Epilog


In den Ruinen von Atlantis


González feuerte im selben Augenblick, als Stefanie die Lichtsäule berührte. Aber das Licht war dreihunderttausendmal schneller. Eine irisierende Sphäre aus Strahlen explodierte um Stefanie und Patrick. Die Kugeln des Kubaners berührten die Hülle und zerstieben daran zu kleinen Staubwolken.

»Was für eine Teufelei ist das schon wieder?!«, schrie González und schoss weiter wutentbrannt auf die beiden.

»Hören Sie auf, González«, rief Stefanie über das Knattern der Maschinenpistole hinweg. »Dieser Teil der Anlage ist nicht mehr sicher.«

Aber González hörte sie nicht. Oder er wollte sie nicht hören. Schritt für Schritt stieg er die Stufen hinab und feuerte weiter.

Er war zur Hälfte gekommen, als ein kräftiger Wasserschwall durch eine der Türen herabschoss und ihn von den Füßen riss. Als er stürzte, schlug er mit dem Kopf auf eine Stufe, die Waffe flog aus seiner Hand. Mühsam rappelte er sich auf. Immer mehr Wasser kam durch die Türen herein, lief in Kaskaden die Stufen herab. González suchte seine Maschinenpistole und fischte sie schließlich heraus. Er legte wieder an, doch dann wurde ihm bewusst, wie schnell das Wasser stieg. Es sammelte sich in der tiefer liegenden Mitte des Raums und stand dort schon einen Meter hoch. Es umfloss auch die Lichtsphäre, drang aber nicht in sie ein.

González stieg zwei Stufen höher. Die ganze Struktur des Raums schien nachzugeben. Jetzt lief Wasser an den Wänden herab, und an mehreren Stellen tropfte es bereits von der Decke.

»¡Hijos de puta!«, fluchte González und legte erneut auf Patrick und Stefanie an.

Ein plötzlicher Sturzbach brach durch die Decke, nur wenige Handbreit neben dem Kubaner. Er sprang beiseite und wollte noch weiter nach oben steigen. Doch als er sich umwandte, sah er mit Schrecken, dass die vier Türen, die in den Raum führten, sich inzwischen geschlossen hatten. Das muss diese blonde Hure bewirkt haben, fluchte er innerlich. Und das Wasser ließ nicht nach, im Gegenteil, es wurde immer mehr, es kam aus den Wänden, von der Decke, und es stieg mit rasender Geschwindigkeit !

González hastete die letzten Stufen zu einer der Türen hinauf und hämmerte mit aller Kraft dagegen. Dann trat er einen Schritt zurück und feuerte. Aber die Kugeln hinterließen auf dem Material keinerlei Spuren, die Tür rührte sich keinen Millimeter.

Entsetzt drehte er sich wieder um. Das Wasser hatte fast die komplette Senke des Raums gefüllt, lediglich die oberen zwei Reihen Stufen lagen frei. Die Sphäre mit dem Mann und der Frau ragte nur noch zum Teil aus dem Wasser. Noch einmal schoss González auf die beiden. Legte seine ganze Wut, seinen ganzen Hass in das Stottern und Beißen der Maschinenpistole. Er hatte alles verloren. Seinen Bruder, sein Schiff, das versprochene Gold. Man hatte ihn betrogen und in eine Falle gelockt!

Er schoss weiter, bis das Magazin leer war.

Das Wasser hatte den oberen Rand erreicht, floss um seine Waden und kroch unaufhörlich höher.

González schrie auf, brüllte, warf seine Maschinenpistole von sich, drehte sich wieder um und hämmerte gegen die Tür, trat sie, warf sich mit der Schulter dagegen.

Aber es gab keinen Ausweg.

González hielt sich noch eine Weile schwimmend über Wasser, bis der Raum bis zu Decke vollgelaufen war. Dann nahm er in der letzten verbleibenden Luftkammer noch einmal einen Atemzug.

Patrick und Stefanie standen in der Sphäre am Boden des Raumes. Sie befand sich längst vollständig unter Wasser, aber nichts drang durch die schützende Hülle ein. Das Licht, das noch immer aus dem Podest am Boden trat und sich in einem funkelnden Strom durch das Wasser emporbewegte, schien den gefluteten Raum in ein unwirkliches Gebilde aus flüssigem Kristall zu verwandeln. Sie betrachteten das glitzernde Szenario durch die transparente Hülle und beobachteten, wie González' Leiche mit starrem Blick vor ihnen herabsank und seltsam friedlich zum Liegen kam.

»Es wird Zeit«, sagte Stefanie schließlich. »Wir müssen hier raus.«

»Ach«, meinte Patrick. »Den Gedanken hatte ich auch schon.«

»Einen Augenblick noch«, sagte Stefanie und legte ihre Hand in den Lichtstrom. Kurz darauf begann sich die Sphäre, die sie umgab, zu verändern. Von unten nach oben wandernd ließ das Leuchten nach, so als würde die Hülle vollständig verschwinden. Aber als Patrick seinen Arm ausstreckte, bemerkte er, dass er an ein unsichtbares Hindernis stieß. Eine Art Scheibe.

»Nun sind wir vom Licht unabhängig«, sagte Stefanie.

Patrick fuhr mit der Hand über die Innenseite der neuen Hülle. »Was ist das für ein Material?«

»Es ist gar kein Material im üblichen Sinn. Es ist ein flüchtiges, aber sehr stabiles Netzwerk aus freien Molekülen und Nanobots, die auf molekularer Ebene alles miteinander verbinden. Die Bots wandern durch die Lichtleitungen, um jeden Punkt der Anlage erreichen zu können. Sie lassen sich programmieren und kommunizieren dabei untereinander mit einem rudimentären Schwarmbewusstsein. In diesem Fall, um die gewünschte Hülle jederzeit stabil zu halten. Es ist eine Technologie, die vermutlich erst in einhundert Jahren zu dieser Stufe entwickelt werden wird. Aber nun komm.«

Stefanie tat einen Schritt und half Patrick, der sich humpelnd an ihrer Schulter festhielt. Die Sphäre wanderte mit ihnen mit.

Sie gingen an der Leiche vorbei und stiegen die Stufen hinauf. Es war eine Quälerei für Patrick. Der Stoff seines Hosenbeins war dunkel und mit Blut vollgesogen, sein Bein brannte vor Schmerz. Die Erschöpfung durch den Blutverlust holte ihn nach der kurzen Pause schnell wieder ein.

Endlich waren sie oben angekommen, Stefanie berührte einen Lichtfleck neben der Tür, und anstandslos glitt diese auf. Der dahinter liegende Flur war ebenfalls mit Wasser gefüllt.

»Du hattest ihn doch nicht absichtlich eingesperrt, oder?«, fragte Patrick mühsam.

»Nein. Es war der automatische Sicherheitsmechanismus durch den Wassereinbruch.«

Als Stefanie sich nach rechts wandte, zögerte Patrick.

»Zu den Rettungskapseln... geht es dort entlang.«

»Ja. Aber ich möchte dir etwas zeigen.«

»Ich weiß nicht... wie lange ich es noch aushalte.«

»Es wird schon gehen«, sagte Stefanie. »Versuch noch eine Weile, mit dem Schmerz umzugehen, wie ich es beschrieben habe. Und um die Verletzung kümmern wir uns auch, versprochen. Vertraust du mir?«

Patrick nickte matt. »Wenn nicht dir, dann niemandem.«

Stefanie ging weiter und lächelte. »Ich nehme an, das war eine Art Kompliment?«

»Ich weiß nicht recht. Meinst du, ja?«

Sie lachte auf.

Der Weg führte sie in einen Teil der Anlage, der Patrick unbekannt vorkam. Unterwegs betrachtete er, was das Wasser angerichtet hatte. Alles war vollgelaufen, vielerorts war die Beleuchtung ausgefallen oder flackerte nur noch schwach, an einigen Stellen waren Teile der Wände oder Decken eingestürzt.

»Wie konnte das passieren?«, fragte Patrick.

»Es war kein Zufall«, erklärte Stefanie. »Die Männer haben mit Ihren Maschinenpistolen kritische Teile zerstört. Wahrscheinlich hat González damit begonnen, um der Biosphäre zu entkommen. Danach wird er auch einige andere der Lichtsäulen unterwegs zerschossen haben. Die Zerstörungen haben Teile der Energieversorgung unterbrochen und das ganze System beeinträchtigt. Dadurch ist offenbar der Schutz der Außenhülle beschädigt worden, und so kam eines zum anderen.«

Sie standen inzwischen in einem kurzen Gang. Hinter ihnen hatte sich eine Tür geschlossen, und Stefanie war stehen geblieben.

»Er hat diese ganze so hoch entwickelte Anlage nur mit einer Maschinenpistole vernichtet?!«, fragte Patrick.

»Aber nein. Nur einen kleinen Teil davon. Pass auf.«

Das Wasser um sie herum blubberte. Erst leicht, dann immer stärker, bis das Sprudeln einem Kochen gleichkam. Dann senkte sich der Wasserpegel. Tropfen, die auf gewölbten Bahnen über ihren Köpfen durch die Luft liefen, machten die Hülle sichtbar, die sie bisher mit sich geführt hatten. Dann war das Wasser abgelaufen, und die letzten Tropfen fielen aus der Luft, als sich die Sphäre plötzlich auflöste. Sie standen im Trockenen.

Sie gingen auf eine Tür am Ende der kurzen Schleuse zu, und Stefanie streckte die Hand aus.

»Sieh her.«

Die Tür öffnete sich, und grün-goldenes Licht schlug ihnen entgegen. Patrick rang nach Luft. Vor ihnen lag eine der anderen Biosphären. Anders als der dunkle Urwald, den sie zuvor gesehen hatten, bot sich ihnen hier der Anblick einer gänzlich anderen Landschaft. So weit das Auge reichte, war der Boden leicht hügelig und von niedrigem Gras bewachsen. Laubbäume standen in vereinzelten Gruppen. Durch die Landschaft zogen sich schmale Kieswege und sogar eine Art Bach, der an mehreren Stellen von kleinen Brücken überspannt wurde.

»Das glaube ich nicht... Das kann unmöglich der Energiegewinnung dienen.«

»Nein. Es dient dem Leben. Ich erzählte doch, dass die Anlage ausgebaut wurde, als bereits klar war, dass die Reste von Atlantis im Meer versinken würden. Also wurde die Anlage nicht nur mit einer autarken Energieanlage und Rettungskapseln ausgerüstet. Die Flure und Korridore, die du bisher gesehen hast, waren zum Arbeiten.« Sie wies auf die Landschaft. »Das hier ist jedoch der viel größere Teil der Anlage, derjenige, der es ermöglicht, hier unten zu leben.«

»Hier zu leben?!«

»Ja. Solange man muss – oder möchte. Was du hier siehst, ist ebenfalls autark und wird automatisch gepflegt. Es gibt Licht in den richtigen Wellenlängen, Süßwasser, Pflanzen, Nahrung, Energie. Es gibt eine Krankenstation und Wohnhäuser. Und natürlich auch Rettungskapseln! Wir können jederzeit hier fort. Aber vielleicht interessiert es dich ja, dich eine Weile hier aufzuhalten? Dich zu erholen, dir alles anzusehen...?«

»Mich interessieren? Machst du Scherze? Das ist einfach unglaublich!«

»Ich könnte selbst eine Weile Pause gebrauchen«, gestand Stefanie. Dann lächelte sie ihn an, und in ihren Augen funkelte eine jugendliche Begeisterung. »Ich würde dir gerne alles zeigen. Und hier gibt es nicht nur Zugang zu allem Wissen, hier gibt es auch die Ruhe, die wir benötigen, damit ich dich langsam an alles heranführen kann.«

Patrick lächelte zurück. »Das klingt wunderbar. Das möchte ich sehr gerne. Und eines Tages, wenn wir genug davon haben, vielleicht statten wir dann unserem Professor einen Überraschungsbesuch ab.«

»Einverstanden!«

Patrick nahm Stefanies Hand, und augenblicklich fühlte er eine Wärme durch sich fließen. Nur, dass es dieses Mal anders war als bisher. Es hatte nichts mit Kommunikation mit ihr zu tun, es war kein Gefühl der staunenden Bewunderung, der Faszination ihrer Fremdartigkeit, es war viel schlichter und zugleich viel natürlicher. Er wusste, was es war, hatte es aber in dieser Innigkeit bisher noch nicht kennengelernt. Nun, nach allem, was er mit ihr erlebt hatte, an diesem unwahrscheinlichsten Ort, brach es hervor. Fast zitterte er, aber ihre Hand umfasste seine mit derselben Bestimmtheit.

»Als du ›langsam an alles heranführen‹ gesagt hast...«, begann er und biss sich augenblicklich auf die Unterlippe.

Sie sah ihn verschmitzt an. »Ja?«

»Meintest du da... na ja...« Er sah zur Decke empor, suchte nach einer Formulierung und kam sich selten unbedarft vor.

Dann spürte er, wie Stefanie sein Gesicht mit beiden Händen umfasste und zu ihr drehte.

»Du hattest doch gefragt, weswegen du hier bist, wenn doch eigentlich Peter der auserwählte Hüter sei.«

Es dämmerte ihm. Aber er mochte es nicht glauben. Er nickte nur stumm.

»Deswegen«, sagte Stefanie. Dann zog sie ihn an sich und küsste ihn.

Patrick schloss die Augen. Von allem Wissen der Welt war es dieses, auf das es am meisten ankam.

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