Kapitel 14
An Bord von Alvin II
Das ohnehin schwache Licht, das durch die winzigen Bullaugen ins Innere der Kapsel drang, nahm rasch ab. Nach fünf Minuten war es draußen vollkommen dunkel. Ihre Augen passten sich dem diffusen Dämmerlicht jedoch rasch an, und bald reichte das Leuchten der Kontrollanzeigen aus, um den Innenraum ausreichend zu erhellen. Inzwischen spürten sie keinerlei Bewegung mehr. Die Titanhülle gab nicht das leiseste Knacken oder Knirschen von sich. Die einzigen Geräusche waren ihr Atmen und das gelegentliche Rascheln von Stoff.
Nachdem jegliche Sicht oder Orientierung nach draußen unmöglich war, fühlte Peter sich wie in einem Raumschiff. Umgeben von feindlicher Leere nach allen Seiten, haltlos schwebend und verloren. Der Gedanke, dass die Welt und das Licht sich weit über seinem Kopf befanden, unerreichbar ohne technische Hilfe, dass sein Leben allein abhängig vom Funktionieren dieser ihm unverständlichen Technik war und dass ihre Tauchfahrt gerade erst begonnen hatte, sie sich sogar mit jeder Sekunde weiter von der Argo entfernten, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Er versuchte, die Vorstellung beiseite zu schieben, bevor sie zu sehr in ihm anwuchs.
»Ich denke«, sagte er daher an Kathleen gewandt und brach damit als Erster die Stille, »es wird Zeit, dass Sie uns erklären, was Sie mit dieser Entführung bezwecken.«
»Nun, das ist ja wohl nicht schwer zu erkennen. Und es hat doch auch geklappt, oder?«
»Ihnen geht es um mehr als um eine Dokumentation, habe ich recht?«
»Ach, Professor, Ihnen geht es doch auch um mehr als nur um eine Entdeckung. Erzählen Sie mir nicht, Sie suchten Atlantis bloß um der Geschichte willen. Ihnen geht es ganz konkret um die eigene Anerkennung. Sie wollen recht behalten, und Sie wollen das akademische Renommee dafür. Und das ist vollkommen legitim.«
»Und Sie?«, fragte Patrick. »Was wollen Sie von Atlantis?«
»Nichts, was Sie verstehen würden, Sunnyboy.«
»Wenn Sie's verstehen, kann's auch nicht komplizierter sein als ein Lippenstift.«
»Werden Sie nicht unverschämt!«
»Sonst was?«
»Sie suchen die schöpfende Kraft, nicht wahr?«, fragte Stefanie.
»Sie können mir überhaupt erst mal verraten, wer Sie sind!«
»Mein Name ist Stefanie Krüger, ich bin Sprachwissenschaftlerin und habe Patrick von Frankreich aus geholfen, die Texte auf den ersten Platten zu übersetzen.«
»Die Frau, mit der Patrick in Kontakt war, hieß aber Marie!«
»Ein Missverständnis.«
»So, so...« Die Journalistin sah Stefanie eine Weile lang an. »Nun, kann mir ja egal sein. Aber können Sie die Texte nun übersetzen oder nicht?«
»Ja, ich kann die Schrift lesen.«
»Und Sie kennen die beiden hier schon länger, sehe ich das richtig?«
Stefanie nickte. »Wir kennen uns schon seit einigen Jahren.«
»Okay, gut zu wissen. Und weil Sie so nett Antwort gegeben haben: Ja, ich suche keine Ruinen, ich suche die schöpfende Kraft. Und nichts hat uns je so nahe an den Ursprung gebracht wie Atlantis.«
»Denken Sie etwa, die Atlanter hätten die Welt erschaffen?«, fragte Peter.
»Inzwischen ist unzweifelhaft erwiesen, dass die Evolutionstheorie vorn und hinten krankt. Nicht stimmen kann. Und immer mehr Wissenschaftler schließen sich der Überzeugung an, dass die Entwicklung auf unserem Planeten von einem intelligenten Schöpfer kreiert und gesteuert worden ist. Keine Kultur, die wir bisher kennen, wäre zu so einem Schöpfungsakt in der Lage, aber die Bewohner von Atlantis waren es. Und diese Entdeckung wird es sein, mit der wir die Weltgeschichte neu schreiben werden. Wir werden verstehen, wer uns geschaffen hat, auf welche Weise und zu welchem Zweck. Indem wir unseren Schöpfern gegenübertreten, werden wir unsere Bestimmung erkennen.«
»Kathleen«, sagte Patrick. »Sie haben eine totale Meise, ist Ihnen das klar?«
Sie lächelte ihn an. »Ich sagte doch, dass Sie es nicht verstehen würden. Doch das macht nichts. Was Sie sagen, sind bloß Worte. Aber Sie können damit die Wahrheit nicht ändern.«
Mit einem halblauten »Ach du Scheiße...« wandte sich Patrick ab.
Die Form von Alvin II tauchte als heller Punkt auf dem Sonar auf. Die Hondura lag nur einen knappen Kilometer hinter ihr und sank mit derselben Geschwindigkeit, verfolgte den Kurs lautlos und unsichtbar durch die Dunkelheit.
Das Forschungs-U-Boot war, wie auch die Libertad, russischer Herkunft. Im Gegensatz zum Schiff war die Hondura allerdings gerade einmal fünfzehn Jahre alt und stellte das damals Beste der russischen Ingenieurskunst dar, nur vergleichbar mit den Unterseebooten der Japaner. Ihre etwas schwächere Manövrierfähigkeit machte sie durch die Tatsache wett, dass sie für eine Tiefe von neuntausend Metern ausgelegt war und sechs Personen Platz bot.
Während sich die Hubschrauber der Küstenwache auf das Schiff des WHOI konzentrierten, hatte González in Ruhe beobachten können, was auf der Argo vor sich ging. Nach der Explosion an Bord waren die verbliebenen Helikopter abgezogen, und die Europäer hatten umgehend ihren Kran in Gang gesetzt. González hatte die Chance genutzt und hatte ihnen unbeobachtet hinterhergesetzt.
Er wusste, dass sie Platten aus Gold gefunden hatten, Ricardo hatte ihnen ausführlich davon berichtet. Nun ging es darum, die genaue Stelle zu finden. Um sich nicht zu verraten, verwendeten sie das passive Sonar an Bord, belauschten und folgten den minimalen Geräuschen, die das sinkende U-Boot durch seine Stabilisierungspropeller von sich gab. Es war waghalsig, stumme Hindernisse blieben auf diese Weise unsichtbar, aber sie waren im offenen Meer, und auf den nächsten dreitausend Metern wuchsen nicht plötzlich Felswände empor.
Vermutlich befand sich an Bord des neumodischen kleinen Boots ebenfalls ein passives Sonar, aber González hoffte darauf, dass es nicht eingeschaltet war, denn dafür gab es keinen Grund. Vermutlich nutzten sie ein schwaches aktives Sonar, um in Fahrtrichtung zu sehen, aber damit konnten sie die Hondura hinter sich nicht entdecken.
Zufrieden lehnte er sich zurück und überließ die Fahrt seinem Piloten. Draußen gab es nichts zu sehen, und es würde noch lange genug dauern, bevor sie den Grund erreichten und es wieder spannend wurde.
»Wie lange sind wir schon unterwegs?«, fragte Peter. Immer wieder hatte er sein Gesicht an das kaum faustgroße Bullauge gedrückt, hinausgestarrt in die Finsternis. Einige Male hatte er Fische aufblitzen sehen, aber das Wasser war so klar, dass sich das Licht der Scheinwerfer einfach nur in der Tiefe verlor, ohne sonst irgendetwas zu erhellen. Bald hatte er Patrick gebeten, sie vollends auszuschalten, um Strom zu sparen.
»Wir sind auf einer Tiefe von knapp zweitausendsechshundert Metern«, erklärte Patrick, ohne sich umzudrehen, »und sinken mit beständigen achtundvierzig Metern in der Minute. In etwa zwanzig Minuten müssten wir unten sein.«
Die Außentemperatur betrug nur noch drei Grad Celsius. In der Kapsel war es kühl geworden, allein die elektrischen Geräte und die Körper der vier Menschen erwärmten den kleinen Raum, aber das Thermometer stieg nicht mehr über fünfzehn Grad. An der metallenen Innenwand liefen Kondenstropfen herab.
Die Enge, die sie umgebende Dunkelheit und die vollkommene Isolation schienen den anderen nicht viel auszumachen, aber Peter fühlte ein stetig größer werdendes Unbehagen in sich anwachsen. Er bemühte sich, nicht darüber nachzudenken und keine Panik in sich aufkommen zu lassen.
Stefanie hatte sich auf das Fußende von Peters Pritsche gesetzt, ließ ihre Beine herabhängen und lehnte mit dem Kopf an einem Regal. Ihre Augen waren geschlossen. Sie schien sich auszuruhen, vielleicht schlief sie sogar. Sie musste einen Jetlag haben, war vermutlich die ganze Nacht auf den Beinen gewesen.
Patrick behielt die Anzeigen und Kontrollvorrichtungen ständig im Blick, beugte sich manchmal hinunter, studierte Beschriftungen, probierte Knöpfe oder Hebel aus und war vollauf mit der Technik beschäftigt.
Kathleen beobachtete nur stumm die Vorgänge im Innenraum, fixierte bald Stefanie, bald einen der Männer. Sie hatte offenbar kein Bedürfnis, sich zu unterhalten, wofür Peter ganz dankbar war. Er fragte sich, was in ihrem Kopf vor sich ging. Wie hatte er sich so in ihr täuschen können? Dass sie sich in die Ausgrabung in Alexandria eingeschmuggelt hatte, hätte ihm vielleicht ein Warnsignal sein sollen. Aber war sie wirklich so hart, wie sie vorgab? Konnte jemand so verbohrt, so rücksichtslos sein? War sie eine Fanatikerin?
Noch zwanzig Minuten, bevor sie die Schwelle erreichten... »Wie lange wird unser Sauerstoff reichen?«, fragte er.
Patrick deutete auf eine Anzeige. »Darum würde ich mir keine Sorgen machen. Das hier reicht noch für fast sechzig Stunden für uns vier. Eher würde uns der Strom ausgehen, und der ist ausreichend für etwa zehn Stunden Tauchgang.«
»Zehn Stunden!«
»Ich schätze, Sie hatten ohnehin nicht vor, länger da unten zu bleiben, oder?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Ich behalte die Anzeigen jedenfalls im Auge, keine Sorge, alter Freund.«
Peter nickte und gab sich wieder seinen Gedanken hin, während sie weiter lautlos in die Tiefe sanken.
»Patrick, Dick hier. Können Sie mich hören?«
Peter schrak regelrecht zusammen, als die Stimme über die Lautsprecher erklang. Es erinnerte ihn daran, dass sie noch immer mit der Argo verbunden waren, und es gab ihm ein kleines Gefühl der Sicherheit.
»Ja, ich höre Sie.«
»Sehr gut. Sie sind in ein paar Minuten unten. Drosseln Sie jetzt die Sinkgeschwindigkeit und halten Sie Alvin mindestens zwei Meter über dem Boden.«
»Alles klar.« Patrick bediente einige Hebel. »Wie ist die Lage bei Ihnen?«
»Das Wetter ist unverändert. Die Küstenwache ist abgezogen. Der Captain hat ihnen einen Maschinenschaden gemeldet, sodass wir jetzt offiziell hier liegen bleiben. Sobald der Sturm vorüber ist, werden sie aber wiederkommen. Vermutlich in vier bis sechs Stunden. Ach ja, Scheinwerfer nicht vergessen.«
»Sind an, danke.«
»Ansonsten alles klar bei Ihnen?«
»Bis auf die Tatsache, dass wir eine geladene Pistole an Bord haben, ja.«
»Okay, verstehe. Also dann, viel Erfolg.«
Die Verlangsamung war kaum spürbar. Peter drückte den Kopf an sein Bullauge und beobachtete, wie der Meeresboden in Sicht kam. Es war dunkler Sand, nur an wenigen Stellen lagen weiß leuchtende Stücke, Muschelschalen oder andere Kalkreste. Er sah einen Krebs mit hellem Panzer, der unbeeindruckt von den Scheinwerfern über den Grund krabbelte. Vielleicht war er ohnehin blind. Eine absonderliche Situation, sich in diesem Gebiet zu bewegen, unter diesen unvorstellbaren Druckverhältnissen, bei nur wenigen Grad über dem Gefrierpunkt und in völliger Dunkelheit. Und sie wollten sogar noch tiefer hinab.
Wenige Meter über dem Meeresboden stoppte die Abwärtsbewegung von Alvin. Patrick überprüfte einen Monitor, der ihm das Sonarbild des Gebiets vor ihm lieferte, überlagert von der Karte, die sie mithilfe von Sentry erstellt hatten. Darüber hinaus navigierte er nur auf Sicht und lenkte das U-Boot langsam vorwärts.
Nach einer Weile erreichten sie einige der schwarzen Blöcke, die sie von den Bildern kannten. Nun, da sie selbst in knapp zwei Metern Abstand über sie hinwegfuhren, wirkten sie deutlich fremdartiger als auf dem Bildschirm.
Patrick steuerte das Boot weiter. »Da vorn geht es los«, sagte er, und kurz darauf endete der Sandboden unter ihnen so abrupt, als sei er mit einem Messer abgetrennt. An ihn schloss sich nahtlos eine vollkommen schwarze Fläche an. Als sie die Kante ein Stück weit hinter sich gelassen hatten, wurde der Anblick verstörend. Hatten die Scheinwerfer in der Schwärze der offenen Tiefsee bisweilen noch Schwebeteilchen oder kleinste Lebewesen beleuchtet, so verschluckte die Schwärze nun alles unter ihnen. Peter und Patrick kannten den Anblick aus Südfrankreich, dennoch war er, wie damals, höchst irritierend. Anders als damals wurden die Sonarwellen hier allerdings reflektiert, und Patrick maß eine Höhe über dem Grund von einem Meter siebenundachtzig.
»Wir sind da«, sagte er schließlich. »Nach den Messungen von Sentry ist hier ausreichend Platz unterhalb der Trennschicht, sodass wir absinken werden.« Dann sprach er in sein Mikrofon. »Dick, kannst du mich hören?«
»Hier ist John. Wir können Sie hören und beobachten Ihren Tauchgang auf den Monitoren. Sie sind jetzt an der Stelle.«
»Hallo, John. Wir tauchen jetzt ab. Wir wissen ja, dass die Trennschicht die Datenströme durch das Kabel nicht stört, aber trotzdem wollte ich vorher noch einmal Hallo sagen. Wer weiß, was passiert.«
»Hoffentlich nichts weiter. Dick sagt, der plötzliche Druckunterschied könnte theoretisch Probleme verursachen, aber die Titankapsel sollte das wegstecken können.«
»Ja, das denke ich auch.«
»Danken Sie daran, die Auftriebstanks vollständig zu leeren, damit sie Ihnen nicht platzen.«
»Ist klar.«
»Also dann, viel Glück!«
»Danke, Captain.«
»Welche Probleme meinte er?«, fragte Peter.
»Sie erinnern sich, dass der Tiefenmesser nach dem Durchbrechen der Trennschicht plötzlich wieder bei einer Tiefe von null Metern neu zu zählen begann?«
»Ja.«
»Nun, Tiefenmesser messen streng genommen nicht die Tiefe, sondern den Umgebungsdruck. Da man weiß, wie der in der Tiefe zunimmt, kann man die Tiefe berechnen. Wenn aber der Tiefenmesser null Meter anzeigt, bedeutet das, dass der Umgebungsdruck dem der Oberfläche entspricht. Hier, wo wir jetzt sind, lastet der dreihundertfünfzigfache Druck auf dem U-Boot. Wenn wir die Schicht durchbrechen, fällt der Druck ganz plötzlich vollkommen weg. Es könnte sein, dass das einige Teile des Bootes strapaziert. Das meinte er.«
»Und das kann gefährlich werden?«
»Vermutlich nicht.«
»Vermutlich?! Ihre Zuversicht...«
»...möchten Sie haben. Ich wusste, dass Sie das sagen würden.« Er grinste.
»Sie klingen fast wie ein altes Ehepaar«, meinte Stefanie, die wieder wach geworden war und lächelte.
»Dann sollte Patrick jetzt dafür sorgen, dass uns der Tod nicht so schnell scheidet.«
Patrick winkte ab. »Das kriegen wir schon hin. Ich werde jetzt sinken. Zur Sicherheit sollten Sie sich alle gut festhalten. Wer weiß, wie ruckelig es wird.«
Er griff nach dem Steuerknüppel, und als wenige Augenblicke später die Anzeige der Entfernung zum Boden auf E 99999.9 umsprang, wussten sie, dass sie in die schwarze Schicht eingedrungen waren.
»¿Qué cojones? Capitán, das U-Boot ist verschwunden!«
»Was sagst du da?« González lehnte sich nach vorn und sah dem Piloten über die Schulter. »Was soll das heißen, verschwunden?«
»Eben war es noch sichtbar, aber jetzt ist es weg.«
»Das habe ich verstanden, du Idiot. Ich will wissen, was da los ist. Vielleicht hat es einen Schleichfahrtmodus. Benutz das aktive Sonar.«
»Aber dann werden sie uns hören.«
»Ist mir egal. Hauptsache, wir verlieren ihre Position jetzt nicht.«
Der Pilot schaltete das Sonar ein, und das von den Schallwellen reflektierte Bild des Meeresbodens vor ihnen erschien. Von Alvin keine Spur. Der Pilot deutete auf einen Bereich des Monitors. »Dort in etwa war die letzte Position. Auf Bodenhöhe. Und dann ist es verschwunden.«
»Was ist das da?« González ging näher an den Bildschirm. »Der Boden scheint vollkommen glatt zu sein... Bring uns genau an diese Stelle dort.«
Ein leises Knirschen im Metall war alles, was sich bemerkbar machte, als Alvin mit einem Mal aus der Trennschicht fiel. Sofort pumpte Patrick Druckluft in die Auftriebstanks, um den Fall aufzufangen. Das U-Boot stabilisierte sich bereits nach wenigen Metern und kam schwebend zum Stillstand.
Durch die Bullaugen drang helles, violett-blaues Licht.
Peter bestaunte den unwirklichen Ausblick auf die exotische Welt. Unter ihnen eröffnete sich eine fremde, zerklüftete Landschaft.
»Ich fahre jetzt zu der Stelle, an der wir die Antenne gesehen haben«, sagte Patrick. »Von dort aus erkunden wir das Gelände.« Dann sprach er in sein Mikrofon. »Wir sind durch. Können Sie uns noch hören?«
»Ja, problemlos. Glückwunsch! Sie sollten jetzt die Außenkamera einschalten und den Transfermodus auf ›Copy‹ stellen, damit wir sehen können, was Sie sehen.«
»Geht klar.«
Alvin sank nun wieder langsam und bewegte sich vorwärts. Peter beobachtete alles durch das kleine Bullauge. Waren dies tatsächlich einstige Gebirgsspitzen eines Landes, das eingebrochen und unter dem Meeresspiegel versunken war? Was würden sie finden? Artefakte einer antiken Kultur? Tatsächlich eine Art Technologie? Oder war alles nichts weiter als ein sorgsam gehütetes Hightechgeheimnis des Militärs? War das der Grund, weshalb dies ein Sperrgebiet war, weil man hier etwas für den Kriegsfall versteckte? Andererseits waren da die Funde aus Frankreich und Ägypten. Sie waren eindeutig antik gewesen.
»Unter uns ist jetzt die Antenne«, sagte Patrick, »oder was immer es ist.«
»Ich sehe es!«, rief Peter. »Können Sie näher heran?«
»Leider nein, für das Boot ist es zu eng und verwinkelt. Ich möchte nicht riskieren, dass wir stecken bleiben.« Er deutete auf den Monitor mit der Karte. »Ich fahre weiter an diese Stelle hier, dort ist eine Abbruchkante, an der wir tiefer gehen können.«
Lautlos bewegte sich Alvin weiter durch das Wasser. Unter ihnen ragten Steinformationen auf, so sauber und ohne jeden Bewuchs von Algen oder Muscheln, dass es aussah, als flögen sie über eine überirdische Landschaft.
»Ich werd verrückt«, sagte Patrick plötzlich. »Ich lasse das Boot sinken, hier, sehen Sie? Die Entfernung zum Boden nimmt ab. Aber hier, die Tiefe, sie bleibt konstant bei null Metern! Der Druck nimmt überhaupt nicht zu!«
»Faszinierend...«, sagte Peter. »Wie kann das sein?«
»Eigentlich gar nicht. Selbst wenn das hier bloß Luft wäre, also viel weniger dicht als Wasser, würde man eine Druckveränderung registrieren. Außerdem könnten wir uns in so einem leichten Medium gar nicht mit den Propellern bewegen. Es muss eine Art Kraftfeld sein, das den Druck neutralisiert.«
»Das haben Sie ja schon einmal vermutet«, sagte Peter, »aber gibt es eine Technologie, die dazu imstande wäre? Vielleicht etwas Geheimes vom Militär?«
»Im Labor vielleicht«, antwortete Patrick. »Aber in dieser Größe? Völlig ausgeschlossen. Allein der Energiebedarf wäre unermesslich.«
»Wer die Welt und die Menschen erschaffen hat«, meldete Kathleen sich nun nach langer Zeit wieder zu Wort, »der wäre jederzeit in der Lage dazu.«
»Bitte verschonen Sie mich mit Ihren religiösen Spinnereien«, gab Patrick zurück. »Warum bewundern Sie nicht einfach die Aussicht und lassen die Profis ihre Arbeit machen?«
»Ihnen werde ich Ihre vorlaute Klappe noch stopfen!«
»Wenn Sie mit diesem Boot auch wieder zurück nach Hause wollen, werden Sie das schön bleiben lassen, meine Liebe.«
»Verlassen Sie sich nicht darauf.« Dann wandte sie sich wieder dem Bullauge zu.
Patrick steuerte das U-Boot über die Felsspitzen hinweg, bis der Boden unter ihnen erneut steil abfiel. Am Rand des unterseeischen Gebirges senkte er das Boot ab und ließ dabei die Scheinwerfer über die Steilwand gleiten.
Immer tiefer sank Alvin. Da der Tiefenmesser konstant blieb, rechnete Patrick auf einem Zettel mit, indem er die Höhe über dem Boden, die das Sonar maß, notierte, bis sie den Grund erreichten, darüber hinwegfuhren und den nächsten Geländeabfall hinabsanken. Seit der Trennschicht hatten sie nun schon über fünfhundert Meter überwunden, und noch immer war der Außendruck konstant, das Licht nur unmerklich dunkler geworden.
Dreihundert Meter unter ihnen eröffnete sich nun eine unregelmäßige Ebene, jedenfalls den vorausschauenden Daten ihres Sonars zufolge. Bis in diesen Bereich war Sentry nicht vorgedrungen, sodass sie keine Karte des Gebiets hatten.
Langsam verfeinerte sich das Bild auf dem Monitor, und einige Minuten später kam der Boden auch durch die Bullaugen in Sicht.
Es war eine atemberaubende Ruinenlandschaft.
Patrick schaltete einen Monitor ein, sodass die Aufnahmen der vorderen Kamera ins Innere der Kapsel übertragen wurden.
Sie schwebten über den Resten einer künstlichen Anlage, eines gewaltigen Gebäudekomplexes, der hier einst gestanden haben musste. Vom Boden ragten Mauern aus schwarzen Blöcken empor, ähnlich jenen, die sie oberhalb der Trennschicht gefunden hatten. Ruinen breiter, mehrstöckiger Gebäude waren zu erkennen, geduckte Hallen, Straßen. Dazwischen immer wieder silbern glänzende Metallstreben, Träger, Maschinenteile und Bleche. Alles war vollkommen übersät mit Trümmern, an einigen Stellen war der Boden von tiefen Rissen durchzogen, an anderen Stellen war er in sich zusammengestürzt und hatte ganze Gebäude in die Tiefe gerissen. Aber nichts davon erweckte den Anschein, als hätte es Zehntausende von Jahren im Meer gelegen. Keine Strömung hatte Sand über die Ruinen getrieben, kein Sediment hatte sich abgelagert, keine Algen wuchsen, keine Tiere waren zu sehen. Das Trümmerfeld lag unberührt und isoliert da, wie in einem übergroßen Museumsschaukasten.
»Sehen Sie sich das an...«, sagte Peter tonlos. »Etwas muss diese Zerstörung angerichtet haben«, fügte er nach einer Weile hinzu.
»Na, ist das Ihr Atlantis?«, fragte Patrick.
»Nein... und ja... Atlantis war groß wie ein Kontinent, die Hauptstadt soll Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen beherbergt haben. Das hier ist... ich weiß nicht, was es ist... es ist groß und doch viel zu klein. Aber gut möglich, dass es einst zu Atlantis gehörte.«
»Möglich, dass es zu Atlantis gehörte?!«, wiederholte Kathleen. »Selbstverständlich gehörte es zu Atlantis, was soll es denn sonst sein?«
»Nur weil wir nicht wissen, was es ist«, beharrte Peter, »bedeutet das noch lange nicht, dass wir Atlantis gefunden haben. Das müssen wir erst noch belegen.«
»Doch, es gehört dazu.«
Alle sahen Stefanie an, die gesprochen hatte.
»Wie bitte?«
»Ja«, sagte sie, »es gehört zu Atlantis. Dies hier war eines der Zentren, in denen Energie erzeugt wurde. Der größte Teil der Anlage liegt allerdings unterirdisch.«
»Woher wissen Sie das?«, fragte Kathleen mit zusammengekniffenen Augen.
»Recherche«, gab Stefanie zurück.
»Kann das sein?«, fragte Kathleen an Peter gewandt. »Gibt es so präzise Informationen über Atlantis überhaupt?«
Peter, selbst noch wie betäubt von ihrem möglicherweise sensationellen Fund, zögerte, sah von Kathleen zu Stefanie. Sie legte den Kopf ein wenig schief, ein angedeutetes Lächeln lag auf ihren Lippen, und ihre Augen funkelten amüsiert. Er blickte hinüber zu Patrick. Der zuckte mit den Schultern, nickte aber.
»Ja, durchaus möglich«, antwortete Peter.
»Es sollte auch einen Zugang zu der Anlage geben«, sagte Stefanie. »In der Nähe der Felswand. Kannst du eine Straße erkennen, Patrick, die von hier aus zu den Bergen führt?«
»Ja«, gab er zurück. »Ist aber nicht viel davon übrig.«
»Am Ende dieser Straße müsste der Zugang zu der Anlage liegen. Sie ist noch intakt.«
»Und woher wissen Sie das schon wieder?«, fragte Kathleen. »Etwa auch Recherche?«
»Nein. Aber immerhin ist das Kraftfeld noch aktiv, also müssen die Generatoren noch funktionieren.«
»Dann los, folgen Sie der Straße zu den Bergen, Patrick«, sagte Kathleen.
»Sie haben mir keine Befehle zu geben, Schätzchen«, erwiderte der Franzose.
»Nun hören Sie schon auf, sich wie ein Mädchen anzustellen«, sagte die Journalistin. »Im Grunde sind Sie mir dankbar, dass ich Sie alle hierhergebracht habe. Sie wollen es ebenso wie ich.«
»Mann, Sie gehen mir vielleicht auf den Geist!«
Patrick senkte das U-Boot weiter ab und steuerte es dann knapp über dem Boden den Überresten der Straße folgend in Richtung der großen Felswand, an der sie zuvor herabgesunken waren.
Vor ihnen erhoben sich bald einige große Säulen links und rechts der Straße, die, den herabgestürzten Quadern nach zu urteilen, einmal einen Bogengang gebildet hatten. Direkt dahinter wurde ein fast zehn Meter hoher Eingang im Fels sichtbar. Sorgfältig aus dem Gestein gearbeitet, war er mit einer Wand oder einem Tor verschlossen. Im Licht der Scheinwerfer wurden Verzierungen und Inschriften sichtbar, aber Patrick musste Alvin behutsam zwischen den Säulen hindurchlenken, um näher heranzukommen.
Die seitlichen Entfernungssensoren ließen Warnanzeigen aufflammen, als Patrick das U-Boot so langsam und behutsam es ging zwischen den Steinen hindurchnavigierte. Zu beiden Seiten hin waren kaum fünfzig Zentimeter Platz.
Auf dem Monitor der Außenkamera wurden Details des Tors erkennbar. In der Mitte prangte das Zeichen, das sie auch auf den Platten gefunden hatten.
»Das ist es wieder«, sagte Peter. »Stefanie, wissen Sie, welche Bedeutung dieses Symbol hat?«
»Es ist das Zeichen für Schutz.«
»Was für ein Schutz?«, fragte Kathleen.
»Es schützt die Energiequellen.«
»Energie? Das haben Sie vorhin schon gesagt. Meinen Sie damit Strom?«
»Wenn Sie so wollen, ja. Die Energie, die auch das Kraftfeld betreibt.«
»Der Legende nach hatten die Bewohner von Atlantis eine außergewöhnliche Energiequelle«, erklärte Peter. »Sie besaßen ein geheimnisvolles Metall, das Goldkupfererz, auch Oreichalkos genannt, das über besondere Kräfte verfügte. Und wenn man diesem Amerikaner, Edgar Cayce, glaubt, dann hatten sie auch Energiekristalle und Laser und dergleichen.«
»Ja, und Raumschiffe«, warf Patrick lachend ein.
»Nach dem, was ich bis jetzt gesehen habe«, sagte Kathleen, »würde ich nichts mehr für abwegig halten.«
»Natürlich«, fuhr Patrick fort, »Sie glauben ja auch, dass die Atlanter die Welt in sieben Tagen gesch... merde!«
»Was ist los?«
»Wir haben den Kontakt verloren!«
Patrick prüfte die Anzeigen und Steuerungen, betätigte einige Hebel und sprach schließlich in sein Mikrofon.
»Hier ist Patrick, können Sie mich hören?«
Keine Reaktion war aus den Lautsprechern zu vernehmen.
»Dick, John, können Sie uns hören?!«
Die Lautsprecher blieben stumm.
»Verdammt. Etwas hat unsere Datenleitung nach oben gestört. Wir haben keinen Kontakt zur Argo mehr!«
»Beeinträchtigt das unsere Funktionen?«, fragte Peter.
»Nein, das nicht, Alvin ist prinzipiell völlig autark. Aber jetzt können wir keine Daten mehr senden und empfangen. Das bedeutet, die wissen nicht, was wir tun, und können uns keine Anweisungen geben. Wir sind vollständig abgeschnitten und auf uns allein gestellt.«
»Nun«, sagte Peter, »vielleicht ist es nur eine vorübergehende Störung. Hauptsache, wir können die restlichen Stunden noch möglichst effektiv nutzen. Lassen Sie uns das Tor untersuchen!«
Wieder bediente Patrick die Hebel. Ein kleiner Ruck ging durch das U-Boot. Er versuchte es noch mal, erneut ruckte es. Aber es bewegte sich nicht von der Stelle.
»So ein Mist! Wir hängen irgendwo fest.«
»Ist es schlimm?«, fragte Peter und beugte sich zu Patrick herab. »Sie bekommen das doch hin, oder?«
»Sehen Sie mal raus«, sagte Patrick. »Ist da etwas zu sehen?«
Weder Peter noch Kathleen konnten ein Problem auf ihrer Seite erkennen. Patrick sah angestrengt aus den vorderen Bullaugen. »Etwas muss unter dem Boot sein...«, murmelte er.
»Vielleicht, wenn Sie aufsteigen?«, überlegte Peter.
»Ja, einen Versuch ist es wert...« Er nahm Einstellungen vor, und einen Moment später wankte Alvin leicht nach links und rechts. »Es reicht nicht!«
»Versuchen Sie es weiter«, drängte Peter. »In alle Richtungen. Das Boot muss sich einfach lösen!«
»Ich versuche es ja! Aber ich will auch nichts an der Maschine kaputt machen.«
»Verzeihen Sie, wenn mir mein Leben lieber ist als die Unversehrtheit dieses Geräts.«
»Versuch die Greifer, Patrick«, sagte Stefanie. »Vielleicht kannst du dich damit am Boden abstützen. Oder vorwärtsziehen.«
»Ja! Sehr gut!« Patrick wandte sich anderen Steuerknüppeln zu, und kurz darauf kamen die beiden Greifarme in sein Sichtfeld. Wie er bald feststellte, ließen sie sich nicht vollständig nach unten drehen, sodass der Boden nicht zu erreichen war. Er beugte sie also so weit es ging nach außen, bis sie die Säulen berührten, zwischen denen das Boot lag. Die stählernen Zangen kratzten nutzlos über den schwarzen Stein der Säulen. Erst nach einigen Minuten gelang es Patrick, sie an einigen Bruchkanten zu verkeilen. Behutsam zog er sie heran, und tatsächlich gelang es ihm, das Boot auf diese Weise vorwärtszubewegen.
Doch auch nachdem Patrick Alvin schon fast einen halben Meter nach vorn gezogen hatte, ließ sich das Boot nicht manövrieren.
»Also«, erklärte er, »wie's scheint, hängen wir nicht fest, sondern irgendetwas blockiert den Hauptantrieb. Die seitlichen Thruster funktionieren, aber damit kommen wir hier nicht raus, zum Wenden ist es zu eng. Und über uns ist offenbar auch zu wenig Raum, um aufzusteigen.«
»Was machen wir jetzt?«
»Ich kann uns vermutlich auf dieselbe Weise hier rückwärts rausschieben«, überlegte der Franzose. »Wir können auch versuchen, bis zu dem Tor zu kriechen, dort haben wir mehr Platz.«
»Wir sind so weit gekommen«, meinte Peter, »wenigstens das Tor sollten wir uns ansehen.«
»Nicht nur sollten«, sagte Kathleen. »Müssen!«
»Ich denke auch, dass ihr euch diese Chance nicht entgehen lassen solltet«, sagte Stefanie. »Sicherlich findest du später eine Möglichkeit, das Boot wieder in Gang zu bringen.«
Die Art, in der Stefanie ihn ansah, überzeugte Patrick. Offenbar wusste sie deutlich mehr über die atlantische Sprache und dieses Gebiet hier, als sie alle ahnten. Und klar war auch, dass sie die Details keinesfalls vor der Journalistin offenbaren würde. Also war Stefanie wieder in der Rolle der Beobachterin und der unauffälligen Lenkerin. Sie taten gut daran, ihren Hinweisen zu folgen.
Patrick wandte sich wieder den Steuerknüppeln zu, die die Greifarme bedienten, krallte sie erneut in den seitlichen Wänden fest, zog das Boot einige Handbreit weiter und wiederholte den mühsamen Vorgang wieder und wieder. Es dauerte zwanzig Minuten, bis Alvin endlich frei war und den offenen Bereich vor dem Tor erreichte. Etwa eine U-Bootlänge vor ihnen ragte die Felswand auf, in die das fast zehn Meter hohe Tor eingelassen war. Patrick bediente versuchsweise die seitlichen Thruster. Das Boot scherte zur Seite und dann wieder zurück.
»Gut«, sagte er. »Hier kommen wir zur Not raus.« Dann bewegte er Alvin näher an das Tor heran. Es war ein Stück in den Felsen versetzt und bestand aus demselben schwarzen Gestein oder Material, das sich überall fand. Überzogen war die Oberfläche mit rotgolden glänzenden Streifen, die gleichmäßige geometrische Muster formten. Das große Symbol blieb das einzige Zeichen, das eine Bedeutung zu haben schien. Es prangte in etwa zwei Metern Höhe und war leicht erhaben.
»Und Sie meinen, dass dies tatsächlich ein Tor ist?«, fragte Peter an Stefanie gewandt.
»Ja.«
»Dann müsste es einen Öffnungsmechanismus geben«, sagte Patrick. Er ließ die Scheinwerfer des U-Boots über die Fläche gleiten, aber sie schloss an allen Seiten nahtlos mit dem Fels ab.
»Das Symbol«, sagte Peter. »Vielleicht ist es beweglich?«
»Das kann ich mir nicht vorstellen...«
»Probieren Sie es mit den Greifarmen«, hakte Peter nach.
Patrick bediente einen Steuerknüppel. Der rechte Arm des U-Boots streckte sich und berührte das Symbol.
Ein plötzlicher Ruck fuhr durch das Boot, die Scheinwerfer strahlten für einen Sekundenbruchteil auf, dann wurden die Monitore im Inneren schwarz.
In den folgenden Sekunden schockierten Schweigens flammten sie einer nach dem anderen wieder auf und zeigten die durchlaufenden Daten einer Selbstdiagnose-Software. Nochmals einige Sekunden später erschienen wieder die vertrauten Anzeigen.
»Was war das?!«, fragte Peter.
»Ein Systemabsturz«, meinte Patrick. »So was wie eine Spannungsspitze, eine Überladung oder was weiß ich.«
»Sehen Sie, das Symbol!«, rief Peter aus.
Auf dem Monitor war zu sehen, dass das Zeichen auf dem Tor ein pulsierendes Leuchten von sich gab.
»Ich fass es nicht«, sagte Patrick.
»Sie haben es aktiviert, bravo«, sagte Kathleen mit ehrlicher Begeisterung.
»Jetzt müssen wir nur hoffen, dass es keine Selbstschussanlage ist...«
Während sie gebannt auf den Monitor sahen, wurde das Pulsieren schneller, und mit einem Mal kam es zum Stillstand.
Dann bewegte es sich langsam nach oben. Aber nicht nur das Symbol hob sich an, es war das ganze Tor, das sich mit einem Mal nach oben schob.
In der Felswand vor ihnen eröffnete sich nun ein gewaltiger Raum. Es war keine natürliche Höhle, sondern eine künstliche Halle mit vollkommen ebenem Fußboden und leicht gewölbten Wänden. Unbekannte Lichtquellen leuchteten von der Decke herab, so als strahle das Material selbst, so ähnlich, wenn auch deutlich kräftiger, wie das Symbol auf dem Tor. Das Innere war dadurch vollkommen erhellt, und auf den ersten Blick wirkte es wie ein sonnendurchfluteter Pool.
»Unglaublich!«, entfuhr es Peter. »Wo führt diese Halle hin?«
»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden«, gab Patrick zurück.
»Wollen Sie etwa...?«
»Na klar. Egal wie lange wir jetzt hier sitzen und uns Gedanken über die Risiken machen, am Ende werden wir es doch tun.«
Peter nickte. »Ja, da haben Sie vermutlich recht...«
»Also dann.« Da der Hauptantrieb ausgefallen war, drehte Patrick das U-Boot mithilfe der Seiten-Thruster um neunzig Grad und manövrierte es seitlich durch das Tor.
Es ging nur sehr langsam vorwärts, aber immerhin funktionierte es, und nach einer Weile waren sie gut zwanzig Meter in die Halle eingedrungen und näherten sich der rückwärtigen Wand.
»Wir ziehen irgendein Kabel hinter uns her«, bemerkte Peter mit einem Mal. Sein Bullauge wies in Richtung des Ausgangs. Ein signalrot leuchtendes Kabel schlängelte sich durch das Tor und über den Boden.
»Tatsächlich? Lassen Sie mal sehen!«
Patrick drehte Alvin, bis er den Ausgang durch die vorderen Bullaugen sehen konnte.
»Verdammt«, sagte er. »Das ist unser Datenkabel. Kein Wunder, dass wir die Verbindung nach oben verloren haben. So wie das aussieht, muss es abgerissen sein.«
»Das Tor!«, rief Peter, der Patricks Ausblick auf dem Monitor sehen konnte. »Es senkt sich wieder!«
»Mist, so schnell schaffen wir es nicht zum Ausgang«, sagte Patrick. »Hoffentlich gibt es auch von innen einen Türöffner, sonst sitzen wir jetzt in der Falle.« Noch während er das sagte, kam auch auf der Rückseite des Tores das große Symbol in Sicht. »Hmm... das sieht ja nicht so schlecht aus«, meinte er.
Kaum berührte das Tor den Boden, als mit einem Mal Luftblasen das Wasser um sie herum erfüllten. Erst waren es faustgroße, silbrig glänzende Blasen, dann wurden sie in Sekunden zu kopfgroßen Halbkugeln, die wie zittrige Quallen nach oben stiegen. Immer mehr Blasen umhüllten sie, das U-Boot begann zu rütteln. Die Sicht nach außen war gleich null, nur noch silbernes Glitzern umgab sie, während Alvin immer kräftiger wackelte.
Patrick bediente die Kontrollen, bemühte sich, das U-Boot auf dem Boden abzusetzen, um nicht unkontrolliert herumgeschleudert zu werden. Er konnte sich nur an der angezeigten Entfernung zum Boden orientieren und wusste, dass das Boot aufgesetzt hatte, als es einen harten Ruck gab und das Rütteln nachließ. Die Luftblasen waren aber weiter angewachsen. Inzwischen machte das Wasser den Eindruck, als würde es brodeln und kochen. Sicherheitshalber sah Patrick auf die Anzeige der Außentemperatur. Sie hatte sich im Gegensatz zur Tiefsee leicht erhöht, lag aber noch immer unter zehn Grad.
Unsicher sahen sie nach draußen und auf den Monitor. Sie trauten ihren Augen nicht, als plötzlich Wassertropfen von den Schreiben der Bullaugen herabrannen. Der Wasserspiegel war unterhalb der Scheiben gesunken, sank weiter, und wenige Momente später lag das U-Boot vollständig auf dem Trockenen.
»Ich...«, begann Patrick. »Ich... sag jetzt einfach gar nichts mehr.«
»Eine Schleuse!«, sagte Kathleen. »Wir sind in einer Luftschleuse. Viertausend Meter unter dem Meer in einer jahrtausende alten Luftschleuse, die noch immer funktioniert!«
Peter sah aus dem Bullauge. »So sieht es aus... ja.«
»Und was machen wir jetzt?«, fragte sie. »Aussteigen?«
»Wir wissen nicht, ob die Luft atembar ist«, sagte Patrick. »Vielleicht ist das da draußen Stickstoff oder sonst was.«
»Wir können es doch ausprobieren«, erwiderte die Journalistin.
»Und wenn es ein giftiges Gas ist?«, fragte Peter.
»Die letzten Messwerte, die ich aus dem Wasser habe, zeigen nichts Außergewöhnliches«, sagte Patrick. »Aber es bleibt ein Risiko.«
»Ach was«, sagte Kathleen. »Machen Sie schon auf. Ich gehe als Erste. Und wenn ich tot umfalle, kann es Ihnen ja nur recht sein.«
Patrick und Peter sahen sich an. Der Professor zuckte mit den Schultern.
»Also gut«, meinte Patrick schließlich und löste die elektronische Verriegelung der Luke. Kathleen griff über sich, öffnete sie und klappte sie auf. Sie atmete tief ein. Dann kletterte sie nach oben und war verschwunden. Einen Moment später tauchte sie vor dem vorderen Bullauge auf. Ihr Bild wurde auf den Monitor im Inneren übertragen. Sie stand da, stemmte die Hände in die Hüfte und sah sich um.
»Sie sieht noch ganz lebendig aus«, meinte Peter.
»Ja, blöd«, seufzte Patrick.
Stefanie stieß ihn in die Seite.
»Tja, dann«, meinte Peter, »mache ich mich auch mal auf den Weg. Kommen Sie nach?« Er streckte seinen Kopf aus der Luke. Die Luft roch leicht fremdartig und würzig und war etwas wärmer als im U-Boot, aber abgesehen davon schien es normale Luft zu sein, und das Atmen war problemlos. Peter kletterte nach draußen und suchte eine Möglichkeit, um von Alvins Oberseite nach unten zu kommen. Eine Treppe gab es hier natürlich nicht, daran hatte er nicht gedacht. Schließlich entschloss er sich, sich auf den Rand zu setzen, und sprang den letzten Meter. Er landete hart, kippte vornüber und fing sich eher recht als schlecht mit den Händen auf.
»Das gibt Abzüge in der B-Note.« Patrick, der hinter ihm ausgestiegen war, lachte. Dann kam auch er herabgesprungen, gefolgt von Stefanie.
Zu viert standen sie nun neben dem U-Boot. Den Boden der Halle bedeckten einige flache Pfützen Meerwasser, die letzten Reste von einigen Millionen Litern, die durch die hineingepumpte Luft in kürzester Zeit aus dem Raum gepresst worden waren. Wohin, das war nicht offensichtlich.
Sie gingen ein paar Schritte, berührten den Boden und die Wände.
»Wir sind da, Peter«, sagte Patrick. »Sie haben Atlantis gefunden. Jetzt geht das Abenteuer erst richtig los.«
Peter antwortete nicht. Zu ungeheuerlich war ihm die Vorstellung, dass sie auf einem Boden standen, der vor zehntausend Jahren oder sogar noch längerer Zeit zuletzt berührt worden war. Es umgab sie das wohl größte Rätsel der Menschheitsgeschichte. Und die Technologie dieser Kultur konnten sie nur hoffen zu verstehen.
»Ah, jetzt ist auch klar, warum der Antrieb ausgefallen war«, sagte Patrick, der um das U-Boot herumgelaufen war. »Das Datenkabel hat sich hier hinten verfangen. Wir haben eine gute Chance, dass wir das Ding wieder flottkriegen.«
»Dann können Sie ja auch hierbleiben«, sagte Kathleen. Sie hatte ihre Pistole in der Hand und wedelte damit herum. »Wir anderen gehen jetzt jedenfalls los.«
Sie deutete in Richtung der rückwärtigen Wand, wo Treppenstufen und eine Tür zu sehen waren. Patrick schloss sich ihnen an. Er fuhr mit der Hand über die Wand, überlegte, was dies für ein Material war. Es machte den gleichen glatten und strukturlosen Eindruck wie die schwarzen Blöcke, aus denen die äußeren Bauten bestanden. Diese Wände waren jedoch grau-silbern und changierten ganz leicht, als handle es sich um eine mit Metall beschichtete Oberfläche. Sie war offenbar äußerst stabil, aber sie fühlte sich etwas rutschig, fast weich an. Konnte es eine Art Teflon sein? Er ging näher mit dem Gesicht heran, kratzte mit dem Fingernagel daran. Etwas mit einer Nanostruktur, wie mit Ginkgoeffekt...
»Kommen Sie?«, hörte er plötzlich Peters Stimme. Sie standen bereits in der geöffneten Tür, als Patrick zu ihnen aufschloss. Dann verließen sie die Halle und betraten das Innere der eigentlichen Anlage.
Die Scheinwerfer der Hondura wanderten wie die Beine einer dürren Spinne über die Trümmerlandschaft am Boden des Abgrundes. Zwischen den Steinen schlängelte sich ein Kabel hindurch, das sich leuchtend orangerot vom Untergrund abhob.
»Da ist es!«, rief González. »Wie die Leine eines dreckigen Köters... sehr gut...«
Das U-Boot der Kubaner senkte sich ein wenig und folgte der Spur, die Alvin hinter sich her gezogen hatte.
AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Lieutenant Commander Walters legte das Telefon auf. Die Küstenwache hatte den Einsatz abgebrochen. Es hatte einen Unfall gegeben, und er, Walters, trug dafür nun mit die Verantwortung. Sicher nicht im disziplinarischen Sinn. Aber ohne seinen Anruf in Miami wäre dieser Einsatz nicht zustande gekommen.
Ein Sturm hatte sich über dem Meer entwickelt, und die beiden Forschungsschiffe lagen direkt auf seinem Weg. Nun konnte es sein, dass die Schiffe tatsächlich Hilfe benötigten. Aber noch hatte keines der beiden Schiffe Seenot gemeldet.
Sollte er die Angelegenheit einfach auf sich beruhen lassen? Die Verantwortung für das Geschehene und alles, was noch kommen mochte, vollends an die Küstenwache abtreten? Es wäre bequem. Und niemand würde ihm einen Vorwurf daraus machen.
Aber das war der Weg all derer, die er mehr und mehr verachtete. Der Rückzug des Menschlichen auf die sichere Distanz des Bürokratischen, die Gleichgültigkeit, das Vermeiden, eine Stellung zu beziehen und dafür einzustehen.
Walters stand auf und machte sich auf den Weg in den Kontrollraum. Dort angekommen ließ er sich die Satelliten-Karten des Gebiets zeigen und von der Wetterprognose überlagern. Kurz darauf war ihm klar, was er zu tun hatte.