Als er das Wissen um die Schreibkunst übergab, sagte Thot: »Diese Lehre, o König, wird die Ägypter weiser und gedächtnisreicher machen; denn als Hilfsmittel für Gedächtnis und Weisheit ist sie erfunden worden.«


Aber Thamus erwiderte: »O du Meister der Kunstfertigkeit, Thot: Der eine ist in der Lage, Künste hervorzubringen, der andere ist in der Lage zu beurteilen, in welchem Verhältnis sich Schaden und Nutzen für die Leute darstellen, die sie brauchen sollen. Auch du hast jetzt, als Vater der Schrift, aus Voreingenommenheit das Gegenteil von dem behauptet, was sie eigentlich vermag. Denn diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute sich im Vertrauen auf das Schriftstück von außen erinnern lassen – durch fremde Zeichen –, nicht von innen heraus durch Erinnerung. Also hast du nicht ein Mittel zur Kräftigung, sondern zur Stützung des Gedächtnisses erfunden. Und auch Weisheit scheinst du den Lehrlingen nur zu geben, in Wahrheit aber nicht: Wenn sie vieles ohne Belehrung gehört haben, werden sie sich auch einbilden, viel zu verstehen. Aber da sie doch größtenteils nichts verstehen und nur schwer zu ertragen sind im Umgang, werden sie zu Dünkelweisen geworden sein und nicht zu Weisen.«


Sokrates, ca. 469-399 v. Chr.

Nach Platon, »Phaidros«

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