Kapitel 11


AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas


Walters wusste, was ihn erwartete, als er am Montagmorgen die Basis betrat. Auf seinem Schreibtisch lagen zwei Telefonnotizen, und sein E-Mail-Postfach wies ihn mit einigen roten Ausrufezeichen auf dringende Nachrichten hin.

Er las nichts davon.

Stattdessen ging er durch die Gänge, grüßte die Leute und blieb länger als sonst in den Türen stehen, um sich ein wenig über Belanglosigkeiten zu unterhalten. Das Wetter am Wochenende, die gefangenen Fische und die kommende Saison für die Miami Dolphins.

Um halb neun bestellte er Officer Parker in sein Büro und ging mit ihm den Plan für die Woche durch. Es gab keinen konkreten Anlass. Letztlich dauerte das Gespräch nur deswegen zehn Minuten, weil sie sich über Parkers Sohn unterhielten, beim dem in einer Schuluntersuchung Legasthenie festgestellt worden war.

Kurze Zeit später war Walters wieder allein.

Als das Telefon klingelte und er auf dem Display sah, dass es seine Sekretärin war, hob er nicht ab, sondern ging in den Vorraum.

»Was gibt es denn, Helen?«

»Sir, es ist jemand aus Fort Meade, der Sie seit heute Morgen um sieben dringend erreichen möchte. Ich habe Ihnen schon einige Notizen dazu hingelegt.«

Walters nickte. »Gut. Sagen Sie, dass ich den ganzen Tag in einer Besprechung bin und sofort rauskomme, sobald es möglich ist.«

»Es scheint sehr wichtig zu sein, Sir...«

»Ich weiß. Danke, Helen.«

Walters drehte sich um und ging zurück in sein Büro.

Am Schreibtisch angekommen, setzte er seinen Kaffeebecher an, der bereits vor einer Viertelstunde leer gewesen war, stellte ihn wieder ab, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Was war seine erkaufte Zeit wert, wenn er sie nicht nutzte? Aber was konnte er tun? Recherchieren? Die Forscher auf der Argo anrufen und nach ihren Beweggründen fragen?

Das Klingeln seines Telefons riss ihn aus den Gedanken. Missmutig hob er ab.

»Helen, ich sagte Ihnen doch, dass ich in einer Besprechung bin.«

»Sir, dieses Mal ist es kein Anruf. Am Eingang hat sich ein Mann gemeldet und sich nach Ihnen erkundigt.«

»Und?«

»Es ist ein älterer Herr, er scheint nicht aus Fort Meade zu sein, gibt aber an, dass Sie ihn kennen. Sagt Ihnen der Name Gabriel Thornton etwas?«

Gabriel!

»Hat er sich ausgewiesen?«

»Natürlich, Sir.«

Walters zögerte. Dann sagte er: »Stellen Sie mich zum Wachhabenden durch.«

Einen Augenblick später war der Mann am Empfang in der Leitung und reichte dort das Gespräch an Gabriel weiter.

»Lieutenant Commander Walters hier. Was kann ich für Sie tun, Gabriel?«

»Guten Morgen, Lieutenant Commander. Ich hoffe, dass ich Sie nicht in einer dringenden Angelegenheit störe. Ich kam zufällig an der Basis vorbei und fragte mich, ob Sie vielleicht Zeit hätten, einen Kaffee trinken zu gehen. Und sich ein wenig zu unterhalten.«

Walters stockte. Das war ein reichlich absurder Vorschlag.

Als ob man erwarten könnte, dass der Befehlshaber einer militärischen Einrichtung mal eben... Andererseits nagte die Unruhe in ihm. Es gab zu viele Fragen. Und wenn er seine Zeit tatsächlich nutzen wollte... Walters überschlug die Möglichkeiten. Er konnte den Fremden unmöglich in die Basis lassen. Und Übereifrigkeit würde auch unpassend sein. Er sah auf seine Uhr.

»Gerade passt es nicht. Aber ich werde vor dem Mittagessen noch eine Runde joggen gehen. Vielleicht treffe ich Sie ja an der üblichen Stelle? So gegen halb zwölf vielleicht?«

»Natürlich«, gab Gabriel zurück. »Also, bis später.«


Die Zeit verging schleppend. Noch zweimal kam seine Sekretärin herein und legte ihm schweigend Telefonnotizen auf den Tisch, während er sich die Website der Woods Hole Oceanographic Institution ansah, sich über Forschungsschiffe und Roboter erkundigte, die Seite des Museums für Völkerkunde in Hamburg studierte und schließlich einen Artikel des Professors über die möglichen Ursprünge der ägyptischen Kultur fand. Es war eine Welt, die mit der seinen keinerlei Berührungspunkte hatte. Jedenfalls bis jetzt nicht. Über Google stieß er auf einen Zeitungsbericht des Miami Herald, wo ihm das Wort Atlantis entgegensprang, als sein Outlook-Kalender ihn mit einer akustischen Meldung darauf hinwies, dass es Viertel nach elf war. Zeit loszujoggen.

Atlantis, dachte er, als er gerade den Eingang der Basis passierte. Was weißt du über Atlantis?

»Sir? Gestatten Sie?«

Der wachhabende Soldat war aus dem Häuschen getreten und sprach Walters an.

»Bitte?«

»Sir, möchten Sie vielleicht, dass Sie jemand begleitet?«

Walters sah den Mann an. War es so offensichtlich, dass er sich yerabredet hatte? Und war die Frage nicht vielleicht sogar sehr berechtigt? Von Gabriel schien bisher keine Gefahr auszugehen, aber konnte man sich darauf verlassen? Nach einem Augenblick schüttelte er den Kopf.

»Nein, vielen Dank.«

Der Mann trat beiseite, nickte und ließ Walters passieren.

Atlantis... Suchte der Professor tatsächlich nach Atlantis? Konnte das sein? Nach allem, was Walters über Peter Lavell herausgefunden hatte, könnte es durchaus zu dessen Themengebiet passen. Aber Atlantis war doch nur eine Legende! Oder etwa nicht? Vielleicht lag dort, mitten im Bermuda-Dreieck der Rest einer alten Kultur? Vielleicht gab es dort unermessliche Schätze. Wie man sie bei den Pharaonen gefunden hatte. Gold möglicherweise! Und die Regierung wollte alles für sich allein haben. Aber das waren keine US-Hoheitsgewässer. Es lag außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone, aber in der ausschließlichen Wirtschaftszone sowohl der USA als auch der Bahamas. Beide Staaten konnten dort Anspruch auf Bodenschätze erheben. Lag hierin die Brisanz der Forschung? Aber das würde doch wohl kaum die NSA interessieren...

Pünktlich um halb zwölf erreichte Walters den Weg oberhalb des Strandes, und dort stand Gabriel bereits und sah ihm entgegen.

»Es freut mich sehr, dass Sie kommen konnten«, begrüßte er den Commander und streckte ihm die Hand mit dem rotgoldenen Siegelring entgegen. »Haben Sie weitere Erkundungen einholen können?«

»Nicht so viele, wie ich mir gewünscht hätte.«

»Ja... Einmal auf der Suche ist unser Drang nach Wissen unersättlich.«

»Es war einfach zu wenig Zeit...«

Gabriel nickte. »Man kann ein ganzes Leben zur Verfügung haben, und immer wird es zu wenig Zeit sein, glauben Sie mir.«

Walters stellte sich breitbeinig hin. »Verstehen Sie mich nicht falsch, Gabriel. Aber ich hoffe, Sie haben mich nicht aufgesucht, um wieder nur Kalenderweisheiten zu teilen.«

»Kalenderweisheiten? Ist es das, was Sie denken?« Gabriel betrachtete Walters schmunzelnd und schwieg dann einen Moment. »Nun, vielleicht haben Sie recht. Ich scheine oftmals zu unkonkret zu sein. Sehen Sie, ich hoffe auf diese Weise mehr zu helfen als nur mit einem einzelnen Ratschlag. Allgemeines lässt sich eher auf Spezielles anwenden als umgekehrt.«

»Jetzt tun Sie es schon wieder.«

»Ja«, Gabriel lachte auf. »In der Tat. Es tut mir leid. Versuchen wir es anders. Haben Sie Fragen? Oder vielleicht fangen Sie damit an, mir zu erzählen, was Sie herausgefunden haben.«

»Atlantis. Suchen die Europäer Atlantis?«

»Davon ist auszugehen, ja.«

»Und der Kubaner?«

»Er sucht Gold.«

»Nur Gold?«

»Zunächst schon. Wenngleich er vermutlich in der Zwischenzeit die bisherigen Untersuchungsergebnisse der Argo studiert und eins und eins zusammengezählt haben sollte.«

»Er kennt die Untersuchungsergebnisse der Europäer?«

»Ja.«

»Können Sie nicht ein bisschen ausführlicher antworten?«

»Ich bemühe mich, so konkret wie möglich auf Ihre Fragen zu antworten, Lieutenant Commander.«

Walters seufzte. »So kommen wir nicht weiter. Sie geben mir Antworten, aber ich muss das ganze Bild verstehen.«

»Dann fragen Sie weiter.«

»Nein... ich... Ich weiß nicht einmal, welche Fragen ich stellen muss.«

»Im Gegenteil. Ich denke, Sie wissen schon sehr genau, was der Kern ist. Indem Sie sich mit der Analyse der Situation beschäftigen, verfolgen Sie ein anderes Ziel. Es geht Ihnen eigentlich nicht um die Forscher. Der Kern ist der Grund, weswegen Sie diese Fragen stellen.«

»Warum ich diese Fragen stelle...«, erwiderte Walters. »Natürlich, um eine Entscheidung treffen zu können.«

»Eine Entscheidung? Was für eine Entscheidung?«

»Ob ich das Projekt beenden lassen soll oder ob ich die Forscher gewähren lasse.«

»Haben Sie denn eine Wahl? Hat man es Ihnen nicht befohlen?«

»Natürlich! Aber darum geht es nicht. Vielleicht ist es ja falsch, das Projekt zu beenden!«

»Dann geht es Ihnen darum, eine richtige Entscheidung zu treffen? Sich notfalls über den Befehl hinwegzusetzen?«

Es war eine gradlinig formulierte Feststellung. In ihrer Deutlichkeit berührte sie etwas in Walters, das er bisher nicht in dieser Form gefühlt hatte. Er war im Begriff, sich über Befehle hinwegzusetzen. Er verriet seinen Eid als Soldat. Er machte sich unabhängig. Er übernahm...

»Verantwortung. Es geht um Verantwortung.«

»Sehr richtig!«, antwortete Gabriel. »Sie erkennen Ihre Bedeutung. Das Gewicht Ihres Handelns oder Nichthandeins.«

Ja, das war es wohl. Er fühlte dieses Gewicht. Es war ein gutes Gewicht. Es lag in seiner Hand wie das massive Lenkrad eines Trucks oder ein schwerer Schubregler, der durch die Kraft eines entfernten Maschinenraums vibrierte.

Viele Dinge geschahen in der Welt um ihn herum, und das meiste, das außerhalb seines Einflusses lag, rauschte an ihm vorbei, formte sein Leben. Aber Einfluss bekam man nicht automatisch. Einfluss musste man sich verschaffen. Aufstehen, einen Schritt näher herangehen, um Dinge zu bewegen, die vorher entfernt schienen.

»Die Regierung möchte verhindern, dass weitere Forschungen betrieben werden«, sagte Walters. »Also geht es darum, was geschähe, wenn ich die Forscher nicht aufhalte. Ganz offenbar erwartet die Regierung, dass die Forscher dort zu einer Erkenntnis oder einem Fund gelangen können...«

»Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Überlegung kurz unterbreche«, wandte Gabriel ein. »Nur der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass es auch komplexere Gründe geben könnte.«

»Zum Beispiel?«

»Nun, vielleicht möchte die Regierung die Forschung nicht wegen eines möglichen Ergebnisses unterbinden, sondern vielleicht geht es um die Tätigkeit des Forschens als solches. Vielleicht, weil es einen Präzedenzfall schaffen würde, der schließlich irgendwo anders auf der Welt Probleme schaffen könnte.«

Walters nickte. »Sie haben recht... Sie machen es mir damit nicht leichter... Aber wollen Sie damit andeuten, dass es sich so verhält? Sollte das ein Tipp sein?«

»Nein. Es sollte lediglich Ihre Aufmerksamkeit schärfen. Ich glaube, Ihnen versichern zu können, dass es in der Tat um das geht, was sich dort draußen auf dem Meeresgrund verbirgt.«

»Endlich einmal eine klare Aussage! Aber damit haben Sie auch deutlich gemacht, wie viel Sie tatsächlich wissen.«

»Ja«, war alles, was Gabriel darauf erwiderte.

»Also gut. Die Forscher könnten also etwas entdecken. Ohne zu wissen, was es ist, was sich dort befindet, muss ich mich an der Motivation orientieren. Wer verfolgt welche Interessen? Und wer hat die größere moralische Integrität?«

»Das sind äußerst wertvolle Gedanken, Lieutenant Commander! Und eben sagten Sie noch, Sie wüssten nicht, was Sie fragen sollten.«

»Vermutlich können Sie beides nicht beantworten.«

»Das ist korrekt. Selbst wenn ich mir anmaßte, ein solches Urteil zu fällen, würde es Ihnen nicht weiterhelfen. Denn dann wären es nicht mehr zwei, sondern drei Parteien, über deren Motive und Integrität Sie sich Gedanken machen müssten.«

»Das sind zwar schöne Worte, aber in Wahrheit beeinflussen Sie mich doch bereits seit Tagen!«

»Natürlich. Das ist der quantenphysikalische Effekt, den ich das letzte Mal bereits erwähnte. Ich treffe mich mit Ihnen, wir reden, und schon das beeinflusst Ihr Handeln. Ich bemühe mich allerdings nur um eine Bewegung, nicht um eine Richtung.«

Als Walters eine halbe Stunde später frisch geduscht wieder in seinem Büro saß, nahm er den Stapel Telefonnotizen in die Hand, blätterte sie durch, entdeckte überall denselben Namen und schob den ganzen Packen in den Schredder seines Papierkorbs.

Dann startete er sein E-Mail-Programm, überflog die als dringend markierten Nachrichten, die er von der NSA bekommen hatte, und löschte sie.

Dann verfasste er eine kurze Antwortmail. Er sei bisher beschäftigt gewesen und bekäme die Nachrichten erst jetzt, er bedanke sich für die Hinweise auf die Dringlichkeit der Angelegenheiten und werde sich »asap« um den Vorgang kümmern.

Er wusste, dass er Fort Meade mit dieser Unverbindlichkeit auf die Palme bringen würde. Aber diese Leute hatten ihn um sein Wochenende gebracht, und nicht zuletzt deswegen freute es ihn gerade diebisch.


An Bord der Argo


Peter nahm das leichte Schwanken zum ersten Mal richtig wahr, als er die Treppe nach oben stieg. Als er kurz darauf an Deck stand, grüßte ihn ein makellos blauer Himmel, aber das Meer war in Bewegung, rollte in breiten Wellen unter dem Schiff hindurch.

»Da sind Sie ja«, rief Patrick, der an der Reling stand. In der Hand hielt er ein Fernglas und reichte es Peter. »Hier, sehen Sie mal. Wir haben Besuch.«

Peter nahm das Fernglas entgegen und sah damit in die Richtung, die der Franzose ihm wies. Dort lag ein Schiff. Und es war weder ein Fischerboot noch ein Ausflugsdampfer oder Frachter. Es war ähnlich gebaut wie die Argo, mehrstöckig und mit verschiedenen Antennen und Kränen ausgestattet. Und es war ein gutes Stück größer als die Argo.

»Eine Art Forschungsschiff«, erklärte Patrick. »Fährt unter kubanischer Flagge.«

»Was wollen die hier?«

»Vielleicht haben sie aus der Presse Wind von uns bekommen. Wir sollten uns dringend mit John besprechen. Außerdem will ich wissen, was er über den Saboteur herausgefunden hat.«


»Es ist die Libertad«, erklärte John beim Frühstück. »Wir sind heute Morgen mit dem Dingi etwas näher herangefahren und haben sie uns angesehen. Ein ehemals sowjetisches Forschungsschiff, nun im Besitz der Kubaner und offenbar generalüberholt und modernisiert. Mit einer Hubschrauberlandeplattform, einem massiven Kran und vermutlich U-Booten an Bord. Nicht unähnlich der russischen Keldysb.«

»Haben Sie Kontakt aufgenommen?«, fragte Peter.

»Wir haben es versucht, aber außer höflichen Begrüßungsfloskeln erhalten wir keine weitere Auskunft.«

»Können sie uns den Fund streitig machen?«

»Um hier zu sein und hier forschen zu dürfen, benötigen sie erst einmal nur eine Genehmigung wie wir auch«, erklärte der Kapitän. »Das können wir nicht prüfen.«

»Verdammt«, meinte Patrick. »Sie dürfen uns nicht zuvorkommen. Wenn die besser ausgerüstet sind als wir...«

»Wir haben außerdem unseren Vorteil verloren«, gab Peter zu bedenken. »Die bisherigen Fotos und der Bodenprofilscan, den wir als Karte verwendet haben – das alles ist verloren, richtig?«

»Ganz so schlimm ist es nicht«, sagte John. »Wir haben Glück im Unglück. Zum einen haben wir von den Bildern der Platten jeweils Ausdrucke. Außerdem haben Sie alle Bilder mit Schriftzeichen per E-Mail verschickt, richtig? Diese Rechner sind nicht mit dem internen Netzwerk verbunden und daher nicht von den Viren betroffen. Die Daten befinden sich noch in Ihrem Ordner mit gesendeten Nachrichten. Außerdem hat der Empfänger sie ja bekommen. Die DVD mit den Filmdaten, die wir gestern auf den Rechner in Ihrer Kabine überspielt haben, existiert auch noch. Und zuletzt: Gestern Nacht haben wir ja Sentry noch einmal abtauchen lassen. Wir haben ihn durch die Trennschicht geschickt und den darunterliegenden Bereich gescannt. David hatte zuvor ein neues, virenfreies System aufgesetzt, diese Daten sind also sicher.«

»Das ist schön und gut«, sagte Patrick, »löst aber noch nicht das Problem, dass wir einen Saboteur an Bord haben.«

»Nein. Aber es gibt einen Verdacht.«

»Tatsächlich?«

»Ich habe noch keine Beweise. Aber zusammen mit David stellen wir ihm eine Falle. Wenn er wieder aktiv wird, werden wir es sofort erfahren.«

»Das ist alles?!«, fragte Patrick. »Wenn er wieder aktiv wird? Und was ist mit dem, was er bis jetzt schon angerichtet hat?«

»Ich vermute, dass die Störungen in direktem Zusammenhang mit dem kubanischen Schiff stehen«, erklärte John mit gedämpfter Stimme. »Aber dieser Vorwurf ist viel zu heikel, als dass man ihn ohne Belege vorbringen könnte. Jedenfalls deutet einiges darauf hin. Im Übrigen wäre die Libertad auch technisch in der Lage, unser Sonar vor ein paar Tagen gestört zu haben. Bis wir Näheres wissen, sollten wir aber so fortfahren wie bisher. Allein schon, um keine Zeit zu verlieren.«

Peter nickte. »Ich denke, John hat recht. Wir können uns keine Verzögerungen leisten. Am besten, wir sehen uns das Material von Sentry gleich genau an und entscheiden dann, wie wir weiter vorgehen.«

»Wer hätte das gedacht«, sagte Patrick, als sie wenig später im Labor zusammengetroffen waren und die Karte betrachteten, die das Computersystem aus den Bodenprofilscans zusammengesetzt hatte. Sentry war ziemlich genau dort abgetaucht, wo auch der ferngesteuerte Roboter Jason durch die schwarze Trennschicht gestoßen war. Von dort aus hatte er sich selbstständig und systematisch durch das Gebiet bewegt und den Untergrund kartografiert. Es war nur ein Teil, denn sie wussten nicht, wie weit sich die schwarze Fläche in alle Richtungen noch erstreckte, aber aus dem, was sie sahen, ließ sich bereits erahnen, dass hier womöglich eine ganze Welt verborgen lag.

Vom Rand der Schwärze an fiel der Meeresboden rapide ab. Der Untergrund war zerklüftet, voller Felsnadeln und kleiner Plateaus, aber im Ganzen stürzte der Boden mehrere hundert Meter in die Tiefe, so als würde man sich über den Rand eines Canyons oder die Gipfel eines Gebirges bewegen. Sentry war nicht weit genug gekommen, um den tatsächlichen Boden ausloten zu können, am äußeren Rand seines Erfassungsbereichs maß er bereits eine Tiefe von über siebenhundert Metern unterhalb der Trennschicht, und das Gelände war dort noch immer steil abschüssig.

»Auf diesem Bild hier sieht man das Gelände im Querschnitt«, erklärte John und deutete auf einen anderen Monitor.

»Die Strukturen unterhalb sind völlig andere als in dem Bereich, den wir bisher für den Meeresboden gehalten hatten«, sagte Patrick. »Als ob ab hier der Boden weggebrochen und alles nach unten gerutscht wäre.«

»Und die schwarze Fläche liegt wie ein Deckel darüber«, meinte Kathleen, die sich ihnen wieder angeschlossen hatte.



»Peter hat mir erklärt, dass der Meeresboden unter Atlantis aufgerissen ist und dieses Stück beim Zusammenschieben der Kontinentalplatten unter die anderen gedrückt wurde.«

»Zitieren Sie mich bitte nicht falsch. Es ist nur eine von vielen Theorien«, verbesserte der Professor.

»Aber es sieht doch so aus, oder nicht?«

»Die Hälfte unserer Zeit ist schon fast rum«, sagte Patrick. »Jetzt, wo wir eine Karte des Gebiets haben, sollten wir möglichst schnell mit dem U-Boot runter, finde ich, und nicht noch einmal mit dem Roboter. Außerdem müssen wir uns wegen der Kubaner beeilen.«

»Was denn für Kubaner?«, fragte Kathleen.

»Das Schiff, das seit heute Morgen da draußen liegt«, erklärte John.

»Ehrlich? Wollen die auch hier tauchen?«

»Wir wissen es nicht«, sagte Peter. »Aber ich denke auch, dass wir nichts riskieren und ohne weitere Verzögerung persönlich dort hinuntersollten. Falls der Seegang es zulässt.«

Der Kapitän nickte. »Nun gut, es ist Ihr Projekt... Der Seegang ist kein Problem, solange es nicht schlimmer wird. Es gibt allerdings einiges zu bedenken und vorzubereiten. Ich werde Dick instruieren. Wer von Ihnen möchte dabei sein? Alvin II hat Platz für den Piloten, also Dick, und zwei weitere Personen.«

Patrick sah zu seinem Kollegen. »Wir beide natürlich, wer sonst?«

Peter nickte zögerlich. »So ist es.«

»Aber ich muss den Tauchgang dokumentieren«, warf Kathleen ein.

»Es tut mir leid«, sagte John, »dafür ist Alvin II nicht ausgelegt.«

»Wir können uns doch ein bisschen aneinanderkuscheln«, gab sie mit einem Lächeln zurück.

»Glauben Sie mir«, erwiderte der Kapitän, »gegen das Kuscheln würde sicher keiner etwas einzuwenden haben. Aber alles an Alvin II, die maximale Nutzlast, die Luftversorgung, die ganzen Lebenserhaltungs- und Sicherheitssysteme sind nur für drei Personen ausgelegt.«

»Wann kann es losgehen?«, fragte Patrick und ignorierte den mürrischen Blick der Reporterin.

John sah auf seine Uhr. »Starten wir um vierzehn Uhr. Bis dahin sollte alles bereit sein.«


»Das hätte uns gerade noch gefehlt«, sagte Patrick, als er und Peter auf dem Weg zu ihren Kabinen waren.

»Sie können sie wirklich nicht leiden.«

»Können Sie sich etwas Schlimmeres vorstellen als diese Person im Nacken, die ständig blöde Fragen stellt und uns über die Schulter filmt?«

»Ich finde nicht, dass sie ständig dumme Fragen stellt.«

»Ach, Quatsch. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie das Schiff der Kubaner schon längst entdeckt hätte. Die redet doch mit allen an Bord. Und was den Kapitän angeht: Finden Sie nicht auch, dass er die Sabotage an Bord etwas zu sorglos hinnimmt?«

»Er hat doch gesagt, dass er eine Falle stellen will.«

»Und wer weiß, was bis dahin alles passiert! Also, entschuldigen Sie mal, ich würde da deutlich rigoroser vorgehen. Außerdem ist das nicht Johns Projekt, sondern unser Geld, das hier auf dem Spiel steht!«

»Nun regen Sie sich nicht auf. Ich bin sicher, er weiß, was er tut.«

Patrick winkte ab. »Lange schaue ich mir das jedenfalls nicht mehr an. Und was die Kubaner angeht: Da ist auch was faul, glauben Sie mir.«

»Sie sehen Gespenster, Patrick. Es sind nicht alle Menschen schlecht.«

»Komischerweise haben wir beide bei unseren Projekten bisher immer ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich verstehe nicht, dass Sie das so gelassen sehen.«

Peter hielt den Franzosen an der Schulter fest und sah ihn eindringlich an. »Lassen Sie mich eines klarstellen, Patrick: Ich bin keineswegs gelassen. Dieses Projekt ist das wichtigste, das ich je unternommen habe. Für mich steht hier wesentlich mehr auf dem Spiel als nur das Geld. Es geht um meinen Ruf. Alles, was ich in Jahrzehnten aufgebaut habe, meine ganze Karriere, alles gipfelt in diesen Forschungen hier. Ohne theatralisch werden zu wollen, aber diese wenigen Tage hier können mein Lebenswerk zunichte machen! Doch im Gegensatz zu Ihnen suche ich nicht ständig Feinde, sondern möchte das hier mit aller Macht durchsetzen.«

»Mir geht es auch nicht anders! Aber während Sie sich auf Atlantis konzentrieren, muss sich ja jemand darum kümmern, dass uns der Rücken freigehalten wird. Sonst wird das nämlich nix mit Lebenswerk und so.«

Peter setzte zu einer Antwort an, stockte und nickte dann.

»Sicher. Sie haben ja recht. Wir haben beide unsere Art, damit umzugehen. Sie machen das schon richtig.«

»So«, sagte Patrick. »Jetzt werde ich mal sehen, ob ich Nachrichten aus Frankreich habe. Kommen Sie mit?«

»Nein, ich komme später hinzu. Kathleen hat ein paar Presseberichte bekommen, und wir wollen das weitere Vorgehen besprechen.« Patrick hob einen Finger, aber Peter fuhr fort: »Ja, ich weiß. Ich soll vorsichtig sein.« Patrick grinste. »Da sehen Sie: Geht doch.«


Zurück in seiner Kabine setzte Patrick sich vor den Rechner und rief seine E-Mails ab. Marie hatte geantwortet. Sie hatte einen umfangreichen Anhang aus Dokumenten geschickt und nur wenige Zeilen Text als Anschreiben.


Salut Patrick,

mon dieu, vermutlich wisst ihr nicht, was ihr da gefunden habt. Es ist atemberaubend!

Anbei die Analyse, aber es gibt noch viel zu erzählen.

Hast du ein Chat-Programm, einen Instant Messenger oder so etwas? Schreib mir deine Daten. Ich bin heute noch lange im Büro, meld dich.

Marie


Patrick öffnete die Unterlagen, die Marie ihm gesandt hatte. Sie sahen auf den ersten Blick ähnlich aus, wie das, was Gérard schon einmal geschickt hatte, nur dass es dieses Mal deutlich mehr Material war.

Vermutlich war es sinnvoller, mit Marie in direkten Kontakt zu treten, bevor er versuchte, sich selbst einen Reim darauf zu machen. Er untersuchte die Liste der auf dem Rechner installierten Programme und fand schließlich eines, mit dem sich eine Chat-Verbindung aufbauen ließ. Er startet es und legte sich einen Account an. Anschließend überlegte er kurz, ob er Peter zu der Unterhaltung hinzuholen sollte, schickte die Daten dann aber an Marie und wartete darauf, dass sie sich melden würde.

Es dauerte nicht lange, bis sich ein kleines Nachrichtenfenster öffnete.


M: Salut, Patrick!


Patrick rutschte im Stuhl nach vorn und tippte zurück.


P: Salut, Marie. Vielen Dank für die Unterlagen.

M: Hast du sie schon gelesen?

P: Nur überflogen. Was gibt es denn darüber zu erzählen?

M: Ihr habt da eine großartige Entdeckung gemacht! Und es stammt tatsächlich aus 3500 Metern Tiefe?

P: Ist es wirklich eine Sprache?

M: Nicht nur das. Ich konnte auch einiges davon entziffern. Du findest es im Bericht.

P: Entziffern?! Wir wissen doch nicht einmal, was für eine Sprache es ist.

M: Nein, stimmt. Aber ich habe es mit den Strukturen altägyptischer Hieroglyphen vergleichen lassen. Und die Ähnlichkeiten sind groß. Auch, wenn es andere Zeichen sind. Aber es gibt eine enge Sprachverwandtschaft. Die Strukturanalyse unserer Software hat das bestätigt.

P: Könnte es eine Art Ur-Ägyptisch sein?

M: Strukturell ja. Die Zeichen sind aber ganz andere. Sie erinnern zum Teil mehr an Maya-Glyphen. Auch damit habe ich Vergleichstests durchgeführt. Dabei habe ich ein ähnliches Zahlensystem gefunden.

P: Und was steht nun in den Texten?

M: Das findet ihr alles ausführlich in den Dokumenten, die ich geschickt habe. Das Erste waren ja irgendwelche Platten. Darauf befinden sich Namen, Amtstitel und offenbar Jahreszahlen. Regierungszeiträume oder etwas in der Art.

P: Jahreszahlen?

M: Ja, aber die nutzen uns nicht viel, weil wir das Kalendersystem nicht kennen. Wir können es also nicht umrechnen. So wie es aussieht, sind es aber Gedenktafeln, oder ähnlich offizielle Inschriften, wie man sie von den Mayas kennt. Vielleicht Grabsteine.

P: Soundso hat von dann bis dann regiert?

M: Ja, solche Sachen.

P: Und die anderen Zeichen?

M: Die Screenshots aus dem Film, meinst du?

P: Ja.

M: Sehr verrückt. Was war das, was ihr da gefilmt habt? Eine Maschine oder so?

P: Wie kommst du darauf?

M: Sah sehr technisch aus.

P: Ja, mag sein. Was stand denn dort?

M: Das meiste schienen nur Zahlenreihen zu sein. Irgendwelche Werte oder Beschriftungen, die vielleicht mit der speziellen Stelle zu tun haben, an der sie angebracht sind. Aber der eine Text war länger. Moment, ich hole ihn.

P: Okay...

M: So, da bin ich wieder. Dort steht – jedenfalls nach meiner Übersetzung: ... Siegel dessen, was tief ist. Hüter des Wissens. Was tot scheint, schläft wartend.

P: Bist du sicher?

M: Na ja, so sicher, wie man sich sein kann, wenn man die Schrift einer vor elftausend Jahren versunkenen Kultur zu entziffern versucht.

P: Moment, wer hat etwas von elftausend Jahren gesagt?

M: Na, wenn ihr Atlantis sucht, ist das der Zeitraum, um den es geht. Ich habe meinen Platon auch gelesen, weißt du ;-)

P: Ich habe auch nichts von Atlantis gesagt!

M: Patrick, es gehört nicht viel dazu, sich das zusammenzureimen. Außerdem geht es durch die Presse. Jedenfalls im Internet.

P: Verdammt. Sag mal, hast du ein Headset? Ich weiß, dass Gérard eins hat. Mit diesem Programm hier können wir auch telefonieren.

M: Nein, ich habe kein Headset hier. Aber warum möchtest du denn mit mir sprechen?

P: Nur so. Wäre persönlicher.

M: Ha! Ich verstehe schon... Aber vielleicht möchte ich gerade das ja nicht?

P: Touché!

M: Vielleicht ein anderes Mal, okay? Ihr seid jedenfalls schon kleine Berühmtheiten, wenn man sich auf den Websites der Verschwörungstheoretiker und der Sucher nach antikem Wissen umsieht.

P: Tatsächlich? Und was schreiben die so über uns?

M: Ach, lauter dummes Zeug. Am besten, du suchst selbst mal ein paar Websites im Netz und liest nach.

P: Danke nein, dafür müsste mir schon ziemlich langweilig sein. Ich denke, wir haben im Moment Besseres zu tun.

M: Ja, das denke ich auch. Gibt's noch mehr Bilder und Texte?

P: Bisher nicht, aber ich halte dich auf dem Laufenden! Vielleicht haben wir heute Abend schon neues Material.

M: Großartig. Ich freue mich. Und viel Glück euch!

P: Danke für die Hilfe. Bis dann.


Patrick schaltete das Programm aus und lehnte sich zurück. Nun gab es keinen Zweifel mehr daran, was sie entdeckt hatten! Und die Beschriftung der merkwürdigen Armatur... Siegel dessen, was tief ist. Marie konnte nichts von dem Phänomen der schwarzen Trennschicht wissen, und dennoch passte die Übersetzung. Ob es nun ein Kraftfeldgenerator war oder was auch immer: Es war also tatsächlich eine Apparatur, die das schützte, was darunter verborgen lag!


»Nun, dann erzählen Sie mal«, sagte Peter, der sich mit Kathleen an einen Tisch in der Messe gesetzt hatte.

»Die letzte Pressemitteilung ist ganz gut angekommen«, erklärte sie und reichte Peter einige Ausdrucke. »Diese Zeitungen haben sie abgedruckt. Zum Teil stark gekürzt oder kommentiert, natürlich. Aber im Großen und Ganzen sind sie neutral. Keine weiteren Lästereien.«

Peter studierte die Ausdrucke kurz. »Gut, das ist ja immerhin schon ein kleiner Erfolg.«

»Außerdem haben wir noch einmal zwei Interviewanfragen bekommen.«

»Tatsächlich?«

»Das eine ist ein Online-Magazin. Mysterika.com nennt es sich. Ich habe mir die Website etwas näher angesehen. Es sind hauptsächlich Artikel über antike Mysterien, Ufo-Forschung und dergleichen. Dahinter steckt ein Verlag, der das Magazin verwendet, um zugleich seine Bücher zu bewerben, die alle in dieselbe Richtung gehen.«

»Sollte man denen ein Interview geben?«

»Ich würde sagen, ja. Man sollte den Multiplikationsfaktor solcher Webseiten und Communities nicht unterschätzen. Dass man dort Gerüchte verbreitet und spekuliert, können Sie ohnehin nicht verhindern, also warum nicht ein bisschen Substanz bieten? Aber natürlich entscheiden Sie das selbst.« Peter verzog den Mund. »Und die andere Anfrage?«

»Da geht es wieder um Coast to Coast AM. Die fragen an, ob Sie für ein Interview zur Verfügung stehen.«

»Was ist das für ein Sender?«

»Es ist eine Radioshow, die abends ab zehn Uhr läuft. Es geht darin meist um ungewöhnliche Themen, Paranormales, Verschwörungen, Mysterien und dergleichen. Die Interviews sind oft live, Anrufer von überall aus den Staaten werden durchgeschaltet und können Fragen stellen.«

»Klingt nicht sonderlich wissenschaftlich...«

»Oh, es sind sogar sehr oft Wissenschaftler da! Auch über meine Fernsehshows wurde da schon viel diskutiert. Die Sendung hat einen sehr großen Hörerkreis. Hier zuzusagen, würde ich ausdrücklich empfehlen.«

»Es geht mir nicht allein darum, Werbung für unsere Ideen zu machen«, betonte Peter. »Sondern um die Seriosität der Berichterstattung, darum, ernst genommen zu werden.«

»Bei National Geographic

»Als Magazin für Laien, ja, zum Beispiel. Aber natürlich auch wissenschaftliche Publikationen.«

»Solche, die keiner liest? Peter, glauben Sie mir, wenn Sie möchten, dass Sie ernst genommen werden, dann müssen Sie zunächst beachtet werden. Sie wissen selbst, wie fragwürdig das Thema Atlantis ist. Sie benötigen Aufmerksamkeit, damit man nicht um Sie herumkommt, damit man sich mit Ihnen beschäftigen muss.«

»Und Sie denken, diese Sendung kann das erreichen?«

»Aktive Pressearbeit ist notwendig, wenn Sie nicht möchten, dass Gerüchte das Einzige sind, was über Sie kursiert.« Sie lächelte. »Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.«

Peter dachte einen Moment lang nach. »Gut, einverstanden«, sagte er dann. »Finden Sie heraus, wann das Interview stattfinden soll!«

»Gerne!« Sie stand auf. »Ich werde mich mit Jerry in Verbindung setzen.«

»Jerry?«

»Jerry Robbins. Das ist der Moderator. Ich kenne ihn ganz gut.«

Als Kathleen den Raum verließ, stieß sie fast mit Patrick zusammen, der gerade hineinwollte. Sie setzte ein breites Lächeln auf, als sie an ihm vorbeiging.

Patrick beachtete sie nicht. Er kam zu Peter an den Tisch.

»Wir haben es geschafft!«

»So?« Peter hob eine Augenbraue.

»Marie hat die Zeichen übersetzen können!«

»Nein! Tatsächlich? Wie denn das?«

»Sie sagte, die Strukturen seien ähnlich wie beim Ägyptischen, und mit ihren Rechnern war sie in der Lage, die Texte zu entschlüsseln.« Er legte die Unterlagen, die sie ihm geschickt hatte, vor Peter auf den Tisch, schob sie auseinander und deutete auf ein Blatt. »Hier, die Texte.«

Peter sah sich die Übersetzungen an.

»Unfassbar...«, sagte er nach einer Weile.

»Sie haben Atlantis gefunden, alter Knabe!«

»Tja, es scheint wohl so...« Peter blätterte in den Papieren, las einzelne Passagen. »Nur...«

»Was?«

»Wenn etwas zu gut scheint, um wahr zu sein, ist es ja oft nicht wahr... Ich denke nur...«

»Nun kommen Sie schon, was gibt es denn noch zu zögern?«

»Halten Sie es nicht für unwahrscheinlich, dass jemand in der Lage sein sollte, eine fremde Sprache und Schrift in so kurzer Zeit zu übersetzen? Zudem ist Ihre Marie doch sicher keine Sprachwissenschaftlerin, oder habe ich nicht recht? Also, woher sollte sie so viel über antike Sprachen wissen?«

»Machen Sie das jetzt, um mich zu ärgern?«

»Warum? Was meinen Sie?«

»Ist schon gut. Einer von uns muss wohl immer der Bremser sein.«

»Ich bremse nicht. Ich habe lediglich Bedenken geäußert.«

Patrick winkte ab. »Wie auch immer. Ich dachte jedenfalls, es interessiert Sie.«

»Tut es, tut es! Es ist äußerst faszinierend!«

»Also dann«, sagte der Franzose und wandte sich zum Gehen. »Ich werde mir die Vorbereitungen des U-Boots ansehen. Wir treffen uns zum Mittagessen.«

Peter blieb allein zurück und studierte die Unterlagen, so gut er konnte. Das zunehmende Schaukeln des Schiffes machte ihm allerdings zu schaffen. Der Seegang schien stärker geworden zu sein. Er musste zugeben, dass die in den Dokumenten beschriebene Herangehensweise, die Ergebnisse und die Ableitungen allesamt sehr logisch waren. Seine eigenen Kenntnisse der ägyptischen Hieroglyphenschrift bestätigten ihm auch, was die Analysen herausgefunden hatten. Zusammen mit der Tabelle der Schriftzeichen und ihrer Bedeutungen, konnte er die Übersetzung in Anlehnung an die ägyptische Sprachstruktur tatsächlich nachvollziehen. Nur wurde aus den Dokumenten nicht klar, wie Marie – oder ihr Computersystem – die Bedeutung und Laute der einzelnen Zeichen hatte herausfinden können. Nun, es hatte wohl keinen Zweck, sich darüber jetzt den Kopf zu zerbrechen. Selbst wenn die Übersetzung nicht stimmte, so war doch auf jeden Fall klar, dass es sich um eine bisher unbekannte Sprache handelte, und das allein war bereits eine Sensation.

Peter stand auf und wollte gerade gehen, als Kathleen zurückkehrte.

»Es geht jetzt sofort«, sagte sie etwas atemlos. »Es gibt seit Neuestem eine Mittagssendung, und die fängt in einer halben Stunde an. Jerry war bereit für eine kurzfristige Programmänderung. Ich habe ihm schon zugesagt.«

Peter stockte. »Das... ist reichlich spontan. Ich hätte mich gerne vorbereitet.«

»Ach was, Peter. Sie sind so klug, das haben Sie doch alles im Kopf.« Dann lächelte sie ihn an und strich ihm über den Rücken. »Und Sie sind so charmant... das machen Sie doch mit links, hm?«

»Und wie wird das ablaufen?«

»Wir telefonieren vom Rechner aus, Jerry stellt Fragen, Sie erzählen. Und hinterher gibt's vielleicht noch ein paar Fragen von Zuhörern. Ganz einfach.«

»Augenblick, wieso Fragen von Zuhörern? Ist das etwa live?«

»Aber ja, das hatte ich Ihnen doch schon gesagt.« Sie lachte auf. »Was haben Sie denn geglaubt?«

Peter runzelte die Stirn. »Ich hatte gedacht...«

»Ach, Peter.« Wieder strich sie über seinen Rücken. »Das wird ein Kinderspiel. Ich weiß doch, was Sie für ein toller Redner sind.«

»Und wo werden wir telefonieren?«

»In meiner Kabine natürlich!«

»Natürlich.«


»Willkommen bei Coast to Coast AM, hier ist Jerry Robbins, und heute haben wir ganz überraschend einen ganz besonderen Gast. Wir haben schon einige Sendungen über das Bermuda-Dreieck gemacht. Einige der Hörer werden sich sicher auch an die Sendungen über unseren viel zitierten Edgar Cayce erinnern, über die Hallen der Aufzeichnungen auf Kuba oder über die Bimini-Straße. Heute haben wir Professor Peter Lavell live am Telefon. Er ist nicht bei uns im Studio, weil er sich in diesem Augenblick im Atlantik, nordöstlich von Great Abaco Island auf der Argo 2K befindet, einem der größten privaten Forschungsschiffe. Und er sucht und glaubt gefunden zu haben – halten Sie sich fest –, Atlantis! Professor Lavell, herzlich willkommen!«

Peter saß neben Kathleen und sah auf ihren Computerbildschirm. Dort war zwar nicht viel zu sehen, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dort hineinsprechen zu müssen. Er trug ein Headset, dessen stäbchendünnes Mikrofon vor seinem Mund schwebte. Es war eine merkwürdige Situation, die nicht dadurch besser wurde, dass die Reporterin so dicht an ihn herangerückt war, dass ihr Bein seines berührte. Es kam ihm nicht ganz zufällig vor. Dennoch bemühte er sich, die Fragen des Moderators so sachlich wie möglich zu beantworten, immer darauf bedacht, so konkret zu sein, dass es fundiert klang, aber zugleich so vage, dass er keine Details verriet. Er stellte im Verlauf des Gesprächs fest, dass er sich nicht recht im Klaren darüber war, welches diese Details waren, die er nicht preisgeben wollte, und weshalb. Etwas mahnte ihn zur Zurückhaltung, aber nach einer Viertelstunde fühlte er sich einigermaßen sicher, dachte nicht mehr daran, dass ihm in diesem Moment einige hunderttausend Amerikaner zuhörten, und ertappte sich bei allzu weitschweifigen Ausführungen, worauf ihn auch schon Kathleen aufmerksam machte, indem sie ihm mit Zeichen zu verstehen gab, er möge mal eine Pause machen. Eine weitere Viertelstunde später meinte er das Aufatmen des Moderators zu hören, als dieser versuchte, das Gespräch zu beenden.

»So, das war wirklich sehr interessant, Professor Lavell. Wir haben jetzt viel erfahren, und ich sehe, dass die letzten Minuten der Sendung angebrochen sind. Die Zeit, in der auch unsere Zuschauer noch Fragen stellen können. Und da ist schon ein Anrufer. Hallo, dies ist Coast to Coast AM mit Jerry Robbins. Wer ist dort?«

»Ja, hallo, hier ist Matt Grands. Ich habe eine Frage an Professor Lavell, dessen Arbeit ich seit Jahren verfolge. Professor, denken Sie, dass Sie in Atlantis eine der Hallen der Aufzeichnungen finden werden?«

»Vielen Dank, Matt. Professor, was meinen Sie? Befindet sich in Atlantis eine der Hallen der Aufzeichnungen, wie sie Cayce beschrieben hat?«

»Ich bin mit den Vorhersagen und Texten von Edgar Cayce nicht sonderlich vertraut«, begann Peter. »Daher kann ich Ihnen das nicht beantworten. Vielleicht nur so viel: Ich halte es für wahrscheinlich, dass diese untergegangene Kultur, deren Spuren wir gefunden haben, weit fortschrittlicher war als andere antike Völker, die wir heute kennen. Und wie es so ist: Bei archäologischen Untersuchungen findet man immer Informationen, die das bisherige Weltbild erweitern. Insofern kann man also wohl sagen, dass uns diese Kultur ihre Aufzeichnungen hinterlassen hat. Wir werden mit Sicherheit viel daraus lernen können.«

Jerry lachte auf. »Sehr elegant beantwortet, vielen Dank. Hier ist noch ein Anrufer. Hallo, dies ist Jerry Robbins, sie sind live bei Coast to Coast AM. Wer ist da?«

»Hallo? Also hier ist Eleonora Fawles aus Michigan. Ich möchte den Professor fragen, ob er glaubt, dass die Atlanter auch an das Alte Testament geglaubt haben.«

»Oh, eine Frage über die Religion dieser Kultur, sehr gut. Professor Lavell, was denken Sie darüber?«

Peter sah mit gerunzelter Stirn zu Kathleen, die ihm aufmunternd zunickte.

»Nun, also...«, begann er, »Wir wissen, dass die jüdischchristliche Geschichtssammlung, die wir als das Alte Testament kennen, seine Ursprünge in der vorchristlichen Zeit hat. Die ältesten Teile, der Pentateuch, also die fünf Bücher Mose, die den Juden als die Thora bekannt sind, haben sich in der Zeit um fünfhundert bis eintausend vor Christus aus einer Vielzahl älterer Quellen gebildet. Die Kultur nun, die wir hier suchen, ist deutlich älter als das, älter sogar noch als die ägyptische Kultur. Es geht hier um einen Zeitraum zwischen fünf- und zehntausend vor Christus. Was aber nicht heißen soll, dass es keine Verbindung geben könnte. Zu den älteren Quellen, die offenbar in das Alte Testament eingeflossen sind, gehört ja, wie allgemein bekannt ist, das Gilgamesch-Epos. Schon das führt uns eintausend Jahre tiefer in die Vergangenheit als der Pentateuch. Denkbar ist, dass wir nun weitere Spuren finden, eine Kultur- und Religionsgeschichte, die noch viel älter ist und ebenfalls einen Einfluss gehabt hat.«

»Darf ich noch eine Nachfrage stellen?

»Aber bitte sehr«, antwortete Jerry.

Man hörte, wie sich die Dame am Telefon räusperte. »Das klingt alles so, als würden Sie nicht glauben, was im Alten Testament steht, Professor Lavell. Glauben Sie nicht an Gott?«

»Meine Güte!«, zischte Peter der Reporterin halblaut zu. »Was ist das denn für eine Frage?!«

»Bleiben Sie einfach Sie selbst«, gab sie beruhigend zurück.

»Sehen Sie«, begann Peter nach einem Augenblick, »als Junge habe ich einmal auf die Frage, was zwei plus zwei sei, geantwortet: ›Ich glaube: vier.‹ Nun, die Antwort kam mit einer Backpfeife. Ob ich es denn nun wüsste oder nicht – ich sei schließlich nicht im Religionsunterricht. Ein Wissenschaftler sollte per definitionem wissen und nicht glauben. Ich weiß so viel: Dass man Gott weder beweisen noch widerlegen kann. Daher kann ich sagen: Nein, ich glaube nicht an Gott. Ebenso wenig, wie ich glaube, dass zwei plus zwei vier ergibt. Letzteres weiß ich. Gott allerdings bleibt ein Rätsel, denn man kann Gott nicht wissen, sondern nur glauben. Und vielleicht ist es auch gut so. Denn der Geschichte nach sind Adam und Eva bereits einmal für ihr Bestreben, das absolute Wissen zu erlangen, bestraft worden.«

Peter spürte, wie Kathleen mit ihrer Hand auf sein Bein klopfte. »Gut! Das war gut!«, raunte sie ihm erfreut zu.

»Wir haben noch einen Anrufer«, sagte Jerry. »Frank Meyer aus Seattle in Washington. Bitte Frank, stellen Sie dem Professor Ihre Frage.«

»Guten Abend, Professor Lavell. Sie haben es eben selbst gesagt, es geht hier um eine Zeit lange vor der Bibel, lange vor den Ägyptern. Denken Sie, dass es möglich wäre, dass diese atlantische Kultur der Ursprung von allem ist? Dass sie die Schöpfer von allem waren, was später kam?«

Peter hob die Augenbrauen und blies seine Backen auf. Wieder sah er zu Kathleen, die ihn einfach nur aufmerksam betrachtete. Was sollte man auf so eine Frage antworten? Die Bewohner von Atlantis als Schöpfer? Und wovon? Von allem? Dem Himmel und der Erde?

»Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, was Sie genau meinen«, sagte Peter schließlich. »Können Sie Ihre Frage spezifizieren?«

»Es geht mir um die Evolution«, erklärte der Anrufer. »Wir wissen heute, dass vieles, was die althergebrachte Evolutionstheorie zu erklären versucht, nach dem Stand der Wissenschaft nicht mehr haltbar ist. Die postulierten spontanen Mutationen, die nötig wären, um völlig neuen Arten zu schaffen, kommen nicht vor. Außerdem gibt es das Problem der nicht reduzierbaren Komplexität kleinster funktionstüchtiger Organe. Ihnen ist das sicher alles bekannt. Führende Wissenschaftler sind sich einig, dass der Evolutionsprozess initiiert und gesteuert gewesen sein muss, dass alles einem intelligenten Designplan folgt. Denken Sie, dass dies von den Bewohnern von Atlantis ausgegangen sein könnte?«

Peter zögerte. Es war immer wieder erstaunlich, welchen absurden Ideen die Leute bisweilen folgten. Er hoffte nur, dass nicht noch weitere Anrufer dieser Art in der Leitung waren.

»Zugegeben, wir haben Hinweise gefunden, dass diese Kultur technisch weit fortgeschritten gewesen ist«, sagte er. »Allerdings, wie weit auch immer sie entwickelt gewesen sein mag: Einen Einfluss auf die Evolution könnte sie nur gehabt haben, wenn man gleichzeitig annimmt, dass die Evolution nicht bereits seit mehreren Millionen Jahren im Gange ist, sondern erst vor zehntausend Jahren begonnen hat.«

»Aber unter dieser Prämisse halten Sie es für denkbar?«

Peter verdrehte die Augen, entschloss sich aber, sich höflich herauszureden. »Ich kann keine Voraussagen über die Details dessen machen, was wir erst noch herausfinden müssen. Aber ich lehne keine Idee kategorisch ab. Nur das ermöglicht es uns, unbefangen neue Zusammenhänge zu entdecken.«

»Tja, unsere Zeit ist leider um«, hakte nun der Moderator ein, und Peter atmete auf. »Es war enorm spannend, Ihnen zuzuhören, und noch spannender wird es zu erfahren, was Sie noch finden werden. Professor Lavell, ich danke Ihnen – auch im Namen unserer Zuhörer – für dieses Gespräch! Seien Sie versichert, dass wir Ihre Forschung weiter verfolgen werden.«

»Ich bedanke mich für Ihr Interesse«, gab Peter zurück, und kurz darauf klang Musik aus dem Lautsprecher des Computers. Das Radioprogramm lief weiter. Jerry war allerdings noch am Hörer.

»So, das ist doch gut gelaufen, Professor. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.«

»Aber ja doch. Vielen Dank für die Einladung.«

»Gerne. Richten Sie Miss Denver einen schönen Gruß von mir aus, vielleicht ist sie ja gerade bei Ihnen. Und lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Atlantis gefunden haben. Ich mache gerne eine Exklusivsendung über Sie, wenn es so weit ist.«

»Vielen Dank. Ich weiß das zu schätzen. Miss Denver setzt sich gegebenenfalls mit Ihnen in Verbindung. Bis bald.«

Peter nahm das Headset ab, und Kathleen bediente einige Knöpfe am Rechner, mit denen sie das Programm ausschaltete.

»Das war wirklich großartig, Professor!«, sagte sie und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. »Man könnte Ihnen stundenlang zuhören. So ein ungeheures Wissen. Und Sie können sich so elegant ausdrücken.«

Peter stand ungelenk auf. Auch, um ihre Hand loszuwerden. Zwar mochte er die Wärme, die von ihr ausging, aber irgendwie war ihm die Berührung danach peinlich und unangenehm. »Nun, vielen Dank. Ich habe mein Bestes getan.«

»Man merkt, dass Sie es gewohnt sind, vor vielen Leuten zu sprechen.«

»Nur die Fragen waren etwas... merkwürdig.«

»Ja, fanden Sie?«

»Ob man in Atlantis an Gott geglaubt hat! Ob die Atlanter die Evolution gesteuert hätten! Also wirklich...« Er schüttelte den Kopf.

»Haben Sie noch nie daran gedacht?« Sie stand auf, stellte sich vor ihn und legte den Kopf ein wenig schief. »Sie beschäftigen sich doch auch mit Religionsgeschichte. Sicher kennen Sie die ganzen Theorien darüber, dass Berichte aus dem Altertum auf den Kontakt mit höher entwickelten Wesen zurückzuführen sind. Die Geschichten über Engel, über die Cherubim, die Geschichten von Hesekiel... Könnte es nicht wahr sein? Nicht nur die jüdische Mystik ist voll davon. Es gibt ähnliche Beschreibungen in so vielen andern Kulturen! Und sind Sie nicht selbst gerade auf der Spur des möglichen Ursprungs der Sintflutlegenden, die es weltweit gibt?«

Er lächelte sie an. Nicht nur, weil sie ihn mit so großen Augen ansah, sondern weil sie ihn so schlau umgarnte. »Sie versuchen, mich mit meinen eigenen Waffen zu schlagen.«

»Aber Peter!« Sie lächelte zurück und trat noch näher an ihn heran. »Welche Chance hätte ich da gegen Sie...«

Peter fühlte, wie sich Kathleens Arm federleicht um seine Hüfte legte.

»Das ist etwas irritierend...«, murmelte er.

Sie lachte leise auf und zog ihn ganz sanft an sich heran. »Ich irritiere Sie? Was soll ich da erst sagen?«

»Die Fragen«, stieß er hervor. »Die Fragen meine ich.« Er trat einen Schritt zurück und zog sie mit sich. »Die waren... irritierend. Und ich denke nicht...«

»Ja... ?«

Er umfasste ihr Handgelenk hinter seinem Rücken und schob ihren Arm beiseite. »Ich glaube nicht, dass das richtig ist, Miss Denver. Kathleen.«

»Aber ich dachte...« Sie ließ ihren Arm sinken und setzte eine Miene auf, die zwischen Brüskiertheit und Enttäuschung schwankte.

»Bitte verstehen Sie mich nicht falsch!«, bemühte sich Peter zu erklären. »Ich weiß Ihr Wohlwollen durchaus zu schätzen. Aber ich denke einfach nicht... also, ich meine... Jedenfalls vielen Dank.«

Kathleen sah ihn einen Moment lang schweigend an, während sich ihre Gesichtszüge zunehmend verhärteten. »Also dann«, sagte sie schließlich, »nachdem das geklärt wäre... Bis später!« Damit drehte sie sich um, verließ den Raum und ließ Peter perplex zurück.


Patrick stand am Heck des Schiffes und beobachtete die Vorbereitungen. Die weiß lackierte Form des U-Boots stach wie ein übergroßer, gestrandeter Belugawal zwischen den Deckaufbauten hervor. Alvin wurde gerade richtig positioniert, sodass er mit dem ausladenden Kran über Bord gehievt werden konnte. In einiger Entfernung diskutierte Susan mit zwei Männern der Besatzung. Sie trug bereits ihren Tauchanzug, dessen Oberteil wie schon beim letzten Mal noch geöffnet um ihre Hüften baumelte. Sie macht eine verdammt gute Figur, überlegte Patrick. Aber vermutlich war sie tatsächlich ein Wildfang, und er musste sich eingestehen, dass er für solche Spielchen langsam zu alt wurde. Oder vielleicht auch zu abgeklärt. Seit er sich vor einigen Tagen Gedanken über Stefanie gemacht hatte und das, was ihn an ihr fasziniert hatte, war sein jungenhaftes Interesse an Susan verblasst.

»Ganz schön aufgewühlt.«

Es war Peter, der herangekommen war und nun neben Patrick an der Reling stand.

»Oh, da sind Sie ja. Wie war es mit Kathleen?« In Patricks Stimme schwang eine neckische Zweideutigkeit mit.

»Fragen Sie mich nicht. Ich erzähle es Ihnen ein anderes Mal.«

Patrick zuckte mit den Schulten. »Ich muss ja nicht alles wissen.«

»Täuscht es, oder ist das kubanische Schiff näher gekommen?«, fragte Peter mit einem Blick auf die Wellen.

»Näher gekommen ist gut! Man kann ihnen mit dem Fernglas in die Kombüse gucken.«

»Vermutlich wissen wir noch immer nicht, was sie wollen.«

»Nein. Aber ich denke, sie spionieren uns aus. Wollen bestimmt beobachten, was wir tun.«

»Zu welchem Zweck?«

»Wer weiß schon, was in deren Köpfen vor sich geht. Würde mich nicht wundern, wenn die im Kontakt mit ihrem Saboteur hier an Bord stehen. Der funkt ihnen alle möglichen Daten rüber und winkt ihnen von irgendwo fröhlich zu.«

»Meinen Sie wirklich?«

»Ach, keine Ahnung. John hat jedenfalls die Mannschaft instruiert, alles doppelt zu checken und besonders wachsam zu sein. Ah, wenn man von ihm spricht...«

Peter folgte Patricks Blick. Der Kapitän kam gerade auf sie zu.

»So, Gentlemen«, sagte er, als er heran war, »es geht gleich los. Sind Sie schon aufgeregt?« Er lächelte.

»Meine Begeisterung, bei diesem Seegang in das kleine Ding dort zu steigen«, sagte Peter, »hält sich ehrlich gesagt in Grenzen.«

»Er freut sich wie verrückt, will er sagen«, erklärte Patrick und lachte.

»Sie sollten sich jetzt umziehen gehen«, sagte John. »Leichte und bequeme Schuhe, eine lange Hose, und nehmen Sie einen Pullover mit, es wird frisch in der Büchse. Denken Sie auch daran, noch einmal auf Toilette zu gehen. Sie werden in den nächsten Stunden keine Gelegenheit dazu haben. Alvin II sinkt mit achtundvierzig Metern pro Minute, es dauert also fast anderthalb Stunden, bis Sie unten sind, der Aufstieg noch mal so lang. Also drei Stunden reine Wegzeit, zuzüglich der Zeit, die Sie unten verbringen möchten.«

»Was ist mit dem aufgewühlten Meer?«, fragte Peter. »Ist das kein Problem?«

»Nur an der Oberfläche wird's etwas ruppig. Nach ein paar Minuten sind Sie aber schon tief genug, dort spielt der Wellengang keine Rolle mehr, nur noch die Strömung. Zur Sicherheit gibt's es aber natürlich Spucktüten an Bord.«

»Das ist sehr beruhigend.« Peter klang wenig überzeugt.


Eine Viertelstunde später waren Peter und Patrick bereit und standen unter dem Kran der Argo und vor dem Gestell, das als Treppe für den Zugang zum U-Boot diente, dessen Einstiegsluke sich auf seiner Oberseite befand.

Kathleen hielt sich ein wenig abseits, hatte die Kamera geschultert und filmte sie.

Aus der Luke kam der Kopf von Dick. »Sie können einsteigen, alles ist vorbereitet.« Dann verschwand er wieder im Inneren.

Patrick stieg die Stufen hinauf und ließ sich in die Luke gleiten. Peter folgte ihm, sah einen Moment lang in das dunkle Loch, das ihn wie ein Eingang zur Kanalisation anmutete, und kletterte dann ebenfalls hinunter.

Das Innere war deutlich kleiner, als er von außen vermutet hatte. Es war, wie er sich in Erinnerung rief, eine Sphäre, so konstruiert, um einem maximalen Druck standhalten zu können. Diese Sphäre machte lediglich das vordere Drittel des Bootes aus, und ihr Durchmesser betrug nur erschreckende zwei Meter. Aufrecht darin zu stehen wäre nur einer einzigen Person möglich gewesen. Allerdings saß im vorderen Teil der Pilot. Für die beiden begleitenden Personen waren an der linken und rechten Seite zwei Pritschen vorgesehen. Als Wissenschaftler verbrachte man den Tauchgang also liegend.

»Wenn Sie klaustrophobisch sind«, meinte Dick, der sich in seinem Sitz halb herumdrehte, »wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu sagen.«

»Ach«, winkte Patrick ab, »wir sind schon in so machen Katakomben herumgekrochen. Das macht ihm nichts.«

Peter zögerte. Die Enge war unangenehm, aber nicht halb so schlimm wie die Vorstellung, mit dieser Nussschale Tausende von Metern in die absolute Dunkelheit zu sinken. Andererseits, vielleicht vergaß man das, immerhin waren sie zu dritt, konnten sie sich unterhalten, und es würde hoffentlich einiges zu sehen geben – wenigstens, wenn sie erst einmal unten angelangt waren.

Aufgeregte Rufe, die von außen durch die noch offen stehende Luke klangen, rissen ihn aus seinen Gedanken.

»Was ist da los?«, fragte Patrick. »Lassen Sie mich mal vorbei, Peter.« Er drängte sich an dem Engländer vorbei und stieg nach oben. Als er aus der Luke blickte, sah er, dass sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Wasser richtete. Er stieg hinab und eilte zur Reling. Ein motorbetriebenes Schlauchboot tanzte auf den Wellen. Darauf befanden sich zwei Männer, ein dritter war im Wasser, klammerte sich an den Rand. Ebenfalls im Wasser erkannte Patrick Susans neonrote Flossen. Sie näherte sich dem Schlauchboot.

»Halt ihn fest!«

»Schnapp ihn!«

»Pass auf!«

Verschiedene Rufe ertönten. Fast die halbe Besatzung der Argo war hier versammelt, sie riefen, schwenkten die Arme und verfolgten die Vorgänge voller Anspannung.

Patrick entdeckte den Kapitän und ging zu ihm.

»Was ist los?«

»Das Boot gehört zur Libertad. Ist vor ein paar Minuten herübergekommen, und dann ist plötzlich Ricardo ins Wasser gesprungen. Sieht so aus, als wollten die Kubaner ihn abholen. Susan ist gleich hinterher.«

»Könnte es sein, dass er der Saboteur war?«

»Möglich wär's. Wir kennen ihn nicht näher. Er ist der Student, den wir in Nassau als Ersatz aufgenommen haben ...«

»Was macht sie denn da?!«, rief Patrick.

Susan, noch im Wasser, hatte sich an das Bein von Ricardo geklammert, der gerade von den Männern auf das schwankende Schlauchboot hochgezogen wurde. Sie versuchte, ihn zurück ins Wasser zu ziehen. Durch die Tauchflasche zusätzlich beschwert, sah es aus, als könnte es ihr gelingen. Doch der Mann trat um sich, und plötzlich erwischte er Susans Gesicht. Sie ließ von ihm ab, stürzte rückwärts in ein Wellental und wurde augenblicklich überspült.

Instinktiv setzte Patrick sich in Bewegung. Er kletterte über die Brüstung und sprang ins Wasser. Nur vage registrierte er, dass links und rechts neben ihm weitere Crewmitglieder denselben Impuls hatten.

Er tauchte steil ein, musste sich mühevoll nach oben kämpfen. Die vollgesogene Kleidung behinderte seine Bewegungen. Als er auftauchte, schlug ihm eine Welle ins Gesicht. Er schluckte Wasser, strampelte und kam schließlich prustend an die Oberfläche. Eine weitere Welle kam heran, er versuchte, sich von ihr nach oben tragen zu lassen, und endlich gelang es ihm, sich nach dem Schlauchboot umzusehen. Er hörte die Rufe vom Deck der Argo hinter sich, als er sich mit großen Schwimmzügen zu der Stelle bewegte, an der er Susan hatte untergehen sehen. Die Männer auf dem Schlauchboot gestikulierten heftig, einer machte sich bereit, ins Wasser zu springen. Als Patrick in die Nähe kam, tauchte er ab und versuchte, unter Wasser etwas zu erkennen. Das Salzwasser brannte in seinen Augen, er erkannte nur eine verschwommene, dunkelblaue Gleichförmigkeit. Dann aber nahm er ein neonrotes Leuchten wahr. Er stieg noch einmal an die Oberfläche, holte tief Luft und tauchte wieder hinunter. Er konnte die Entfernung nicht schätzen. Schon nach drei Metern schlug ihm der Druck auf die Ohren, und er spürte, wie ihm die Luft in den Lungen brannte. Er war zu hektisch, zu angestrengt, und er verfügte über keine Kondition mehr. Es war ein irrsinniger Gedanke, in diesem Zustand jemanden retten zu wollen. Er musste vielmehr an sich selbst denken! Er drehte um in Richtung Oberfläche, als er einen heftigen Schlag gegen den Kopf spürte. Nur für einen Sekundenbruchteil blitzte eine Schwimmflosse neben ihm auf, dann verlor er das Bewusstsein.


Wasser schlug ihm ins Gesicht. Entsetzt rang er nach Luft, bewegte sich nach vorn und spürte sogleich, wie er gegen etwas prallte, das ihn zurückstieß.

Patrick riss die Augen auf. Prustete. In seinem Blickfeld erschien die Gestalt eines Mannes, der ihn mit grimmigem Gesichtsaudruck ansah. Der Mann hatte einen Bart, sah südländisch aus und redete auf ihn ein, nein schimpfte. Auf Spanisch.

Patrick lag auf dem Rücken. Unter ihm harter Boden. Er war auf einem Schiff. Er war durchnässt. Sein Schädel dröhnte, ein dumpfer Schmerz pochte in seinen Schläfen. Er rollte sich auf die Seite und richtete sich langsam auf, als der Mann vor ihm etwas über seine Schulter rief. Patrick bemerkte einen Eimer, der vor ihm auf dem Boden stand. Der Boden war nass. Ihm wurde klar, wie man ihn gerade geweckt hatte.

»Sind Sie verrückt?!«, herrschte plötzlich jemand in gebrochenem Englisch. Patrick sah auf. Ein weiterer Mann war hinzugekommen. Er stand breitbeinig vor ihm und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. »Sie haben meine Männer im Wasser angegriffen, fast wäre Miguel draufgegangen!«

»Moment mal«, brachte Patrick hervor, der sich mühte aufzustehen. Er wedelte mit einer Hand. »Was ist hier los? Ich habe niemanden angegriffen.«

»Wollen Sie unverschämt werden?!«, schnauzte der Mann zurück. »Passen Sie auf, wie Sie auf meinem Schiff reden!«

Patrick rappelte sich auf, wankte und fand schließlich an der Reling hinter sich Halt.

»Sind Sie der Kapitän?«

»Mein Name ist Nuño González, ich bin der Leiter dieser Mission. Beten Sie, dass Comandante Manuel Sie nicht persönlich aufsuchen wird!«

»Können Sie mir jetzt bitte mal sagen, was Sie für ein Problem haben?«

»Das Problem haben Sie, amigo. Los, bringt ihn runter zu der kleinen puta, bis wir entschieden haben, was wir mit ihnen tun.«

Patrick wurde von zwei Männern an den Armen gepackt und fortgezerrt. Er war zu erschöpft, um sich wehren zu können, hatte Mühe, überhaupt einen Fuß vor den anderen zu setzen, um nicht mitgeschleift zu werden.

Sie brachten ihn unter Deck, eine Treppe hinunter, führten ihn durch schlecht belüftete Korridore und stießen ihn schließlich in eine Kabine, deren Tür sie hinter ihm verriegelten.


»Hier ist das Forschungsschiff Argo 2K, Captain John Harris. Libertad, melden Sie sich!«

Peter stand neben John auf der Brücke. Seitdem das Schlauchboot der Kubaner sowohl Susan als auch Patrick in verletztem Zustand an Bord geholt hatte und zum Mutterschiff zurückgefahren war, herrschte bei der Besatzung der Argo helle Aufregung. Einzig John schien der Vorfall nicht aus der Ruhe zu bringen. Im Gegenteil, er strahlte nun eine Zielstrebigkeit aus, die Peter deutlich machte, weshalb dieser Mann eine Führungsposition innehatte.

»Hier ist Capitán Manuel von der Libertad«, kam endlich eine Antwort über Funk. »Argo, sprechen Sie!«

»Sie haben zwei meiner Männer an Bord«, sagte John. »Vermutlich sind sie verletzt. Wir schicken ein Dingi, um sie abzuholen.«

»Negativ, Captain. Die Verletzten sind noch auf der Krankenstation und nicht transportfähig.«

Peter warf John einen erschrockenen Blick zu, aber der verzog nur den Mund und schüttelte den Kopf. »Lassen Sie mich mit ihnen sprechen, Capitán.«

»Das ist nicht möglich.«

»Ich muss darauf bestehen, dass Sie mir meine Leute unverzüglich aushändigen.«

»Captain, Sie riskieren die Gesundheit Ihrer Leute. Ich kann sie Ihnen erst übergeben, wenn sie sich erholt haben.«

»Lassen Sie das meine Sorge sein, ich übernehme die Verantwortung.«

»Ich bedaure...«

»Und ich habe Ihnen eine klare Anweisung gegeben. Sie haben kein Recht über meine Mannschaft. Ich schicke das Dingi jetzt auf den Weg. Over and out.«

»Meinen Sie, Susan und Patrick liegen tatsächlich auf der Krankenstation?«, fragte Peter, als John das Funkgerät ausgeschaltet hatte.

»Schwer zu beurteilen. Aber unwahrscheinlich, dass man sie nicht transportieren könnte. Ich denke viel eher, dass es sich um eine Taktik handelt, uns aufzuhalten. Jetzt, wo wir gesehen haben, dass sich Ricardo zu den Kubanern geschlagen hat, halte ich es für denkbar, dass die von Anfang an hinter unseren Schwierigkeiten steckten. Die Libertad wäre in der Lage, unser Sonar zu stören. Und die Kubaner waren es vielleicht auch, die den ersten Pressebericht über die angeblichen Schiffscontainer lanciert haben. Über Ricardo könnten sie an die Bilder gekommen sein.«

»Und war er es, der die Computersysteme sabotiert hat?«

»Das ist bisher nicht festzustellen gewesen. Er hat sich seitdem nicht mehr eingeloggt. Wir haben aber den Computer in seiner Kabine untersucht. Alle Verbindungs- und Nutzungsprotokolle darauf waren gelöscht. Was ihn immerhin verdächtig macht.«

Peter nickte. »Ob sie nun verletzt sind oder nicht, darf man sich dann wohl Sorgen um Susan und Patrick machen.«

»Weswegen wir uns das auch nicht gefallen lassen, Professor. Kommen Sie mit.«


»Was machst du denn hier?«

Patrick drehte sich zur Seite und entdeckte Susan, die auf einer Pritsche saß. Sie trug nicht mehr ihren Taucheranzug, sondern war nur mit einem Sportbikini bekleidet. Ihre Nase war leicht angeschwollen und blutverkrustet. Abgesehen davon schien sie fit zu sein.

Er sah sich um. Man hatte sie in einer schmucklosen Kabine eingesperrt. Er gab hier zwei einfache Betten, einen Schrank und einen Schreibtisch. Ein Bullauge ließ etwas Licht herein.

»Ich weiß es nicht«, sagte Patrick. »Ich war ins Wasser gesprungen, dann habe ich einen Schlag abbekommen und bin eben auf Deck mit einem Eimer Wasser geweckt worden. Keine Ahnung, wer mir da eins übergezogen hat oder was passiert ist.« Er trat auf Susan zu. »Aber wie geht es dir? Siehst ein bisschen aus, als wärst du gegen einen Schrank gelaufen. Sonst alles okay?«

»Ja, sonst ist alles okay.« Sie lächelte schief. »Aber was hattest du im Wasser zu suchen? Ihr wart doch schon im Jason.«

»Ich hatte die Schreie gehört und war wieder rausgekommen. Dann hatte ich gesehen, wie du versucht hast, diesen einen Kerl aus dem Boot zu ziehen und dir dabei einen Tritt eingefangen hast. Und dann bin ich hinterhergesprungen.« Er verzog seinen Mund zu einem breiten Grinsen. »Heldeninstinkt, weißt du?«

»Idiotisch«, bemerkte sie. »Ein Wunder, dass du so alt geworden bist. Helden sterben früh, weißt du?«

»O Mann, Doppeltreffer. Du kannst aber austeilen.«

»Bleibt mir nichts anderes übrig. Ihr Männer seid manchmal echt lästig.«

»Also entschuldige bitte, wenn dich mein Rettungsversuch belästigt hat!«

»Ist ja nicht so, als wäre ich gleich ertrunken, oder?«

»Es sah aber so aus.«

Jetzt lachte sie. »Ach, komm schon. Musst ja nicht gleich beleidigt sein. War süß von dir, okay? Idiotisch, aber süß. Zufrieden?«

»Ganz großartig.«

»Nun krieg dich ein. Mach dich lieber bereit, für den Fall, dass einer der Typen gleich wiederkommt.«

»Bereit? Wozu? Was haben die vor?«

»Ist mir egal. Will ich auch nicht wissen. Aber ich habe vor, dem eine reinzuhauen. Und dann nichts wie runter von dem Kahn.«

»Moment mal, wie stellst du dir das vor?«

»Wie ich es sage. Raus, an Deck und ins Wasser.«

»Und dann? Willst du zur Argo schwimmen? Außerdem könnten wir inzwischen wer weiß wie weit weg sein.«

»Nein, wir liegen vor Anker, das hätte ich sonst mitbekommen. Und bis zur Argo sind es höchstens fünfhundert Meter. Außerdem sind unsere Leute mit Sicherheit inzwischen auf dem Weg hierher.«

»Na, deine...« Zuversicht möchte ich haben, wollte er den Satz beenden, hielt sich aber gerade noch zurück. Jetzt klang er schon wie sein eigener Vater. Oder wie Peter. Was in etwa auf das Gleiche hinauskam.

»Meine was?«

»Nichts, ist schon gut.«

»Also, machst du mit?«

»Ja sicher.« Patrick sah sich in der Kabine um. Er entdeckte ein Stromkabel, das mit Klammern befestigt an der Fußleiste entlanglief. »Sehr gut. Das brauchen wir...«

Es dauerte keine zehn Minuten, bis tatsächlich jemand auftauchte. Ein Besatzungsmitglied kam herein und brachte eine Karaffe Wasser mit zwei Plastikbechern. Er entdeckte Patrick auf dem Boden und beugte sich nach unten.

Patrick sprang auf und rammte dem Mann seinen Kopf unter das Kinn, sodass dessen Zähne laut aufeinanderschlugen. Susan war im selben Augenblick zur Tür geeilt und schlug sie zu, damit keine Geräusche in den Gang dringen konnten. Aber es war unnötig. Der Mann wurde durch die Wucht nach hinten geschleudert, prallte gegen die Wand und sackte mit blutendem Mund in sich zusammen.

Sie legten den bewusstlosen Mann bäuchlings. Susan fesselte ihm mit dem Kabel die Hände auf dem Rücken, während Patrick sich sein T-Shirt auszog. Sein Kopf schmerzte höllisch von dem Stoß. Als ob eine Gehirnerschütterung innerhalb einer halben Stunde nicht reichte. Er riss mit den Zähnen ein Loch in sein T-Shirt und zerriss es in große Fetzen. Einen Ballen davon stopfte er dem Mann in den Mund. Während der Stoff sich mit Blut vollsog, schnürte Patrick zwei zusätzliche Schlaufen des Kabels um den Kopf und zwischen das Gebiss des Kubaners, sodass er den Knebel nicht ausspucken konnte.

»Und jetzt abhauen«, sagte Susan und ging zur Tür.

Sie öffnete sie einen Spalt und spähte in den Flur. Dann huschten sie hindurch.

Als sie an einem kleinen roten Metallschrank vorbeikamen, stoppte Susan. Sie riss die Tür auf und ergriff zwei Schwimmwesten, von denen sie Patrick eine in die Hand drückte. »Hier, blasen sich von alleine auf. Hoffe ich jedenfalls.« Dann griff sie noch einmal in den Schrank, hob den Deckel eines Kästchens an und entnahm eine Signalpistole. »So, komm jetzt!«

Patrick lief ihr hinterher. Der Flur blieb leer. Sie kamen an die Treppe und stiegen hinauf. Oben angekommen verlief ein weiterer Gang. Susan wandte sich nach links dem Ausgang entgegen, durch den sie das Blau des Himmels sehen konnten. Kurz bevor sie die Tür erreichten, erschien ein Mann im Rahmen und blieb verblüfft stehen. Susan hob die Pistole. »Zurück, oder ich schieße!«, brüllte sie und rannte weiter auf den Mann zu. Der stolperte erschrocken zurück und lief mit lauten spanischen Flüchen auf den Lippen fort.

»Hinterher«, rief Susan.

Patrick bemühte sich, Anschluss zu halten. Sein Kopf pochte wie verrückt. Lange würde er nicht mehr durchhalten.

Sie kamen an Deck, wo Susan sich für einen kurzen Augenblick orientierte. »Hier entlang!«, rief sie. »Und zieh dir die Weste schon mal über.«

Im Laufen versuchte Patrick, ihren Anweisungen nachzukommen, fand sich aber in dem zusammengefalteten Etwas nicht zurecht, als Susan erneut stehen blieb.

»Zurück!«, zischte sie, und Patrick erkannte, dass eine Gruppe Männer keine zehn Meter vor ihnen stand. »Ich schieße!«, drohte sie und richtete die Signalpistole auf die Gruppe.

Der vorderste der Kubaner begann zu grinsen und kam einen Schritt näher. Es war offensichtlich, dass er sich,nicht einschüchtern lassen würde.

»Ins Wasser, Patrick!«, rief sie, drehte sich halb herum und schleuderte Patrick mit einem Arm gegen die Reling. Gleichzeitig richtete sie die Pistole nach oben und drückte ab. Die rote Feuerkugel stieg in die Höhe, während der vorderste Mann augenblicklich einen Satz nach vorn machte. Susan warf ihm die Pistole ins Gesicht und schwang sich über das Geländer. Dabei zog sie Patrick mit sich. Sie stürzten unkontrolliert aus fünf Metern Höhe in die Wellen.

Nicht schon wieder!, war Patricks erster Gedanke, als ihm erneut schwarz vor Augen wurde.

Es währte allerdings nur Sekundenbruchteile. Der Schmerz und seine Panik bewahrten ihn dieses Mal davor, das Bewusstsein zu verlieren. Susan zerrte seinen Kopf über Wasser.

»Bleib oben, solange du kannst«, drängte sie. »Ich kümmere mich um deine Weste.«

Sie ignorierte die Schreie, die von Bord der Libertad zu ihnen hinunter drangen, und streifte Patrick mit geübten Bewegungen die Weste über den Kopf. Dann griff sie an seine Hüfte, verknotete etwas, zog an einer Kordel, und kurz darauf blies sich das Plastikteil auf. Dann tauchte sie kurz unter und kam mit der eigenen Weste über dem Kopf wieder an die Oberfläche.

Es war eine kurze Verschnaufpause, als sie schließlich beide mithilfe der Schwimmwesten auf den Wellen trieben.

»Das war verdammt knapp«, sagte sie.

»Ja, danke.« Patrick legte ihr seine Hand auf die Schulter.

»Noch sind wir nicht zu Hause«, gab sie zurück und wies nach links. »Los jetzt, wir schwimmen in Richtung der Argo. Ich hoffe, sie haben das Signal gesehen.«

Sie wurden nicht verfolgt. Die Kubaner beschränkten sich darauf, ihnen Schimpfwörter zuzurufen.

Susan winkte heftig, als sie das Dingi der Argo ausmachte, und wenig später hatte Chad sie beide auf das Schlauchboot gezogen.

Sie ließen sich erschöpft auf die Holzbretter sinken, als ein lauter Knall über das Wasser gellte. An Deck der Libertad war eine Rauchwolke zu sehen, Holzteile und andere Fetzen flogen durch die Luft und fielen in weitem Umkreis ins Wasser.

»Was zum Teufel war das?«, fragte Patrick.

»Eine Explosion...«, bemerkte Susan. »Aber keine Flammen. Vielleicht ist ihnen eine Pressluftflasche um die Ohren geflogen.«

Patrick sah sie an. »Hast du etwa...«

»Ich?!« Sie lachte auf. »Also wirklich, du hast ja wohl gesehen, dass ich genug zu tun hatte! Ich bin doch nicht Lara Croft.«

»Was immer es war«, sagte Chad, »Immerhin gut, dass es nicht passiert ist, als ihr noch an Bord wart! So, und nun ab nach Hause, für heute ist Feierabend.«

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