Kapitel 13
An Bord der Argo
Peter lag die halbe Nacht wach. Das Schaukeln des Schiffes war so stark geworden, dass ihm in der Koje immer wieder übel wurde, sodass er aufstehen und einige Minuten am Bullauge stehen und auf die Wellen sehen musste. Der bewölkte Himmel ließ nur selten einige Mondstrahlen hindurch, aber es reichte, um ein Gefühl für die Horizontale zu bekommen.
Immerhin, so überlegte er, war damit am Morgen vielleicht das Schlimmste vorbei, und sie konnten endlich ihren vielleicht einzigen Tauchgang mit Alvin unternehmen. Nicht, dass er viel Wert auf eine Fahrt in der winzigen Kugel hinab in die Finsternis legen würde. Aber hierin gipfelte die ganze Expedition, dies war der Grund, weswegen sie hier waren. Und nun, nur noch sechs Stunden vor Ablauf des Ultimatums der U.S. Navy, war es alles, was einen möglichen Erfolg von einer absoluten Niederlage trennte.
Er legte sich hin und sank wieder in einen ungesunden und nervenaufreibenden Halbschlaf, bis es endlich dämmerte.
Mit wackligen Beinen stand er auf und erschrak, als er im Spiegel des Waschbeckens sein blasses und mit Augenringen gezeichnetes Gesicht entdeckte. Nachdem er sich erfrischt und rasiert hatte, fühlte er sich etwas besser, aber der Blick aus seinem Bullauge entmutigte ihn. Der Seegang hatte nicht nachgelassen, und nun war noch dichter Regen hinzugekommen, der die Sicht auf wenige hundert Meter begrenzte.
Peter traf John auf der Brücke an. Von hier aus war das Ausmaß des Unwetters zu erkennen. Große Scheibenwischer versuchten, die Regenmassen wenigstens in Intervallen von der Fensterfront fernzuhalten. Das Wasser rund um die Argo schien zu toben, Wellen brachen sich über den Bug und spritzten an Deck.
»Guten Morgen, Professor. Ich hoffe, Sie konnten gut schlafen?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
»Es tut mir leid, das zu hören. Wollen Sie sich einen Kaffee oder Tee holen gehen? Hier oben kann man es gut aushalten. Die Bewegungen sind zwar stärker, aber wenn Sie eine gute Sicht in die Ferne haben, sollten Sie klarkommen.«
»Von Sicht in die Ferne kann wohl kaum eine Rede sein«, meinte Peter.
»Nun, es ist ein bisschen rau, zugegeben. Aber das ist völlig normales Wetter für den Atlantik. Ein Sturm ist das jedenfalls noch nicht. Sonst hätten wir Ihre Wissenschaftlerin auch schon längst wieder zurückgeschickt.«
»Unsere Wissenschaftlerin? Marie meinen Sie? Ist sie etwa schon hier?«
John lachte. »Also ganz so schnell dann doch nicht. Aber sie ist auf dem Weg hierher, kommt über den Luftweg direkt aus Nassau, wie Patrick es ihr offenbar vorgeschlagen hat.« Er sah auf die Uhr. »Sie sollte in etwa einer halben Stunde hier sein. Wir fahren mit einem Dingi raus und holen sie an Bord.«
»Bei diesem Wetter?!«
»Aber ja. Meine Leute waren schon bei ganz anderen Wellen draußen. Das sind Profis, und ein bisschen Action hält sie wach.«
»Aber bei solchen Wellen kann doch sicher kein Wasserflugzeug landen!«
»Nein, natürlich nicht. Deswegen hat sie einen Hubschrauber genommen, der sie hier absetzen wird.«
»Sie meinen ins Wasser absetzen?«
»Könnte sein, dass die Dame ein bisschen nass wird. Aber damit wird sie leben müssen.«
Peter schwieg und sah hinaus. Lag es an ihm, dass er übervorsichtig war? Schätzte er die Gefahr zu hoch ein? Der Kapitän klang routiniert und selbstsicher. Vielleicht war es ja wirklich alles so einfach.
»Hat sich die Navy gemeldet? Das Ultimatum müsste doch bald ablaufen.«
»In etwa zwei Stunden«, bestätigte John. »Bisher habe ich noch keine Nachricht bekommen. Aber wenn Sie sich Hoffnungen machen, dass das Wetter bald nachlässt, muss ich Sie enttäuschen.« Er deutete auf einen Computermonitor. »Das hier ist das Wetter. Der Punkt markiert unsere Position, das dort ist der Sturm, und dies ist die Prognose.«
Peter beobachtete mit Schrecken, wie sich eine dunkle Schleife aus Wolken über ihre Position bewegte und zusammenkringelte. »Wann wird das passieren?«, fragte er.
»In etwa fünf Stunden wird es hier ungemütlich.«
»Und die Argo? Was haben Sie vor?«
John rieb sein Kinn. »Wenn diese Daten hier stimmen, können wir es noch aushalten. Wenn es schlimmer wird, müssen wir uns zurückziehen. Das wissen wir erst, wenn es so weit ist. Es ist Ihr Projekt, daher gehe ich davon aus, dass Sie so lange hier bleiben möchten, wie ich für die Sicherheit des Schiffes garantieren kann.«
U.S. Küstenwache District Seven, Hauptquartier, Miami, Florida
Command Master Chief Owen betrat das Büro von Rear Admiral Williams, salutierte kurz und wartete darauf, dass Williams aufsah. Der Mann räumte gerade seinen Aktenkoffer aus, klappte ihn schließlich zu, stellte ihn auf den Boden und setzte sich.
»Owen, guten Morgen«, sagte er dann.
»Sir, ich habe einen Antrag von AUTEC bekommen, den Sie sich ansehen müssen.«
Williams streckte seinen Arm aus. »Zeigen Sie mal her. Worum geht es denn?«
Owen trat an den Schreibtisch heran und überreichte dem Rear Admiral ein Papier. »Lieutenant Commander Walters fordert Unterstützung an, um zwei Schiffe abzufangen.«
Williams verzog den Mund. »So, fordert er das an?« Er legte das Papier vor sich auf den Tisch, holte eine Lesebrille hervor und studierte den Text. »So, so...«, sagte er. »Ja, ich verstehe...« Dann sah er auf. »Dem Mann kann geholfen werden. Leiten Sie alles Nötige in die Wege. Wenn Sie bis zum vereinbarten Zeitpunkt nichts mehr von ihm hören, schicken Sie Ihre Leute raus. Wir brauchen erst mal die HC-130. Und die Helikopter-Crews in Clearwater, Savannah und hier in Miami sollen sich bereithalten.«
»Jawohl, Sir.«
Williams unterschrieb das Papier und gab es Owen zurück. »Guten Morgen.«
Owen war nachdenklich, als er das Büro verließ. Er hatte erwartet, dass Williams die äußerst ungewöhnliche Anfrage des Lieutenant Commander selbstverständlich ablehnen würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Irgendetwas Ungewöhnliches ging dort draußen vor, und der Rear Admiral wusste offenbar Bescheid.
Owen zuckte mit den Schultern. Es sollte nicht sein Problem sein, wenn Williams dahinterstand. Wenn die Standorte erst einmal instruiert waren, würden weitere Anweisungen von AUTEC kommen, und dann würde es sich vielleicht aufklären.
An Bord der Argo
»Nun?«, fragte Peter und setzte seinen Tee ab. »Wollen Sie nicht nach draußen und Ihre Marie in Empfang nehmen, wenn sie ankommt?«
Patrick sah nicht von der Zeitschrift auf, in der er blätterte.
»Nèin, eigentlich nicht. Haben Sie mal rausgeguckt?«
»Seit wann sind Sie wasserscheu?«, feixte Peter. Ihn hatte eine seltsame Art von Fatalismus ergriffen, der einen Teil seiner Anspannung in Leichtigkeit verwandelte. Angesichts der Tatsache, dass ihnen die Zeit unter den Fingern verrann und das Wetter keine Aussicht auf Besserung bot, mochte es eine Form von Galgenhumor sein. »Ich hätte gewettet«, fuhr er fort, »dass Sie es sich nicht nehmen lassen würden, persönlich mit dem Dingi hinzufahren.«
Patrick hob den Kopf. »Also erstens habe ich gerade die Nase vom Wasser voll. Und zweitens ist es nicht meine Marie. Wie wäre es, wenn Sie sich um Ihre Kathleen kümmerten?«
Peter hob eine Augenbraue. »Oh, man schlägt zurück! Sind Sie denn gar nicht neugierig?«
Patrick zuckte mit den Schultern. »Ich laufe jedenfalls nicht wie ein Tiger auf und ab. Sie wird schon kommen. Sie macht gute Arbeit, aber darüber hinaus, was sollte schon...«
Er brach mitten im Satz ab. Er sah an Peter vorbei, und seine Augen weiteten sich.
»Das...«, war alles, was er hervorbrachte.
Peter drehte sich um. Auch ihn durchfuhr es wie ein Schlag.
In der Tür stand die frisch angekommene Marie, in einem nassen, orangefarbenen Overall und einem Handtuch über den Schultern, mit dem sie sich offenbar gerade ihre Haare notdürftig trocken gerubbelt hatte. Ihre blonden Haare. Und ihr Gesicht. Es war das von...
»Stefanie!«, rief Patrick aus und erhob sich zögernd. Er wusste nicht, ob er aufspringen, losrennen oder Abstand halten sollte. Immerhin wähnte er sie seit fast drei Jahren tot.
Sie legte ihren Kopf etwas schief, lächelte und schob sich die Haare auf einer Seite hinter ihr Ohr. »Hallo, Patrick«, sagte sie, und an Peter gewandt, »hallo, Professor. Es ist schön, Sie beide wiederzusehen!«
Auch Peter stand nun auf, erschüttert und unschlüssig.
Patrick ging um den Tisch herum, trat auf sie zu, und sein Gesicht strahlte. »Du bist es tatsächlich! Das gibt's doch nicht!« Er lachte auf und breitete die Arme aus. »Ha! Das ist unfassbar!« Er umarmte Stefanie und schüttelte sie, während sie mit einem Ausdruck gespielten Entsetzens über seine Schulter sah und Peter zuzwinkerte.
Dann kam auch in den Professor Bewegung, er wiegte ungläubig den Kopf hin und her, ging auf sie zu und reichte ihr die Hand, nachdem Patrick seine Umarmung gelöst hatte.
»Willkommen an Bord, Stefanie«, sagte Peter. »Die Freude ist ganz meinerseits.«
Stefanie sah kurz auf Peters Hand, ergriff sie und sagte: »Sie haben sich nicht verändert, Professor.«
»Das musst du gerade sagen!«, meinte Patrick und trat einen Schritt zurück. »Erzähl lieber mal, was du hier machst! Wo du in den letzten Jahren warst. Und überhaupt: Warum bist du nicht tot?«
»Und: Wer sind Sie überhaupt?«, bemerkte Peter. »Ich darf wohl annehmen, dass Sie ebenso wenig Marie sind, wie Sie jemals Stefanie waren...«
Sie nickte. »Das sind alles sehr gute Fragen. Und ja, Professor, zielstrebig und analytisch sind Sie natürlich auf dem richtigen Weg! Aber...«, sie sah sich um, »könnte ich mich vielleicht vorher umziehen und dann einen großen Kaffee bekommen?«
Peter und Patrick wechselten kaum ein Wort, während sie auf Stefanie warteten. Dass sie hier war, allein, dass sie noch lebte, war derart unerwartet und bedeutete so viel, dass sie nur mit Mühe ihre Gedanken ordnen konnten.
Peter erinnerte sich an ihr erstes Projekt, zu dem sie vermeintlich von einer Abteilung der Vereinten Nationen eingeladen gewesen waren. Sie waren auf eine Höhle gestoßen, die mit so vielen Inschriften versehen gewesen war, dass sie einen Sprachwissenschaftler angefordert hatten, und daraufhin war ihnen Stefanie zugeteilt worden. Sie hatte hervorragende Arbeit geleistet, und schon während des Projekts hatte Peter sich gefragt, ob Stefanie sie nicht die ganze Zeit über unauffällig zur Lösung des Rätsels geführt hatte. Auf irgendeine Weise hatte sie immer distanziert und gleichzeitig überlegen gewirkt. Später hatten sie dann erfahren, dass Stefanie mitnichten vom Auftraggeber des Projekts gesandt worden war. Sie war scheinbar aus dem Nichts gekommen und hatte den Platz eines anderen eingenommen, ähnlich, wie sie nun Marie ersetzte. Doch bevor sie sie damals zur Rede hatten stellen können, war sie angeschossen und schließlich in der zusammenstürzenden Höhle begraben worden. Sie war unnahbar und rätselhaft geblieben, und auch Patricks spätere Nachforschungen hatten keine Spuren finden können, so als hätte sie nie existiert.
Auf eine ähnliche Weise war ihm damals der Mann merkwürdig vorgekommen, der sich Steffen van Germain nannte und dem das Rätsel um die Höhle offenbar bekannt war. Ihn hatten dieselbe Zurückhaltung im Urteil, dasselbe verschwiegene Wissen ausgezeichnet. Zwischen ihm und Stefanie, so schien es Peter, hatte es eine Gemeinsamkeit gegeben.
Später dann, während ihres Projekts in Ägypten, war ihnen der Mann erneut über den Weg gelaufen. Auch hier hatten sie die mysteriöse Hinterlassenschaft einer älteren, höher entwickelten Kultur gefunden, wieder eine Art Wissensarchiv, und wieder war da dieser Mann, nur dass er dieses Mal einen anderen Namen trug und sich ausdrücklich als Hüter des Geheimnisses zu erkennen gab.
Es war Patrick gewesen, der während des ganzen ägyptischen Abenteuers immer wieder von dem Gefühl erzählte, er habe Stefanie gesehen. Auf eine besondere Weise wurde er von Erinnerungen an sie heimgesucht, so war es Peter vorgekommen, und nun, da sich herausstellte, dass sie noch lebte, erschienen einige der Vorkommnisse in einem anderen Licht.
Dass Stefanie hier auftauchte, passte zu Peters Überzeugung, dass er und Patrick in Wahrheit seit Jahren ein und derselben Spur durch die Welt und durch die Jahrtausende folgten. Und diese Frau war in irgendeiner Form ein Teil davon. Peter fragte sich, ob dann nicht auch der Mann, jener Hüter des Wissens, wieder in Erscheinung treten müsste.
In Patricks Kopf spielten andere Gedanken eine Rolle. Stefanie hatte ihm von Anfang an gut gefallen. Während der Arbeit hatte sich herausgestellt, dass sie trotz ihrer verhältnismäßig jugendlichen Erscheinung – wie alt mochte sie sein? Dreißig? – über ein großes Maß an Wissen verfügte und sich von seinen damals oft rotzigen oder anzüglichen Bemerkungen genauso wenig beeindrucken ließ wie von den distinguierten Grillen des Professors. Sie war professionell, das traf es wohl am besten. Professionell, dabei aber niemals steif oder verbissen. Nach kurzer Zeit war sie ein Teammitglied geworden, das sich nahtlos einfügte, fast sogar unauffällig, ganz so, als würden sie sich seit Jahren kennen. Es war eine neue Erfahrung für Patrick gewesen, eine Frau auf diese Weise kennen und schätzen zu lernen, dass ihm ihre menschlichen und fachlichen Qualitäten wichtiger und bedeutsamer wurden als ihre ganz offenkundige Attraktivität. Er gestand sich ein, dass seine übliche machohafte Art eine Weile mit seinem Respekt für sie konkurriert hatte, bis er einfach nur zufrieden war, in ihrer Nähe zu sein, und sich sein Stolz verflüchtigt hatte.
Und dann war es schließlich das Erlebnis in der mysteriösen Höhle gewesen, das etwas in ihm bewirkt, ihn geändert hatte. Peter war nicht dabei gewesen, und so war es etwas, das er ihm nicht erklären konnte. Er konnte es sich nicht einmal selbst erklären.
Die Höhle bot einen Zugang zu Wissen, auf welche Art und mittels welcher Technologie auch immer. Als er sie betrat, wurde er von einem Informationssturm getroffen, der ihn augenblicklich außer Gefecht setzte und vermutlich in kürzester Zeit in den Wahnsinn getrieben hätte, wie es anderen Besuchern der Höhle in den Jahrhunderten vor ihm offenbar ebenfalls ergangen war. Doch Stefanie war dabei gewesen, und ihr war es gelungen, ihn herauszureißen, sodass er sich in der Fülle von Bildern, Zeichen, Stimmen und Klängen hatte bewegen können. Später merkte er, dass vieles in den wenigen Minuten, die er dieser gewaltigen, unsichtbaren Macht ausgesetzt gewesen war, an ihm haften geblieben war. Seine Sinne wurden geschärft, unbewusstes Wissen hatte sich in ihm verankert, das sich unkontrolliert und nur tröpfchenweise offenbarte.
Etwas hatte sich allerdings sofort geändert, und das war seine Wahrnehmung von Stefanie. Für Sekundenbruchteile durchfuhr ihn damals eine Erkenntnis, etwas öffnete sich in ihm, so als hätte die Fassade der Wirklichkeit einen Riss bekommen, durch den er etwas Erhabenes, die strahlende Supernova einer größeren Wahrheit erblickt hatte. Es war ein vollkommen surrealer Augenblick, nichts, das sich in Worte fassen ließ, einem Wunder gleich, das einen ins Mark traf, schockierte und zugleich auf Äußerste erregte. Er überlegte später, ob sich so eine heilige Vision anfühlen würde. Etwas, von dem er niemals gedacht hätte, dass er dafür empfänglich sei. Es war rein metaphysisch, nicht erklärbar und ohne jeden dinglichen Aspekt. Stefanie sah danach noch immer genauso aus wie zuvor, sie handelte und sprach wie zuvor, es hatte sich nichts geändert. Und dennoch wusste er von diesem Moment an, dass sie nicht die Frau war, für die sie alle sie gehalten hatten, sondern jemand – oder etwas – völlig anderes.
Er hatte plötzlich und heftig um sie getrauert, als sie gestorben war – oder jedenfalls den Anschein dessen erweckte. Und danach hatte er sich stets weiter an sie erinnert. Während ihres Projektes in Ägypten war er sich mehrfach sicher, sie gesehen zu haben, meinte, Botschaften von ihr zu bekommen, und er träumte mehrere Male von ihr. Diese Träume waren ihm so real vorgekommen, dass er in dieser Zeit überzeugt war – wenngleich es vollkommen unmöglich schien –, dass sie auf irgendeine Weise mit ihm in Kontakt stand.
Die Zeit war vergangen, aber die Erinnerung geblieben. Nicht immer bildlich, aber er erinnerte sich der Gefühle. Es war eine Wärme, die er spürte, wenn er an sie dachte. Es war Respekt, Anerkennung, eine ehrenvolle Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit und die Vision, die sie ihn hatte fühlen lassen.
Er schüttelte den Kopf, konnte seine eigenen Gedanken kaum nachvollziehen.
Aber nun war sie hier, und er fühlte sich wie elektrisiert. Sie war zurück, und sie strahlte noch immer, unscheinbar für einen Außenstehenden, aber in ihren Augen lag das gemeinsame Verstehen der Erlebnisse, die nur sie beide teilten.
Er konnte es kaum erwarten, sie über alles zu befragen. Und gleichzeitig fürchtete er, dass einiges, das ihn brennend interessierte, einfach nur profan klingen würde, wenn er versuchte, es zu formulieren.
Stefanie betrat den Raum kurze Zeit später. Sie hatte sich umgezogen oder sich vielleicht auch nur des schützenden Overalls entledigt, ihre Haare waren getrocknet.
»Das mit dem Wetter«, sagte sie, »das müssen wir noch mal üben.«
Gut gelaunt setzte sie sich an einen Tisch, während Patrick ihr einen Kaffee besorgte und vor ihr abstellte.
Sie nahm einen Schluck, dann lehnte sie sich zurück und lächelte etwas verlegen.
»Ja, ich bin nicht Marie. Und tot bin ich auch nicht. Wo soll ich anfangen?«
»Diese beiden Punkte wären doch schon mal ein guter Anfang«, meinte Peter. »Kaum zu glauben, dass ich so etwas Taktloses einmal fragen würde, aber: Warum sind Sie nicht gestorben?«
»Nun, diese Höhle«, begann sie, »sie stürzte zwar ein, das ist wahr. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich schon wieder draußen und konnte mich über die Rückseite des Berghangs retten. Ich war ja damals Elaine gefolgt und hatte sie auch in der Kammer gestellt. Elaine war schon in das Licht getreten, und als sie die Lichtsäule im Zentrum berührte, löste sie etwas aus. Ich entdeckte einen Seitengang und bin gelaufen, so schnell ich konnte. Dass der Gang mich ins Freie führte, war mein Glück. Sonst würde ich tatsächlich heute nicht hier sitzen.«
Patrick beobachtete Stefanie genau, während sie sprach. Er bemerkte ein leichtes Schmunzeln, ein winziges Funkeln in ihren Augen. Er vermutete, dass es nur die halbe Wahrheit war, was sie sagte. Er nahm sich vor, sie ein anderes Mal genauer danach zu fragen, was wirklich passiert war. Auch die Geschehnisse in Ägypten wollte er jetzt noch nicht ansprechen. Stattdessen fragte er: »Und hast du jetzt für Gérard gearbeitet? Hast du dich bei ihm als Marie ausgegeben?«
»Nein. Marie gibt es tatsächlich. Aber sie hat deine E-Mails nie bekommen.«
Patrick stutzte. »Aber... Wie hast du das angestellt?«
Sie lächelte. »Ach, es gibt ein paar technische Möglichkeiten, weißt du... Ist ja im Detail nicht so wichtig. Jedenfalls hat nicht sie dir geantwortet, sondern ich.«
»Das erklärt vielleicht auch«, meinte Peter, »wie Sie so schnell die atlantische Schrift entziffern konnten. Es kam mir gleich merkwürdig einfach vor.«
»Ja, stimmt«, sagte sie. »Ich wusste, dass Sie nicht viel Zeit haben. Deswegen habe ich ein bisschen nachgeholfen. Auf Basis des wenigen Materials, das Sie bisher gesammelt haben, wäre das sonst gar nicht möglich gewesen.«
»Dann kennen Sie die Schrift bereits.«
»Ich kenne sie, ja.«
»Und woher?«
»Es ist eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen: Sie ist zwar mehrere zehntausend Jahre alt, aber sie ist niemals in Vergessenheit geraten. Wenn man die Zusammenhänge kennt und weiß, wo man zu suchen hat, findet man sie.«
Peter zögerte. »Die Säulen!«, sagte er dann an Patrick gewandt. »In der Halle unter Sakkara. Dort waren ebenfalls fremdartige Zeichen! Ich erinnere mich...« Dann sah er wieder Stefanie an. »Kennen Sie etwa auch die Höhle, die ich meine?«
Sie nickte.
»Dann kennen Sie auch Steffen van Germain? Oder Al Haris, oder wie auch immer er heißt?«
»Ja. Wir arbeiten schon seit sehr langer Zeit zusammen.«
Peter lehnte sich zurück. »Ich fasse es nicht. Diese ganze Zeit über... Sie wussten über alles Bescheid! Aber Sie haben uns nie etwas gesagt, uns im Dunkeln tappen lassen.«
»Es war notwendig«, erklärte sie mit einer etwas sorgenvollen Miene, »dass Sie aus eigener Kraft Ihre eigenen Schlüsse ziehen. Es war wichtig zu beobachten, mit welcher Motivation Sie der Spur der Archive folgen würden. Und wie Sie auf Bedrohungen reagieren würden und auf die Verlockung, die diese Macht letztlich bedeutet.«
Peter schwieg. In ihm mischten sich Ärger, Frustration, ein Gefühl der Bevormundung und zugleich eine Art von Respekt. Hier saß er einer unscheinbaren Frau gegenüber, die der Suche seines Lebens und all ihren Implikationen ganz offenbar weit voraus war, eine Frau, die vielleicht über ein unvorstellbares Wissen verfügte und die eine Verantwortung trug. Sie musste über eine beachtliche moralische Integrität verfügen, denn der Schutz des Wissens war ihr wichtiger als Gewinn, Erfolge oder persönliche Eitelkeiten. Sie setzte sich auf eine passive, unaggressive Weise für das ein, das ihr wichtig war, und blieb dabei dennoch immer menschlich und gerecht. Wer war diese Frau wirklich, wer war der Mann, mit dem sie arbeitete, und über welche Macht verfügten sie tatsächlich?
»Noch kann ich Ihnen nicht sagen, wie alles miteinander zusammenhängt«, erklärte sie, als habe sie Peters Gedanken gelesen. »Hauptsächlich, weil wir noch zu weit davon entfernt sind, und zum anderen, weil Sie es noch nicht glauben würden. Und wie stünde ich dann da?« Sie lächelte ein wenig schalkhaft.
»Also, sorry«, sagte Patrick, »aber das klingt nach einer ziemlich laschen Ausrede.«
»Ich bin hier«, antwortete Stefanie ihm, »um euch zu helfen. Die Zeit drängt, und wir sind hier an einem Scheideweg. Ereignisse verdichten sich, und hier werden sie sich entscheiden. Ich werde euch unterstützen, so gut ich kann und darf. Je nachdem, wie die Geschichte ausgeht, wird sich alles aufklären. Oder wir scheitern... auf verschiedene mögliche Weisen. Einige weniger unangenehm als andere.«
»Wäre schön, wenn du etwas konkreter werden könntest«, meinte Patrick. »Das ist mir ein bisschen zu metaphysisch, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Metaphysisch?« Sie lachte auf. »Nein, gewiss nicht. Es ist völlig reell. Die Chancen, aber auch die Gefahren. Es tut mir leid, aber mehr kann ich im Moment wirklich nicht sagen. Es wird sich alles zeigen, vertraut mir!«
»Von welchen Gefahren sprechen Sie?«, fragte Peter.
»Von verschiedenen. Ihre kubanischen Konkurrenten haben Sie schon kennengelernt. Es ist zu erwarten, dass sie nicht so schnell aufgeben werden. Außerdem läuft das Ultimatum des Militärs in etwa einer Stunde ab. Wer weiß, was auf uns zukommt.«
»Es stimmt«, sagte Patrick. »John hat uns die Sache ja gut herauszögern lassen. Aber wenn die Uhr jetzt abläuft und man ihm hochoffiziell Dampf macht, wird er sicherlich abdrehen.«
»Aber was bleibt uns zu tun?«, fragte Peter und deutete zum Fenster. »Das Wetter ist schlimmer geworden, und John sagt, der eigentliche Sturm kommt sogar erst noch.«
»Dann müssen wir unbedingt vorher noch runter!«, sagte Patrick.
»Sie wollen tauchen? Haben Sie nicht gehört, was ich gerade gesagt habe? Ein Sturm zieht auf.«
»Mag ja sein, dass John vielleicht Schwierigkeiten hat, uns jetzt runterzulassen, aber wenn wir erst mal unter Wasser sind, bekommen wir doch von dem Sturm nichts mit. Wenn wir jetzt nicht gehen, gehen wir überhaupt nicht mehr. So viel ist wohl klar.« Er sah Stefanie an. »Oder? Wie siehst du das?«
Stefanie lächelte, sagte aber nichts, sondern wies mit einem Kopfnicken auf den Professor.
»Was soll ich dazu sagen...«, begannt Peter. »Ich richte mich danach, was mir der Kapitän erzählt. Natürlich würde ich lieber auf der Stelle aufbrechen, bevor das ganze Projekt abgebrochen wird. Aber John entscheidet, was möglich ist und was nicht...«
»Heißt das, Sie machen mit, wenn wir versuchen, ihn jetzt zu überreden?«
»Sie können es ja gerne versuchen, aber ich denke...«
Patrick stand auf. »Dann nichts wie los!«
Den Kapitän zu überreden ging einfacher als erwartet. Er war auf das Militär nicht gut zu sprechen, wie sich herausstellte. Offenbar hatte er schon in der Vergangenheit unliebsame Konfrontationen erlebt, und die hatten eher seinen Trotz als seinen Respekt genährt.
Er würde sie so schnell es ging mit Alvin in die Tiefe schicken. Das Manöver war schwierig, der Start würde reichlich ruckelig werden, aber im Augenblick war das Risiko noch kalkulierbar. Waren sie erst einmal auf dem Weg nach unten, konnte er das Militär weiter hinhalten, zumindest einen Tauchgang würden sie auf diese Weise machen können. Ein Restrisiko bedeutete der Sturm, der sich beständig näherte. Aber den aktuellen Daten zufolge würde es nicht schlimmer werden als andere Unwetter, die die Argo schon überstanden hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich auswachsen und zu einer Gefahr werden würde, war erstens sehr gering, und zweitens wäre das frühzeitig genug absehbar, sodass man Alvin einholen konnte.
Die Vorbereitungen an Deck gestalteten sich langsamer als üblich. Das. Schiff wankte und stampfte, der Regen und die immer wieder herüberfegenden Gischtschauer hatten den Boden gefährlich rutschig gemacht.
John befand sich auf der Brücke, als ein Funkspruch hereinkam.
»Research Vehicle Argo 2K, bitte kommen. Hier spricht die Küstenwache, Lieutenant Green auf Flug CG-37 aus Clearwater. Wir kreisen in dreitausend Fuß über Ihnen.«
John stöhnte innerlich. Offenbar hatte man ihnen einen der Aufklärer geschickt. Die Küstenwache verfügte über Flugzeuge des Typs HC-130, die in einiger Höhe über den Einsatzgebieten kreisten. Sie konnten ein großes Gebiet überwachen, standen in Kontakt mit der Küstenwache in Florida und etwaigen weiteren Teams, Hubschraubern oder Schiffen und konnten von hier aus Einsätze koordinieren.
»Flug CG-37, hier ist die Argo 2K, Captain Harris. Sprechen Sie.«
»Captain Harris, Sie haben Befehl, Ihre Tätigkeiten einzustellen und das Gebiet unverzüglich zu verlassen.«
»Davon ist mir nichts bekannt«, log John. »Auf wessen Anweisung handeln Sie?«
»Sie haben vor vierundzwanzig Stunden entsprechende Anweisungen des Navy-Recherche-Zentrums AUTEC erhalten. Räumen Sie das Gebiet.«
»Negativ. Wir befinden uns in wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich nicht einfach abbrechen lassen.«
»Verstanden. Sie erhalten Unterstützung zu diesem Zweck. Drei Hubschrauber der Küstenwache sind auf dem Weg zu Ihnen und werden in fünfundvierzig Minuten eintreffen. Over and Out.«
»Mist!«, rief John, nachdem der Pilot den Funkkanal geschlossen hatte. Die meinten es wirklich ernst. Wie die Unterstützung aussehen würde, konnte er sich gut vorstellen. Er hatte einmal die Küstenwache an Bord gehabt, und das war kein besonders erfreuliches Erlebnis gewesen. Alles kleine, selbst ernannte Generäle, die es nicht in die Navy geschafft hatten und sich nun aufspielten, als würden sie das Land ständig vor einfallenden Schwerverbrechern bewachen.
John verließ die Brücke und ging zum Hinterdeck, wo Alvin gerade aus dem Hangar gefahren wurde.
Er hielt eine Hand seitlich an den Kopf, um den Regen ein wenig abzuhalten. »Beeilt euch«, wies er seine Leute an. »In einer halben Stunde muss Alvin im Wasser sein.«
»Die Kufen haben sich verkeilt!«, antwortete einer der Männer. »Entweder wir machen es jetzt schnell – oder vorsichtig.«
»Versucht beides!«
Peter, Patrick und Stefanie saßen im Mannschaftsraum und warteten.
»Wir müssen John dazu überreden, dass Stefanie mitkommt«, sagte Patrick. Er hatte sich umgezogen, wenngleich er nicht viel anders aussah als sonst auch. Seine schweren Turnschuhe hatte er gegen ein Paar Converse ausgetauscht, er trug eine Jeans und einen grob gestrickten Pullover.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass das möglich ist«, sagte Peter, der ebenfalls schon in bequemerer Montur und mit einem Pullover dasaß. »Er hat doch schon Kathleen erklärt, dass Alvin dafür nicht ausgelegt ist. Außerdem haben Sie doch selbst gesehen, wie eng es da drin ist.«
»Wenn das unser einziger Tauchgang bleibt«, beharrte Patrick, »und danach sieht es ja aus, müssen wir vielleicht kurzfristig Inschriften übersetzen und Entscheidungen treffen. Ich meine, wer weiß, was wir da unten finden?«
Peter schüttelte den Kopf. »Dafür muss sie nicht mit an Bord sein. Vom Labor aus kann sie die Daten, die Alvin liefert, sicherlich live mitverfolgen und uns über Funk die Übersetzung liefern.«
»Mir wäre es lieber, wenn sie dabei ist«, wiederholte Patrick. »Und ich werde John überreden.«
»Vielleicht sollten Sie erst mal Stefanie selbst fragen«, meinte Peter, der sich plötzlich an einen bestimmten Moment in Südfrankreich zurückerinnert fühlte. Und wie damals nickte sie einfach.
»Ich bin dabei.«
»Na also!«
Als Kathleen die Brücke betrat, war der Kapitän gerade im Gespräch mit einem seiner Leute.
John schaute auf, nahm die Journalistin zur Kenntnis und verabschiedete kurz darauf den Mann, der dem Kapitän noch einige Ausdrucke übergab. Es war David, der Systemadministrator. Beim Hinausgehen bedachte er Kathleen mit einem abschätzigen Blick und verließ den Raum.
»Captain«, sagte sie mit einem herzlichen Lächeln, »ich habe Sie überall gesucht. Das hätte ich mir ja gleich denken können, dass Sie hier oben bei der Arbeit sind.«
»Es wäre wohl der falsche Augenblick, jetzt ein Nickerchen zu machen«, gab er zurück und steckte die Papiere in seine Jacke.
Sie kam näher und setzte sich auf einen der leeren Stühle. Dabei legte sie die Beine übereinander und drehte sich spielerisch ein wenig hin und her.
»Stimmt es eigentlich, was man erzählt? Dass das Militär unterwegs hierher ist?«
»Nein.«
»Nicht? Aber ich bin mir ziemlich sicher. Ich habe es von mehreren Leuten der Besatzung gehört.«
»Es ist die Küstenwache.«
»Ah! Und Sie bereiten trotzdem noch einen Tauchgang vor... schlägt da Ihr Herz als Wissenschaftler, oder ist es eher das eines Rebellen?«
»Ich denke nicht, dass ich Ihnen Rechenschaft schuldig bin, Miss Denver.«
Kathleen verzog ihren Mund zu einem leichten Schmollen. »Ach, kommen Sie schon, John... ich darf Sie doch John nennen, hm? Sie können auch gerne Kathleen zu mir sagen wie die anderen beiden auch.«
»Also gut... Kathleen... Aber wegen der Küstenwache sind Sie sicher nicht hier, habe ich recht?«
»Nein, stimmt...« Sie stand auf, trat dicht an ihn heran und sah schmunzelnd zu ihm auf. »Ich hatte etwas anderes im Sinn... wollte Sie etwas fragen.« Sie machte eine Pause und sah kurz zur Seite, bevor sie mit gedämpfter Stimme fortfuhr: »Etwas Persönliches.«
»Hier?«
»Nun... wir können es vielleicht besser in meiner Kabine besprechen. Wenn Ihnen das recht ist?«
John lächelte. »Ja, das wäre mir sogar sehr recht. Wie es der Zufall will, würde ich mich auch gerne mit Ihnen unterhalten ...«
Sie legte eine Hand auf seine Schulter. »Na, dann sollten wir uns nicht lange aufhalten, hm? Sie müssen ja gleich schon wieder einsatzbereit sein.«
John begleitete Kathleen, die zügig voranging. In der Kabine angekommen, setzte sie sich auf ihr Bett.
»Wissen Sie, John«, begann sie. »Dieses ganze Projekt ist irrsinnig wichtig. Peter und Patrick stehen vielleicht vor der sensationellsten Entdeckung seit der Mondlandung. Und Sie wissen ja, wie viel auf dem Spiel steht. Die beiden riskieren ihren Ruf, ihr Lebenswerk – und mir geht es genauso. Ich habe alles hingeschmissen und alle Angebote abgelehnt, nur um hier zu sein, wussten Sie das?«
John zuckte nur mit den Schultern.
»Na, ist ja auch egal. Aber weißt du... was ich sagen will... ich muss unbedingt mit an Bord dieses U-Boots!«
»Tatsächlich, ja? Es scheint Ihnen ja wirklich wichtig zu sein.«
Sie nickte.
»Aber wir haben schon darüber geredet. Alvin ist nicht für vier Personen gedacht.«
»John, bitte! Ich weiß, dass man noch einen vierten reinquetschen könnte. Dick hat mir verraten, dass ihr sogar schon zu viert unten wart!«
»Was meine Besetzung tut, hat nichts damit zu tun, was für Fremde an Bord gestattet ist. Ich trage hier für alles die Verantwortung.«
»Ich unterschreibe auch eine Erklärung, dass...«
»Darum geht es nicht...«
»Worum geht es dann? Um Geld?«
»Ich bin nicht bestechlich, Kathleen.«
Sie stand auf, trat vor John und legte die Hände an seine Hüften. »Vielleicht habe ich es noch nicht deutlich genug ausgedrückt... John...« Sie senkte die Stimme. »Ich bin bereit, alles dafür zu tun. Was du dir wünschst.«
John lächelte, legte seine Hände auf ihre, umfasste sie.
»Ich weiß...«, sagte er.
Sie lächelte wieder. »Ja? Und? Sind wir im Geschäft?«
John packte zu. Presste ihre Handgelenke zusammen und drehte sie nach oben. Kathleen schrie auf.
»Nein«, sagte John. »Wir sind nicht im Geschäft.«
»John!«, schrie die Reporterin. »Du tust mir weh! Lass mich los, verdammter Mistkerl!«
John stieß sie heftig von sich, sodass sie rückwärts auf ihr Bett fiel und mit dem Kopf gegen die Wand schlug.
»Sie bleiben hier, Miss Denver. Bis wir an Land sind. Und dann haben wir ausgiebig Zeit, uns darüber zu unterhalten, wozu Sie alles bereit waren.«
Mit einem Schritt war er aus der Kabine, schloss die Tür und verriegelte sie mit seinem Universalschlüssel.
Er hörte Kathleen in der Kabine aufkreischen, und kurz darauf donnerte etwas von innen gegen die Tür und ging zu Bruch.
»Da sind Sie ja alle«, sagte John, als er den Mannschaftsraum betrat. »Wir haben noch Schwierigkeiten mit Alvin, aber es dürfte in spätestens fünfzehn Minuten losgehen. Sind Sie fertig? Auf Toilette gewesen?«
»Wir möchten, dass Stef... Marie uns begleitet«, sagte Patrick.
Der Kapitän hob die Hand. »Ich habe schon erklärt, warum das nicht möglich ist.«
»Ja. Aber trotzdem möchten wir, dass sie mitkommt«, wiederholte der Franzose. »Ich habe mich mit Dick über die Spezifikationen von Alvin unterhalten. Technisch ist es kein Problem. Der Sauerstoff reicht lange genug. Und auf die eingebüßte Nutzlast können wir auch verzichten. Es wird nur etwas enger, aber der Tauchgang ist einfach zu wichtig.«
»Das mag alles stimmen«, sagte John. »Aber ich verliere den Versicherungsschutz, wenn ich Alvin außerhalb der Bestimmungen einsetze.«
»Ach, scheiß doch auf die Versicherung!«, rief Patrick.
John verzog den Mund und sah ihn nur stumm an.
»Na gut«, lenkte Patrick an. »Entschuldigung. Aber können wir das nicht einmal vergessen? Diese Chance kommt vermutlich nicht wieder!«
»Ich möchte mich der Bitte meines Kollegen gerne anschließen«, sagte Peter. »Wir wissen nicht, was uns erwartet, und möglicherweise müssen wir schnell reagieren und können das Fachurteil einer Expertin für diese Zeichen dringend gebrauchen.«
»Bitte«, sagte Stefanie und sah den Kapitän eindringlich an.
John schloss die Augen und atmete tief ein.
Ein plötzlicher Pfeifton ertönte über die Lautsprecheranlage des Schiffes, gefolgt von einer Durchsage: »Captain Harris, bitte dringend auf die Brücke!«
»Entschuldigen Sie mich«, sagte John und verließ den Raum mit großen Schritten.
Als er auf der Brücke ankam, drückte ihm einer seiner Männer das Funkgerät in die Hand. »Es ist die Küstenwache«, sagte er.
»Hier ist Captain Harris der Argo 2K. Flug CG-37, bitte kommen.«
»Argo 2K, hier ist Lieutenant Green, Flug CG-37. Captain Harris, Ihrer Position nähern sich drei Helikopter der Küstenwache, die Ihnen beim Abschluss Ihrer Untersuchungen helfen werden. Sie haben Anweisung, das Personal an Bord zu lassen.«
John sah aus der Fensterfront der Brücke, wo noch immer der Regen gegen die Scheibe fegte. Draußen war es dunkel geworden. Die Wolken waren so dicht, dass der Vormittag bereits nach Dämmerung aussah. Die Scheinwerfer auf dem Vorderdeck strahlten den Regen und die immer höher spritzenden Brecher an.
»Wir haben keine Landeplattform«, sagte John in das Gerät. »Und die See ist zu stürmisch, um mit dem Dingi rauszufahren.«
»Das wird nicht notwendig sein. Unsere Experten werden direkt an Deck heruntergelassen.«
John ballte eine Hand zur Faust. »Verstanden, over.« Dann stürmte er von der Brücke, zurück zum Mannschaftsraum und blieb dort in der offenen Tür stehen.
»Es geht los! Sofort. Die Küstenwache kommt. Wir müssen uns beeilen:«
»Und Marie?«, fragte Patrick.
»Meinetwegen«, sagte John. »Wenn wir uns nicht beeilen, wird der Tauchgang so kurz, dass es ohnehin egal ist.«
Die drei standen auf und liefen dem Kapitän hinterher, der schon in Richtung des Hinterdecks unterwegs war. Als sie ins Freie traten, fegte ihnen der Wind den Regen ins Gesicht und raubte ihnen fast den Atem. John führte sie in geduckter Haltung zum offenen Hangar, wo sie sich unterstellen konnten. Sie sahen, dass Alvin bereits unter dem Kran lag. Einige Männer in völlig durchnässten T-Shirts waren noch mit letzten Handgriffen beschäftigt. Sie mussten sich immer wieder festhalten, wenn das Schiff schlingerte und Brecher an der Bordwand empor und über das Deck schlugen.
»Sollten wir Kathleen Bescheid sagen?«, fragte Peter. »Vielleicht wollte sie das für ihre Dokumentation filmen.«
»Die Dame hat Hausarrest«, sagte John, »und wird nirgendwo mehr dabei sein.«
»Was ist denn passiert?«
»David, unser Systemadministrator ist auf ihre Spur gekommen«, erklärte der Kapitän. »Derjenige, der unsere Daten gelöscht hat, musste dafür das Admin-Passwort gekannt haben. Ricardo, der Kubaner, der geflüchtet ist, hat zwar vermutlich einige Bilder an González weitergeleitet, aber ohne das Passwort lassen sich die Daten nicht löschen. Und das Passwort war von David gerade erst geändert worden. Niemand sonst kannte es, und es hätte Tage gedauert, es zu knacken. Und dann fiel ihm Kathleen mit ihrer Kamera ein. Sie konnte mitgeschnitten haben, wie David es eintippte, denn sie war einige Male bei ihm, hat ihn interviewt und ihn bei der Arbeit gefilmt. Also hat David ihren Rechner untersucht, und tatsächlich: Von dort aus waren die Zugriffe erfolgt!«
»Das ist ungeheuerlich!«, rief Peter.
»Wo ist sie jetzt?«, fragte Patrick.
»In ihrer Kabine eingesperrt. An Land übergeben wir sie den Behörden.«
Durch den Regen war plötzlich ein Knattern zu hören, das schnell näher kam.
»Wo wir gerade von den Behörden sprechen«, sagte John, trat einige Schritte vor und suchte den wolkenbedeckten Himmel ab, »da sind sie schon!«
Die anderen folgten seinem Blick und entdeckten drei signalrot lackierte Hubschrauber mit schwarzen Nasen, die in vielleicht dreißig Metern Entfernung von der Argo aus dem Zwielicht aufgetaucht waren und dort nun in der Luft standen. Der stürmische Wind ließ die Maschinen in der Luft schwanken, aber offenbar gelang es ihnen noch ganz gut, sich zu halten.
John hastete zurück und nahm einen Telefonhörer ab, der an der Innenwand des Hangars befestigt war.
»Brücke, hier ist John. Was ist da los?... Ja, schalte ihn durch... Captain Harris von der Argo 2K. Sagen Sie mir, was Sie vorhaben!... Ich stehe im Hangar auf dem Achterdeck... Nein, ausgeschlossen! Ich weiß nicht, ob Sie es schon bemerkt haben, aber wir haben hier Seegang! Zehn Meter und stärker werdend... Das ist Wahnsinn! Ich kann dafür keine Verantwortung...« Er hörte noch einen Augenblick zu, dann knallte er den Hörer auf die Gabel. »Die meinen es ernst.«
»Mit wem haben Sie gesprochen?«
»Das war der Pilot des Aufklärungsflugzeugs, das schon seit fast einer Stunde über uns kreist.«
»Davon haben Sie uns gar nichts erzählt.«
»Dazu bestand kein Anlass. Das Flugzeug dient nur als Relaisstation, um den Helikoptern Funkkontakt zum Festland zu ermöglichen. Es sind die Hubschrauber, über die wir uns Gedanken machen müssen.«
»Was wollen die hier?«, fragte Peter.
»Und warum gleich drei?«, hakte Patrick nach.
»Das ist eine reine Drohgebärde. Ein Hubschrauber hätte vollkommen ausgereicht. Die wollen ein paar ihrer Männer auf das Schiff bringen, die hier aufräumen und uns nach Hause führen sollen.«
»Dürfen die das denn?«
»Das steht leider nicht zur Debatte, Professor. Wenn sie an Bord sind, haben sie jedenfalls Verfügungsgewalt. Ob es sich hinterher als rechtens herausstellt, können Sie vor Gericht versuchen zu klären.«
»Der mittlere kommt auf uns zu!«
Tatsächlich hatte sich einer der Hubschrauber aus der Formation gelöst und näherte sich der Argo, bis er direkt über dem Achterdeck war. Der Pilot hielt die Maschine so ruhig, wie der Sturm es zuließ. Dann flammte ein Scheinwerfer auf, dessen Strahl Aufbauten, den Kran und das Deck in gleißendes Licht hüllte.
Langsam senkte sich der Hubschrauber.
»Viel tiefer darf er nicht kommen«, rief Patrick gegen den Lärm, »sonst kann er sich nicht fangen, wenn es Probleme gibt.«
»Der kommt noch tiefer«, sagte John, »warten Sie's ab. Bei dem Sturm ist er ohnehin verloren, wenn ihm der Rotor ausfällt.«
Tatsächlich war der Helikopter bald nur noch fünfzig Meter über dem Schiff, und immer noch senkte er sich.
In dreißig Metern Höhe verharrte er. Eine Seitentür öffnete sich. Ein Mann erschien, setzte sich auf die Kante und ließ sich dann herab. Er steckte in einem Geschirr, das mit Seilen an einer Metallwinde oberhalb der Tür befestigt war. Kaum hatte er den Hubschrauber verlassen, wurde er vom Wind erfasst. Während der Pilot versuchte, seine Position zu halten, wurde der Mann Meter für Meter herabgelassen.
Ein plötzlicher Ruck fuhr durch die Argo, als sie von einer massiven Welle erfasst wurde. Der Mann am Seil geriet gefährlich nahe an einige der großen Antennen, die sich ihm plötzlich entgegenbeugten. Der Hubschrauber machte eine Bewegung zur Seite, um ihn in einen Bereich zu ziehen, der freier war. Eine Weile verhaarte der Mann am Seil baumelnd, bevor er wieder herabgelassen wurde.
»Das sieht verdammt gefährlich aus«, meinte Patrick.
Mit einem Mal scherte der Helikopter einige Meter seitlich aus. Eine unerwartete Böe musste ihn erwischt haben. Der Mann folgte den Bewegungen unfreiwillig, kam erneut in die Nähe der Aufbauten, streckte schon seine Beine aus, um sich abzustemmen, und machte dann kreisende Bewegungen mit dem Arm. Einen Moment später wurde er wieder hinaufgezogen.
»Gute Entscheidung«, sagte Patrick.
»Die geben so schnell nicht auf«, warnte John.
Der Hubschrauber stieg wieder auf, aber offenbar hatte er sich mit einem Kollegen abgestimmt, denn einer der anderen beiden Piloten näherte sich nun. Während die erste Maschine wieder abdrehte, kreiste die zweite in einer langsamen Schleife über dem Deck, bevor sie das Abseilmanöver an einer anderen Stelle ebenfalls versuchte.
Vielleicht war dieser Pilot erfahrener, jedenfalls gelang es ihm, die Maschine deutlich ruhiger zu halten. Sie senkte sich, in der offenen Tür erschien ein Mann, und auch er seilte sich ab. Es ging wesentlich schneller, offenbar wollte man das Risiko auf der Strecke so gering wie möglich halten. In wenigen Augenblicken hatte er bereits die größte Strecke hinter sich gelassen, dann hob er einen Arm, und auf den letzten Metern bremste die Winde ihre Geschwindigkeit. So behutsam, wie es der Sturm und das schwankende Schiff zuließen, erreichte der Mann den Boden. Er griff an seinen Gurt, um sich auszuklinken. In diesem Moment driftete der Hubschrauber beiseite, das Seil spannte sich und riss den Mann mit sich. Von dem plötzlichen Ruck unvorbereitet erfasst, rutschte er aus, taumelte und wurde gegen einen Mast geschleudert.
Sofort rannten John und Patrick los, um dem Mann zu helfen, der erschlafft zusammengesunken war.
Patrick erreichte ihn als Erster und hielt ihn fest. Blut von einer Platzwunde am Kopf des Mannes mischte sich mit dem herabstürzenden Regen und lief an seiner Montur herab. Patrick suchte den Mechanismus, mit dem sich das Seil lösen ließ.
»Ich mach das!«, rief John, der nun ebenfalls da war. »Gehen Sie ein paar Schritte zurück!« Mit einem geübten Handgriff löste John die Karabinerhaken an der Montur und befreite den Mann, der auf dem Deck zusammenbrach. John duckte sich und gab dem Piloten mit dem Arm ein Zeichen, das herumpeitschende Seil hochzuziehen. Kaum war es einige Meter in der Höhe, half Patrick, den Verwundeten aus dem Regen und in Richtung Hangar zu ziehen.
Ein lautes Aufheulen schreckte sie auf und ließ sie nach oben sehen.
Das Seil hatte sich in zehn Metern Höhe um eine Querstrebe des Masts gewickelt. Es war straff gespannt, der Pilot hatte offenbar große Mühe, den Helikopter auf Position zu halten. Die Maschine neigte sich zur Seite, wurde vom Wind voll erfasst. In der Tür erschien ein weiterer Mann, der sich bemühte, die Außenwinde zu erreichen. Er musste das Seil durchtrennen, doch der Hubschrauber wankte nun zu heftig, und immer wieder wurde er im Inneren herumgeschleudert.
»Verdammt!«, rief John. »Wir müssen hier weg, und zwar schnell!«
Sie hoben den Verletzten auf und trugen ihn in den Hangar, wo sich Stefanie sofort über ihn beugte und ihn untersuchte.
John griff nach dem Telefonhörer neben der Tür.
»Hier ist John! Sofort zum Aufklärer durchstellen!«
Patrick sah hinauf zum Helikopter, der noch immer mit dem verhakten Seil festhing. Der Pilot schaffte es nicht, die Maschine zu beruhigen, sie stellte sich bedrohlich schief. In diesem Zustand war es vollkommen unmöglich, das Seil zu erreichen und zu kappen.
»Lieutenant Green, hier ist Captain Harris. Hier ist der Teufel los! Pfeifen Sie Ihre Leute zurück, es gibt bereits einen Verletzten. Ich wiederhole: Einer Ihrer Männer ist verletzt hier an Bord. Brechen Sie die Aktion ab!«
John wollte noch mehr sagen, doch ihm stockte der Atem.
Der Hubschrauber wand sich wie ein gefangener Fisch an der Angel, und nun drehte er sich. Das Heck schwenkte herum und schlug gegen den Mast. Dann stellte sich der ganze Helikopter schief, und mit einem schrillen metallenen Geräusch krachte der Rotor gegen die Aufbauten. Teile der Rotorblätter wurden abgerissen und schossen Funken schlagend auf das Deck.
»In Deckung!«, rief John und riss Stefanie vom Boden hoch und in eine Ecke des Hangars.
Der Hubschrauber schleuderte herum. Ein Mann wurde aus dem Innenraum herauskatapultiert, über das Deck hinweg und ins Meer. Nur eine Sekunde, bevor die Maschine stürzte. Die Reste des Rotors verfingen sich am Mast und rissen den unkontrolliert taumelnden Hubschrauber herum. Er krachte aus zehn Metern Höhe auf eine Kante des Decks. Trümmerstücke fegten nach allen Seiten über das Schiff, einen Wimpernschlag, bevor die Maschine in einem Feuerball aufging. Das lodernde Wrack knirschte, neigte sich und kippte ins Meer.
»Großer Gott«, entfuhr es dem Kapitän. Dann griff er zum Hörer. »Mann über Bord! Alle Mann auf das Achterdeck. Feuer löschen. Einen Verletzten auf die Krankenstation!« Während die Alarmsirene des Schiffs aufheulte, griff er nach einem Feuerlöscher und hastete zur Absturzstelle, die mit noch brennenden Trümmern übersät war. Aus dem Wasser links von ihm stiegen schwarze Schwaden auf. Weitere Besatzungsmitglieder kamen herbeigerannt.
Peter starrte erschüttert auf das Szenario.
»Das war's jetzt wohl mit dem Tauchgang«, meinte Patrick.
»Wenn das hier nicht ausreicht, um die Prioritäten zu verschieben«, meinte Peter, »dann wüsste ich nicht, was auf der Welt sonst wichtig genug wäre.«
»Ich wüsste etwas«, ertönte plötzlich eine Stimme. Kathleen stand am Eingang des Hangars. Sie hatte eine Waffe auf sie gerichtet.
»Kathleen! Was tun Sie da?«, fragte Peter und hob abwehrend die Hände.
»Ja«, meinte Patrick. »Hatten Sie nicht Hausarrest?«
Die Journalistin warf dem Franzosen ein kurzes, falsches Grinsen zu und winkte dann mit ihrer Pistole. »Rauskommen. Auch Sie, Marie, wir werden Sie jetzt brauchen. Los, zum U-Boot.«
Widerwillig ließen sie den verwundeten Mann auf dem Boden zurück und traten hinaus in den strömenden Regen. Als sie am Kapitän vorbeikamen, der mit dem Feuerlöscher beschäftigt war, rief sie zu ihm herüber: »John! Hierher!«
Als der Kapitän sah, dass sie eine Waffe hatte, folgte er ihren Anweisungen. Die anderen Männer verharrten in ihren Bewegungen, unschlüssig, was sie tun sollten.
»Was haben Sie vor, Kathleen? Wollen Sie uns alle erschießen? Oder das Schiff kapern?«
»Nicht das Schiff, John. Aber Alvin. Ich hatte freundlich gefragt, aber du musstest ja den Boss spielen. Dann machen wir es eben auf meine Weise. Ihr da hinten! Bleibt zurück!«
»Es ist völlig unmöglich, Alvin bei dem Seegang sicher über Bord zu hieven!«
»Das werden wir ja sehen.« Wieder winkte sie mit ihrer Pistole. »Los jetzt, rüber zum Boot. Und John, du gibst deinen Männern die Befehle.«
»Seien Sie vernünftig, Kathleen«, beharrte der Kapitän mit betont ruhigem Tonfall. »Es ist viel zu gefährlich. Außerdem passen Sie gar nicht alle hinein.«
»Wir passen schon, keine Sorge.« Sie waren unter dem Kran angekommen, und sie sah sich um. »Wo ist Dick?«
»Vermutlich hilft er beim Aufräumen«, sagte John und deutete nach hinten.
»Das ist gut. Er soll wegbleiben. Patrick wird Alvin lenken.«
»Das ist Wahnsinn!«, brauste John auf. »Niemand außer Dick ist in der Lage...«
»Unsinn! Ich habe das U-Boot in den letzten Tagen studiert, Raketenwissenschaft ist das nicht. Und außerdem weiß ich, was Patrick sich von Dick hat erklären lassen. Das reicht.«
John schnellte plötzlich nach vorn und versuchte, Kathleens Arm zu greifen. Aber sie hatte damit gerechnet, drehte sich ein Stück weg, zog den Arm zurück und feuerte auf den Boden direkt vor Johns Füße. Die Kugel pfiff als Querschläger beiseite, John erstarrte.
»So«, sagte sie. »Sie ist geladen. Und ich kann damit umgehen. Du sagst jetzt deinen Leuten, dass wir nach unten wollen. Und zwar schnell!« Sie deutete auf die Stufen, die zur Einstiegsluke des U-Boots führten. »Patrick, Peter, Marie, rein mit euch.«
Die drei stiegen die Stufen hinauf, während John sich abwandte, um seine Anweisungen zu geben.
Im Innenraum des kleinen U-Boots war es eng. Patrick saß im Fußraum auf dem Sitz den Piloten, eine der Pritschen wies Kathleen Peter zu, auf die andere legte sie sich selbst. Stefanie sollte stehen oder sich irgendwie geduckt auf das Fußende von Peters Liege setzen.
Sie hatten die Luke über sich kaum geschlossen, als Peter merkte, wie die Übelkeit in ihm aufstieg. Der inzwischen massive Seegang hatte ihm an Bord der Argo nicht so viel ausgemacht, weil er die Wellen und den Horizont sehen konnte. Aber in der winzigen Kugel, in die durch die kaum handtellergroßen Bullaugen nur wenig Tageslicht drang, war es etwas völlig anderes.
Patrick studierte die Kontrollvorrichtungen. Tatsächlich hatte ihm Dick die Bedienung stolz und ausführlich erläutert, und die Hauptfunktionen waren auch unschwer zu verstehen. Trotzdem bot das U-Boot natürlich eine Fülle von Anzeigen, Reglern, Knöpfen und Schaltern, die nichts mit dem Auf- und Abtauchen oder der Navigation zu tun hatten. Sie dienten der Sicherheit, den Scheinwerfern, Greifarmen oder steuerten andere Funktionen. Entschieden zu viele Optionen, um sie sich alle so schnell merken zu können. Gerade entdeckte er einen Schalter, der laut Beschriftung für die Kommunikation zuständig war, legte ihn um, und eine Stimme klang durch zwei Lautsprecher.
»... Sie uns hören, melden Sie sich.«
Patrick setzte ein Headset auf, das er im Fußraum fand, bog das Mikrofon zurecht und sprach hinein.
»Hier ist Patrick, könnt ihr mich hören?«
»Laut und deutlich.« Es war die Stimme von Dick. »Patrick, sind Sie sicher, dass Sie das schaffen können?«
»Es wird schon gehen... muss ja.«
»Frag, wann es losgeht«, verlangte Kathleen.
»Ich soll fragen, wann es losgeht.«
»Wir sind bereit«, kam die Antwort. »Die Büchse war schon fertig vorbereitet. Aber prüfen Sie noch einmal, ob wirklich alle Funktionen für den Start eingerichtet sind und die Luke dicht ist.«
Patrick kontrollierte die Anzeigen. Soweit er erkennen konnte, sah alles gut aus. Er überlegte einen Moment, ob er riskieren sollte zuzugeben, dass er sich nicht zu hundert Prozent sicher war. Stefanie gegenüber wäre es vermutlich kein Problem, aber Peter war ohnehin vollkommen verunsichert, und Kathleen war offenbar eine Psychopatin. Es war wichtig, dass er Ruhe ausstrahlte, die Situation unter Kontrolle behielt. Also vertraute er darauf, dass Dick einen guten Job in der Vorbereitung des Tauchgangs gemacht hatte. Hauptsache, die Luke war zu, und das konnte er an einer grünen Leuchte ablesen.
»Alles klar hier.«
»Okay... wir heben Sie nun an. Es wird ein bisschen schaukeln, also bitte alle losen Teile sichern, anschnallen und gut festhalten. Start auf Ihr Kommando.«
»Seid ihr so weit?«, fragte Patrick nach hinten gerichtet. Alle nickten. »Stefanie, halt dich gut fest!«
»Stefanie?«, fragte Kathleen, »Ich dachte, sie heißt Marie?«
»Wie sind bereit«, gab Patrick durch und ignorierte die Frage der Journalistin.
»Okay«, sagte Dick durch die Lautsprecher. »Festhalten.«
Sie spürten einen Ruck, der sie alle zur Seite riss, aber dann war das heftige Auf und Ab des Schiffes plötzlich einem fast sanften Schwingen gewichen. Offenbar hatten sie den Bodenkontakt verloren und schwebten nun an den Kabeln, mit denen der übergroße Kran sie anhob. Peter wusste, dass sich der Rahmen des Krans, der sich über die ganze Breite des Hecks erstreckte, nun langsam nach hinten beugen würde, bis Alvin über dem Wasser hing. Dann würde man sie herablassen und ausklinken. Unvorstellbar, dass bei diesem Sturm Taucher im Wasser waren, um das Manöver zu kontrollieren. Die gelösten Kabel durften sich nicht in den Propellern oder den Kufen des U-Boots verfangen. Er fragte sich gerade, wie das funktionieren würde, als der Pilot wieder über die Lautsprecher zu hören war.
»Wir können Sie nicht so langsam absetzen wie üblich«, warnte er. »Wir müssen die Kabel gespannt halten und sofort einziehen. Vermutlich schlagen gleich auch die ersten Wellen von unten gegen den Rumpf. Die Landung wird extrem unsanft. Halten Sie sich fest und schützen Sie Ihre Köpfe. Sind Sie bereit?«
Patrick sah sich um. Nicken. »Alles klar, kann losgehen.«
Und tatsächlich, einen Lidschlag später schlug etwas mit unglaublicher Kraft gegen den Boden des U-Boots. Sie hatten keine Zeit, sich festzuhalten, als das Boot auch schon wieder angehoben wurde und danach zur Seite kippte. Sie wurden herumgewirbelt wie Ameisen in einer Nussschale.
»Fluten Sie jetzt die Lufttanks!«, hörten sie Dicks Stimme aus dem Lautsprecher durch das Chaos.
Patrick bediente die Schalter.
»Halten Sie durch«, sagte Dick. »Wenn Sie erst ein gutes Stück unter Wasser sind, wird es ruhiger.«
Mit aller Kraft hielten sie sich im Inneren fest, während um sie herum die viele Meter hohen Wellen tobten. Niemand sagte etwas, jeder war ganz und gar damit beschäftigt, sich abzustützen, die halsbrecherischen Bewegungen irgendwie abzufangen. Doch tatsächlich dauerte es nur wenige Augenblicke, bis die Achterbahnfahrt nachließ, und schließlich, keine halbe Minute nach ihrem Eintauchen, hatte sich das Chaos bereits beruhigt und war einem leichten Taumeln gewichen.
Alvin sank in die Tiefe.