10

Schwungvoll hieb Tubruk die Axt genau in die Kerbe in der sterbenden Eiche. Ein Splitter gesunden Holzes sprang unter dem Schlag weg, doch die dürren Äste zeigten, dass es höchste Zeit war, den alten Baum zu fällen. Es würde nicht mehr sehr lange dauern, bis er zum Kernholz vordrang, und er war sicher, dass dort bereits alles morsch war. Er arbeitete schon über eine Stunde, und der Schweiß klebte die leinenen Bracae an die Beine. Als er zu schwitzen anfing, hatte er die Tunika ausgezogen, und trotz der leichten Brise, die durch das Wäldchen wehte, hatte er sie bis jetzt noch nicht wieder angelegt. Der trocknende Schweiß kühlte ihn ab, Ruhe und Frieden erfüllten ihn. Es war schwer genug, jetzt, nachdem das Lösegeld gezahlt worden war, nicht ständig an die Probleme der Verwaltung des Gutes zu denken. Aber er schob die Gedanken erst einmal beiseite und konzentrierte sich auf das Ausholen und Zuschlagen mit der schweren Eisenaxt.

Keuchend hielt er einen Moment inne und stützte die Hände auf den langen Schaft der Axt. Früher hatte er den ganzen Tag Bäume fällen können, aber jetzt hatten selbst die Haare auf seiner Brust die Farbe eisigen Wintergraus angenommen. Vielleicht war es töricht, sich selbst so anzutreiben, andererseits holte das Alter diejenigen am schnellsten ein, die sich hinsetzten und darauf warteten. Außerdem blieb durch die körperliche Betätigung wenigstens sein Bauch flach.

»Früher bin ich immer auf diesen Baum hinaufgeklettert«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Die Stille des Waldes war mit einem Mal dahin, und Tubruk schreckte auf. Mit der Axt in der Hand drehte er sich rasch um.

Nicht weit von ihm saß Brutus mit verschränkten Armen auf einem Baumstumpf. Ein vertrautes Grinsen ließ seine Augen aufleuchten. Tubruk lachte vor Freude, ihn zu sehen, laut los. Dann lehnte er den Axtstiel gegen den dicken Stamm der Eiche. Einen Augenblick sagte keiner der beiden ein Wort. Dann trat Tubruk zu Brutus, schlang die Arme fest um ihn und zog ihn vom Baumstumpf hoch.

»Bei den Göttern, Marcus. Wie schön, dich zu sehen«, sagte Tubruk gerührt und ließ Brutus wieder los. »Du hast dich verändert. Du bist größer geworden! Lass dich anschauen!«

Der alte Gladiator machte einen Schritt zurück und streifte sich dabei seine Tunika über.

»Das ist die Rüstung eines Zenturio. Also ist es dir gut ergangen.«

»Bronzefaust«, erwiderte Brutus einfach. »Wir haben nie eine Schlacht verloren. Obwohl es ein- oder zweimal ziemlich knapp war, weil ich das Kommando hatte.«

»Das bezweifle ich! Bei den Göttern, ich bin stolz auf dich. Bleibst du hier oder bist du nur auf der Durchreise?«

»Meine Pflichtzeit ist abgelaufen. Ich will hier in der Stadt noch ein paar Dinge erledigen, bevor ich mir eine neue Legion suche.«

Erst jetzt bemerkte Tubruk, wie schmutzig und müde der junge Mann war.

»Wie weit bist du gelaufen?«

»Um die halbe Welt, scheint es. Renius gibt sein Geld nicht gern für Pferde aus. Aber wenigstens für ein Stück des Weges haben wir ein paar alte Schindmähren gefunden.«

Tubruk lachte, griff sich die Axt und schulterte sie.

»Dann ist er also mit dir zurückgekommen? Ich dachte, er hätte Rom endgültig den Rücken gekehrt, als bei den Aufständen sein Haus niedergebrannt wurde.«

Brutus zuckte die Schultern. »Er ist gleich los, um sein Land zu verkaufen, dann will er sich etwas zur Miete suchen.«

Bei dem Gedanken an Renius musste Tubruk lächeln. »Rom ist zu ruhig für ihn geworden. Wahrscheinlich langweilt er sich hier entsetzlich.« Er schlug Brutus auf die Schulter. »Komm mit hinunter zum Hof. Dein altes Zimmer ist immer noch so, wie du es verlassen hast, und ein anständiges Bad wird dir den Straßenstaub aus der Lunge spülen.«

»Ist Julius wieder da?«, fragte Brutus unvermittelt.

Tubruk sank ein wenig in sich zusammen, als sei die Axt auf einmal schwerer geworden.

»Wir mussten ein hohes Lösegeld für ihn zahlen, weil seine Galeere von Piraten gekapert wurde. Wir warten immer noch auf Nachricht, ob er wohlauf ist.«

Brutus sah ihn entsetzt an. »Bei den Göttern, das habe ich nicht gewusst! Ist er verwundet worden?«

»Wir wissen gar nichts. Mir wurde lediglich die Lösegeldforderung übermittelt. Ich musste Wachen bezahlen, die das Gold bis zur Küste gebracht und auf ein Handelsschiff verladen haben. Es waren fünfzig Talente.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass die Familie überhaupt so viel Geld hat«, sagte Brutus leise.

»Jetzt hat sie es auf jeden Fall nicht mehr. Es ist nur noch der Gewinn von der nächsten Ernte übrig. Uns stehen ein paar harte Jahre bevor, aber wenigstens können wir von den Erträgen noch leben.«

»Er hat genug Pech gehabt. Das reicht für ein ganzes Leben.«

»Es würde mich wundern, wenn ihn das lange bedrücken würde. Julius und du, ihr seid euch sehr ähnlich. Geld kann man sich immer wieder beschaffen, wenn man lange genug lebt. Hast du gewusst, dass Sulla tot ist?«

»Ja, das habe ich gehört. Selbst in Griechenland haben die Soldaten in den Häfen Schwarz getragen. Ist es wahr, dass er vergiftet wurde?«

Tubruk zog die Augenbrauen zusammen und sah einen Moment zur Seite, bevor er antwortete.

»Das stimmt. Er hat sich im Senat viele Feinde gemacht. Antonidus, sein Oberbefehlshaber, sucht immer noch nach seinen Mördern. Ich glaube nicht, dass er die Suche jemals aufgeben wird.«

Während er sprach, dachte er an Fercus und die furchtbaren Tage, die der Nachricht gefolgt waren, dass man ihn verhaftet hatte. Tubruk hatte noch nie zuvor solche Angst verspürt und hatte ständig auf die Soldaten gewartet, die aus der Stadt zum Anwesen herausmarschiert kommen und ihn zu Prozess und Hinrichtung abholen würden. Doch sie waren nicht erschienen, und Antonidus suchte und verhörte weiter. Tubruk wagte nicht einmal, nach Fercus’ Familie zu sehen, aus Angst, Antonidus könnte sie beobachten lassen. Aber er hatte sich geschworen, diese Schuld irgendwie wieder gutzumachen. Fercus war ihm ein wahrer Freund gewesen. Darüber hinaus jedoch hatte er mit einer Leidenschaft an die Republik geglaubt, die den alten Gladiator überrascht hatte, als er ihn in seinen Plan, Sulla zu töten, eingeweiht hatte. Er hatte Fercus nicht erst lange überzeugen müssen.

»…Tubruk?«, unterbrach Brutus seine Gedanken und sah ihn neugierig an.

»Es tut mir Leid. Ich habe gerade an früher gedacht. Man sagt zwar, die Republik sei wieder auferstanden und Rom endlich wieder eine Stadt mit Gesetzen, aber das stimmt nicht. Sie zerfleischen sich gegenseitig, um sich Sullas Nachfolge streitig zu machen. Erst kürzlich sind zwei Senatoren wegen Hochverrat hingerichtet worden, und das allein auf Grund der Aussage ihrer Beschuldiger. Sie bestechen und stehlen und schenken dem Pöbel Getreide, der dann satt und zufrieden nach Hause geht. Es ist eine seltsame Stadt geworden, Marcus.«

Brutus legte Tubruk die Hand auf die Schulter.

»Ich wusste nicht, dass dir das so wichtig ist«, sagte er.

»Es war mir schon immer wichtig, aber als ich noch jünger war, bin ich eben gutgläubiger gewesen. Ich dachte immer, Männer wie Sulla und, ja, auch Marius, könnten dieser Stadt nicht schaden. Aber sie können es doch. Und wie! Wusstest du, dass das kostenlos verteilte Getreide die Kleinbauern ruiniert? Sie werden ihre Ernte nicht mehr los. Also müssen sie ihren Grund und Boden verkaufen, der den ohnehin schon übermäßigen Besitztümern der Senatoren einverleibt wird. Zum Schluss enden diese Bauern dann auf den Straßen der Stadt und werden mit ebenjenem Getreide beschenkt, das sie in den Ruin getrieben hat.«

»Mit der Zeit werden auch wieder bessere Männer im Senat das Sagen haben. Männer, die einer neuen Generation angehören. Männer wie Julius.«

Tubruks Miene hellte sich ein wenig auf, aber Brutus war noch immer schockiert von der abgrundtiefen Bitterkeit und Trauer, die er in Tubruks Gesicht gesehen hatte. Der Verwalter war den beiden Jungen zeitlebens ein Vorbild an Selbstsicherheit und Bestimmtheit gewesen, und jetzt rang Brutus nach den richtigen Worten.

»Wir werden ein Rom aufbauen, auf das du stolz sein kannst«, sagte er heiser.

Tubruk streckte die Hand aus und ergriff den Arm, den Brutus ihm entgegenstreckte.

»Ach, wenn man noch einmal jung sein könnte«, sagte er lächelnd. »Aber jetzt komm erst mal nach Hause. Aurelia wird sich freuen, wenn sie sieht, wie groß und stark du geworden bist.«

»Tubruk, ich…«, begann Brutus zögernd. »Ich kann nicht sehr lange bleiben. Ich habe auch genug Geld, um eine Unterkunft in der Stadt zu mieten.«

Tubruk sah ihn an und nickte verständnisvoll. »Aber das hier ist dein Zuhause, und das wird es immer bleiben. Bleib, so lange du willst.«

Dann schwiegen sie beide wieder lange, während sie auf die Gebäude des Gutes zustrebten.

»Ich danke dir«, meldete sich Brutus wieder zu Wort. »Ich war mir nicht sicher, ob du vielleicht erwartest, dass ich mich jetzt selbst um mich kümmere. Was ich durchaus kann, glaub mir.«

»Ich weiß, Marcus«, sagte Tubruk und lächelte ihn an. Dann rief er laut, damit man ihnen das Tor öffnete.

Der junge Mann fühlte eine Last von sich fallen. »Man nennt mich jetzt Brutus.«

Tubruk streckte die Hand aus, und Brutus ergriff sie nach Art der Legionäre.

»Willkommen zu Hause, Brutus«, sagte er.

Während das Wasser für ein Bad heiß gemacht wurde, führte Tubruk Brutus in die Küche, wo er Brot und Fleisch für ihn aufschnitt. Nach der Arbeit mit der Axt hatte er selbst gewaltigen Hunger, und so saßen sie zusammen, aßen und unterhielten sich wie gute alte Freunde.

Julius betrachtete die sechs neuen Rekruten und hatte das Gefühl, in der Hitze bei lebendigem Leib gegart zu werden. Unter der afrikanischen Sonne konnte man die Rüstung kaum anfassen. Überall dort, wo das Metall die Haut berührte, stand er Todesqualen aus, bis er sich so drehen konnte, dass kein direkter Kontakt mehr bestand.

Aber nichts davon zeigte sich in seinem Gesicht, obwohl angesichts der Männer, die er gefunden hatte, bereits die ersten Zweifel an seiner Konzentration nagten. Sie waren zwar gesund und stark, aber keiner von ihnen war als Soldat ausgebildet worden. Um seinen Plan in die Tat umsetzen zu können, brauchte er mindestens fünfzig Mann. Und allmählich glaubte er daran, dass er sie auch finden würde. Das Problem lag vielmehr darin, dass sie seine Befehle mit der gleichen Disziplin hinnehmen mussten, wie sie für die Offiziere der Accipiter selbstverständlich war. Irgendwie musste er ihnen die simple Tatsache begreiflich machen, dass sie ohne diese Disziplin verloren waren.

Körperlich waren sie beeindruckend genug, doch nur zwei der sechs Männer hatten sich freiwillig gemeldet, und die stammten aus dem letzten Dorf. Je mehr sie sich in ihrem Auftreten einer richtigen halben römischen Zenturie näherten, nahm er an, desto leichter würde es werden, weitere Männer zu finden. Die ersten vier jedoch waren nur mitgekommen, weil er darauf bestanden hatte, und sie waren immer noch wütend. Im zweiten Dorf schien man froh gewesen zu sein, den Größten von ihnen endlich loszuwerden, weshalb Julius den Mann für einen Unruhestifter hielt. Seine Züge schienen in einem abfälligen Dauergrinsen erstarrt zu sein, was Julius jedes Mal irritierte.

Renius hätte sie für ihn schon in Form gebracht, dachte er. Doch es war zumindest ein Anfang. Er musste daran denken, was Renius tun würde. Gaditicus und die anderen Besatzungsmitglieder der Accipiter waren ihm bis hierher gefolgt. Sie hatten es gar nicht glauben können, wie einfach es nach der ersten Siedlung gewesen war. Julius fragte sich, wie viele Römer es in den Hunderten von Austragsgehöften wohl gab, deren Söhnen man das Kriegshandwerk beibringen konnte. Da draußen wartete eine ganze Armee, und es musste nur jemand kommen, der sie zusammensuchte und die Männer an die Stimme ihres Blutes erinnerte.

Er blieb neben dem Unruhestifter stehen. Die Augen des Mannes erwiderten Julius’ distanziert forschenden Blick ohne eine Spur von Angst oder Respekt. Er überragte die meisten anderen um Haupteslänge und hatte lange, muskulöse Glieder, die schweißnass in der Sonne glänzten. Die Stechmücken, die den Offizieren von der Accipiter so sehr zusetzten, schienen ihn nicht im Geringsten zu stören. Ruhig und unbewegt stand er wie eine lebende Statue in der Hitze. In gewisser Hinsicht erinnerte ihn dieser Mann an Marcus. Jeder Zoll seines Körpers verriet den Römer, doch das Latein, das er sprach, war von afrikanischem Dialekt durchsetzt. Julius wusste, dass sein Vater gestorben war und ihm einen Hof hinterlassen hatte, den er bis zum endgültigen Ruin sträflich vernachlässigt hatte. Wenn man diesen Mann hier zurückließ, kam er wahrscheinlich recht bald bei einer Schlägerei ums Leben, oder er schloss sich den Piraten an, sobald das Geld ausgegeben und der letzte Wein getrunken war.

Wie hieß er noch gleich? Julius war stolz darauf, dass er Namen genauso schnell im Gedächtnis behielt wie seinerzeit Marius. Marius hatte jeden einzelnen der Männer unter seinem Kommando beim Namen gekannt. Unter dem starren Blick des Mannes vor ihm fiel Julius sein Name zunächst nicht ein, dann jedoch erinnerte er sich. Er hatte gesagt, man solle ihn Ciro nennen und nicht anders. Er wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass es ein Sklavenname war. Was würde Renius jetzt wohl tun?

»Ich brauche Männer, die kämpfen können«, sagte er und schaute in die braunen Augen, die seinem Blick so unbeirrt standhielten.

»Ich kann kämpfen«, erwiderte Ciro mit unverhohlenem Selbstbewusstsein.

»Ich brauche Männer, die sich zusammenreißen können, wenn’s brenzlig wird«, fuhr Julius fort.

»Ich kann…«, hob Ciro wieder an.

Julius schlug ihm hart mit der flachen Hand ins Gesicht. Einen kurzen Augenblick flackerte Wut in den dunklen Augen auf, doch Ciro blieb unbewegt stehen. Die Muskeln seiner entblößten Brust zuckten wie bei einer großen Raubkatze. Julius trat noch näher vor ihn hin.

»Würdest du jetzt gerne ein Schwert in die Hand nehmen und mich niederstechen?«, flüsterte er schneidend.

»Nein«, erwiderte Ciro. Er hatte sich wieder gefangen.

»Warum nicht?«, fragte Julius und überlegte, wie er ihn wohl aus der Reserve locken könnte.

»Mein Vater… hat gesagt, ein Legionär muss sich unter Kontrolle haben.«

Julius blieb direkt vor ihm stehen, doch seine Gedanken rasten. Das war der Hebel, an dem er ansetzen musste.

»In der Siedlung, in der wir dich aufgegabelt haben, hattest du dich aber ganz und gar nicht unter Kontrolle, oder?«, sagte er herausfordernd. Er hoffte, seine Vermutung hinsichtlich Ciros Beziehung zu den Dorfbewohnern war richtig. Lange blieb ihm der große Mann eine Antwort schuldig. Julius wartete geduldig, weil er wusste, dass er jetzt nicht drängen durfte.

»Da war ich auch noch kein… Legionär«, erwiderte Ciro schließlich.

Julius musterte ihn und suchte in dem Gesicht nach Spuren von Aufsässigkeit, die er eigentlich erwartet hatte. Es war jedoch nichts zu entdecken, und insgeheim verfluchte er den Senat, der Männer wie diesen hier einfach verschwendete. Männer, die davon träumten, Legionäre zu werden, während sie in fernen Ländern ihr Leben vergeudeten.

»Du bist kein Legionär«, sagte Julius langsam und sah, wie sich der Mund des anderen zu einer Antwort auf diese Zurückweisung verzog. »Aber ich kann einen aus dir machen. Mit mir und von mir wirst du Brüderlichkeit lernen, und du wirst mit hoch erhobenem Haupt durch die Straßen des fernen Rom marschieren. Und falls dich jemand anhält, wirst du ihm sagen, dass du ein Soldat Cäsars bist.«

»Das werde ich«, sagte Ciro.

»Herr.«

»Das werde ich, Herr«, verbesserte er sich und reckte den Rücken noch gerader.

Julius trat wieder einen Schritt zurück, um alle Rekruten zugleich anzusprechen, die zusammen mit den Offizieren der Accipiter wartend dastanden.

»Was gibt es, das wir mit Männern wie euch nicht erreichen können? Ihr seid Söhne Roms, und wir werden euch eure Geschichte zeigen und euren Stolz wiedergeben. Wir werden euch lehren, mit dem Schwert zu kämpfen und in Schlachtformation zu marschieren. Später werden noch mehr Männer zu uns stoßen, und ihr werdet sie ausbilden. Ihr werdet ihnen beibringen, was es bedeutet, Römer zu sein. Und jetzt marschieren wir. Das nächste Dorf wird Legionäre sehen, wenn es euch erblickt.«

Die Soldaten, die paarweise in einer Reihe gingen, marschierten noch zerlumpt und ohne Gleichschritt, aber Julius wusste, dass sich das bessern würde. Er fragte sich, ob Renius diesen unbändigen Tatendrang in den neuen Rekruten wohl erkannt hätte, schob aber den Gedanken daran schnell wieder beiseite. Nicht Renius stand hier, sondern er.

Gaditicus wartete mit ihm auf das Ende der Kolonne, wo sie zusammen in den Schritt einfielen.

»Sie folgen dir«, sagte er leise.

Julius drehte sich schnell zu ihm um. »Das müssen sie auch, wenn wir je die Mannschaft für ein Schiff zusammenbekommen wollen, um uns unsere Lösegelder zurückzuholen.«

Gaditicus schnaubte anerkennend und gab Julius einen Klaps auf die Rüstung.

Julius’ Schritte wurden plötzlich langsamer, dann blieb er stehen. »Oh, nein«, flüsterte er entsetzt. »Sag ihnen, wir schließen später zu ihnen auf. Schnell!«

Gaditicus gab den Befehl weiter und sah der Doppelreihe der Männer auf dem schmalen Weg nach. Bald waren sie hinter einer Kurve verschwunden, und Gaditicus drehte sich zu Julius um. Dieser war blass geworden und hatte die Augen geschlossen.

»Ist es wieder… deine Übelkeit?«, fragte Gaditicus.

Julius nickte schwach.

»Vor… dem letzten Anfall hatte ich einen metallischen Geschmack im Mund. Denselben Geschmack habe ich jetzt auch.« Er räusperte sich und spuckte aus. Sein Gesicht war zu einer bitteren Maske verzogen. »Sag es ihnen nicht. Sag…«

Gaditicus fing ihn im Fallen auf und hielt ihn nieder, als er zuckte und sich wand; die Sandalen scharrten Halbkreise ins Gras. Die Stechfliegen schienen Julius’ Schwäche zu spüren und umschwärmten die beiden Männer in Scharen. Gaditicus sah sich nach etwas um, das er Julius in den Mund stecken konnte, doch der Tuchfetzen, den sie auf dem Piratenschiff benutzt hatten, war schon längst verloren gegangen. Er riss ein dickes Blatt ab und schaffte es, Julius den faserigen Stiel quer in den Mund zu schieben, bevor der Kieferkrampf einsetzte. Er hielt stand, und Gaditicus drückte Julius weiter mit aller Kraft auf den Boden, bis der Anfall vorüber war.

Nach einer Weile war Julius wieder so weit, dass er sich aufsetzen konnte. Er spuckte den Stiel aus, den er fast durchgebissen hatte, und hatte das Gefühl, als habe man ihn bewusstlos geschlagen. Als er merkte, dass sich seine Blase entleert hatte, verzog er das Gesicht. Wütend schlug er mit den Fäusten auf den Boden und scheuchte dabei die Fliegen auf, die sich aber sofort wieder auf seine entblößte Haut stürzten.

»Ich dachte, das hätte ich hinter mir.«

»Vielleicht war das ja der letzte Anfall«, meinte Gaditicus. »Kopfwunden sind immer ziemlich kompliziert. Cabera hat doch gesagt, es könnte noch eine Weile so weitergehen.«

»Oder sogar für den Rest meines Lebens! Ich vermisse den alten Mann«, sagte Julius tonlos. »Meine Mutter hatte früher immer Schüttelkrämpfe. Ich habe nie verstanden, was das wirklich bedeutet. Es fühlt sich an wie sterben.«

»Kannst du aufstehen? Ich möchte den Anschluss an die Männer nicht ganz verlieren. Nach deiner Ansprache laufen sie wahrscheinlich den ganzen Vormittag.«

Gaditicus half dem jungen Offizier auf die Beine und sah, wie er ein paar Mal tief Luft holte, um sich wieder zu sammeln. Er hätte ihm gern ein paar tröstende Worte gesagt, aber die Worte waren schwer zu finden.

»Du wirst diese Krankheit besiegen«, sagte er schließlich. »Cabera hat gesagt, du bist stark, und nichts, was ich von dir gesehen habe, scheint mir das Gegenteil zu beweisen.«

»Vielleicht hast du Recht. Lass uns weitergehen. Ich würde gerne nah am Meer bleiben, so dass ich mich waschen kann.«

»Ich könnte ja sagen, ich hätte dir einen Witz erzählt und du hast dich vor Lachen bepisst«, schlug Gaditicus vor. Julius schmunzelte, und Gaditicus lächelte ihn an.

»Na, siehst du! Du bist stärker als du denkst. Man sagt, Alexander der Große habe diese Schüttelkrankheit auch gehabt.«

»Wirklich?«

»Aber ja. Und Hannibal auch. Das bedeutet nicht das Ende, es ist nur eine Bürde.«

Brutus versuchte sein Entsetzen zu verbergen, als er Aurelia am nächsten Morgen erblickte. Sie war kalkweiß und dünn, ein Gewebe aus Falten überzog ihr Gesicht, von dem damals, als er vor Jahren nach Griechenland gezogen war, noch nichts zu sehen gewesen war.

Tubruk hatte sein Unbehagen bemerkt und die Lücken in ihrem Gespräch gefüllt, indem er Fragen beantwortete, die Aurelia gar nicht gestellt hatte. Der alte Gladiator war sich nicht einmal sicher, ob sie Brutus überhaupt wiedererkannte.

Aurelias Schweigsamkeit wurde von Clodias und Cornelias Gelächter ausgeglichen, die Julius’ Tochter beim Frühstück versorgten. Brutus lächelte das Kind pflichtbewusst an und behauptete, das Mädchen sehe genauso aus wie sein Vater, doch in Wahrheit schien es nichts Menschenähnliches an sich zu haben. Er fühlte sich im Triclinium unwohl, weil ihm bewusst war, dass diese Menschen Verbindungen miteinander eingegangen waren, von denen er ausgeschlossen war. Zum ersten Mal kam er sich in diesem Haus wie ein Fremder vor, und das stimmte ihn traurig.

Tubruk ging mit Aurelia hinaus, nachdem sie sehr wenig gegessen hatte. Brutus versuchte an der Unterhaltung teilzunehmen und erzählte den Frauen von den Blauhäuten, einem Stamm wilder Krieger, gegen den er in seinen ersten Monaten bei der Bronzefaust in Griechenland gekämpft hatte. Clodia lachte, als er von dem Wilden erzählte, der den Römern seine entblößten Genitalien präsentiert hatte, weil er sich in Sicherheit wähnte. Cornelia bedeckte rasch Julias Ohren mit den Händen, und Brutus errötete beschämt.

»Es tut mir Leid. Ich bin eher den Umgang mit Soldaten gewohnt. Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal in diesem Haus war.«

»Tubruk hat uns erzählt, dass du hier aufgewachsen bist«, unterbrach Clodia die plötzliche Stille, um Brutus beizustehen. Etwas sagte ihm, dass er diese Unterstützung jetzt dringend brauchte. »Er hat gesagt, du hättest immer davon geträumt, ein großer Schwertkämpfer zu werden. Hast du dir deinen Traum erfüllt?«

Ein wenig schüchtern erzählte Brutus ihnen von dem Schwertturnier, in dem er gegen die Besten der Legion gewonnen hatte.

»Dafür habe ich ein Schwert bekommen, das aus gehärtetem Eisen gemacht ist, also schärfer bleibt. Der Griff ist mit Gold eingelegt. Ich zeige es euch später.«

»Ob es Julius wohl gut geht?«, fragte Cornelia unerwartet dazwischen.

Brutus beantwortete ihre Frage mit einem Lächeln. »Natürlich. Das Lösegeld ist doch gezahlt worden, also ist er jetzt nicht mehr in Gefahr.« Die Worte kamen ihm schnell über die Lippen und Cornelia schien fürs Erste beruhigt. An seinen eigenen Sorgen hatte sich nichts geändert.

An diesem Nachmittag ging er mit Tubruk zusammen wieder den Hügel hinauf zu der Eiche. Beide trugen eine Axt über der Schulter. Als sie bei der Eiche angekommen waren, stellten sie sich links und rechts vom Stamm auf und schlugen abwechselnd mit den Äxten in die Kerbe, die sich immer tiefer in das Holz fraß, je weiter der Tag voranschritt.

»Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich nach Rom zurückgekommen bin«, sagte Brutus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Tubruk ließ die Axt sinken und keuchte eine Weile schwer, ehe er etwas sagte.

»Und was ist das für ein Grund?«

»Ich will meine Mutter suchen. Ich bin kein kleiner Junge mehr, und ich will wissen, woher ich komme. Ich dachte, vielleicht weißt du, wo ich sie finden kann.«

Tubruk schnaufte vernehmlich und nahm die Axt wieder auf.

»Das wird dir nur Kummer und Schmerz einbringen, mein Junge.«

»Ich muss es aber tun. Ich habe doch eine Familie.«

Tubruk hieb die Klinge seiner Axt mit so gewaltiger Wucht in die Kerbe, dass sie sich tief im Holz verkeilte.

»Deine Familie ist hier«, sagte er mit Bestimmtheit, und hebelte die Axt wieder heraus.

»Aber die andere Familie ist mein eigen Fleisch und Blut. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Ich will wenigstens wissen, wer meine Mutter ist. Wenn sie stirbt, ohne dass ich sie je zu Gesicht bekommen habe, würde ich das mein Leben lang bedauern.«

Tubruk hielt erneut inne und seufzte dann, bevor er zu einer Antwort ansetzte.

»Sie lebt in der Villa Festus am äußeren Rande der Stadt, in der Nähe des Quirinalbergs. Überleg es dir gut, bevor du dort hingehst. Es könnte eine Enttäuschung für dich sein.«

»Nein, das glaube ich nicht. Sie hat mich damals im Stich gelassen, als ich erst ein paar Monate alt war. Was sollte mich jetzt noch enttäuschen?«, fragte Brutus leise, ehe auch er wieder die Axt aufnahm und weiter auf den alten Baum einhieb.

Als die Sonne unterging, lag die Eiche gefällt am Boden, und sie gingen im Dämmerlicht zusammen zum Gutshaus zurück. Dort stand Renius im Schatten des Tores und wartete auf sie.

»An der Stelle, an der mein Haus stand, haben sie schon wieder gebaut«, sagte er wütend zu Brutus. »Und ein paar junge Legionäre haben mich als Unruhestifter vor die Tore der Stadt geführt. Sie haben mich aus meiner eigenen Stadt hinausgeworfen!«

Tubruk brach in schallendes Gelächter aus.

»Hast du ihnen etwa gesagt, wer du bist?«, fragte Brutus und versuchte ernst zu bleiben.

Sichtlich verärgert von ihrer Heiterkeit knurrte Renius wütend: »Sie kannten noch nicht mal meinen Namen. Alles Milchbärte, kaum der Mutterbrust entwöhnt.«

»Wir haben noch ein Zimmer für dich frei«, sagte Tubruk.

Renius sah seinem ehemaligen Schüler zum ersten Mal richtig in die Augen.

»Wie viel verlangst du?«, fragte er misstrauisch.

»Lediglich das Vergnügen deiner Gegenwart, alter Freund. Sonst nichts.«

Renius schnaubte verächtlich. »Dann bist du ein Dummkopf. Ich hätte anständig gezahlt.«

Auf Tubruks Zuruf hin wurde das Tor geöffnet, und Renius stolzierte vor ihnen her in den Innenhof. Brutus fing Tubruks Blick von der Seite auf und musste schmunzeln, als er sah, wie viel Zuneigung darin lag.

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