Kapitel 10
AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Die Basis zeigte sich am Sonntagmorgen ähnlich ausgestorben wie jedes gewöhnliche Firmengelände. Nur eine Stammbesetzung an Wachleuten war dort sowie eine Handvoll Soldaten und zivile Angestellte, die keine Zeit oder kein Interesse hatten, am Wochenende zu ihren Familien zu fahren.
Die Gänge in Walters' Trakt waren menschenleer. Was für eine elende Zeitverschwendung, heute hier zu sein, dachte er. Er hatte bereits mit seiner Frau telefoniert. Sie wollte mit Sarah und zwei ihrer Freundinnen in einen Wasserpark fahren, während er zusehen musste, wie er sich den Tag um die Ohren schlagen würde. Walters erledigte seinen Job stets gewissenhaft, es gab keine liegengebliebenen Arbeiten, keine Ablage, nichts für ihn zu tun. Aber er musste anwesend und erreichbar sein. Und er sollte die beiden Schiffe kontaktieren und zum Abbruch ihrer Tätigkeiten aufrufen. Gestern Abend hatte er versucht, nicht weiter darüber nachzudenken, aber heute musste er tätig werden.
Er schaltete das Licht in der kleinen fensterlosen Kaffeeküche an und suchte die Filtertüten, etwas, um das er sich üblicherweise nicht selbst kümmern musste. Er zuckte mit den Schultern. Vielleicht tat ihm das auch mal ganz gut. Außerdem brachte er vielleicht selbst endlich mal einen besseren Kaffee zustande als die Kollegen. Nachdem er die Maschine vorbereitet und eingeschaltet hatte, entschloss er sich, zunächst joggen zu gehen, bevor er sich in sein Büro begeben und sich über erneute E-Mails ärgern würde.
Kurz darauf verließ er die Basis und nahm denselben Weg wie zwei Tage zuvor, entlang der Straße und dann hinunter zur Küste. Auf dem Pfad oberhalb des Wassers entdeckte er in einiger Entfernung die Silhouette des groß gewachsenen Mannes, den er auch am Freitag hier getroffen hatte. Walters, der an diesem Morgen eigentlich nicht in der Stimmung war, sich mit irgend]emandem zu unterhalten, stellte überrascht fest, dass es ihn nicht störte, im Gegenteil: Es machte ihn neugierig, den Mann tatsächlich wieder hier anzutreffen.
»Guten Morgen, Lieutenant Commander«, grüßte ihn der Weißbärtige.
Walters blieb stehen. »Guten Morgen... Sir?«
»Gabriel.«
Walters fragte sich, wie der Mann hierhergekommen war. Zu Fuß? Im Anzug? Hatte er ihn bewusst abgepasst? »Wohnen Sie auf Andros?«
»Nur zeitweilig. Ich war lange Jahre unterwegs, aber es zieht mich immer wieder hierher, ans Meer. Es erinnert mich an meine Jugend. Und daran, dass alles im Fluss ist.« Gabriel blickte hinaus aufs Wasser. Dann deutete er unbestimmt auf den Horizont. »Wenn Sie ganz genau hinsehen, werden Sie bemerken, dass Sie von hier aus sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft schauen können. Das Meer ist in ständiger Veränderung, niemals identisch und doch immer gleich. Es war bereits vor unserer Zeit hier und wird lange nach uns noch hier sein. Sie sehen es so, wie es schon zu Urzeiten ausgesehen hat und wie Ihre Urenkel es einmal sehen werden. Es kümmert sich nicht um uns und unsere kleinen Belange.«
Walters sah ebenfalls auf den Ozean, folgte dem Gedanken. Mit wenigen Worten hatte der Mann erneut etwas in ihm angerührt, als sei er in besonderer Weise erfahren im Umgang mit Worten. Walters sträubte sich, einem fremden Menschen auf diese Weise Gehör zu schenken, aber er konnte nicht umhin, zuzugeben, dass er Gabriel gegenüber trotz aller Skepsis zugleich eine eigentümliche Vertrautheit empfand. Es stimmte, der Ozean in seiner Weite und urtümlichen Kraft strahlte etwas Erhabenes aus.
»Im Grunde ein etwas deprimierender Gedanke«, hörte Walters sich sagen. »Man fühlt sich unbedeutend.«
»Ja. Zunächst ja. Aber wenn Sie es näher betrachten, kann es Sie größer machen.«
Walters dachte darüber nach, versuchte zu verstehen, was der Mann meinte, bemühte sich um einen anderen Blickwinkel. Doch es gelang ihm nicht. Das Meer, so viel größer als alles Land zusammen, so unergründlich wie der Mond, so unbeugsam, unbezähmbar und Jahrmillionen alt. Da stand er als kleiner Mensch an irgendeiner Küste, und seine Bedeutung war nicht größer als die eines Sandkorns.
»Sie werden sich der Bedeutungslosigkeit Ihrer selbst bewusst«, fuhr Gabriel fort, als Walters auch nach einer längeren Weile nichts sagte. »Das geht jedem so. Und es ist ein wichtiger Schritt. Denn in diesem Moment fällt alles von uns ab, was uns in der materiellen Welt verankert, um dessen Erhalt wir stetig kämpfen, dessen Verlust wir fürchten und betrauern. Wenn man erkennt, dass man selbst vor der Unendlichkeit keine Bedeutung hat, verliert auch alles andere seine Bedeutung. Die Kraft, die Sie aus diesem Gedanken ziehen können, ist die Kraft der Freiheit. Dinge an sich sind bedeutungslos. Es sind wir selbst, die ihnen Bedeutung geben. Wir entscheiden darüber, ob sie uns betrüben oder erfreuen, aber es sind keine Eigenschaften, die den Dingen innewohnen.« Der Hüne sprach langsam, mit kaum erhobener, aber deutlicher Stimme. »Wenn Sie einmal den Schritt gemacht haben und verstehen, dass jede Bedeutung eine Illusion ist, dann haben Sie den Schlüssel gefunden, um die Welt in sich neu zu schaffen, neu zu gestalten. Sie erleben Ursachen und Folgen, Leben und Tod, Freude und Leid als miteinander verbundene Teile eines Ganzen, Sie verstehen die Welt als Abbild der Wünsche aller Menschen, zum Teil verstärken sie sich, zum Teil sind sie unvereinbar, aber sie sind in einer steten Bewegung. Wie das Meer, das Sie nun nicht mehr mitreißt und herumwirbelt, sondern das Sie trägt, das Sie bewusst befahren und dessen ganze Schönheit Sie nun überschauen können.«
Der Weißbärtige beendete seine Ansprache, und Walters kam es so vor, als habe etwas seinen Geist durchgerüttelt. Die Rede des Mannes folgte einer Logik, der er nur knapp folgen konnte. Indem er einen Satz überdachte, schloss sich schon der nächste tiefgründige Gedanke an. Was waren das für merkwürdige Weisheiten, die der Alte da von sich gab? Wie weit war ihnen zu trauen, wo lagen ihre Fehlschlüsse, ihre Fallen?
Unvermittelt lachte Gabriel auf. »Ich weiß, das waren viele Worte auf einmal. Verzeihen Sie, wenn ich bisweilen ins Schwärmen gerate. Mir kommt es vor, als hätte ich ein ähnliches Gespräch erst gestern geführt... Aber Sie wissen vielleicht, wie es ist, man kommt herum, man macht sich Gedanken, man liest, man lernt, man wird älter, und eines Tages hört man, wie längst gestorbene Philosophen aus dem eigenen Mund sprechen.«
»Ehrlich gesagt«, meinte Walters, »habe ich diese Erfahrung bisher noch nicht gemacht.«
Gabriel lud Walters mit einer Geste ein, mit ihm gemeinsam den Weg weiterzugehen. »Nun, das wird vielleicht noch kommen«, sagte er dabei. »Sie sind deutlich jünger als ich und werden noch ausreichend Gelegenheit zum Philosophieren haben.«
»Ist es das, womit Sie Ihre Zeit verbringen, wenn Sie hierherkommen?«
»Zum Teil, ja. Um ehrlich zu sein, habe ich heute allerdings gehofft, dass ich Sie wieder hier antreffen würde.«
»Weshalb das? Auch das erste Treffen schien mir nicht zufällig gewesen zu sein.«
»In der Tat, das war es nicht. Ich wollte Sie kennenlernen und sehen, wer dieser Mann ist, der eine so wichtige Rolle in den kommenden Ereignissen spielen wird.«
»Wovon sprechen Sie?«
Gabriel schwieg einige Schritte. »Ich habe eine Aufzeichnung Ihrer Pressekonferenz gesehen«, sagte er dann. »Die Walstrandungen. Ich hatte das Gefühl, Sie fühlten sich nicht wohl in Ihrer Rolle.«
Und das nicht zum ersten Mal, fügte Walters in Gedanken hinzu. »Wie kommen Sie darauf?«, fragte er und sah Gabriel von der Seite an.
»Nennen Sie es eine Ahnung«, sagte dieser lächelnd, den Blick weiterhin auf den Weg vor ihnen geheftet. »Menschenkenntnis, wenn Sie so wollen.«
»Weshalb, denken Sie, sollte ich mich nicht wohlgefühlt haben? Ich hatte einen sehr guten Eindruck von den Antworten, die wir geben konnten.«
Nun blieb Gabriel stehen und sah Walters prüfend an. »Diese Tiere... Schnabelwale, richtig?... Sie wissen, woran sie gestorben sind, habe ich recht?«
»Nun...« Walters zögerte. »Wenn Sie die Konferenz gesehen haben, kennen Sie die Antwort.«
»Es steckt oft weniger in dem, was gesagt wird, als in dem, was nicht gesagt wird«, gab Gabriel zurück. »Mir ist allerdings aufgefallen, dass Sie zum Ende des Termins hin deutliche Worte gefunden haben. Sie sagten, Sie würden das LFAS unter Umständen nicht weiter einsetzen. Sie übernehmen Verantwortung.«
»Selbstverständlich!«
»O nein, das ist gemeinhin weit weniger selbstverständlich, als man wünschen würde. Zudem dies auch erst der Anfang ist. Denn sicher kennen Sie den Ausspruch: Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch...«
»... für das, was man nicht tut«, vollendete Walters den Satz. »Ich weiß. Sind Sie deswegen hergekommen? Um Andachtssprüche auszutauschen?«
»Ich mache mir Sorgen«, erklärte Gabriel.
»Über die Wale? Sind Sie von Greenpeace?«
»Ich bin nur eine Privatperson. Und es geht mir nicht um die Wale, nein. Ich mache mir Sorgen um die Forschungen draußen im Atlantik. Die Forschungen, die Sie stoppen sollen.«
Walters blieb stehen und schloss die Augen. Ganz offenbar war er an einen Spinner geraten oder an jemanden, der enge Kontakte zu Militär- oder Geheimbehörden hatte. Beides keine vergnügliche Aussicht.
»Sie fragen sich, woher ich das wissen kann«, sprach Gabriel weiter. »Oder ob ich einfach nur gut geraten habe.« Er machte eine Pause, bevor er fortfuhr. »Ich gehöre keiner Ihnen bekannten Behörde an, wie ich schon das letzte Mal sagte. Aber ich bin über alles informiert, was dort auf See geschieht, und ich weiß, dass Sie im Auftrag der NSA angewiesen wurden, die Untersuchungen der Europäer zu stoppen und auch das kubanische Schiff zurückzubeordern.«
Walters schwieg. Er war zu sehr vor den Kopf geschlagen, um sich einen Reim darauf zu machen, geschweige denn, einen passenden Kommentar dazu abzugeben. Sollte der Mann erst einmal erzählen, was er zu sagen hatte.
»Wie schon gesagt, bin ich nicht in der Position, um Ihnen Anweisungen zu geben. Ich denke auch nicht, dass Sie weitere Personen schätzen würden, die Ihnen vorschreiben, was Sie tun oder lassen sollen. Auch, dass Sie an einem Scheideweg stehen, sagte ich bereits. Oftmals erkennt man bedeutende Momente erst in der Nachbetrachtung. Jene Momente, an denen sich das Schicksal in besonderer Weise geballt hat, wo eine Entscheidung etwas bewirkt hat oder hätte bewirken können, das über das Maß der üblichen Wirkungen hinausgeht. Ich habe Sie aufgesucht, um Sie für diesen Moment vorzubereiten, Ihnen so viele Informationen wie möglich zu geben, damit Sie den Moment erkennen und ihn sinnvoll abwägen können. Eine Entscheidung allerdings kann und wird Ihnen schließlich niemand abnehmen.«
Walters stöhnte innerlich auf. Das tutorenhafte Geplauder und das stets Unspezifische des Mannes begannen, ihm auf die Nerven zu gehen.
»Wenn das so ist, ist es wohl nicht zu viel verlangt, dass Sie endlich sagen, um was es geht.«
»Ich gehe davon aus, dass Sie sich informiert haben, wer die Leute sind, die da draußen auf dem Ozean ihre Roboter in der Tiefe versenken und den Meeresboden kartografieren.«
Walters nickte.
»Dann wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Projektunterlagen, die Sie vom WHOI erhalten haben, verhältnismäßig allgemein gehalten sind.«
Walters nickte erneut. Tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, ob in den Papieren, die man ihm besorgt hatte, überhaupt eine detaillierte Projektbeschreibung enthalten gewesen war. Falls ja, hatte er sie jedenfalls nicht gelesen. In der Tat wusste er überhaupt nicht, was genau die Forscher dort suchten, außer irgendwelchen Ruinen.
»Wenn Forscher fast eine Million Dollar für eine Hightechuntersuchung ausgeben«, fuhr der Alte fort, »ohne zu erklären, wofür, und wenn sich dann ein Geheimdienst einschaltet, um das Projekt zu stoppen, dann liegt der Schluss nahe, dass das wahre Projektziel geheim bleiben soll. Also: Um was geht es tatsächlich? Ist es richtig, das Projekt zu beenden? Oder ist es falsch? Oder ist es egal? Als Soldat ist es Ihre Aufgabe, Befehle zu befolgen, nicht sie zu hinterfragen. Aber Sie sind nicht nur Soldat, Sie sind auch Stanley Walters, geboren in Boston, Ehemann, Vater, Mensch. Die Frage ist, ob der Mensch Walters die Verantwortung dafür übernehmen kann, was der Soldat Walters tut. Ich weiß, dass Sie sich diese Frage zunehmend stellen, sonst hätte ich Sie nicht aufgesucht. Nur lässt sich dies nicht mit geschlossenen Augen beantworten. Verstehen Sie, worum es geht? Verstehen Sie, was auf dem Spiel steht? Wie können Sie ohne dieses Wissen Verantwortung übernehmen?«
»Dann erzählen Sie mir doch einfach, um was es geht.«
»Die großen Lehrmeister der östlichen Lehren würden nun antworten: ›Ich kann Ihnen nur die Tür zeigen, hindurchschreiten müssen Sie allein‹.«
Walters wollte etwas erwidern, aber Gabriel hob eine Hand und sprach weiter. »Ich weiß, Sie möchten keine weiteren Belehrungen hören. Aber tatsächlich steckt in diesen uralten Überlieferungen eine große Weisheit, wie sie uns heute erst durch den Vergleich mit der Quantenphysik verständlich wurde: Heute wissen wir, dass es Dinge gibt, die wir nicht präzise messen können, da sie so empfindlich sind, dass unsere Methoden, sie zu messen, zugleich ihren Zustand ändern würden. Und genauso ist es hier: Indem ich Ihnen im Detail erzähle, um was es geht, füge ich diesem Sachverhalt etwas hinzu, verändere ihn. Für Sie würde sich mit meinen Worten Ihr Eindruck von mir mischen, was auch immer Sie von mir halten, von den Gründen, die ich haben könnte, Ihnen dies oder jenes zu erzählen – all dies würde Ihre Wahrnehmung verändern, und Sie könnten die Dinge nicht neutral sehen. Daher müssen Sie selbst auf die Suche gehen, selbst Antworten finden. Nur dann wird es zu einer Erfahrung, nur dann können sie vollkommen aus sich selbst heraus Entscheidungen treffen.«
Walters verdrehte die Augen. Etwas Ähnliches hatte er befürchtet. Leere Worte, und wahrscheinlich wusste der Alte selbst nicht, was Sache war. Außerdem....
»Also, wenn Sie schon extra meinetwegen hierherkommen«, sagte er, »dann muss Ihnen die Sache doch wichtig sein. Dann kann es Ihnen doch nicht egal sein, wie ich entscheide.«
Gabriel nickte lächelnd. »Sie haben ganz recht. Aber ein Fluss lässt sich nicht aufhalten. Man kann nur ausreichend Steine hineinwerfen, um seinen Weg zu verändern.«
»Was soll das nun wieder heißen?«
»Es heißt, dass Sie Ihre Entscheidung alleine treffen müssen.«
»Jetzt bin ich genauso schlau wie zuvor.«
»Keineswegs«, antwortete Gabriel, »keineswegs.«
An Bord der Argo
»Es gibt ein Problem, Gentlemen«, sagte der Kapitän, trat zu Peter und Patrick und legte zwei ausgedruckte Seiten vor sie auf den Frühstückstisch.
Schiffscontainer statt Ruinen
Atlantis-Forscher finden Müll
So titelte die Online-Ausgabe des Miami Herald. Zwei Fotos bebilderten den Artikel. Eines zeigte die Argo, offenbar ein Archivbild, das andere war eine Unterwasseraufnahme, auf der einige der schwarzen Blöcke zu sehen waren, die Jason gefilmt hatte.
»Das darf doch nicht wahr sein!«, rief Patrick aus. »Wie kommt dieses Bild in die Zeitung?! Das kann ja wohl nur auf das Konto dieser Reporterin gehen!«
»Fragen wir sie doch einfach«, sagte Peter und deutete zur Tür, wo Kathleen gerade auftauchte.
»Guten Morgen«, grüßte sie die Männer.
»Können Sie sich das erklären?«, forderte Patrick und schlug mit der flachen Hand auf die Ausdrucke.
Kathleen überflog die Zeilen. »Ich... ich weiß nicht, was ich sagen soll. Damit habe ich nichts zu tun!«
»Auf irgendeine Weise sind die Bilder von Jason an die Medien gelangt«, sagte John.
»Ich habe keine Bilder weitergegeben!«, entrüstete sich die Journalistin. »Peter, Sie haben meine Pressemitteilung doch gelesen. Was könnte ich mit einer solchen Kampagne auch bezwecken?«
»Haben Sie das gelesen?«, fragte Patrick und deutete auf einige Zeilen des Textes. »Wer das geschrieben hat, weiß nicht nur genau, was wir bisher unternommen haben, er kennt auch unsere Position.«
Peter nickte. »Und macht uns zum Gespött...«
»Es muss jemand hier an Bord sein, niemand sonst wüsste so genau Bescheid. Vielleicht auch jemand aus Ihrer Crew, John.«
»Das sind harte Anschuldigungen«, gab der Kapitän zurück. »Ich verbitte mir diese Unterstellungen!«
»Dennoch muss ich Patrick beipflichten«, sagte Peter. »Die Quelle ist mit Sicherheit auf diesem Schiff zu suchen.«
»Ich bin genauso schockiert wie Sie«, erklärte Kathleen, »das müssen Sie mir glauben!«
»Es gibt nur einen Weg, wie diese Bilder das Schiff verlassen haben können«, sagte Patrick. »Und zwar über das Computernetzwerk. Über die Logs der Server und Ihrer Firewall sollte sich herausfinden lassen, welche externe Kommunikation gestern stattgefunden hat. Sie haben doch eine Firewall, John?«
»Ja, natürlich...« Der Kapitän nickte zögerlich. »Ich werde alles Nötige veranlassen. Sollte jemand auf diesem Schiff gegen die Verschwiegenheitsvereinbarungen verstoßen haben, müssen wir ihn sofort identifizieren, bevor noch mehr Schaden angerichtet wird.«
»Kann ich Sie dabei unterstützen?«, fragte Patrick.
John winkte ab. »Nein, auf keinen Fall, danke. Das bekommen wir selbst in den Griff.«
»Und Ihre Pressemitteilung?«, fragte der Franzose nun an Kathleen gerichtet. »Haben Sie damit wenigstens irgendetwas erreicht?«
»Nun ja... von einer Veröffentlichung unserer Meldung habe ich nichts im Internet gefunden. Aber sie war natürlich auch erheblich weniger aufregend als dieser Beitrag hier.« Sie deutete auf die Ausdrucke. »Allerdings habe ich eine Anfrage für ein Interview bekommen. Von einem Radiosender, Coast to Coast AM.«
»Diese Leute haben mir in Nassau eine Visitenkarte in die Hand gedrückt«, erinnerte sich Peter.
»Wenn wir anfangen, Interviews zu geben«, erklärte Kathleen, »können wir diesen Stimmen, die Sie lächerlich machen möchten, etwas entgegensetzen.«
»Dann müssen wir aber auch Substanz bieten«, sagte Patrick. »Wir können nicht alle Fragen nur mit heißer Luft beantworten. Ich halte es für ein bisschen zu früh, um sich auf so etwas einzulassen. Und sonderlich viel gebe ich auf die Wirkung dieses Artikels hier ohnehin nicht. Was die da draußen plappern, ist mir herzlich egal. Viel problematischer ist die Tatsache, dass da jemand an unsere Daten gekommen ist.«
»Dem stimme ich zu«, sagte Peter. »Ich schlage vor, wir ignorieren den Artikel. Außerdem lehnen wir die Interviewanfrage ab. Kathleen, es wäre schön, wenn Sie bei nächstbester Gelegenheit eine erneute Pressemitteilung verfassen. Um zu demonstrieren, dass wir vorankommen und dass wir nichts verheimlichen. John, Sie versuchen, in der externen Kommunikation von gestern etwas Verdächtiges zu finden, soweit das möglich ist.«
»Ich werde sofort alles veranlassen«, sagte der Kapitän. »Wir verschieben die Untersuchung der Scans aus der Nacht um eine halbe Stunde.« Damit stand er auf und verließ den Raum.
Kathleen setzte sich nun zu ihnen an den Tisch, nahm ihre Brille ab und faltete sie zusammen. »Ich weiß, dass Sie mir nicht trauen, Patrick.« Dabei sah sie den Franzosen mit schief gelegtem Kopf an, doch der erwiderte ihren Blick nur starr und mit verzogenem Mund.
»Ich wünschte«, sagte sie nach einer Weile, »ich könnte Ihnen beweisen, dass ich vollkommen auf Ihrer Seite stehe und Ihnen helfen möchte. Dass ich nichts mit diesem Vorfall zu tun habe.«
Patrick sagte noch immer nichts.
»Ich kann Sie ja verstehen«, setzte sie noch einmal an. »Ich würde an Ihrer Stelle genauso denken.«
Ein kurzes, bewusst künstliches Grinsen war alles, was sie als Reaktion erhielt.
Es war Peter, der das Schweigen schließlich brach. »Nun kümmern wir uns ja bereits um eine Aufklärung, Miss Denver ...«
»Kathleen«, korrigierte sie lächelnd.
»...in der Zwischenzeit fahren wir mit unserer Arbeit fort. In dubio pro reo.«
»Das ist lieb von Ihnen, Peter«, sagte sie und legte eine Hand auf den Unterarm des Professors. »Ich weiß das sehr zu schätzen.«
»Okay, das reicht«, sagte Patrick und erhob sich. »Ich haue ab. Peter, wir sehen uns nachher bei den Scans.« Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ er die beiden allein.
»Wie halten Sie die Arbeit mit ihm aus?«
»Sie täuschen sich, wenn Sie erwarten, dass ich abfällig über meinen Kollegen sprechen würde. Ich schätze ihn sehr, und seine Hilfe war stets unbezahlbar.«
»Davon bin ich überzeugt. Peter, ich wollte damit wirklich nichts Schlechtes suggeriert haben. Vielleicht liegt es auch an mir. Vielleicht habe ich etwas an mir, das ihn reizt.«
»Nun, die Hauptsache ist, dass jeder von uns seine Arbeit macht. Persönliche Differenzen sind unschön, dürfen aber unser Urteilsvermögen und unsere Tatkraft nicht trüben. Vielleicht können Sie die nächste halbe Stunde nutzen, um eine erneute Pressemitteilung zu entwerfen.«
Kathleen lächelte den Professor an. »Ich bewundere ihre Zielstrebigkeit, Peter.« Dann setzte sie ihre Brille wieder auf. »Nun, sagen Sie mir, wie viel wir der Presse geben möchten.«
»Ohne auf den heutigen Boulevard-Artikel einzugehen, sollten wir eine indirekte Antwort darauf verfassen. Wir könnten selbst ebenfalls ein Bild der Klötze liefern, möglichst eines von besserer Qualität. Dazu ein paar ganz sachliche Daten, wie zum Beispiel die Abmessungen und einige der Punkte, die die Klötze mysteriös machen, aber ohne, dass wir selbst darüber spekulieren. Die Leser sollen erkennen können, dass es auf keinen Fall Container oder andere moderne Zivilisationsreste sein können. Man soll ahnen können, dass die Blöcke tatsächlich unerklärlich sind, ihre Lage, ihr Material und so weiter. Aber es muss eine wissenschaftlich präzise Beschreibung sein ohne jegliche Vermutung.«
»Sie haben recht konkrete Vorstellungen... Es wird nicht leicht sein, das so umzusetzen.«
Peter setzte zu einem leichten Lächeln an. »Daher bin ich auch dafür dankbar, dass wir Sie an Bord haben.«
»Aber mal off the record: Was denken Sie denn selbst über diese Dinger? Glauben Sie, sie stammen von Atlantis?«
»Ich spekuliere nur ungern...«
»Natürlich, aber wenn? Wenn Sie spekulieren würden?«
»Trüge ich nicht die Hoffnung, dass wir den untergegangenen Kontinent tatsächlich finden könnten, wäre ich nicht hier.«
Kathleen seufzte. »Ja, ich weiß. Aber ich würde es gerne einmal von Ihnen hören. Was stellen Sie sich in den kühnen Träumen vor? Was haben wir da gefunden? Was werden wir noch finden?«
»Also, ich weiß wirklich nicht, was Sie... nun gut, ja, warum nicht, vielleicht sind es Reste einer atlantischen Kultur. Ich habe aber keine Vorstellung, was es sein könnte. Vielleicht sind es Behälter einer unbekannten Art. Vielleicht sind es Baumaterialien, so etwas wie Steine aus einer Mauer oder einer anderen Anlage. Ich weiß nicht einmal, was für Teile einer im Meer versunkenen Kultur sich überhaupt noch finden lassen. Atlantis soll ja eine gewaltige Ausdehnung gehabt haben. Im Grunde müsste fast der halbe Meeresboden von hier bis zu den Azoren ein einziges untergegangenes Land sein. Was wir hier, an dieser Stelle suchen, sind Reste der möglichen Hauptstadt. Aber eine so große Inselgruppe wie Atlantis versinkt ja nicht einfach wie ein Schiff. Eine Insel reicht bis auf den Meeresboden. Sicher, zur letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel tiefer. Aber ob er fünfzig oder hundert oder zweihundert Meter tiefer lag als heute, ist hier nicht relevant. Wir reden an dieser Stelle ja von dreieinhalbtausend Metern. Und eine Insel fährt nicht einfach wie ein Fahrstuhl hinab in diese Tiefe. Wenn hier etwas versunken ist, muss es nachhaltig vernichtet worden sein. Nicht nur oberflächlich.« Peter nahm eine Gabel und kratzte eine grobe Zeichnung auf das gestärkte Tischtuch. »Eine Theorie besagt, dass es unterseeische Plattenbewegungen gegeben haben könnte, vielleicht ausgelöst durch eine gigantische Katastrophe, wie einen Asteroiden-Einschlag. Schockwellen breiten sich in der Erde aus, die Erdkruste am Meeresboden reißt an den Plattenkanten auf, alles verschiebt sich. Stellen Sie sich einen zugefrorenen See vor, in dessen Wasser eine Bombe explodiert. Alles zerbricht in einzelne Eisschollen. Nun schieben Sie den See ein bisschen zusammen: Einige Eisschollen werden dabei unter die anderen geschoben. So ähnlich hätte – jedenfalls dieser Theorie zufolge – eine Platte der Erdkruste nach unten geschoben werden können. Nach Feuer, das vom Himmel fällt, Erdbeben und Flutwellen, wird auf diese Weise eine Inselkette unter Wasser gesogen, verschwindet in unerreichbarer Tiefe.«
»Faszinierend...«
»Ehrlich gesagt, muss man sich reichlich anstrengen, um sich so ein Szenario auszumalen. Und ob man es sinnvoll berechnen kann, also die notwendige Einschlagskraft, die Stärke der ausgelösten Beben, die Höhe der Tsunami-Wellen, die Masse des in die Atmosphäre geschleuderten Materials, die Effekte auf das Klima und so weiter, das weiß ich nicht. Vielleicht wäre eine Katastrophe, die einen so starken Effekt bewirken würde, gar nicht möglich, ohne alles Leben für die nächsten Milliarden Jahre zu vernichten oder den Planeten in zwei Hälften zu sprengen. Ich bin weder Physiker, Geologe noch Klimatologe. Es ist nur eine Theorie.« Er lehnte sich zurück. »Tatsache ist, auch Platons zweite Hälfte des Kritias-Dialogs erklärt uns nicht, wie genau die Insel versunken ist. Was vermutlich allein daran liegt, dass man es damals selbst mit präzisen Augenzeugenberichten – die es zu diesem Zeitpunkt ja nicht mehr gab – nicht hätte erklären können.«.
»Wäre das nicht ein viel einfacherer Weg gewesen, Atlantis zu suchen? Zu beweisen, dass diese Landmasse niemals hätte im Meer versinken können? Dann wäre doch klar, dass es auch Atlantis nicht gegeben haben kann?«
Peter nickte. »Sie haben ganz recht. Und genau das wurde von denjenigen praktiziert, die nicht an Atlantis glauben wollten. Jahrhunderte, nun, Jahrtausende eigentlich, haben die Skeptiker versucht zu beweisen, weshalb Atlantis nie hätte existieren können. Weil das Alter nicht stimmen kann oder die Größe oder die Lage oder der Untergang... Ist das nicht interessant? Die Ungläubigen haben sich Mühe gegeben, die Nichtexistenz zu beweisen, ganz so, als ob ihnen viel daran gelegen wäre.«
»Das alles hat Sie nicht aufgehalten?«
»Platons Bericht ist zwar unwahrscheinlich, und Teile davon sind auch ganz offenbar fiktiv. Aber dadurch ist nicht automatisch die gesamte Geschichte nichtig. Es gibt bisher keine Beweise für oder gegen eine solche Kultur. Daher lohnt es sich in meinen Augen, sich damit zu beschäftigen. Ich spekuliere ungern, wie ich eingangs sagte, aber ich verwerfe auch nicht gern jeden Gedanken, bloß, weil es keine einfache Lösung zu geben scheint. Ich ziehe es vor, alles im Bereich des Möglichen zu sehen, bis es gesicherte Fakten gibt.«
»Für eine bloße Möglichkeit scheint mir dieses Unternehmen aber reichlich aufwendig. Und teuer.«
»In der Tat. Aber in den letzten Jahren haben sich so viele Puzzleteile für mich zusammengefügt, dass es mir gerechtfertigt erscheint.«
»Dennoch sind es Indizien, keine Fakten... habe ich nicht recht?«
»Sie scheinen mir reichlich neugierig. Wird das ein Kreuzverhör, das Sie für Ihre Dokumentation verwenden möchten?«
Kathleen lachte. »Nein! Nein, keine Sorge. Ich möchte nur verstehen, wie Sie denken, was Sie glauben... Glauben Sie wirklich, dass es eine Kultur gegeben haben könnte, die so alt ist? Die andere Kulturen befruchtet hat?«
»Ich glaube nicht, dass es so war, aber ich kann mir vorstellen, dass es so gewesen sein mag.«
»Das gefällt mir an Ihnen! Dass Sie Dinge nicht kategorisch ablehnen... Es lässt Raum für viele Möglichkeiten, viele Antworten. Vielleicht sogar solche, die Ihnen jetzt noch völlig undenkbar scheinen.«
Peter sah die Frau einen Moment lang prüfend an. »Haben Sie da etwas Bestimmtes im Sinn?«
»Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie nicht auf der Spur eines regelrechten Schöpfers sind? Dass nicht nur unsere Kultur, sondern auch das Leben selbst geschaffen worden ist?«
»Kathleen, wir reden hier über Zeiträume von einigen zehntausend Jahren. Nicht über Jahrmillionen oder den Urknall.«
»Wissen Sie denn, was Sie am Ende Ihrer Suche erwartet?«
Peter kniff die Augen zusammen. »Ich habe nicht vor, mich auf dieses hochspekulative Gebiet vorzuwagen.«
Kathleen winkte ab. »Sicher. Es war auch nur eine Frage.« Sie stand auf. »Wie auch immer, ich werde mich also um die nächste Pressemeldung kümmern.«
Sie trafen sich im Labor. John saß bereits vor dem Rechner und rief die Daten auf, die Sentry in der Nacht gesammelt hatte. Beim flüchtigen Durchgehen auf niedrigster Zoomstufe war bereits zu erkennen, dass der Scan dieses Mal ohne Störungen abgelaufen war, die Sonde funktionierte einwandfrei.
Der Kapitän vergrößerte den Bereich in der Nähe der schwarzen Blöcke. Nun war zu erkennen, dass es sich um ein Trümmerfeld ungeheuren Ausmaßes handelte, das sich offenbar auch noch über den kartografierten Bereich hinaus erstreckte. Besonders interessierte sie jene Stelle, die unter dem Kameraauge von Jason nur als schwarze Fläche erschienen war. John bewegte den Bildausschnitt dorthin.
»Genau wie ich vermutete hatte«, sagte Patrick. Die Sensoren von Sentry maßen hier ein Profil, so spiegelglatt wie ein Fußboden aus poliertem Marmor. »Das kann unmöglich natürlichen Ursprungs sein. Sehen Sie die Zahlen? Nicht ein Zentimeter Abweichung im gesamten Bereich. Ich sage Ihnen: Das ist kein fester Boden. Das ist nur eine Trennschicht. Eine Flüssigkeit anderer Dichte, eine Strahlung oder was auch immer. Perfekt horizontal und vollkommen eben.«
»Es gibt natürliche Trennschichten in der Tiefsee«, erklärte John. »Wasser mit höherem Salzgehalt, höherer Dichte, anderer Temperatur. Wir haben schon Effekte beobachtet, die wie Pfützen, Flüsse oder ganze Seen aussahen, die auf dem Meeresboden liegen. Aber erstens bewegen sie sich, und zweitens sind sie nicht schwarz!«
»Ja«, stimmte Patrick zu, »und deswegen ist das hier künstlich erzeugt.«
»Ich bitte Sie!«, sagte John. »Wer oder was sollte in dieser Tiefe etwas erzeugen? Es gibt weltweit nur eine Handvoll russische und japanische Boote, die überhaupt in diese Tiefe vordringen können.«
»Wie Patrick schon erwähnte«, warf Peter nun ein, »kennen wir ähnliche Phänomene aus unseren letzten Projekten. Bisher haben wir noch keine wissenschaftliche Erklärung dafür, aber Tatsache ist, dass wir schon andere Energiefelder mit mysteriösen Eigenschaften gefunden haben, die allem Anschein nach deutlich älter waren als alle uns bisher bekannten Kulturen. Diese Fläche hier passt in das bisherige Bild. Ich stimme Patrick zu: Allem Widersinn zum Trotz handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine künstliche Barriere, die etwas tiefer Liegendes verbirgt.«
John schüttelte seufzend den Kopf. »Und was wollen Sie damit sagen?«
»Wir müssen hinunter«, antwortete Patrick. »Mit Jason. Wir müssen versuchen, die Schicht zu durchqueren, und feststellen, was darunter liegt. Es ist die einzige Möglichkeit.«
»Ich kann mein Equipment nicht riskieren. Sie haben keine Vorstellung davon, wie teuer die Entwicklung von Jason war.«
»Es wird schon nichts passieren«, sagte Patrick. »Wenn Sie möchten, dass wir Garantien unterzeichnen, gerne. Aber wir haben nicht endlos viel Zeit. Nun sind wir schon hier, haben erste Artefakte gefunden, also müssen wir auch weitermachen, oder wir können das ganze Projekt abblasen.«
Peter stand auf und legte dem Kapitän in ungewohnt eindringlicher Weise eine Hand auf die Schulter. »Er hat recht, John. Wir stehen vor einer bahnbrechenden Entdeckung. Mit der wissenschaftlichen Analyse dessen, was auf uns wartet, werden wir so viel Aufsehen erregen, dass Sie vermutlich zehn neue Roboter gesponsert bekommen könnten.«
John atmete tief ein. Dann nickte er. »Gut. Schicken wir Jason runter.«
»Ihnen ist klar, dass die Schwelle möglicherweise problematisch wird«, sagte Peter zu dem Franzosen, als sie kurz darauf alleine waren. »Wenn ich Sie an die Höhle im Languedoc erinnern darf...«
»Ich weiß«, sagte Patrick. »Aber wir wissen ja nicht, ob sich diese Schwelle hier ebenso verhält.«
»In Frankreich war die Schwärze undurchdringlich für Strahlen. Und Elektrizität!«
»Ja, aber dort war es anders. Dort wurde alles verschluckt.
Hier aber reflektiert die schwarze Schicht immerhin das Sonar. Sie ist also andersgeartet.«
»In der Höhle mussten wir unsere Sonde am Kabel zurückziehen, weil sie hinter der Schwelle jeden Kontakt verlor«, erinnerte Peter. »Stellen Sie sich vor, was mit Jason passieren könnte, wenn er hier in ähnlicher Weise unkontrollierbar wird!«
»Ja doch«, gab Patrick mit zusammengebissenen Zähnen zurück. »Aber es ist ein Risiko, das wir eingehen müssen.«
»Wir sollten John davon informieren.«
»Eine wunderbare Idee. Es gäbe keinen schnelleren Weg, alles abzubrechen.«
Peter antwortete nicht.
Die Meldung, dass Jason den Boden des Ozeans erreicht hatte, kam, während sie beim Mittagessen saßen.
Patrick, ganz entgegen seiner üblichen Leidenschaft für ausgedehnte Mahlzeiten, sprang geradezu von seinem Stuhl auf. »Los geht's, Kollegen!«
Wenige Minuten später trafen sie im Kontrollraum des ferngesteuerten Roboters zusammen. Dick saß bereits vor der Steuerkonsole.
»Sind alle Geräte online, schneiden wir alles mit?«, fragte Patrick.
»Es ist alles vorbereitet«, gab der Pilot zurück.
Patrick warf einen Blick auf den Monitor, der mit den nun vollständigen Daten des Bodenprofilscans gefüttert war. Jason befand sich nur knapp zehn Meter von der schwarzen Fläche entfernt. Sie setzten sich. Auch Kathleen, die ihre Ausrüstung dieses Mal nicht dabeihatte, nahm sich einen Stuhl, und dann gab Patrick Anweisungen, den Roboter in Bewegung zu setzen.
Der Boden glitt sanft unter ihnen hinweg. Schnell hatten sie den Sandboden überquert und stießen an die Grenze, wo sich die nachtschwarze Schicht ausbreitete. Dick hielt den Roboter an und sah Peter und Patrick erwartungsvoll an.
»Wenn unsere Vermutungen zutreffen«, sagte Patrick, »dann ist diese schwarze Schicht substanzlos, erzeugt durch eine Art unbekannter Strahlen. Darunter befindet sich einfach nur weiteres Wasser. Der Boden macht mir allerdings an dieser Stelle nicht den Eindruck, als würde er hier plötzlich steil abfallen. Ich würde also vorschlagen, dass wir Jason noch ein gutes Stück weiter nach vorn schicken, fünfzig oder hundert Meter, vielleicht mehr. Und dort senken wir ihn langsam ab.«
»Absenken?!«, fragte Dick. »In das schwarze Zeug?«
»Es ist kein Zeug«, korrigierte Patrick. »Es ist einfach nur Wasser. Vertrauen Sie mir.«
Dick sah unentschlossen zum Kapitän, der ihm schweigend zunickte.
Dick drehte sich wieder seinen Anzeigen zu und bediente die Steuerknüppel. Jason fuhr weiter, und einen Augenblick später umgab sie die Dunkelheit, als das Kameraauge des Roboters keine Daten mehr empfing. Lediglich die Messwerte der Position und der Höhe ermöglichten ihnen eine Orientierung. Es ging nur langsam voran, da Dick nicht wagte, mit vollem Schub zu fahren. Der minutenlange Blindflug war nur schwer erträglich und machte ihnen ihre vollkommene Hilflosigkeit deutlich. Nur Dick war in der Lage, den Roboter auf einem geraden Kurs zu navigieren, ohne sich von der fehlenden Optik irritieren zu lassen.
Endlich sagte er: »Wir sind da, hundert Meter von der Schwelle entfernt. Ist das weit genug?«
Patrick zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt wissen wir es nicht. Diese Stelle könnte genauso gut oder schlecht sein wie jede andere.«
»Spekulation hilft uns hier nicht weiter«, sagte Peter entschlossen. »Wir können es nur ausprobieren.«
»Senken Sie ihn ab«, wies John den Piloten an.
Dick bediente die Geräte mit den Fingerspitzen.
Da auf dem Monitor nur Dunkelheit zu sehen war, richteten sich alle Augen auf die Datenanzeige. Temperatur 4,2°C, Tiefe 3512,4 Meter, Entfernung zum Boden 1,7 Meter.
Quälend langsam verringerte sich die letzte Zahl.
»Ich neige die Scheinwerfer und die Kamera so gut es geht nach unten«, erklärte Dick. Eine Veränderung am Bild war nicht zu erkennen. Nur die gemessene Tiefe, die langsam zunahm.
»Fünfzig Zentimeter über dem Boden«, sagte er. »Noch wenige Handbreit, dann setzen wir auf.«
»Wir setzen nicht auf«, sagte Patrick. »Machen Sie weiter.«
»Tun Sie, was er sagt«, bestätigte John.
Die Anzeige veränderte sich weiter.
Vierzig Zentimeter über dem Boden, dann fünfunddreißig.
»Jetzt müssten wir den Grund berühren...«, sagte der Pilot halblaut. Doch noch immer bediente er Jasons Fernsteuerung.
Dreißig Zentimeter. Fünfundzwanzig. Zwanzig.
»Ich verstehe das nicht... wir scheinen einzusinken. Jasons Kufen müssten längst aufsitzen.«
Fünfzehn.
Zehn.
Fünf.
Jasons Kamera zeigte weiterhin Schwärze.
Dann erreichte die Tiefenanzeige ihren Maximalwert. Eine Tiefe von 3514,1 Metern. Die Höhe über dem Boden zeigte 0,0 Meter.
»Wir sind da«, sagte Dick. Seine Stimme war nur ein Hauch in der atemlosen Stille des Kontrollraums.
»Noch lange nicht...«, sagte Patrick. »Gehen Sie tiefer.«
»Wir sind auf dem Boden! Es gibt kein Tiefer.«
»Glauben Sie mir.«
John legte seine Hand auf die Schulter der Piloten. »Versuchen Sie's.«
Widerwillig bediente Dick erneut die Regler. Jason setzte sich in Bewegung. Die Messwerte änderten sich.
»Was zum Henker...!«
Die Geräte meldeten nur noch eine Tiefe von 0,0 Metern. Der Wert für die Höhe über dem Boden war verschwunden, stattdessen stand dort E 99999.9.
Dicks Finger huschten über die Tastatur und riefen eine Kommandozeile auf dem Monitor hervor, in die er einige hektische Befehle eintippte, woraufhin eine Liste unverständlicher Begriffe und Werte über den Bildschirm raste.
»Es muss eine Fehlfunktion sein!«, rief der Pilot. »Der Tiefenmesser und das Sonar sind ausgefallen... Wir bekommen keine Werte mehr!« Seine Hände zuckten zwischen Tasten, Knöpfen und Reglern hin und her. »Ich habe Jason gestoppt... Merkwürdig, das Selbstdiagnose-System meldet keine Probleme ...«
»Weil es keine gibt«, sagte Patrick mit ruhiger Stimme. »Wir bekommen keine Daten, weil die schwarze Schicht alles verschluckt. Das ist völlig normal.«
»Normal?!«
»Sagen wir: Ich hatte es erwartet.« Patrick grinste. »Wir müssen noch etwas tiefer. Die Schicht durchdringen.«
John nickte.
Dick griff kopfschüttelnd zum Steuerknüppel. Es war ihm anzumerken, wie unwohl er sich dabei fühlte.
»Okay..,«, erklärte er zögernd, »er hat jetzt wieder Abtrieb und sinkt. Und die Heckpropeller laufen, er hat also ein bisschen Schub nach vorn. Jedenfalls sollte er das haben...« Er deutete auf die unveränderte Anzeige auf dem Monitor. »An den Werten hier kann ich es allerdings nicht ablesen.«
»Warten Sie einen Moment...«, sagte Patrick.
Und plötzlich flammte der schwarze Bildschirm regelrecht auf. Was sie sahen, widersprach jeder Erwartung.
Der Tiefenmesser zählte langsam von null aufwärts, ganz so, als hätte der Roboter gerade erst die Wasseroberfläche durchbrochen. Die Entfernung zum Boden gaben die Geräte mit 57,2. Metern an. Das Erstaunlichste jedoch war, was die Kamera einfing. Statt der bisherigen absoluten Dunkelheit eröffnete sich unter ihnen das Panorama einer Unterwasserwelt, wie man sie beim Schnorcheln hätte sehen können. Lebewesen gab es keine, aber zerklüftete Felsformationen, die in ein dahingleitendes, violett-blaues Licht getaucht waren und sich in der Tiefe verloren.
»Anhalten!«, rief Patrick. »Halten Sie Jason an.«
Dick folgte den Anweisungen, und der Roboter verharrte.
»Es klappt«, bemerkte Peter mit einem Flüstern, das nur Patrick verstand. Der Franzose nickte ihm erleichtert zu. Die Gefahr, dass die Schwelle die Kommunikation mit dem Gerät unterbrechen würde, war gebannt.
»Gut...«, sagte Patrick. »Nun richten Sie ihn so, dass wir nach oben sehen können, zur schwarzen Decke, durch die wir gerade gekommen sind.«
Langsam neigten sich der Roboter und dessen Kamera.
Doch statt einer schwarzen Fläche kam eine leuchtende Ebene über ihnen ins Bild, die sich wie ein unwirklicher Himmel durch das Wasser zog.
»Die Trennschicht!«, sagte Patrick. »Sehen Sie sich das an, Peter. Sie wirkt nach beiden Seiten unterschiedlich!«
»Äußerst faszinierend«, gab der Professor halblaut zurück.
»So etwas habe ich noch nie gesehen!«, sagte John und rückte ein Stück nach vorn. »Was ist das?«
»Das kann alles überhaupt nicht sein!«, sagte Dick. »Die Tiefe wird über den Außendruck gemessen. Wenn die Daten stimmen, dann herrscht hier plötzlich nur noch ein Druck wie kurz unter der Wasseroberfläche. Wie soll das funktionieren?!«
»Vielleicht ist es ein gigantisches Kraftfeld«, sagte Patrick.
»Ein Kraftfeld?!«
»Wir wissen nicht, wie dieser Effekt erzeugt wird«, sagte Peter. »Aber die Kultur, die wir suchen, verfügte offenbar über eine Technologie, die uns bisher unbekannt ist.«
»Das ist unglaublich...«, murmelte Kathleen.
»Können Sie Jason wieder nach unten richten?«, fragte Patrick. »Ich will sehen, was da unten ist!«
Langsam wanderte das Auge der Kamera nach unten. Jason sank hinab und drehte sich dabei langsam um die eigene Achse. Die surreale Landschaft aus Felsnadeln, Terrassen und Abhängen breitete sich nach allen Seiten hin aus. An einigen Stellen ragten die Felsen fast bis zur Trennschicht auf, an anderen lag der Boden in unergründlicher Tiefe.
»Da haben wir uns eine passende Lücke zum Abtauchen ausgesucht«, sagte Patrick.
»Das Gebiet ist sehr unübersichtlich«, meinte Peter. »Als wäre man mitten im Gebirge.«
»Ja«, sagte Patrick. »Eigentlich müssten wir erst mal Sentry hier runterschicken, um es zu kartografieren. Sonst haben wir keine Chance, hier etwas zu finden.«
»Trotzdem sollten wir noch einmal tiefer gehen«, sagte Peter.
»Was denn, um Steine anzugucken?«
»Selbst wenn es nur das wäre, ja!«, sagte der Professor. »Sind Sie nicht genauso aufgeregt wie ich? Wir sind vermutlich die ersten Menschen seit Zehntausenden von Jahren, die das hier sehen, vielleicht die ersten Menschen überhaupt! Es ist eine Expedition in eine fremde Welt, und wir sind mit einer Kamera dabei. Das müssen wir doch ausnutzen!«
»Das sehe ich auch so«, warf Kathleen ein. »Wir sollten uns noch ein wenig umsehen, solange wir können.«
»Ich verstehe Ihren Wunsch«, sagte der Kapitän. »Aber in diesem Gebiet können wir nur sehr behutsam navigieren. Und vor allen Dingen können wir nicht sehr tief gehen. Das Risiko, dass die Kabel an den Felsen hängen bleiben, ist zu groß, wenn wir die Umgebung nicht genau kennen.«
»Dick passt schon auf«, sagte Patrick. »Richtig?«
»Ich werde mein Bestes geben«, gab der Pilot zurück.
Jason senkte sich weiter ab. Nach zehn Metern erreichte er einen Felsen, auf den er seine Scheinwerfer richtete und an dessen Wand er sich mit einigem Abstand weiter nach unten bewegte.
»Keine Ablagerungen«, bemerkte Patrick.
»Es sieht ganz anders aus als jeder Meeresboden, den ich bisher zu Gesicht bekommen habe«, stimmte John zu.
»Keine Algen oder Korallen, nicht einmal Kalkspuren, Krebse oder Kleinlebewesen...«, zählte Patrick auf. »Das sieht ziemlich ausgestorben aus. Eine echte Mondlandschaft, wenn Sie mich fragen.«
»Vielleicht hat es mit der Schwelle zu tun«, überlegte Peter. »Viele Lebewesen, die in dreieinhalbtausend Metern Tiefe leben, gibt es bestimmt nicht. Und wenn, dann sind sie sicher dem Druck angepasst. Es ist ja fraglich, was passiert, wenn sie plötzlich die Schwelle überschreiten, wo offenbar gar kein Außendruck mehr herrscht, wie Dick eben erklärte. Vermutlich würden sie doch auf der Stelle zerplatzen, oder?«
»Da haben Sie recht«, stimmte Patrick zu. »Das betrifft aber in erster Linie Luftkammern oder sich ausdehnende Gase in den Körpern. Und das muss nicht auf alle Tiere zutreffen, schon gar nicht auf Bakterien oder Algen. Schwelle oder nicht, es könnte sich hier unten ein eigenständiges Biotop entwickelt haben. Müsste es sogar eigentlich. Aber das Wasser ist so glasklar ...«
Jason sank weiter, die Scheinwerfer auf die Felswand gerichtet.
»Wenn man es genau betrachtet«, überlegte der Franzose, »sieht das nicht nach magmatischem Gestein aus, das irgendwann aus dem Meeresboden nach oben gedrückt wurde. Es wirkt eher wie ein ganz normaler Felsen an Land. Sehen Sie: Es gibt keine horizontalen Erosionsspuren, wie sie eine Strömung erzeugen würde, sondern senkrechte Streifen, wie man sie im Gebirge findet. Das Ganze sieht aus wie eine Gebirgsspitze!«
Noch immer senkte sich Jason in die Tiefe. Die Anzeige gab eine Höhe von dreißig Metern über dem Boden an. Der Anblick der Felswand änderte sich jedoch nicht. Nachdem Patrick den Vergleich mit einem Gebirge ausgesprochen hatte, fiel es Peter zunehmend schwer, sich von diesem Gedanken zu lösen. Anders als beim bisherigen Tauchgang in die Tiefe war das Bild auf dem Monitor absolut klar, keine Schwebeteilchen tanzten durch das Licht der Scheinwerfer, die Sicht war vollkommen ungetrübt, und die an ihnen vorbeiziehende Gesteinswand sah nicht anders aus, als das, was ein Bergsteiger sieht, der sich abseilt. Die Gewissheit, Tausende von Metern tief unter Wasser zu sein, wich dem irritierenden Gefühl zu fliegen.
»Noch zehn Meter«, sagte Dick. »Ich neige Jason, sodass die Kamera nach unten gerichtet ist und wir sehen können, wo es hingeht.«
Das Bild auf dem Monitor schien zu kippen, und kurz darauf war der Boden zu sehen. Das Licht, das von der Trennschicht nach unten schien, war noch immer so hell, dass Details im Zwielicht zu erkennen waren.
»Verdammt!« Patrick zuckte auf seinem Stuhl zusammen. »Was zum Teufel ist das?!«
Von unten leuchtete ihnen etwas entgegen, das sich aus der Höhe noch nicht erkennen ließ.
»Da liegt etwas«, meinte John.
»Gehen Sie tiefer, Dick!«
Der felsige Boden kam langsam näher, das Leuchten nahm zu. Jason befand sich nur noch acht Meter darüber.
»Da leuchtet nichts...«, sagte Patrick. »Es ist eine Reflektion der Scheinwerfer.«
»Die Tiefenanzeige alterniert«, sagte Dick plötzlich.
»Wie meinen Sie das?«, fragte Peter.
Dick wies mit einer Hand auf den Tiefenwert auf dem Monitor, während er mit der anderen Hand weiterhin den Steuerknüppel bediente. »Sehen Sie? Acht Meter bis zum Grund. Und wenn Jason sich nur ein winziges Stück zur Seite bewegt: nur noch zwei Meter. Und hier wieder: acht. Das bedeutet, dass da irgendetwas Dünnes vom Boden aus etwa sechs Meter nach oben ragt.«
»Und zwar etwas Spiegelndes...«, vermutete Patrick und rutschte auf seinem Stuhl noch weiter nach vorn. »Steuern Sie vorsichtig in den tieferen, sicheren Bereich, sodass Sie genug Spielraum haben, und lassen Sie uns bis nach ganz unten gehen, damit wir sehen können, was es ist!«
Der Roboter schwenkte ein Stück zur Seite und tauchte weiter behutsam ab. Und tatsächlich geriet nach zwei Metern ein Objekt in den Bereich der Kamera. Langsam schob es sich von unten nach oben durch das Bild, während Jason daran vorbeiglitt.
»Sehen Sie sich das an!«, rief Patrick.
Vor ihren Augen ragte eine dünne Konstruktion aus poliertem Metall vom Meeresboden auf. Es war ein kompliziert verwobenes Gestänge, nicht breiter als fünfzehn oder zwanzig Zentimeter, mit zahlreichen seitlichen Auswüchsen, Vorsprüngen und Kanten. Die Form mutete an wie eine wild gewucherte Kristallstruktur. Aber feine Rillen, die in geschwungenen Bahnen die Oberfläche durchzogen, machten deutlich, dass es sich um eine künstliche, eine technische Apparatur handelte. Und was schließlich im tiefer liegenden Teil des Objekts jeden Zweifel ausräumte, waren die darauf befindlichen Schriftzeichen.
»Schriftzeichen, Peter! Dieselben wie auf den schwarzen Blöcken!«
»Ich sehe es...« Der Professor konnte die Erregung in seiner Stimme kaum unterdrücken.
»Vielleicht ist es etwas, das aus einem Schiff gefallen ist«, überlegte John vorsichtig, selbst unfähig, den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Und dann ist es kopfüber hier unten stecken geblieben.«
»Nur noch ein halber Meter über Grund«, informierte Dick. »Ich neige die Kamera.«
»Also, zufällig im Boden stecken geblieben ist das nicht, John«, sagte Patrick. Im Licht der Scheinwerfer war zu erkennen, dass die Konstruktion zum Fuß hin breiter wurde und mit einer Bodenplatte im Untergrund verankert war. »Das Ding hat man hier ganz bewusst installiert.«
»Aber wer würde in dieser Tiefe etwas befestigen?«, fragte Kathleen.
»Die Frage ist viel eher«, meinte Dick, »wie man in dieser Tiefe überhaupt etwas befestigen kann!«
»Wenn dies Teile des Kontinents sind«, überlegte Peter, »der auf irgendeine Weise im Meer versunken ist, und dieses Objekt schon so alt ist, wie es demnach sein müsste, denn befand es sich nicht immer unter Wasser. Im Gegenteil, es stand auf einem erhöhten Punkt, möglicherweise im Gebirge, und wir sehen von dem Gebiet hier nur die Teile, die ursprünglich die Gipfel waren.«
»Soll ich versuchen, eine Materialprobe zu entnehmen?«, fragte der Pilot.
»Nein!«, rief Patrick, und etwas leiser: »Auf keinen Fall. Wir wissen nicht, was das ist. Wir können nicht ahnen, was passiert, wenn wir es berühren.«
»Was sollte denn passieren?«, fragte John. »Es ist bloß ein Gestänge. Noch dazu wer weiß wie alt. Ein Wunder, dass es nicht verrottet ist. Haben Sie Angst, dass es zerbröselt?«
»Keineswegs«, entgegnete Patrick. »Aber meinen Sie, die Trennschicht und dieses Kraftfeld, oder was immer es ist, in dem wir uns befinden, sind natürliche Phänomene? Peter und ich sind schon in anderen Ländern auf Reste dieser Technologie gestoßen. Und wie alt auch immer sie ist: Sie funktioniert noch. Das Ding hier könnte ein Transmitter sein, ein Sendemast, eine Energiequelle, was auch immer. Es könnte ähnlich ungesund sein, daran rumzufummeln, wie in einem Umspannwerk mit einem Bolzenschneider zu hantieren.«
»Ihre Fantasie möchte ich haben«, meinte John.
»Jetzt klingen Sie wie Peter.«
»Er hat recht, John«, mischte sich der Professor ein. »Diese Technik übersteigt unser Wissen bei Weitem. Wir sollten uns davon so fern wie möglich halten, bis wir wissen, womit wir es zu tun haben.«
»Und wie wollen Sie das herausfinden?«
»Wir müssen möglichst jeden Zentimeter dieses Objekts filmen. Vielleicht geben uns die Schriftzeichen oder andere Details Hinweise auf die Funktion.«
»Gut«, John nickte. »Dann schlage ich vor, dass Dick das Objekt vollständig umrundet und aufnimmt. Dann sollten wir Jason hochholen. Das Gelände ist zu unwegsam, um sich auf gut Glück zu bewegen. Bevor wir auf weitere Felsen oder Artefakte stoßen, sollten wir dieses Gebiet erst mit Sentry scannen.«
AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Walters sah von den Unterlagen auf. Nun hatte er tatsächlich ein Bild von dem Geschichtsprofessor, der da draußen seine Forschungen betrieb. Die Daten, die seine Mitarbeiter schon vor Tagen zusammengetragen hatten und die er bisher nicht beachtet hatte, ließen ahnen, um was es ging: Peter Lavell untersuchte die Kulturgeschichte. Er war auf einem Weg rückwärts durch die Zeitalter und suchte einen intellektuellen Urknall, suchte einen Ursprung von Wissen und Weisheit. Er wollte verstehen, wie sich Religionen, Überlieferungen und letztlich Kulturen entwickelt hatten und was sie befruchtet hatte. Gemeinsam mit einem Ingenieur versuchte er, eine dort versunkene Hochkultur zu finden. Eine, die nicht nur die Geschichtsschreibung, sondern möglicherweise auch das technologische Wissen revolutionieren würde. Dort, mitten im Bermuda-Dreieck, jenem Gebiet, aus dem von jeher mysteriöse Phänomene berichtet wurden, suchte der Professor nach einer Art Quelle des Wissens, vielleicht sogar einer arkanen Technologie. Und die NSA, die das Gebiet wie einen Augapfel hütete und überwachte, wollte diese Suche verhindern.
Vielleicht waren dort keine archäologischen Schätze verborgen. Vielleicht lagen dort Geheimnisse der Regierung unter Verschluss. Militärische Gerätschaften oder Spionageeinrichtungen. War es das, was die Europäer – und der Kubaner – auf keinen Fall finden sollten? Dann war es im Sinn der USA, ja sein ureigenster Job, wenn er, Lieutenant Commander Walters, diese Dinge beschützte. Aber dienten sie dem Schutz? Oder der Vernichtung? Wie das Niederfrequenzsonar mochten sie eine Schattenseite haben. Wer sagte, dass die zahlreichen Schiffsunglücke und Flugzeugabstürze im Bermuda-Dreieck nicht Folge einer geheim gehaltenen Technologie der Regierung waren?
Und wenn es doch etwas ganz anderes war? Ein Rätsel der Menschheit, etwas Uraltes, dessen Existenz der NSA zwar bekannt, was aber noch nicht erforscht war? Durfte man es dann für sich allein beanspruchen? Waren Geheimnisse besser in den Händen von Regierungen aufgehoben, oder sollten sie eher von unabhängigen Wissenschaftlern untersucht werden?
Wie gefährlich konnte Wissen sein, das in falsche Hände geriet? Und wessen waren die falschen Hände?
Walters dachte über sein Gespräch mit Gabriel am Morgen nach. Hatte es ihm weitergeholfen? Sicher, es hatte dazu geführt, dass er sich mit den Details des Projekts auseinandersetzte. Aber statt nun wirklich schlauer zu sein, fühlte er sich nur noch stärker verunsichert. Was hatte Gabriel bewirken wollen? Wollte er verhindern, dass sich Walters' zunehmend antiautoritäre Marotten auswuchsen und er den Anweisungen vielleicht widersprach, wenn es in Wahrheit wichtig war, ihre Dringlichkeit zu verstehen? Stellte Gabriel ihn auf einen Probe, und wollte er sein Pflichtbewusstsein überwachen? Oder einfach nur sichergehen, dass er tat, was man ihm auftrug? Oder war es andersherum, und Gabriel wollte ihn dazu bringen, sich den Anweisungen der NSA zu widersetzen?
Gabriel hatte ihm geraten, sich ausführlich zu informieren und seine Entscheidung selbst zu fällen. Aber die Möglichkeiten waren zu vielfältig, er konnte in dieser kurzen Zeit unmöglich ausreichend Hintergrundwissen sammeln, um eine richtige Entscheidung treffen zu können.
Walters legte die Mappen beiseite und wandte sich seinem Computer zu. Mit seinem Passwort hob er die Sperre auf, die sein Bildschirmschoner in der Zwischenzeit ausgelöst hatte, und öffnete sein E-Mail-Programm.
Dann lehnte er sich zurück.
Die Gentlemen in Fort Meade erwarteten, dass er die Projekte abbrach, dass er ihnen eine Erfolgsmeldung präsentierte.
Nach einer Weile schüttelte er den Kopf und besann sich anders. Er fügte die Überwachungsdaten, die seine Leute ihm geliefert hatten, zu einer E-Mail zusammen und sendete sie, ebenso wie am Tag zuvor, an seinen Kontaktmann beim CSS. Den Befehl der NSA, den er gestern als Antwort bekommen hatte, ignorierte er. Er wusste, dass er damit nicht durchkommen würde. Aber so gewann er Zeit. Insbesondere, wenn er nach dem Absenden einfach den Rechner ausschaltete und den Arbeitstag für heute beendete.
An Bord der Argo
»Es ist eine absolut bizarre Konstruktion«, sagte Patrick. »Nichts daran gleicht der üblichen Technologie. Keine Drähte, Nieten oder Schrauben. Es gibt einem keinen Hinweis darauf, was es ist oder wie es funktioniert...«
Der Franzose saß in seiner Kabine am Rechner, auf den er sich die Filmdaten des Tauchgangs von Jason hatte überspielen lassen. Gemeinsam mit Peter begutachtete er das Material. Sie gingen den Film fast Bild für Bild durch, immer auf der Suche nach einer noch besseren Einstellung, nach noch schärferen Details.
»Da kommen die Schriftzeichen«, warf Peter ein. »Halten Sie dieses Bild an.« Der Professor griff nach den Ausdrucken, auf denen die goldenen Platten zu sehen waren, und verglich die Symbole mit denen auf dem Bildschirm. »Einige wiederholen sich, sehen Sie?«
»Hmm... Wir sollten diese Bilder auch nach Frankreich schicken, damit Marie noch mehr Material hat.«
»Ist das die Assistentin Ihres Bekannten?«
»Ja, genau.«
»Hat sie denn schon irgendetwas geantwortet?«
»Also, zaubern kann sie sicher nicht, ich habe ja erst gestern den zweiten Schwung Bilder rübergeschickt. Außerdem ist heute Sonntag für den Rest der Welt.«
»Nun gut. Können Sie ihr den Film denn auch über das Internet schicken?
»Prinzipiell schon. Aber die Dateimengen sind enorm. Ich weiß nicht, ob Gérards Account eine Mail mit einem so großen Anhang akzeptiert. Ich werde von den entsprechenden Frames Screenshots machen und ihr die als ZIP schicken.«
»Wenn Sie es sagen.«
Es klopfte kurz an der Tür der Kabine, dann wurde sie geöffnet, und John trat ein.
»Gentlemen, wir haben ein ernstes Problem! Bitte folgen Sie mir ins Labor.«
Aufgeschreckt vom dringlichen TonfaLl des Kapitäns sprangen Peter und Patrick auf und folgten John durch die Korridore. Im Labor angekommen erwartete sie ein junger Mann, mit dem sie bisher noch nichts zu tun gehabt hatten.
»Das ist David, unser Admin«, erklärte John. »Er ist verantwortlich für das Computernetzwerk und alle IT-Fragen. David, kannst du noch einmal erklären, was passiert ist?«
Der Angesprochene war höchstens Ende zwanzig, hatte seine langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug ein braunes T-Shirt, auf dem die Worte Ich bin /root, ich darf das! zu lesen waren.
»Hi«, sagte er und hob kurz die Hand. »Also, das ist so... Als ich vor einer halben Stunden die Daten archivieren wollte, habe ich überprüft, wie viel Platz noch auf der Platte ist und ob ich vielleicht eine andere hochfahren muss. Weil die eine gestern fast voll war. Aber jetzt waren wieder hundert Gig frei. Dann habe ich die Struktur untersucht und festgestellt, dass die Ordner zum Teil leer waren. Außerdem nudelte das Laufwerk die ganze Zeit, die System-Auslastung war auf achtzig Prozent. Also habe ich die laufenden Prozesse geprüft. Da waren ein paar Ressourcenfresser dabei, die ich nicht kannte, die ich natürlich abgeschossen habe, die sich aber ständig neu instanziiert haben.«
Peter hob eine Augenbraue und sah seinen Kollegen schulterzuckend an. Aber Patrick hatte die Stirn in Falten gelegt und nickte dem Mann zu.
»Inzwischen habe ich den Fileserver heruntergefahren«, fuhr David fort, »und alle Datenspeicher abgeklemmt. Ich habe vorhin ein Sandbox-Environment aufgesetzt, in dem ich sie wieder anschließen und scannen konnte. Ich habe mich nämlich über die Prozesse informiert.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Es sind Viren.«
»Viren?«, fragte Peter. »So etwas, das man aus dem Internet bekommt?«
»Ja. Das heißt, nein. Wir haben einen Web-Proxy, der in einer demilitarisierten Zone steht, genauso wie alle Rechner, die aufs Internet zugreifen können. Die sind mit den internen Systemen nicht vernetzt.«
»Und wie sind diese Viren dann in das System gekommen?«
»Jeder, der Zugang zu den Rechnern hat«, erklärte Patrick an den Professor gewandt, »könnte so einen Virus draufspielen. Mit einer CD-ROM oder einem Memory-Stick.«
»Ganz so einfach ist es nicht«, erklärte David. »Ohne Admin-Zugang kann man nicht einfach externe Devices mounten oder Datenträger auslesen. Das System ist eigentlich sicher.«
»Ach, eigentlich. Trotzdem hat es ja wohl offenbar geklappt!«
»Nun«, sagte Peter. »Wenn wir wissen, unter welchen Voraussetzungen so etwas möglich ist, können wir ja den Kreis der Schuldigen sicherlich eingrenzen. Wer an Bord hat denn so einen Admin-Zugang?«
»Nur David hier«, antwortete John.
»Also...«, der junge Mann zögerte, »grundsätzlich stimmt das. Aber vielleicht gibt es noch eine vergessene Nutzergruppe auf irgendeinem Rechner oder eine andere Lücke. Oder jemand hat das Passwort gehackt. Das könnte ja auch sein...«
»Vergessene Nutzergruppen? Ein gehacktes Passwort?«, fragte Patrick in scharfem Tonfall. »Tut mir leid, wenn ich von Ihren Sicherheitsmaßnahmen nicht so ganz überzeugt bin!«
»Ich meine ja bloß!«, warf David ein und hob entschuldigend die Hände. »Es ist nicht wahrscheinlich, aber es sind denkbare Szenarien. Ich muss alles checken. Ich werde mir alle Logs vornehmen und prüfen, wann und wo es Logins im System gegeben hat.«
»Und was ist mit den Daten?«, fragte Patrick.
»Die... äh... also, das ist das eigentliche Problem...«
»Spucken Sie's schon aus!«
David setzte sich und rieb die Hände aneinander. »Die Daten sind... weg.«
»Was sagen Sie da?!«, fragte Peter. »Meinen Sie gelöscht?«
»Nein... sie sind... sie wurden überschrieben. Der Virus hat die Daten nicht einfach gelöscht, sondern mit Nullen überschrieben. So lassen sie sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls nicht mit bloßer Software. Dazu benötigen Sie Hightechlabors, die kaum wahrnehmbare Spuren der vorherigen magnetischen Ausrichtung aufspüren können.«
»So eine Scheiße!«, entfuhr es dem Franzosen. Und nach einer Pause: »Was ist mit Backups? Sicher machen Sie regelmäßige Backups, oder?«
»Ja, vollautomatisch alle sechs Stunden. Aber ich habe sie schon geprüft... Nichts.«
»Was denn, nichts? Sind die etwa auch überschrieben?«
»Nein, das nicht. Aber sie lagern auf einer eigenen Festplatte. Und die hat einen Headcrash.«
»Das gibt's doch nicht!« Patrick stöhnte auf.
»Was ist denn ein Headcrash?«, fragte Peter.
»Es bedeutet«, sagte der Franzose, »dass die Festplatte am Arsch ist. So einfach ist es. Sämtliche Daten, die wir gesammelt haben, alle Scans, alle Fotos, alles ist futsch. Und Sie, John, haben ein erstes Problem. Jemand an Bord sabotiert die Mission. Erst werden der Presse unsere Bilder zugespielt, und nun das. Ich schlage vor, dass Sie alles stehen und liegen lassen, bis der Mann gefunden ist, damit ich ihm persönlich in die Eier treten kann.«