Kapitel 2


Regenwald, etwa sechzig Meilen nördlich von Flores, Guatemala


Patrick erwachte wie schon in den letzten Tagen durch das enervierende Gezeter eines bestimmten Vogels. Sicher war es nicht derselbe, der ihnen ständig folgte, aber diese Art gab ein besonders schrilles Pfeifen von sich.

Er richtete sich in seiner Hängematte auf und zog das Moskitonetz beiseite, das er am Ast über sich befestigt hatte. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es kurz nach sieben war. Das Zwielicht des Regenwalds würde sich bald noch etwas weiter aufhellen.

»Verdammter Mist«, fluchte er, als er entdeckte, dass er seine Stiefel in der Nacht auf den Boden gestoßen hatte. Er schwang sich hinunter und streckte sich.

»¡Buenos días, señor Patrick!«, rief einer der Scouts aus einer anderen Ecke des kleinen Nachtlagers.

»Ja, Morgen«, knurrte Patrick. Er zog eine Packung Zigaretten aus der Seitentasche seiner Hose, zog eine Filterlose hervor, formte sie gerade und steckte sie an. Nach dem ersten Zug ließ er sie im Mundwinkel baumeln und bückte sich nach seinen Schuhen. Er hielt sie an der Sohle fest und schlug sie mit der Öffnung nach unten mehrfach gegen einen Baum. Der erste Stiefel war leer, aus dem zweiten fiel ein fingerdicker Tausendfüßler auf den Waldboden und verschwand eilig zwischen den Blättern.

»Los, hau ab, sonst kommst du in den Topf!«

Er zog die Stiefel an und ging zur Feuerstelle. Solange er zwei Führer dabei hatte, brauchte er sich nicht um die Verpflegung zu kümmern, und auch die Gaskartuschen des Campingkochers konnten für Notfälle aufgehoben werden. Die beiden entfachten an jeder Lagerstätte ein kleines Feuer, das sie hegten und zum Kochen verwendeten. In diesem Fall für einen starken Kaffee, und der kam Patrick am Morgen gerade recht.

Er hatte die Scouts vor einigen Tagen in Flores angeworben. Sie waren mit einem alten Geländewagen nach Carmelita gefahren, von wo aus immer wieder einige Survival-Touren und Dschungel-Exkursionen für abenteuerlustige Großstädter angeboten wurden, die für lächerlich viel Geld ein paar angeblich noch nie gesehene Maya-Ruinen in der Region erkunden wollten. Von Carmelita aus hatten sie sich in nordöstlicher Richtung in den Wald geschlagen. Allerdings hatte Patrick nicht vor, irgendwelche Maya-Tempel zu finden, dieses Mal ging es um etwas anderes.

Patrick setzte sich auf einen Holzstumpf neben dem Feuer, nahm einen Plastikbecher von Jaime, einem der Scouts, entgegen und füllte ihn mit der mokkaartigen Brühe, die in der Blechkanne am Feuer vor sich hin kochte.

»Ist es noch weit, señor Patrick?«, fragte Jaime.

»Wir kommen heute an, schätze ich.« Er nippte an dem Kaffee und sah sich um. »Wo ist denn Rodrigo?«

»Er sucht einen Weg, señor.«

»Einen Weg? Er kann keinen Weg suchen. Er weiß doch gar nicht, wo wir hingehen!«

»Ja, ja«, Jaime nickte. »Deswegen sucht er überall.«

Patrick schüttelte den Kopf. Er holte seinen GPS-Empfänger und schaltete ihn an. Das Gerät empfing die Signale mehrerer Satelliten und berechnete daraus die aktuelle Position. Eine Karte erschien oder vielmehr das, was eine Karte hätte sein sollen. Für diese Region war es allerdings nicht mehr als eine leere Fläche mit einigen wenigen Straßen, von denen sie inzwischen zu weit entfernt waren, um sie in dieser Zoomstufe zu sehen. Viel wichtiger waren ein paar andere Daten, die das Gerät aus den Satellitensignalen berechnete.

»Es sind noch acht Kilometer«, sagte Patrick. »Und wir müssen genau in diese Richtung.« Er wies in den Wald, der nach allen Seiten hin gleich aussah. Tatsächlich wusste er natürlich nicht, ob es wirklich exakt acht Kilometer waren. Das Gerät berechnete die Entfernung und die Richtung auf Basis der aktuell gemessenen Position und der Zielkoordinaten, die er zuvor eingespeist hatte. Da sie allerdings einen Ort erkunden wollten, den kein Mensch bisher vermessen hatte, der nicht einmal entdeckt worden war, hatte er diese Koordinaten nur schätzen können.

Er hatte Wochen in alten spanischen Bibliotheken in Toledo und Sevilla zugebracht und schließlich lange um eine Recherche-Erlaubnis in einem katholischen Archiv in Rom gekämpft. Aber die Suche hatte sich gelohnt. Er war auf der Spur von Padre Guilherme de Navarra, einem Dominikanermönch, der im siebzehnten Jahrhundert in die Kolonien der neuen Welt strafversetzt worden war. Wie viele andere Geistliche im jungen Vizekönigreich Neuspanien sollte er als Sühne die Heiden bekehren. Das Besondere an Padre Guilherme war, dass einige seiner überlieferten Briefe aus dieser Zeit Hinweise auf einen besonderen Schatz enthielten. Der Padre hatte sich nicht bei einer der vielen Missionen gemeldet, wie es von ihm erwartet wurde, sondern war stattdessen tief in den Urwald Yucatáns eingedrungen und hatte ohne Befugnis eine eigene Mission gegründet. Patrick hatte die in den Briefen verstreuten Hinweise auf die Umgebung der Mission, die angegebenen Längen von Reisen und die Beschreibungen verschiedener Landmarken zusammengetragen und mit Satellitenbildern höchster Auflösung verglichen. Seine eigene Erfahrung im mittelamerikanischen Urwald half ihm dabei, diese Informationen richtig einzuschätzen; er wusste, wie das Gelände und der Regenwald beschaffen waren, er konnte nach vollziehen, wie aufwendig es hier war, Flüsse zu überwinden, und wie weit eine Tagesreise führen konnte. Auf diese Weise hatte er die wahrscheinlichste Lage der Mission ermitteln können, die nie gefunden wurde und die inzwischen vergessen war. Und diese Daten hatte er als Zielkoordinaten verwendet. Möglich, dass er sich dabei verschätzt oder vermessen hatte, aber das würde er den beiden Scouts natürlich nicht auf die Nase binden.

Wie jeden Morgen gab es neben dem Kaffee eine im Feuer aufgewärmte Dose mit Eintopf. Es war bei Weitem nicht die Art von Frühstück, wie Patrick es sich wünschte. Genau genommen hatte er direkt nach dem Aufstehen überhaupt keinen Hunger. Aber der Marsch durch den Dschungel war kräftezehrend, und spätestens in einer Stunde würde er froh sein, etwas im Magen zu haben.

Sie brachen auf, als die ersten Sonnenstrahlen in den Baumkronen glänzten und der Wald schon kurze Zeit später schwülen Dunst zu schwitzen begann. Das allgegenwärtige, lautstarke Zirpen der fremdartigen Insektenwelt umhüllte sie, schrille Vogelstimmen begleiteten sie und immer wieder das unwirkliche Geschrei der Brüllaffen in den Wipfeln. Patrick ließ die Scouts mit ihren Macheten vorangehen. Sie erkannten und schafften die leichtesten Durchgänge in dem so dicht verflochtenen Wald, dass ein Unkundiger darin verzweifelt wäre. Stellenweise war der Übergang zwischen Unterholz, Lianen und Bäumen nicht auszumachen, es war nicht immer klar, ob sie sich noch am Boden bewegten oder zwischen den starren Luftwurzeln der Würgefeigen. Die Scouts mieden Pflanzen, deren Stacheln giftig waren, und sie vertrieben einige der Schlangen, die sich erschreckend häufig zwischen den Ästen fanden. Die meisten Tiere ließen sie jedoch unbehelligt, da sie angeblich ungiftig waren. Patrick hoffte, dass sie recht hatten. Er war kein Biologe oder Fachmann für die Tierwelt des Regelwalds. Im Grunde hatte er mit einer solchen Menge an Natur – und mehr Natur als hier war kaum möglich – gar nichts am Hut. Tatsächlich war er gelernter Ingenieur, kein Naturbursche. Aber er verfügte über ein gewisses pragmatisches Geschick und einen zumeist untrüglichen Instinkt. Das war der Grund, weshalb er sich nicht scheute, Expeditionen zu unternehmen. Nachdem er zu Beginn dessen, was andere vielleicht als Karriere bezeichnet hätten, was aber nicht mehr war, als eine zufällige Entwicklung, einige archäologische Untersuchungen mit seiner technischen Expertise unterstützt hatte, war er zu dem Schluss gekommen, sein Wissen und seine Fähigkeiten besser selbstständig einzusetzen. Er hatte mit Forschungsrobotern gearbeitet und antike Ruinen untersucht, wenngleich nicht immer mit offizieller Genehmigung. Aber so hatte er einige aufsehenerregende Funde gemacht. Eine Zeit lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, das sagenhafte Goldland Eldorado zu finden, aber er war an der Suche nach risikofreudigen Geldgebern gescheitert. Bis er den Professor kennengelernt hatte. Gemeinsam mit dem Geschichtsprofessor Peter Lavell hatte er zwei Projekte unternommen, die ihn für lange Zeit abgelenkt hatten. Nun waren zwei Jahre vergangen, und es hatte ihn in den Fingern gejuckt, erneut etwas zu unternehmen. Nichts Großes, keine Suche nach Eldorado, aber endlich einmal wieder einen handfesten Schatz. Etwas, das ihm gemeinsam mit dem Professor immer verwehrt worden war. Nun ging es um die Schätze des Padre Guilherme, und noch an diesem Abend wollte er die Mission gefunden haben.

Es war später Nachmittag, als sie die Zielkoordinaten erreichten. Der GPS-Empfänger wies mit einem Signal darauf hin, dass sie sich nun mit der zu erwartenden Abweichung von einigen Metern am Zielort befanden. Diese Genauigkeit war natürlich trügerisch. Patrick rief den Führern zu, dass sie anhalten sollten, und blickte sich um. Der Wald sah nicht anders aus als zuvor, und auch in den letzten Stunden hatte er keine auffälligen Strukturen entdeckt.

»Wir sind jetzt ganz in der Nähe«, erklärte er. »Nähere Daten gibt es nicht, jetzt müssen wir die Augen offen halten. Der Ort, den wir suchen, ist vor vierhundert Jahren verlassen worden. Zeit genug, für einige Generationen von diesen Urwaldriesen, um ihn zu überwachsen. Eine Lichtung werden wir also nicht finden. Es war keine große Mission. Es gab ein paar Hütten, von denen aber sicher keine Spuren mehr da sein werden, und ein Haupthaus, das aus Stein gebaut war. Es ist also denkbar, dass wir Mauerreste finden. Ach ja, und in der Nähe muss sich eine Cenote befinden. Eine sehr kleine.«

Besonders für den letzten Hinweis schienen die Scouts dankbar zu sein, denn sie nickten und würden sich vermutlich an bestimmten Tieren oder Pflanzen orientieren, die sich in der Nähe dieser wassergefüllten Löcher aufhielten. Cenoten entstanden aus Höhlen, die im Laufe von Jahrtausenden tief unter dem Urwaldboden durch das hindurchsickernde Regenwasser aus dem Kalkstein gewaschen wurden. Brach die Decke ein, bildeten sich oft kreisrunde Löcher. Manchmal mit nur zehn oder zwanzig Metern Durchmesser, aber zum Teil auch von der Größe eines Fußballfelds, mit steilen, steinernen Wänden, die bis zum Grundwasser hinabführten. Inzwischen hatte man herausgefunden, dass es auf der Halbinsel Yucatán über dreitausend solcher Cenoten gab, die größtenteils durch ein gigantisches unterirdisches, wassergefülltes Höhlensystem – vielleicht sogar das größte Höhlensystem der Welt – miteinander verbunden waren. Padre Guilherme hatte von einer kleinen Cenote in der Nähe seiner Mission berichtet, einem heiligen Platz der Maya, aber Patrick hatte auf den Satellitenbildern der Region im näheren Umkreis seiner Koordinaten keine Wasserlöcher finden können. Allerdings waren die Bilder von verhältnismäßig grober Auflösung gewesen, sodass Objekte geringer Größe darauf schlicht nicht zu erkennen gewesen waren.

Es war Jaime, der zehn Minuten später aus einiger Entfernung rief. Als sie zu ihm aufschlossen, sahen sie, dass er tatsächlich eine Cenote gefunden hatte. Sie war nicht groß, Patrick schätzte ihren Durchmesser auf zehn oder zwölf Meter. Der Waldboden endete an einer steilen Kante. Wie ein Brunnenschacht führten die Wände nach unten, von wo ein glatter Wasserspiegel einem grünen Auge gleich in den Himmel starrte.

»Sehr gut«, sagte Patrick. »Es kann nicht mehr weit sein. Wir trennen uns. Ich gehe in einigem Abstand rechtsherum, ihr beide links. Und Jaime, du machst dabei einen noch weiteren Bogen als Rodrigo. Wir treffen uns auf der anderen Seite!«

Dieses Mal war es Patrick, der fündig wurde. Ein Wall versperrte seinen Weg. Zwischen den Bäumen wölbte sich das Unterholz mit einem Mal hoch, als wüchse es über ein Hindernis. Patrick hieb mit seiner Machete einige der Pflanzen beiseite und stieß auf eine Schicht aus Moosen und Humus, die er ebenfalls entfernte. Darunter kam eine niedrige Mauer aus Steinen zum Vorschein, eine Konstruktion von Menschenhand.

Er pfiff auf zwei Fingern, um die beiden Führer herbeizurufen, und verschaffte sich derweil selbst einen Überblick. Er stieg auf den Wall und begutachtete dessen Verlauf. Tatsächlich bildete die unter dem Waldboden fast unkenntliche Mauer ein großes Rechteck, wie das Fundament eines Hauses. Dies war die Mission!

»Hier ist es«, erklärte er, als Jaime und Rodrigo herbeikamen. »Wir müssen alle Pflanzen um die Mauern herum und im Innenraum entfernen.«

Sofort machten sich die Männer an die Arbeit. Patrick hatte keine genaue Vorstellung davon, wo er in diesen kläglichen Ruinen einen Schatz finden sollte, aber er hoffte, dass ihm sein Instinkt eine Eingebung schenken würde, sobald sie die Mission freigelegt hatten. Er vermutete, dass ihn der Anblick der Mauern inspirieren würde, wie es hier einmal ausgesehen haben mochte, und vielleicht fanden sie ja auch andere Reste, Schutt, Hinweise, irgendetwas außer bloßen Steinen.

Zu dritt kamen sie gut voran, und noch vor der Dämmerung hatten sie nicht nur die Sträucher, Ranken und jungen Bäume in der Mitte der Ruine entfernt, sondern auch eine meterdicke Schicht von Unterholz und Erde aus den letzten vierhundert Jahren abgetragen und waren schließlich auf einen mit Kalksteinplatten belegten Boden gestoßen, der offenbar einst den Fußboden des Gebäudes gebildet hatte. Die Platten waren nicht mehr eben, an vielen Orten verschoben, von Pflanzen emporgehoben oder von Wurzeln durchdrungen und zersprengt worden. Auch war in der Mitte ein großer Baum mit fast einem Meter hohen Brettwurzeln gewachsen, ein noch junger Baumriese, der eines Tages mit seinem Umfang den gesamten Innenraum einnehmen mochte. Dennoch formte sich langsam das Bild eines schlichten Hauses, das hier, tief im Urwald Guatemalas eine Verbindung in das Spanien der Eroberer darstellte, eine unwirkliche Brücke in die Vergangenheit.

In einer Ecke des Raums, direkt an einer Wand, fiel Patrick eine besonders große Platte zwischen den kleineren auf. Vielleicht war hier einmal eine hölzerne Bühne gewesen, auf der ein gezimmerter Altar gestanden hatte? Irgendeine Bewandtnis musste diese Unregelmäßigkeit haben. Patrick holte einen der Klappspaten, die sie mitführten, und kratzte die letzten Erdreste von der Platte. Als er dabei an einer Kante hängen blieb, entdeckte er, dass eine Öse in den Stein gearbeitet worden war, in der ein zur Unkenntnis verrosteter, schmaler Metallring klemmte. Jedenfalls bis gerade eben, denn Patrick hatte ihn mit dem Spaten aus Versehen abgeschlagen.

Er kniete sich auf den Boden und wischte die Platte mit den Händen sauber. Sie maß fast einen Meter im Quadrat und war erheblich sorgfältiger gearbeitet als die Steine, die als Bodenfliesen dienten. Es war ein Zugang wie zu einem Keller oder einem Grab. Es musste möglich sein, die Platte hochzuheben.

»Jaime, Rodrigo! Kommt her und helft mir!« Die beiden Scouts unterbrachen ihre Vorbereitungen für das Nachtlager und kamen herbei. »Wir brauchen etwas, das wir als Brecheisen benutzen können, oder ein Seil. Am besten beides.«

Die Männer waren ähnlich praktisch veranlagt wie Patrick und verstanden sofort, was zu tun war. Wenige Augenblicke später hatten sie ein fingerdickes Kunststoffseil durch die Öse und über den Ast eines Baums geführt, sodass sie unter Einsatz ihres ganzen Körpergewichts an der Platte ziehen konnten. Patrick hebelte gleichzeitig mit dem Spaten an der vorderen Kante, und in Minuten gab der Stein nach. Langsam hob er sich aus seiner Lage und klappte, dem Verlauf des Seils folgend, nach hinten weg.

Patrick sah in das entstandene Loch und zuckte kurz zusammen, als ihm ein Schwall faulig stinkender Luft entgegenschlug. Einige steinerne Stufen führten hinab, höchstens zwei Meter tief, wo bereits ein schwarzbrauner Boden zu sehen war.

Patrick ging zur Ausrüstung, holte seine Maglite-Taschenlampe heraus und ging die Stufen hinunter.

»Scheiße!«, fluchte er, als er statt auf den Boden des Kellerraumes in eine schlammige Brühe trat. Der jaucheartige Gestank von verfaulten Pflanzenresten drang aus dem zähflüssigen Brei herauf. Vorsichtig tat Patrick einen weiteren Schritt und noch einen, bis es nicht mehr tiefer ging und er schließlich fast bis zum Knie in dem stinkenden Sud stand. Er ließ den Strahl der Maglite durch den Keller wandern. Die Wände waren aus natürlichem Stein, der an einigen Stellen bearbeitet worden war, vermutlich, um den Hohlraum ein Stück zu erweitern. Sie waren mit schwarzen Flecken aus Moosen und Pilzen übersät, und eine Vielzahl von Wurzeln drang durch die Decke und durch den Raum.

Patrick bewegte sich langsam vorwärts, schob seine Füße durch den Schlamm, wobei glucksende Geräusche entstanden. Jahrhundertelang war Regen durch den Waldboden und durch diesen Raum gelaufen, nichts Organisches, was einmal hier gewesen sein mochte, keine Bücher des Padres oder vielleicht seine Leiche, konnte noch erhalten sein, die Feuchtigkeit würde alles zersetzt haben. Aber wenn Padre Guilherme einen Schatz gehütet hatte, dann war es nur wahrscheinlich, dass er ihn hier unten aufbewahrt hatte. Und Edelsteine verrotteten bekanntlich nicht.

»¡Señor Patrick! Ist alles okay?« Es war die Stimme von Jaime, die vom Eingang her zu ihm herunterdrang.

»Ja, keine Sorge. Kümmert euch um das Feuer, bin gleich wieder da.«

Patrick ging vorsichtig weiter. Auf keinen Fall wollte er in dieser Kloake ausrutschen. Er überlegte, weswegen der Raum nicht noch höher unter Wasser stand. Anscheinend war das Gestein so durchlässig, dass es immer wieder ausreichend ablief. Tatsächlich traf das ja auf die ganze Gegend zu, sodass sie von Cenoten und kleineren ausgeschwemmten Hohlräumen durchzogen war. Wie der Padre diese Höhle gefunden hatte, um seine Mission geradewegs darüber zu errichten, war ein Rätsel. Aber vielleicht war es ja auch nur Zufall gewesen.

Das Licht seiner Taschenlampe fiel auf eine Ausbuchtung in der Wand. Dort hatte man eine Nische in den Fels gearbeitet. Patrick ging hinüber und untersuchte sie. Sie war nur etwa hüfthoch. Er streckte einen Fuß hinein und stockte, als er gegen ein Hindernis stieß, etwas, das in der Brühe lag. Vielleicht ein Stein, oder vielleicht auch etwas, das der Padre hinterlassen hatte?

Patrick zögerte, ob er sich hinunterbeugen und mit den Armen in der Jauche wühlen sollte, als er ein bedrohliches Knirschen hinter sich hörte. Es klang nach mahlendem Stein, und es klang hohl. »Verdammt!«, zischte er, als eine ruckartige Bewegung durch den Boden lief. Dann platzte etwas lautstark hinter ihm, brach auseinander. Er fuhr herum und sah mit Schrecken, dass sich der gesamte Boden senkte. Oder jedenfalls der Flüssigkeitspegel. Der Stein unter seinen Füßen schien noch stabil, aber etwas war geschehen, und der faulige Brei lief mit erschreckender Geschwindigkeit ab. Wieder knirschte es, und dieses Mal gaben große Teile des Bodens nach, stürzten in sich zusammen und rissen die zähe Brühe mit sich. Der gesamte Boden brach ein! Unter dem Keller befand sich ein weiterer Höhlraum, erkannte Patrick, vielleicht eine regelrechte Cenote, die viele Meter in die Tiefe bis zum Grundwasser führte! Er presste sich an die Wand, suchte am Stein Halt.

»Hey, Jungs! Ich brauche eure Hilfe! Und zwar schnell!«

Er tastete mit den Füßen in Richtung der Treppe, trat ins Nichts, und die Maglite zeigte ihm, dass der Boden dort bereits fehlte. Er stand nur mehr auf einem Sims, und auch der konnte jederzeit unter ihm wegbrechen.

»Wirf mir ein Seil rüber, los!«, rief er, als er sah, wie sich Jaime die Treppe hinunterbeugte.

Der Mann verschwand. Die Sekunden zogen sich scheinbar endlos. Um Patrick herum ächzte das Gestein. Es war so gut wie sicher, dass der Einbruch noch nicht zum Stillstand gekommen war. Endlich erschien der Scout wieder und machte Anstalten herabzusteigen.

»Nein, bleib da oben!«, rief Patrick. »Hier ist nichts mehr stabil!«

Jaime zog sich wieder ein Stück zurück, gerade so weit, dass er das Ende seines Seils in den Keller und zu Patrick werfen konnte. Er hatte es mit einem Stein beschwert, und es landete direkt hinter Patrick. Als er sich danach bückte, fiel der Schein seiner Taschenlampe erneut in die Nische. Auch hier war der Morast weitgehend abgelaufen, und nun war darunter eine Truhe sichtbar geworden.

Der Schatz!, dachte Patrick. Er untersuchte die Truhe. Sie war aus Holz, fast schwarz und hatte eine schleimige Oberfläche. Ein Wunder, dass sie die Jahrhunderte überstanden hatte und nicht längst in sich zusammenfallen war. Es musste ein besonders resistentes Tropenholz sein, oder vielleicht war es imprägniert worden, überlegte er. Er versuchte, die Truhe anzuheben. Vollgesogen mit Wasser wog sie wie Blei, und sie wies keine Griffe auf. Man musste sie mit beiden Armen hochwuchten, und vermutlich war sie selbst dafür zu schwer.

Auf dem schmalen Sims, auf dem Patrick stand, hatte er kaum die Möglichkeit, sich vernünftig zu bewegen. Vollkommen aussichtslos, die Truhe hochheben zu wollen. Außerdem musste er sich selbst mit dem Seil von Jaime sichern, um nicht abzustürzen. Während er das Seil an seinem Gürtel befestigte und eine Schlaufe für seine Hände vorbereitete, überlegte er fieberhaft. Ein weiteres Seil? Nein, von der Treppe her konnten sie die Truhe nicht hochziehen, sie würde über den Boden schleifen, in das Loch vor der Treppe stürzen und gegen die Wände schlagen. Bretter! Sie konnten Bretter über den Boden legen, von der Treppe zum Sims und die Truhe so darüber ziehen.

Es blieb ihm keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Mit einem plötzlichen Krachen stürzte die gegenüberliegende Wand des Kellers in sich zusammen, riss Teile der Decke heraus, und mit gewaltigem Getöse brach der Baum mit seinen Brettwurzeln durch die Kellerdecke, durchstieß die letzten Reste des Fußbodens und fuhr wie ein Speer in die sich öffnende Cenote zu Patricks Füßen. Um ihn herum platzten Steinbrocken aus der Wand, der ganze Raum schien zu implodieren. Der Baum rutschte tiefer und riss mit seinen Ästen weitere Teile der Decke auseinander, Zweige peitschten an Patrick vorbei, der sich so dicht wie möglich auf seinem Sims an die Wand presste. Und endlich kam der Urwaldriese zum Stehen, blieb mit dem oberen Teil seiner Krone in dem Krater hängen.

»¡Señor Patrick! Alles gut?«, hörte er Rodrigo von oben zwischen den Ästen rufen.

»Ja! Aber vielleicht nicht mehr lange!« Das Seil, das er von Jaime bekommen hatte, nutzte ihm im Augenblick nichts, denn das Geäst des Baums versperrte den Weg zu den Stufen, die nach oben führten. Er musste irgendwie durch die Decke... Er konnte den Rand der herausgebrochenen Teile mit ausgestreckten Armen über sich spüren, aber hinaufspringen, um sie zu ergreifen, war wohl wenig sinnvoll. Zu groß war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Steine ebenfalls lösten und er fallen würde. Und der kleine Vorsprung unter ihm, der ihm diese Galgenfrist gewährte, würde das sicher auch nicht aushalten.

Schon gaben die Steine unter ihm nach. Seine Beine rutschten ins Leere. Er ließ die Taschenlampe fallen und griff nach den Zweigen vor ihm, glitt ab, krallte sich erneut in das Grün und bekam schließlich einen Ast zu fassen, als sich gleichzeitig das Seil an seinem Gürtel spannte. Er hing im Baum, seine Beine baumelten über dem Abgrund. Er suchte mit den Füßen einen Stand. Solange der Baum nicht vollends versank, war er sicher.

»Ich habe Sie, señor!«, hörte er Jaime aus Richtung der Treppe rufen. Aber das nutzte ihm wenig. Wenn der Baum ihn mit sich nach unten riss, würde Jaimes Seil ihn auch nicht mehr halten könnte. Er musste nach oben!

Er hangelte behutsam nach einem höheren Ast und prüfte, ob dieser fest genug war. Er befand sich nur wenig unterhalb des Bodenniveaus, unter normalen Umständen wäre es kein Problem, einfach aus dem Loch zu klettern. Nur konnte er sich nicht sicher sein, dass der Baum nicht plötzlich doch noch tiefer absackte. Aber er musste es wagen, eine andere Möglichkeit hatte er nicht. Er löste das Seil von seinem Gürtel, als Rodrigo ihm ein anderes durch die Äste herabwarf. Es blieb zu weit von Patrick entfernt hängen. Rodrigo zog es wieder ein und warf erneut, bis es nah genug landete, sodass Patrick es erreichen und sich erneut daran befestigen konnte. Dann begann er mit dem Aufstieg. Einige nervenaufreibende Minuten später war er so weit in die Krone geklettert, dass er mit einem weiten Satz auf festen Boden springen konnte.

Erleichtert setzte er sich auf den Boden, schnürte sich los und atmete aus. Er zündete sich eine Zigarette an, reichte den beiden Scouts, die ihm erfreut auf die Schulter klopften, je eine und betrachtete die Verwüstung. Der Fußboden der einstigen Mission war so gut wie vollständig verschwunden. Aus dem schwarz gähnenden Loch ragte der obere Teil des Urwaldriesen heraus, wie ein übergroßes Gebüsch. Der Stamm war fünf, vielleicht zehn Meter tief in der Cenote verschwunden und hatte vermutlich nicht einmal den Boden erreicht.

Der Schatz! Er musste an die Truhe gelangen! Noch stand sie in der Nische der letzten Wand, die nicht zusammengefallen war. Er besprach den Plan mit Jaime und Rodrigo, die kurz darauf mit betriebsamen Vorbereitungen beschäftigt waren. Aus mehreren Seilen, Riemen und Gurten konstruierten sie eine Vorrichtung, mit der sie Patrick wie einen Freeclimber sichern konnten. Mit weiteren Gurten, Karabinerhaken und einer Machete bestückt, machte er sich noch einmal an den Abstieg, dieses Mal direkt von oberhalb der Stelle, an der sich die Truhe befand. Um das Gestein nicht zu belasten, benutzte er den Baum und achtete darauf, dass sich seine Aufhängung nicht in den Ästen verfing und er im Zweifelsfall nicht mitgerissen werden konnte. Dann stieß er sich ab und schwebte, nur von den Seilen gehalten, in der Luft zwischen den Ästen und der Truhe. Er schob die Machete unter das modrige Holz, hebelte es ein Stück an, fädelte die Gurte mehrfach darunter hindurch und befestigte sie mit den Karabinerhaken. Dann ergriff er die Verschnürung mit seinen Händen. »Ich habe sie!«, rief er, und kurz darauf wurde er langsam nach oben gehievt. Die Truhe hatte einiges Gewicht, aber es gelang Patrick, sie so lange zu halten, bis er wieder über der Erde war. Dann schwenkten ihn die Scouts herum, sodass sie ihn schließlich außerhalb der Ruine absetzen konnten. Die gesamte Aktion hatte vermutlich fünf Minuten gedauert, aber Patrick war schweißgebadet.

Während Jaime und Rodrigo nun endlich das Lagerfeuer entfachten, begann er, das Holz zu untersuchen. Es war schwarz und glitschig nass, aber es war noch erstaunlich stabil. Die Truhe hatte keine Beschläge, es war eine rundum fest verschlossene Kiste. Patrick entdeckte fast vollständig zugequollene Löcher, in denen sicher Nägel steckten, wenn sie sich nicht schon aufgelöst hatten. Aber wenn das Holz hart genug und wasserabweisend war, mochten sie sogar noch erhalten sein; möglicherweise der Grund, weswegen die Konstruktion noch immer zusammenhielt.

Er entdeckte eine schwach auszumachende Linie rund um den oberen Teil und begann vorsichtig, an dieser Stelle mit einem Messer in das Holz einzudringen und es auseinanderzudrücken. Nach und nach erweiterte er den Spalt, bis er den Deckel mit einer letzten Kraftanstrengung aufgebrochen hatte. Tatsächlich war er mit fingerlangen schmiedeeisernen Nägeln befestigt gewesen, die noch so ungeheuer fest steckten, als seien nicht Jahrhunderte, sondern nur Tage vergangen. Womöglich hatte das Holz sich in der Feuchtigkeit sogar nur noch fester zusammengezogen.

Er spähte in die Truhe. Seine schwache Hoffnung, dass der Inhalt unversehrt geblieben war, wurde enttäuscht. Natürlich war Wasser eingedrungen, vielleicht schon sehr früh. Im Inneren befand sich eine ähnlich modrige Brühe, wie im gesamten Kellerraum. Patrick fuhr mit der Hand in die stinkende Masse. Etwas Organisches war hier vermodert, vielleicht alte Leinen oder Papier. In dem Brei spürte er ein schweres Objekt. Er zog es heraus. Es war ein kleines Altarkreuz. Nur vierzig oder fünfzig Zentimeter groß. Es war schwarz und wog schwer. Patrick wischte den gröbsten Dreck herunter und erkannte, dass es nicht aus Eisen war, sondern aus Silber. Angelaufen, kaum zu erkennen, aber es war Silber. Und in den Armen waren Steine eingefasst. Eine vierhundert oder fünfhundert Jahre alte Kostbarkeit aus der Zeit der Konquistadoren!

War das der Schatz, von dem der Padre geschrieben hatte? Aber hatte er nicht erwähnt, dass ihm die Maya Schätze gebracht hätten? Er würde doch wohl kaum sein eigenes Altarkreuz erwähnen...

Noch einmal griff Patrick in die Truhe. Er meinte schon, den Boden zu spüren, bis er feststellte, dass es etwas anderes war, groß und mit einer ebenen Oberfläche. Er konnte es kaum herausheben. Nun griff er auch mit der anderen Hand hinein, und kurz darauf hob er einen Klotz hervor, fast so lang und breit wie die Truhe und etwa zehn Zentimeter dick. Er war mit organischem, faserigem Brei umwickelt, der ehemals ein Stoff gewesen sein mochte, und wog so viel wie eine Bleiplatte.

Patrick legte das Objekt auf seinen Schoss und befreite es von den vermoderten Resten.

Sein Atem stockte, als er sah, was er entdeckt hatte.

Pures Gold strahlte ihm entgegen, so glänzend wie am ersten Tag. Es war eine Tafel, übersät mit feinen Zeichnungen und sorgfältig eingearbeiteten Maya-Glyphen. Sie war am Rand mit großen goldenen Ringen versehen, und als Patrick die Platte zur Seite klappte, erkannte er, dass es sich um ein Buch handelte. Ein Buch mit Blättern aus dünn gewalztem Gold, beschriftet mit der größten Menge an Maya-Glyphen, die er jemals gesehen hatte.

Das war der Schatz des Padre! Eine Überlieferung der Maya, für alle Ewigkeit in das kostbarste Metall gearbeitet, dem die Zeit nichts anhaben konnte.

Die Suche hatte sich gelohnt!


Lateinischer Friedhof »Terra Santa«, Bab Sharq, Alexandria


Peter Lavell stand am unteren Ende der Stufen und sah auf den Torbogen, der als Eingang des Alabastergrabes bekannt war. Hinter ihm kam Yves Pouilloux die Treppe herab.

»Ich versprach Ihnen ja, dass es nicht weit ist«, sagte der Franzose.

Peter nickte. Er war froh, dass sie auf dem Weg durch die Stadt einen klimatisierten Wagen gehabt hatten. Denn kaum war er draußen, trat ihm schon der Schweiß auf die Stirn. Es wunderte ihn nicht, dass so viele der hier arbeitenden Männer Hüte oder wenigstens Mützen trugen. Zwar standen auf dem Gelände des alten Friedhofs einige Akazien und Zypressen, aber Schatten gab es kaum. In früheren Jahren hätte ihm die Hitze weniger ausgemacht, aber nun hatte er die sechzig überschritten und war weit weniger rüstig. Der gebürtige Engländer lebte und arbeitete in Hamburg, und weder sein Büro im Museum für Völkerkunde noch das oft feuchte und windige Klima in der Hafenstadt prädestinierten ihn für diese Breiten. Nun war es hier noch halbwegs gemäßigt. Er erinnerte sich an seinen letzten Aufenthalt in Ägypten vor zwei Jahren. In Kairo war es noch schlimmer gewesen.

»Kommen Sie, Professor Lavell«, sagte der Franzose, »ich bringe Sie zum Team.«

Peter folgte dem Mann. Yves Pouilloux arbeitete für das Centre d'Etudes Alexandrines, eine ortsansässige französische Organisation, die archäologische Untersuchungen in Alexandria durchführte. Sie war erst seit 1990 hier tätig, hatte aber in dieser Zeit große Fortschritte gemacht, sowohl in der Stadt als auch im Hafengebiet. Dabei ging es in erster Linie um die ptolemäische Zeit der ägyptischen Geschichte, aber natürlich fanden sich neben den griechischen auch römische Überreste und Spuren aus späteren Zeiten.

Yves brachte Peter zu einer Betonhütte, neben der ein großes Zelt stand. Hier waren Tische aufgebaut, und eine Vielzahl von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Helfern war beschäftigt. Sie sahen auf, als der Ausgrabungsleiter mit seinem Gast näher kam.

Peter wurde einigen Leuten vorgestellt, lächelte und ging schließlich mit dem Franzosen in das schlichte Häuschen. Es war nicht mehr als ein großer Raum, aber hier war es schattig, und Peter war froh, als ihm ein Stuhl angeboten wurde.

»Ich freue mich sehr, dass Sie die Reise auf sich genommen haben«, sagte Yves. »Wir haben auf Sie gewartet und noch nicht mit dem Durchbruch begonnen. Sie sollten unbedingt dabei sein.«

»Sie haben die Arbeiten nur meinetwegen ruhen lassen?«, fragte Peter.

»Aber nein!« Der Franzose lächelte. »Es gab genug andere Dinge zu tun. Außerdem: Wir haben so lange darauf gewartet, da kam es auf zwei Tage mehr oder weniger nicht an. Sie haben ja keine Ahnung, wie schwierig es ist, hier eine Genehmigung zu bekommen! Bukra, bukra, heißt es hier: Morgen, morgen. Was auch nächstes Jahr heißen kann... Nun, sicher kennen Sie das selbst.«

»Die Behörden sind überall auf der Welt die gleichen«, bestätigte Peter.

»Was die Arbeit hier erschwert, ist, dass eine einzelne Genehmigung nicht ausreicht. Das SCA zu überzeugen, ist dabei das kleinste Problem...«

»Das Supreme Council of Antiquities, die ägyptische Altertümerverwaltung?«

»Ja.«

»Ich hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen, Dr. Aziz kennenzulernen.« Peter dachte zurück an sein letztes Projekt in Kairo. Sein erfolgloser Besuch beim Vorsitzenden der Zentralbehörde war ihm in lebhafter Erinnerung – ebenso wie der spätere Einbruch in dessen Haus. Er schmunzelte bei dem Gedanken.

»Aber Dr. Aziz ist nicht das Problem«, fuhr der Franzose fort. »Wir arbeiten sehr gut und eng mit dem SCA zusammen. Nein, es geht um etwas anderes. Sehen Sie, hier nebenan liegt ein griechisch-orthodoxer Friedhof, auf der anderen Seite ein katholischer. Und es gibt noch mehr: einen griechisch-katholischen, einen armenisch-koptischen, einen koptischen und sogar einen britischen Soldatenfriedhof. Sie wurden alle im Lauf der Jahrhunderte hier gebaut, ja die ganze Stadt ist über diesen Fleck gewuchert. An vielen Orten, die ehemals zu diesem Gelände gehört haben, stehen heute Gebäude. Dort können wir nur graben, wenn einmal etwas eingerissen und neu gebaut werden soll. Dann bekommen wir – wenn wir rechtzeitig zur Stelle sind – mit Glück ein paar Tage Zeit, unter den Fundamenten nachzusehen. Und was dieses freie Stück hier angeht: Durch die angrenzenden Friedhöfe müssen wir an unzähligen Stellen um Genehmigungen betteln.«

»Und nun haben Sie eine bekommen«, konstatierte Peter.

»Ja. Und wie ich Ihnen bereits schrieb, erhoffen wir uns eine ganz besondere Entdeckung.«

»Sie suchen das Grab Alexanders des Großen.«

»Es ist eines der berühmtesten Gräber der Weltgeschichte! Ach, Ihnen muss ich das nicht sagen. Wir haben die Arbeit von Professor Fausi el-Facharani übernommen. Er war es ja, der vor zehn Jahren hier mit den Untersuchungen begann.«

Yves stellte zwei Gläser auf den Tisch und schenkte Wasser ein.

Peter nahm sein Getränk dankend entgegen. »Das Alabastergrab wurde seit seiner Entdeckung immer wieder für das Grab eines ptolemäischen Herrschers gehalten«, sagte er und nahm einen Schluck. »Aber ob es ausgerechnet das von Alexander dem Großen war? Außerdem: Alexandria hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Hier steht sicher kein Stein mehr dort, wo er einmal gewesen ist. Der Überlieferung nach – oder sagen wir lieber einer Überlieferung nach – sollte sich das Grab Alexanders des Großen im Zentrum der Stadt befunden haben. Aber wo ist dieses antike Zentrum heute?«

»Ganz richtig, das war die Frage«, erklärte Yves. »Es gab zwar schon länger die Vermutung, dass sich das Zentrum möglicherweise genau hier, unter dem Lateinischen Friedhof befunden hatte. Aber auf eine bloße Ahnung hin kann man einer lebenden, modernen Stadt natürlich nicht einfach die Fundamente wegschaufeln.«

»Und jetzt sind Sie sich sicher?«

»Ja. Wir konnten die Bodenbeschaffenheit mit einem verbesserten elektromagnetischen Reflexionsverfahren systematisch nach möglichen Hohlräumen oder Fremdkörpern in den Gesteinsschichten durchsuchen. Und jetzt, viele Probebohrungen später, sind wir so weit: Wir haben einen Gang freigelegt und eine an seinem Ende liegende Tür. Wir möchten sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit untersuchen, herausfinden, was sich dahinter verbirgt, und Sie haben wir eingeladen, damit Sie diesem Ereignis beiwohnen!«

»Wie sind Sie auf mich gekommen?«, fragte Peter. »Es gibt viele andere Historiker, die mehr über Alexander den Großen wissen als ich. Die sich spezialisiert haben. Und was ist mit den großen Ägyptologen? Franck Goddio fällt mir sofort ein.«

»Alles zu seiner Zeit. Es gibt nur einen ersten Augenblick, und den möchte ich nicht mit einem ganzen Reisebus von Zuschauern teilen. Zudem...«, Yves machte eine Pause und beugte sich nach hinten, von wo er eine Schachtel hervorholte. »Zudem haben Sie offenbar einen Gönner in Kairo.«

Peter sah den Franzosen fragend an.

»Ich habe ein Schreiben der SCA erhalten, das Sie ausdrücklich empfiehlt.«

»Mich empfiehlt? Etwa von Dr. Aziz? Das ist unlogisch... Und außerdem: Weshalb ist er nicht selbst hier? Er scheint mir doch sonst auch keine Gelegenheit auszulassen, überall dabei zu sein und sein Gesicht in die Kamera zu strecken.«

Yves zuckte mit den Schultern. »Oh, fragen Sie mich nicht, warum. Offen gestanden wundere ich mich über die Anwandlungen der SCA schon lange nicht mehr. Aber freuen Sie sich einfach. Und dieses Päckchen hier kam heute Morgen für Sie an.« Er übereichte dem Professor die Schachtel. »Es steht kein Absender darauf. Nur eine Reihe von Hieroglyphen, dort, sehen Sie? Es bedeutet...«

»Thot Wehem Ankh Neb Seshtau«, vollendete Peter. »Der Wiedergeborene Thot, Herr der Geheimnisse. Ich kenne diesen Absender.« Er lächelte, als er sich an die Erlebnisse in Kairo erinnerte. Hierhinter verbarg sich eine geheime Gesellschaft, die ihm manche Steine in den Weg gelegt hatte, bis am Ende klar geworden war, welche Ziele sie eigentlich verfolgte. Sie waren im Guten auseinandergegangen. Allerdings hatte er nicht erwartet, jemals wieder von den Leuten zu hören. Er öffnete das Päckchen. Zuoberst lag eine Postkarte. Es war eine Ansicht des Ägyptischen Museums in Kairo. Die Rückseite enthielt nur eine Zeile:

Wissen, Erkenntnis und Weisheit. M.

Unter der Karte, in das Papier einer ägyptischen Tageszeitung gewickelt, kam eine Statuette zum Vorschein, eine ibisköpfige Gestalt in schreitender Pose. Es war der ägyptische Gott Thot, Begründer der Schrift und der Wissenschaften, der Kulturbringer der altägyptischen Tradition. Peter kannte die Figur. Es war die gleiche, vielleicht sogar dieselbe, die vor einigen Jahren auf dem Schreibtisch von Oliver Guardner gestanden hatte. Jenem alten Herrn, der ihn zur Suche nach der »Quelle des Wissens« eingeladen hatte, die ihn bis tief unter die Wüste und die Nekropole von Sakkara geführt hatte. Damals hatte er auch Melissa kennengelernt, und das »M« war nichts anderes als ihre Unterschrift. Jetzt wusste er nicht nur, dass seine Schritte erneut beobachtet wurden, sondern auch, dass man sie guthieß und dass Melissa ihren positiven Einfluss sogar bis in die Altertümerverwaltung ausgebreitet hatte. Es war ein schönes Gefühl, und mehr Worte als jene auf der Karte waren nicht notwendig.

»Ein Geschenk?«, fragte Yves.

»Ein Segen. Von guten Freunden«, antwortete Peter.

»Wunderbar. Dann können wir uns nun zur Ausgrabung begeben. Sind Sie bereit?«

»Ja, einverstanden.«

Der Franzose führte Peter hinaus, über das Gelände und zu einem knapp zwei Meter tiefen Schacht, der von einem großen Zelt überspannt wurde. Sie duckten sich unter der tief hängenden Plane hindurch und gingen einige Stufen hinab, die in das Erdreich gegraben worden waren. Am Boden der Grube war der obere Absatz einer schmalen Treppe freigelegt worden, die in einem schräg abfallenden Gang tiefer führte, in ähnlicher Weise wie die Zugänge der Gräber im Tal der Könige konstruiert waren.

Yves nahm eine Taschenlampe von einem der umherstehenden Assistenten entgegen. »Kommen Sie, Professor Lavell«, sagte er und betrat den Gang.

Sie waren der Treppe erst wenige Meter gefolgt, als erste Beklemmungsgefühle Peter befielen. Er spürte das Gewicht der Steine und der Erde über ihm, und trotz des Scheins des Eingangs hinter ihm und des Lichtkegels der Taschenlampe vor ihm drängte die Dunkelheit an ihn heran. Er hatte bemerkt, dass es mit dem Alter schlimmer wurde. Er konnte sich nicht erinnern, dass er die Dunkelheit in jungen Jahren je so drohend empfunden hatte. Es war keine konkrete Angst und auch keine unbestimmte abergläubische Furcht, sondern ein Gefühl der Haltlosigkeit, des Verlusts von Orientierung und Sicherheit. Vielleicht waren seine Erlebnisse in Südfrankreich vor mehreren Jahren der Auslöser gewesen. Besonders schlimm war es dann in Sakkara geworden. Vermutlich gab es eine psychologische Ursache, etwas, das sich in seinem Leben geändert hatte. In manchen Augenblicken, wenn er die Erlebnisse der letzten Jahre rekapitulierte, schien er kurz davor, die Lösung mit den Händen greifen zu können. Aber stets entzog sie sich ihm, wie die Erinnerung an einen Traum.

»Hier ist es!«

Peter stieß fast mit dem Franzosen zusammen, als dieser plötzlich stehen blieb. Der Gang hatte sich zu einem Vorraum erweitert. Er war nahezu schmucklos bis auf zwei Figuren, die die Wand direkt vor ihnen zierten. Yves ließ den Schein der Taschenlampe darübergleiten. Die Malereien waren in großen Teilen bereits gemeinsam mit dem weißen Putz abgebröckelt, aber sie waren noch gut zu erkennen. Peter identifizierte sie als ägyptische Götter. Rechts stand Thot, mit Schreibutensilien in den Händen, und links war Anubis zu sehen, der Wächter des Totenreichs.

»Dem Stil nach ist es ptolemäisch«, bemerkte Peter. »Es imitiert eine altägyptische Wandmalerei. Aber der griechische Einschlag ist deutlich zu erkennen.«

»Sehr treffend beobachtet!«, sagte Yves. »Und hinter dieser Wand befindet sich eine Kammer.« Er betätigte einen Fußschalter, und zwei Kaltlicht-Scheinwerfer auf Stativen leuchteten auf. In einer Ecke des Raums war eine Videokamera aufgebaut. Sämtliche Kabel liefen über den Boden und durch den Gang zum Ausgang. Sie waren Peter anfangs gar nicht aufgefallen. Für einen Moment fühlte er sich in die mysteriöse Höhle in Südfrankreich zurückversetzt, die er gemeinsam mit Patrick untersucht hatte. Es war merkwürdig: Sosehr er sich in seinem Leben und seiner Arbeit mit der Geschichte, den Entdeckungen und Theorien anderer auseinandergesetzt hatte, warfen ihn die Erlebnisse der letzten Jahre immer häufiger auf ihn selbst zurück. Er war auf der Suche nach Wissen gewesen, nach der Wahrheit, den Ursprüngen. Aber neben allen Verbindungen von Kulturen, Religionen und Weisheiten aus alter Zeit, die er aufdeckte, durch diese Entmystifizierung entging ihm ein wesentlicher Teil der Erkenntnis über sich selbst. Er nahm sich vor, diesem Aspekt künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

»Wir haben die Wand ausführlich untersucht«, erklärte der Franzose gerade. »Daher konnten wir uns eine gute Vorstellung davon machen, wie es dahinter aussieht. Es ist ein Hohlraum von rund fünfzig Kubikmetern. Zuerst haben wir feine Löcher gebohrt und Luftproben genommen, die wir mikrobiologisch analysiert haben.«

»Um giftige Pilzsporen oder andere Verunreinigungen auszuschließen?«

»Ganz genau. Und natürlich haben wir auch Temperatur, Feuchtigkeit und alle möglichen Isotope gemessen. Details können Ihnen unsere Techniker besser erklären, aber herausgekommen ist, dass die Kammer tatsächlich seit rund zweitausend Jahren nicht geöffnet wurde.«

»Dann kann man Sie nur beglückwünschen!«

»Wir waren sehr aufgeregt, als wir die Ergebnisse vorliegen hatten«, bestätigte Yves. »Zu diesem Zeitpunkt haben wir Sie eingeladen. In den folgenden Tagen wurde eine winzige endoskopische Kamera durch ein Bohrloch geführt, und wir konnten Bilder der Kammer machen. Und sehen Sie dort?« Er trat näher an die Wand und deutete auf eine Rille. »Wir haben die Wand bereits mit einer Steinsäge durchtrennt. Es war eine langwierige Arbeit, weil wir sehr präzise vorgehen mussten. Aber nun sind wir in der Lage, diesen ganzen Block aus der Wand zu entfernen.«

Einige Mitarbeiter des Grabungsteams kamen in den Raum. Sie schoben einen schmalen hydraulischen Hubwagen vor sich her, dessen Höhe sie so verstellten, dass seine Ladefläche auf einer Ebene mit der Unterkante des in den Fels geschnittenen Quaders lag. Während eine Mitarbeiterin die Videokamera in Betrieb nahm, befestigten zwei andere stabile Griffe mit je einem Paar überdimensionaler Saugnäpfe an der Steinwand. Sie waren an einen Kompressor angeschlossen, um offenbar einen Unterdruck zu erzeugen.

Die Maschine brummte, und als nach einiger Zeit die Ventile zischten und der notwendige Druck erreicht war, zogen die Assistenten den Steinblock Millimeter für Millimeter heraus. Es dauerte mehrere Minuten, bis er frei war. Behutsam deponierten sie ihn auf dem Rollwagen. Dann zogen sie das Gefährt beiseite und ließen Yves und Peter den Vortritt.

Dicht gefolgt von der Frau mit der Kamera, die ihr Gerät inzwischen geschultert hatte, sahen sie durch das entstandene Loch in die Kammer.

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, während sie die mit strahlend hellem, milchigem Stein ausgekleideten Wände des Raums betrachteten. Seit zweitausend Jahren waren sie die ersten Menschen, denen sich dieser Anblick bot.

»Es ist kein Grab«, sagte schließlich der Franzose.

»Nein«, bestätigte Peter. »Aber es ist etwas viel Wertvolleres!«

Die Wände der Kammer waren gesäumt von steinernen Regalen, allesamt aus poliertem Alabaster. Und in ihnen lagen Hunderte, vielleicht Tausende makellos gearbeitete Behälter aus demselben Material, wie ein gewaltiges Lager von Kanopen. Nur, dass es sich hier ganz offensichtlich nicht um jene vasenförmigen Behältnisse handelte, die im alten Ägypten zur Aufnahme der kostbaren Eingeweide der Mumien dienten. Diese hier besaßen keine Deckel mit ausgearbeiteten Köpfen, keine Horus- oder Anubis-Schädel, sondern schlichte Verschlüsse. In diesen Behältern befanden sich keine Eingeweide, sondern Dokumente. Der Raum war tatsächlich ein Archiv, ein Archiv des Wissens.

»Sie haben nicht die Grabkammer Alexanders des Großen gefunden«, sagte Peter atemlos. »Sie haben einen Teil der Bibliothek von Alexandria gefunden!«

Die Frau mit der Kamera auf der Schulter lächelte in sich hinein. Dichter an das Geschehen hätte sie nicht herankommen können. Kathleen Denver hatte es wieder einmal geschafft.

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