten oder bestenfalls Tonscherben ausgruben. Hier manifestierten sich wissenschaftliche Forschung, Entdeckergeist und Tatendrang in Überlebensgröße.

»Nennen Sie mich John. Das spart viel Atem bei unserer Arbeit. Bestimmt möchten Sie sich alles ansehen. Aber wir haben noch Zeit genug dafür, wenn es losgeht, und ehrlich gesagt sind wir jetzt mit Aufräumen, Beladen und dem Check des Equipments beschäftigt, sodass wir die Crew nur stören würden. Ihr Gepäck lassen Sie einfach hier stehen, meine Leute werden es an Bord bringen.« Er wies auf ein niedriges Gebäude. »Ich schlage vor, dass wir dort hinten einen Kaffee trinken, und dann können wir uns in Ruhe darüber unterhalten, was auf Sie – auf uns – zukommt.«

»Gute Idee«, stimmte Patrick zu. »Viel schlechter als das Spülwasser im Hotel kann das Gebräu dort auch nicht sein.«

John lachte. »In Europa ist man anderen Kaffee gewohnt, ich weiß. Aber vertrauen Sie mir, die Schiffsbesatzungen und Hafenarbeiter, die dort essen, sind auch auf der Suche nach etwas Kräftigem.«

Wenig später saßen sie in einem schlichten amerikanischen Diner. Patrick nahm mit Wohlwollen zur Kenntnis, dass der Kaffee beliebig oft neu aufgefüllt wurde und die Rühreiportion, die er sich bestellt hatte, kaum zu bewältigen war.

»Ich muss schon sagen«, erklärte John gerade, »dass Ihr Projekt mich ausgesprochen neugierig gemacht hat. Nachdem Sie Ihre Unterlagen an Woods Hole geschickt hatten, hat es schnell die Runde gemacht. Wenn man wie ich in den letzten fünfzehn Jahren immer nur ein paar Meeresbiologen oder Geologen zum Mittelatlantischen Rücken und zu unterseeischen Vulkanschloten kutschiert hat, dann freut man sich, wenn mal etwas wirklich Verrücktes auf dem Plan steht.« Er lächelte dabei in einer so herzlichen Art, dass man es nicht als Beleidigung auffassen konnte. Dennoch zögerte Peter.

»Wie denkt man bei Woods Hole über das Unternehmen?«, fragte er.

»Zuerst hat man die Anfrage natürlich nicht für bare Münze genommen. Aber als wir Ihre Vita prüften, wurde schnell klar, dass Sie es ernst meinen und dass es tatsächlich eine interessante Sache ist. Und wir waren alle sehr froh, dass wir so eine Lücke in den Fahrtenplänen der Argo füllen konnten.«

»Eine ›interessante Sache‹? Versuchen Sie sich in political correctness?«, fragte Patrick mit vollem Mund. »Ruhig raus damit: Was denken Sie selbst darüber?«

John lachte auf. »Wollen Sie mich beleidigen? Ich halte nichts davon, um den heißen Brei herumzureden. Was ich selbst davon halte? Also, ich bin Kapitän und kein Wissenschaftler wie Sie. Und auch kein Historiker. Ich habe keine Ahnung, ob es Atlantis wirklich gegeben hat. Aber als wir die Titanic gesucht haben, hielten uns auch viele für verrückt. Gut, der Vergleich hinkt vielleicht. Aber trotzdem: eine verrückte Idee, eine großartige Story. Und außerdem: Sie bezahlen es doch!« Wieder grinste er.

In Patricks Augen hatte der Mann gerade ordentlich Sympathiepunkte eingezahlt.

»Um elf geht es also los. Und es gibt noch eine kleine Überraschung für Sie. Ich weiß nicht, ob ich sie mir nicht lieber noch aufheben sollte...«

John sah vom einen zum anderen, und es war ihm anzumerken, dass er nur auf ein aufforderndes Nicken wartete. Als nichts dergleichen geschah, platzte er dennoch heraus: »Ich bin wirklich aufgeregt, deswegen erzähle ich es einfach sofort! Sie werden die Ersten sein, die mit Alvin II tauchen können!«

»Ist das ein neues U-Boot?«, fragte Peter.

»Es ist nicht nur ein neues U-Boot, Professor. Es ist das neue U-Boot! Ich weiß nicht, wie gut Sie sich mit ROVs und HOVs auskennen...« Als er auf seinen fragenden Blick nur Schulterzucken von Peter erntete, holte er aus: »Wir unterscheiden drei verschiedene Typen von Geräten für die Unterwasserforschung: AUVs, ROVs und HOVs. Das Erste sind autonome Unterwasserfahrzeuge, also letztlich mehr oder weniger intelligente Sonden, die selbstständig nach vorgegebenen Programmen arbeiten können. ROVs sind ähnliche Roboter, allerdings werden sie vom Schiff aus ferngesteuert. Und HOVs schließlich sind das, was Sie U-Boote nennen. Allerdings sind sie nicht vergleichbar mit herkömmlichen U-Booten. Sie werden feststellen, dass Forschungs-U-Boote in erster Linie wesentlich kleiner sind. Klaustrophobisch dürfen Sie da nicht sein. Aber das hat natürlich seinen Grund. Das Militär taucht üblicherweise einen halben Kilometer tief, einige kommen sogar einen ganzen Kilometer nach unten, aber dann ist Schluss. Der Druck dort unten ist einfach zu groß. Ein Atom-U-Boot von den Ausmaßen eines Airbus vor dem hundertfachen Druck zu schützen, ist nahezu unmöglich. Aber für die Forschung ist das natürlich lächerlich, wenn Sie bedenken, dass der tiefste Punkt im Marianengraben bei elf Kilometern unter null liegt.«

»Und die HOVs?«

»Es gibt nur eine Handvoll von HOVs weltweit. Sie sind klein, für nur zwei oder drei Personen, aber sie sind außergewöhnlich stabil. Damit kommen Sie im Schnitt bis zu sechs Kilometer tief, was immerhin reicht, um rund achtundneunzig Prozent des Meeresbodens zu erreichen. Schließlich sind solche Tiefseegräben wie im Pazifik die Ausnahme. Nur mit den Bathyscaphs geht es noch tiefer, aber da geht es dann auch nicht mehr um Manövrierbarkeit und Flexibilität, sondern darum, maximalem Druck standzuhalten. Wenn Sie ein richtiges U-Boot mit Fenstern und Greifarmen brauchen, dann muss es ein HOV sein. Alvin war bisher das einzige amerikanische HOV und ist schon über vierzig Jahre alt. Wie haben Alvin immer wieder erweitert und auf den neuesten technischen Stand gebracht, und inzwischen sind viele tausend Tauchfahrten gemacht worden. Aber irgendwann ist natürlich Schluss, und man muss mal ein rundum neues Modell entwickeln: Alvin II. Und Ihr Projekt wird das erste sein, bei dem es eingesetzt wird!«

Patrick, der die Begriffe und technischen Spezifikationen kannte, sah am Kapitän der Argo vorbei hinaus zum Kai. Dort war eine kleine Gruppe von Leuten aufgetaucht, die sich mit jemandem auf dem Schiff unterhielten. Jetzt wandten sie sich ab und kamen auf das Diner zu.

»... erweitert, und statt der drei Fenster haben wir nun fünf eingebaut«, sagte John gerade, als Patrick ihn unterbrach.

»Sie werden wohl gesucht«, sagte der Franzose, als die Fremden kurz darauf eintraten. Es waren drei junge Männer. Einer trug eine Videokamera, die er sich gerade auf die Schulter hob. Ein anderer setzte sich Kopfhörer auf, die mit einem Mikrofon und einem Kasten an seiner Hüfte verbunden waren. Die drei kamen zielstrebig auf den Kapitän zu.

»Ich fürchte, sie suchen nicht mich«, sagte John, »sondern Sie.«

Noch bevor Peter und Patrick etwas erwidern konnten, standen die drei bereits vor ihrem Tisch. Kamera und Mikrofon waren auf sie gerichtet.

»Kevin Strout von FOX News«, grüßte der vorderste der Männer. »Ich habe erfahren, dass Sie eine Atlantis-Expedition planen und möchte gerne ein paar Statements von Ihnen einfangen. Sind Sie Professor Lavell aus Deutschland? Was lässt Sie glauben, dass Sie den versunkenen Kontinent finden könnten?«

Peter sah den Mann mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Verärgerung an. Welche Dreistigkeit legte dieser Mann an den Tag, und wie um alles in der Welt hatte er nun wieder von ihrem Projekt erfahren?

»Was lässt Sie glauben, dass wir einen versunkenen Kontinent suchen?«, gab er zurück und hoffte, damit der Frage auszuweichen.

»Für seriöse Forscher ist Atlantis ein bloßes Märchen«, fuhr der Journalist fort. »Warum denken Sie anders?«

»Es gibt keine Antworten, die in Ihre fünfzehn Sekunden Sendezeit passen würden, Mister Strout«, antwortete Peter. »Und ich bezweifle, dass Sie längere Erklärungen verstehen würden.«

Der Mann verzog seinen Mund kurz zu einem ätzenden Lächeln, fragte dann aber in einem freundlichen Ton weiter: »Ist es nicht total verrückt, fast eine Million Dollar für so ein Märchen auszugeben?«

»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen«, erwiderte Peter und wandte sich seinem Kaffee zu.

»Glauben Sie, dass es sinnvoll ist, sich mit der etablierten Wissenschaft anzulegen?«

Nun lehnte Patrick sich nach vorn, ergriff die Hand mit dem Mikrofon, zog es an sich heran und rief hinein: »Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, Kumpel. Sie sind hier nicht erwünscht!« Der Helfer riss sich mit schmerzverzerrter Miene die Hörer vom Kopf.

Der Journalist sah sie entrüstet an. »Wir sind extra für dieses Interview aus Miami gekommen.«

»Das interessiert uns einen Dreck«, erwiderte Patrick.

»Sie wollen also, dass wir verschwinden?«

Nun blickte Peter wieder hoch und nickte. »Ja. Unbedingt.«

»Gut. Wie Sie wollen.« Damit drehte er sich um und verließ mit seinen beiden Mitarbeitern das Lokal.

Für kurze Zeit setzte Schweigen ein, bis John das Wort ergriff. »Ich vermute, mit solchen Situationen müssen Sie in Zukunft auch weiter rechnen. Es gibt immer Leute, die auf Sensationen aus sind und sich brennend dafür interessieren, wenn ein neues Projekt ansteht.«

»Wie konnten sie davon erfahren?«

»Vermutlich über die Woods Hole Website«, sagte John. »Wie Sie wissen, müssen wir Rechenschaft über unsere Projekte ablegen. Dort können Sie sogar tagesaktuell sehen, wo sich jedes einzelne unserer Forschungsschiffe gerade befindet, jedenfalls grob. Und dann gibt es natürlich noch die Pressemeldungen und den Newsletter. Ich schätze, so hat es sich herumgesprochen.«

Peter schüttelte den Kopf. Seine Zweifel an den neuen Medien bekamen wieder neue Nahrung. Jene kritische Einstellung, die ihn lange davon abgehalten hatte, auch nur einen Computer zu benutzen, geschweige denn einen Internetzugang, und die ihn an dem Wahrheitsgehalt jeder Nachricht und der Glaubwürdigkeit jeder Quelle zweifeln ließ. Immer häufiger wurden nur mehr Informationen verbreitet, vervielfältigt und verfälscht, alles versank in einem Strom von Daten und Falschmeldungen. Und nun steckte er selbst mitten drin.

»Wenn diese Leute tatsächlich von FOX waren«, warf Patrick ein, »dann haben sie ihre Infos vielleicht von unserer Freundin gestern Abend.«

»Meinen Sie?«

»Wer weiß.«

»Ich würde Ihnen empfehlen, so etwas nicht überzubewerten«, sagte der Kapitän. »Wenn wir mit unseren Schiffen unterwegs sind, passiert das häufig. Aber wenn sich keine vernünftige Nachricht daraus machen lässt, schläft das Interesse auch schnell wieder ein.«

Peter war nicht überzeugt, mochte aber auch nicht länger darüber nachdenken. Er sah hinaus zum Schiff. »Mein Kollege Patrick hat ja die ganze Koordination mit Ihnen bisher übernommen. Er sagte mir, dass Sie einen Zwischenstopp in Nassau eingeplant haben. Was hat es damit auf sich?«

»Wir müssen leider einen Umweg fahren. Als das Projekt, das ursprünglich für diesen Zeitraum geplant war, zurückgezogen wurde, haben wir diesen Termin organisiert. Wir werden dort einige Studenten an Bord nehmen. Wir verlieren einen Tag, aber der wird Ihnen natürlich nicht in Rechnung gestellt. Auf dem Weg dorthin werden wir Ihre erste Station bei Bimini untersuchen.«

Peter nickte.

»Das Gebiet um die Bimini-Straße, die Sie sich ansehen möchten, ist nicht tief«, erklärte John. »Hier haben Sie Gelegenheit zu eigenen Tauchgängen. Der zweite Ort, draußen auf dem Atlantik, den wir am Tag nach dem Zwischenstopp auf den Bahamas erreichen werden, liegt allerdings in dreieinhalbtausend Metern Tiefe. Hier werden wir zunächst Bodenprofilscans vornehmen. Wenn wir etwas finden, das Sie interessiert, schicken wir entweder Sentry oder Jason runter, das sind zwei andere Boote. Sentry ist autonom, während sich Jason steuern lässt und über Greifarme verfügt...«

»Also ein AUV und ein ROV«, fügte Peter ein.

»Richtig. Ich sehe, Sie haben sich das Fachvokabular bereits angeeignet. Und wenn wir auf diesem Weg etwas Spannendes entdecken, können Sie dann mit Alvin II persönlich auf den Meeresboden.«

Peter warf Patrick einen etwas zögerlichen Blick zu. Ob er sich wirklich in einer kleinen Kapsel in die Schwärze der Tiefsee senken lassen würde, konnte er sich bei aller Begeisterung für die aktive Feldforschung beim besten Willen nicht vorstellen.

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