Kapitel 9
An Bord der Libertad, etwa zehn Seemeilen südlich der Argo
González sah auf die Uhr, als er sich vor den Computer in seiner Kabine setzte. Halb acht. Er hatte sich mit seinem Kontaktmann so früh verabredet, da es auf der Argo vor dem Frühstück am ruhigsten war und sie so ungestört reden konnten.
Er startete das Programm und setzte das Headset auf, eine Kombination aus Kopfhörer und einem kleinen Mikrofon. Die Software ermöglichte es, sich mit einem anderen Nutzer im Internet zu unterhalten, nur dass statt Texten, wie in einem Chatprogramm, die Sprachdaten übertragen wurden. Internet-Telefonie hatte Manuel es genannt. Wie auch immer, dachte González, wichtig war, dass es funktionierte.
Nach einer Weile tauchte ein blinkender Name in einer Liste auf, ein Klingelgeräusch ertönte, und ein Dialog-Fenster erschien auf dem Bildschirm: Anruf annehmen?
González bestätigte und hörte kurz darauf die Stimme im Kopfhörer, ganz so, als würde er ein normales Telefon benutzen.
»Comandante González? Können Sie mich verstehen?«
»Ja, einwandfrei. Wie ist der Status?«
»Wir haben Sentry untersucht und natürlich haben alle mitbekommen, dass er nicht kaputt ist. Ich weiß nicht, ob wir den heute noch einmal einsetzen werden oder ob sie gleich auf Jason gehen wollen.«
»Wann wirst du das erfahren?«
»Das Briefing findet nach dem Frühstück statt.«
»Gut. Du schickst mir sofort danach wieder eine Mail. Wie sieht es mit den Ergebnissen von gestern aus? Habt ihr was gefunden?«
»Es gibt eine ganze Menge Daten und viele Fotos. Ich werde im Lauf des Tages versuchen heranzukommen.«
»Das kann ja nicht so schwierig sein, oder?«
»Die Server sind zugangsgeschützt. Außerdem kann der Admin jederzeit die Client-IP zurückverfolgen.«
»Was auch immer. Für einen Profi sollte es ja möglich sein. Oder etwa nicht?«
»Doch, Sie haben recht, Comandante.«
»Enttäusch mich nicht.«
»Ganz sicher nicht.«
»So ist es richtig. Und nun hör zu, ich habe noch einen weiteren Auftrag für dich. Ich will nicht nur die Daten haben. Ich will auch, dass diese verdammten Amerikaner so schnell wie möglich abziehen.«
»Europäer, Comandante.«
»Unterbrich mich nicht, hörst du?! Also, sie sollen abziehen. Und dafür müssen wir ihnen ein paar Probleme bereiten. Du musst ihnen ein paar Probleme bereiten...«
Die Idee war ihm unter der Dusche gekommen. So musste man sie packen. Ihre cojones packen und einmal ordentlich quetschen... Sie waren so stolz auf ihre Technik und ihre verdammten Computer. González wusste, wo es ihnen wehtun würde. Und nun erklärte er seinem Mann den Plan.
An Bord der Argo
Als Peter sein Besteck beiseitelegte und damit sein Frühstück beendete, reichte Kathleen ihm einen Ausdruck über den Tisch.
»Hier, lesen Sie es bitte einmal durch und sagen Sie mir, ob Sie damit einverstanden sind.«
Peter nahm das Papier entgegen, setzte seine Lesebrille auf und studierte den Text.
»Dies ist unsere erste Pressemitteilung, die ich gleich versenden möchte.« Sie wartete einen Moment, beobachtete, wie der Blick des Professors langsam nach unten wanderte. »Sie werden feststellen«, sagte sie dann, »dass ich keine Details über die Art unserer Funde nenne, es ist allgemein gehalten, aber trotzdem macht es neugierig. Die Leute sollen das Gefühl haben, es gäbe interessante Fortschritte, an denen wir sie teilhaben lassen. Wir verschweigen nichts, lehnen uns aber auch nicht zu weit aus dem Fenster. Ich...«
»Ich«, unterbrach Peter sie, »würde gerne erst den Text zu Ende lesen, wenn Sie gestatten.«
»Ja, natürlich.« Kathleen sah etwas betreten beiseite und griff dann nach ihrer Kaffeetasse.
Peter beendete die Lektüre und reichte das Dokument dann an Patrick weiter.
Der Franzose winkte ab. »Entscheiden Sie nur. Sie wissen ja, was ich davon halte«, sagte er und stand auf. »Ich gehe vor dem Briefing noch eine rauchen.«
»Er scheint nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen zu sein«, bemerkte Kathleen, als Patrick gegangen war.
»Machen Sie sich keine Gedanken. Es ist nichts Persönliches«, erklärte Peter. »Vielleicht können Sie auch froh sein. Wenn er einen besonderen Gefallen an Ihnen gefunden hätte, könnten Sie sich seiner Aufmerksamkeit kaum entziehen. Er ist in dieser Hinsicht etwas... direkter als ich.« Ein Anflug von Irritation huschte über das Gesicht der Journalistin. Peter bemühte sich um eine hastige Klarstellung: »Damit möchte ich nicht sagen, dass ich ebenfalls keinen besonderen Gefallen an Ihnen gefunden hätte und trotzdem mit Ihnen zurechtkäme.«
Kathleen sah den Professor noch immer ratlos an.
»Oder anders ausgedrückt«, stockte er, »ich bemühe mich in jedem Fall um eine freundliche Neutralität, unabhängig von meiner Sympathie. Was allerdings in Ihrem Fall keine Bemühung darstellt.« Er wandte schnell den Blick ab und suchte die Thermoskanne, um sich etwas Tee nachzuschenken. Da Kathleen nicht antwortete, hoffte er, das Thema damit einigermaßen abgeschlossen zu haben. Als er seine Tasse gefüllt hatte und aufsah, starrte er direkt in Kathleens Augen. Sie beobachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf und einem feinen Lächeln auf den Lippen. Peter spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss, und hoffte, dass es ihm nicht anzusehen war. »Der Text ist ganz hervorragend«, sagte er schnell. »Schicken Sie ihn also gerne heraus.«
Zehn Minuten später saßen sie im Besprechungsraum und hörten sich an, was der Kapitän zu erzählen hatte. Hinter ihm an der Wand war eine aus mehreren Blättern zusammengeklebte Karte des Meeresbodens befestigt, den sie am Tag zuvor gescannt hatten. Deutlich war nun zu erkennen, dass es sich um ein großes, rechteckiges Gebiet handelte, das allerdings an der rechten Seite nicht vollständig war.
»Wir haben Sentry gestern zerlegt und allen erdenklichen Tests unterzogen. Die Techniker haben die mechanischen und elektronischen Teile gewartet und alle Sensoren und Steuerprogramme durch unsere Kontrollprogramme überprüfen lassen. Sentry ist technisch in einwandfreiem Zustand. Die Störungen, die wir im letzten Teil des Tauchgangs aufgezeichnet haben, beruhten nicht auf einem Defekt, sondern es waren tatsächlich die vom Sensor empfangenen Daten. Was nichts anderes bedeutet, als dass uns gestern eine gewaltige Lärmquelle dazwischengefunkt hat. Aus diesem Grund sind die Messergebnisse ab diesem Zeitpunkt wertlos.«
»Was für eine Lärmquelle?«, fragte Patrick. »Ein Wal?«
»Nein, nein«, John winkte ab. »Wir sprechen hier von einem Geräusch, das dem Starten eines Düsenjägers gleichgekommen sein muss. Und noch dazu über einen Zeitraum von fast zehn Minuten. Fakt ist: Wir wissen nicht, was es war. Selbst die meisten für militärische Zwecke eingesetzten aktiven Sonare von Unterseebooten kommen nicht infrage. Zu lang Und zu laut.«
»Wo kam das Geräusch her?«
»Auch das lässt sich mit unseren Methoden nicht feststellen. Wir sind vollkommen ahnungslos. Auf Andros Island gibt es eine Militärbasis, die über ein extrem starkes aktives Sonar verfügt. Es wäre denkbar, dass das Militär in der Nähe einen Test durchgeführt hat. Allerdings ist die Basis fast zweihundert Meilen von hier entfernt, und außerdem hätte man uns wissen lassen, wenn unsere Route ein militärisches Projektgebiet passiert hätte.«
»Was empfehlen Sie also?«, fragte Peter.
»Nun, Sentry ist im Prinzip einsatzbereit. Wir könnten also heute versuchen, diese fehlenden Gebiete noch mal neu zu scannen.« John stand auf und deutete auf die Ausdrucke an der Wand. »In diesem Bereich hier haben wir die Fotos mit den schwarzen Blöcken geschossen. Und kurz darauf begann der Lärm. Das sind die letzten vollkommen verschneiten Scans. Wir könnten Sentry hier absetzen und dann loslegen. Allerdings wissen wir nicht, ob das Geräusch, was auch immer es war, sich heute noch einmal wiederholen wird. Falls ja, wird es wieder unseren Empfang stören, und der Tauchgang wäre umsonst. Sie wissen ja, dass allein das Auf- und Abtauchen sieben Stunden dauert. Wir müssen uns also gut überlegen, ob wir das riskieren möchten.«
»Welche Alternativen gibt es denn?«, erkundigte sich Kathleen.
»Wir könnten auf Jason umschwenken. Der Roboter kann zwar keine weiteren Bodenprofilscans vornehmen, aber er lässt sich von hier oben direkt steuern. Er verfügt über Scheinwerfer und Kameras, und wir können damit den Meeresgrund live erkunden. Ein lohnendes Ziel haben wir bereits, nämlich die Blöcke und die goldene Platte. Sie wären in der Lage, sich dort ausführlich umzusehen, alles zu filmen, noch mehr Fotos zu machen, und wir können sogar Materialproben mit nach oben bringen.«
»Klingt doch hervorragend«, meinte Patrick. »Warum überlegen wir noch lange?«
»Es ist Ihre Entscheidung, Gentlemen. Für die Kosten des Projekts spielt es keine Rolle, aber natürlich für Ihre Zeit. Andererseits arbeiten wir dann ohne eine genaue Karte des gesamten Gebiets, das sich rechts von den Blöcken und oberhalb der Blöcke befindet. Wir begeben uns in unbekanntes Gelände und dürfen den Roboter nur sehr vorsichtig und nicht zu weit von den Blöcken entfernen.«
»Können wir nicht Sentry und Jason gleichzeitig hinunterschicken?«
»Es tut mir leid, aber ich fürchte, das ist aus technischen und aus Sicherheitsgründen nicht möglich.«
Peter und Patrick sahen einander an.
»Mir wäre es lieb, wenn wir uns so schnell wie möglich die Platte näher ansehen könnten«, sagte Peter. »Ich kann mir vorstellen, dass es in der Nähe noch mehr beschriftete Objekte gibt.«
»Ja, das sehe ich auch so«, stimmte Patrick zu. »Wäre es möglich, dass wir heute mit Jason nur die nähere Umgebung der Blöcke erkunden und dann in der Nacht Sentry hinterherschicken? Ich weiß, es wäre eine Nachtschicht für ein paar Leute der Mannschaft, aber auf diese Weise kann er für uns arbeiten – er ist ja ohnehin autonom –, und dann haben wir morgen früh vielleicht eine Karte des Gebiets.«
John nickte. »Ja, das lässt sich machen.«
»Also einverstanden«, sagte Peter. »Schicken Sie Jason auf die Reise. Bis heute Mittag werde ich mich weiter um die Symbole der goldenen Platte bemühen.«
Nach dem Briefing wanderte Patrick an Deck und ging zum Heck der Argo, um zu beobachten, wie Jason für den Tauchgang vorbereitet wurde. Der Roboter, der dieses Mal aus dem Hangar gezogen wurde, sah nicht halb so elegant aus wie die gelb-rote Sonde, die sie am Vortag eingesetzt hatten. Jason war ein mehr oder weniger kastenförmiges Ungetüm, annähernd von der Größe eines Mini. Den oberen Teil bildete eine blau und gelb lackierte Schale, darunter befand sich eine Art Gestell, das den zentralen Körper schützte. Es war ein Rahmen, der ein Wirrwarr aus Streben, Kufen, Kabeln und Schläuchen zusammenhielt. Scheinwerfer und Linsen waren zu erkennen, ebenso wie Greifarme, die in Zangen ausliefen. Zwei Mitarbeiter schoben den Roboter auf einem Transportschlitten über das Deck bis in den Erfassungsbereich des Krans, der ihn ins Wasser lassen würde. Hinter sich her zog er ein dickes Bündel aus Trossen und Kabeln, die ihn wie eine Nabelschnur mit dem Hangar verbanden.
»Die Kabel sind zehn Kilometer lang«, erklärte Susan, die plötzlich neben Patrick stand. Sie trug einen Tauchanzug, der allerdings noch nicht geschlossen war. Das Oberteil des Anzugs hing ihr wie der Latz einer Hose an der Hüfte herunter. Patricks Blick wanderte anerkennend über ihr Sporttop, an ihrem gebräunten Bauch hinab und blieb für einen Moment auf dem Ansatz einer großen, geschwungenen Tätowierung hängen, die von dort aus in ihrem Hosenbund verschwand.
»Ich muss zu den anderen ins Wasser«, sagte sie wie zur Erklärung. »Aufpassen, bis er absinkt. Guckst du noch zu?«
Patrick sah auf. »Du hast meine volle Aufmerksamkeit«, sagte er grinsend.
»War ja klar«, gab sie schmunzelnd zurück und schüttelte leicht den Kopf. Dann ging sie weiter.
»Hey, so was sieht man nicht alle Tage!«, rief er ihr hinterher.
Sie drehte sich im Gehen halb zu ihm herum und machte mit einer Hand die Geste eines plappernden Mundes. Dann zeigte sie mit zwei Fingen auf ihre Augen, deutete anschließend auf das Wasser und wandte sich wieder ab.
»Ja, meine ich doch!«, rief Patrick und lachte.
Er blieb in einigem Abstand stehen, um niemanden zu behindern, und behielt sie im Auge. Wie sie sich mit den Technikern und den anderen beiden Tauchern abstimmte, wie sie schließlich den Rest der Montur anlegte und ins Wasser sprang. Er erkannte sie auch im Wasser, da sie als Einzige von den drei Tauchern neonrote Flossen trug. Jason wurde am Arm des Krans eingeklinkt, behutsam hochgehoben, über den Rand geschwenkt und dort ebenso sorgsam wieder herabgelassen. Die Taucher näherten sich ihm, kümmerten sich um die Anschlüsse und gaben schließlich Zeichen, dass der Roboter langsam an seinen Kabeln in die Tiefe hinabgelassen werden konnte. Es dauerte fast fünfzehn Minuten, bis die Taucher wieder aus dem Wasser kamen. Sie zogen sich aus und beschäftigten sich eine Weile im hinteren Teil des Schiffes mit ihrer Ausrüstung. Patrick wartete. Die Jackets und Neoprenanzüge mussten ausgespült, zum Trocknen aufgehängt und der Rest verstaut werden. Er würde nur stören. Daher sah er auf das Meer und beobachtete die beständig weiter absinkenden Kabel, an deren Ende irgendwo ihr Roboter hing.
Susan kam schließlich auf ihn zu. Zu Patricks leisem Bedauern trug sie nun Shorts und ein T-Shirt mit psychedelischen Mustern und der Aufschrift Burning Man 2008.
»Jason braucht zwei Stunden bis nach unten«, erklärte sie. »Bis dahin ist etwas Zeit. Hast du Lust, dir noch mal das U-Boot anzugucken?« Sie machte eine Pause. »Oder etwas anderes, das dir gefällt?«
Patrick lächelte. »Da gäbe es eine ganze Menge...«, antwortete er.
Susan grinste. »Dann also noch mal das U-Boot«, entschied sie und ging voraus zum Hangar von Alvin II. Das Tor war offen, und der Techniker und Pilot winkte ihnen schon aus einiger Entfernung zu.
»Hallo Dick«, grüßte Susan. »Hast du ein bisschen Zeit? Patrick scheint einen ganz ausgesuchten Sinn für schöne Dinge zu haben. Zeigst du ihm ein bisschen vom Innenleben?«
»Klar doch, Susan, kein Problem. Komm her, Kumpel. Hier gibt's noch ein paar Leckerbissen.«
»Ich lasse euch alleine, Jungs, okay? Und Patrick, wenn du noch andere Fragen hast... such mich einfach.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie davon und ließ den Franzosen stehen.
»Die ist heiß, sage ich dir«, meinte Dick, der neben ihn getreten war.
»Wie bitte?«
»Heiß. Im Sinne von ›man verbrennt sich daran‹.«
Patrick sah den Mann irritiert an. »Was willst du mir damit sagen, Mann?«
»Nichts für ungut, Kumpel, aber Susan hat noch keiner bekommen. Und sie weiß genau, wie sie einem den Kopf verdreht. Aber sie spielt nur. Ignorier sie also am besten, sonst verbrennst du dich.«
»Hör mal zu: Das geht dich einen Mist an, okay? Ich werd mich schon nicht bei dir ausheulen. Hauptsache, du kennst dich mit diesem Baby hier genauso gut aus.« Er klopfte mit der flachen Hand an die Außenwand des Bootes. »Also, was ist, machst du die große Tour mit mir?«
Dick lachte. »Na klar doch. Das ist wenigstens etwas, auf das man sich verlassen kann. Also, los geht's.«
Fast zwei Stunden später saß Patrick wieder in seiner Kabine. Dick hatte ihm im Detail und in leuchtenden Farben sämtliche Eigenschaften von Alvin II beschrieben. Wie ein stolzer Vater hatte er ihm die Messgeräte gezeigt, die Konstruktion erklärt, die Steuerkonsole und letztlich sogar die komplette Bedienung. Das Boot war ein wirkliches Wunderwerk, das auf engstem Raum optimiert alle Erfahrung in sich vereinte, die in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Vorgängermodell und weltweit vergleichbaren U-Booten gemacht worden waren. Dem Ingenieur Patrick hatte die Führung ein erregtes Kribbeln beschert, das jetzt erst etwas nachließ. Sicher, er hatte schon zuvor Roboter und Sonden betreut und bedient, aber Alvin II übertraf sie alle. Wenn man die Tiefsee mit der Lebensfeindlichkeit und Unergründlichkeit des Alls verglich, dann war dieses Boot gleichsam ihre Raumkapsel, ein Panzer, mehr noch, ein Exoskelett, um in Regionen vorzudringen, für die Menschen nicht geschaffen waren.
Sie alle auf diesem Schiff waren Abenteurer. Aber sie suchten keine toten Ruinen im Urwald, erforschten keine Gräber, nein, sie waren wahre Entdecker neuer Welten.
Patrick dachte an Susan, die ihn am Hangar hatte stehen lassen. Sie war eine von ihnen, und schon allein der Gedanke übte eine neue Faszination auf ihn aus. Susan war die erste Frau seit langem, die ihn wieder mehr beschäftigte. Früher, noch bevor er mit dem Professor auf Reisen gegangen war, hatte er viele Liebschaften gehabt, immer leidenschaftlich, aber niemals für längere Zeit. In den letzten Jahren allerdings hatte sich das geändert. Ihn zog das an, was größer war als er selbst, das auch ihn erhöhte. Und etwas, das eine Tiefe besaß, die auch ihn erfüllte.
Zuletzt war dies Melissa gewesen, der er in Kairo begegnet war. Trotz ihrer scheinbar oberflächlichen Ungezwungenheit hatte er etwas Ähnliches in ihr gespürt, und die Ereignisse hatten ihm schließlich recht gegeben. Aber sie hatte nicht an jene Frau herangereicht, die ihr vorangegangen war, ja, mit der vielleicht sogar alles begonnen hatte: Stefanie.
Peter und er hatten sie in Südfrankreich kennengelernt, als sie sich ihrem Projekt angeschlossen hatte. Diese Frau, die er nie anders als freundschaftlich berührt hatte und der er dennoch auf eine Art nähergekommen war, die sich nicht beschreiben ließ. Während ihres gemeinsamen Erlebnisses in der mysteriösen Höhle hatte er eine Vision von ihr gehabt, gleichsam als sei für einen Lidschlag der Vorhang der Welt aufgerissen und hätte den gleißenden Schimmer eines höheren Wesens gezeigt. Trotz des furchtbaren Unfalls danach lebte sie seit dieser Zeit in seinen Gedanken weiter. Einige Male hatte er gemeint, sie auf der Straße zu sehen, und immer wieder träumte er von ihr. Er bedauerte ihre Abwesenheit mehr als alles, aber diese Visionen waren tröstend, ganz so, als sei sie in seiner Nähe, bereit, jederzeit wieder aufzutauchen.
Als er jetzt wieder an Susan dachte, stellte er fest, dass seine Gedanken sich nun auf eine ganz andere Weise mit ihr beschäftigten als noch kurz zuvor an Deck. Natürlich war sie anziehend, und ja, er bewunderte sie. Aber unter der Oberfläche dieser Anerkennung lag ein anderes Gefühl. Wie alt mochte sie sein? Mitte zwanzig? Jünger? Und dabei mit einem solchem Können, solcher Selbstsicherheit... Sie war ihm nicht tatsächlich überlegen, sicher nicht in jedem Aspekt, vielleicht sogar in den wenigsten. War es keine Tiefe, sondern lediglich die besondere Entfernung, die Unerreichbarkeit, die er wahrnahm? Gehörte sie bereits einer ganz anderen Generation an? Ging es so schnell, dass man den Anschluss verlor, ohne dass man es bemerkte?
Gedankenverloren zog er ein Softpack aus der Seitentasche seiner Hose und klopfte eine Zigarette heraus. Sein Blick wanderte zum Rauchmelder an der Decke. Er verzog den Mund und steckte alles wieder ein. Dann setzte er sich vor seinen Rechner und startete das E-Mail-Programm.
Tatsächlich: Gérard hatte geantwortet!
Es war eine E-Mail mit diversen Anhängen. Patrick war neugierig und öffnete zunächst die beigefügten Dokumente. Es handelte sich um Analysen, ein paar Kurvendiagramme und mathematische Reihen. Wie erwartet, hatte Gérard die Symbole auf der Platte mit den Mitteln eines Kryptologen behandelt und versucht, in den Zeichen Muster, Regelmäßigkeiten oder einen Code zu finden. Patrick erinnerte sich, wie er vor einigen Jahren in Frankreich gemeinsam mit Stefanie in ähnlicher Art und Weise eine verschlüsselte Botschaft aus dem Inneren der Höhle entziffert hatte. Damals hatte er sich mit einer Software selbst beholfen. Glücklicherweise hatte es geklappt, doch dies war kein Vergleich zu den Möglichkeiten, die Gérard zur Verfügung standen. Patrick las die E-Mail.
Hallo Patrick,
danke für deine zwar kurzfristige, aber sehr interessante Anfrage!
Auf die Schnelle habe ich nicht viel herausfinden können. Wie du dir sicher schon denken konntest, hast du mir zu wenige Anhaltspunkte gegeben. Wenn man etwas über die Herkunft oder das Alter wüsste, könnte man Annahmen hinsichtlich der Sprachfamilie treffen. Aber so... Außerdem sind es zu wenig Zeichen für eine vernünftige statistische Analyse. Ich habe dir ein paar der bisherigen Auswertungen beigefügt.
Ich habe zwar das Gefühl, es könnte sich tatsächlich um eine Sprache handeln, aber belegen lässt sich das im Moment noch nicht. Du müsstest mir mehr Informationen geben, und vor allen Dingen brauche ich längere Texte, mit denen ich arbeiten kann.
Übrigens werde ich in den nächsten zwei Wochen unterwegs sein und kann erst danach wieder antworten. Diesen Account hier liest aber meine Assistentin, Marie, sie wird euch auch helfen können, und wenn es ganz dringend ist, kann sie mich erreichen. Viel Erfolg, und Glückwunsch zu dem Fund, was auch immer es ist.
Gérard
Patrick nickte. Ja, das hatte er sich schon gedacht. Mit den Zeichen auf dieser Platte allein ließ sich noch nichts entschlüsseln.
Aber immerhin. Nun mussten sie weitere Textteile finden, dann konnten sie Gérard füttern. Vielleicht brachte ja schon der heutige Tauchgang neue Erkenntnisse.
Nach dem Mittagessen trafen sie sich im Kontrollraum, von wo aus der Roboter ferngesteuert werden konnte. John kam in Begleitung von Dick, dem U-Boot-Piloten, den Patrick schon kennengelernt hatte.
»Für diese feinmotorische Arbeit ist Dick besser geeignet als ich«, sagte der Kapitän zur Erklärung. Der Techniker setzte sich vor einen Computer, an den eine Konsole mit zwei kleinen Steuerknüppeln sowie verschiedenen Reglern und Knöpfen angeschlossen waren. Er bediente einiges davon, und kurz darauf erwachte ein Bildschirm über ihnen zum Leben. Zu sehen war allerdings wenig, nur schwach beleuchteter Sandboden, einige im Scheinwerferlicht tanzende Schwebeteilchen, und alles umgeben von absoluter Schwärze.
»Es kann losgehen, Jason hat gewartet«, sagte er. Er drückte ein paar Knöpfe, und mit einem Mal erschien der Greifarm des Roboters im Blickfeld, wandte sich der Kamera zu und wippte mit der Zange einige Male auf und ab. »Sag Hallo, Jason.«
»Einen Moment«, unterbrach Peter, »wir warten noch auf...« In diesem Moment kam Kathleen zur Tür herein. Sie trug eine Videokamera und eine Umhängetasche.
»Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich musste noch in meine Kabine. Ist es in Ordnung, wenn ich ein bisschen dokumentiere?«
»Alles, was wir auf dem Bildschirm sehen«, erklärte Dick, während er den Greifarm wieder zurücklenkte, »wird automatisch aufgezeichnet. Sie müssen sich nicht darum kümmern.«
»Oh, das ist gut. Aber vielleicht kann ich Sie alle filmen, wie Sie hier sitzen und arbeiten... ?«
»Ich habe nichts dagegen«, sagte John und sah Peter und Patrick an. Beide zuckten mit den Schulten. Kathleen lächelte und schulterte die Kamera.
»Bevor wir anfangen...«, sagte Patrick. »Wo genau ist Jason? Können wir das auf einer Karte sehen?«
»Achten Sie auf diesen Bildschirm«, sagte John und deutete auf ein anderes Gerät. »Das ist die Karte des Gebiets, auf Basis der Scans von gestern. Jasons exakte Position wird gemessen und dort mit einem Punkt dargestellt. Wir können den Maßstab auch vergrößern. Sehen Sie? Im Moment befinden wir uns also etwa zwanzig Meter vom ersten der großen Klötze entfernt.«
»Gut«, sagte Peter. »Dann würde ich sagen, führen Sie uns an den ersten Block heran, so nah es geht, und dann lassen Sie ihn uns einmal langsam umrunden. Wir wollen sehen, ob es irgendwelche besonderen Merkmale an ihm gibt.«
Dick bewegte die Steuerknüppel, und kurz darauf setzte sich Jason langsam in Bewegung. Eine Zeit lang änderte sich die Sicht kaum. Dann kam die Form des ersten schwarzen Quaders ins Bild. Immer größer ragte er auf, bis der Roboter einen halben Meter vor dem Objekt zum Stillstand kam. Die Oberfläche glänzte ein wenig im Licht der Scheinwerfer. Sie wies keine Spuren einer Struktur auf, schien vollkommen glatt zu sein.
»Fahren Sie langsam um ihn herum«, sagte Peter halblaut.
Dick bewegte den Roboter seitwärts, sodass die Kamera auf den Block gerichtet blieb. Nach einigen Minuten wurde deutlich, dass sich von allen Seiten derselbe Anblick bot. Keine Spuren, keine Besonderheiten. Es schien ein perfekter, makelloser Klotz zu sein.
»Können Sie eine Materialprobe nehmen?«, fragte Patrick.
»Ich versuche es.« Dick fuhr den Greifarm aus. Die Zange bewegte sich nach vorn, öffnete sich und schloss sich um eine Kante. Aber sie schabte nur über die Oberfläche und rutschte ab.
»Es ist zu glatt«, sagte der Techniker und schüttelte den Kopf. »Wir müssen es an einer anderen Stelle versuchen.«
»Okay«, sagte Patrick. »Dann zum nächsten Block. Und dasselbe Spiel von vorn. Wir suchen besondere Merkmale.«
Jason stieg etwas an, erhob sich einen knappen Meter über das Objekt und fuhr weiter. Bald erreichte er die nächsten schwarzen Quader und senkte sich wieder. Doch nichts, was sie in den nächsten dreißig Minuten sahen, half ihnen weiter. Es wurden mehr und mehr Objekte, die immer dichter beieinander lagen, und sie wichen in ihren Dimensionen leicht voneinander ab, aber nichts ließ auf eine Funktion oder Herkunft schließen, ja nicht einmal das Material war ersichtlich. Peter vermutete, dass es sich um ein Gestein handeln könnte, aber Patrick widersprach ihm. Kein Gestein würde derartig strukturlos sein. Auch spiegelnd polierter Marmor wäre aus nächster Nähe nicht so einheitlich gefärbt. Selbst Kristalle oder Edelsteine besaßen irgendwie geartete Muster, Farbverläufe oder Verunreinigungen. Eine Ausnahme konnte vulkanisches Glas sein, Obsidian beispielsweise. Aber dies wäre sehr spröde, würde kaum ohne eine einzige abgeschlagene Kante auf dem Meeresboden liegen. Zudem wies Patrick darauf hin, dass die meisten Gesteine sehr dicht und sehr schwer waren. Ein Klotz dieser Größe würde mehrere Tonnen wiegen und sicher tiefer im Boden versinken, den Sand beim Aufprall stärker hochgeschleudert haben. Daher vermutete er, dass es sich um einen Kunststoff oder ein Metall handelte, möglicherweise waren die Blöcke sogar hohl.
»Da!«, rief Peter plötzlich. »Die Platte.«
Tatsächlich erreichte Jason nun einen Quader, von dessen Oberseite ihnen etwas entgegenglänzte. »Gehen Sie so nah heran wie möglich«, bat der Professor.
Bald schwebte Jason dicht darüber, und Dick zoomte mit der Kamera näher heran.
»Das ist ganz eindeutig Gold«, sagte Patrick.
»Es sind andere Zeichen...«, stellte Peter fest. »Es ist eine andere Platte! Dick, können Sie mir zur Analyse eine Einstellung machen, auf der ich den kompletten Text sehen kann?«
»Es war gerade schon eine dabei«, erklärte der Techniker. »Ich werde Ihnen nachher ein Standbild extrahieren.«
»Meinen Sie, wir könnten die Platte vom Block lösen?«, fragte Patrick. »Ich kann keine Schrauben erkennen. Vielleicht lässt sie sich irgendwie heraushebeln?«
»Patrick, ich bitte Sie!«, ereiferte sich Peter. »Wir können doch nicht einfach die Funde beschädigen!«
Der Franzose zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen. War bloß eine Idee.«
»Auch wenn es sicher verlockend wäre, eine solche Platte zur genaueren Untersuchung zur Verfügung zu haben...«
»Sage ich doch.«
»... ist es dennoch undenkbar. Wenn es uns nicht gelingt, einen ganzen Block zu bergen, dann werden wir auch keine Zerstörung anrichten!«
»Ist ja gut, kein Grund zur Aufregung. Vielleicht finden wir ja noch eine.«
Die Suche ging weiter. Tatsächlich trugen auch andere Blöcke eine Inschrift in ähnlicher Form, und Jason filmte sie eingehend ab. Einer der schwarzen Klötze fiel ihnen besonders auf, da er eine rechteckige Vertiefung aufwies, ganz so, als sei dort einmal eine Platte befestigt gewesen. Fieberhaft untersuchten sie den umgebenden Sand, doch nirgendwo war eine Spur davon zu finden. Was auch immer sich einmal dort befunden hatte, war verloren.
Die Haufen der Quader wuchsen an, bald dehnte sich ein wahres Trümmerfeld vor ihnen aus.
»Wir erreichen gleich den unkartografierten Bereich«, sagte John mit einem Blick auf den Monitor.
Dick musste den Roboter etwas an Höhe gewinnen lassen, um der Vielzahl an Hindernissen auszuweichen. Dann tauchte in einiger Entfernung die ungewöhnliche Struktur aus parallel verlaufenden Linien auf, die sie am Tag zuvor auf dem Sonarscan entdeckt hatten. Dick näherte den Roboter vorsichtig an.
»Wenn es nicht so absurd wäre«, sagte Patrick, »würde ich sagen, dass das Stufen sind... Meinen Sie nicht?«
»In der Tat«, stimmte Peter zu. »Das ist wirklich merkwürdig. Ein Teil einer zwanzig Meter breiten Treppe auf dem Meeresboden... Es muss dafür eine andere Erklärung geben!«
»Ab jetzt navigieren wir blind«, stellte John fest, als Dick den Roboter weiter lenkte. »Hier fingen die Störgeräusche an.«
Sie erwarteten, dass etwas passieren würde. Eine weitere Fehlfunktion, irgendetwas. Doch Jason glitt einfach weiter durch die lichtlose Tiefe und strich mit seinen Scheinwerfern über die mysteriösen Trümmer unter ihm. Je mehr sie das Ausmaß des Gebiets und die Menge der Quader überblickten, umso weniger klar wurde ihnen, womit sie es zu tun hatten.
»Verdammt, was ist das!?«, rief Patrick aus. »Haben Sie das gesehen? Dick, lenken Sie die Scheinwerfer noch mal nach rechts... Dort. Sehen Sie?«
Die Blicke der anderen folgten dem Schwenk der Lichter. Der Sandboden ging in eine vollkommen ebene, schwarze Fläche über.
»Als hätte jemand den Boden asphaltiert«, sagte Kathleen zögerlich und erinnerte zum ersten Mal daran, dass sie die ganze Zeit im Hintergrund dabeigestanden und immer wieder gefilmt hatte.
»Mir kommt es eher wie eine Teerpfütze vor«, sagte Peter. »John, Patrick, ist so etwas möglich? Hier unten?«
»Teer oder Öl wäre leichter als Wasser«, erinnerte Patrick. »Es würde an die Oberfläche steigen und nicht hier unten bleiben. Außerdem liegt nicht ein einziges Sandkorn darauf, sehen Sie genau hin!«
»Dick, können Sie Jason näher darüber manövrieren?«
Jason folgte Dicks Steuerbefehlen und schwebte kurz darauf über der schwarzen Fläche. Als er das Auge der Kamera nach unten senkte und die Scheinwerfer dem folgten, verschwand das Bild auf dem Monitor plötzlich.
»Was ist denn jetzt los?«, fragte John aufgebracht. »Dick, eine Fehlfunktion?«
»Nein... tut mir leid«, gab der Techniker nervös zurück und bediente einige Hebel seiner Kontrolleinheit. »Es funktioniert alles einwandfrei... Sehen Sie, ich kann die Messdaten einblenden.« Tatsächlich erschienen auf dem schwarzen Bildschirm einige Zahlen. »Druck, Temperatur, Tiefe, Gyroskop, alles stimmt. Jason misst einen Abstand von einem Meter dreiundfünfzig vom Boden.«
»Aber warum zum Teufel bekommen wir kein Bild?!«
»Ich weiß es nicht...«, sagte Dick, der an den Steuerknüppeln hantierte. »Vielleicht, wenn ich das Pitching ändere und Jasons Nase hochziehe... auch nichts...«
»Drehen Sie den Roboter«, sagte Patrick.
»Wie bitte?«
»Drehen Sie ihn so, dass die Kamera wieder in Richtung der schwarzen Blöcke gerichtet ist, in die Richtung, aus der wir gekommen sind.«
Der Techniker befolgte die Anweisungen, und kurz darauf erschien das vertraute Bild der auf dem Sand liegenden Quader.
»Tatsächlich!«, sagte Dick. »So geht es. Da sieht man etwas. Aber diese Fläche...«
»Ich weiß, was es ist«, sagte der Franzose. Alle Augen wandten sich ihm zu.
Peter hob eine Augenbraue. »Denken Sie...?«
»Ja«, sagte Patrick. »Es ist dasselbe Phänomen.«
»Wovon sprechen Sie?«, erkundigte sich John. »Wissen Sie, was hier vor sich geht?«
»Es ist ein strahlenabsorbierendes Medium«, erklärte der Franzose. »Wir können kein Bild empfangen, weil Lichtstrahlen zu einhundert Prozent hindurchwandern und nicht reflektiert werden, weder von der Oberfläche noch von dem, was dahinter liegt. Sie werden vollständig verschluckt, deswegen empfangen wir auch nichts.«
»So etwas gibt es nicht«, wandte Dick ein. »Wie soll das funktionieren? Das wäre ja eine perfekte Stealth-Technologie.«
»Das habe ich schon einmal gehört...«, sagte Peter halblaut.
»Ja, stimmt, Dick«, sagte Patrick. »Das wäre es. Und nein, niemand weiß, wie es funktioniert. Aber der Professor und ich, wir haben so etwas schon einmal gesehen. Oder jedenfalls so etwas Ähnliches.«
John sah ihn an. »Klären Sie uns auf?«
»Wir hatten eine Höhle entdeckt, deren Zugang auf diese Weise gesperrt war. Weder Licht noch Strom konnten die Schwelle passieren. Die Schwärze verschluckte sogar die Wellen unseres Echolots, weswegen wir keine Tiefenmessung vornehmen konnten. Hier scheint es sich anders zu verhalten, zumindest wirft die Fläche die Signale von Jasons Sonar zurück, sodass wir eine Entfernung messen können. Nach allem, was wir erlebt haben, würde ich mich aber nicht darauf verlassen, dass dieser Boden tatsächlich ein Boden ist.«
»Wie meinen Sie das?«
»Wenn das wirklich der Meeresboden wäre, dann wäre er niemals so eben und so frei von Sand oder Geröll. Mein Tipp ist, dass das hier nur eine Grenzschicht ist. Sie verbirgt etwas. Sie wirkt nur so, als sei sie solide, aber in Wahrheit ist sie durchlässig!«
AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Der Samstag neigte sich dem Ende zu. Es würde noch lange hell sein, aber Walters' Uhr zeigt kurz vor fünf. Nur weil irgendwelche Schlipsträger aus Maryland von ihm verlangten, auch am Wochenende täglich ein Update über die Schiffe draußen im Atlantik zu schicken, musste er es ja nicht gleich übertreiben. Er würde für heute Schluss machen. Es war ohnehin nichts los in der Basis, Teufel, normalerweise wäre er gar nicht hier, die Leute würden ohne ihn zurechtkommen. Er konnte den Rest des Abends genauso gut in Andros Town verbringen und es sich dort in einer Bar mit Blick aufs Wasser gemütlich machen.
Walters setzte sich an seinen Rechner und rief die heutigen Reports und Überwachungsdaten auf, die alle Abteilungen an ihn weiterleiteten. Beide Schiffe hatten ihre Position in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht verändert, lagen nur etwa zehn Seemeilen voneinander entfernt. Gerade so weit, dass sie sich nicht gegenseitig auf dem Radar sehen konnten. Vielleicht war das von den Kubanern beabsichtigt, aber das war natürlich nur eine Vermutung.
Wie schon am Abend zuvor sichtete er kurz die Daten.
Von den Kubanern schien keine nennenswerte Aktivität auszugehen, was erstaunlich war. Vielleicht hatte man dort technische Probleme? Oder man wartete auf einen bestimmten Zeitpunkt. Wie auch immer, es gab nur einigen E-Mail-Verkehr, ein bisschen Internet-Gesurfe und eine Skype-Verbindung.
Anders sah es auf dem anderen Schiff aus.
Neben der üblichen Kommunikation waren die Geräte an Deck in Betrieb genommen worden, man hatte eine Sonde oder einen Roboter abgesenkt, und umfangreiche Daten waren aus der Tiefe gesendet worden. Außerdem war ein massives aktives Sonar eingesetzt worden. Zu welchem Zweck auch immer.
Walters fragte sich, auf welche Weise seine Techniker das alles herausfinden konnten. Die Satelliten-Technik wurde offenbar immer ausgefeilter, die Methoden, um Bilder, Strahlen und Signale zu interpretieren ebenfalls, die genaue Funktionsweise für ihn immer mysteriöser.
Sei es, wie es sei. Vielleicht wurde er auch einfach zu alt für diesen Job, die ganze Technik, das sich gegenseitig Belauschen, die ganzen Geheimnisse. Er verfasste eine E-Mail an die Kontaktadresse des CSS und sendete das Update mit den zahlreichen Anhängen ab.
Dann sah er sich etwas unschlüssig um. Im Grunde war er fertig für heute. Er stand auf, kratzte sich an der Wange, schob ein paar Papiere zusammen und legte sie zurück in den Posteingangskorb, räumte zwei Stifte in eine Schublade und nahm schließlich seine Kaffeetasse, um sie in die Küche zu bringen. Beim Hinausgehen rückte er die Stühle seines kleinen Besprechungstisches zurecht. Als er nach einiger Zeit zurückkam, war der Bildschirmschoner seines Rechners angesprungen und zeigte das AUTEC-Logo. Walters wackelte an der Maus, damit die Benutzeroberfläche wieder sichtbar wurde und tippte sein Passwort ein, um den Zugriff freizuschalten. Dabei sprang ihm eine neue E-Mail ins Auge, die mit einem roten Ausrufezeichen markiert war. Als er sie öffnete, bemerkte er, dass sein Programm eine automatische Empfangsbestätigung auslöste. Offenbar war es dem Absender wirklich dringend.
Betreff: Code-50 / Weißwasser-Überwachung
Mit Berufung auf § 13 II, FRL, werden Sie hiermit aufgefordert, die der Überwachung unterliegenden Projekte unverzüglich einstellen zu lassen. Eine gerichtliche Verfügung für Sie ist dieser E-Mail beigefügt. Alle Projektunterlagen sind Top Secret zu handhaben und unserer Behörde auszuhändigen.
Unternehmen Sie alle notwendigen Schritte im Rahmen Ihrer Verfügungsgewalt. Ich erwarte Ihre Rückmeldung ASAP.
MAJ Stephen Lewis
NSA, Fort Meade, MD
Walters verdrehte die Augen. Etwas in dieser Art hatte er befürchtet, seit sich ein Code ereignet hatte und er den Safe deswegen hatte öffnen müssen. Verdammt, er war Lieutenant Commander, kein geringer Offizier, und Standortleiter der AUTEC-Basis. Trotzdem war er für Leute aus dem CSS oder der NSA lediglich ein Erfüllungsgehilfe. Ohne ein Wort der Erklärung verfügten die Herrschaften über seine Zeit und schrieben ihm vor, was er zu tun hatte.
In Momenten wie diesem hing ihm der ganze Laden zum Hals heraus. Überhaupt häuften sich in letzter Zeit die Ärgernisse. Er fragte sich erneut, ob es am Alter lag. Vielleicht war er einfach nur müde. Er mochte seinen Job, aber was ihn früher angetrieben hatte, war schal geworden. Er konnte es nicht genau benennen, aber es war, als fehle seiner Tätigkeit eine Dimension, eine Bedeutung. Selbstverständlich war ein so großes und streng hierarchisches Gefüge wie die Armee kein Ort für Selbstverwirklichung. Das war auch nicht sein Bestreben. Aber es ging auch nicht notwendigerweise um das Selbst. Sondern vielleicht eher darum, was man bewirkte. Doch bevor man sich fragte, was man bewirken konnte, sollte man sich fragen, was man bewirken wollte. Wofür setzte man sich ein, wofür lebte man?
Wer hatte ihm das neulich erst gesagt? Dann erinnerte er sich. Wieder ertappte er sich dabei, über die Sätze des merkwürdigen Kerls nachzudenken, den er am Morgen zuvor getroffen hatte. Vielleicht könnte es ganz interessant sein, den Mann nochmals aufzusuchen...
Aber nicht mehr heute.
Er meldete sich ab, schaltete den Rechner aus und verließ die Basis in Richtung Andros Town.
An Bord der Argo
»Nein! Ich bin strikt dagegen.« John verschränkte die Arme vor der Brust. »Die Entwicklung von Jason hat Millionen gekostet. Sie leiten zwar dieses Projekt, aber das Equipment verantworte ich.«
John, Peter und Patrick standen auf Deck im Schein der untergehenden Sonne.
»Wir haben vereinbart, dass wir heute Nacht Sentry erneut in die Tiefe schicken, um den unkartografierten Bereich zu scannen, und das machen wir jetzt auch.« John wies auf den Kran und die Arbeiter, die dort gerade mit der Robotersonde beschäftigt waren.
»Es muss ja nicht mehr heute sein«, erklärte Patrick mit ruhiger Stimme. »Aber morgen müssen wir uns das Phänomen noch mal ansehen, und vor allen Dingen müssen wir es durchdringen!«
»Das kommt überhaupt nicht infrage«, sagte John und schüttelte den Kopf. »Wir haben keine Vorstellung, was dort unten wirklich ist. Nehmen wir an, es sei fester Boden – und immerhin ist es das, was unsere Sensoren bisher gemessen haben –, dann könnten wir alleine dadurch Jason beschädigen, dass er auf dem Boden aufsetzt, egal wie vorsichtig wir sind. Dafür ist er nicht gedacht, das Risiko ist zu groß.«
»Es ist mit Sicherheit kein fester Boden«, sagte Patrick.
»Und das wäre ja sogar noch schlimmer«, gab der Kapitän zurück. »Sollen wir Jason in eine Teerpfütze absenken? Wer weiß, was dieses schwarze Zeug ist oder was darunter liegt. Auf keinen Fall werde ich Experimente mit unserem Equipment wagen, bevor wir nicht ein paar genauere Informationen haben. Vielleicht durch Sentry.«
»Das wird nichts werden, das kann ich Ihnen gleich sagen.« Patrick winkte ab. »Wir werden eine Karte vom Bodenprofil bekommen, aber ich wette mit Ihnen, dass alle Ihre Sensoren – wenn sie dieses Mal funktionieren – bloß dasselbe messen werden, nämlich dass sich dort der Meeresboden befindet und dass er spiegelglatt ist. Und die Fotos werden schwarz sein.«
»Gentlemen, beruhigen Sie sich«, Peter hob eine Hand. »Lassen Sie uns heute nichts überstürzen. Wir haben bereits viel Material gesammelt, das ausgewertet werden will. Wir sollten diese Unterhaltung morgen früh fortsetzen.«
Patrick zuckte mit den Schultern. »Meinetwegen.«
John nickte. »Gut. Das ist eine gute Entscheidung.«
Peter und Patrick trafen sich in der Kabine des Professors und sahen sich die vor ihnen liegenden Ausdrucke der Platten an, die Jason gefilmt hatte. Es waren sechs verschiedene Platten, alle offenbar aus dem Material, das sie für Gold hielten. Auf allen waren unzählige Symbole zu sehen, jeweils in regelmäßigen Reihen zu einem dicht gedrängten Rechteck arrangiert, was die Vermutung untermauerte, es könnte sich dabei tatsächlich um eine Schrift handeln. Eine der Aufnahmen wich deutlich von den anderen ab. Auch hier waren die Zeichen zu sehen, allerdings gruppierten sie sich um ein einziges, größeres, zentrales Symbol:
»Haben Sie dieses Zeichen schon einmal gesehen?«, fragte Patrick.
»In genau dieser Form nicht«, gab Peter zu. »Aber es löst eine Menge Assoziationen aus... Ohne den Kontext, den wir hier haben, würde ich es für altägyptisch halten. Die Attribute der Göttin Hathor sehen so ähnlich aus, Rinderhörner und eine Sonnenscheibe. Wobei dieses hier eher ein Ring und keine Scheibe ist. Ursprünglich galt Hathor als die Mutter von Horns, sie wurde erst später durch Isis ersetzt. Der Legende nach hat sie mit den Hörnern das Sonnenkind vom Himmel geholt. Sie ist also verantwortlich für die Existenz eines der späteren Hauptgötter. Sie ist selbst eher eine schöpferische Urkraft gewesen... Interessant, nicht wahr? Dann sehen wir hier möglicherweise einen der Ursprünge des ägyptischen Pantheons und der ägyptischen Schöpfungsgeschichte...«
»Dann sind Sie also sicher, dass diese Blöcke und die Platten älter sind als die ägyptische Kultur, dass dies Reste einer viel älteren Kultur sind? Von Atlantis?«
»Bisher haben wird dafür keine Belege«, erklärte Peter, »aber das ist es ja, was wir suchen. Mit dem Ort haben wir ganz offenbar richtig gelegen. Irgendetwas gibt es dort unten jedenfalls. Das Phänomen auf dem Meeresboden kommt uns beiden ebenfalls verdächtig bekannt vor, es weist möglicherweise direkt auf jene Kultur, deren Spur wir nun schon seit Jahren folgen. Ich sage nicht, dass das hier atlantische Artefakte sind, aber ich kann mir vorstellen, wie sich die Puzzleteile zusammenfügen.«
Patrick legte den Kopf schief. Bei allem unkonventionellen Denken konnte Peter hartnäckig sein. Wie er den Professor bisher erlebt hatte, ließ sich dieser nur schwer aus dem Konzept bringen, war aber andererseits auch bereit, etablierte und vorgefasste Ansichten komplett umzuwerfen, wenn die Belege dagegensprachen. Es blieb nur zu hoffen, dass er sich auch dieses Mal nicht in etwas hineinsteigerte, das sich zu einer Enttäuschung entwickeln würde.
»Und was fällt Ihnen sonst noch zu dem Zeichen ein?«, fragte der Franzose.
»Nun, Stiere allgemein natürlich. Sie wurden in vielen Kulturen verehrt. Nicht nur in Ägypten. Die Apis-Stiere waren Symbole für Macht und Fruchtbarkeit und wurden einbalsamiert im Serapeum in Sakkara bestattet. Man kennt den Stierkult aber auch aus Indien, aus einer Zeit Jahrtausende vor den Ägyptern, ebenso wie aus Çatal Hüyük in der Türkei. Bis heute ist nicht ganz klar, wie und ob diese Traditionen zusammengehören. Und selbstverständlich gehört dazu die minoische Kultur auf Kreta, vielleicht das jüngste Beispiel, dennoch ebenfalls rund viertausend Jahre alt. Stierkulte sind also außerordentlich alt, und man vermutet, dass die Stierkämpfe, wie man sie noch heute aus Südeuropa, Spanien, Portugal und der Camargue in Südfrankreich kennt, letzte Echos dieser Traditionen darstellen. Auch Platon berichtet über einen Stierkult, den die Atlanter gepflegt haben sollen. Vielleicht war das der Ursprung, vielleicht hat sich diese Idee von Atlantis aus später verbreitet. Ebenso wie andere Ideen, beispielsweise der Bau von Pyramiden oder wie die Schöpfungs- und Sintflutmythen.«
»Okay, aber das ist ja im Grunde alles noch recht vage, hm?«
Peter seufzte. »Ja, das ist mir klar. Erst die Entzifferung des Textes wird uns wirklich weiterbringen.«
»Oder die Datierung einer Materialprobe«, warf Patrick ein.
Peter sah mit einem Anflug von Verärgerung auf und holte Luft, als der Franzose ihm schon das Wort abschnitt. »Ja, ist ja gut, nichts kaputt machen!«
»Recht so«, sagte Peter und wandte sich wieder den Ausdrucken zu.
»Da ich hier vermutlich nicht weiterhelfen kann, werde ich die Daten nach Frankreich schicken, wenn es Ihnen recht ist. Vielleicht kann Gérard damit jetzt mehr anfangen.«
»Gérard? Erzählten Sie nicht, dass er in den nächsten Wochen nicht da sei?«
»Richtig, aber er schreibt, dass seine Assistentin uns helfen könnte.«
»Assistentin?« Peter hob eine Augenbraue.
»Warum nicht?«
»Nichts. Versuchen Sie meinetwegen Ihr Glück. Aber bedenken Sie, dass wir absolute Verschwiegenheit benötigen. Je mehr Unbekannte wir einbinden, umso riskanter ist es.«
»Ich vertraue auf Gérard. Bei seinem Job kann er es sich nicht leisten, Personen zu beschäftigen, die nicht vertrauenswürdig wären.«
Wenig später saß Patrick an seinem eigenen Rechner und sendete die Bilder der Platten an Gérard, oder vielmehr an Marie, die die Mails lesen und vielleicht beantworten würde.
Da die Daten für eine einzige E-Mail zu umfangreich waren, verschickte er sie in mehreren Schüben, und als er gerade bei der dritten E-Mail war, fand er bereits eine Antwort auf die erste im Posteingang vor.
Salut, Patrick,
mein Name ist Marie, ich arbeite für Gérard, er hat dir schon angekündigt, dass ich versuchen werde, euch zu helfen.
Vielen Dank für die Bilder. Sie sehen wirklich sehr spannend aus! Habt ihr noch mehr? Und kannst du mir nichts über die Herkunft und das Alter sagen? Ich freue mich, euch helfen zu können. Melde mich morgen oder sobald ich etwas herausgefunden habe.
Cordialement,
Marie
Sehr eifrig, dachte Patrick. Immerhin musste es in Frankreich bereits Mitternacht oder später sein. Eigentlich sollte dort schon längst niemand mehr im Büro sitzen. Er zuckte mit den Schultern und erweiterte die letzte seiner Mails um ein paar Zeilen über die Hintergründe des Projekts. Er erwähnte nicht, dass sie Atlantis suchten, erklärte aber, dass die Funde aus dreitausendfünfhundert Metern Tiefe aus dem Atlantik östlich von Florida stammten, dass es sich vermutlich um eine unbekannte seefahrende Kultur handle, die möglicherweise älter war als die ägyptische, und dass sie untersuchten, ob diese Kultur nicht vielleicht alle späteren nachhaltig geprägt habe. Auf diese Weise konnte Marie vielleicht eher eine Sprachverwandtschaft ableiten.
Die E-Mail hatte sich kaum mit ihrem großen Anhang durch die Leitung gequält, als bereits eine Antwort auf seine zweite Mail vorlag.
Noch mehr Bilder, sehr schön...
Wo habt ihr die nur her? Was ist das große Geheimnis?
Habt ihr Atlantis gefunden? ;-)
Salut!
Patrick verzog den Mund. Dieser flüchtige Witz könnte Marie gemeinsam mit den näheren Informationen aus seiner letzten Mail vielleicht etwas zu schnell auf die richtige Spur setzen... Ob das so schlau war? Ach, was soll's, dachte er dann. Schließlich sollte sie ihnen ja auch helfen, und er war sich sicher, dass sie keine Geheimnisse ausplaudern würde.
Außerdem: Wenn schon das amerikanische Fernsehen von ihnen berichtete und Kathleen Pressemitteilungen verschickte, wie geheim war ihr Projekt da überhaupt? Und war das wichtig?