Kapitel 7
AUTEC U.S.-Navy-Rechercbe-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Als Lieutenant Commander Walters sein Büro am Abend betrat, fand er auf seinem Schreibtisch eine Akte vor. Er setzte sich, stellte seine Kaffeetasse ab und las den gelben Notizzettel, der auf dem Aktendeckel klebte.
Wie gewünscht die Unterlagen über die Forschungsschiffe und die Walstrandungen.
CWO Parker
Walters schlug die Akte auf und studierte die Papiere.
Das kubanische Schiff war von einem nicht näher bekannten Nuño González gechartert und als Forschungsschiff deklariert worden, das allerdings dem Militär gehörte. Es war ein alter sowjetischer Kahn, der vermutlich ein bisschen modernisiert worden war. Walters fragte sich, ob das Gefährt überhaupt für reguläre maritime Untersuchungen geeignet war oder ob sich in Wahrheit ganz andere Geräte an Bord befanden. Sicherlich lohnte es sich, diese Kameraden im Auge zu behalten. Walters hoffte, dass sich kein politischer Fall hieraus entwickeln würde.
Das Schiff von Woods Hole war ein ganz anderes Kaliber. Das Flaggschiff der Flotte und mit atemberaubendem Equipment, wie er feststellen musste. Über das Ozeanografische Institut waren dem Militär die detaillierten Projektpläne einsehbar, und wenn Walters die Daten richtig interpretierte, betrieben die Europäer dort keine meeresbiologischen oder geografischen Studien, sondern suchten nach archäologischen Spuren, nach Ruinen einer untergegangenen Kultur. In drei Kilometern Tiefe! Die beiden Projektleiter waren nur in Fachkreisen bekannt, ein verstaubter englischer Geschichtsprofessor und ein französischer Ingenieur, der nicht ganz sauber zu sein schien. Ein sonderbares Paar.
Walters lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Hätte es nicht den Code fünfzig in diesem Gebiet gegeben, würde er die Leute einfach ignorieren. Aber die Bestimmungen sahen vor, dass er über solche Koinzidenzen informiert wurde, und die geheimen Anweisungen, die er erst vor wenigen Wochen studiert hatte, gingen sogar noch weit darüber hinaus. Es handelte sich um ein Sperrgebiet, das so lange unbeachtet bleiben sollte, bis sich besondere Aktivitäten zeigten. Dass diese nun ausgerechnet in seine Amtszeit in AUTEC fielen, passte ihm so wenig in den Kram wie der ganze Rest der politischen Geheimniskrämerei, der er sich umso mehr ausgesetzt sah, je weiter er in der Hierarchie aufstieg. Walters war weder außergewöhnlich militant noch übertrieben ehrgeizig. Das Militär war ein ehrbarer Arbeitgeber, er nahm seinen Job ernst, und ein komplexes Netzwerk von Zuständigkeiten und Informationsbeschränkungen war selbstverständlich und notwendig. Insbesondere, da es hier nicht um bloße Betriebsgeheimnisse wie das Rezept von Coca-Cola ging, sondern um die nationale Sicherheit. Aber bisweilen, so stellte er fest, war das Militär tiefer mit der Wirtschaft und anderen Lobbys verflochten, als es sein sollte, und hielt die eigenen Interessen höher, als es der gesunde Menschenverstand nahelegte. Allzu oft entzog man sich unter dem Mantel der »Militärischen Geheimhaltung« oder der »Nationalen Sicherheit« mancher Verantwortung, und so erregte jeder Confidential- oder Top-Secret-Stempel zunehmend Walters' Argwohn.
Dies hier war so ein Fall. Was auch immer es mit dem Weißwasservorfall auf sich hatte und was auch immer das mit den beiden Forschungsschiffen zu tun haben mochte, so gab es eine Regierungsstelle, die sich dafür interessierte. Und die er nun kontaktieren musste. Das fragliche Gebiet lag innerhalb der Zweihundert-Meilen-Zone sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Bahamas. Beide Staaten konnten hier unter bestimmten Voraussetzungen ihre Rechte geltend machen. Ein politisches Spiel. Und die Adresse, an die er sich wenden sollte, würde ihn und AUTEC hineinziehen.
Walters seufzte.
Sein Blick wanderte zum Safe, in dem sich die Anweisungen befanden. Aber er blieb sitzen. Noch nicht...
Er legte die Dokumente beiseite und zog die Untersuchungsergebnisse der gestrandeten Schnabelwale hervor, betrachtete die Fotos vom Strand und die von den pathologischen Untersuchungen aus Miami. Es war bedauerlich. Mehr als das. Auch wenn er die Details der medizinischen Protokolle nicht verstand, rührten ihn die toten Tiere an. Er erinnerte sich nicht, schon früher so sentimental gewesen zu sein. Vielleicht lag es an seinem Alter oder daran, dass sich in den letzten Jahren durch den Umgang mit seiner kleinen Tochter neue Prioritäten entwickelt hatten. Jedenfalls ließen die Bilder ihn erschauern.
Als Walters die Kurzzusammenfassung las, bestätigten sich seine Befürchtungen.
Oberflächlich betrachtet waren die Tiere an Entkräftung und Dehydrierung gestorben. Aber die Aufnahmen aus dem Kernspintomographen und die Autopsien zeigten, was tatsächlich geschehen war.
Oft strandeten Schulen von Delfinen und Walen, wenn sie einem kranken Leittier zu folgen versuchten. Hier aber waren alle Tiere gleichermaßen betroffen: Massive Blutungen im Gehirn, dem Innenohr und zum Teil den Augen wiesen auf die wahre Todesursache hin. Etwas hatte die Schule getroffen, kein natürlicher Feind und auch keine herkömmliche Waffe. Eine Energie, die in der Lage war, die empfindlichen Sinnesorgane der Meeressäuger regelrecht explodieren zu lassen.
Die Navy verfügte über eine solche Energiequelle, und sie hatte sie drei Tage vor den Strandungen eingesetzt. Das LFAS, das Niederfrequenz-Aktivsonar.
Unter Wasser war die Sicht schlecht, daher verwendete man zur Ortung von Schiffen und U-Booten Schallwellen, die sich noch dazu wesentlich besser unter Wasser als in der Luft ausbreiteten. Um eine möglichst große Fläche abdecken zu können, waren immer kräftigere Sonare entwickelt worden. Das LFAS war das am weitesten entwickelte. Es sendete Impulse mit über zweihundert Dezibel in den Ozean. Einer Lautstärke, die zweihundertfünfzigmal lauter war, als der Mensch ertragen konnte, und so machtvoll, dass das Signal noch in fünfhundert Kilometern Entfernung so laut war wie das Abfeuern eines Schusses. Tiere, die sich mithilfe des Gehörs im Meer orientierten und deren entsprechende Sinne um ein Vielfaches empfindlicher waren als die menschlichen Ohren, wurden von den Schallwellen buchstäblich innerlich zerrissen.
Die Navy hatte vor einigen Jahren eine zugegeben millionenschwere, aber halbherzige Studie unternommen und bemühte sich nun stets zu erklären, dass diese gezeigt habe, dass selbst hundertachtzig Dezibel das Verhalten von Walen nicht beeinflussen würden. Tatsächlich gab es haufenweise anderer, unabhängiger Studien, die das Gegenteil feststellten. Zwar versicherte die Navy vor jeder Aktivierung des LFAS mit einem herkömmlichen Sonar die Umgebung nach Meeressäugern zu scannen, um den Einsatz gegebenenfalls einzustellen. Tatsächlich reichte aber kein anderes Sonar so weit wie das LFAS, sodass diese Vorkehrungen in Wahrheit wenig nützten.
Es gab keine Beweise, aber alle wissenschaftlichen Indizien sprachen dafür, dass es eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Einsatz des Niederfrequenz-Aktivsonars und den Strandungen gab. Das LFAS tötete, und Walters, als Kommandant der AUTEC-Basis, war dafür verantwortlich.
Doch solange nichts bewiesen war und solange man die Autopsien in militäreigenen Einrichtungen vornehmen und die Ergebnisse unter Verschluss halten konnte, würde nichts den künftigen weltweiten und dauerhaften Einsatz des LFAS verhindern. Und somit war auch klar, wie die offizielle Stellungnahme von AUTEC zu diesem Vorfall aussehen würde.
Walters beruhigte sich mit dem Gedanken, dass diese Technologie im Ernstfall vielleicht Gefahren abwenden, Kriege verkürzen, Menschenleben retten konnte und dass dies schwerer wog als ein paar gestrandete Tiere. Aber er konnte immer weniger daran glauben.
Er blickte aus dem Fenster und ließ seine Gedanken schweifen. Dann schob er die Papiere zusammen, stand auf und holte die geheimen Unterlagen aus dem Safe.
Für den Fall, dass ein Code fünfzig eintrat, wurden für das entsprechende Gebiet neue Bestimmungen wirksam, so lange, bis diese von höherer Stelle wieder aufgehoben wurden. Walters musste das geplante Eindringen der beiden Forschungsschiffe melden, und die Anleitung stand hier.
Er setzte sich mit der Mappe an seinen Schreibtisch und verfasste eine E-Mail mit den entsprechenden Schlüsselbegriffen an die vorgegebene Adresse einer ihm unbekannten Regierungsbehörde, von wo aus sie dann zum tatsächlichen Empfänger weitergeleitet werden würde.
Er studierte gerade andere E-Mails seines Posteingangs, als bereits eine Antwort eintraf.
Empfang bestätigt.
Prozess unter Beobachtung halten und dokumentieren.
Keine weiteren Aktionen. Statusupdate alle 24 Stunden.
Lt. McEvoy
CSS, Fort Meade, MD
Walters lehnte sich stöhnend zurück. Er hatte erwartet, dass er bei einer höherrangigen Abteilung der Navy gelandet wäre.
Stattdessen kam die Antwort nun vom Central Security Service aus Maryland. Es war eine Organisation, die für alle Streitkräfte der USA als zentrale Schnittstelle diente und deren Aufklärungsdaten in der NSA zusammenführte. Und die NSA wiederum war der vermutlich größte Nachrichtendienst der Welt, Teil des US-Verteidigungsministeriums und zuständig für das Sammeln, Überwachen und Entschlüsseln sämtlicher weltweiter Kommunikation und Aufklärungsarbeit.
Walters atmete tief durch und straffte seinen Rücken. Ganz offenbar ging es hier um eine große Sache. Eine verdammt große.
An Bord der Argo, östlich von Great Abaco Island, Bahamas
Es war dunkel geworden, und durch die Fenster der Messe war das Meer nicht mehr zu sehen. Stattdessen spiegelten sich die Lichter der Deckenlampen in den Scheiben.
Die Argo war auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort und würde einige Stunden nach Mitternacht dort ankern, sodass sie am Morgen mit der Arbeit beginnen konnten.
Das Schiff verfügte zwar über eine kleine Offiziersmesse mit gehobener Ausstattung, aber Peter und Patrick zogen es vor, im selben Raum wie die Mannschaft zu speisen. Es schien ihnen weder notwendig noch vorteilhaft, sich abzukapseln. Da es hier mehrere Tische unterschiedlicher Größe gab, war es ihnen auch hier möglich, unter sich zu sein.
Neben John, dem Kapitän, saß nun auch Kathleen mit ihnen am Tisch.
»Erzählen Sie uns ein bisschen über sich«, bat John. »Sie arbeiten freiberuflich für FOX, sagten Sie?«
Kathleen legte ihre Gabel beiseite und schob ihre Brille zurecht. »Ja, genau. Ich habe im Auftrag der FOX International Channels eine Serie produziert. Mysterien der Geschichte, ein bisschen reißerisch aufbereitet. Sie wurden auf dem History Channel ausgestrahlt.«
»Dann sind Sie Produzentin?«, fragte John.
»Im Grunde ja, allerdings hatte ich ursprünglich Journalismus und PR studiert. Das war an einer Medienakademie, wo ich aber nach drei Jahren ins Fach Kamera und Regie gewechselt bin. Ich weiß, ein großer Sprung, doch statt für andere zu arbeiten, wollte ich lieber meine eigenen Beiträge machen. Inzwischen ist es sehr hilfreich, dass ich von allem, was ich benötige, um Beiträge zu erstellen und zu verkaufen, genug weiß, um völlig selbstständig arbeiten zu können. Ich bin meine eigene PR-Abteilung, wenn Sie so wollen.« Sie lächelte.
»Vorgestern waren da zwei ziemlich aufdringliche Typen«, sagte Patrick, »die bei FOX über uns berichtet haben. Haben Sie was mit denen zu tun?«
»Aber nein!«, antwortete Kathleen. »Doch diese Nachricht ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb ich denke, dass ich Ihnen helfen könnte. Ich möchte nicht nur eine Dokumentation über dieses Projekt erstellen, sondern biete Ihnen an, die PR-Arbeit für Sie zu übernehmen. Wie ich Professor Lavell schon erklärte, kann ich Kontaktanfragen abwimmeln, Ihre Pressemitteilungen erstellen und dafür sorgen, dass sie in die richtigen Hände geraten. Ich kann Ihnen die nötige Aufmerksamkeit verschaffen.«
»Nun, über diesen letzten Punkt können wir ja sprechen, wenn es so weit ist«, sagte Peter. »Zunächst einmal ist uns schon geholfen, wenn wir durch Sie unliebsame Journalisten irgendwie fernhalten können.« Mit einem Blick auf den Franzosen fügte er hinzu: »Und zwar so, dass wir nicht wieder als ›Die unverschämten Europäer in den Nachrichten landen.«
Patrick griff zu seinem Weinglas. »Botschaft angekommen, vielen Dank.«
»Ich bin sicher, dass dies ein ganz und gar spannendes Projekt wird«, sagt Kathleen. »Ich fühle mich geehrt, dass ich dabei sein darf.«
»Wie wollen Sie das Projekt dokumentieren?«, fragte John.
»Ich habe eine vollständige Kameraausrüstung dabei«, erklärte sie. »Wann immer es sinnvoll ist, werde ich Aufnahmen machen. Wir können sie gemeinsam auf meinem Rechner prüfen. Schnitt und Postproduction finden natürlich später mit anderem Equipment statt. Außerdem werde ich fotografieren. Und wenn ich darf, würde ich gerne ab und zu auch ein paar Interviewfragen stellen und Ihre Antworten mitschneiden.«
Peter nickte. »Solange Sie den Ablauf und unsere Arbeit nicht behindern, soll es mir recht sein«, sagte er. »Gibt es auch beschränkte Bereiche auf dem Schiff, John?«
»Ich wünsche keine Aufnahmen im Bereich der Brücke ohne meine ausdrückliche Genehmigung und ohne meine Anwesenheit«, antwortete der Kapitän. »Abgesehen davon gelten für Miss Denver dieselben Beschränkungen wie für andere Passagiere. Der Maschinenraum ist also tabu, und auch der Frachtraum, und die Labore dürfen nicht ohne Begleitung durch mich oder das Personal betreten werden.«
»Das ist selbstverständlich, Mister Harris«, sagte die Reporterin und nickte. »Aber bitte, nennen Sie mich alle einfach Kathleen.«
»Nun, nachdem das geklärt wäre«, sagte der Kapitän, und wandte sich wieder Peter zu, »würde es mich interessieren, was Sie uns über das Projekt erzählen können. Wie Sie auf die Idee zu dieser Unternehmung gekommen sind und was uns erwartet.«
Peter räusperte sich, legte sein Besteck auf den Teller, faltete seine Serviette und lehnte sich zurück. Dann begann er von seiner Arbeit zu erzählen und davon, wie er und der Franzose sich kennengelernt hatten. Er beschrieb den Fund in Alexandria und erklärte, was Patricks Expedition in Guatemala ans Licht gefördert hatte.
»Sehen Sie: Atlantis war stets nur eine Legende. Eine vielfach beachtete Legende zwar, aber es gab keinerlei historische Grundlagen. Außer jenem Text von Platon, der allerdings nur wenige konkrete Hinweise enthielt und der ja auch ebenso gut bloß eine Parabel hätte sein können.«
»Der Kritias-Dialog«, warf Kathleen ein.
»Dieser, so wie der Timaios-Dialog, ganz genau. Die wenigen Anhaltspunkte, die man aus den Texten ziehen kann, und die in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder herangezogen wurden, sind zum Teil widersprüchlich, sodass man nie sicher sein konnte, welcher Teil davon Wahrheit war – wenn überhaupt.
Nun kann man sich fragen, was die Legende von Atlantis zu einer so erfolgreichen Geschichte machte, die niemals in Vergessenheit geriet. Zum einen handelt es sich dabei um das archetypische Motiv des Sündenfalls. Wir finden es bei fast allen Völkern der Welt. Eine glanzvolle Kultur, die sich von seinen Werten entfernte und daher unterging. Aber darüber hinaus faszinierten seit jeher auch die Mutmaßungen über den hohen Zivilisationsstand. Atlantis wird beschrieben als ein Weltreich, dessen Ausdehnung dem des Römischen Reichs um nichts nachstand. Platon berichtet, Atlantis sei eine Insel so groß wie ein Kontinent gewesen, die sich außerhalb der Säulen des Herakles befunden habe. Dies war die alte Bezeichnung der Meerenge von Gibraltar. Demnach müsste Atlantis im Atlantik gelegen haben.«
»Ist das der Grund, weswegen der Atlantische Ozean so heißt?«, fragte John.
»Nein, eher andersherum«, sagte Peter. »Der Name des Ozeans geht auf den Gott Atlas aus der griechischen Mythologie zurück. Er wurde bereits vor Platon nach ihm benannt. Kritias, der in Platons Dialog die Geschichte erzählt, erklärt, die Namen, die er verwende, seien bloße Übersetzungen. So hätten die Ägypter, von denen ja die Überlieferung stamme, ihrerseits bereits die ursprünglichen Namen ins Ägyptische übersetzt, und Solon, der die Geschichte von dort mitbrachte, habe sie ins Griechische übertragen. Das war natürlich eine geschickte Erklärung dafür, dass sich im Atlantis-Mythos nur griechische Namen befinden. So sind also der Staat, die Herrscher und Götter alle nach griechischem Vorbild benannt, und die damaligen Zuhörer konnten sich besser mit dem Szenario identifizieren.«
»Und was ist nun im Einzelnen über Atlantis bekannt?«, fragte John.
»Dem heutigen Mythos von Atlantis ist im Laufe der Zeit viel hinzugedichtet worden, das gar nicht aus Platons Feder stammt, ähnlich wie man heute viele christliche Mythen kennt, die mit der Bibel nichts zu tun haben, sondern aus apokryphen Schriften stammen, aus der jüdischen Mystik oder aus esoterischen Quellen. Auch hier sehen wir eine Folge der Globalisierung, wenn Sie so wollen. Immer mehr Geschichten werden in einen Topf geworfen, durchdringen einander, vermischen sich, und daraus wird von Hollywood inszenierter und mit Coca-Cola beworbener Mythenbrei, in dem jeder auf der Welt irgendwelche Aspekte wiedererkennt, der aber nur noch homöopathische Dosen der wahren Inhalte enthält. Es ist eine Schande.«
»Atlantis, Peter«, erinnerte Patrick.
»Ja, sicher. Also, die Atlanter sollen eine Seefahrernation gewesen sein, die weit über den Ozean hinaus Handel betrieb. Ihre Hauptstadt befand sich auf der größten Insel und lag dort auf einer großen Ebene, die von einer Seite vom Meer und von den anderen drei Seiten von einem Gebirge begrenzt war. Die Stadt selbst war von drei breiten Ringen umgeben, Wasserkanälen, so breit und tief, dass Schiffe darin fuhren. Von allen vier Himmelsrichtungen führte je eine Straße mittels Brücken über die Kanäle und direkt in die Stadt. In der Stadt befand sich der Poseidontempel, das höchste Heiligtum, ganz mit Gold und Silber verkleidet.
Überhaupt sollen die Atlanter nicht nur architektonische Meister, sondern überaus zivilisiert und wohlhabend gewesen sein. Zum einen, weil ihre Insel fast paradiesisch fruchtbar und sehr effektiv bewirtschaftet gewesen sein soll, aber auch, weil sie eine wirtschaftliche und militärische Großmacht waren. Atlantis verfügte angeblich nicht nur über eine Handelsflotte, die die ganze bekannte Welt bereiste, sondern auch über eine gewaltige Armada und hatte Westeuropa, Westafrika und Teile des Mittelmeerraums bis einschließlich Ägypten erobert und unter Kontrolle. Hieraus resultiert auch die Vorstellung, dass die atlantische Kultur – sollte es sie jemals gegeben haben – einen nachhaltigen Einfluss auf sämtliche späteren Kulturen gehabt, sie vielleicht sogar begründet habe.«
»Die Idee, dass die Ägypter das Pyramidenbauen von den Leuten aus Atlantis gelernt haben«, meinte Patrick.
»Ganz genau«, bestätigte Peter. »Insbesondere im Bereich der Esoterik und der Pseudowissenschaften ist dies eine der weitverbreiteten Theorien.«
»Aber nun suchen Sie selbst Atlantis«, warf Kathleen ein. »Bedeutet es dann nicht, dass das vielleicht sogar stimmt?«
Peter nickte. »Indem wir nun zum ersten Mal ganz konkrete Informationen über die exakte Lage von Atlantis haben sowie weitere Angaben, die seine Existenz wahrscheinlich machen, müssen selbstverständlich auch diese Theorien erneut betrachtet werden.«
»Was heißen soll...?«, hakte Kathleen nach.
»Ich will damit sagen, dass ich es in Anbetracht der neuen Informationslage und der Erfahrungen, die Patrick und ich bei den letzten Projekten gemacht haben, für möglich halte, dass Atlantis – sollte es existiert haben – tatsächlich spätere Kulturen geprägt hat.«
»Und könnte es dann sein, dass andere Teile der Atlantis-Geschichte dann ebenfalls stimmen?«
»Nun, wie ich schon erwähnte, muss man unterscheiden zwischen dem originären Text und Teilen, die später hinzugedichtet wurden. So berichtet Platon beispielsweise unter anderem von einem besonderen Metall, das er Oreichalkos oder auch Goldkupfererz nennt. Auch wenn wir nicht wissen, was damit gemeint sein könnte, ist der Wahrheitsgehalt dieser Information vermutlich höher als der der späteren Quellen. Dort wird den Atlantern unter anderem nachgesagt, dass sie dieses Metall als eine besondere Energiequelle verwendet hätten. Dass sie über Maschinen und Flugkörper verfügt hätten sowie über hoch entwickelte Waffen, die mit Lichtstrahlen gearbeitet hätten, die durch Kristalle gebündelt wurden.«
»Laser«, warf Patrick ein.
»So etwas in der Art, ja. Andere Quellen wollen wissen, dass das Volk von Atlantis selbst eine ursprüngliche, hoch entwickelte Wesensform gewesen sei, menschenähnlich, aber zugleich transzendent, welche das geistige Potenzial höher ausschöpfte, als uns das heute möglich ist, fähig zu Telepathie, Seelenwanderung und so weiter. Die heute lebenden Menschen seien quasi eine Rückentwicklung zu einer primitiveren Stufe, von der wir uns durch einen Weg der Erleuchtung befreien müssten.«
»Und das alles ist vollkommen abwegig?«, fragte Kathleen.
Peter lächelte. »Um ehrlich zu sein, ist auch hier die Beurteilung nicht mehr ganz so einfach, wie sie einmal gewesen sein mag. In dem Augenblick, wo man die reale Existenz dieser untergegangenen Welt postuliert, werden auch viele andere Aspekte plötzlich denkbar. Ich sage nicht wahrscheinlich, aber denkbar. Sehen Sie, neben Geschichte habe ich Anthropologie studiert und mich jahrzehntelang mit der Kulturgeschichte der Religionen beschäftigt. Die sich durchdringenden Ströme und die weltweit wiederkehrenden Motive, die wie von einer zentralen Quelle zu stammen scheinen, sind allgemein bekannt. Es gibt zahlreiche Bücher, ja eine ganze Subkultur, die sich heute mit der Idee beschäftigt, dass sich alle Berichte über Götter des Altertums auf Besuche von Außerirdischen zurückführen lassen. Das mag lächerlich scheinen, insbesondere im Lichte dessen, was wir heute über das Universum und die Möglichkeiten von Reisen durch den Weltraum wissen... Nun, Patrick könnte Ihnen da sicher mehr sagen als ich. Aber viele der Schlüsse sind durchaus logisch – lediglich äußerst unwahrscheinlich. Was aber, wenn wir annähmen, es hätte eine Hochkultur wie die von Atlantis gegeben? Und wenn diese die Entwicklung anderer Völker beeinflusst, beschleunigt haben könnte – könnte sie dann nicht auch esoterisches Wissen hinterlassen und unwissentlich Religionen begründet haben?«
Für einen Augenblick trat Schweigen ein. Insbesondere Patrick, der sich üblicherweise einen spitzzüngigen Kommentar zu diesen Themen nicht hätte verkneifen können, wusste nicht gleich, was er dazu sagen sollte. Es stimmte, bei ihren letzten Projekten hatten sie die Spur einer Wissensquelle verfolgt, die sie immer weiter in die Vergangenheit geführt hatte. Sie hatten damals in Ägypten sogar ein Artefakt gefunden, dessen Alter jeder Lehrmeinung widersprach. Stammte es vielleicht aus Atlantis, und war Atlantis diese ursprüngliche Quelle des Wissens und der Weisheit? Es müsste lächerlich sein, absurd, aber der Gedanke kam ihm seltsam vertraut vor, fast so, als sei er eine Erinnerung aus seiner Schulzeit oder Kindheit.
Es war der Kapitän, der die Unterhaltung fortsetzte: »Was genau haben Sie denn nun gefunden, das Sie so sicher macht, dass Atlantis existiert, dass Sie es finden können?«
»Es gibt ja zwei wesentliche Fragen, die Platons Dialoge aufwarfen. Erstens: Handelt es sich hier um Wahrheit oder Fiktion? Und zweitens: Wo genau lag denn nun Atlantis? Über beide Punkte gibt der verlorene Teil des Kritias-Dialogs Aufschluss. Ich könnte die Dokumente holen, wenn Sie möchten...«
Peter machte bereits Anstalten aufzustehen, doch John schüttelte den Kopf, und Kathleen sagte: »Das wird nicht nötig sein. Erzählen Sie es uns einfach.«
Peter lehnte sich wieder zurück. »Die Frage nach der Authentizität wird durch Sokrates beantwortet. Er ist einer der Personen, die sich in Platons Dialog unterhalten. Kritias erzählt die Geschichte, und Sokrates nimmt am Ende die Rolle des kritischen Publikums ein. Er stellt dabei explizit eben jene Fragen, die sich auch spätere Historiker gestellt haben. So fragt er zum Beispiel, wie es sein könne, dass Atlantis einen Krieg gegen Athen geführt habe, schließlich sei Athen keine neuntausend Jahre alt. Es stellt sich dann heraus, dass tatsächlich nicht Athen gemeint sei, sondern dass es sich um ein Sinnbild handelte, damit man sich besser damit identifizieren konnte. In der ägyptischen Version der Geschichte war daher stattdessen Memphis genannt worden – das natürlich damals ebenfalls noch nicht existierte. Auf die Frage, ob dann Atlantis vielleicht ebenfalls ein Sinnbild sei, beteuert Kritias, dass die Beschreibungen sämtlich der Wahrheit entsprächen. Sokrates fragt als Nächstes, wie ein Land, das so groß wie Libyen und Asien zusammen gewesen sei, jenseits der Säulen des Herakles, also draußen auf dem endlosen und unerforschten Meer, existieren könne, wo man das Ende der Welt oder allenfalls grauenvolle Monster vermutete. Damals verwendete man den Begriff Libyen für ganz Nordafrika abzüglich Ägyptens, und unter Asien verstand man immerhin die bekannten Länder Vorderasiens. Atlantis müsste der Beschreibung nach also fast so groß wie Westeuropa gewesen sein. Kritias erklärt daraufhin noch einmal, was an anderer Stelle des Dialogs auch schon steht, dass es sich bei Atlantis um eine Inselgruppe gehandelt habe, die tatsächlich so groß gewesen sei. Er beschreibt, dass man mit dem Schiff eine wochenlange Reise zurücklegen musste, um sie zu erreichen, und dass jenseits von Atlantis ein weiteres Festland läge, das so groß sei, dass man es neben den drei von Herodot genannten Kontinenten Europa, Libyen – also Afrika – und Asien, ebenfalls als einen eigenen Kontinent ansehen müsse.«
»Der erste geschichtliche Hinweis auf Amerika?«, fragte Kathleen.
»So scheint es, ja. Nachdem Atlantis versank, heißt es in der Erzählung, sei ein Meer aus Schlamm übrig geblieben, das für kein Schiff passierbar sei. Und tatsächlich gibt es die sogenannte Sargassosee. Das ist ein Bereich des Meeres, der östlich der Bermuda-Inseln beginnt und sich länglich fast bis zu den Azoren ausdehnt. Die Meeresströmungen umschlingen dieses Gebiet. Fährt man von Europa aus mit dem Schiff westwärts, folgt man üblicherweise den Strömungen und Winden weiter südlich, und fährt man zurück nach Europa, folgt man dem Golfstrom oberhalb. Immer umfährt man die Sargassosee, jedenfalls galt dies, solange man auf Segel und die Kraft des Meeres angewiesen war. Dieser Bereich des Meeres ist salziger als normal, Flauten sind häufig, es existieren keine hilfreichen Strömungen, und das Wasser ist streckenweise mit einem dicken Teppich aus gelbbraunen Algen bedeckt, in dem kleinere Schiffe leicht stecken bleiben können. Historiker haben schon häufiger vermutet, dass das »unpassierbare Meer aus Schlamm‹ nichts anderes als eine Beschreibung der Sargassosee sein könnte.«
»Aber wenn da wirklich einmal eine riesenhafte Insel war«, warf John ein, »die irgendwann verschwand – auf welche Weise auch immer –, sollten dann die Strömungen dieses ›Loch‹ mitten auf dem Ozean nicht einfach füllen? Ich meine, weshalb fließen sie noch immer darum herum, als ob Atlantis noch da wäre?«
»Ja, es sieht tatsächlich so aus, als würde das Wasser um eine unsichtbare Insel herumfließen. Aber tatsächlich wissen wir nicht, wie sich die Strömungen verhalten haben, als es Atlantis noch gab. Es ist ja mehr als wahrscheinlich, dass eine so große Inselgruppe einen Einfluss gehabt und sich das heutige Verhalten der Strömungen erst nach dem Verschwinden der Inseln eingestellt hat.«
»Dann könnte das Rätsel der Aalwanderung tatsächlich auch mit Atlantis zusammenhängen«, sagte Kathleen.
»Was denn für ein Aalrätsel?«, fragte Patrick.
»Aale«, erklärte Kathleen, offenbar begierig, etwas zum Thema beitragen zu können, »also Süßwasseraale, leben in Seen und Flüssen, wie Sie sicher wissen. Sie legen nur einmal in ihrem Leben Eier. Wenn die Zeit gekommen ist, wandern sie von Europa aus mehrere tausend Kilometer westwärts, hinaus auf das Meer, und laichen in der Sargassosee, in drei- oder viertausend Metern Tiefe. Wussten Sie das nicht? Niemand kann bis heute erklären, warum die Fische dies tun. Man weiß von anderen Tieren, zum Beispiel von Meeresforellen und Lachsen, dass sie in Flüssen geboren werden, ihr Leben im Meer verbringen und dann zum Laichen in die Flüsse ihrer Geburt zurückkehren. Aber der Aal unternimmt zum Laichen eine Reise, die ihn ins Nirgendwo führt. Vielleicht an einen Ort, wo früher einmal andere Inseln und andere Flüsse gewesen sind.«
»Ja«, bestätigte Peter, »die Aale sind in den letzten vierzig Jahren häufig mit Atlantis in Verbindung gebracht worden. Insbesondere von pseudowissenschaftlichen Sachbuchautoren, weswegen sich vermutlich kaum ein seriöser Wissenschaftler näher damit befasst hat. Es ist bis heute ein ungelöstes Rätsel.«
»Das ist ja schön und gut«, sagte John, »aber die Sargassosee ist groß. Wie sind Sie zu so präzisen Koordinaten gekommen, wie wir sie gerade ansteuern?«
Peter lächelte. »Ja, das ist eine gute Frage. Auch das hat uns der verlorene Teil des Dialogs verraten. Tatsächlich gelang es uns mithilfe einer Art Triangulation, wie ich von Patrick gelernt habe. Wir konnten drei im Manuskript beschriebene Orte identifizieren. Der offensichtlichste von ihnen war natürlich ›die Säulen des Herakles‹, der Name für die Meerenge von Gibraltar. Es waren Reisedauer und die ungefähre Richtung der Reise beschrieben. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Strömungen und Winde ließen sich ungefähre Radien berechnen und somit Gebiete aufzeigen, die man so erreichen würde. Da wir dies mit drei verschiedenen Orten vornehmen konnten, brauchten wir lediglich die Schnittpunkte der Radien zu untersuchen.« Peter winkte ab. »Nun, ehrlich gesagt war es etwas komplizierter als das, aber darum hat Patrick sich gekümmert. Ich vertraue hier ganz auf sein technisches Verständnis.«
»Das ist ja großartig!«, sagte Kathleen. Ihre Augen leuchteten. »Dann haben Sie das wirklich bis ins Letzte durchdacht, und wir könnten Atlantis tatsächlich finden. Aber...« Sie stockte. »Wenn es Ihnen gelang, könnte dann nicht jeder andere dieselben Berechnungen anstellen?«
»Selbstverständlich«, stimmte Peter zu. »Das ist nur eine Frage der Zeit. Noch haben wir allerdings einen Vorsprung, da ich erstens schon länger mit dem Dialog gearbeitet habe und die Arbeit ja erst jetzt veröffentlicht wurde, und zweitens bedarf es außergewöhnlicher geschichtlicher Vorkenntnisse, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Was – mit Verlaub – meine Spezialität ist und sich nicht so häufig findet. Und zuletzt gibt es nicht viele Forschungsschiffe wie dieses hier, insbesondere nicht so kurzfristig. Dafür schulden wir dem Woods-Hole-Institut ganz besonderen Dank.«
Ein Matrose betrat den Raum und kam an ihren Tisch.
»Kapitän Harris, könnten Sie auf die Brücke kommen? Eric hat etwas auf dem Radar entdeckt.«
John nickte und erhob sich. »Entschuldigen Sie mich bitte. Es geht um Navigationsfragen. Falls wir uns heute nicht mehr sehen, wünsche ich Ihnen jetzt schon eine gute Nacht.«
Als der Kapitän gegangen war, beugte Kathleen sich vor. »Wenn wir den Vorsprung beibehalten wollen, sollten wir also auf keinen Fall verraten, wo genau wir suchen wollen, richtig?«
»Lange wird sich das nicht verheimlichen lassen«, warf Patrick ein. »Auf der WHOI-Website kann man nachlesen, wo sich die einzelnen Forschungsschiffe aufhalten. Außerdem gibt es Satellitenortung...« Er schüttelte den Kopf. »Keine Chance, das geheim zu halten.«
»Nun, aber immerhin müssen wir es ja nicht hinausposaunen«, gab die Journalistin zurück. »Ich frage deswegen, weil es wichtig ist, welche Informationen wir an die Presse geben und welche wir zurückhalten.« Sie beobachtete Patricks skeptischen Blick und rückte daraufhin ihre Brille mit einer energischen Geste zurecht. »Sie beide haben selbst entschieden, dass ich mich um die Presse kümmern soll. Und das beinhaltet auch, einige echte Informationen rauszugeben. Mit heißer Luft allein können Sie die Profis nicht lange beeindrucken. Im Gegenteil, Sie machen sie nur umso neugieriger.«
Peter nickte. »Ja, ja, eine gute Lüge versteckt sich zwischen zwei Wahrheiten, hm?«
Kathleen lächelte. »Ganz recht.«
Patrick stand auf. »Wir besprechen das, wenn es so weit ist«, bestimmte er. »Erst einmal müssen wir etwas haben, bevor wir uns entscheiden, es nicht zu melden. Und im Alleingang werden Sie hoffentlich gar nichts unternehmen.«
»Nein, natürlich nicht!«, erwiderte Kathleen und sah dem Franzosen bestürzt hinterher, als er den Raum verließ.
»Sie müssen ihn entschuldigen«, lenkte Peter ein. »Er meint es nicht so. Er ist nur etwas...« Er suchte nach Worten.
»Rüpelhaft?«
»Skeptisch.«
Kathleen zuckte mit den Schultern. »Nun, wir werden sicher lernen, miteinander auszukommen. Ich kann mir vorstellen, dass eine Menge Druck auf ihm lastet.« Sie sah Peter von der Seite an. »Ebenso wie auf Ihnen, ist es nicht so?«
Peter lächelte sie ihn. Es gab keinen besonderen Grund zu lächeln, aber etwas an ihr, ihrer Frage und ihrer Geste, vermittelte eine Fürsorglichkeit, die ihn berührte. Sie war tatsächlich eine attraktive Frau. Es umgab sie nicht die zwanglose Naivität einer jungen Studentin, sondern sie strahlte bereits eine angenehme Reife aus und verfügte über einen von Erfolg geschmiedeten Willen. Patrick hatte recht gehabt, als er gemutmaßt hatte, dass Peter Gefallen an ihr finden könnte. Dabei ging es keineswegs um Äußerlichkeiten, ein Aspekt, dem Patrick stets viel zu viel Beachtung schenkte. Peter bemühte sich in allem, hinter die Fassade des äußeren Scheins zu sehen, und dort verbargen sich häufig die größten Überraschungen. Zugegeben, bei Menschen war dies schwieriger als in seiner Arbeit. Und ihre Mitarbeiterin Stefanie, die sie beim ersten Projekt unterstützt hatte, war ihm bis zum Schluss rätselhaft geblieben. Vielleicht war das ein Grund, weshalb er sich nie dauerhaft hatte binden können; er verstand sich nicht sonderlich auf Menschen. Aber Kathleen, so viel konnte er beurteilen, war ihm überaus sympathisch.
»Sie haben recht«, erklärte er schließlich. »Dieses Projekt bedeutet uns beiden tatsächlich sehr viel. Und wir gehen unterschiedlich damit um.«
»Nun, dann machen Sie sich ab sofort einfach etwas weniger Sorgen.« Kathleen legte eine Hand auf Peters Arm. »Jetzt sind wir zu dritt, und wir werden nicht nur das untergegangene Reich finden. Gemeinsam werden wir auch Antworten auf die Fragen unseres Ursprungs finden, und wir werden der Welt endlich ihre wahre Geschichte und Bestimmung schenken.«
An Bord der Libertad, östlich von Great Abaco Island, Bahamas
González stand auf der Brücke und betrachtete einen Monitor.
»Ich sehe nichts!«
»Natürlich nicht«, gab Manuel zurück, der neben ihm stand. »Wir sind noch zu weit entfernt. Wenn wir sie hier sehen könnten, dann könnten sie uns auch sehen!«
»Und warum hast du mich dann geholt?«
»Pass auf. Rui, die Projektion.« Der angesprochene Mann war der Zweite Offizier der Libertad und für die Navigation verantwortlich. Er saß auf einem Stuhl vor dem Monitor und bediente einige Tasten des angeschlossenen Rechners. Auf dem Bildschirm waren nun Linien und Punkte zu erkennen.
»Wir kennen den ungefähren Zielort, also den wahrscheinlichen Kurs der Europäer«, erklärte Manuel und deutete auf die Grafik. »Dieser Punkt sind wir. Unser Mann an Bord der Argo hat uns vor einigen Minuten die aktuellen GPS-Daten durchgegeben. Das ist dieser Punkt hier. Wie du siehst, befindet er sich in der Nähe des vermuteten Kurses. Wir bekommen die Daten einmal in der Stunde übermittelt und können unser Modell so ständig erweitern. Das Programm erlernt die Geschwindigkeit und kann immer präzisere Projektionen über den Kurs und den Zielort anstellen. Wir selbst können auf diese Weise in ausreichendem Abstand bleiben, ohne von der Argo entdeckt zu werden.«
»Das ist ja ganz nett«, brummte González, »aber es nützt uns wenig, wenn sich herausstellt, dass sie genau dort tauchen wollen, wo ich es geplant habe. Dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.«
»Sicher. Aber das sehen wir frühestens morgen, wenn die Argo vor Anker gegangen ist.«
González wandte sich ab. »Verdammt, ich wünschte, wir wären schon da!« Er trat ans Fenster und sah über das beleuchtete Vordeck hinaus in die Dunkelheit. »Wir müssen herausfinden, was genau sie planen. Sag das deinem Mann!«
»Geduld, Manuel. Es ist sicherlich nicht leicht, an die Projektunterlagen heranzukommen.«
»Es interessiert mich nicht, wie schwierig es ist. Und es ist mir egal, wie er es hinbekommt.«