Kapitel 16
Atlantik, etwa hundert Seemeilen nordöstlich der Bahamas
Der stählerne Leib der USS Georgia pflügte mit zwanzig Knoten durch das Wasser. Vor nunmehr rund fünfundzwanzig Jahren gebaut, war das gewaltige Atom-U-Boot der Ohio-Klasse ein überholtes Kind des Kalten Krieges. Seine Atomwaffen waren durch ferngelenkte Tomahawk-Raketen mit konventionellen Sprengköpfen ersetzt worden. Die aktuellen Boote der Virginia-Klasse waren moderner und schneller. Dennoch war es mit einhundertsiebzig Metern noch immer eines der größten U-Boote, die je für die Navy gebaut wurden.
Die USS Georgia war auf dem Rückweg in ihren Heimathafen an der Ostküste. Aber seit vor zwei Stunden ein Funkspruch der AUTEC Navy Base eingegangen war, hatte sie ihren Kurs leicht geändert. Es war ein Umweg, und er würde das Boot direkt in ein Unwetter führen. Doch weiter draußen auf dem Atlantik war das Wetter oft noch wesentlich schlechter, und auch die sturmumtosten Gewässer um die südliche Spitze Afrikas hatte das Schiff schon mehrfach unbeschadet durchquert. Für den weltweiten Hochseeeinsatz war es schließlich auch gebaut, und daher bestand an Bord kein Anlass zur Unruhe.
Lediglich der Auftrag selbst war ungewöhnlich, aber er kam von höchster Stelle. Und er würde sie nicht lange aufhalten.
Peter, Patrick und Stefanie betraten die Halle, die als Hangar und Luftschleuse gedient hatte.
»Natürlich!«, rief Patrick aus, als er die Hondura erblickte. »Ein zweites U-Boot, wie hätte es auch anders sein können.«
»Aber woher kannten sie diesen Eingang?«, fragte Peter.
»Vermutlich sind sie uns gefolgt. Da Alvin hinten keine Augen hat, waren sie für uns unsichtbar.«
»Du meine Güte«, sagte Peter, der bereits an ihrem Boot stand, während Patrick sich noch die Hondura ansah. »Sehen Sie!«
Patrick kam herüber und blieb erschrocken stehen. Alvins Hülle war vollkommen mit Einschüssen übersät. Aufgrund der harten Titanlegierung waren die meisten Treffer lediglich Beulen, nur der Lack war abgeplatzt. Dennoch gab es mehrere tiefe Löcher. Man hatte sich Mühe gegeben, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln maximalen Schaden anzurichten, und hatte das Feuer ganz offenbar auf die empfindlichen Teile konzentriert. Am schlimmsten hatte es den Bug erwischt, wo man auf die Scheinwerfer und die Bullaugen geschossen hatte. Die seitlichen Thruster im hinteren Teil des Boots waren zerschossen und die Propeller des Haupantriebs vollkommen zerstört.
Patrick kletterte über die kleinen Sprossen auf das Dach und sah durch die offenstehende Luke.
»Das Ding ist vollkommen hinüber!«, fluchte Patrick. »Diese Schweine haben es zersiebt. Da drinnen sieht es aus wie auf einem Schrottplatz.«
»Können wir nicht das andere Boot nehmen?«, fragte Peter.
»Vielen Dank für Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten«, sagte Patrick, der nun wieder heruntersprang. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Sehen Sie sich das Ding doch mal an. Nur weil ich weiß, wie man Alvin bedient, kann ich noch lange kein fremdes U-Boot steuern. Die kommen nicht von der Stange, wissen Sie.«
»So ein großer Unterschied wird es doch nicht sein«, meinte Peter. »Sehen Sie sich doch wenigstens das Innere mal an. Vielleicht werden Sie ja schlau draus.«
Patrick zuckte mit den Schultern und untersuchte die fast doppelt so große Hondura. Auch hier lag die Einstiegsluke auf der Oberseite. Er kletterte hinauf und untersuchte sie. »Das hätten wir uns denken können«, rief er von oben. »Sie ist verriegelt.«
»Kann man sie nicht irgendwie aufdrehen?«
»Nein, Peter. Es sei denn, Sie können das Vorhängeschloss, das hier an dem Riegel hängt, mit den Zähnen abbeißen.«
»Das sind schlechte Neuigkeiten«, konstatierte der Professor.
»Das können Sie wohl laut sagen. Wir sitzen fest! Jetzt können wir nur warten, bis die Jungs zurückkommen, und hoffen, dass sie uns per Anhalter mitnehmen.«
»Es gibt noch einen Weg«, sagte Stefanie.
»Was? Ich dachte, es gibt keinen anderen Weg hierher?«
»Hierher nicht. Aber es gibt einen Weg hinaus. Kommt mit.«
Sie folgten Stefanie zurück auf den Vorplatz. Peter schüttelte innerlich den Kopf. Wie oft geschah es, dass man sich hinterher bewusst wurde, wann man einen Ort das letzte Mal in seinem Leben gesehen hatte – und nun, da er sich ausdrücklich getrennt hatte, war er wenige Minuten später schon wieder hier.
»Es gibt Fluchtkapseln«, erklärte Stefanie. »Die Anlage wurde ja ausgebaut, als klar war, dass sie versinken würde. Daher hat man alles so gesichert, dass man sie im Notfall verlassen könnte. Ebenso wie die Archive müssen die Hüter geschützt werden, die das Wissen um sie weitertragen sollen.«
»Und du bist sicher, dass sie nach dieser Zeit immer noch funktionieren?«
»Wenn alles andere intakt ist, dann sind es die Sicherheitssysteme erst recht«, erklärte sie. »So etwas würde man heute auch nicht anders konstruieren.«
Sie eilten durch die Korridore. Ein ums andere Mal stoppte Stefanie und konsultierte den virtuellen Lageplan, bevor es weiterging. Sie erreichten schließlich eine der breiten Treppen, die die Ebenen miteinander verbanden, und stiegen hinab.
Als sie unten ankamen, drang ihnen plötzlich ein lautes Kreischen entgegen, und was sie sahen, ließ sie abrupt stehen bleiben.
Es war Kathleen. Sie lehnte an einer Wand gegenüber dem Treppenabsatz und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an, die drohten aus den Höhlen zu quellen. Ihr Haar war zerzaust, in Büscheln ausgerissen, der Kopf blutüberströmt und ihr Oberteil dunkelrot getränkt. Sie schrie erneut auf, brüllte ihnen schrill etwas entgegen und fuhr mit ihrer linken Hand zum Schädel. Sie hieb sich einige Male gegen ihre Schläfe, krallte sich dann fest und kratzte mit ihren Fingernägeln tiefe Risse in ihre Haut.
»Goodness!«, ächzte Peter. »Was ist mit ihr passiert?«
Kathleen winkelte ihren rechten Arm mit ungelenken Bewegungen an und hob die Hand, in der sie die Pistole hielt.
»Sie hat noch die Waffe!«, rief Patrick und warf sich auf Peter und Stefanie, sodass sie zu dritt zu Boden stolperten.
Kathleen drückte wankend ab. Die Kugel pfiff zwei Meter über die drei hinweg und schlug in die oberen Treppenstufen. Kathleens Arm war durch den Rückschlag beiseitegeschleudert worden, aber noch immer umkrallte sie die Waffe. Wieder schrie sie auf, keuchte einige Mal, gab ein animalisches Stöhnen und Grunzen von sich, hob noch einmal ihren Arm und feuerte erneut unbestimmt in Richtung Treppe.
»Mein Gott«, stieß Peter hervor, »tun Sie etwas, Patrick. Oder Stefanie, wenn Sie können.«
Jetzt zerkratzte sich die irrsinnig gewordene Journalistin ihre blutige Stirn, hämmerte jaulend dagegen. Sie machte dabei einige taumelnde Schritte nach vorn, die Waffe noch immer erhoben. Wieder löste sich ein Schuss, der Patrick nur um wenige Zentimeter verfehlte.
Er musste sie angehen, sie zu Fall bringen! Er setzte zu einem geduckten Sprung an. Etwas in ihren Augen blitzte auf. Sie sah ihn an, ihr Arm hörte auf zu schwanken. Sie richtete die Waffe direkt auf ihn.
Patrick stieß sich von der Treppe ab, sprang los. Aber noch bevor er bei ihr war, hallte das ohrenbetäubende Stakkato einer Maschinenpistole durch den Raum, und Kathleen wurde zuckend und blutspritzend zurückgeschleudert. Sie prallte gegen die Wand, rutschte an ihr herab und fiel auf die Seite. Patrick konnte seinen Schwung nicht auffangen, stolperte weiter und rutschte in den ausblutenden Leichnam hinein.
»Wie es scheint, hätte ich nur lang genug warten müssen«, sagte jemand über ihnen auf der Treppe. »Dann hätten Sie sich wohl alle selbst kaltgemacht.« Der Mann sprach mit starkem spanischem Akzent. Er war etwa in Patricks Alter, aber wesentlich kräftiger gebaut und sah wenig vertrauenerweckend aus. Er kam lässig die Stufen hinab, ließ die Maschinenpistole in seiner Hand herabhängen. Hinter ihm folgten zwei weitere Männer, ebenfalls bewaffnet.
»Los«, sagte er an Peter und Stefanie gewandt. »Stehen Sie auf und gehen Sie zu dem dort drüben.«
Sie taten, was er von ihnen verlangte.
»Gut so. Ich bin Nuño González. Mein Schiff haben Sie schon gesehen.« Er zeigte auf Patrick, der sich inzwischen aus der Blutlache am Boden erhoben hatte. »Und du dort, du warst mit dieser Nutte bei mir, hast meine Mannschaft angegriffen.« Er ging ganz dicht an Patrick heran. »Kannst du mir einen Grund sagen, warum ich dir nicht die cojones abreißen sollte? Kannst du das?!«
Patrick roch den sauren Atem des Mannes und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Weil Sie noch Hilfe beim Tragen brauchen«, antwortete er neutral.
»Beim Tragen, hm?«
»Für das Gold.«
»So, so... für das Gold... Nun, ich habe noch drei andere Leute. Ich schätze, das schaffen wir auch ohne deine Hilfe.«
»Tut mir ja leid, Sie zu enttäuschen«, gab Patrick zurück. »Aber die drei hat's so ähnlich erwischt wie die da.« Er zeigte auf Kathleen. »Na ja, also ohne den Kugelhagel. Sie liegen auf Ebene zwei und sabbern nur noch vor sich hin.«
»Was?!« González machte eine kurze Bewegung und schlug dem Franzosen die Waffe so heftig ins Gesicht, dass der mit dem Hinterkopf an die Wand prallte. Patrick hielt sich stöhnend eine Hand vor das Gesicht. Zwischen seinen Fingern lief ihm Blut aus dem Mund.
»Es ist wahr«, sagte Stefanie. »Sie sind in eine Lichtanlage geraten.«
»Verdammt, González«, sagte einer der Männer, »außer Rui kann niemand die Hondura steuern!«
»Patrick ist unser Pilot«, sagte Stefanie. »Er kann euch helfen.«
»Und ihr müsst das Gold durch drei Leute weniger aufteilen«, fügte Peter hinzu und ärgerte sich augenblicklich über seine Voreiligkeit.
»Was lässt dich glauben, dass uns das Gold wichtiger ist als unsere Freunde?«, herrschte González den Professor an. »Hast du keine Ehre? Bist du so ein dreckiger Verräter?«
Peter wusste nicht, was er antworten sollte, bereitete sich innerlich auf einen Schlag vor, wie Patrick ihn eingefangen hatte. Aber González lachte nur auf.
»Seht euch das an! Ein britischer Gentleman und eine Ratte in einem!« Er versetzte Peter eine klatschende Ohrfeige und grinste dabei weiter. »Aber er hat recht!«, sagte er. »Okay, ihr zeigt uns das Gold und helft uns tragen. Und du steuerst unser Boot. Dafür kannst du deine Eier noch ein paar Tage behalten. Also los! Wo geht es entlang in diesem beschissenen Labyrinth?!«
Patrick hatte unvermittelt den Eindruck von Feuchtigkeit, roch Erde und Vegetation, fühlte kühle Schatten, und als Stefanie nun voranging, wusste er, wohin sie sie führen würde. Aber was plante sie in den Wäldern? Vermutlich konnte man sich dort hervorragend verstecken und unauffindbar bleiben, aber zunächst mussten sie die drei Männer ja loswerden. Während er sich diese Gedanken machte, drangen bereits neue Empfindungen in ihn ein. Er fühlte etwas Warmes, Klebriges an seinen Fingern, roch das metallische Aroma frischen Blutes. Dann spürte er in der Hand das Gewicht der Pistole, die er der toten Kathleen entwendet und heimlich in seinen Hosenbund gesteckt hatte. Patrick sah zu Stefanie hinüber, die seinen Blick nur kurz mit einem kaum merklichen Nicken erwiderte. Sie hatte alles mitbekommen, und sie wusste auch, dass er in diesem Augenblick ihre Gedanken wahrnehmen konnte. Es war eine recht einseitige Form der Kommunikation, wenn sie sich überhaupt als solche bezeichnen ließ. Offenbar erwartete Stefanie eine Art Ablenkungsmanöver von ihm, etwas, das mit der Pistole und dem Wald zusammenhing.
Sie gingen ein weiteres Stockwerk nach unten, folgten einem Gang, der von Rohren und technischen Armaturen gesäumt war. Fast hatte es den Anschein, als liefen sie durch einen Maschinenraum, und vielleicht stimmte es sogar. Doch die Installationen waren chromglänzend, elegant geschwungen und in regelmäßigen Abständen zu so ungewöhnlichen Formen verwoben, dass die Wände eher nach moderner Kunst als nach Technologie aussahen.
Der Gang erweiterte sich und wurde zu einem Raum, dessen Stirnwand vollkommen durchsichtig war und über sämtliche Stockwerke der Anlage nach oben reichte. Dahinter blickten sie in ein unwirkliches Schwarzgrün.
Ein dunkler Urwald aus Bäumen aller Art lag direkt vor ihnen. Nur wenige Blätter an Ranken und Sträuchern waren hier zu sehen, aber dafür unzählige gewaltige, dunkle Stämme, die schier endlos in die Höhe führten, bis sie schließlich in ein dichtes und nahezu lichtundurchlässiges Baumkronengeflecht übergingen. Der Gang befand sich einige Meter über dem Boden, wo die Wurzeln des Waldes zu sehen waren, die ein tiefes, verwobenes Netz bildeten.
»Was für ein Anblick«, entfuhr es Peter.
»Klappe halten!«, rief González. Dann wandte er sich an Stefanie. »Was soll das? Du kennst dich hier wohl aus; was sollen die Bäume hier?«
»Dort befindet sich das Gold«, erklärte Stefanie schlicht.
»In dem Wald?! Versuch nicht, mich zu verarschen!«
»Nicht in dem Wald. Hinter dem Wald. Wir müssen dort durch.«
»Spinnst du?« González holte zu einer Ohrfeige aus, doch Stefanie fing sein Handgelenk mit ungeahnter Geschwindigkeit auf.
»Nicht so ungeduldig, starker Mann«, sagte sie gelassen. »Ich zeige dir den Weg.« Sie wies mit dem Kopf auf einen leuchtenden Kreis an der Wand.
Der Kubaner nickte.
Stefanie ließ sein Handgelenk los, und während González seine Maschinenpistole erneut in Anschlag brachte, streckte sie ihren Arm aus und hielt ihre Hand vor das Licht.
Lautlos teilte sich die durchsichtige Wand vor ihnen. Obwohl sie zuvor keinen Spalt gesehen hatten, schob sie sich in der Mitte auseinander. Oder verschwand. Es war nicht genau zu erkennen. Patrick ging näher heran, um sich das Phänomen genauer anzusehen. Ja, sie bewegte sich nicht, sie schien sich tatsächlich aufzulösen. Dann schrak er zusammen, als sich direkt vor seinen Füßen, dort, wo sich nun die Kante des Raums befand, ein ähnlicher Vorgang abspielte. Nur, dass dies andersherum arbeitete. Anscheinend aus der bloßen Luft bildete sich eine transparente Brücke, die sich in rasender Geschwindigkeit nach vorn ausbreitete und zwischen den Baumstämmen verschwand.
»Heute würde man es Nanotechnologie nennen«, sagte Stefanie, die das atemlose Erstaunen der anderen beobachtete. »In Verbindung mit Wassermolekülen, die aus der Luft gewonnen werden.«
Die Brücke war fertig. Es war ein rund ein Meter breiter Pfad, der sich durch den Wald schlängelte. Die Konstruktion ruhte auf zahllosen ebenfalls transparenten Pfeilern und verfügte über ein einfaches Geländer.
»Ist das... stabil?«, fragte Patrick.
»Ja«, sagte Stefanie. »Die Schwingungen der Moleküle sind mit speziellen Interferenzen zum Stillstand gebracht worden. Inzwischen ist es Eis.«
»Das ist... verdammt cool!«, sagte Patrick. »Aber warum so eine Spielerei?«
»Eine stationäre Konstruktion hätte entweder dem ungehinderten Wachstum geschadet oder wäre im Lauf der Zeit durch die Bäume zerstört worden. Daher wird die Brücke nur bei Bedarf erzeugt, und die Nanobots suchen sich selbstständig einen Weg.«
»Das ist ja ganz schön«, mischte sich González ein. »Aber jetzt geht's hoffentlich weiter!«
Stefanie trat auf die Brücke hinaus, ging ein paar Schritte und drehte sich halb herum.
»Sie ist stabil, sehen Sie?«
González schwenkte seine Maschinenpistole in Richtung von Peter und Patrick. »Jetzt ihr!«
Die beiden folgten Stefanie, während sich hinter Patrick die Kubaner anschlossen. Die Brücke hielt problemlos, so als sei sie aus Stahl. Ihre Oberfläche war glatt, aber nicht rutschig, sondern vollkommen trocken.
Ein überwältigendes Aroma von feuchtigkeitsschwangerer Urwaldluft umhüllte sie. Es roch nach Erde und Moosen. Sie gingen im Zwielicht zwischen den Stämmen hindurch. Ihre Schritte hallten auf der Brücke unangemessen laut durch den ansonsten schweigenden Wald. Es umgab sie eine fast sakrale Atmosphäre, in der die Bäume zu nicht enden wollenden Säulen einer urzeitlichen Kathedrale wurden, das ferne Blätterdach zu einer gewaltigen Kuppel, in der nur ab und zu einzelne Lichtflecken aufblitzten. Dieser Wald, so schien es, atmete langsam, wie ein einziges, uraltes schlafendes Wesen. Bald schien es, als würden ihre Schritte leiser und langsamer werden. Patrick sah sich verstohlen um und bemerkte, dass auch die Kubaner von dem Ort gefangen genommen waren. Einzig González schien sich unwohl zu fühlen und sah sich immer wieder hektisch zu den Seiten hin um, als fürchte er, dass ihn etwas aus dem Halbdunkel anfallen könnte.
Ihr Weg wand sich weiter. Der Anblick war überall derselbe. Es war ein vollkommen in sich geschlossener Wald, der Jahrtausende Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln, sich ineinander zu verflechten, in sich zu ruhen. Kein Zeichen fremden Einflusses war zu erkennen, es war eine Natur, wie sie nur in dieser von Menschen, Tieren und der Umwelt isolierten Umgebung entstehen konnte. Patrick wusste, dass es ein Trugschluss war, denn sie befanden sich in einer künstlichen, wenn auch ungeheuer großen Höhle, und Stefanie hatte erklärt, dass die Wälder mit der Energiegewinnung zusammenhingen. Also waren sie nicht so isoliert, wie es schien. Wie das Prinzip funktionierte, würde vermutlich ein Rätsel bleiben.
Sie mochten eine Viertelstunde lang dem gewundenen Pfad gefolgt sein, als Patrick erneut einen fremden Eindruck in seinem Kopf spürte. Anspannung. Das Gewicht der Waffe in seiner Hand, Rückstöße, Deckung, Flucht. Er fühlte ein rettendes Ufer, eine sich schließende Tür. Es waren intensive Gefühle, die fast zu greifbaren Bildern wurden. Stefanie versuchte, ihm etwas zu erklären, aber es war zu schnell, zu wirr, es gelang ihm nicht, sich einen eindeutigen Reim darauf zu machen. Dann traf ihn plötzlich eine Erinnerung. Es war der Schlag, den González ihm mit der Waffe versetzt hatte. Er durchzuckte den Franzosen so real, dass er aufschrie, taumelte und sich an der Eisbrüstung festhalten musste.
Die Kubaner schreckten auf, richteten ihre Waffen in den Wald, aus dem sie einen Angriff vermuteten. Patrick spürte Stefanies Anspannung und hörte ihre hastigen Schritte. Im selben Moment waren seine Schmerzen verschwunden, und er erkannte, dass er diesen Augenblick nun nutzen musste, um die Kubaner aufzuhalten, damit Stefanie und der Professor vorausrennen konnten.
Er zog seine Pistole und feuerte wahllos zwischen die Beine der Kubaner. Einer ging mit einem Aufschrei zu Boden. Die anderen warfen sich reflexartig beiseite. Patrick nutzte die Schrecksekunde, rannte um eine Kurve der Brücke und feuerte im Laufen noch einmal zurück. Er verschwand hinter einem Baum, als eine knatternde Salve Maschinengewehrfeuers antwortete. Fetzen von Blattwerk und Rinde zerstoben rund um ihn herum, erreichten ihn aber nicht. Er streckte seinen Arm um den Baum und drückte zweimal ab. Solange er die Stellung hielt, konnten Stefanie und Peter fliehen. Das also war der Plan, den sie ihm hatte verständlich machen wollen.
Erneut erwiderten die Kubaner das Feuer, nur nicht ganz so lang. Offenbar versuchten sie, ihn hinter dem Baum festzunageln, damit sie sich nähern konnten.
Noch einmal schoss Patrick hinter dem Baum hervor, dann rannte er weiter. Die nächste Biegung mit vernünftiger Deckung lag zehn Meter entfernt. Im Laufen schoss er nach hinten, hastete weiter und hechtete um die Kurve, als sich die nächsten Kugeln auch schon neben ihm ins Eis fraßen.
Patrick keuchte. Lange konnte er diesen Hürdenlauf nicht durchhalten. Die Kubaner beschränkten sich auf kurze Feuerstöße, um voranzukommen, und trieben ihn vor sich her. Hastig sah er sich um. Es folgte noch eine weitere Biegung. Dahinter konnte er die Wand der Höhle zwischen den Bäumen hindurch schimmern sehen. Dort war der Weg zu Ende. War das das rettende Ufer aus Stefanies Plan?
Noch einmal feuerte er einige Male und rannte los. Dieses Mal schossen sie hinter ihm augenblicklich zurück. Hatten sie ihn etwa schon im Sichtfeld? Neben ihm fegten die Kugeln laut zischend durch den Wald. Er lief weiter, wagte nicht, sich umzudrehen, rechnete jederzeit mit einem Treffer. Die letzte Biegung war geschafft, vor ihm ragte die Wand auf. Am Ende der Brücke standen Peter und Stefanie in einem Raum und machten hektische Bewegungen, winkten ihn herbei. Wieder hallte das Knattern der Maschinenpistolen durch den Wald, Patrick hörte die Schüsse in der Brücke hinter ihm aufschlagen, Eissplitter flogen um seine Beine, er meinte sogar einige Kugeln an der Wand vor ihm abprallen zu sehen. Er stolperte durch den Eingang und stürzte zu Boden. Schnell drehte er sich um. González stand nur wenige Meter entfernt auf der Brücke, die Waffe im Anschlag auf sie gerichtet. Hinter ihm kam sein Kumpan heran, der den Verletzten stützte.
Patrick hob seine Waffe und drückte ab. Aber sie gab nur ein leises Klicken von sich.
González grinste. Dann feuerte er.
Aber die Kugeln erreichten ihr Ziel nicht. Sie prallten an einem unsichtbaren Hindernis ab. Patrick beugte sich vor und stieß mit der Hand an eine Scheibe, so wie dort, wo sie den Wald betreten hatten. Stefanie hatte den Zugang bereits wieder verschlossen! Und als auch González in diesem Moment verstand, was das bedeutete, löste sich die gesamte Brücke auf einen Schlag in Wasser auf und brach in sich zusammen. Die Männer stürzten schreiend hinab, schlugen auf und verschwanden schließlich zwischen den Spalten des Baumwurzelgeflechts.
»Sind Sie verletzt, Patrick?«, fragte Peter.
»Danke, nein«, gab der Franzose zwischen zwei tiefen Atemzügen zurück. »Ist alles gut gegangen.«
»Ich hoffte, dass du wissen würdest, was zu tun ist«, sagte Stefanie.
»Na ja«, sagte Patrick. »Es blieb nicht viel anderes übrig. Es geht doch nichts über einen gesunden Waldlauf.«
»Die Männer«, sagte Peter und sah hinaus, »sind sie tot?«
»Peter«, stöhnte Patrick, »können Sie bitte einmal aufhören, sich Sorgen um Menschen zu machen, die einen gerade noch über den Haufen schießen wollten?«
»Ich mache mir keine Sorgen um sie«, gab Peter zurück. »Sondern um uns. Wenn sie nicht tot sind, kommen Sie da wieder raus?«
»Ja, es gibt noch andere Ausgänge«, sagte Stefanie. »Um sicherzugehen, sollten wir jetzt keine Zeit verschwenden, sondern uns zügig zu den Rettungskapseln begeben.«
»Warum musste es eigentlich ein so komplizierter Plan sein?«, fragte Patrick, als sie auf dem Weg durch die Gänge der Anlage waren. Er war neben Stefanie getreten, während Peter ein Stück hinter ihnen ging. »Hättest du es nicht genauso machen können wie mit den drei anderen? Mit diesem Licht?«
»Leider nein«, sagte sie. »Es liegt an Peter. Beim ersten Mal habe ich ihn überrascht und mit auf meine Seite ziehen können. Aber nun ist sein Vertrauen zerstört, er hadert mit sich und ist innerlich blockiert. Im Augenblick wäre er nicht mehr bereit, sich fallen zu lassen, es mit sich geschehen zu lassen. Ich könnte ihn nicht behüten, stattdessen würden die Daten ungehindert auf ihn einwirken und ihn schließlich genauso durchdringen wie die Kubaner.«
»Wie es aussieht, kommt er also nicht mehr als Hüter für die Archive von Atlantis infrage, hm?«
»Es ist eine schwierige und große Entscheidung. Eine einfache Antwort war also nicht zu erwarten. Atlantis zu sehen, seine Geschichte und diese Aufgabe wirklich in allen Konsequenzen zu begreifen, ist die letzte große Prüfung.«
»Also ist Peter jetzt aus dem Rennen?«
Sie lächelte Patrick an. »Das Leben ist ein Baum, kein Grashalm. Bis zum Ende gibt es immer ein Morgen und an jedem Morgen die erneute Entscheidung, ob man Teil der Krankheit oder Teil der Heilung sein möchte.«
»Aha? Na ja, und ich? Warum bin ich dabei?«
Jetzt wurde ihr Lächeln breiter, und ihre Augen funkelten amüsiert. »Wenn du es noch immer nicht weißt, dann wirst du wohl noch darüber nachdenken müssen.«
»Was? Was sind das denn alles für Antworten?!«
Stefanie blieb stehen. Im Raum vor ihnen befand sich wieder eine der Lichtsäulen, wie sie offenbar überall in der Anlage verteilt waren.
»Ich werde prüfen, ob das die letzten Eindringlinge waren.« Sie ging auf das Licht zu, berührte es und konzentrierte sich einen Moment lang. »Ich habe schlechte Neuigkeiten«, sagte sie dann. »Es gibt immer noch eine Bewegungsquelle. Außer uns ist noch jemand hier. Vielleicht ebenfalls bewaffnet.«
»Das gibt's doch nicht«, sagte Patrick. »Als ob hier irgendwo ein Nest ist! Dann also los... Wie weit ist es bis zu den Rettungskapseln?«
»Wir müssen wieder zurück. Sie liegen zentral, in der Nähe des Hauptkontroll... O nein!« Das Leuchten der Lichtsäule vor ihr flackerte, und mit einem letzten Schwall zerfasernder Lichtströme erlosch es.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Peter.
Zum ersten Mal erlebte er Stefanie wirklich überrascht.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie zögerlich.
Nun verlosch auch die restliche Beleuchtung des Raums. Schlagartig standen sie im Dunkeln.
»Ich schätze, dass das kein gutes Zeichen ist«, bemerkte Patrick. Er zündete sein Feuerzeug an. Die kleine Flamme erhellte nur wenig. »Kommen Sie her, Peter!«, sagte er. »Das Benzin reicht nicht ewig, ich mache es gleich wieder aus. Wir sollten uns an den Armen oder Schultern fassen, um uns nicht zu verlieren. Stefanie, kannst du uns führen?«
»Ja, natürlich. Dort geht es weiter.« Sie drehte sich um und streckte die Arme aus. Die Männer legten je eine Hand auf ihren Unterarm, dann klappte Patrick das Feuerzeug zu.
Stefanie ging langsam voran.
Peter war unendlich froh, dass Stefanie da war. Die Finsternis machte ihm zu schaffen, und seit den Erlebnissen in Ägypten war es nur schlimmer geworden. Schon das Abtauchen in dem engen U-Boot in die lichtlose Tiefsee war für ihn an die Grenze des Erträglichen gegangen. Nun, in diesem endlosen Geflecht von Gängen, tief unter dem Meer und ohne jedweden Ausgang, stürzte die Bedrohung der Dunkelheit übermächtig auf ihn ein. Lediglich die Berührung durch Stefanie bewahrte ihn vor dem Schlimmsten. Sowenig er verstand, wer oder was sie war, ja, sosehr er ihre Andersartigkeit regelrecht fürchtete, beruhigte sie ihn nun doch. Wenn sich jemand in dieser Anlage auskannte, mit der Technologie umzugehen vermochte, sie retten konnte, dann war sie es. Sicherlich war es nur eine Illusion, aber er bildete sich ein, eine besondere Wärme zu spüren, die von ihr ausging, etwas Vertrautes, das ihn besänftigte. Wenn es nicht völlig unmöglich wäre, könnte er sogar meinen, dass die Dunkelheit neben ihm, dort, wo sie sich befand, eine kleines bisschen heller war, fast, als strahle Stefanie ein Licht aus. Aber es war nichts, das man mit den Augen sehen konnte.
Auch Patrick spürte etwas. Stefanie hatte seine Hand in die ihre genommen. Ihn durchströmten verschiedenartige Gefühle, von Überraschung über Freude und Erregung bis hin zu Stolz. Er fühlte sich mit ihr verbunden. Durch mehr als nur über die Berührung. Er spürte ihre Anwesenheit in seinem Inneren, aber nicht belehrend, sondern partnerschaftlich. Er konnte wie durch ihre Augen sehen, ihre Blicke vermischten sich mit ihren Gedanken und Erinnerungen, gemeinsam sahen sie den Weg durch die Anlage vor sich, konnten sich in der Dunkelheit orientieren, wie eine Einheit.
»Wir müssen zwei Ebenen höher«, erklärte Stefanie. »Das Zentrum ist mehrfach gegen Störungen abgesichert. Vielleicht hängt es mit der Energiezufuhr zusammen.«
»Wieso sollte sie nach all den Jahren in dem Moment zusammenbrechen, in dem wir hier sind?«, fragte Patrick.
»Meinen Sie, es könnte Sabotage sein?«, fragte Peter.
»Das ist unwahrscheinlich«, sagte Stefanie. »Diese Technologie ist der heutigen weit überlegen, niemand würde sie verstehen.«
»Aber sicher gibt es hier doch Aufzeichnungen?«
»Es gibt nur wenige schriftliche Aufzeichnungen, und meist nur für repräsentative Zwecke«, sagte sie. »Die Wissensvermittlung der Atlanter beruhte im Wesentlichen auf Mentoren und Patenschaften. Wissen wurde ausgetauscht und vom Erfahreneren erläutert. Junge brachten neue Ideen ein, die Alten halfen, sie zu bewerten und umzusetzen. Diese Zusammenarbeit von Alten und Jungen, in der jeder Respekt vor den Stärken des anderen hatte und man sich gegenseitig ergänzte, war ein zentraler Aspekt der Gesellschaft. Es ging immer um Kommunikation. Auf dieselbe Weise funktionieren die Archive. Sie sind keine statischen Daten, sondern verlangen Kommunikation. Ohne jahrelange Anleitung und lebenslanges Lernen sind diese Archive nicht zu beherrschen. Und ebenso verhält es sich mit den technischen Anlagen, die über ähnliche Systeme gesteuert werden. Dafür gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen, keine Handbücher.«
»Nun«, sagte Patrick, »aber auch wenn es keine ausgeklügelte Sabotage ist, könnte es doch einfach Zerstörung sein, oder?«
»Ja, das wäre denkbar.«
In der Entfernung wurde eine Treppe sichtbar. Sie war etwas erhellt, da sie aus dem darüberliegenden Stockwerk beleuchtet wurde. Ihre Schritte wurden schneller, bis sie die Treppe endlich erreicht hatten und hinaufgestiegen waren.
Stefanie ließ Patrick los, und Peter ließ seinen Arm ebenfalls sinken. Er blieb stehen. »Wollen Sie weiter zu den Rettungskapseln«, fragte er, »oder möchten Sie sich irgendwo informieren, was es mit dem Vorfall auf sich hat? Und wo der andere Eindringling ist?«
Stefanie lächelte dem Professor zu. »Ich danke Ihnen für das Angebot«, sagte sie. »Aber es ist das Sicherste für Sie, wenn wir so schnell wie möglich weitergehen.«
Peter nickte, froh, auf direktem Weg nach Hause zu kommen. Trotzdem nagte es an ihm. Was geschah hier? Wer hielt sich hier auf? Zerstörte der Fremde womöglich die Anlage? Das einzigartige Erbe von Atlantis? Und sollte, er, Peter, nicht auf alle Fälle hierbleiben? Alles sehen und erfahren, was hier unten noch verborgen lag? Diesen Schatz hüten, verteidigen? Musste man das nicht? Stattdessen flohen sie. Dass Stefanie ihre Sicherheit als wichtiger ansah als den Schutz der Anlage, zeichnete sie aus. Aber warum fürchtete er sie dennoch?
Ein dumpfes Rumpeln unterbrach seine Gedanken. Der Boden schien zu zittern. Die Beleuchtung des Gangs flackerte.
»Etwas ist hier ganz und gar nicht in Ordnung«, sagte Patrick. »Ist es noch weit?«
»Kommt mit«, gab Stefanie zurück und eilte voraus. Sie hasteten den Korridor entlang. In einigen der Räume, die sie passierten, war es verdächtig dunkel.
Stefanie blieb vor einer breiten Tür stehen.
»Die sollte eigentlich offen sein...«, murmelte sie und berührte das Lichtfeld in der Wand daneben. Dann zog sie die Hand zurück. »Sie ist aus Sicherheitsgründen verschlossen«, sagte sie dann. »Das System meldet Strukturschäden.«
»Kannst du sie trotzdem öffnen?«, fragte Patrick.
»Ja, das sollte ich vielleicht sogar. Sonst müssen wir umkehren und einen gehörigen Umweg nehmen.«
Der Gedanke, zurück in die Dunkelheit zu gehen, war Peter alles andere als angenehm. »Versuchen Sie es«, sagte er.
Wieder legte Stefanie ihre Hand auf das Lichtfeld, und kurz darauf schob sich die Tür beiseite. Ein kniehoher Schwall Wasser schoss ihnen entgegen und flutete in den Korridor.
»Verdammt!«, entfuhr es Patrick.
Stefanie war offenbar ebenfalls schockiert. »Ein Wassereinbruch hier unten! Es ist schlimmer, als ich befürchtet hatte...«
Das Wasser lief weiter ab, war nur noch knöchelhoch. Der Raum vor ihnen lag im Halbdunkeln, lediglich am anderen Ende waren wieder Lichter zu erkennen.
»Wenn dieser Teil hier betroffen ist, kommen wir vielleicht nicht viel weiter«, sagte sie. »Wollen wir es trotzdem versuchen?«
»Unbedingt«, sagte Patrick.
»Ja, ich denke auch«, bestätigte Peter.
Als sie einige Schritte gegangen waren, sahen sie, dass das Wasser an mehreren Stellen von der Decke tropfte und in breiten Flächen an den Wänden herablief. Die Tür hinten ihnen schloss sich von selbst.
»Immerhin funktionieren die automatischen Sicherungssysteme noch«, sagte Stefanie.
»Es gibt doch nur einen einzigen Ausgang aus dieser Anlage«, sagte Peter. »Kommt das Wasser von dort? Ist vielleicht die Schleuse kaputt?«
»Es könnte von überallher stammen«, erklärte Stefanie. »Es gibt alte Verbindungstunnel und Schächte. Auch die Rettungskapseln können ja hinaus ins Meer.«
»Außerdem«, fügte Patrick hinzu, »wenn es Schäden an der Energieversorgung gibt, ist vielleicht auch das Kraftfeld betroffen. In dem Fall könnte irgendwo ein Unterdruck entstanden und etwas implodiert sein. Oder, Stefanie?«
»Wir können nur hoffen, dass das nicht der Fall ist.«
Sie erreichten den Gang am anderen Ende und kamen an eine überflutete Kreuzung. Stefanie verharrte kurz. Auch hier begann das Licht nun zu flackern.
»Wohin jetzt?«, fragte Patrick.
»Ich bekomme keinen Zugang zum Lageplan«, sagte Stefanie. »Ich glaube, wir müssen geradeaus.«
»Runter!«, schrie Patrick plötzlich und warf sich auf Stefanie und Peter. Gemeinsam stolperten sie voran, als im selben Augenblick hinter ihnen das aggressive Tackern einer Maschinenpistole durch den Seitengang hallte. Schüsse schlugen in die Wände und ließen das Wasser am Boden aufspritzen.
Patrick riss den Professor weiter, der beinahe zu Boden gestürzt wäre. »Los! Weg hier!«
Sie rannten. Vor ihnen lag ein Durchgang. Als sie ihn passiert hatten, blieb Stefanie kurz stehen, drehte sich um und berührte ein Lichtfeld. Aber nichts geschah.
»Die Tür funktioniert nicht«, sagte sie. »Wir müssen weiter!«
Einige Schritte später bogen sie in eine Halle zu ihrer Rechten ab, gerade rechtzeitig, bevor hinter ihnen erneut Schüsse zu hören waren.
»Das gibt's doch nicht!«, rief Patrick. »Stefanie, wir müssen uns irgendwie verschanzen!«
»Zum Verstecken ist die Anlage nicht gedacht«, entgegnete sie. »Wir müssen erst den Abstand vergrößern.«
Auch diese Halle lag im Halbdunkeln. Nur vereinzelt flackerten Teile der Deckenbeleuchtung. Ein kleiner Sockel in der Mitte des Wegs deutete darauf hin, dass sich auch hier einmal eine Lichtsäule befunden hatte, die nun ausgefallen war. Sie liefen zum gegenüberliegenden Ende des Saals. Es wurde zunehmend anstrengend, denn das Wasser am Boden war wieder bis zu den Waden angestiegen, behinderte sie beim Laufen und spritzte nach allen Seiten weg. Als sie am Ende ankamen, stellten sie fest, dass der Ausgang verschlossen war.
»Die Tür scheint noch intakt zu sein!«, sagte Patrick.
Stefanie berührte das Lichtfeld neben dem Ausgang, das nur noch kaum wahrnehmbar leuchtete.
Zu ihrer Erleichterung schob sich die Tür beiseite. Augenblicklich strömte das Wasser zwischen ihren Beinen hindurch und in den dahinter liegenden Gang. Der Sog riss Peter von den Beinen. Hastig half Patrick dem tropfnassen Professor auf, und gemeinsam stolperten sie durch den Ausgang. »Schnell! Stefanie, kannst du sie wieder schließen?«
»Bin dabei.«
Geräuschlos schob sich die Tür zu und schnitt den Wasserstrom ab. Der Gang, in dem sie sich befanden, war sanft erleuchtet, nur das Wasser, das aus dem Saal gelaufen war und sich nun auf dem Boden verteilte, deutete darauf hin, dass etwas anders war als sonst.
»Den sind wir erst mal los«, meinte Patrick.
»Wer weiß, wie lange«, sagte Peter, der sich bemühte, das Wasser aus seinen am Körper klebenden Kleidungsstücken abzustreifen.
»Wir dürfen keine Zeit verlieren«, bestätigte Stefanie. »Kommt mit, es ist nicht mehr weit.«
Sie folgten ihr eilig, doch waren sie kaum an die nächste Kreuzung gekommen, als erneut ein grollender Stoß den Boden erzittern ließ. Heftiger als zuvor. Sie taumelten zur Seite, stützten sich an der Wand ab. Das Licht fiel aus.
Als das Beben nachließ, zog Patrick sein Feuerzeug hervor, besann sich dann aber anders und steckte es wieder ein. »Vielleicht sollten wir die Dunkelheit ausnutzen«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Nicht auf uns aufmerksam machen.«
Stefanie hatte bereits nach Peter gegriffen und hielt seinen Unterarm. »Ich führe Sie«, sagte sie leise zu ihm. Und dann, etwas lauter: »Gehen wir.«
Patrick ergriff Stefanies Hand und fühlte augenblicklich die Verbindung zu ihr entstehen. Vor seinem inneren Auge wurde der Gang wieder sichtbar, und er wusste, dass es nur noch zwei Abzweigungen waren.
Darauf bedacht, nicht allzu viele Geräusche zu machen, gingen sie durch die Finsternis und kamen schließlich zu einem breiten Korridor. Auch hier war die Beleuchtung bereits ausgefallen, aber an den Wänden ließen sich regelmäßige Reihen kleinerer Lichter ausmachen.
»Wir sind da«, sagte Stefanie gedämpft.
Nun holte Patrick doch sein Feuerzeug heraus und zündete es an. Vor ihnen in der Wand befand sich eine durchsichtige Scheibe, hinter der eine Kammer zu sehen war. Sie maß kaum mehr als zwei Meter im Quadrat, technische Apparaturen waren an den Wänden befestigt, und hier befanden sich die schwach leuchtenden Lichtfelder, die auf den Gang hinausstrahlten. Vermutlich dienten sie als Schalter. Peter sah den Korridor entlang. Das Muster der Lichter wiederholte sich mehrfach auf beiden Seiten. Mindestens ein Dutzend solcher Kammern säumte den Gang.
»Sind das die Rettungskapseln?« fragte Peter.
»Man betritt diese Kammern, ja«, erklärte Stefanie. »Um genau zu sein, das sind Generatoren. Aber das führt jetzt zu weit. Sehen Sie die Schalter dort? Mit dem oberen bedient man sämtliche Funktionen.« Sie berührte die Scheibe vor ihnen, die sich unter ihrer Hand auflöste und den Zutritt freigab. »Bitte schön.«
Peter sah sie verwundert an. »Soll ich da jetzt reingehen?«
»Es ist der einzige Weg, um die Anlage zu verlassen«, sagte sie. »Es kann immer nur eine Person hinein.« Dann deutete sie lächelnd den Gang entlang. »Es sind ja noch genug andere da für Patrick und mich.«
Peter zögerte. Schon einmal hatte er sich von Atlantis verabschiedet. Und dann waren sie doch noch endlos durch das Labyrinth der Korridore und Ebenen gelaufen, gehetzt, geflohen. Und nun, in diesem dunklen Gang sollte er einfach allem den Rücken kehren. Es war abrupt. Und trostlos. Aber er wusste auch, dass es der einzige Weg war. Die Anlage versagte ihren Dienst, sie wurden verfolgt. Sie mussten fliehen. Langsam tat er einen Schritt, einen zweiten, dann stand er in der kleinen Kammer. Er drehte sich um.
»Und jetzt?«
»Ich schließe die Tür«, sagte Stefanie. »Anschließend benutzen Sie das Lichtfeld dort drüben und leiten die Sequenz ein.«
»Einfach das Feld berühren? Wird das funktionieren? Und muss ich mich nicht irgendwo anschnallen?«
»Sie werden feststellen, dass es ganz intuitiv ist«, sagte sie. »Haben Sie keine Sorge. Sie können stehen bleiben, es ist vollkommen unproblematisch, Sie werden sehen.«
»Nun denn...« Peter hob eine Hand. »Bis gleich also. Hoffen wir, dass alles klappt.«
»Aber natürlich wird es das«, sagte Stefanie und lächelte ihn an. »Grüßen Sie ihn schön von mir.«
»Ihn?«, fragte Peter. »Wen grüßen?« Aber die Scheibe hatte sich bereits wieder geschlossen, und seine Stimme prallte davon ab.
Als ein Lichtblitz durch den Gang zuckte, schrak Peter zusammen. Er konnte nichts hören, aber in den Sekundenbruchteilen, die das Licht währte, sah er, wie Stefanie zur Seite geschleudert wurde. Patricks Feuerzeug flog durch die Luft und landete auf dem Boden, wo es nur noch mit einer kleinen blauen Flamme weiterbrannte. Es war dunkel. Peter hämmerte mit der Faust gegen die Scheibe, wollte auf sich aufmerksam machen, bewirkte aber nichts. Wenige Augenblicke später blitzte es erneut auf. In einiger Entfernung entdeckte Peter den Kubaner, González. Seine Kleindung war zerrissen, er blutete aus einer Platzwunde am Kopf. Er stand breitbeinig im Gang und feuerte mit seiner Maschinenpistole Stefanie und Patrick hinterher, die nicht mehr zu sehen waren. Aber Blutspritzer auf dem Boden und der Wand verrieten, dass er sie getroffen hatte.
Peter drückte sich in eine Ecke, um nicht entdeckt zu werden.
Es wurde wieder dunkel, als González sein Feuer einstellte. Dann schwebte die kleine blaue Flamme vom Boden hoch und flammte hell auf. González hielt das Feuerzeug in die Hand. Er stand direkt vor Peters Kammer und leuchtete durch die Scheibe. Er grinste und schüttelte den Kopf. Anschließend trat er einen Schritt zurück, hob seine Maschinenpistole an und drückte ab. Peter sah direkt in das unwirklich stumme Mündungsfeuer, als der Kubaner in seine Kammer schoss. Doch die Scheibe widerstand allem, nicht einmal Kratzer wurden sichtbar.
Peter sah den Mann wütend fluchen, dann drehte er sich um und rannte den Gang hinunter.
Peter blieb eingesperrt in der Kammer zurück. Die Finsternis um ihn herum war nahezu unerträglich.
Die USS Georgia war nur noch wenige Seemeilen von der Argo entfernt. Sie fuhr in fünfzig Metern Tiefe, vom Sturm, der an der Oberfläche wütete, war nichts zu spüren.
Der Funkspruch, den sie an die Argo 2K abgesetzt hatte, war eindeutig gewesen. Aber der Kapitän des Forschungsschiffes schien ein harter Knochen zu sein. Oder vollkommen naiv. Auf jeden Fall ließ er sich nicht beeindrucken. Aber er würde seine Haltung vermutlich bald ändern.
Die Argo hatte der Küstenwache, die sie aus dem Gebiet bringen sollte, einen Maschinenschaden gemeldet. Aber die feinen Ohren des Atom-U-Boots hatten ihre Maschinen arbeiten hören, die Propeller des Schiffes drehten sich immer wieder, um die Position zu halten. Wenn Kapitän Harris sagte, er könne das Gebiet nicht verlassen, dann war es eine Lüge. Was auch immer er plante, die Zone war zum Sperrgebiet erklärt worden, und er handelte gegen ausdrücklichen Befehl des Militärs. Ein Teufel musste ihn geritten haben, wenn er erwartete, dass dies ohne Folgen blieb. Es gab Kräfte, mit denen man nicht spaßen sollte. Das Militär der USA war eine davon, und mit ihr die USS Georgia.
Die kleinen leuchtenden Felder an der Wand der Kammer gaben ein wenig Licht, gerade so viel, dass Peter nach einigen Minuten Umrisse erkennen konnte. Aber es war bei Weitem nicht genug. Die Kammer wirkte auf ihn noch immer wie ein Grab. Zwei mal zwei Meter maß sein Gefängnis, und er war eingesperrt hinter einer Wand, die unzerstörbar und schalldicht war. Dahinter eine gigantische Anlage, die im Dunkeln lag, deren Lebenserhaltungssysteme ihren Dienst versagten, die mit Wasser volllief, die womöglich einstürzte. Ein Wahnsinniger mit einer Maschinenpistole, der durch die Gänge streifte und auf alles schoss, was ihm in den Weg kam, und draußen die Finsternis, die unendliche Tiefe und der mörderische Druck von Milliarden Tonnen Meerwassers. Und mehrere Kilometer darüber ein wütender Sturm.
Man konnte sich keinen einsameren Ort vorstellen, als diese kleine Kammer. Keinen Ort, der weiter entfernt von jeglichem Leben, jeglichem Überleben war.
Peter wartete und hoffte, dass Patrick und Stefanie zurückkommen würden. Vielleicht waren ihre Verletzungen nicht so schlimm? Wenn sie dem Kubaner entfliehen konnten, würden sie doch sicherlich so schnell es ging zurück zu diesen Rettungskapseln kommen.
Was, wenn der Kubaner siegte? Wenn Patrick und Stefanie bereits tot waren? Was würde er tun? Würde er zu Peter kommen und versuchen, ihn herauszuholen? Oder würde er zurück zu seinem U-Boot laufen in der Hoffnung, es steuern zu können?
Vielleicht waren sie auch bereits alle drei verunglückt? Womöglich waren Teile der Anlage eingestürzt und hatten die drei unter sich begraben? Vielleicht konnte Peter ewig hier warten, und es würde niemand mehr kommen.
Peter versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Dies war kein Gefängnis. Es war eine Rettungskapsel, wie Stefanie versichert hatte. Aber wie sollte sie funktionieren?
Er wandte sich den schimmernden Flächen an der Wand zu. Was war zu tun? Wie überall in der fremdartigen Anlage gab es keine Beschriftung, keine hilfreichen Symbole, nichts, das ihm einen Aufschluss über die Bedienung und Funktionsweise geben könnte. Stefanie hatte die Flächen stets einfach berührt.
Er streckte die Hand aus, zögerte. Mit welcher der Flächen sollte er es versuchen? Er entschied sich für die größte und legte seine Hand darauf.
Augenblicklich zuckte er zurück, als ihn ein Stromschlag durchfuhr. Er taumelte, stützte sich an einer Wand ab.
Er war defekt! Der Schalter oder was auch immer es war steuerte gar nichts, er verursachte einen Kurzschluss! Die Anlage musste kurz vor dem Zusammenbruch stehen.
Entsetzt sah er zu der Scheibe hin, die ihn in der Kammer gefangen hielt. Auf dem Gang sammelte sich Wasser! Es sprudelte und schäumte, und es stieg mit rasender Geschwindigkeit. Zentimeter um Zentimeter sah er, wie sich der Pegel auf der anderen Seite der Scheibe hob, und schon nach wenigen Augenblicken stand es einen halben Meter hoch. Der Korridor lief voll!
Stefanie stützte Patrick, der mit schmerzverzerrtem Gesicht neben ihr humpelte. Einer der Schüsse hatte ihn in den Oberschenkel getroffen.
»Dieses Schwein«, fluchte er. »Wie konnte er uns so schnell hinterherkommen ?«
»Er muss seine Wut an allen technischen Installationen ausgelassen haben, die er unterwegs gefunden hat«, meinte Stefanie. Auch sie war getroffen worden. Eine Kugel hatte sich in ihre Schulter gebohrt. Trotzdem schien sie den Schmerz gut zu verkraften.
»Ich behindere dich«, sagte Patrick. »So kommen wir nicht schnell genug vorwärts.«
»Doch«, sagte sie. »Versuch, dich vom Schmerz lösen, konzentrier dich auf mich. Ich bringe uns in Sicherheit.«
»Vom Schmerz lösen... du bist lustig«, brachte er mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Du lernst es«, gab sie zurück. »Ich weiß, dass du es kannst. Du bist schon auf dem Weg. Du musst es nur trainieren.«
Seit ihn der Kubaner getroffen hatte, war Patricks Verbindung zu Stefanie unterbrochen. Zu sehr brannte der Schmerz in ihm, er kostete ihn alle Aufmerksamkeit. Er bemühte sich, an etwas anderes zu denken, aber sein Bein fühlte sich an, als pulsiere Lava darin, es schrie in jeden seiner Gedanken hinein.
»Beobachte das Gefühl«, sagte Stefanie. »Achte darauf, wie es sich bewegt, umkreise es, verstehe es, nimm es an und schieb es bewusst beiseite. Wir kümmern uns so schnell es geht um die Verletzung, aber im Augenblick benötigt sie deine Aufmerksamkeit nicht. Du musst den Schmerz anerkennen, verstehen und dann verhüllen, ablegen.«
Patrick versuchte den Gedanken von Stefanie zu folgen. Er ahnte, was sie meinte, aber es war so schwer! Er hörte auf, auf seine Schritte zu achten, wusste, dass sie ihn führte, näherte sich stattdessen dem Schmerz, wie sie es beschrieb, und während er dies tat und ihrer Stimme dabei zuhörte, spürte er auch wieder ihre Anwesenheit. Entfernt, beobachtend, aber dort war sie und leitete ihn an.
»Du musst dich etwas beeilen«, sagte sie. »Gleich musst du ganz bei mir sein.«
Sie betraten den großen Kontrollraum mit den im Kreis angeordneten Stufen, die wie in einem Amphitheater zur Mitte hinabführten.
»Wir müssen nach unten«, sagte sie. »Die Stufen werden nicht leicht, aber du schaffst es!«
Stefanie ging jeweils eine Stufe voraus, ergriff Patricks Hüfte und half ihm, hinterherzuspringen. Beim Aufkommen schoss durch die Erschütterung der Schmerz durch seinen Körper.
»Konzentrier dich«, sagte sie, während sie die nächste Stufe nahm.
»Ich weiß, wo ihr seid!«, hörten sie die Stimme des Kubaners, während sie quälend langsam die Stufen hinabstiegen.
Eins ums andere Mal jagte brennendes Feuer durch Patrick, als er Stefanie folgte. Der Schmerz und der Blutverlust ließen ihn wanken. Er wusste nicht, wie viele Stufen es noch waren, er wusste nur, dass er nicht mehr viele davon überstehen würde, bevor er die Besinnung verlor.
Dann waren sie endlich unten, und Stefanie zog ihn zur zentralen Plattform und dem darauf befindlichen kleinen Podest, aus der die Lichtsäule in die Kuppel des Raums hinaufstieg. Patrick schleifte sein Bein hinter sich her, zu schwach, um es auch nur anzuwinkeln.
»So, ihr Ratten«, ertönte die Stimme von González aus der Höhe. »Ich könnt mir nicht länger entkommen!«
»Lassen Sie Ihre Waffe fallen«, sagte Stefanie mit kräftiger Stimme. »Ohne unsere Hilfe können Sie die Anlage nicht lebend verlassen.«
»Willst du mir etwa drohen?« González spuckte auf den Boden. »Ihr habt mir alles genommen. Das hier, was immer es ist, hat meinen Bruder getötet. Eure Experimente haben ihn umgebracht! Hier gibt es kein Gold, hier gibt es nur irgendeine teuflische Technik, mit der ihr imperialistischen Schweine die Welt unterdrücken wollt!«
»Es ist anders, als Sie denken, González.«
»Ich habe genug von euren Lügen! Ihr habt meine Leute umgebracht, einen nach dem anderen. Für mich gibt es jetzt keine Rettung mehr, aber ich werde dafür sorgen, dass dieses Labor und diese Waffen hier vernichtet werden!« Er richtete seine Maschinenpistole hinab auf Stefanie und Patrick.
Stefanie, die noch immer Patricks Hüfte umschlungen hielt, streckte einen Arm zur Lichtsäule aus.
»Tun Sie das nicht!«, rief Stefanie.
González feuerte im selben Augenblick, als Stefanie die Lichtsäule berührte.
Das Wasser im Korridor stieg unaufhörlich. Wie erstarrt beobachtete Peter den Vorgang hinter der Scheibe. Nun war er vollends gefangen. Hätte es zuvor vielleicht noch eine Möglichkeit gegeben, die Kammer wieder zu verlassen oder gerettet zu werden, so war dies nun unmöglich geworden.
Peters Gedanken kreisten in einem enger werdenden Strudel. So würde er also sterben. Kilometerweit von der Erdoberfläche entfernt, allein und im Dunkeln. Er hinterließ angefangene Arbeiten, offene Fragen und niemanden, der ihn vermissen würde. Sollte so sein Ende aussehen, unbekannt, unauffindbar, vergessen – einem unbedeutenden Sandkorn gleich?
Aber Stefanie hatte ihn doch nicht in eine Falle gelockt! Es sollte eine Rettungskapsel sein, und sie war sich so sicher gewesen, dass sie funktionieren würde! Immerhin, die schimmernden Flächen, die Schalter, oder wie auch immer man sie nennen mochte, schienen noch immer mit Energie versorgt zu werden. Aber hatte er es nicht versucht?
Vielleicht hatte er es falsch gemacht? Das falsche Feld berührt?
Noch einmal sah er sich die Flächen an der Wand an. Es schimmerte nur noch eine. Die größte von ihnen, die, die er schon ausprobiert hatte.
Zögerlich streckte er den Arm aus und berührte das Feld erneut.
Wieder schoss ein Schlag durch seinen Arm, direkt in seinen Kopf. Ächzend trat er zurück.
Es überraschte ihn, dass der Stromschlag ihn nicht verletzte. Es war eine Form von Energie, das war vollkommen klar, aber es schmerzte nicht. Es war lediglich... intensiv.
Was hatte Stefanie über das Licht und die Funktionen der Anlage erzählt? Das Licht war der zentrale Informationsträger, Es wirkte auf das Gehirn. Und es war eine Form von Kommunikation nötig. Aber wie?
Noch einmal berührte er das Feld, entschlossen, dieses Mal nicht zurückzuzucken.
Die Energie strömte augenblicklich auf ihn ein, aber er blieb standhaft. Etwas füllte seinen Kopf, ein Fremdkörper, ein fast körperlicher Gedanke. Und mit einem Mal fühlte Peter sich mit etwas verbunden. Er spürte den Raum, in dem er sich befand, als eine Verlängerung seines eigenen Körpers. Es war, als könne er die Wände spüren, die Scheibe, sogar das Wasser auf der anderen Seite. Er fühlte die Tür der Kammer, wie er seine Arme fühlen konnte, und er wusste in diesem Moment, dass sie sich öffnen würde, wenn er es nur wollte. So wie er seinen Händen keinen Befehl geben musste, um zuzugreifen, sondern es einfach tun musste, so könnte er auch einfach die Tür öffnen. Zugleich spürte er den Druck, der auf ihr lastete, und konnte das dann hereinstürzende Wasser vorherahnen. Er fühlte den Boden unter sich. Und er bemerkte noch etwas anderes. Eine schlummernde Kraft, die darauf wartete, freigesetzt zu werden. Über ihm befand sich ein Kamin. Ein Weg führte durch das Gestein, durch das Wasser und hinauf bis an die Oberfläche. Er nahm es wahr, wie ein Sprinter am Startblock die Bahn vor sich wahrnahm. Er musste nur starten.
War es so einfach? Was würde geschehen? Er könne stehen bleiben, hatte ihm Stefanie gesagt. Es sei intuitiv. Der Raum vibrierte vor Energie, wartete auf seine Entscheidung.
Also, dachte Peter. Jetzt geht es los. Und mit diesem Gedanken strebte er nach oben und fühlte, wie eine ungeahnte Kraft in der Kammer losbrach.
»Captain Harris!«, rief der Mann, der zur Brücke hereinstürzte. »Es ist da. Sie müssen sich das ansehen!«
John sah auf. Er hatte die Funksprüche der Navy vor einiger Zeit bekommen. Ein U-Boot näherte sich, forderte ihn unter Androhung von Waffengewalt auf, das Gebiet zu verlassen.
Er hatte schon einiges mit der Küstenwache erlebt, besonders in anderen Ländern, aber auch in den Staaten. Die US-Küstenwache war nicht zimperlich. Aber auch wenn sie mit der Navy verbunden war, war sie sicher kaum in der Lage, ein U-Boot loszuschicken. Auf wessen Befehl sollte das schon geschehen? Es war lächerlich, daher hatte er es natürlich auch nicht ernst genommen.
Auf dem Radar war nichts zu sehen, aber das lag wohl eher an dem Unwetter, bei dem kein vernünftiger Kapitän hierherkommen würde.
Aber dann war auf dem Sonar, mit dem sie ständig nach dem verschollenen Alvin Ausschau hielten, etwas aufgetaucht. Etwas Großes. Und er hatte kaum begonnen, sich darüber Gedanken zu machen, als er auch schon an Deck gerufen wurde.
John klappte seinen Kragen hoch und trat aus der Brücke.
Der Regen peitschte ihm ins Gesicht, der Sturm zerrte an ihm. John hielt sich an der Reling fest und sah hinunter.
Zwischen den Wellen, die sich backbordseitig auftürmten, lag etwas Dunkles im Wasser. Die Wellen brachen sich schäumend daran. Einer der Scheinwerfer der Argo beleuchtete das von Gischt umtoste schwarze Metall eines gewaltigen Kommandoturms, der fast zehn Meter aus dem Meer ragte. Eine breite Querflosse, wie das Höhenruder eines Flugzeugs, war zu erkennen.
»Ich werd verrückt«, murmelte John. Dieser Anblick war ihm wohl vertraut. Allerdings aus dem Kino.
Während er zusah, hob sich das U-Boot aus den Wellen. Der Kommandoturm stieg höher, dann tauchte der Körper auf, schien sich von der Mitte aus nach vorn und hinten auszubreiten. Immer mehr des Boots wurde sichtbar. Es war so groß wie die gesamte Argo von Bug bis Heck. Und noch immer stieg es auf. Die Wellen tobten darüber hinweg, aber gegen den massigen Körper richteten sie nur wenig aus.
John starrte fassungslos auf das Schauspiel. Das U-Boot schaukelte auf und ab, die Besatzung musste heftig durchgeschüttelt werden. Es gab keinen sinnvollen Grund, bei diesem Seegang aufzutauchen, außer einem: Es sollte ihn beeindrucken. Und das war gelungen.
Das dort, erkannte John, war nicht einfach nur ein U-Boot. Es war ein verdammtes Atom-U-Boot, und es war doppelt so lang wie sein eigenes Schiff!
John stürzte zurück auf die Brücke. Die USS Georgia... warum hatte er sich nicht die Zeit genommen nachzuschlagen, was das für ein Schiff war?!
»Stellen Sie einen Kontakt zu dem Boot her«, bellte er. »Und zwar ein bisschen plötzlich.«
»Der Kapitän ist bereits dran«, kam die Antwort, und man reichte ihm das Funkgerät.
Etwas geschah um ihn herum, ohne dass Peter erkennen konnte, was. Er spürte Aktivität, Bewegung, etwas umhüllte ihn. Er hob versuchsweise den Arm, stieß aber nach wenigen Zentimetern an ein unsichtbares Hindernis. War das auch Nanotechnologie, wie Stefanie gesagt hatte? Dann rührte sich etwas über ihm. Er sah hinauf und bemerkte, dass sich die Decke der Kammer beiseitegeschoben hatte, darüber lag Schwärze.
Er spürte, dass er angehoben wurde. Er schwebte! Der Boden entfernte sich einige Handbreit. Dann wurde sein Körper sanft nach unten gedrückt, er fühlte eine Beschleunigung, und plötzlich verschwand der Boden der Kammer mit einer fantastischen Geschwindigkeit unter seinen Füßen und war nach einem Lidschlag nicht mehr auszumachen.
Peter fühlte noch immer eine zunehmende Beschleunigung. Es ging rasant nach oben. Aber um ihn herum war nur absolute Dunkelheit, es fehlte jeglicher Orientierungspunkt. Den Gedanken, in einem Kokon in totaler Finsternis eingesperrt zu sein, verdrängte er mit aller Macht, kostete die rasante Aufwärtsbewegung aus, so gut er konnte, hielt sich daran fest, dass dies die Richtung zur Oberfläche war – wenngleich er keine Vorstellung hatte, was genau mit ihm geschah.
Er versuchte zu rechnen. Er befand sich in viertausend Metern Tiefe. Wie schnell mochte er sein? Waren es fünf Meter pro Sekunde? Dann würde der Aufstieg noch immer dreizehn Minuten dauern. Vielleicht war er auch schneller? Zehn Meter pro Sekunde? Er konnte es nicht sagen, es gab keinerlei Anhaltspunkte um ihn herum. Er wusste nur, was er über das Tauchen gehört hatte, und dass man keinesfalls schneller als Luftblasen auftauchen sollte. Wie schnell durfte man einen so hohen Druck verlassen, der hier unten herrschte? Er hatte gehört, dass Lungen explodieren und platzende Luftblasen das Blut zum Schäumen bringen konnten. Aber dann beruhigte er sich damit, dass die Konstrukteure dieser Rettungskapseln solcherlei Physik sicherlich bedacht hatten. Und dass der Druck in dieser Kapsel sicherlich dem der Oberfläche entsprach, jedenfalls, wenn er die Erklärungen Patricks richtig verstanden hatte. Dennoch: Der Druck unterhalb der künstlichen Trennschicht hatte sich ja anders verhalten als auf dem angenommenen Meeresgrund. Wenn er die Trennschicht überwand, musste die Kapsel um ihn herum dann nicht augenblicklich zerquetscht werden?
Er zermarterte sich das Gehirn, und sosehr ihn die Gedanken um mögliche Todesarten beunruhigten, war er doch froh, dass er sich keine Gedanken um die Enge und die Dunkelheit machte, die er so sehr fürchtete.
Und dann begann es um ihn herum heller zu werden. Zunächst kaum merklich, er meinte, seine Hände vor der Schwärze zu erkennen. Doch langsam wurde alles um ihn herum bläulich. Er sah sich staunend um. Er schwebte durch das Wasser, umgeben von einer transparenten, unendlich stabilen Hülle, die ihn nach oben transportierte. Unter ihm lag die Schwärze des Abgrunds, aus der er kam, und über ihm kam das Licht auf ihn zu. Während er staunend in das offene Meer hinaussah, bemerkte er, dass er erneut leicht zusammengestaucht wurde, als die Kapsel ihre Geschwindigkeit reduzierte. Je heller es wurde, desto langsamer wurde er, dann spürte er sanfte seitliche Bewegungen, und mit einem Mal durchbrach er die Wasseroberfläche.
Die Kapsel tanzte auf dem aufgewühlten Wasser. Er ragte mit dem Oberkörper heraus, sah den offenen, bewölkten Himmel über sich. Wellen und Regen prallten an der transparenten Hülle ab, und durch das Chaos hindurch entdeckte er die mit Scheinwerfern beleuchtete Argo in höchstens fünfzig Metern Entfernung. Es war ein wunderbarer Anblick.
Einer der großen Strahler war auf ihn gerichtet. Wie konnten sie wissen, dass er auftauchen würde?
Er sah sich um und erkannte, dass der Scheinwerfer nicht auf ihn, sondern auf ein Objekt hinter ihm gerichtet war. Keine zwei Armlängen hinter ihm ragte die finstere Stahlwand des größten U-Boots auf, das er jemals gesehen hatte.
Dann zerplatzte die unsichtbare Hülle, die ihn umgab, und die Wellen schlugen über seinem Kopf zusammen.