Kapitel 8


AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


Walters hasste solche Telefonate. Es war nicht gut, den Tag so zu beginnen.

»Es tut mir wirklich leid, Süße. Ich hatte mich auch darauf gefreut. Aber es geht um eine vertrauliche Sache... Nein, nicht Washington, aber so ähnlich. Ich muss hierbleiben und im Vierundzwanzigstunden-Takt Meldung machen... Ich weiß es nicht. Dieses Wochenende mindestens. Ich hoffe, dass es dann im Lauf der Woche durch ist... Ja, mir auch... Sarah ist schon in der Schule, oder? Gib ihr einen dicken Kuss von mir, ja? Und sag ihr, wir unternehmen was Schönes, wenn ich nach Hause komme, okay?... Also dann, ich rufe heute Abend wieder an... Ich dich auch!«

Er legte auf und ließ sich zurücksinken.

Mist, verdammter!

Er sah auf die Uhr. Kurz vor acht. Keine Termine oder Projekte heute, nur reguläre Tagesabläufe in allen Bereichen, und ansonsten auf Neuigkeiten von den Schiffen warten, Meldung erstatten und dann weiter warten.

Er musste erst einmal seinen Kopf freibekommen. Danach wollte er sich ein zweites Frühstück in der Kantine gönnen. Wenn er schon heute Abend nicht nach Hause fliegen konnte und auch noch das Wochenende hier verbringen musste, dann sollte wenigstens kein Stress entstehen.

Wenige Minuten später trat Walters im Trainingsanzug auf das Gelände der Basis. Der Himmel war klar, es war weder schwül noch zu warm. Er machte ein paar Dehnübungen und trabte los, über den Parkplatz und zum Tor. Der wachhabende Soldat grüßte ihn, dann hatte er den Mann hinter sich gelassen, bog links ab und joggte entlang der Servicestraße, die ihn an der Basis vorbei und durch ein nahe gelegenes bewaldetes Gebiet führen würde.

Bald schon ging sein Atem bewusster, tiefer, und mit jedem Zug sog er die Gerüche der Natur ein. Die Steine erwärmten sich langsam, die Schatten der Bäume wurden kürzer, und das Meer, das nicht weit entfernt lag, trug sein salziges Aroma zu ihm herüber.

Andros war die größte Insel der Bahamas und zugleich die am wenigsten erschlossene. Trotz des gewaltigen vorgelagerten Korallenriffs gab es kaum Tourismus, außer den Sportfischern und Tauchern. Jedenfalls war es wenig im Vergleich zum Rest der Bahamas. Abgesehen von den rund sechstausend Bewohnern und den AUTEC-Mitarbeitern lebten hier in erster Linie Tiere in den Wäldern, Sümpfen und Mangroven. Entfernte man sich nur wenig von den Städten oder der Basis, fand man sich sofort in einer noch nahezu ursprünglichen Natur wieder.

Walters bog von der Straße ab und wählte einen Trampelpfad. Auf diese Weise kam man zum Strand und konnte mehrere Meilen lang oberhalb des Wassers laufen. Hier war die Luft noch ein bisschen frischer, und er merkte, wie seine Gedanken klarer und sein Tritt leichter wurden.

In einiger Entfernung stand ein Mann auf dem Weg.

Zunächst hielt Walters ihn für einen Jäger oder einen Marine. Aber dann sah er, dass der Mann in einen anthrazitfarbenen Anzug gekleidet war. Weiße Haare bedeckten seinen Kopf, und ein kurz geschnittener weißer Bart umrahmte sein Gesicht. Als er näher kam, drehte sich der Mann zu ihm um, sah ihm entgegen, und Walters wurde bewusst, dass er ihn offenbar erwartete.

Er blieb vor dem Fremden stehen, der ihn fast um Haupteslänge überragte.

»Guten Morgen«, grüßte der Mann mit einer sonören Stimme und einem leichten britischen Akzent. »Ich nehme an, Sie sind Lieutenant Commander Walters? Mein Name ist Gabriel, und ich würde Sie gerne sprechen.«

Gabriel reichte Walters die Hand, der sie flüchtig entgegennahm und sofort wieder zurückzuckte.

»Ja, ich bin Commander Walters. Vereinbaren Sie doch bitte einen Termin mit meinem Büro.« Walters wies unbestimmt in die Richtung der Basis und machte Anstalten weiterzujoggen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass ihn irgendwelche Leute belästigten, wenn er versuchte, ein wenig abzuschalten.

»Es geht um den Weißwasservorfall«, sagte Gabriel.

Walters blieb stehen, sah sich aber nicht um.

»Sie haben sich gestern beim CSS gemeldet«, fuhr Gabriel fort. »Ich möchte gerne mit Ihnen darüber sprechen.«

CSS, der Central Security Service! Walters überlegte. Konnte es sein, dass man ihn derart schnell aufsuchte? Die NSA, zu der der CSS gehörte, war berüchtigt für ihre Agenten, die Men in Black, die auftauchten und ebenso schnell wieder verschwanden, ohne Spuren zu hinterlassen. Und der Vorfall schien immerhin wichtig genug zu sein. Aber hatte die Mail nicht besagt, dass er sich in vierundzwanzig Stunden zurückmelden solle? Von einer Kontaktaufnahme war nicht die Rede gewesen.

Walters drehte sich um und fragte: »Wer schickt Sie?«

»Keine Regierungsstelle, die Ihnen bekannt wäre«, gab Gabriel zurück. »Ich habe auch keine Befugnis, Ihnen Anweisungen zu geben. Sie müssen nicht einmal mit mir reden, wenn Sie es nicht wünschen. Ich würde es allerdings begrüßen, wenn Sie sich einen Moment Zeit nehmen könnten.«

Ein Spinner, schoss es Walters durch den Kopf. Wieder einer von diesen Verschwörungstheoretikern, wie sie immer wieder auf Andros auftauchten. Andererseits, überlegte er, waren es selten ältere Herrschaften, die sich vornehm kleideten und sich gewählt auszudrücken verstanden.

»Also gut, sagen Sie, was Sie zu sagen haben.« Er sah auf seine Uhr. »Fünf Minuten.«

Gabriel nickte und setzte sich bedächtig in Bewegung. »Fünf Minuten sind keine lange Zeit, doch im Angesicht der Jahrtausende nicht unbedeutender als eine ganze Woche. Augenblicke wichtiger Entscheidungen sind stets kurz, oft viel zu kurz im Vergleich zu ihren Auswirkungen.«

Walters schwieg. Je weniger er sagen musste, desto besser. Sollte der Mann ruhig plaudern. Wie alt mochte er sein? Sechzig? Älter? Schwer zu schätzen. Er bemerkte einen rotgoldenen Siegelring an seiner Hand mit einem seltsamen Muster aus konzentrischen Kreisen.

Gabriel fuhr fort, langsam, geradezu andächtig und mit so langen Pausen, als hätte er alle Zeit der Welt. »Oft stellen wir uns die Frage, zu welchen Auswirkungen andere Entscheidungen geführt hätten. Wir fragen uns, wie viel wir wirklich bewirkt haben, hätten bewirken können. Dabei wäre es viel wichtiger, sich bewusst zu sein, wie viel wir bewirken wollen. Was ist uns wichtig? Wofür setzen wir uns ein? Wollen wir Teil der Krankheit oder Teil der Heilung sein? Und wenn Ignoranz die Krankheit der Welt ist, was ist unser Anteil daran?«

Noch immer sagte Walters nichts. Der Alte sollte zum Punkt kommen. Außerdem wusste er nicht, was er erwidern könnte. Denn auf eine seltsame Weise betraf es ihn, was er sagte.

»Der trügerische Gedanke, dass man machtlos sei, raubt uns jede Kraft, umnebelt den Geist, hüllt uns in Apathie. Wenn wir nichts entscheiden, entscheiden andere für uns. Doch allein es versucht zu haben, ist mehr wert als jedes Bedauern, wenn der Tag gekommen ist, der uns vor die Taten unseres Lebens treten lässt und unsere Seele richtet.«

Gabriel blieb stehen und sah Walters an.

»Ein solcher Tag kommt für jeden von uns. An welchen Gott Sie auch glauben: Ihre Seele kennt sich selbst. Und am Ende fällt alles auf Sie zurück.«

»Sind Sie ein Wanderprediger?!«, fragte Walters. Die Worte stießen etwas schärfer hervor, als er geplant hatte.

Gabriel lächelte. »Es geht um die beiden Schiffe, die Sie beobachten«, sagte er dann. »Es sind Forschungsschiffe auf der Suche nach Antworten. Sie möchten etwas über unsere Vergangenheit erfahren, über unsere Geschichte, unser Menschsein. Und zugleich gibt es das Militär und den Geheimdienst, der ganz offenbar ebenfalls ein Interesse daran hat... Man muss sich zwangsläufig fragen, was es dort zu entdecken gibt.«

»Es ist nicht meine Aufgabe, mich in diese Angelegenheiten einzumischen. Und Ihre vermutlich auch nicht.«

»Es gibt zweierlei Aufgaben. Solche, zu denen uns andere verpflichten, und solche, die wir uns selbst wählen. Zu ersteren treibt uns unser Verstand, zu letzteren unser Herz.«

»Was wollen Sie nun eigentlich von mir? Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, fassen Sie sich kurz. Die Zeit ist gleich um.«

»Ich habe nicht vor, Sie mit Wünschen zu bedrängen. Mir war heute in erster Linie daran gelegen, Sie kennenzulernen, Lieutenant Commander. Ihnen stehen interessante Zeiten bevor, in Ihnen liegt auf eine besondere Weise der Knotenpunkt verschiedener Wege in die Zukunft. Vielleicht reicht es, Sie auf diese Bedeutsamkeit aufmerksam zu machen, um Ihre Sinne zu schärfen.«

»Gut. Das haben Sie ja nun getan. Ich möchte jetzt weiter.«

»Natürlich«, erwiderte Gabriel und trat ein wenig beiseite. »Ich gehe häufiger hier spazieren, vielleicht sehen wir uns ein anderes Mal.«

Walters zuckte mit den Schultern. »Auf Wiedersehen«, sagte er knapp und setzte seinen Lauf fort, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ein wirklich schräger Vogel, überlegte er. War er gefährlich oder einfach nur merkwürdig? Was wusste er von den Schiffen? Wie hatte er von dem Schriftverkehr mit dem CSS erfahren? Und warum hielt er ihn auf und redete auf ihn ein, wenn er doch nichts zu sagen hatte? Und im Grunde hatte er ja nichts gesagt. Oder doch?


An Bord der Argo, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas


Nach dem Mittagessen trafen Peter, Patrick, Kathleen und der Kapitän in einem der Labors zusammen. Entlang der Wände standen Tische, die mit Tastaturen und Monitoren überfrachtet waren, mit Messgeräten und unidentifizierbaren Apparaturen. Alles war auf die eine oder andere Weise an den Wänden oder den Tischen befestigt, festgeschraubt oder steckte in speziellen Halterungen mit Sicherungsgurten. Die kostbare Ausrüstung durfte auch bei schwerem Seegang nicht umstürzen oder durch den Raum geschleudert werden.

Die Argo war spät in der Nacht angekommen und lag seitdem an den Zielkoordinaten. Das Meer war zwar ruhig, täuschte aber durch seine schwarzblaue Farbe nicht darüber hinweg, dass es unter ihnen dreieinhalbtausend Meter in die Tiefe ging. Die Kraft, die ein stürmischer Ozean hier draußen entwickeln konnte, durfte man zu keinem Zeitpunkt unterschätzen.

Ankern war hier natürlich nicht möglich, aber die satellitengestützten Positionierungssysteme prüften ständig die genaue Lage der Argo und würden sie automatisch korrigieren, wenn die Strömung das Schiff abzutreiben drohte.

Am Morgen war der autonom arbeitende Roboter Sentry abgetaucht. Der leuchtend gelbe, torpedoförmige Körper von Sentry hatte aufgebockt in einem großen Metallkäfig gelegen, den drei Besatzungsmitglieder aus dem Hangar gerollt hatten. Das rund drei Meter lange Gefährt verfügte am vorderen und hinteren Ende über je zwei breite, rote Flossen, die dem Ganzen die Erscheinung eines eigenartigen Fisches gaben. Ein Kran hatte es aus dem Käfig gehoben und ins Wasser gesenkt.

Dort hatten sich zwei Taucher um das Gerät gekümmert und es ein letztes Mal geprüft, bis es schließlich in der Tiefe des Ozeans versunken war.

Susan hatte ihnen erklärt, dass es rund dreieinhalb Stunden dauern würde, bis der Roboter den Grund erreichte. Etwa fünfzig oder hundert Meter über dem Boden hatte er dann angehalten, die Gewichte gelöst, die ihn nach unten gezogen hatten. Seitdem schwebte er und durchlief sein Scanprogramm. Sentry arbeitete sich dabei streifenweise vor und zurück, ähnlich wie ein Rasenmäher. Mit seinem Sonar maß er das Bodenprofil, und die einzelnen Streifen wurden über die Kabel zum Schiff gesendet und hier im Labor an den Computern zusammengesetzt. So ergab sich eine topografische Karte des Meeresbodens.

»Holen Sie sich Stühle und setzen Sie sich neben mich«, sagte John. Er hatte vor einem Rechner Platz genommen und startete ein Programm. »Diese Software zeigt die Daten, die Sentry bisher gesammelt hat. Er arbeitet noch immer, aber dieser Teil hier ist schon fertig aufbereitet.«

Der Monitor zeigte eine graue Fläche mit einzelnen schwarzen Rissen und scharfkantigen Klumpen.

»Das Sonar von Sentry wirkt wie eine Taschenlampe, die man schräg auf eine Fläche richtet. Durch den flachen Winkel werden alle Unebenheiten der Oberfläche besonders deutlich, weil sich dahinter Schatten bilden, gegen die sich jede Erhebung abhebt.« John wandte sich an Peter. »Nach genau demselben Prinzip betrachten Archäologen alte Inschriften auf einem Stein: Man hält einen Spiegel so, dass die Sonnenstrahlen ganz flach auftreffen und noch die schwächsten Spuren hervortreten.«

»Dann sind das dort...«

»Das sind vermutlich Felsen«, erklärte John.

»Macht jetzt keinen allzu spannenden Eindruck auf mich«, meinte Patrick. »Und mehr hat Ihr AUV nicht gefunden?«

»Oh, das ist beileibe nicht alles!« John bediente einige Symbole mit dem Mauszeiger. »Sehen Sie, die Auflösung ist sehr hoch. Diese Felsen sind lediglich... hier steht es: fünf Meter breit. Sentry wird aber heute rund zehn Kilometer Strecke zurücklegen und abtasten. Die Fläche, die wir uns also an den Monitoren ansehen können, ist noch wesentlich größer! Ich kann ein wenig auszoomen, dann sehen wir mehr von dem Gebiet.«

Indem John die Vergrößerungsstufe reduzierte, schrumpfte der Fels auf einen kleinen Punkt zusammen, und die graue Fläche erweiterte sich nach allen Seiten.

»Was ist dieser schwarze Streifen am linken Rand?«, erkundigte sich Kathleen.

»Das ist unbekanntes Gelände. Erst ab dieser Stelle hier hat der Scan begonnen. Wenn wir uns weiter nach rechts bewegen werden wir ebenfalls so einen Rand finden, nämlich dort, wo Sentry noch arbeitet. Das Ganze wird eine große, rechteckige Fläche ergeben. Aber die Daten müssen ja erst übermittelt und in Bilder umgerechnet werden. Die Darstellung erfolgt also nicht in Echtzeit. Wenn wir uns den letzten Teil des heutigen Gebiets ansehen können, wird er schon wieder auf dem Weg nach oben sein.«

»Das bedeutet, wir können gar nicht eingreifen, wenn wir hier etwas Interessantes sehen?«

»Nur mit einer Verzögerung. Für eine solche Untersuchung wäre auch eher Jason geeignet. Sentry arbeitet autonom nach einem Programm, das wir vorher festgelegt haben. Aber keine Sorge. Diese Karte wird nicht alles sein, was er liefert. Wir bekommen auch Messwerte von Temperatur und Salzgehalt, und in regelmäßigen Abständen senkt sich der Roboter bis auf wenige Meter über den Boden und macht Fotos. Das ist hilfreich, um die Beschaffenheit des Sediments zu erkennen oder um Wrackteile von Felsen zu unterscheiden.«

»Ich bin beeindruckt«, sagte Peter. »Es wird kolportiert, die Tiefsee sei weniger gut erforscht als der Mond. Aber nun muss ich sehen, dass die Technik doch bereits Erstaunliches leistet!«

»Die Leute haben trotzdem recht«, erklärte Patrick. »Eine solche Messung wie heute ist, wie wir selbst wissen, sehr teuer und zeitaufwendig. In dieser Auflösung den ganzen Meeresboden zu scannen, würde Hunderte von Jahren dauern. Von der Erde haben wir ein besseres Bild, weil wir durch die Satelliten aus viel größerer Höhe und mit viel weiter entwickelten Messgeräten arbeiten können. Wir können nicht bloß Schallwellenechos, sondern viele unterschiedliche Strahlen und Wellen messen. Außerdem gibt es viel mehr Satelliten. Dann darf man auch nicht vergessen, dass die Kontinente nur ein Drittel der Planetenoberfläche ausmachen, der Meeresboden ist aber doppelt so groß. Und zuletzt ist das Meer – anders als die Länder an der Oberfläche – von gewaltigem Volumen. Es geht nicht nur darum, wie der Boden aussieht, sondern um die Bedingungen und Lebensformen in dem viele Kilometer hohen Raum darüber. Nur weil Sie wissen, wie der Boden einer Keksdose aussieht, wissen Sie ja noch längst nicht, was drin ist.«

Peter schwieg. Wie leicht war es, der Selbstherrlichkeit zu verfallen. Und das bloß wegen einer erstaunlichen technischen Fähigkeit. Es lehrte wieder einmal – ebenso wie seine eigene Beschäftigung mit der Vergangenheit –, dass die eigene Perspektive nur einem winzigem Punkt in einem unendlich größeren Gefüge gleichkam.

John steuerte mit der Maus über die Karte, sodass diese sich langsam über den Bildschirm bewegte. Es war, als betrachte man Luftaufnahmen einer Fels wüste. An einigen Stellen verliefen regelmäßige, gewellte Muster über den ebenen Boden, was John als Sandflächen identifizierte, dann tauchten Steinhaufen auf, kleine gebirgsähnliche Formationen mit Plateaus und steilen Hängen, als Nächstes waren flache Gräben zu erkennen und tiefere Klüfte. Mehrmals stießen sie an den oberen Rand der Karte. Hier schob der Kapitän den Bildausschnitt ein wenig zur Seite und ließ die Karte wie herabwandern, bis das Spiel am unteren Ende der Karte erneut losging. Im Zickzackkurs folgten sie der Rasenmäherspur des Roboters.

»Was ist das dort?«, fragte Patrick und zeigte auf eine Erhebung, die wie mit dem Lineal gezogen zu sein schien. »Können Sie das mal näher heranholen?«

John vergrößerte das Bild so weit, bis sich keine weiteren Details aus den Pixeln herausschälten.

»Sieht wie eine künstliche Struktur aus«, überlegte der Kapitän. »Könnte natürlich auch Zufall sein. Vielleicht ist es ein Container, der von einem Frachtschiff gefallen ist, oder ein Wrackteil.« Der Meeresboden wanderte langsam vorüber. An der vom Sonar wiedergegebenen Form allein war nicht auszumachen, worum es sich handelte. Bald wurden immer mehr Objekte mit graden Kanten und rechten Winkeln sichtbar. »Nein, Container sind es nicht«, sagte John. »Achten Sie auf den Maßstab. Diese Blöcke sind nur wenige Meter lang. Nicht einmal halb so groß wie ein Überseecontainer.« Was zunächst wie eine Anzahl kleiner Quader ausgesehen hatte, wuchs sich zu einem umfangreichen Trümmerhaufen aus, je weiter das Bild sich voranschob.

Patrick rutschte auf seinem Stuhl nach vorn, als sich inmitten des zufälligen Gerümpels einige parallele Linien zeigten.

»Da! Sehen Sie mal! Sind das etwa Stufen?«

Erst drei, dann ein halbes Dutzend, und schließlich waren fast zwei Dutzend regelmäßige, eng nebeneinander verlaufende Kanten zu erkennen. Dass mehrere einzelne Objekte ein so gleichmäßiges Muster bildeten, war mit einem natürlichen Ursprung kaum zu erklären, und zufällig in Reih und Glied gefallen sein konnten sie auch nicht. Gerade als Patrick eine Bemerkung machen wollte, senkte sich vom oberen Teil der Karte ein grobkörniger Schnee über die Landschaft. John zoomte heraus, um mehr erkennen zu können. Wie das weiße Rauschen auf einem alten Fernsehgerät war der gesamte restliche Teil der Scans verdorben, bestand nur noch aus zufälligen hellen und dunklen Pixeln.

»Verdammt«, entfuhr es dem Kapitän, der den Computer bediente, um einen Überblick über das vollständige kartografierte Gebiet zu bekommen. »Sentry muss eine Störung haben.« Einige Augenblicke später war in starker Verkleinerung die gesamte Fläche zu sehen, die der Roboter bisher abgearbeitet hatte. Deutlich war zu erkennen, dass alle Aufnahmen im letzten Drittel unbrauchbar waren. John schüttelte den Kopf. »Wir müssen den Scan abbrechen«, erklärte er. »Mit Ihrem Einverständnis, selbstverständlich. Aber wir verschwenden jetzt nur noch Zeit. Wir müssen ihn hochholen und vielleicht reparieren. Eine Fernwartung ist nicht möglich. Wenn wir Sentry verlieren, dann verdoppeln sich mal eben die Kosten des ganzen Projekts.«

»Weshalb sollten Sie ihn verlieren?«, fragte Kathleen.

»Die Software könnte abgestürzt sein und den Roboter zwischen die Felsen lenken. Oder der Tiefenmesser liefert falsche Daten und lässt ihn auf den Boden prallen... Möglichkeiten gibt es genug.«

»Er hat recht«, sagte Patrick. »Holen Sie ihn hoch.«

John tippte einige Befehle in den Computer.

»Sehr gut«, sagte er dann. »Es funktioniert, er kommt rauf. Ich hatte schon befürchtet, er würde vielleicht nicht mehr reagieren... Hm... alle Sensoren liefern einwandfreie Daten... Es muss also ein Defekt am Sonar sein.«

»Was ist mit den Fotos?«, fragte Patrick. »Sie sagten, Sentry würde in regelmäßigen Abständen Nahaufnahmen machen. Sind die etwas geworden?«

John wechselte in ein anderes Programm. »Gut möglich, ja, es sind andere Systeme, die die Aufnahmen machen. Vielleicht haben wir auch ein Bild von den merkwürdigen Quadern.«

Auf dem Monitor öffnete sich ein Mosaik miniaturisierter Fotos, jeweils mit einer Bildunterschrift, in der eine Nummer, Datum, Uhrzeit und weitere Daten standen. Vermutlich waren das Informationen über die Position und die Tiefe. John wählte das erste der Bilder, woraufhin es sich fast bildschirmfüllend vergrößerte. Wie nicht anders zu erwarten bestand es überwiegend aus schwarzen Flächen. Allein das vom Scheinwerfer oder Blitz angestrahlte Stück Meeresboden war erhellt, wenn auch weitestgehend farblos. Zu den Rändern hin wurde es vollkommen dunkel. Mithilfe der Tastatur blätterte John durch die Fotos. Sandboden, Steine und ab und zu ein kleiner leuchtend weißer Fisch oder eine Krabbe waren alles, was es zu sehen gab. Sie hatten rund zwanzig Bilder betrachtet, als auf einem die gradlinigen Kanten eines unbekannten Objekts erschienen. Es musste einer jener Klötze sein, die sie entdeckt hatten und von dem man auf dem zufälligen Foto nur einen Teil sehen konnte. Die Oberfläche war dunkel, fast schwarz, und nahezu vollkommen glatt. Weder waren Spuren von Erosion noch Verkrustungen wie von Seepocken oder Korallen daran zu erkennen.

»Ist das aus Metall?«, fragte Peter.

»Schwer zu sagen«, meinte Patrick. »Es könnte ein polierter Stein sein. Sehen Sie, wie es dort ein wenig glänzt? Oder vielleicht ein Kunststoff. Auf jeden Fall in gutem Zustand. Entweder es ist ungeheuer widerstandsfähig, oder es liegt noch nicht sehr lange da unten. John, haben wir noch mehr davon?«

John zeigte die nächsten Bilder. Noch mehr dunkle Quader tauchten auf. Sie unterschieden sich nur geringfügig in ihren Ausmaßen und in ihrer Form, und alle bestanden aus dem gleichen Material. Doch keiner zeigte besondere Merkmale.

»Sehen Sie mal!«, rief Patrick. »Dort, wo der Klotz im Sand liegt. Fällt Ihnen etwas auf?«

»Nein, was meinen Sie?«

»Die Dinger liegen tatsächlich noch nicht lange dort. Sie ragen nicht aus dem Sand, so als seien sie gerade erst freigespült, und es hat sich auch kein Sediment über ihnen angesammelt.

Stattdessen liegen sie alle auf dem Boden. Und diese Vertiefungen um die Blöcke herum, das sind regelrechte kleine Krater, so, als sei der Sand erst kürzlich durch den Aufprall weggeschleudert worden!«

»Also doch eine Fracht, die über Bord gegangen ist?«

»Das denke ich nicht«, sagte John. »Wenn Sie aus dreieinhalbtausend Metern zwei Objekte direkt nebeneinander ins Meer werfen, dann taumeln sie auf dem Weg nach unten unkontrolliert durchs Wasser, auch wenn es solche Brocken wie diese sind. Es wäre ein großer Zufall, wenn sie so dicht beieinander landen würden. Wahrscheinlicher wäre, dass sie aus einem Schiff stammen, das hier in der Nähe gesunken ist. Dann könnten sie auf dem Weg nach unten oder beim Aufprall herausgefallen sein.«

»So oder so«, meinte Patrick, »nach einer untergegangenen Stadt sieht es jedenfalls nicht aus. Tut mir leid, Peter... Na, vielleicht können wir ja mit Jason in den nächsten Tagen noch bessere Fotos machen oder sogar eine Probe holen.«

»Das entscheiden Sie«, sagte der Kapitän. »Die genaue Position kennen wir jetzt und können auch später wieder hierher zurückkehren. Sehen wir uns noch die restlichen Bilder an.«

Zwei weitere Fotos brachten keine neuen Erkenntnisse, doch als John das dritte aufrief, stockte den Forschern für einen Moment der Atem. Das Bild leuchtete förmlich auf. Ein goldgelber Schein strahlte dem Auge der Kamera entgegen. Es war die Oberfläche einer rechteckigen Platte, die auf einem der Quader befestigt war.

Peter runzelte die Stirn. »Ist das...«

»Gold«, sagte Patrick trocken.

»Ein Schatz!«, rief Kathleen aus.

»Da sind Zeichen auf der Platte«, bemerkte Peter und bemühte sich trotz seiner Erregung um einen ruhigen Tonfall. »John, ist es möglich, diese Zeichen besser hervorzuholen? Hat ihr Computerprogramm dazu irgendeine Funktion?«

»Vielleicht, wenn ich etwas an der Helligkeit und am Kontrast verändere...« Der Kapitän bediente einige Knöpfe und Regler mit dem Mauszeiger. Gebannt verfolgte Peter, wie sich der Schein der Platte erst dämpfte und sich dann die Konturen der darauf befindlichen Zeichen deutlicher abzeichneten.

In mehreren Reihen untereinander verliefen ordentlich gezeichnete Symbole, die entfernt an Hieroglyphen erinnerten. Abstrakte, geometrische Zeichen wechselten sich mit Darstellungen von organischen Formen ab, buchstabenähnliche Symbole folgten Abbildungen von Tieren, Wolken oder Gesichtern. Die Zeichen waren allesamt gleich hoch und breit. Sie standen dicht gedrängt, sodass die ganze Anordnung auf den ersten Blick wie ein einziges großes Muster aussah.

»Das ist fantastisch«, sagte Peter. »Es ist eine Schrift! Mit großer Sicherheit. Die Ähnlichkeit zu der Gestaltung der Glyphen der Maya ist frappierend. Aber es sind vollkommen andere Zeichen. Es ist nichts, was ich jemals zuvor gesehen habe! Können Sie mir das Bild ausdrucken?«

»Aber natürlich.«

»Gibt es noch mehr Fotos?«, fragte Patrick, während der Drucker ansprang.

»Leider nein«, erklärte John. »Das ist das letzte, das Sentry geschossen hat. Hier ist die Uhrzeit, es ist keine fünf Minuten alt. Danach haben wir abgebrochen.« Er lehnte sich über den Tisch, zog den Ausdruck aus einem Drucker und reichte Peter das Papier. »Bitte. Ich hoffe, Sie können damit etwas anfangen. Wenn Sie erlauben, möchte ich mich jetzt mit den Technikern besprechen, die sich den Roboter gleich ansehen sollen. Den morgigen Tag planen wir am besten nach dem Abendessen. Einverstanden?«


An Bord der Libertad, etwa zehn Seemeilen südlich der Argo


González trat durch die Tür der Brücke und suchte Manuel, der mit einem Kaffee auf seinem erhöhten Drehstuhl saß und den TV Guide durchblätterte.

»Und? Hat es geklappt?«

Manuel sah auf und zuckte mit den Schultern. »Das lässt sich von hier aus schwer sagen.«

»Dann check verdammt noch mal deine Mails! Vielleicht hat er uns schon geschrieben.«

Manuel legte die Zeitschrift weg, stand auf und bediente einhändig den Rechner, der in einer Ecke der hinteren Kartenablage der Brücke stand.

»Kannst du nicht wenigstens den Becher wegstellen und so tun, als ob es dich interessiert?!«, herrschte González ihn an.

»Calma, amigo. Die Welt wird nicht untergehen, wenn wir es zwei Minuten später erfahren. Außerdem, was könnten wir sonst tun?«

»Das überlege ich mir, wenn es so weit ist.«

Inzwischen hatte der Kapitän sein E-Mail-Programm gestartet. »Tatsächlich, ja, eine neue Mail.«

»Nun?«

»Na also! Er schreibt, dass sie die Untersuchung abgebrochen haben und ihre Sonde wieder hochholen!«

»Vielleicht bloß, weil sie etwas gefunden haben?«

»Nein, hier steht, dass die Techniker einen Defekt untersuchen sollen.«

»Ah, dann hat es funktioniert. Hervorragend! Und du bist sicher, dass sie nicht herausfinden, dass wir es waren?«

»Keine Chance. Ihr Sonar horcht auf die reflektierten Schallwellen. Durch unser Niederfrequenzsonar haben wir eine viel größere Leistung und können von hier aus ihren ganzen Empfang zu Brei verwandeln. Das ist, als ob man nachts mit einer Taschenlampe in ein Fußballstadion geht und plötzlich schaltet jemand das Flutlicht an. Mit dem Unterschied, dass sich in unserem Fall nicht herausfinden lässt, was die Quelle dieser Störung ist. Und ihr Radar reicht nicht bis hierher.«

»Sicher?«

»Ja doch! Das kann man ausrechnen. Wir kennen alle technischen Daten der Argo.«

González wandte sich ab. »Gut.«

»Du hast mir noch nicht gesagt, wie es weitergehen soll«, sagte der Kapitän. »Die Untersuchungen zu stören ist eine Sache. Aber du willst doch selbst tauchen. Willst du etwa so lange hier warten, bis sie verschwinden?«

»Wenn es sein muss! Wir wissen immerhin, dass sie die Argo nur für zwei Wochen gechartert haben, also müssen sie ja spätestens dann abhauen. Und wenn wir sie früher verjagen können, umso besser.«

»Und das ist dein ganzer Plan?« Manuel lachte auf.

González funkelte den Kapitän an. »Jetzt hör mal gut zu. Ich habe diesen Kahn gechartert, und ich weiß, was ich tue. Und vor allen Dingen muss ich dir nicht alles erklären.«

»Sicher.« Manuel verzog den Mund. »Du bist der Boss.«

González nickte, trat einen Schritt zurück und legte die Arme auf den Rücken. »Richtig. Ich bin der Boss. Und der Boss will jetzt einen Drink!« Er grinste. »Kommst du mit?«


An Bord der Argo


»Irgendwie fühle ich mich unwohl, wenn sie dabei ist«, meinte Patrick und streckte sich auf einem Sessel aus. Er und Peter hatten je eine der komfortableren Kabinen bezogen, die den Projektleitern vorbehalten waren. Der Professor saß am Schreibtisch. Vor ihm lag der Ausdruck der goldenen Platte aus der Tiefe, und neben ihm lagen Fachbücher, einige auf Stapeln, andere aufgeschlagen.

»Das sagten Sie bereits«, entgegnete er in einem beiläufigen Tonfall. Und übergangslos fuhr er fort: »Die Zeichen gleichen keiner mir bekannten Schrift. Ganz offenbar sind es weder Glyphen der Maya noch der Ägypter. Aber ich habe auch keine Ähnlichkeit mit Symbolen der nordamerikanischen Indianerstämme gefunden. Auch die Piktogramme auf dem ungeklärten Diskos von Phaistos, von denen man nicht einmal sicher ist, ob sie überhaupt eine Schrift darstellen, sind anders... Es ist faszinierend.«

»Vielleicht ist es ja auch gar keine Schrift?«

»Auch wenn es kein Text, sondern nur ein Kalender oder eine Rechentabelle wäre, sollte man zumindest die Zeichen schon einmal gesehen haben, wissen, welcher Kultur sie angehören.«

»Ja, aber das ganze Ding könnte auch ein Scherz sein, oder nicht? Oder etwas anderes Neuzeitliches, was weiß ich, Spielzeug oder Teile einer Filmkulisse, die hier versunken sind. Irgendwas, das gar keine Bedeutung hat und das vor allem auch nicht sonderlich alt ist. Ich meine, die Blöcke liegen unversehrt auf dem Boden. Die sehen ja nun nicht gerade aus, als würden sie schon seit Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden vor sich hin gammeln.«

Peter sah zum Franzosen hinüber. »Sie versuchen mit allen Mitteln, meinen Enthusiasmus zu dämpfen.«

»Ich spiele nur den Anwalt des Teufels.«

»Wozu? Etwas anderes haben wir im Augenblick nicht, und bis der Roboter repariert ist, sollten wir die kostbare Zeit nicht ungenutzt lassen. Ich für meinen Teil setze daher voraus, dass es eine Schrift ist, ein Zeugnis einer vergangenen Kultur, und ich bemühe mich, mit dieser Prämisse zu arbeiten.« Peter kniff die Augen ein wenig zusammen. »Vielleicht kommt es Ihnen töricht vor, aber immerhin arbeite ich an unserem Projektziel und suche nicht nach Gründen, mich zurückzulehnen.«

»Ups, der hat gesessen«, sagte Patrick, wirkte aber nicht sonderlich betroffen.

»Statt also dort zu sitzen, könnten Sie mir vielleicht behilflich sein.«

Patrick erhob sich mit einem Lächeln. »Aber klar doch. Schießen Sie los.«

»John hat erzählt, dass alle Rechner auf dem Schiff Zugang zum Internet haben. Können Sie den Computer dort drüben entsprechend einstellen?«

»Sie?!« Patrick hielt inne. »Sie wollen ins Internet?«

Peter bedachte den Franzosen mit einem herablassenden Blick, der nicht ganz so lässig ausfiel, wie er gedacht war, sodass Patrick auflachen musste.

»Ist ja schon gut«, brachte er hervor. »Moment.« Dann machte er sich am Rechner zu schaffen.

»Es gibt ein paar Quellen, die ich mir ansehen möchte«, erklärte Peter. »Ich konnte ja nicht meine ganze Bibliothek mitnehmen.«

»Also, legen Sie los«, sagte Patrick, als er fertig war. »Da fällt mir ein... stört es Sie, wenn ich selbst auch einen Kontakt aktiviere? Gérard, ein alter Kollege von mir. Ist selbst Kryptologe und kennt sich mit Schriftsystemen und Verschlüsselungen aus. Der wird keine alten Kulturen oder Sprachen identifizieren können, aber er kann analysieren, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es sich überhaupt um eine Sprache handelt, oder ob es eher eine zufällige Zeichenfolge ist.«

»Wie sollte das funktionieren?«, fragte Peter.

»Es gibt wohl mathematische Gesetzmäßigkeiten, denen Sprachen folgen, fragen Sie mich nicht nach Details. Jedenfalls ist es anscheinend möglich, bestimmte Modelle anzuwenden, um Muster zu erkennen, die wiederum auf eine Sprachfamilie hindeuten. Das funktioniert natürlich nicht, wenn der Text einer vollkommen fremdartigen Syntax folgt und noch dazu stark verschlüsselt ist. Dann hat man wirklich Pech.«

»Ich zweifle, dass man damit hätte Hieroglyphen entziffern können.«

»Sicher, entziffern nicht. Aber man hätte mit Gewissheit herausfinden können, dass es sich nicht um Ornamente handelt, sondern tatsächlich um ein logisches Schriftsystem.«

»Nun, dann probieren Sie es aus«, sagte der Professor. »Aber denken Sie daran, dass Ihr Kollege uns Verschwiegenheit garantieren muss. Ist er vertrauenswürdig?«

»Wenn nicht, dann hätte ich schon einige Male häufiger im Knast gesessen, glauben Sie mir.« Er grinste.

Peter hob eine Augenbraue. »Etwas, das Sie mir erzählen möchten?«

»Nein, eigentlich nicht.«

Peter lächelte und schüttelte den Kopf. »Ist vermutlich auch besser so.« Er setzte sich an den Computer. »Nun, danke jedenfalls für die Hilfe hier. Und: Ja, fragen Sie ihn ruhig, schaden wird es vermutlich nicht.«


Kurz darauf saß Patrick am Rechner in seiner eigenen Kabine. Es gab keinen Zugang zum Server der Argo, daher hatte er sich die Datei mit dem Foto der Platte per Speicherstick auf seinen Rechner kopiert. Dann verfasste er eine E-Mail, schickte das Bild mit und hoffte, dass Gérard sie möglichst noch am selben Tag beantworten oder zumindest quittieren würde.

Er hatte Gérard vor einigen Jahren bei einem Projekt in Mexiko kennengelernt, wo der Mann für die Programmierung einer Forschungssonde zuständig gewesen war, die ihnen die NASA zur Verfügung gestellt hatte. Daran, dass Patrick diese Sonde später auch bei einem privaten Projekt verwendet hatte, war Gérard nicht ganz unbeteiligt gewesen, da er ihm damals die Steuercodes erläutert und die Onlinesynchronisation gehackt hatte. Sie waren sich in gewisser Weise ähnlich, wenn auch auf verschiedenen Gebieten. Später hatten sie sich nie ganz aus den Augen verloren, wenngleich ihr Kontakt nur noch im E-Mail-Verkehr bestand. Mit seiner Hilfe würden sie vielleicht schon bald eine Ahnung haben, ob sie es überhaupt mit einer Sprache zu tun hatten.


AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


Kurz nach vier betrat Lieutenant Commander Walters den Konferenzraum. Officer Parker ging voran, und gemeinsam nahmen sie hinter dem Tisch Platz, der auf einer niedrigen Bühne am Kopfende des Raums stand. Hinter ihnen an der Wand standen die Fahne der Vereinigten Staaten und eine Flagge mit dem Siegel der US Navy.

Walters sah sich die Pressevertreter an, die Parker eingeladen hatte. Nach den Berichten in den Medien schien es angebracht, zu den Walstrandungen Stellung zu beziehen, für die man die Navy, und insbesondere die AUTEC-Basis verantwortlich machte. Viele waren nicht gekommen, nicht einmal ein Dutzend. Aber Walters täuschte sich nicht; schon einer dieser Geier konnte ausreichend bedrohlich werden, wenn sein Artikel im richtigen Ton zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Gazette abgedruckt wurde. Es waren zwei Journalisten von regierungsnahen Zeitungen da, um die musste er sich keine Sorgen machen. Einen Kerl, der für das Greenpeace Weblog schrieb, hatte Parker mit irgendeiner Erklärung kurzerhand ausgeladen. Aber auch die Reporter, die für die lokalen und regionalen Blätter in Florida oder den Bahamas schrieben, hatten eine Stimme, und in kurzer Zeit würde ohnehin alles, was hier gesagt wurde, seinen Weg in Datenbanken, Presseticker und ins Internet machen.

»Willkommen, Gentlemen«, grüßte Parker die Anwesenden. »Vielen Dank für Ihren Besuch und Ihr Interesse an der Arbeit des AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum auf Andros Island. Jeder von Ihnen sollte bereits bei der Anmeldung einige Unterlagen und eine Pressemitteilung erhalten haben. Nun haben Sie die Möglichkeit, mir und Lieutenant Commander Walters Ihre Fragen zu stellen. Bitte sehr.«

Einige der Leute meldeten sich. Parker rief eine Frau auf.

»Fran Durant, Miami Herald. In den Unterlagen steht, dass Sie drei Tage vor der Strandung das LFAS eingesetzt haben. Können Sie Angaben zu den Frequenzen und den Dezibelwerten des Einsatzes machen?«

»Es tut mir leid, solche Details unterliegen bei Kriegshandlungen ebenso wie bei Übungen stets der militärischen Geheimhaltung«, antwortete Parker.

»Können Sie versichern, dass die Werte unterhalb der für Meeressäuger als schädlich bekannten Grenzen lagen?«

»Es gibt keine Grenzwerte, die international und von allen Wissenschaftlern gleichermaßen anerkannt wären«, erklärte Parker. »AUTEC bemüht sich aber, in jeder Hinsicht auf dem aktuellsten Stand zu bleiben, und arbeitet sowohl mit Umweltschutzbehörden als auch mit unabhängigen Biologen zusammen, um alle bekannten Grenzwerte zu berücksichtigen.«

Walters atmete tief durch. Es war natürlich nur die halbe Wahrheit. Die freiwillige Zusammenarbeit beschränkte sich auf solche Stellen, die der Navy freundlich gesinnt waren. Und dass sie Grenzwerte kannten und in ihren Einsätzen berücksichtigten, hieß nicht, dass sie sie einhielten. Das rhetorische Geschick, mit dem sein Pressesprecher sie aus dieser Affäre herausredete, widerte ihn an.

Parker rief einen jungen Mann auf.

»Mein Name ist Paul Jones. Vom Nassau Guardian... aus Nassau. Meine Frage ist: Woran sind die Wale denn nun gestorben?«

»Wenn Sie den Bericht ausführlich studiert haben, werden Sie gelesen haben...«

»Ja, sicher«, unterbrach der Journalist den Pressesprecher, »hier steht, dass die Tiere vermutlich dem Leittier in den Tod folgten und an Entkräftung verendet sind. Wie es scheint, eine sehr allgemeine Beobachtung. Aber da steht auch, dass es Autopsien gegeben hat. Und die genauen Analyseergebnisse der Autopsien vermisse ich.«

Natürlich vermisst du sie, dachte Walters. Weil wir einen Teufel tun werden, sie abzudrucken.

»Die Autopsien haben keine weiteren Erkenntnisse gebracht als die der körperlichen Entkräftung«, antwortete Parker ausdruckslos.

Eiskalt gelogen...

»Dann wäre es kein Problem, Einsicht in die Unterlagen zu bekommen?«, hakte der Mann nach.

»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte Parker und wies auf einen anderen Mann, der sich meldete. »Ja, Sir?«

»Kyle Cohen, WINK News, Fort Myers. Unsere Zuschauer interessieren sich für Bild- und Filmmaterial von den Autopsien. Können Sie uns das zur Verfügung stellen?«

»Wie Sie wissen, haben die Untersuchungen in militärischen Einrichtungen stattgefunden. Falls es Material geben sollte und dieses für zivile Nutzung freigegeben werden kann, ist es nach dem Freedom of Information Act selbstverständlich zugänglich.«

»Vielen Dank. Und stehen einige der gestrandeten Tiere auch für zivile Untersuchungen zur Verfügung?«

»Es tut mir leid, die Kadaver sind bereits verbrannt worden. Eine Frage noch. Die Dame dort hinten.«

»Mein Name ist Paulette Brendan, ich schreibe für das Bahama Journal. Ich habe eine Frage an Lieutenant Commander Walters. Eigentlich zwei. Erstens: Werden Sie das LFAS weiter einsetzen? Und: Wird es weitere Walstrandungen geben?«

Parker wollte zu einer Antwort ansetzen, aber Walters warf ihm einen Blick zu, der deutlich machte, dass er die Frage annehmen würde.

»Das Niederfrequenz-Aktivsonar ist eine wichtige technische Entwicklung, die helfen soll, die Sicherheit unserer Nation zu gewährleisten. Ich habe die Pflicht, diese Technik hier von AUTEC aus zu entwickeln und zu fördern.« Er sah in die Runde und nahm sich Zeit für die Formulierung seiner nächsten Worte. »Aber Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die es zu schützen gilt. Und sollte sich herausstellen, dass das LFAS mehr schadet als nützt, werde ich es auf keinen Fall weiter einsetzen.«

Hochgezogene Augenbrauen und erstaunte Gesichter waren die Reaktionen auf diese deutlichen Worte.

Die Frau wollte mit einer weiteren Frage nachsetzen, aber Walters erhob sich bereits.

»Entschuldigen Sie mich.«


Wenige Minuten später kam Parker in Walters Büro.

»Bei allem gebührenden Respekt, Sir, aber Ihre Äußerung vorhin war möglicherweise etwas leichtfertig.«

Walters winkte ab.

»Verschonen Sie mich mit Ihrer Fürsorge, Parker. Ich weiß, was ich gesagt habe. Die Konsequenzen habe ich selbst zu tragen.«

Parker nickte, unschlüssig, ob er noch etwas sagen sollte.

»Sie können wegtreten.«

Als der Pressesprecher den Raum verlassen hatte, legte Walters seinen Kopf in den Nacken und starrte zur Decke. Betrachtete den hölzernen Ventilator, der dort hing, ungeachtet der Klimaanlage. Schmuck, Fassade, eine Lüge, dachte er.

Warum war es so schwer, einem moralischen Weg zu folgen? Was tun, wenn sich Werte widersprachen, es nicht möglich war, verschiedenen Vorstellungen gleichermaßen gerecht zu werden? Wie konnte man jemals vollkommen gerecht sein?

Er dachte an den merkwürdigen Mann, den er am Morgen getroffen hatte. Rafael hatte er geheißen. Oder Gabriel. Etwas war ihm aus dem kurzen Gespräch im Gedächtnis geblieben: Wollen wir Teil der Krankheit oder Teil der Heilung sein? Und wenn Ignoranz die Krankheit der Welt ist, was ist unser Anteil daran?

Während er noch über den Vorfall nachdachte, bereitete er eine E-Mail vor, die er an die Kontaktadresse des Central Security Service schicken würde. Er fügte alle Protokolle an, die man ihm über die heutigen Begebenheiten im Code-fünfzig-Gebiet und die dortigen Schiffe zusammengestellt hatte, und überflog die Kurs- und Messdaten nur flüchtig. Eine abgefangene E-Mail war dabei, die von dem WHOI-Schiff aus nach Frankreich verschickt worden war. Und ein paar weitere an eine anonyme GMX-E-Mail-Adresse. Nun, das waren Dinge, um die sich der CSS kümmern wollte – und sollte.

Er schickte die Nachricht ab.

Teil der Krankheit oder Teil der Heilung sein... Das war eine sehr gute Frage...

Загрузка...