Kapitel 1


Atlantik, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas


Donnernd schlug die erste Welle über das Deck der Juanita. Die empfindlichen elektronischen Geräte an Bord taten schon länger keinen Dienst mehr, und der Sturm um das Schiff herum wurde immer stärker. Die Scheinwerfer erhellten kaum mehr als das Vorderdeck und die aufgepeitschten Schaumkronen unmittelbar vor ihnen. Die Luft war erfüllt von Gischt und dem Regen, der über das Schiff hinwegfegte und den die Lichter in silberne Streifen verwandelten.

Als ehemaliger Trawler war die Juanita für den Hochseeeinsatz ausgelegt und hatte in der Vergangenheit schon schwerere Stürme unbeschadet überstanden. Nuño González wusste das, und seine Mannschaft musste sich dessen ebenfalls bewusst sein. Aber etwas war anders an diesem Unwetter. Eine abergläubische Unruhe hatte sich unter seinen Leuten breitgemacht, und González durfte nicht zulassen, dass sie überhandnahm. Gerade jetzt mussten sie mit höchster Präzision arbeiten, menschliches Versagen konnte er nicht tolerieren. Das Meer würde es auch nicht.

»¡Maldición, Raúl!«, herrschte er seinen Bootsmann an, der über eine Karte gebeugt war. Er riss die Karte vom Tisch und fegte mit derselben Bewegung eine Kaffeetasse durch die kleine Brücke. »Kümmere dich um die Ausrüstung! Wir haben noch hunderttausend Dollar im Wasser. Und es ist nicht dein Geld. Also an die Arbeit!«

González fluchte weiter, als Raul den Raum bereits verlassen hatte. Dann sah er durch die Fenster auf die See und beobachtete, wie sich eine weitere Welle von der Steuerbordseite her über das Deck brach. Er drehte bei, damit das Einholen der Ausrüstung vereinfacht wurde.

Seit drei Tagen kreuzten sie in diesem Gebiet und sondierten den Meeresboden. González hatte zwei Jahre damit verbracht, die letzte Fahrt der Maria Celeste von Puerto Bello über Havanna bis hierher zu rekonstruieren, wo sie im März 1612 mit ihrer Ladung von über zweihundert Tonnen Silber gesunken war. In den letzten sechs Monaten hatte er diese Suche vorbereitet und sein übrig gebliebenes Vermögen in das Schiff und die Geräte investiert. Die Mannschaft hatte er in Havanna angeheuert, eine Truppe wetterfester Männer, die ihn mit ihren technischen und handwerklichen Fähigkeiten überzeugt hatten. Es waren keine gebildeten Leute, sondern Seeleute und Arbeiter. Wer sich bei der Schatzsuche zu viele Gedanken über das Wenn und Aber machte und nicht richtig zupacken konnte, war hier fehl am Platz. González war nicht so dumm zu glauben, dass er sich deswegen nicht trotzdem um alles selbst kümmern musste. Niemand an Bord hatte so viel Erfahrung wie er, und niemand opferte hier sein Herzblut, so wie er.

Eine plötzliche Woge ließ das Schiff aufbocken, und er stolperte nach vorn. Es war noch keine Hurrikansaison, und die letzten Daten, die sie von der Wetterstation in Nassau erhalten hatten, deuteten auch nicht darauf hin, dass sich etwas zusammenbraute. Dennoch waren Wetterphänomene in diesem Gebiet keine Seltenheit, und González hatte das einkalkuliert.

Er verließ die Brücke und trat an Deck. Regen peitschte ihm ins Gesicht, und für einen Moment nahm ihm der Sturm den Atem. Er war zwar kräftig gebaut, aber er machte sich keine Illusionen darüber, dass ein ordentlicher Sturm auch ihn von den Beinen reißen konnte. Also hielt er sich an der Reling fest, während er leicht gebückt zum Heck des Trawlers ging, um nach dem Rechten zu sehen.

Er traf auf Raul und weitere drei Männer, die an einer Winde des Bockkrans hantierten. Hiermit hatte man früher die Schleppnetze eingeholt, aber nun war das Schiff für ihre Anforderungen umgerüstet worden, und sie nutzten den Kran für ihre Unterwasserausrüstung. Die Männer waren hektisch und bemerkten ihn erst, als er zwischen sie trat. Und nun sah er auch, was los war. Ein weiterer Arbeiter klemmte mit der Hand in der Winde und schrie gegen den Wind an. Das Regenwasser, das unablässig von der Armatur herablief, war dunkelrot gefärbt. Die anderen bemühten sich, seine Finger aus der Anlage zu befreien, während Raul auf der elektronischen Steuereinheit der Winde herumdrückte.

González stieß ihn beiseite, sodass der Bootsmann rückwärts auf das Deck schlug. Dann ergriff er das Steuermodul. Nichts leuchtete, die Knöpfe reagierten nicht. Kein Strom!

Der eingeklemmte Mann brüllte verzweifelt und trat um sich. González ergriff sein Handgelenk und sah, dass drei Finger seiner Hand zwischen den Zahnrädern eingeklemmt waren. Die Knochen mussten bereits zu Brei zermalmt worden sein, anders hätten die Finger niemals hineingepasst. Sie wurden nur noch durch das Fleisch zusammengehalten.

»O Gott!«, schrie der Arbeiter. »Meine Hand!«

González umfasste den Oberkörper des Mannes, als eine neuerliche Welle über das Schiff brach und sie mit Meerwasser überschüttete.

»Raul!«, schrie er. »Sie dreht sich! Bring das Schiff wieder quer zu den Wellen!«

Der Bootsmann hastete zur Brücke zurück, während González erneut festen Stand suchte. Mit einem kräftigen Ruck zog er den Arbeiter nach hinten und riss die Überreste seiner Hand aus den Zahnrädern. Mit einem Aufschrei stolperte der Mann zur Seite, krümmte sich und ging in die Knie.

»Aufstehen, sofort!«, herrschte González ihn an, beugte sich über ihn und hievte ihn hoch. »Los, steht nicht rum, ihr hirnlosen Affen!«, schrie er die anderen Männer an. »Muss ich alles alleine machen?! Bringt ihn unter Deck und verbindet ihn! Pedro, du bleibst hier.«

Zwei der Männer ergriffen den Verletzten und stützten sich gegenseitig auf dem Weg zurück, während González sich an der Winde zu schaffen machte. »Halte die Kabel, los!«, rief er dem Arbeiter zu und legte einen Hebel um, mit dem er von Elektronik- auf Handbetrieb umstellte.

Pedro griff nach den Kabeln, die vom Kran aus in das aufgewühlte Wasser führten. Ein Ruck fuhr durch seine Hände, als sich die Zahnräder lösten und die Wellen an den schweren Geräten am anderen Ende der Kabel rissen. Er fasste nach und stemmte sich gegen eine Stahlschiene am Boden. Dann rastete endlich das Handrad ein, und González begann, die Maschinen hereinzukurbeln.

Die Juanita lag nun nicht mehr parallel zum Seegang und wurde nicht mehr seitlich von den Wellen überspült, aber nun stampfte sie wie der stählerne Kolben einer gewaltigen, von Meereskraft angetriebenen Maschine. Über die Slip, die niedergelassene Rampe am Heck des Schiffs, brachen immer wieder Wassermassen über das Deck, die beim Abfließen einen gefährlichen Sog verursachten. Das Unwetter nahm zu, Gischt und Regen waren nicht mehr zu unterscheiden. González gelang es nicht, sein Gesicht vor dem Sturm zu schützen, der von allen Seiten an ihm zerrte. Das Atmen fiel ihm schwer, längst war er vollständig durchnässt. Er presste die Augen zu Schlitzen zusammen und kurbelte unerbittlich weiter. Endlich zeigte sich das weiß und gelb lackierte Sonar am Ende der Kabel. González drehte die Kurbel mit beiden Händen weiter. Nur langsam kam das Gerät näher und bewegte sich auf die Slip zu. Die stählerne Rampe war für die Aufnahme des empfindlichen Geräts mit einer Gummiisolierung versehen worden, aber die Wellen drohten das Sonar gegen das Schiff zu schleudern, wenn es nicht im richtigen Augenblick mit einem einzigen Schwung eingeholt und gesichert wurde.

»Schnapp das Sonar!«, rief er Pedro zu. »Und pass auf!«

Der Arbeiter ging einen Schritt auf die Slip zu, als die Juanita erneut aufbockte. Als sie sich hob, schien Pedro einen Moment lang den Boden unter den Füßen zu verlieren, dann schlug das Schiff zurück auf das Wasser, und augenblicklich schossen Hunderte Liter Ozean über die Rampe zwischen seinen Beinen hindurch und fegten sie ihm unter dem Leib weg.

»Pedro!«, rief González.

Der Arbeiter schlug nach allen Seiten um sich, suchte verzweifelt nach Halt, als das Wasser über die Slip zurückfloss und ihn mit sich riss. González rastete die Winde ein und stürzte auf den Mann zu, doch er erreichte ihn nicht mehr. Mit einem kaum hörbaren Schrei versank Pedro in den tobenden Wellen. Einen unwirklichen Moment lang zerriss der Wind die Schaumkronen, als sei nichts geschehen. Dann tauchten Pedros Kopf und Teile seines Oberkörpers auf. Er hatte irgendwie die noch im Wasser hängenden Kabel zu fassen bekommen und hielt sich nun an der Apparatur fest. Er bemühte sich, Luft zu holen, doch immer neue Wellen schlugen über ihm zusammen.

González fluchte, eilte zum Bockkran zurück und kurbelte weiter in der Hoffnung, dass er den Mann auf diese Weise gemeinsam mit dem Sonar an Bord ziehen könnte. Doch das Gewicht hatte sich vervielfacht, und trotz seiner Kraft brachte er das Kabel nur mit quälender Langsamkeit ein. Nur für eine Sekunde senkte er seinen Blick, um sich mit den Armen auf das Rad zu stemmen. Als er wieder aufsah, weiteten sich seine Augen vor Schreck. Hinter der Slip türmte sich eine Welle auf, die die Juanita mannshoch überragte. Geistesgegenwärtig umfasste González den Kran mit beiden Armen und krallte sich mit aller Macht fest, als die Wassermassen auch schon über das Heck brandeten. Sie krachten über das Deck, gegen den Kran und schlugen ihm mit solcher Wucht gegen seinen Körper, dass ihm die Beine zur Seite gerissen wurden. Er rutschte nach unten. Nur mit seinen Armen am Kran hängend war er dem Sog ausgeliefert. Sein Unterköper baumelte und schlingerte über das Deck, seine Beine schlugen hilflos gegen Metallträger. Ein losgerissenes Brett schoss nur eine Handbreit an seinem Kopf vorbei und stieß gegen seine Rippen. González krümmte sich vor Schmerz, aber er ließ nicht los. Er behielt Mund und Augen geschlossen und hoffte auf ein Ende. Dann endlich war das Wasser angelaufen. Aber das Schiff bäumte sich weiter auf. Mühsam zog er sich wieder am Kran hoch, hielt ihn weiter mit beiden Armen umfasst und sah zum Heck. Die Kabel peitschten durch den Wind, alles, was an ihnen gehangen hatte, war abgerissen.

Er brüllte vor Wut, doch der Wind verschluckte seinen Schrei. Dann begann etwas zu leuchten. Ein Schiff näherte sich! Er blickte gegen den stürmenden Regen hinaus auf den aufgewühlten Ozean. Aber das Licht kam von keinem Schiff. Es war das Meer selbst, das zu leuchten begann.


Büro der FOX International Channels, Los Angeles


»Noch heute strömen täglich Hunderte von Besuchern in die Kirche von Santa Maria delle Grazie und bestaunen das Gemälde im Speisesaal. Nur wenige von Ihnen ahnen, welche Geheimnisse hier verborgen liegen. Welches davon aber tatsächlich die Intention des Künstlers war, werden wir wohl niemals erfahren.

Mein Name ist Kathleen Denver. Begleiten Sie mich auch das nächste Mal durch die Geheimnisse unserer Vergangenheit und eine neue Folge von Dare to Know.«

Rob schaltete die Aufnahme aus und wandte sich wieder Kathleen zu.

»Kannst du mir sagen, was das sollte?«

Kathleen lehnte sich zurück und verzog den Mund. Sie hatte Robs herablassende Art noch nie leiden können. Sie kannten sich schon seit fünf Jahren, und da sie beide Profis waren, kamen sie zurecht, auch wenn die Stimmung nicht immer die beste war. Er hatte sie damals zu FOX geholt, weil ihn ihre journalistischen Fähigkeiten ebenso überzeugt hatten wie ihr Auftreten vor der Kamera. Seit er jedoch ins Management aufgestiegen war, hielt er sich immer häufiger für den Programmchef höchstpersönlich, obwohl sie hier vom Tagesgeschehen weit entfernt waren. Rob war nur für einen kleinen Teil der Formate verantwortlich, die sie für den History Channel von FOX einkauften. Allerdings gehörte Kathleens Sendung »Wage zu wissen« dazu, und aus diesem Grund hatte er sie zu einem Termin hergebeten.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, gab sie zurück.

»Der Spruch am Ende: »...werden wir wohl niemals erfahren... Wie oft haben wir schon darüber gesprochen? Die Sendung soll keine Rätsel verkaufen, wir wollen unsere Zuschauer informieren! Information ist die Beseitigung jeder Unsicherheit beim Zuschauer. Informieren heißt nicht: sie verwirren. Hier soll es um Fakten gehen, um Wissen. Die Sendung heißt ›Wage zu wissen‹ und nicht ›Wage zu raten‹. Das ist nicht ›PSI Factor‹, okay?«

»Himmel, Rob, nun bleib auf dem Boden! Du weißt genauso gut wie ich, dass wir auch nicht einfach Behauptungen aufstellen können! Wer erzählt mir denn immer, der History Channel hätte einen Ruf zu verlieren?«

»Um den Ruf geht es, meine Liebe.« Rob tippte eine Abfrage in seinen Computer und drehte im Anschluss den Flachbildschirm, sodass sie von beiden Seiten des Schreibtischs daraufsehen konnten. »Mit einer Geschichte über das Abendmahl von Leonardo da Vinci können wir heute keine Maus mehr hinter dem Ofen hervorholen. Das hätte vor drei oder vier Jahren laufen müssen. Oder hier: Die Blutlinie von Jesus Christus, noch so ein Staubfänger. Und was haben wir sonst noch: Das Grabtuch von Turin, Freimaurer in Washington, Opus Dei...

Was gibt's sonst noch Neues? Ach ja, die Wikinger haben Amerika entdeckt, und die Geschichte der Sintflut stammt vom Gilgomasch-Epos ab...«

»Gilgamesch«, warf Kathleen halbherzig ein.

»Dann eben Gilgamesch, ist doch auch völlig egal. Die Sache ist die: Warum interessiert mich kein einziges dieser Themen? Na, eine Idee?«

Kathleen verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn er sich so aufführte.

»Ich werde es dir sagen«, fuhr Rob fort. »Es interessiert nicht, weil es schon tausendmal gelaufen ist, deswegen! Und das geht nicht nur mir so!« Wieder tippte er etwas ein, und die Anzeige auf dem Bildschirm zeigte ein mehrfarbiges Säulendiagramm. »Deine Quote ist schon wieder um zwei Prozent gesunken, du bist im freien Fall. Und dafür bist du mir ehrlich gesagt zu teuer.«

Na klar, daher weht der Wind, dachte sie und nickte innerlich. Dabei war er es gewesen, mit dem sie Anfang des letzten Jahres die Themenplanung durchgesprochen hatte. Aber natürlich war es völlig sinnlos, darüber mit ihm zu diskutieren. Die Mühe, recht zu behalten, würde nirgendwohin führen. Letzten Endes bezahlte er ihre Arbeit, und dass die Quote sank, daran war auch nicht zu rütteln. Im Grunde war es ihr egal, da sie nur an der Ausstrahlung und nicht an den Einschaltquoten verdiente, aber Rob wollte den Preis für die nächsten Projekte drücken. Sie hatte das erwartet und war vorbereitet.

»Ich werde dir auch keine neuen Folgen mehr anbieten«, antwortete sie.

Rob horchte auf. »Wie meinst du das? Willst du aufhören?«

»Du hast doch noch zwei«, sagte sie. »Dann kommt die Sommerpause, und bis dahin...« Sie ließ den Satz unbeendet.

»Ja...?«

»Bis dahin habe ich etwas anderes.«

»Etwas anderes? Willst du an einen anderen Sender verkaufen?«

Sie lächelte. Es gefiel ihr, ihn nervös zu machen. Rob zeigte es nicht deutlich, aber sie kannte ihn gut genug. Er konnte nicht auf sie verzichten, jedenfalls nicht so schnell und nicht in ihrem Preissegment. Doch sie hatte auch gar nicht vor, ihn hängen zu lassen. Er war ein verlässlicher Abnehmer.

»Nein, das nicht«, sagte sie schließlich, »aber ich arbeite an einem neuen Konzept. Bis zum Sommer habe ich die ersten Folgen fertig.«

»Ein neues Konzept, aha. Fragt sich, wer dir das abnehmen soll.«

»Du, wer sonst?« Kathleen lächelte ihn an und wusste, welchen Effekt das auf ihn hatte. Vor zwei Jahren waren sie sich auf einer Weihnachtsfeier nähergekommen, und Rob, der fast zehn Jahre jünger war als sie, hatte ihr gestanden, dass er seit geraumer Zeit ein Auge auf sie geworfen hatte. Das kam aus keiner weinseligen Laune heraus, tatsächlich hatte sie das auch schon länger vermutet, und am Ende des Abends waren sie in seinem Apartment und in seinem Bett gelandet. Für sie war es nicht mehr als ein Abenteuer gewesen, und am Morgen danach hatte sie ihm behutsam, aber bestimmt erklärt, dass sie es bei dieser Nacht belassen sollten. Er hatte die Kröte tapfer geschluckt, und seitdem konnten sie tatsächlich weiterhin gut zusammenarbeiten. Aber sie waren beide Single geblieben, und sie wusste, dass er sich noch immer Hoffnungen machte. In Augenblicken wie dem heutigen nutzte sie seine Schwäche gerne aus.

»Ich?«, gab er zurück und lächelte ebenfalls.

»Aber ja«, antwortete sie sanft. »Oder dachtest du, ich würde nicht ständig an dich denken?«

»Vermutlich hauptsächlich an mein Geld.«

»Rob, also wirklich! Denkst du etwa so von mir?«

»Kathleen, meine Liebe, du weißt, dass ich selbst dir keine Katze im Sack abkaufe.«

»Du meinst, ich müsste dir ein bisschen mehr bieten?«

»Ich weiß ganz gut, was du zu bieten hast...« Er machte dabei einen vielsagenden Gesichtsausdruck, und sie erwiderte ihn offenherzig. »Aber ich weiß auch«, fuhr er fort, »dass du nur eine Sendung meinst.«

»Nur eine Sendung?«, gab sie mit gespielter Entrüstung zurück. »Wenn das so ist, dann muss ich sie ja vielleicht doch CBS anbieten.«

Rob lachte auf. »Ist ja schon gut. Also zeig her!«

Sie grinste und reichte ihm eine Mappe über den Tisch. Er schlug die Unterlagen auf und studierte sie einen Augenblick.

»Eine neue Entdeckung?«, fragte er, ohne den Blick zu heben. »Weiß jemand davon?«

Kathleen stand auf und beugte sich über den Schreibtisch. »Nein«, sagte sie. »Ich habe es von einem Informanten. Es ist absolut aktuell, die Presse weiß noch nichts davon. Bis der Boulevard Staub aufwirbelt, habe ich schon eine ganze Reportage zusammengestellt! Dann haben wir die Nase wieder vorn!«

Rob sah auf. »Und wie kommt es, dass das Ganze so günstig sein soll?«

»Ich dachte mir, wir ändern den Deal. Du beteiligst dich an den Spesen, und die Senderechte halbieren wir.« Sie deutete auf eine andere Seite der Unterlagen. »Dafür will ich eine gestaffelte Prämie, die sich an den Einschaltquoten orientiert.«

Rob gab einige Zahlen in den Rechner ein. »Nach dem Stand der letzten Folge machst du damit Verlust.«

»Ich weiß«, gab sie zurück. »Aber diese neue Reihe wird einschlagen wie eine Bombe.«

»Du scheinst dir sehr sicher zu sein.«

»Ja, absolut!«

Rob sah sie eine Weile an. Dann nickte er. »Ist gut, einverstanden. Ich gebe es an die Rechtsabteilung weiter, die können die Details prüfen.« Er reichte ihre eine Hand über den Tisch.

Sie ergriff seine Hand, zog ihn ein Stück vor und küsste ihn auf die Wange. »Danke, Rob, du bist ein Schatz!« Dann verließ sie das Büro, erfreut, ihr Ziel erreicht zu haben, und ließ den seufzenden Mann zurück.


Atlantik, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas


González starrte ungläubig auf das leuchtende Meer. Vor seinen Augen begann es zu strahlen, als befände sich eine stetig größer werdende Lichtquelle unter Wasser. Etwas, das an die Oberfläche strebte. Blasen durchbrachen die Wellen und zerplatzten zu weißem Schaum. Der ganze Bereich unmittelbar um das Heck der Juanita herum begann zu brodeln.

Ein heftiger Schlag ließ das Schiff erbeben und schleuderte González beiseite. Er prallte gegen eine Luke und versuchte, sich mit seinen klammen Fingern daran festzuhalten. Unter sich spürte er, wie der Rumpf der Juanita knirschte. Dann schlugen erneut Wellen über das Deck, und das Schiff neigte sich zur Seite.

Alarmiert rappelte er sich auf und taumelte zurück zur Brücke. Die Tür war aufgerissen und schlug in ihren Angeln. Er stürmte hindurch. »Raul! Weg hier, volle Kraft!«

Der Bootsmann hantierte an den Instrumenten herum. »Es geht nicht!«, rief er.

González eilte auf ihn zu und drängte ihn beiseite, sodass er gegen einen der Seeleute prallte, der erstarrt daneben stand. »Was soll das heißen?!« Alle Anzeigen waren ausgefallen. Nachdem zunächst nur die empfindlichen elektronischen Geräte ausgefallen waren, war nun das ganze Schiff tot. »¡Mierda!«, fluchte González und hieb auf die Konsolen ein. »Das darf doch nicht wahr sein! Los, alle Mann Rettungswesten anziehen.« Der Seemann sah ihn entgeistert an, rührte sich aber nicht. »Habt ihr nicht gehört? Sofort!«

Ein neuerlicher Schlag dröhnte durch das Schiff. Die Schlagseite nahm zu. González hangelte sich an den Schränken entlang durch den Kommandoraum und die Treppe hinunter unter Deck.

»Rettungswesten an und alle an Deck! Los, los!«, schrie er durch den Gang. An den panischen Männern vorbei hastete er weiter nach hinten. Er öffnete die Tür zum Maschinenraum und wollte ebenfalls hineinbrüllen, als ihm eine heiße Wolke aus ölig stinkendem, beißendem Dampf entgegenschlug. Er trat beiseite, wollte den Rauch entweichen lassen, doch mit einer plötzlichen Bewegung der Juanita schoss ihm ein Schwall Wasser entgegen. Das Schiff war leckgeschlagen! Das Wasser flutete bereits den Maschinenraum!

González stemmte sich gegen die Tür. Er musste sie schließen, wenn sie eine Chance haben wollten. Er stützte sich an der gegenüberliegenden Wand des schmalen Gangs ab und drückte mit aller Kraft, bis es ihm schließlich gelang, die Tür wieder in ihre Position zu pressen, und ihr Schloss einschnappte. Es war kein regelrechtes Schott, nur eine einfache Stahltür, aber das musste genügen.

Er hastete den Gang zurück und hoch zur Brücke. Seine Männer hatten sich hier versammelt. Sie kämpften mit der Schräglage des Schiffs, lehnten an der Wand und bemühten sich hektisch, ihre Westen anzulegen.

»Wo ist Pedro?«, fragte González. Er hoffte, dass der Ingenieur nicht im Maschinenraum eingeschlossen war. Ein schneller Blick über die verwirrten Gesichter der Anwesenden bestätigte seine Befürchtungen. Für den Mann gab es keine Rettung mehr.

Ein gewaltiges Krachen fuhr durch das Schiff. Die Juanita bäumte sich nach hinten, und zwei der Männer wurden durch den kleinen Raum geschleudert. Einer schlug mit den Zähnen auf einen Handlauf aus Metall, der andere krachte gegen den Türrahmen. Die Juanita hatte ihren gesamten Bug erhoben. Das Schiff stand fast zehn Grad geneigt im Wasser.

»Festhalten!«, brüllte González, der erwartete, dass das Schiff jeden Augenblick wieder zurückfallen würde. Doch einige schreckliche Augenblicke vergingen und nichts geschah.

»Padre nuestro, que estás en el cielo...«, begann einer der Seemänner, andere senkten ihre Köpfe.

»Ihr bleibt hier, ist das klar? Keiner geht nach unten«, rief González. »Wenn die Juanita sinkt, macht, dass ihr hier rauskommt!« Damit verließ er die Brücke und trat an Deck. Regen peitschte in sein Gesicht und raubte ihm fast den Atem. Durch die halb geschlossenen Augen nahm er wieder das Leuchten wahr, und er zwang sich, genauer hinzusehen. Das weiß schäumende Brodeln hatte sich rund um das Schiff ausgebreitet. Das Wasser schien förmlich zu kochen, und obwohl sich der Bug der Juanita nun einige Meter aus dem Meer gehoben hatte, spritzte es von allen Seiten bis in diese Höhe.

González griff nach der Reling und bahnte sich vorsichtig den Weg in Richtung des abfallenden Hecks. Als er ankam, traute er seinen Augen zunächst nicht. Hier war der Ozean noch stärker aufgewühlt, fremdartige Wrackteile und undefinierbare Trümmer wurden von den Wellen umhergeschleudert. Über die Slip bis weit über das Achterdeck war ein gewaltiger zusammenhängender Haufen aus Tang, Treibgut und Gestein auf das Schiff geschleudert worden. Der größere Teil davon schien noch im Wasser zu hängen, denn er zog das Heck des Trawlers unter die Wasserlinie.

Ungläubig trat González näher, bis ihm das über das Deck schlagende Wasser bis zu den Waden reichte. Aus der schwarz glänzenden Masse aus Treibgut und Bruchstücken ragte ein Arm heraus. Pedro! Ins Meer gerissen, ausgespien und begraben in einem unentwirrbaren Trümmerhaufen, der nun nach der Juanita griff!

González wollte sich gerade abwenden, als er etwas in dem Haufen aufblitzen sah. Sein Blick blieb an einem unnatürlich glänzenden Stück hängen, das unter einem von Tang umklammerten Korallenbrocken hervorstach. Er beugte sich hinunter, ergriff die freiliegende Ecke des Stücks und versuchte, das Objekt freizubekommen. Es war Teil einer altertümlichen Metallplatte. Und es war kein normales Metall. Es war Gold!

González lehnte sich mit dem ganzen Körper in die Masse, drückte sich zwischen die nassen Trümmer, stemmte sie weg und zog an der fingerdicken Platte. Gerade, als sie sich löste, gab der gesamte Haufen nach und rutschte weiter nach hinten. Entsetzt wollte González sich aufrichten, als er merkte, dass sich das gesamte Heck weiter absenkte. Doch sein Ärmel hing an den scharfkantigen Korallen fest. Die Trümmer zogen ihn mit sich! Verzweifelt bemühte er sich, sich loszureißen, als eine gewaltige Welle über das Heck des Schiffes schlug und alles in einem tobenden Strudel aus Wasser und Dunkelheit verschlang.


AUTEC U.S. Navy Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


»Sir, wir haben einen Code fünfzig, Sir!«

Der Soldat blieb in der Tür stehen und salutierte. Lieutenant Commander Walters sah von seinen Papieren auf. Er erinnerte sich vage an diese Bezeichnung, etwas Dringliches, aber seit seiner Stationierung auf Andros war es noch nicht vorgekommen.

»Danke«, sagte er schließlich und nickte. »Man soll alle Informationen zusammentragen, ich komme sofort.«

Als der Soldat gegangen war, stand Walters auf und öffnete seinen Wandsafe. Neben einigen aktuellen Projektunterlagen befand sich hier auch eine Mappe mit vertraulichen Anweisungen und Maßnahmeregelungen. Er schlug Code fünfzig nach, las einige Absätze und legte das Material wieder zurück.

Kurze Zeit später betrat er den Kontrollraum der Luft- und Seeüberwachung. Die Anwesenden sahen auf und strafften sich, aber Walters hob nur eine Hand und winkte ab. Der wachhabende Unteroffizier kam auf ihn zu.

»Ich habe Sie informieren lassen wegen des Codes fünfzig, Sir.«

»Und jetzt bin ich hier. Also schießen Sie los.«

»Wenn Sie mir folgen möchten, Sir.« Der Unteroffizier öffnete die gläserne Tür eines angrenzenden Besprechungszimmers. Dann dimmte er das Licht und bediente eine Computerkonsole, woraufhin die Projektion einer Karte an der Wand erschien.

Walters setzte sich und sah auf das Bild. Es war eine aus Satellitenaufnahmen zusammengesetzte Karte, die den Norden der Bahamas bis hinauf nach Abaco Island zeigte, sowie einen guten Teil des Atlantiks nordöstlich davon. In der Fußzeile waren Angaben über Maßstab, Datum, Uhrzeit sowie einige meteorologische Daten zu sehen.

Der rote Lichtpunkt eines Laserpointers erschien und wanderte über die Karte.

»Beachten Sie diese Region, Sir«, sagte der Unteroffizier. »Dieses Standbild ist vor etwa einer Stunde aufgenommen worden. Ich werde nun die Wolkenschichten einblenden, dann sehen Sie, dass der Himmel zwar bedeckt war, mit Windgeschwindigkeiten zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Knoten, also zum Teil starkem Wind, aber im ganzen Gebiet gab es keine Stürme oder Unwetter.«

Walters rieb sich den Nacken. Wetterkunde hatte er schon in der Ausbildung gehasst. Nun waren zwar die Visualisierungsmethoden fortschrittlicher geworden, aber das machte die Materie nicht wesentlich interessanter. Also schön, kein Unwetter im fraglichen Zeitraum, gut, weiter!

»Ich vergrößere nun den entsprechenden Ausschnitt. Dies entspricht etwa einer Höhe von fünfzehn Meilen, und wenn ich Ihre Aufmerksamkeit nun auf die überlagerten Daten aus dem Frequenzfilter-Scan lenken darf...«

An dem Mann ist ein Dozent verloren gegangen, überlegte Walters.

»...dann erkennen Sie hier einen grauen Fleck im Wasser. Das ist eine Weißwasserzone, sehen Sie? Und in den nächsten dreißig Minuten wurde sie beständig größer.«

»Hören Sie«, sagte Walters, »das ist ja alles ganz interessant, aber es wäre wohl kein Code fünfzig, wenn da nicht auch irgendwo ein Boot gewesen wäre, oder? Kommen Sie zum Punkt.«

»Ja, natürlich, Sir. Es geht um dieses Schiff hier.« Eine Route wurde eingeblendet, an deren Ende ein kleiner Kreis zu erkennen war. »Es war ein Trawler.«

»Ein Trawler?!« Walters stöhnte innerlich. Das blieb sicher nicht unbeachtet und konnte möglicherweise Ärger bedeuten.

»Ja, Sir. Ein kubanischer Trawler, um genau zu sein. Wir haben die Daten geprüft und festgestellt, dass er in den letzten Tagen in diesem Gebiet gekreuzt ist. Dabei hat er aber nicht gefischt. Allerdings haben wir Sonarechos aufgefangen. Wir gehen davon aus, dass es sich um eines dieser umgebauten Schatzsucherschiffe gehandelt hat.«

»Gute Arbeit«, sagte Walters und war erleichtert. In der Regel interessierte sich niemand dafür, was mit solchen privaten Schiffen passierte. Und mit kubanischen Schatzsuchern schon gar nicht. »Was ist dann passiert?«, wollte er wissen.

»Nachdem das Schiff in die Weißwasserzone geraten war, ist es keine fünfzehn Minuten später vom Radar verschwunden.«

»Gesunken?«

»Vermutlich ja, Sir.«

»Notrufe?«

»Keine, Sir.«

»Gut, danke.« Walters erhob sich. Und dafür der ganze Aufstand, dachte er. Andererseits war es Teil des Protokolls. Glücklicherweise waren die Umstände so gelegen, dass er nicht weiter tätig werden musste. »Behalten Sie das Gebiet im Auge«, wies er den Unteroffizier an, »und melden Sie mir weitere Vorkommnisse, die damit in Zusammenhang stehen. Sie wissen, was Sie für einen Bericht zu schreiben haben?«

»Top Secret, Sir.«

»Gut. Wegtreten.«


Atlantik, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas


Als González die Wellen durchbrach, sog er gierig Luft ein, bevor er erneut unter Wasser gezogen wurde. Er wurde herumgewirbelt, unfähig, oben und unten zu unterscheiden. Um ihn herum war ein tobendes Chaos aus Luftblasen, Schaum und Wrackteilen. Als Einziger der Besatzung hatte er sich keine Schwimmweste angezogen, aber es hätte ihm auch wenig geholfen: Er würde im Strudel der Trümmer so lange mitgerissen werden, bis er ertrank. Etwas rammte ihn seitlich, und er griff danach. Es war rau und splittrig, ein großer Holzbalken oder etwas Ähnliches. Er krallte sich fest und zog den Kopf ein, als er zusammen mit dem Holzstück von einer Strömung erfasst wurde. Dann war er wieder an der Oberfläche und schnappte nach Luft. Für einen Augenblick meinte er die Juanita in der aufgewühlten See tanzen zu sehen, aber er täuschte sich. Er klammerte sich fester an das Holz und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um. Noch immer regnete es, und der Wind riss die Spitzen der Schaumkronen ab, aber der Sturm hatte schon deutlich nachgelassen, und auch das Meer beruhigte sich. Das unwirkliche Leuchten war verschwunden und mit ihm das weiße Brodeln. Über das Wasser trieben Tanginseln, aus denen hölzerne Überreste und anderer Unrat herausstanden. Von der Juanita war nirgendwo etwas zu sehen.

González entdeckte in einiger Entfernung eine größere Ansammlung von Treibgut. Er strampelte mit den Beinen, um sein Holzstück im Wasser zu wenden und manövrierte sich schließlich zu dem Haufen. Es waren mehrere ineinander verkeilte Balken, mit Seegras und Blasentang zu einem dichten Gespinst verwoben.

Er rettete sich auf das behelfsmäßige Floß. Es schwankte und verschob sich unter ihm, aber es hielt. Auf dem Bauch liegend begann er, die Konstruktion zu verbessern. Er zog lange Streifen hellbraunen und schwarzen Tangs zwischen den Ritzen hervor und verwob sie mit anderen. Er griff nach hölzernen Stangen und Resten von Brettern und schob sie so ineinander, dass sie sich noch fester verklemmten.

Er glaubte zu träumen, als er wieder etwas golden aufglänzen sah, genau so wie in dem Haufen, der auf das Heck der Juanita gespült worden war. González beugte sich vor und griff tief zwischen zwei Balken hindurch, um das goldene Objekt zu fassen, das fast vollständig unter der Wasserlinie zwischen den Trümmern hing. Es war eine schmale Platte, vielleicht dieselbe wie zuvor. Ein Prickeln durchlief ihn, als seine Finger ihre Oberfläche berührten. Diese Farbe! Fast meinte er, eine Wärme zu spüren, die von dem Gegenstand ausging. Er zog leicht an der Platte, doch sie schwang plötzlich nach unten. Sie war schwer! Er hielt sie nur noch mit drei Fingern, der Rest baumelte frei unter dem Floß und drohte jeden Augenblick in die Tiefe zu sinken.

Verzweifelt rutschte González in eine günstigere Position, um mit seinem anderen Arm ebenfalls durch die Lücke im Treibgut greifen zu können.

»González!«

Überrascht drehte er den Kopf. Einige Meter vom Floß entfernt schwamm ein Mann.

»González! Hilf mir!«

Es war Raul, der mit kraftlosen Bewegungen versuchte, sich über Wasser zu halten. Seine Schwimmweste war fort, er war erschöpft und offenbar verletzt.

González wandte sich dem Mann zu, soweit es sein zwischen den Balken hängender Arm erlaubte, und streckte den anderen Arm zu ihm aus. »Komm her! Nimm meine Hand!«

Rauls Kopf sank unter Wasser. Dann schlugen seine Arme noch einmal aus, und er kam wieder hoch. Seine Kraft reichte nicht mehr für sinnvolle Schwimmbewegungen. »Hilfe!«, brachte er hervor, bevor ihm eine Welle über den Kopf spülte.

González musste ihm helfen! Aber er konnte nicht weg! Er zog seinen versenkten Arm versuchsweise heraus, doch die goldene Platte stieß dabei gegen die Unterseite des Haufens und glitt ihm fast aus der Hand. Nur noch mit eisern zusammengepressten Fingerspitzen hielt er die Kostbarkeit.

»Nur noch ein paar Meter«, rief er verzweifelt über das Wasser und streckte sich noch weiter, um Raul mit dem anderen Arm zu erreichen. Aber es war viel zu weit.

Raul sah auf, hieb um sich, doch schon wieder schwappte eine Welle über seinen Kopf, und er versank erneut. Einen Augenblick später stieß noch einmal ein Arm an die Wasseroberfläche, dann verschwand auch er in der Tiefe.

»Nein!«, schrie González. In seinen Augen mischten sich Tränen mit dem Regenwasser, und zornig fluchte er in den Sturm. Dann drückte er sein Gesicht in den nassen Tang des Floßes. Er weinte und bebte, zunächst vor Trauer, dann immer stärker vor Wut. Er sammelte Kraft, und schließlich stieß er mit dem zweiten Arm in den Zwischenraum und hinunter zu der goldenen Platte. Er ergriff sie nun vollständig und zerrte mit wilder Entschlossenheit an ihr, bis er sie wenige Minuten später zwischen den Trümmern hindurch und an die Oberfläche gezogen hatte.

Er drehte sich erschöpft auf die Seite und legte den Schatz neben sich. Die Platte war aus Gold, ohne Frage. Und sie war beschriftet! Spiralförmige Muster, feine Linien wie Konstruktionszeichnungen und Piktogramme einer fremden Sprache bedeckten die Oberfläche. So etwas hatte er noch nie gesehen, aus keiner Zeit und von keiner Kultur, von der er je gehört hätte. Aber wo sie herkam, dort würde es noch mehr davon geben.

González stieß eine Faust in Richtung Meer. »Bei diesem Gold schwöre ich, dass ich wiederkommen werde! Ich werde dir deine Schätze entreißen und den Tod meines Bruders rächen! Raul, hörst du?! Ich komme wieder, und ich werde dich rächen!«

Загрузка...