Kapitel 12


AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


Er hatte erwartet, bereits am frühen Morgen ein paar schwarze Limousinen und Männer mit dunklen Sonnenbrillen auf dem Parkplatz stehen zu sehen, aber als Walters die Basis betrat, wirkte alles genauso friedlich wie sonst auch.

Seit er den Leuten von der NSA gestern Mittag deutlich beiläufig geschrieben hatte, er würde sich um die Angelegenheit kümmern, hatte man ihn nicht mehr behelligt. Vielleicht war den Bürohengsten klar geworden, dass sie nicht einfach einem Lieutenant Commander vorschreiben konnten, was er zu tun hatte. Sicher, notfalls würde man die Sache zu einer Frage der Nationalen Sicherheit erklären, um dem Ganzen Druck zu verleihen, aber so dringend schien es dann offenbar doch nicht zu sein.

Dass er sich getäuscht hatte, bemerkte er, als er in sein Büro kam.

Die Tür war bereits offen.

An seinem Besprechungstisch saß ein Offizier mit einem Becher Kaffee. Vier goldene Streifen am Ärmel und ein silberner Adler am Kragen wiesen ihn als Captain aus, zwei Dienstgrade über Walters, dem die AUTEC-Basis unterstand.

Walters salutierte, aber der Mann drehte sich nur halb um und winkte ab.

»Holen Sie sich einen Kaffee, Lieutenant Commander, und setzen Sie sich.«

Walters setzte sich wortlos.

»Sie haben sich ja reichlich Ärger aufgehalst...«, sagte der Mann. Er schwieg einen Moment. »Ich bin Commander Thomas Mullinger vom Navy-Stützpunkt Jacksonville.«

»Sir, ich weiß, wer Sie sind.«

»Gut. Dann fragen Sie vielleicht, weshalb ich hier bin?«

Walters räusperte sich. »Ja, Sir. Weshalb sind Sie hier?«

»Denken Sie nach.«

»Geht es um die Walstrandungen?«, versuchte Walters, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Immerhin konnte er in dieser Sache vielleicht ein paar Punkte gutmachen.

Mullinger sah auf seine Uhr. »Meinen Sie, ich hätte meinen Job noch lange, wenn er mir Zeit für Meeressäuger ließe?«

Walters war schlau genug, keine Antwort darauf zu geben. »Sicher interessieren Sie dann die beiden Forschungsschiffe«, sagte er.

»Nicht mich interessieren sie, Walters. Die NSA interessieren sie. Wie Sie seit Freitag wissen.«

Walters schwieg. Was sollte er dazu auch sagen?

»Man hat Ihnen Anweisungen gegeben, die Forschungsschiffe aufzuhalten, bin ich da richtig informiert?«

»Das ist korrekt, Sir.«

»Natürlich ist es das. Und was haben Sie in der Angelegenheit unternommen?«

»Ich habe alle Daten, die wir gesammelt haben, weitergeleitet. Gestern war ich nur sehr beschäftigt, aber heute wollte ich mich darum kümmern.« Walters fühlte sich wie ein Schuljunge. »Tatsächlich wäre ich jetzt sogar schon damit beschäftigt...«, setzte er ein wenig übereifrig hinterher, bevor er sich bewusst wurde, dass er den Satz keinesfalls mit »wenn Sie mich nicht aufgehalten hätten« beenden konnte. Also ließ er ihn notgedrungen unvollendet.

Mullinger schüttelte leicht den Kopf. »Erzählen Sie keinen Quatsch. Sie waren gestern nicht beschäftigt, Sie haben einfach nichts getan, und heute hatten Sie es auch nicht vor.«

Verdammtes Verantwortungübernehmen!, fluchte Walters innerlich. Was konnte er nun tun, außer zu versuchen, dem eisernen Blick des Mannes standzuhalten?

Zu Walters' Überraschung begann der Captain zu grinsen. Walters wusste nicht, ob das gut oder schlecht war.

»Dachte ich es mir«, sagte Mullinger.

Walters sehnte sich einen Becher Kaffee herbei, den er jetzt ansetzen und hinter dem er sich hätte verstecken können.

»Wie alt sind Sie, Walters?«

»Achtunddreißig, Sir.«

Mullinger nickte. »Ja, richtig. Wissen Sie, in Ihrem Alter war ich genauso.«

Walters hob unmerklich die Augenbrauen.

»Die Navy ist eine Familie, nicht wahr?«, fuhr der Captain fort. »Man lässt sich nicht gerne von den anderen reinreden. Ist doch so. Wissen Sie, ich habe einmal einen Colonel der Army abblitzen lassen. Da war ich Lieutenant. Und einmal habe ich das FBI ausgesperrt. Ich kann Sie also verstehen.« Er lächelte.

»Ich sehe nicht ganz, was Sie mir sagen wollen, Sir...«

»Im Unterschied zu Ihnen«, erklärte Mullinger, und sein Lächeln war wie ausradiert, »wusste ich immer, wann ich meine Befugnisse übertreten konnte. Und wann nicht.«

Walters atmete tief ein.

»Und wenn die NSA bei Ihnen anklopft, dann wird das verdammt noch mal einen guten Grund haben. Denken Sie nicht?«

»Ich hätte mich heute Morgen sofort...«

»Bullshit!«, unterbrach ihn der Captain. »Sie waren eingebunden, waren vorbereitet, und als man Ihnen einen Befehl gab, hätten Sie reagieren müssen! Das ist Ihre Verantwortung als Offizier! Und jetzt haben wir eine internationale Krise Ihretwegen!«

Walters spürte, wie es ihm heiß in die Wangen schoss.

»Ja, da gucken Sie! Meinen Sie, es ist mein Privatvergnügen, in aller Frühe auf diese gottverlassene Insel zu fliegen?

Mal gucken, wie es sich so am Strand und unter Palmen lebt? Und dann kommen Sie mir mit Walgeschichten?! Walters, das hier ist nicht Kalifornien oder Woodstock, das ist eine Militärbasis.«

»Das ist vollkommen klar, Sir«, sagte Walters halblaut, nur um überhaupt etwas zu sagen und den Redeschwall zu bremsen.

»So, klar ist Ihnen das. Ihnen ist aber nicht klar, was Sie angerichtet haben! Da draußen sind zwei Schiffe, die Sie in einem Sperrgebiet einfach ihre Runden drehen lassen. Und nicht einmal Amerikaner. Europäer! Und Kubaner! Ja, wunderbar. Ist bei Ihnen der Freigeist ausgebrochen? Was denken Sie eigentlich, weswegen man sich die Forschungen dort genehmigen lassen muss? Und während Sie geschlafen haben, hat es einen Vorfall gegeben. Die Europäer haben das kubanische Schiff überfallen, es hat eine Explosion und Verletzte gegeben. Und das Ganze in amerikanischen Gewässern! Dreimal dürfen Sie raten, welche Telefone heute Nacht heiß gelaufen sind!«

»Wie bitte?!« Walters konnte nicht glauben, was der Captain ihm da erzählte. Die Europäer hätten die Kubaner angegriffen? Das war völlig undenkbar. Er hatte ein gutes Bild der Leute auf der Argo. Niemals würden Sie... Zudem: Seit wann waren das »amerikanische Gewässer« dort draußen?

»Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Wir haben eine Krise, Walters, und Sie haben den Karren in die Scheiße gefahren, weil Sie sich nicht an Ihre Befehle gehalten haben.«

»Ich verstehe, Sir«, gab Walters zurück.

»Gut.« Mullinger machte eine Pause. Endlich versiegte seine Tirade. »Also«, hob er nach einer Weile erneut an, »vergessen Sie die NSA. Ist mir völlig egal, was die wollen. Die Situation ist nun eine andere. Sie werden die Forschungen unverzüglich abbrechen lassen. Zur Not mit Gewalt.«

Walters nickte.

Mullinger beugte sich vor. »Haben Sie das verstanden, Walters? Das war kein Vorschlag. Das war ein Befehl. Von mir. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Sir, ja, absolut klar.«

Mullinger stand auf. »Ich erwarte Ihren Bericht im Sechs-Stunden-Takt. Wenn Sie etwas benötigen, fragen Sie. Die Sache hat höchste Priorität.«

Walters stand auf und salutierte. »Sehr wohl, Sir.«

Im Gehen drehte sich Mullinger noch einmal um. »Und kaufen Sie sich eine anständige Kaffeemaschine. Diese Brühe hier schmeckt nach verbranntem Elefantenmist.«

Walters blieb blass im Büro zurück. Er fühlte sich, als habe ihn ein Truck gerammt. Dass ihn einer der Obersten aus Jacksonville aufsuchte, das war ihm noch nie passiert. Und unter diesen Umständen war es das Letzte, was man sich wünschen konnte. Dass man die Sache nicht selbst in die Hand nehmen wollte, zeigte nur, wie politisch sie war und dass sich niemand die Finger daran verbrennen wollte. Da bot es sich an, wenn derjenige nach vorn geschoben wurde, der ihnen die Suppe eingebrockt hatte. Er konnte froh sein, wenn der Vorfall nur in seiner Akte landete. Mit größerer Wahrscheinlichkeit konnte er sich einen neuen Job suchen, wenn das ganze Ding ihnen um die Ohren flog.

Verantwortung übernehmen. So hatte er sich das nicht vorgestellt.


An Bord der Argo


Der Seegang hatte zugenommen, und die Argo wankte beständig. Auf dem Weg zum Frühstück geriet Peter einmal aus dem Gleichgewicht und taumelte gegen die Wand des Gangs. Ein Blick aus dem Bullauge in seiner Kabine hatte ihm schon verraten, dass der Himmel bedeckt war. Peter hoffte, dass das nichts Schlimmeres verheißen und ihm eine erneute Übelkeit wie am ersten Tag erspart bleiben würde.

Als er in den Frühstücksraum kam, stand Patrick bereits dort und war im Gespräch mit dem Kapitän.

»Wir müssen uns dringend besprechen«, sagte John, als er Peter sah. »In meiner Kabine.«

Sie folgten ihm, und als sie kurze Zeit später in der geräumigen Kapitänskabine ankamen, wies er ihnen Stühle an einem kleinen Tisch zu.

»Es tut mir leid, dass ich Sie vom Frühstück abhalte. Ich kann Ihnen hier nur etwas aus dem Wasserkocher anbieten«, sagte er. »Einen Instantkaffee oder einen Teebeutel.«

Peter und Patrick winkten ab, und John setzte sich zu ihnen.

»Also gut...« Er machte eine Pause, überlegte offenbar, wie er anfangen sollte. »Ich habe heute Morgen eine offizielle Meldung der Navy erhalten. Eine Anordnung, um genau zu sein. Wir sollen die Forschungen einstellen und das Gebiet räumen. Dafür wird uns eine Frist bis morgen früh um sechs eingeräumt.«

»Das gibt's doch nicht!«, rief Patrick. »Können die uns so was überhaupt vorschreiben? Und auf welcher Basis?«

»Leider können sie das, ja. Wir sind hier noch nicht in internationalen Gewässern, unter bestimmten Umständen kann die Regierung hier ihre Rechte geltend machen. Offenbar handelt es sich hier um eine Art Sperrgebiet, in dem Aktivitäten der Navy Priorität haben.«

»Was denn für Aktivitäten?«

»Das haben sie mir nicht verraten«, sagte John. »Die Nachricht kam von der AUTEC-Militärbasis auf Andros Island. Von dort aus werden alle möglichen Forschungen betrieben, U-Boot-Tests, Sonarversuche und dergleichen. Wer weiß schon, was die hier planen.«

»Dann bedeutet das, dass wir nur noch einen Tag für unser Projekt haben«, überlegte Peter und legte die Stirn in Falten.

»Aber Moment mal«, warf Patrick ein, »wer sagt denn, dass wir nach deren Pfeife tanzen müssen? Mal ehrlich, John, was kann denn passieren, wenn wir das einfach ignorieren? Kreuzen die dann mit einem Zerstörer hier auf?«

»Nein, sicher nicht...«, antwortete John. »Vielleicht ist es ja möglich, die Frist zunächst verstreichen zu lassen«, sagte Peter. »Dann werden sie sich sicher melden und es erneut fordern. Immerhin haben wir dann vielleicht einen weiteren Tag gewonnen?«

»Peter!«, sagte Patrick und grinste. »So antiautoritär kenne ich Sie ja gar nicht.«

»Ungewöhnliche Zeiten erfordern vielleicht auch mal ungewöhnliche Maßnahmen«, gab Peter zurück. »Dieses Projekt ist das wichtigste meiner Laufbahn, und ohne ein paar handfeste Ergebnisse können wir es nicht abbrechen, ohne uns lächerlich zu machen, das wissen Sie doch selbst.«

»Wir könnten es versuchen«, sagte John. »Technisch gesehen würde es vielleicht funktionieren. Allerdings würden wir uns strafbar machen. Ich zumindest. Bei Ihnen als Ausländern mag der Fall anders gelagert sein. Aber wir haben noch ein weiteres Problem.« Er stand auf und holte einige Ausdrucke hervor, die er vor den beiden auf den Tisch legte. Es waren Artikel aus den Online-Ausgaben verschiedener Tageszeitungen. Dort prangten die folgenden Schlagzeilen.


Überfall auf kubanisches Forschungsschiff

Europäer greifen Kubaner in US-Gewässern an

Explosion auf kubanischem Forschungsschiff Sabotage?

Atlantis-Forscher auf den Spuren der Schöpfung

Widerlegt Atlantis die Evolution?


»Verdammt noch mal!«, rief Patrick aus. »Was ist das denn jetzt für eine Scheiße?!«

»Es ist wohl mehr als klar, wer diese Nachrichten lanciert hat«, meinte Peter. »Nach allem, was Sie von Ihrem unfreiwilligen Ausflug auf die Libertad erzählt haben, wissen wir, was wir von unseren Nachbarn zu erwarten haben.«

»Das ist doch nicht zu fassen! Das sind Verbrecher! Wenn ich diesen González erwische, reiße ich ihm derart den Arsch auf, dass er sich aufs Klo stülpen kann!«

»Patrick, mäßigen Sie sich!«, erwiderte Peter. »Sie haben ja recht, aber es scheint, dass wir nicht viel ausrichten können.«

»Ach nein? Und wofür haben wir Kathleen? Die kann doch sicher dagegenhalten. Ich denke, dass unsere eigenen Meldungen seriöser ankommen sollten als dieser Sondermüll hier. Was macht die überhaupt?«

»Sie arbeitet ganz gut...«, sagte Peter.

»Das klingt jetzt nicht sonderlich überzeugt.«

»Nun ja, gestern habe ich ein Interview gegeben, in dem ein paar merkwürdige Leute angerufen haben. Mit ähnlichen Themen wie diese letzten beiden Schlagzeilen. Aber das kann man Kathleen ja schwerlich vorwerfen.«

»Warum nicht?«, hielt Patrick dagegen und tippte auf die Ausdrucke auf dem Tisch. »Ich kann mir sogar vorstellen, dass sie es war, die die Presse mit diesem Mist gefüttert hat, um nachher eine spannendere Geschichte erzählen zu können.«

Peter wollte etwas erwidern, entschloss sich aber dazu zu schweigen. Die gestrigen Annäherungsversuche der Journalistin hatte er bisher für sich behalten, aber es hatte ihn nachdenklich gemacht.

»Die Frage bleibt«, erinnerte John, »wie wir auf das Ultimatum der Navy reagieren sollen.«

»Nun, ich gehe nicht davon aus, dass wir Sie zum Hinauszögern überreden können«, sagte Peter.

John zuckte mit den Schultern. »Ach wissen Sie... so was kann schon mal passieren, dass man eine Nachricht zu spät bekommt, oder eine Forschung nicht so kurzfristig abbrechen kann...«

Patrick grinste. »Das ist die richtige Einstellung! Dann machen wir also weiter, ja?«

Peter nickte. »Von mir aus sowieso. Wir können morgen immer noch sehen, wie sich die Lage entwickelt.«

»Also einverstanden«, sagte John. »Ich werde Alvin startklar machen lassen. Hoffen wir, dass uns heute nichts dazwischenkommt.«

»Und ich habe noch einen Vorschlag«, sagte Patrick. »Wir haben ja nicht mehr viel Zeit, und es könnte sinnvoll sein, wenn wir Marie an Bord hätten. Sie könnte uns mit weiteren Übersetzungen helfen, so schnell wir sie benötigen. Wir würden durch die Zeitverschiebung nach Frankreich nicht immer fünf Stunden verlieren und müssten nicht darauf bauen, dass sie nachts noch arbeitet.«

»Sie wollen sie an Bord einladen?«, fragte Peter.

»Warum nicht? Es ist ja nur ein Versuch. Wenn ich sie jetzt gleich anmaile, kann sie sich vielleicht heute noch einen Flug von Paris über Miami nach Nassau besorgen.«

»Allein die Überfahrt von Nassau hierher dauert aber doch zwölf Stunden«, wandte Peter ein.

»Sechzehn«, korrigierte John.

»Dann nimmt sie eben von Nassau aus einen Flieger. Ein Wasserflugzeug zum Beispiel.«

»Ja, das wäre der übliche Weg«, stimmte John zu.

»Also, was denken Sie? Wollen wir es probieren?«

Peter zuckte mit den Schultern. »Nun, Sie können sie ja mal fragen. Ihre Arbeit ist offenbar sehr gut, das stimmt schon. Ob sie rechtzeitig hier sein kann, ist natürlich eine ganz andere Sache. Das wäre dann Ihr Risiko.«

»Also gut«, sagte John, »dann wäre alles so weit geklärt.« Er sah auf seine Uhr. »Es ist noch Zeit, vom Frühstück sollte noch etwas übrig sein. Ich melde mich wieder bei Ihnen, sobald Alvin vorbereitet ist.«

»Ich schätze, Sie sind mit der Berichterstattung zufrieden, González?«, fragte der Kapitän der Libertad.

»Ja, das kann man wohl sagen«, gab González grinsend zurück. »Es hätte nicht besser laufen können.«

»Den Schaden von gestern bezahlen Sie mir, das ist Ihnen ja wohl klar.«

González winkte ab. »Alles, Manuel. El Tigre wird zufrieden sein, wenn wir die Idioten erst einmal los sind. Dann kauft er Ihnen auch ein neues Schiff, wenn's sein muss. Sie haben die Bilder gesehen – wir werden berühmt und unermesslich reich werden!«

»Und das Militär?«

»Scheiß auf die USA. Die werden es nicht wagen, uns herauszufordern. Kaum ist unser Máximo Líder nicht mehr im Amt, denken sie, sie können sich alles herausnehmen. Aber Raul wird ihnen das auch nicht durchgehen lassen. Und letztlich wird El Tigre schon dafür sorgen, dass seine Investition hier nicht in Gefahr gerät.«

»Vermutlich haben Sie recht...«

»Natürlich habe ich recht, Manuel! Hatte ich nicht versprochen, dass wir Gold finden würden? Und hier ist es.« Er klopfte auf den Tisch. »Hier, direkt unter uns. Wir müssen nur abtauchen und es hochholen.«

»Und wann wollen Sie das tun?«

González lehnte sich zurück. »Lassen Sie uns noch etwas abwarten. Die Zeit arbeitet für uns.«


»Es geht nicht«, sagte John, als er neben Peter und Patrick an die Reling trat. »Oder sagen wir: Es ist nicht empfehlenswert.«

»Wegen der Wellen?«, fragte Peter. Es war fast rhetorisch gemeint. Tatsächlich hatte der Wind aufgefrischt, sodass sie sich Pullover angezogen hatten, und sie mussten sich gut festhalten, weil die Argo sich unter ihnen in regelmäßigen und deutlicher werdenden Schüben aufbäumte.

»Ja«, sagte John und deutete an der Bordwand hinunter zur Wasserlinie. »Sie sind inzwischen gut anderthalb Meter hoch, und Alvin bei diesem Seegang über Bord zu hieven, ist eine wacklige Angelegenheit und könnte den Kran und das Boot beschädigen.«

»Wie lange wird das anhalten?«, fragte Patrick. »Was sagt der Wetterbericht?«

»Auf dem Radar ist in einiger Entfernung ein Sturm auszumachen. Es gibt verschiedene Prognosen, einige deuten leider darauf hin, dass er genau durch unser Gebiet ziehen wird. In diesem Fall wäre er heute Abend hier, und erst morgen könnte es besser werden. Aber natürlich kann er auch abdrehen oder sich abschwächen. Wir können nur abwarten und das Radar im Auge behalten.«

»Und das Risiko ist jetzt schon zu groß, sagen Sie?«

»Ja, unbedingt. Und selbst wenn wir jetzt tauchen würden, und der Sturm überrascht uns später, dann bekommen wir hier auf der Argo vielleicht ein Problem – und Sie hängen unten dran. Und die Wellen werden noch zunehmen, glauben Sie mir.«

»Verdammt. Gerade jetzt, wo die Zeit drängt.«

»Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt«, sagte Peter. »Aber ich denke, wir sollten dem Rat des Kapitäns folgen. Und außerdem...«, er zögerte. »Außerdem möchte ich mich noch kurz mit Ihnen über Kathleen unterhalten.«

»Jetzt bin ich aber gespannt«, meinte Patrick.

»Ich habe vorhin ein bisschen im Internet recherchiert...«

»Sie? Im Internet?« Patrick lachte. »Wenn das nicht eine kleine Sensation ist.«

Peter ließ sich nicht beirren. »... und mich über Kathleen informiert. Was sie uns über sich erzählt hat, stimmt so weit. Was sie uns aber verschwiegen hat, ist, dass sie eng mit dem Discovery Institute zusammenarbeitet.«

John zog hörbar die Luft ein.

»Klingt jetzt nicht so schlecht«, meinte Patrick.

»Das Discovery Institute fördert die Verbreitung der Intelligent-Design-Theorie. Es möchte die Idee, dass alles Leben und all seine Entwicklung einem intelligenten Designplan folgen, gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie in der Populärwissenschaft und in den Medien etablieren. Ihre Vertreter geben sich dabei sehr wissenschaftlich und seriös, tun so, als sei es eine rein säkulare Herangehensweise, dahinter stehen aber erzkonservative und fundamentalistische Christen, die einem regelrechten Schlachtplan folgen, um das Denken der Gesellschaft umzukrempeln und schließlich den Evolutionsgedanken vollkommen durch die Vision eines Schöpfers zu ersetzen.«

»Und Kathleen ist eine von ihnen?«, fragte Patrick.

»Jedenfalls hat sie bei einigen Publikationen des Discovery Institute mitgewirkt und auch schon Reden in deren Namen gehalten. Erinnern Sie sich an die beiden merkwürdigen Schlagzeilen heute Morgen? ›Atlantis-Forscher auf den Spuren der Schöpfung‹ und ›Widerlegt Atlantis die Evolution ?‹? Das ist genau die Art von Propaganda, die von den Anhängern des Intelligent Design betrieben wird. Und ich kann mit vorstellen, dass Kathleen durch Ihre Arbeit genau dies bewirkt hat. Auch diese Radiosendung, zu der sie mich überredet hat, drohte in diese Richtung zu entgleisen – jedenfalls, was die Anrufer betraf, deren Fragen ich beantworten musste.« Peter sah auf das Meer hinaus und dachte daran, wie die Journalistin ihn hatte verführen wollen. »Um es kurz zu machen: Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass Kathleen eine eigene Agenda hat. Wir sollten sehr vorsichtig sein mit dem, was wir ihr sagen und zeigen.«

Patrick legte die Hand auf die Schulter des Professors. »Wünschten Sie nicht, jemand hätte Sie vorher schon gewarnt? Schon von Anfang an gesagt, dass man ihr nicht trauen könne?« Er konnte sich ein Grinsen nicht verkeifen, obwohl er wusste, dass es für Peter schmerzhaft gewesen sein musste, es zuzugeben.

Peter drehte sich um und lächelte. »Ja, das wäre gut gewesen. Aber Sie wissen ja, wie das ist: Die besten Ideen muss man eben selbst haben.«

Nach dem Mittagessen hatte der Seegang sich nicht beruhigt. Im Gegenteil, John erklärte ihnen, dass das Zentrum des Sturms sich noch immer in ihre Richtung bewegte.

Patrick verbrachte seine Zeit mit Dick und fachsimpelte über Details der Technik von Alvin, während Peter die Dokumente von Marie zum wiederholten Mal studierte, um die Struktur der atlantischen Sprache, wie er sie jetzt der Einfachheit halber nannte, besser zu verstehen und um sich die bisher gefundenen Symbole einzuprägen. Was Marie geleistet hatte, war unglaublich. Und es blieb ihm schleierhaft, wie es möglich gewesen war, in so kurzer Zeit und mit so wenig Material eine so sichere Analyse zustande zu bringen.

Doch trotz ihrer Beschäftigung waren sie sich dessen bewusst, dass ihnen die wertvolle Zeit unter den Fingern zerrann. Indem sie dem Ultimatum des Militärs trotzten, mochten sie ein wenig Zeit gewinnen, aber diese nun nicht nutzen zu können, war die größte Ironie überhaupt. Peter malte sich nicht aus, was passieren würde, wenn sie am Morgen noch immer hier lagen. Sicherlich würde man sie beobachten, würde wissen, ob sie sich auf eine Abfahrt vorbereiteten. Wenn sie morgens um acht das Gebiet verlassen haben sollten, müssten sie streng genommen schon einige Stunden vorher losfahren.

Es war bereits Nachmittag, als Peter sich schließlich an Deck begab, um ein wenig Luft zu schnappen. Kaum hatte er die Tür durchschritten, wäre er beinahe von einer heftigen Böe von den Beinen gerissen worden. Der Boden war nass, und dann sah er auch, weshalb: Die Wellen waren weiter angewachsen. Der Wind blies Schaumkronen über die Kämme, und ab und zu, wenn die Argo besonders heftig aufstampfte, flog die Gischt über das Deck. John hatte recht behalten, der Seegang hatte weiter zugenommen. Sicherlich würde es nicht ausreichen, um ein so großes Schiff wie die Argo in Bedrängnis zu bringen, aber auch ihm als Laie war klar, dass es unter diesen Umständen unmöglich war, das Unterseeboot mit dem Kran sicher ins Wasser zu lassen.

Peter ging wieder unter Deck und suchte Patrick, den er schließlich im Mannschaftsraum fand. Er trank ein Glas Wein und las ein vollkommen zerfleddertes Taschenbuch.

»Genug studiert, Professor?« fragte er, als er aufsah.

»Das Wetter ist schlechter geworden. Wir haben den ganzen Tag verloren!«

»Ja. Und John sagt, dass der Sturm noch nicht mal ganz da ist. Er hat schon alles sichern lassen, heute läuft sicher nichts mehr. Er sagt, wenn er uns heute Nacht zügig erwischt, könnte er morgen früh durch sein.«

»Vielleicht wird es unsere letzte Chance, doch noch zu tauchen.«

Patrick nickte. »So sieht's aus. Aber es lässt sich nicht ändern ... Hoffen wir also, dass der Sturm möglichst schnell da ist!«

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