Kapitel 15
Unbekannte Anlage unter dem Meer
Sie gingen durch einen Korridor. Als sie eine weitere Tür erreichten und deren Öffnungsmechanismus betätigen wollten, senkte sich ein Stück weit hinter ihnen ein Schott. Erst als es den Boden berührte, glitt die Tür vor ihnen auf.
Sonnenlicht schlug ihnen entgegen.
Sie blinzelten, hoben die Hände, um ihre Augen zu beschatten. Vor ihnen lag ein Atrium von ungeheuren Ausmaßen. Der Platz war mit weißen, schwarzen und roten Steinen gepflastert, die komplexe Ornamente bildeten. Zu den Seiten hin lagen wuchtige Arkaden, die darüber zu mehrere Stockwerke hohen Gebäuden anwuchsen, umgeben von geschwungenen Treppen und gesäumt von großzügigen Galerien. In der Mitte des Platzes ragte eine Säule aus gelbgoldenem Licht in die Höhe. Das Licht bewegte sich glitzernd und funkelnd in einem sanften Strom nach oben, als ob es aus Partikeln und Fäden bestünde, ineinander verwoben und fließend. Irgendwo in fünfzehn oder zwanzig Metern Höhe, wo die Lichtsäule an die Decke stieß, teilte sich der Strom auf, zerstob in einem Fleck großer Helligkeit und fiel in einzelnen, tanzenden Strahlen zurück zu Boden.
»Genauso sah die Lichtsäule in der Höhle aus!«, rief Patrick an Peter gewandt. »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen damals erzählte? Genauso war es! Nur alles in Blau.«
Peter schwieg und ließ seinen Blick ungläubig schweifen. War dies Atlantis? Es war so ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. So real, so intakt und zugleich so fremdartig. Die Details der Architektur und der Ornamente glichen keiner anderen Kultur, hätten von einem fremden Planeten stammen können. Nichts deutete darauf hin, dass diese Konstruktionen zehntausend Jahre alt, ja vielleicht sogar noch viel älter waren. Das sonderbare Material der Wände, die stets leicht geschwungenen Formen und gewölbten Flächen, das Lichtphänomen, alles wirkte eher der Zukunft als der Vergangenheit entsprungen.
»Marie«, sagte Kathleen, »oder Stefanie, oder wie Sie jetzt heißen: Sie kennen sich ja hier offenbar besser aus als der Professor. Und die Schrift können Sie auch lesen. Also los, führen Sie uns herum!«
»Na, gut«, sagte Stefanie, »wenn Sie wünschen...«
»Ja, ich wünsche es!«
»Womit soll ich anfangen, was interessiert Sie? Was möchten Sie sehen?«
»Na alles natürlich! Was ist das hier, wie funktioniert es? Ich will alles über die Atlanter wissen. Was sind das hier für Gebäude beispielsweise?«
»Sie sind leer«, erklärte Stefanie. »Wofür auch immer sie benutzt wurden, so war dies zum Zeitpunkt des Untergangs schon nicht mehr der Fall. Sie waren geräumt, so wie der größte Teil von Atlantis.«
»Dann war es keine plötzliche Katastrophe wie in Pompeji?«, fragte Peter.
»Es war außerordentlich schnell und von unvorstellbarem zerstörerischen Ausmaß«, sagte Stefanie, »aber es kam nicht überraschend. Die Astronomen hatten bereits Monate zuvor das Ereignis berechnet, und die Evakuierung lief dementsprechend frühzeitig an.«
»Der Ereignis?«
»Der Meteorit.«
»Dann stimmt die Theorie also! Ein Meteorit! Und wurde es als göttliche Strafe verstanden?«, wollte Kathleen wissen.
»Nicht mehr oder weniger, als es heute der Fall wäre. Die Menschen sind sehr unterschiedlich in ihrem Glauben. Das war damals nicht anders. Nur dass Religionen Bauten, Texte und Traditionen hervorbringen und man auf diese Weise später davon erfahren kann.«
Die Journalistin zog die Augenbrauen zusammen. Die Antwort schien sie nicht ausreichend zu befriedigen.
»Na gut«, sagte sie. »Diese Gebäude sind also leer. Und wo befindet sich diese Energiequelle, von der Sie erzählt haben?«
»In der Tiefe der Anlage«, sagte Stefanie. »Wir müssen dort entlang.«
Sie gingen über den Platz, in gebührendem Abstand an der Lichtsäule vorbei und betraten einen langen Korridor auf der anderen Seite.
»Los, los, alle Mann raus!« González stand an der geöffneten Luke der Hondura und sprang kurz darauf auf den Boden der Halle. Seine fünf Männer folgten ihm. Wie er trugen sie Maschinenpistolen an einem Schultergurt.
Er ging ein paar Schritte und begutachtete Alvin, lief einmal darum herum, klopfte auf die Hülle und nickte anerkennend. Dann stellte er sich vor seine Leute.
»Wir müssen sie finden, bevor sie uns in dieser Anlage durch die Lappen gehen. Bevor wir losgehen: Niemand fasst irgendetwas an! Wir wissen nicht, wo wir hier sind und wie das alles funktioniert. Ihr habt es an dieser Schleuse gesehen. Wer weiß, worauf wir sonst noch treffen. Das bedeutet auch: Augen offen halten und immer zusammenbleiben. Haben wir uns verstanden?«
Die Männer nickten.
»Gut. Und die Waffen sind nicht einfach zum Herumballern gedacht, sondern zu unserem Schutz.« Er machte eine Pause, dann setzte er nochmals an und grinste dabei: »Und zum Schutz von dem verdammten Schatz!«
Seine Männer johlten auf. Anschließend erläuterte er seinen Plan.
»¡Vamos!«
Stefanie führte die kleine Gruppe an. Kathleen hielt die Waffe gezückt in der Hand, Peter und Patrick folgten ihr.
»Sollen wir sie überwältigen?«, flüsterte Peter dem Franzosen zu.
»Noch nicht. Je länger sie sich sicher fühlt, umso besser. Außerdem bekommen wir ja auch die Führung, die wir haben wollten.«
Peter nickte. Tatsächlich war ihm die Journalistin inzwischen vollkommen gleichgültig. Allein ihre Waffe irritierte ihn. Aber Patrick hatte sicher recht. Vielleicht wurde sie später leichtsinnig, dann konnte man sie ihr immer noch entwenden.
Peter sah sich staunend um, während sie die Anlage erkundeten.
Alle Gänge waren in ein angenehmes Licht getaucht, das von der Decke herabschien, ohne dass dort jedoch einzelne Lichtquellen auszumachen waren. Sie passierten einige Abzweigungen, leere Säle mit verzierten Säulenreihen und Räume voller metallisch glänzender Apparaturen. Die Schriftzeichen der Atlanter waren vielfach zu finden, auf Türen, an Wänden oder Objekten. Es schien kein Mobiliar zu geben, und so hatten sie den Eindruck, durch die leblosen steinernen Überreste einer von Archäologen rekonstruierten Stadt zu wandern, in der die Funktion einzelner Passagen, Kammern und Nischen nicht mehr zu verstehen war, sondern nur noch interpretiert werden konnte.
Vor ihnen wurde es heller. Der Gang führte um eine Ecke, und zu ihrer Rechten wurde die Wand mit einem Mal transparent. Sie wölbte sich leicht zur ebenfalls durchsichtigen Decke hinauf. Sie gingen durch einen gläsernen Korridor und blieben stehen. Rechts von ihnen eröffnete sich eine endlos scheinende künstliche Kaverne. Sie reichte weit über den Korridor hinaus in die Höhe und offenbar noch viel weiter in die Tiefe. Ein golden funkelndes Licht wanderte in großer Entfernung durch die gewaltige Höhle, und von unten ragten dichte Baumkronen auf. Sie sahen auf das undurchdringliche Dach eines majestätischen, exotischen Urwalds hinab.
»Was zum Henker ist das?!«, fragte Patrick.
»Das ist ein Gewächshaus«, erklärte Stefanie.
»Ein Gewächshaus?! Das sagst du einfach so? Das Ding ist größer als mehrere Fußballstadien! Und wieso wächst hier etwas? Keine Pflanze kann zehntausend Jahre überleben!«
»Es ist ein Biotop in einem vollkommenen biologischen Gleichgewicht. Es ist in der Lage, sich in der Waage zu halten, solange ausreichend Energie zugeführt wird.«
Patrick winkte ab. »Das glaube ich einfach nicht...«
»Und doch liegt es dort unter uns«, sagte Peter. »Wenn die Atlanter eine technisch hoch entwickelte Zivilisation waren, ist es ebenso denkbar, dass sie auch unseren heutigen Wissensstand übertroffen haben. Wenn Ihnen die Wissensarchive, die Lichtphänomene, die Trennschicht und die Schleuse nicht schon gereicht haben, dann sollten Sie sich spätestens jetzt damit abfinden.«
»Ich hatte nichts anderes erwartet«, behauptete Kathleen. »Die Atlanter waren unsere Schöpfer. Sie waren die Werkzeuge Gottes, die vom Himmel gekommenen Nephilim. Sie haben die Welt urbar gemacht, sie haben Adam und Eva geschaffen, und indem sie sich mit den Menschen paarten, haben sie die Evolution in Gang gesetzt und kontrolliert. So, wie sie es auch mit allen Pflanzen und Tieren getan haben.«
Patrick lachte auf. »Sie haben sich mit Pflanzen und Tieren gepaart?«
Kathleen beachtete ihn nicht. »Wir werden ihre Technologie kennenlernen, verstehen, sie zu nutzen. Und schließlich können wir zu unserem Schöpfer heimkehren.«
Patrick sah zu Stefanie und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Stefanie lächelte nur und zuckte mit den Schultern.
»Und Sie werden uns helfen!«, rief Kathleen plötzlich wieder an Stefanie gewandt. »Los, weiter.«
Der gläserne Gang führte nach fast einem Kilometer wieder in den Fels hinein. Stefanie wählte einen abzweigenden Korridor, der schließlich an einer überbreiten Treppe vorbeiführte. Dort blieb sie stehen.
»Was ist?! Haben Sie sich verlaufen? Wie weit ist es noch?«, fragte die Journalistin.
»Das kommt darauf an, ob Sie direkt zum Energiereaktor möchten oder ob Sie sich für die Archive interessieren.«
»Welche Archive?«
»Nun, diese Anlage wurde konzipiert, um die Vernichtung zu überstehen. Aus diesem Grund gibt es hier vollständige Archive über alles, was damals aufbewahrungswert schien.«
Kathleen horchte auf. »Wo ist das?«
Stefanie deutete die Treppe hinab. »Es liegt auf der untersten Ebene.«
»Bringen Sie uns hin!«
González ließ seine Männer innehalten. Vor ihnen auf dem Platz erhob sich eine Lichtsäule zur Decke hinauf und sendete wandernde Strahlen zum Boden hinab. Zunächst hatten sie versucht auszuweichen, aber nachdem sie gemerkt hatten, dass es ungefährlich war, ließen sie das Licht über sich gleiten.
González hatte keine Augen für das faszinierende Schauspiel. Stattdessen hob er eine Hand zum Mund und bedeutete seinen Leuten, ruhig zu sein. Er drehte sich langsam im Kreis, ließ seinen Blick aufmerksam über die einzelnen Gebäude um sie herum wandern, versuchte, verräterische Geräusche auszumachen. Aber nichts rührte sich.
Schließlich deutete er geradeaus auf den Gang, der sich am gegenüberliegenden Ende des Platzes fortsetzte. Dann setzten sie ihren Weg fort.
Die Treppe verband insgesamt vier Ebenen des Komplexes miteinander. Unten angekommen passierten sie technische Anlagen, die Patrick immer wieder kurz begutachtete. Sie muteten wie Labore an, aber ihr Zweck war nicht erkennbar. Stefanie erklärte, dass sie der Regelung und Wartung diverser anderer Systeme dienten, dass die eigentliche Steuerung allerdings von einem zentralen Kontrollraum auf der obersten Ebene erfolgte.
Peter und Patrick fragten sich längst nicht mehr, woher sie das alles wusste. Klar war, dass dies durch Recherche im allgemein verfügbaren Material über Atlantis allein vollkommen unmöglich war. Es waren Dinge, die nirgendwo erwähnt wurden, nicht einmal in den fragwürdigen Seher-Berichten von Edgar Cayce, und in dieser Detailliertheit schon gar nicht. Entweder Stefanie hatte Zugang zu Quellen, von denen die beiden nichts ahnten, oder sie spielte eine Rolle und dachte sich das alles wie selbstverständlich aus, während sie sie alle in die Irre führte. Aber zu welchem Zweck?
Am Ende eines breiten Korridors strahlte ihnen durch einen verzierten Torbogen ein blaues Licht entgegen. Als sie das Tor erreichten und in den dahinter liegenden Raum sahen, erkannte Patrick es sofort wieder.
Der Raum war rund, ähnlich einem Planetarium. Den Boden bedeckte ein übergroßes Zeichen aus drei konzentrischen Ringen und einem geraden Weg, der zur Mitte hin führte. Dort stieg eine blaue Lichtsäule empor zur Decke, und die herabfallenden Strahlen erweckten den Eindruck eines Unterwasserszenarios.
»Ist es das?«, fragte Kathleen.
»Ja«, sagte Stefanie. »Das ist das Archiv.«
»Ich sehe keine Bücher oder Regale«, sagte die Journalistin. »Der Raum ist leer!«
»Es ist das Licht«, erklärte Stefanie. »Das ist der Informationsträger.«
Kathleen runzelte die Stirn. »Tatsächlich...?«
»Natürlich«, sagte Peter. »Denken Sie darüber nach. Alle Berichte in der Bibel von göttlichen Botschaften sind von unerklärlichen Lichtphänomenen begleitet. Die Engel, die Himmelfahrt Hesekiels, der brennende Dornbusch im Alten Testament. Die Blendung und Bekehrung des Saulus zum Paulus oder das Pfingstwunder im Neuen Testament...«
»Alleine das Wort ›Erleuchtung‹ sollte schon eine Glocke läuten lassen«, fügte Patrick hinzu, der plötzlich ahnte, welche Chancen ihnen dieser Raum bot.
»Hmm...«, machte Kathleen. »Es sieht aber auch etwas unheimlich aus. Es könnte auch der Energiegenerator sein!«
»Sie müssen es mir nicht glauben«, sagte Stefanie. »Aber es ist die Wahrheit. Anders wurden Informationen nicht aufbewahrt.«
Kathleen trat näher an die Tür heran. »Und wie soll das funktionieren?«
»Es sind Wellen, die auf das Gehirn einwirken und durch Energieströme mit ihm interagieren«, erläuterte Stefanie.
»So, so... Und man geht da einfach rein?«
»Nein!«, sagte Stefanie schnell und hob abwehrend die Hände. »Das heißt, ja. Im Prinzip schon, aber ohne eine spezielle Ausbildung kann Ihr Gehirn diese Daten nicht verarbeiten. Peter und Patrick haben Ihnen vielleicht von der Höhle erzählt, die sie gefunden hatten. Menschen, die sie betreten haben, sind wahnsinnig geworden.«
»Und das soll ich Ihnen glauben?«
»Im Glauben sind Sie doch ganz groß«, warf Patrick ein.
»Glauben ist gut...«, sagte Kathleen. »Aber Kontrolle ist besser!« Und mit diesem Ausruf gab sie Stefanie einen heftigen Stoß, sodass diese in den Raum stolperte. Das blaue Licht umschloss sie augenblicklich. Aber nichts geschah.
»Ah!«, machte die Journalistin. »Ist ja wirklich irrsinnig gefährlich. Was erzählen Sie mir da eigentlich für Märchen?!«
»Ich bin entsprechend konditioniert«, sagte Stefanie. »Bei mir ist es etwas völlig anderes.«
Ein zynisches Grinsen machte sich auf Kathleens Gesicht breit. Dann machte sie zwei Schritte vorwärts und betrat den Bereich. Sie ging an Stefanie vorbei, folgte dem Weg in die Mitte des Raums. Dabei sah sie sich staunend nach allen Seiten um. Plötzlich riss sie die Augen auf und blieb stehen. Sie taumelte, sank auf die Knie, stützte sich mit den Händen ab, würgte einige Male. Dann riss sie den Oberkörper hoch, warf den Kopf in den Nacken. Ihre Augen flackerten, ihr Mund war zu einem Schrei geöffnet. Sekundenlang blieb sie in dieser Position, während ihr Körper von spastischen Zuckungen durchfahren wurde. Dann sackte sie in sich zusammen und kippte seitwärts auf den Boden.
Stefanie, die währenddessen neben der Journalistin gestanden und sie beobachtet hatte, kam kopfschüttelnd aus dem Raum und gesellte sich wieder zu Peter und Patrick.
»Jetzt hat sie ihr Wissen«, meinte sie.
»Sie...«, sagte Peter stockend. »Sie haben sie umgebracht!«
»Nein, Peter. Sie hat das Wissen erhalten, das sie unbedingt haben wollte. Sie ist nicht tot. Nur ihr Geist ist restlos überfordert. Wäre sie reifer gewesen, wäre ihr nichts geschehen.«
»Aber Sie wussten, dass das passieren würde.«
»Es war abzusehen«, gab Stefanie zu. »Es war eine Prüfung. Und sie war notwendig, wenn wir das hier schützen wollen.«
Peter schüttelte den Kopf. »Ich kann ja verstehen, dass Sie sich zurückgehalten haben, solange Kathleen dabei war«, sagte Peter, »aber nun ist es an der Zeit, dass Sie uns alles erklären!«
»Stimmt«, sagte Patrick. »Gibt's einen Ort, wo wir vielleicht auf einer Bank sitzen und eine rauchen können?«
»Ich führe euch zum Kontrollraum«, sagte sie. »Dort lässt es sich am besten erklären.«
»Und Kathleen?«, fragte Peter.
»Möchten Sie sie etwa mitnehmen?«, fragte Patrick.
»Natürlich nicht! Aber wir können sie doch nicht einfach hierlassen! Das ist grausam!«
»Es ist besser so«, sagte Patrick. »Inzwischen hat sie ohnehin Verstand und Bewusstsein verloren. Wir können ihr nicht mehr helfen.«
»Wenn wir die Anlage verlassen, holen wir sie wieder hier ab und nehmen sie mit«, sagte Stefanie.
»Ich hätte nie gedacht, dass Sie so gewissenlos mit Menschen umgehen könnten«, sagte Peter, während Stefanie wieder voranging und sie zum Kontrollraum führte.
Sie seufzte. »Sie hat ihre Entscheidung selbst getroffen. Solche Augenblicke sind Teil der Bürde, die wir zu tragen haben. Unser Gewissen wird nicht leichter, sondern immer nur schwerer. Der Schutz des Wissens, die Belehrung und der Schutz der Menschheit durch die Jahrtausende ist aber leider das wesentlich größere Ziel.«
»Wer ist wir?«
»Ich erkläre es, sobald wir am Ziel sind«, gab sie zurück. »Dort wird alles verständlich.«
Die sechs Männer der Hondura standen in einer Säulenhalle und sahen sich um.
»Hier ist alles nur aus Stein«, murrte einer der Männer. »Oder was auch immer das ist.«
»Ja«, stimmte ein anderer zu. »Wo ist das Gold?«
»Ihr habt die goldenen Platten an den Steinen draußen im Meer gesehen!«, sagte González. »Diese Leute waren unermesslich reich, sonst hätten sie das hier alles nicht bauen können! Aber es wird ja wohl kaum auf dem Boden herumliegen. Wir müssen weitersuchen.«
Kurze Zeit später erreichten die Kubaner einen gläsernen Gang, der Ausblick auf das üppige Blätterdach eines Waldes bot, der unter ihnen in einer endlos großen Höhle oder Kuppel lag.
»¡Madre de Dios!«, stieß González aus. »Seht euch das an!«
»Was schon?«, sagte einer. »Sieht auch nicht anders aus als zu Hause.«
»¡Cállate, estúpido!«, rief González. »Das ist eine Biosphäre, wie sie die Amerikaner haben! Hightech! Wir sind einer verdammt großen Sache auf der Spur, sage ich euch.«
Er sah noch einen Moment nach unten und überlegte kurz.
»Okay, der ganze Komplex ist größer, als ich gedacht habe. Wir teilen uns auf. Ihr beiden kommt mit mir. Ricardo, du führst eure Gruppe dort entlang. Was auch immer ihr findet: Merkt euch den Weg, und in einer Stunde geht ihr zurück zum Eingang. Und diese verdammten Europäer müssen hier irgendwo sein. Wenn ihr sie seht, dann bringt ihr sie mit!«
Der Raum, in den Stefanie sie führte, war wie ein kreisrundes Amphitheater konstruiert. Ein gutes Dutzend konzentrischer Sitzreihen, überdimensionalen Stufen gleich, führte hinab zum Boden und Zentrum des Raums. Vier Gänge mit kleineren Stufen mündeten in die etwa fünf Meter durchmessende Mitte, wo aus einem Podest eine goldene Lichtsäule ihren sanften Strom nach oben in die Kuppel emporsandte.
»Das ist das Herz dieser Anlage. Setzt euch dort auf die Stufen.«
Peter und Patrick folgten ihren Anweisungen, während Stefanie nach unten ging und sich neben das Podest stellte. Sie streckte ihre Arme links und rechts neben den baumstammdicken Lichtstrahl und schloss die Augen.
Die Helligkeit im Raum nahm ab. Der Strahl drehte sich zwischen Stefanies Händen, verformte sich. In der Kuppel breitete er sich seitlich aus, und über ihren Köpfen bildete sich ein golden schimmernder Vorhang aus Licht, der sich bald über den ganzen Raum spannte.
Peter sah atemlos in die Höhe, als das Licht eine gewaltige Kugel formte, die in wenigen Augenblicken die Gestalt und Farbe der Erde annahm. Sie rotierte frei im Raum, so real, als könne er sie anfassen. Tatsächlich streckte er versuchsweise eine Hand aus, zuckte aber plötzlich zurück, als er Stefanies Stimme hörte. Sie klang jedoch nicht vom Podest aus, sondern hallte direkt in seinem Kopf. Voluminöser und fremder, als er sie kannte. Ein Schauer lief seinen Rücken hinunter. Dann machte sich eine unerklärliche Erregung in seinem Schoß breit. Es war furchtbar, durchdringend, intim, bloßstellend und zur selben Zeit wunderbar und Ehrfurcht gebietend.
Die Stimme eines Engels, zuckte es ihm durch den Sinn. Grauenhaft und überirdisch.
»Fürchtet euch nicht«, sagte Stefanie. »Diese Worte kennt ihr aus der Geschichte der Menschheit. Sie sind überall dort gefallen, wo etwas Größeres auf etwas Kleineres getroffen ist, ohne ihm schaden zu wollen. Höheres Wissen, höhere Fähigkeiten lösen Unverständnis und Angst aus. Aber Wissen kann und darf nicht ohne Lehrer vermittelt werden, und nicht alles Wissen ist jederzeit für jedermann geeignet. Daher gibt es die Hüter, die beobachten und belehren, aber auch bewahren und verteidigen. Es geht um das gesammelte Wissen der atlantischen Kultur.«
Die Erdkugel kam näher und näher, die Wolken zogen beiseite, bis nur noch der Atlantische Ozean zu sehen war. Dann schälte sich die Oberfläche der Kugel ab, wölbte sich herum und breitete sich als eine flache Karte aus. Zwischen Amerika und Europa war ein zerklüfteter Kontinent zu sehen.
»Dies ist Atlantis. Wie ihr sehen könnt, treffen die Beschreibungen Platons im Wesentlichen zu. Aber vieles ging im Lauf der Jahrtausende verloren.«
Die Oberfläche des Kontinents kam näher, bis Wälder, Straßen und Städte sichtbar wurden. Aus der Höhe war die Konstruktion der größten Stadt gut zu erkennen. Sie lag auf einer von Gebirgen gesäumten Ebene am Meer. Um das Stadtzentrum in der Mitte lagen breite Wasserstraßen in drei konzentrischen Ringen, die allesamt miteinander und mit dem Meer verbunden waren. Schiffe befuhren die Kanäle. Gerade Straßen führten von jeder Himmelsrichtung aus über Brücken zur Mitte hin.
»Die atlantische Kultur war sehr fortschrittlich und lange Zeit die einzige Zivilisation auf der Erde. Es gab Verbindungen zu allen anderen Kontinenten, Kontakte zu den dortigen Eingeborenenstämmen und Handel, aber keinen Kulturaustausch. Doch trotz ihrer hohen Entwicklungsstufe durchlebte die atlantische Zivilisation mehrere Zyklen des Fortschritts, der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Einige durch Naturkatastrophen, andere selbst verschuldet. Als die Berechnungen der Astronomen die wohl endgültige Vernichtung des Landes durch einen Meteoriten vorhersagten, beschloss die Regierung, das Wissen und die Errungenschaften zu schützen. Kleinere Wissensarchive und Kommunikationszentren in anderen Ländern hatte es auch schon vorher gegeben, aber nun wurden neue, größere angelegt. Diese Anlagen hier wurden ausgebaut, um auch nach Jahrzehntausenden noch Energie zu liefern und die Überreste zu schützen. Die Bevölkerung wurde evakuiert und alles für den Tag des Untergangs vorbereitet.«
Nun wurde wieder der Atlantik sichtbar, und während Stefanie weitererzählte, ließen sich die Abläufe mitverfolgen.
»An dem Tag, als der Meteorit kam, befanden sich nur noch wenige Tausend Menschen auf Atlantis. Solche, die den Berechnungen nicht trauten, und solche, die ihre Heimat zu sehr liebten und zu alt waren, um in einer fremden Welt ein neues Leben anzufangen.«
Es mischten sich Geräusche zu den Bildern, und bald wurde das Geschehen so intensiv, dass es sie vollkommen umschloss, mitsamt des Lärms, der Gerüche, der Erschütterungen, Feuer, Wind und Wasser.
»Der mehrere Kilometer große Meteorit trat in die Atmosphäre ein und zerbarst in mehrere Teile. Die kleineren trafen Mittelamerika und den südlichen Teil der heutigen USA. Der größte Brocken schlug auf Atlantis mit einer so großen Wucht auf, dass die Hälfte des Kontinents auf einen Schlag zu Asche verdampfte. Turmhohe Flutwellen donnerten über die Küsten Nord- und Südamerikas, drangen selbst in Afrika und Europa Hunderte von Kilometern ins Landesinnere ein. Das Mittelmeer durchschlug die Meerenge, die heute der Bosporus ist, stürzte in das Schwarze Meer und hob den Spiegel des einstigen Sees um mehrere hundert Meter an. Der Aufprall war so heftig, dass sich die Schockwellen im Inneren der Erde ausbreiteten und überall auf der Welt Vulkane ausbrachen. Der Meeresboden entlang des mittelatlantischen Rückens riss weit auseinander, die gelösten Kontinentalplatten verschoben sich, und was niemand hätte ahnen können, trat ein, als die Reste des Atlantischen Kontinents in nur wenigen Jahren nach und nach in die Tiefe gezogen wurden. So verschwand Atlantis vom Angesicht der Erde.«
Sie machte eine Pause. Die plastische Darstellung der weltweiten Katastrophe drang Peter und Patrick durch Mark und Bein. Es war etwas anderes, von diesen Szenarien zu lesen oder Computersimulationen zu sehen, als sie so hautnah zu erleben, wie es das Lichtphänomen vor ihnen ermöglichte.
»Die Menschen, die Atlantis rechtzeitig verlassen hatten«, fuhr Stefanie fort, »verteilten sich auf den anderen Kontinenten. Nicht überall fassten sie erfolgreich Fuß. Manche Kolonien gingen wieder unter und gerieten in Vergessenheit. Andere vergaßen ihre Wurzeln und begannen von Neuem. Wieder andere vermischten sich mit den Ansässigen. Vielerorts wurden die Weisen der Atlanter zu Lehrmeistern, und ihr Vermächtnis ist nicht nur in der globalen Erinnerung an eine Sintflut erhalten geblieben. Auch die plötzliche Steinarchitektur, der weltweite Bau von Pyramiden, die Erzählungen der mittelamerikanischen Völker von bärtigen Schöpfern, die Legenden von Lehrmeistern und Kulturbringern, die bärtigen Pharaonen, auch viele Erzählungen von Propheten und Göttern, dies geht fast alles auf jene Zeiten zurück.«
Eine Landkarte zeigte sich, auf der die Ströme dieser urzeitlichen Diaspora zu sehen waren.
»Das Wissen sollte bestmöglich erhalten bleiben. Aber es war auch klar, dass vieles von dem, was in Atlantis bereits erreicht worden war, für die anderen Völker noch nicht geeignet war. Zu groß wäre die Verlockung der Macht gewesen und zu verheerend der mögliche Missbrauch. Denn große Macht bedeutet eine große Verantwortung und verlangt nach Erfahrung und moralischer Festigkeit. Daher wurde das Prinzip der Hüter geschaffen, deren Aufgabe es sein sollte, die Archive des Wissens und das atlantische Erbe durch die Zeit zu bewahren, bis der richtige Zeitpunkt gekommen wäre.
Die Archive in Atlantis selbst wurden in den letzten wenigen Jahren, die dem Rest des Kontinents nach der Katastrophe noch verblieben, so gesichert, dass sie auch unter Wasser geschützt sein würden. Das Symbol auf dem Tor bedeutet, wie ich schon sagte, ›Schutz‹, aber es geht nicht um die Energiequellen, die sind lediglich ein Mittel, sondern es geht um diesen viel größeren Schatz hier. Viele der anderen Archive auf der Welt gingen bei Naturkatastrophen verloren, einige mussten vernichtet werden, um sie vor der Entdeckung zu schützen. Eines davon, in Frankreich, habe ich selbst zerstören müssen.«
Langsam verblasste die übergroße Landkarte, der Lichtstrom erlangte seine ursprüngliche Form wieder, und die Helligkeit im Saal nahm zu.
Peter und Patrick erwachten wie aus einer Trance.
Es dauerte eine Weile, bis Peter das Wort ergriff. Seine Stimme klang seltsam dünn in dem großen Raum.
»Dann... sind Sie...«, er zögerte, die absurde Frage in Worte zu fassen. Aber was war nun noch absurd? »Stammen Sie von Atlantis?«
Sie lächelte. »Nein, nicht aus jener Zeit. Aber auf eine gewisse Weise schon. Ich bin atlantischer Abstammung und einer der letzten Hüter der letzten Archive. Die Lebenserwartung der Atlanter war wesentlich höher als bei den heutigen Menschen. Erinnern Sie sich an das Alte Testament. Die ersten Generationen werden dort noch mit einem Lebensalter von über neunhundert Jahren angegeben, bis sie immer kürzer werden und sie sich schließlich bei etwas unter hundert einpendeln. Ebenso im Gilgamesch-Epos. Auch das ist ein Überrest aus jener vorgeschichtlichen Zeit, in der sich das atlantische Blut immer weiter verdünnte. Für die Hüter jedoch war es wichtig, möglichst lange zu bestehen, damit nur selten neue ausgewählt werden mussten, deswegen durften sie nur unter ihresgleichen bleiben. Ich bin daher eine direkte Nachfahrin dieses uralten Volkes, wenngleich auch ich fast so viele Generationen davon entfernt bin, wie Sie es von den Kreuzzügen sind.«
»Wie viele Hüter gibt es?«
»Wir sind nur noch drei wahre Hüter. Es gibt aber einige Menschen, denen wir einzelne Archive für ihre Lebenszeit anvertraut haben. Einen davon haben Sie in Ägypten kennengelernt und miterlebt, wie er seine Aufgabe weitergegeben hat.«
Oliver Guardner und Melissa, dachte Peter. Es fügte sich alles in ein Bild.
»Und was ist der Plan mit uns?«, fragte Peter. »Ich vermute, dass dieser Steffen van Germain oder Al Haris, wie er sich in Kairo nannte, ebenfalls einer von Ihnen ist. Der steckt doch dahinter!«
Wieder lächelte Stefanie. »Es geht um diese Archive hier, die vielleicht wichtigsten Relikte und Belege unserer Kultur. Wir beobachten Sie schon sehr lange, Professor. Und wenn wir es schaffen würden, dass Sie sich ernsthaft mit Atlantis auseinandersetzen und sogar wagen würden, es zu suchen, dann wären Sie unser bevorzugter Hüter. Das ist auch der Grund, weswegen ich Sie beide bei Ihren Projekten immer begleitet habe. Allerdings steht Ihnen die letzte Prüfung...« Sie stockte und streckte einen Arm aus, hielt ihn in die Lichtsäule. »Wir sind nicht allein«, erklärte sie dann.
»Und das sagt dir das Licht?«, fragte Patrick.
»Ja. In diesem Kontrollraum laufen die Informationsströme der ganzen Anlage zusammen. Das Licht, das überall hier unten zu sehen ist, auf den Gängen, in den Räumen, ist zugleich ein Datenträger. Von hier aus lässt sich alles steuern und überwachen. In diesem Augenblick gibt es Bewegungen an zwei weiteren Stellen der Anlage.«
Der Lichtstrom aus dem Sockel verbreiterte sich ein wenig, gerade so, dass er eine rund zwei Meter breite Wand bildete. Darin war eine dreidimensionale Darstellung zu sehen. Auf den ersten Blick wirkte es wie eine Nervenzelle, die sich mit vielen haarfeinen Auswüchsen nach allen Seiten hin ausstreckte. Bei näherer Betrachtung bestand die Nervenzelle selbst ebenfalls aus unzähligen Zellen und Verbindungen. Sie stellten Korridore und Räume dar. Das Ganze war eine durchsichtige Rekonstruktion der unterirdischen Anlage.
»Meine Güte, sind das wirklich die ganzen Gänge?«, sagte Patrick. »Das ist ja komplexer als ein Ameisenbau... Nur regelmäßiger aufgebaut... Diese großen Räume, was ist das?«
»Diese Darstellung ist stark verkleinert. Es sind die Biotope, wie wir vorhin eines gesehen haben. Es gibt davon fünf Stück mit einer Gesamtfläche von vielen Quadratkilometern.«
Die Ansicht drehte sich ein wenig, vergrößerte sich, bis ein kreisrunder, schwach leuchtender Raum deutlich wurde, der sich im Zentrum des symmetrisch angelegten Komplexes befand. In einiger Entfernung davon leuchteten zwei weitere Gänge auf.
»Wir sind hier«, sagte Stefanie, »und dort ist die Bewegung.«
»Was für eine Bewegung?«, fragte Peter. »Gibt es hier unten etwa noch Menschen?«
»Hier unten war seit zehntausend Jahren kein Fremder mehr«, sagte Stefanie. »Und den einzigen Eingang haben wir selbst benutzt.«
»Gibt's eine Möglichkeit, direkt in diese Gänge zu sehen?«, fragte Patrick. »Mit diesem Licht oder so?«
»Ja«, sagte Stefanie. »Aber dafür bleibt keine Zeit. Wir sollten, so schnell es geht, aus diesem Raum verschwinden. Kommt mit!«
Sie führte sie zügig weiter, und erst als sie einige Korridore hinter sich gebracht hatten, verlangsamte sie wieder das Tempo.
»Es gibt noch viel mehr zu sehen«, erklärte sie. »Aber wir sollten erst selbst herausfinden, was hier vor sich geht. Im Kontrollraum wären wir überrascht worden.«
»Wer kann denn hier unten sein?«, wollte Peter wissen.
»Dieser Jemand muss auf alle Fälle ein Unterseeboot haben«, meinte Patrick. »Vielleicht ein Rettungsteam von der Küstenwache? Oder von der Navy?«
»Das werden wir herausfinden«, sagte Stefanie. »Es gibt noch einen anderen Kontrollraum, den wir nutzen können, um in die Gänge zu sehen.«
Stefanie führte sie weiter. Einige Male hob sie die Hand und ließ sie an Abzweigungen anhalten. Dann schloss sie die Augen, konzentrierte sich kurz und wählte danach einen der Wege.
»Durch das Licht hier im Gang kann ich auf den Lageplan zugreifen«, erklärte sie auf Peters Frage hin. »Der Raum, den ich suche, liegt in der Nähe der Biotope, aber ich kenne ihn nicht.«
»Der Rest der Anlage scheint Ihnen aber durchaus vertraut zu sein«, meinte Peter.
»Ja«, gab Stefanie zu. »Ich war auch bereits einmal hier. Es ist aber schon lange her.«
»Wie um alles in der Welt bist du denn hier runtergekommen?«, fragte Patrick erstaunt.
»Damals gab es noch einen anderen, unterirdischen Zugang. Er führte zu einem weiteren Archiv, weit südlich von hier, in der Nähe von Kuba. Aber sowohl das Archiv als auch der Zugang sind heute zerstört.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Patrick. »Du hast erzählt, diese Anlage wäre in den Jahren nach dem Asteroidenaufschlag gebaut worden, als die Reste des Kontinents nach und nach in die Tiefe gezogen wurden. Wie kann dann das alles hier so ungeheuer groß sein? Und wofür die Kontrollräume? Und die Wälder?«
»Große Teile der Anlage existierten schon vorher«, erläuterte sie. »Es waren einst Bergbaustollen, die später zu einer Lehr- und Forschungseinrichtung ausgebaut wurden. In den Jahren zwischen Aufschlag und Untergang wurde das hier nur erweitert, umgebaut und gesichert. Hauptsächlich wurde dabei die autonome Energieversorgung eingerichtet, um alles hier unten stabil zu halten. Und auch die Schwelle oberhalb dieses Tals, die den Druck kontrolliert und das Gebiet abschirmt, musste ja mit Energie versorgt werden.«
»Und diese großen Biotope?«
»Es sind Katalysatoren, die für den Energiegewinnungsprozess eine Rolle spielen«, sagte sie. »Die atlantische Technologie war weit fortgeschritten und beruhte auf der Nutzung von natürlichen Prozessen für die Umwandlung von Energie.«
»Und das alles läuft reibungslos und wartungsfrei seit zehntausend Jahren?«, hakte Patrick nach.
»Mehr oder weniger, ja. In den letzten Jahrzehnten hat es vermehrt tektonische Aktivitäten gegeben, die diese Strukturen hier unten beeinflussen. Ihr habt die Ruinen vor dem Eingang gesehen. Die Gebäude waren beim Untergang zwar bereits verlassen, aber eingestürzt sind sie erst später. Auch die schwarzen Steine, die ihr fotografiert habt, sind erst vor kurzer Zeit durch die Schwelle nach oben katapultiert worden.«
»Durch eine Plattenverschiebung? Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Nein. Aber die Bewegung der Erdkruste verzerrt das Energiefeld des Schutzschilds und wirkt sich auch auf die technischen Installationen aus. Daher kommt es immer häufiger zu unkontrollierten heftigen Entladungen, die sich dann einen Weg ins offene Meer bahnen. Sicher seid ihr euch dessen bewusst, dass dies hier auch das Gebiet des berüchtigten Bermudadreieckes ist. Die Effekte, die hier beobachtet wurden und zu vielen Unfällen geführt haben, also weißes oder leuchtendes Wasser, elektromagnetische Störfelder, Ausfall des magnetischen Feldes, besondere Wetterphänomene, Strudel, Blitze, all das hat mit den Energieentladungen zu tun, die hier stattfinden.«
»¡Alto!«, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.
Als sie sich umdrehten, sahen sie drei Maschinenpistolen auf sich gerichtet.
»Ricardo?«, fragte Patrick, der einen der Männer von Bord der Argo erkannte. Es war derjenige, der die Daten an die Kubaner weitergegeben hatte und dann über die Reling gesprungen und von seinen Kumpanen aus dem Wasser gefischt worden war.
»Da haben wir euch also endlich gefunden«, sagte Ricardo. »Es war nicht leicht in diesem verdammten Irrgarten. Aber zum Glück habt ihr laut genug gequatscht.«
»Wie seid ihr hierhergekommen?«, fragte Patrick.
»Ihr kommt mit uns!«, sagte der Kubaner. »Und keine Experimente.« Er schwenkte seine Waffe. »Die hier sind nicht zum Spaß gedacht.«
»Wohin wollen Sie mit uns gehen?«, fragte Peter.
»Zum Ausgang, Professor. Und dort wird González entscheiden, was wir mit euch anstellen. Los jetzt, arriba!«
»Dort entlang ist es aber ein Umweg«, sagte Stefanie.
Ricardo hielt inne. Er sah auf seine Uhr und wechselte ein paar spanische Worte mit seinen Leuten. »Wenn ihr es besser wisst, geht ihr vor«, sagte er dann.
Stefanie wandte sich zum Gehen, die Kubaner folgten ihnen mit den Waffen im Anschlag.
»Die Situation kommt mir merkwürdig bekannt vor«, flüsterte Peter an Patrick gewandt.
»Ich schätze, die Realität ist weniger kreativ als ein Indiana-Jones-Film«, gab Patrick zurück.
»Dafür aber etwas gefährlicher«, meinte Peter halblaut.
»Bleibt bei mir«, sagte Stefanie nur. Patrick zuckte zusammen, als ihn bei diesen Worten ein intensives Gefühl durchfuhr. Ähnlich wie ihre Stimme, die er in seinem Kopf gespürt hatte, war etwas in ihn eingedrungen. Keine Worte, aber eine Emotion, die ihn beruhigte und ihn gleichermaßen aufmerksam machte. Er spürte eine Aufforderung, die von Stefanie ausging, so als müsse er besonders gut aufpassen, als ob sie etwas plante. Er sah zu Peter hinüber, der gerade die Stirn gerunzelt hatte und etwas abwesend wirkte, ganz so, als hätte er ebenfalls dieses innere Signal bekommen. Konnte Stefanie auf sie einwirken? Sie hatte erklärt, dass das Licht, das sich auch überall in den Gängen befand, ein Informationsträger war und dass es auf die Gehirnströme einwirken konnte. Vielleicht war sie in der Lage, ihnen auf diese Weise etwas zu vermitteln? Vielleicht war es nur rudimentär, da Peter und er nicht geschult waren, damit umzugehen?
Sie benutzten einen Weg, den Patrick nicht kannte. Sein Orientierungssinn war ausgesprochen gut, und er wusste, dass dies keineswegs der Rückweg war. Aber Ricardo und die anderen beiden Männer hatten offenbar keine Ahnung. Möglich, dass sie schon so lange hier herumirrten, dass sie froh waren, die Führung abgeben zu können. Patrick sprach ein wenig Spanisch und konnte hören, dass sie sich über Gold und ihren Anteil an einer Beute unterhielten.
Sie kamen in einen großen Saal. Zwei Reihen kunstvoll verzierter Säulen trugen eine geschwungene Decke, die vollständig mit feinen goldenen Ornamenten verziert war. Die Muster waren allerdings keine einfachen Schnörkel, sondern stellten fremdartige Pflanzen und Tiere dar. Eine Lichtsäule in der Mitte des Saals sandte ihre Strahlen in die Höhe, die unter der Decke entlangwanderten und die goldenen Lebewesen zum Leben erweckten. Die Männer richteten staunend ihre Blicke nach oben, während sie weitergingen.
Das Gefühl der Anspannung verstärkte sich bei Patrick. Stefanie ging wie beiläufig weiter, direkt auf die Lichtsäule zu. Er ging rechts neben ihr, bemerkte, wie er seinen Arm seitlich ausstreckte, bis er seine Hand fast unwillkürlich auf ihre Schulter legte. Es war ein seltsames Gefühl, die Vertrautheit schien ihm unangemessen, machte ihn unerwartet verlegen. Zugleich wusste er, dass sie es von ihm erwartete. Verwundert stellte er fest, dass Peter, der auf Stefanies anderer Seite ging, es ihm gleichtat.
In diesem Moment waren sie am Lichtstrom angekommen, und Stefanie streckte ihre Hände aus. Augenblicklich explodierte das Licht zu einem gleißenden Ball, der alles um sie herum verschlang. Patrick, Stefanie und Peter standen losgelöst von ihrer Umgebung in einem unwirklichen Weiß, der Raum war verschwunden, es gab keine Wände mehr, kein Oben und Unten. Nur strahlendes Nichts. Patrick wusste, dass er Stefanie auf keinen Fall loslassen durfte. Er drehte sich zu ihr und bemerkte erstaunt, dass sie selbst zu strahlen schien. Sie lächelte ihn an. Sie wirkte größer als sonst, mächtig und herrlich, und das unwirkliche, erhebende Gefühl, dass sie etwas Göttliches, Heiliges verkörperte, ergriff wieder Besitz von ihm.
Davon hatte er bereits damals in Frankreich einen Hauch erfahren. Nun offenbarte sie sich ganz. Und er hatte niemals etwas Schöneres gesehen.
Dann verblasste die Helligkeit, der Raum fand zurück in die Realität, der Boden wurde sichtbar, die steinernen Säulen zu beiden Seiten, die mit Gold verzierte Decke. Peter und Patrick ließen Stefanies Schultern los, und als sie sich umdrehten, lagen die drei Männer auf dem Boden. Einer starrte reglos und mit glasigen Augen in die Höhe, die Hände vor der Brust verkrampft, die beiden anderen lagen zusammengekrümmt auf der Seite. Speichel lief aus dem Mund des einen, der andere zuckte unkontrolliert.
Peter keuchte. Ins Mark erschüttert über das, was er gerade erlebt hatte, und das, was er nun sah.
»Was bist du...?«, brachte er hervor, und trat einen Schritt von Stefanie fort, die Augen abgewandt.
»Hab keine Angst«, sagte sie, und Patrick bemerkte, wie sanfte Wellen von ihr ausgingen. Sie vermittelten ein beruhigendes Mitgefühl. Sicher würde Peter es auch spüren. Der Professor reagierte tatsächlich, hob den Kopf und sah sie an.
»Die Cherubim mit dem flammenden Schwert«, sagte er. »Die Engel, die den Zugang zum Garten Eden und den verbotenen Baum der Erkenntnis schützen...«
»Das ist eine alte Geschichte«, sagte Stefanie. »Es ist keine Zauberei. Es ist nur Licht und konzentrierte Information. Bald werdet ihr es auch verstehen können.«
»Kommen Sie schon, Peter. Das waren die Bösen, wir sind die Guten. Es ist alles in Ordnung. Und logisch erklärbar.«
»Logisch?!« Peter sah ihn mit gehobenen Augenbrauen an, »Logisch nenne ich etwas anderes! Das hier, das ist... surreal!«
»Wir müssen weiter, Peter«, forderte Patrick.
»Patrick hat recht«, sagte Stefanie. »Es ist noch ein weiterer dieser Trupps hier unterwegs.«
»Wollen Sie die auch noch umbringen? Erst Kathleen, jetzt diese drei. Was haben Sie vor?«
»Peter, hören Sie doch mal zu.« Patrick ging zum Professor. »Die waren es, die uns mit Waffen bedroht haben! Wir sind mit Stefanie hier, sie vertraut uns das größte Wunder der Geschichte an. Wollen Sie, dass diese Leute es in die Hände bekommen?«
»Es...«, Peter stockte. »Es ist einfach... zu groß. Verstehen Sie? Das hier ist weitaus mehr, als ich in wenigen Stunden zu verstehen bereit bin. Ich brauche Zeit... Ich muss hier raus!«
Wieder breitete sich eine behutsame Welle des Mitgefühls von Stefanie aus. Sie legte den Kopf ein wenig schief. Noch etwas anderes schwang dieses Mal mit. Eine Art sanfte Trauer, überlegte Patrick.
»Gut«, sagte sie. »Ich führe euch zurück zum U-Boot.«
In ihren Worten lag eine neue Entschlossenheit, und Patrick fühlte, dass sie mehr plante, als sie nur zurückzubringen. Sie selbst würde bleiben, die Eindringlinge finden und vor allem die Archive schützen. Während sie den Raum verließen, sah sie zu ihm herüber und nickte. Da begann er zu verstehen, dass Peter nichts davon ahnte, dass nur er selbst diesen besonderen Kontakt zu ihr hatte. Es war, als habe sich ein neuer Sinn in ihm weiterentwickelt. Nach dem ersten gemeinsamen Erlebnis in der Höhle vor einigen Jahren hatte es begonnen, und jetzt war es fortgeschritten. Sie hatte sich ihm geöffnet, und nun war er mit ihr noch enger verbunden als zuvor. Er konnte ihre Gefühle spüren, fast verstehen, was sie dachte.
Sie gingen schweigend durch die Gänge. Stefanie war zielstrebig, den Weg zum Ausgang kannte sie gut, und nach einer Weile befanden sie sich in Korridoren, die Patrick wiedererkannte. Peter, einen Schritt hinter ihnen, war in Gedanken versunken.
Sie erreichten den großen Hof am Eingang der Anlage. Die Lichtstrahlen, die langsam über den Boden und die Gebäude wanderten, wirkten beruhigend, als befände man sich auf einem Marktplatz unter Platanen, durch deren Blätterdach die Sonne eines Sommernachmittags fiel.
Stefanie blieb stehen.
»Sind Sie sicher, dass Sie zurückmöchten, Peter?«, fragte sie.
Peter sah nach oben, betrachtete die Gebäude in ihrer unbekannten Architektur, die verzierten Arkaden, drehte sich langsam um sich selbst und nahm das Bild zum Abschied in sich auf. Welche Wunder am Ende dieser Wege lagen! Einige hatte er gesehen, unerhörte Geschichten erfahren, und wie vieles mehr würde ihm immer verborgen bleiben. Dies war wahrhaftig Atlantis. Und er, auf seine alten Tage, hatte den Segen erfahren, es betreten, es sehen und fühlen zu dürfen. Allein, ob dies tatsächlich ein Segen war, das würden erst die nächsten Jahre zeigen. Wie würde er sein Leben weiterführen können, als sei nichts geschehen? Das ganze Weltbild hatte sich geändert, es war, als hätte er in einem Traumland gelebt und nun zum ersten Mal die Wirklichkeit gesehen. So vieles ergab nun keinen Sinn mehr, wie viele Theorien waren nun falsch, Bücher nutzlos. Hier unten wurden alle Fragen beantwortet, und hier würde er sie zurücklassen. Wenn er nun ging, ging er zurück in ein Leben, das nur Schein war. Und doch...
Vielleicht war er tatsächlich zu alt für eine Revolution dieser Größe. Stefanie hatte etwas sehr Wahres gesagt, als sie daran erinnert hatte, dass nicht alles Wissen für jedermann zu jeder Zeit geeignet war. Es war eines, zu glauben, dass man bereit dafür war, es war etwas anderes, mit einem Wissen konfrontiert zu werden, das die dünne Hülle dessen, was einem als wahr erschien, mit einem Schlag zerriss. Die Vergangenheit wurde nichtig und die Zukunft vollkommen umgewälzt. Nein, er konnte es nicht.
»Ja«, sagte er. »Ich bin sicher. Es tut mir leid. Für Sie beide.«
»Mir auch, Peter. Aber Ihre Entscheidung ist alles, was zählt. Und sie ist in jedem Fall richtig.«
Und so ging sie weiter und öffnete die Schleuse, die sie zurück zu Alvin führte.