2

Sulla lächelte und nahm einen tiefen Schluck aus einem silbernen Kelch. Seine Wangen waren vom Wein gerötet, und seine Augen machten Cornelia Angst. Sie saß auf einer Liege, die er hatte herbeischaffen lassen.

Seine Männer hatten sie in der Hitze des Nachmittags abgeholt, in der ihr die weit fortgeschrittene Schwangerschaft schwer zu schaffen machte. Cornelia versuchte ihr Unwohlsein und ihre Angst vor dem Diktator Roms zu verbergen, aber ihre Hände, die einen Becher kühlen Weißweins umfasst hielten, den er ihr angeboten hatte, zitterten verräterisch. Sie nippte sparsam daran, um ihn nicht zu verärgern, wünschte sich dabei jedoch nichts sehnlicher, als seine prunkvollen Gemächer endlich wieder gegen die Geborgenheit ihres eigenen Heimes einzutauschen.

Seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen, doch sie vermied es, ihn direkt anzusehen. Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus.

»Fühlst du dich wohl?«, fragte er. In seiner Stimme lag ein drohender Unterton, der sofort Panik in ihr aufsteigen ließ.

Beruhige dich, befahl sie sich selbst. Das Kind spürt deine Angst. Denk an Julius. Er würde wollen, dass du stark bist.

Als sie antwortete, klang ihre Stimme beinahe gefasst.

»Deine Männer haben an alles gedacht. Sie haben sich sehr zuvorkommend verhalten, aber sie haben mir nicht gesagt, weswegen du meine Anwesenheit verlangst.«

»Verlangen? Was für eine merkwürdige Wortwahl«, erwiderte er leise. »Die meisten Menschen würden ein solches Wort nicht in Bezug auf eine Frau verwenden, die nur wenige Wochen vor der Niederkunft steht.«

Cornelia sah ausdruckslos zu, wie er seinen Kelch mit genießerischem Schmatzen leerte. Dann stand er unvermittelt auf, wandte ihr den Rücken zu und füllte ihn erneut aus der Amphore. Achtlos ließ er den Stöpsel fallen, der auf dem Marmorboden davonrollte.

Fast hypnotisiert sah sie zu, wie der Verschluss auf den Fliesen kreiselte und dann ausrollte. Als er endlich zur Ruhe kam, fuhr Sulla mit träger, vertraulicher Stimme fort.

»Ich habe gehört, eine Frau sei nie schöner, als wenn sie in der Hoffnung ist. Aber das stimmt nicht immer, nicht wahr?«

Er trat näher an sie heran und deutete mit dem Kelch auf sie, wobei ein wenig Wein über den Rand schwappte.

»Ich… Ich weiß es nicht, Herr. Es…«

»Oh, ich habe welche gesehen. Watschelnde, blökende, schwitzende Färsen mit struppigem Haar und fleckiger Haut. Gewöhnliche Frauen, von niederer Herkunft. Wohingegen eine echte römische Dame… Nun ja…«

Er drängte sich noch näher an sie heran, und Cornelia unterdrückte nur mit Mühe das Bedürfnis, von ihm abzurücken. Ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen. Sie dachte daran, zu schreien, aber wer sollte ihr hier zu Hilfe kommen? Wer würde es wagen, ihr zu Hilfe zu kommen?

»Eine römische Dame ist wie eine reife Frucht. Ihre Haut leuchtet, ihr Haar ist von glänzendem Schimmer.«

Seine Stimme ging in heiseres Murmeln über, und noch beim Sprechen streckte er die Hand aus und legte sie auf ihren gewölbten Bauch.

»Bitte…«, flüsterte sie flehend, doch er schien sie nicht zu hören. Seine Hand wanderte über ihren Körper und ertastete die üppigen Rundungen.

»O ja, du besitzt diese Schönheit, Cornelia.«

»Bitte, ich bin müde und möchte jetzt gerne nach Hause gehen. Mein Gemahl…«

»Julius? Ein sehr undisziplinierter junger Mann. Er hat sich geweigert, dich aufzugeben. Hast du das gewusst? Aber jetzt verstehe ich, warum.«

Seine Finger ertasteten ihre Brüste. In diesem späten Stadium der Schwangerschaft schmerzten sie und waren so geschwollen, dass das Mamillare sie kaum halten konnte. Hilflos und verzweifelt schloss sie die Augen, als seine Hände darüber strichen. Tränen schossen ihr in die Augen.

»Was für eine köstliche Last«, flüsterte er mit vor Verlangen entstellter Stimme. Ohne Vorwarnung beugte er sich zu ihr herab, presste seinen Mund auf ihren und zwängte seine dicke Zunge durch ihre Lippen. Der fade Weingeschmack verursachte bei ihr ein reflexartiges Würgen. Er ließ von ihr ab und wischte sich mit dem Handrücken über die offenen Lippen.

»Bitte tu dem Kind nichts«, sagte sie mit gebrochener Stimme. Die Tränen, die ihr über die Wangen strömten, schienen Sulla anzuekeln. Sein Mund zuckte verärgert und er wandte sich ab.

»Sieh zu, dass du nach Hause kommst. Deine Nase läuft, und der Augenblick ist ohnehin verdorben. Aber wir sehen uns wieder.«

Als sie, fast blind von Tränen und von Schluchzen geschüttelt, den Raum verließ, ging er erneut zu der Amphore und füllte seinen Becher nach.

Julius brüllte, als er und seine Männer in den kleinen Hof stürmten, in dem Gaditicus gegen die letzten Rebellen kämpfte. Als seine Legionäre auf die Flanke der Aufständischen prallten, brach in der Dunkelheit sofort Verwirrung aus, die die Römer zu ihrem Vorteil nutzten. Von ihren Schwertern in Stücke gerissen, ging einer nach dem anderen tot zu Boden. Nach kürzester Zeit standen nicht einmal mehr zwanzig der Rebellen den Legionären gegenüber.

»Lasst eure Waffen fallen!«, brüllte Gaditicus befehlend.

Zuerst zögerten sie einen Moment, dann jedoch hörte man Schwerter und Dolche klirrend auf die Steinplatten fallen, und die Feinde gaben auf. Die schweißüberströmten Männer keuchten heftig, aber sie spürten doch die freudige Ungläubigkeit dessen in sich aufsteigen, der überlebt hat, wo andere gefallen sind.

Mit unbewegten Gesichtern umstellten die Legionäre sie.

Gaditicus wartete, bis die Waffen der Rebellen fortgeschafft worden waren und die Männer sich in einer finster schweigenden Gruppe zusammendrängten.

»Und jetzt tötet sie alle!«, bellte er und die Legionäre machten sich ein letztes Mal an die Arbeit. Verzweifelte Schreie wurden laut, doch bald war es vorbei und der kleine Hof lag ruhig da.

Julius holte tief Luft, als wollte er die Lungen von dem Geruch von Rauch, Blut und aufgerissenen Gedärmen reinigen. Er hustete und spuckte auf den Steinboden, bevor er sein Gladius an einem Leichnam abwischte. Die Klinge war voller Scharten und beinahe unbrauchbar geworden. Es würde Stunden dauern, die Scharten herauszuwetzen, deshalb war es wahrscheinlich besser, das Schwert stillschweigend gegen ein anderes aus der Waffenkammer zu ersetzen. Da sein Magen nun ein wenig aufbegehrte, konzentrierte er sich noch mehr auf die Klinge und auf die Arbeit, die jetzt getan werden musste, bevor sie auf die Accipiter zurückkehren konnten. Er hatte schon einmal aufgeschichtete Leichen gesehen, und bei dieser Erinnerung an den Morgen nach dem Tod seines Vaters glaubte er plötzlich den Geruch nach verbranntem Fleisch wieder in der Nase zu haben.

»Ich glaube, das war der Letzte«, sagte Gaditicus. Er war blass vor Erschöpfung und stützte vornüber gebeugt die Hände auf die Knie.

»Wir warten bis zum Morgen und überprüfen noch einmal jede Tür, für den Fall, dass sich noch welche irgendwo im Dunkeln versteckt halten.« Er richtete sich auf und zuckte zusammen, als sich sein Rücken knackend streckte. »Deine Männer sind spät zu Hilfe gekommen, Cäsar. Wir waren lange ganz auf uns allein gestellt.«

Julius nickte. Zuerst dachte er daran, dem Zenturio zu erklären, was alles nötig gewesen war, um überhaupt zu ihm zu stoßen, doch er sagte kein Wort. Suetonius grinste ihn an. Er drückte ein Tuch auf eine Schnittwunde an der Wange. Julius hoffte, dass das Nähen gehörig schmerzen würde.

»Er wurde aufgehalten, weil er mich gerettet hat, Zenturio«, sagte eine Stimme. Der Statthalter war wieder zu Bewusstsein gekommen und stützte sich auf die Schultern der beiden Männer, die ihn trugen. Seine Hände, violett verfärbt und unförmig geschwollen, sahen kaum noch wie Hände aus.

Gaditicus erkannte den römischen Schnitt der schmutzigen, vor Dreck und Blut starrenden Toga. Die Augen des Mannes wirkten erschöpft, doch die Stimme war trotz der aufgeplatzten Lippen klar und deutlich.

»Statthalter Paulus?«, fragte Gaditicus zögernd und salutierte, als der Stadtkommandant nickte.

»Uns wurde berichtet, du seiest tot«, erklärte Gaditicus.

»Ja… so sah es für mich auch eine Zeit lang aus.«

Dann hob Paulus den Kopf und verzog den Mund zu einem kleinen Lächeln.

»Herzlich willkommen in der Festung Mytilene, meine Herren.«

Clodia schluchzte verzweifelt, als Tubruk in der leeren Küche einen Arm um sie legte.

»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, stammelte sie. Ihre Stimme wurde von seiner Tunika gedämpft. »Er ist immer und immer wieder hinter ihr her gewesen, während der ganzen Schwangerschaft.«

»Nun komm schon… beruhige dich.« Tubruk tätschelte ihren Rücken und versuchte die Angst zu unterdrücken, die in ihm aufgestiegen war, als er Clodias staubiges, von Tränen überströmtes Gesicht entdeckt hatte. Er kannte Cornelias Amme zwar nicht sehr gut, was er jedoch von ihr mitbekommen hatte, ließ ihn annehmen, dass sie eine unverwüstliche, vernünftige Frau war, die nicht wegen jeder Kleinigkeit zu weinen anfing.

»Was ist denn los, meine Liebe? Komm, setz dich hier hin und erzähl mir, was passiert ist.«

Es fiel ihm nicht leicht, seine Stimme so ruhig und bedacht klingen zu lassen. Bei den Göttern… war womöglich das Kind tot? Es konnte jetzt jeden Moment so weit sein, und eine Geburt war immer riskant. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er hatte Julius versprochen, in seiner Abwesenheit auf Cornelia Acht zu geben, aber bis jetzt war doch alles in Ordnung gewesen. Cornelia war zwar die letzten paar Monate ziemlich zurückhaltend gewesen, aber andererseits hatten viele junge Mädchen Angst, wenn ihre erste Geburt bevorstand.

Clodia ließ sich willenlos von ihm zu einer Bank an den Öfen führen. Dort setzte sie sich, ohne zuvor den Sitzplatz auf Fettspuren oder Ruß zu überprüfen, was Tubruk noch mehr Angst machte. Er goss ihr einen Becher Apfelsaft ein, und sie trank mit großen Schlucken. Langsam verebbte ihr Schluchzen, bis sie nur noch ein wenig zitterte.

»Und jetzt sag mir genau, was los ist«, sagte Tubruk. »Für die meisten Probleme gibt es auch eine Lösung, ganz egal, wie schlimm sie zu Anfang auch scheinen mögen.«

Er wartete geduldig, bis sie ausgetrunken hatte, und nahm ihr dann vorsichtig den Becher aus der kraftlosen Hand.

»Es geht um Sulla«, flüsterte sie. »Er quält Cornelia. Sie weigert sich, mir alle Einzelheiten zu erzählen, aber er lässt sie zu jeder Tages- und Nachtzeit von seinen Männern zu sich holen, obwohl sie schwanger ist. Und jedes Mal, wenn sie zurückkommt, weint sie.«

Tubruk wurde blass vor Wut.

»Hat er ihr etwas angetan? Oder dem Kind?«, fragte er gepresst und trat näher.

Clodia wich der ungewohnten Nähe aus. Ihr Mund zitterte noch, doch allmählich fand sie ihre Beherrschung wieder.

»Bis jetzt noch nicht, aber es wird jedes Mal schlimmer. Sie hat mir erzählt, dass er immer betrunken ist und dann… Hand an sie legt.«

Tubruk schloss einen Moment die Augen, denn er wusste, dass er jetzt ruhig bleiben musste. Das einzig sichtbare Zeichen für seine innere Aufgewühltheit war die zur Faust geballte Hand. Doch als er wieder zu sprechen ansetzte, glitzerten seine Augen gefährlich.

»Weiß ihr Vater das?«

Unwillkürlich ergriff Clodia seinen Arm.

»Cinna darf das niemals erfahren! Es würde ihn zerbrechen. Er könnte Sulla im Senat nicht gegenüberstehen, ohne ihn zu beschuldigen, und wenn er in der Öffentlichkeit etwas sagt, töten sie ihn dafür. Nein, man darf es ihm auf gar keinen Fall sagen!«

Ihre Stimme wurde immer lauter, und Tubruk tätschelte ihr besänftigend den Arm.

»Von mir wird er es nicht erfahren.«

»Ich habe niemanden außer dir, der mir hilft, sie zu beschützen«, sagte Clodia mit gebrochener Stimme und sah ihn mit flehendem Blick an.

»Du hast gut daran getan, dich an mich zu wenden, meine Liebe. Sie trägt ein Kind dieses Hauses unter ihrem Herzen. Aber ich muss ganz genau wissen, was geschehen ist. Hast du verstanden? Es darf keinen Irrtum geben. Begreifst du, wie wichtig das ist?«

Sie nickte zustimmend und wischte sich hastig über die Augen.

»Ich will es hoffen«, fuhr er fort. »Als Diktator von Rom ist Sulla von Rechts wegen nahezu unantastbar. Natürlich könnten wir den Fall vor den Senat bringen, aber kein Senatsmitglied würde es je wagen, die Anklage zu übernehmen, denn das bedeutete den sicheren Tod. So sieht also ihr ach so kostbares ›Gleichheitsrecht‹ in Wirklichkeit aus. Und was ist sein Verbrechen? Dem Gesetz nach hat er keines begangen, aber wenn er sie angefasst und verängstigt hat, dann fordern die Götter eine Bestrafung, auch wenn der Senat keine verlangt.«

Clodia nickte erneut. »Ich verstehe, dass…«

»Das musst du auch«, fiel er ihr abrupt ins Wort. Seine Stimme war leise und sehr eindringlich geworden. »Es bedeutet nämlich, dass alles, was uns zu tun bleibt, gegen das Gesetz verstößt. Und bei einem Angriff auf Sullas Leben bedeutet ein Fehlschlag den sicheren Tod – Cinnas, deinen, den von Julius’ Mutter, den aller Bediensteten, der Sklaven, Cornelias, des Kindes, von jedem von uns. Und man würde auch Julius aufspüren, ganz egal, wo er sich versteckt hält.«

»Du willst Sulla töten?«, flüsterte Clodia und rückte wieder näher an ihn heran.

»Wenn sich alles so verhält, wie du es geschildert hast, dann werde ich ihn ganz sicher töten«, versprach er ernst. Einen Moment lang sah sie den Furcht erregenden, grimmigen Gladiator vor sich, der er einmal gewesen war.

»Gut, genau das ist es, was er verdient. Dann wird Cornelia endlich diese dunkle Zeit hinter sich lassen und ihr Kind in Frieden austragen können.«

Sie rieb sich mit der Hand über die Augen. Ein Teil des Kummers und der Sorge war sichtlich von ihr genommen.

»Weiß sie, dass du dich an mich gewendet hast?«, fragte er ruhig.

Clodia schüttelte den Kopf.

»Sehr gut! Dann erzähl ihr auch nichts davon, was ich dir gesagt habe. Für solche Kümmernisse steht sie viel zu nah vor der Geburt.«

»Und… danach?«

Tubruk kratzte sich das kurz geschorene Haar am Hinterkopf.

»Auch danach nicht! Lass sie einfach glauben, es sei einer seiner Feinde gewesen. Er hat schließlich genug davon. Es muss unser Geheimnis bleiben, Clodia. Sulla hat Anhänger, die auch noch Jahre nach seinem Tod nach Blutrache schreien werden, sollte die Wahrheit je ans Tageslicht kommen. Ein falsches Wort von dir zu jemand anderem, der es wiederum einem guten Freund erzählt, und noch vor dem nächsten Morgengrauen stehen die Wachen vor dem Tor, um Cornelia und das Kind zur Folter abzuholen.«

»Ich sage niemandem etwas«, schwor sie flüsternd und sah ihn lange an. Schließlich senkte sie den Blick, und er seufzte schwer.

»Jetzt fang noch einmal ganz von vorne an und lass nichts aus. Schwangere Frauen haben oft eine rege Phantasie, und bevor ich alles aufs Spiel setze, was mir lieb und teuer ist, muss ich absolut sicher sein.«

Eine ganze Stunde lang saßen sie da und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Am Ende der Unterredung zeigte die Hand, die sie ihm auf den Arm gelegt hatte, trotz des hässlichen Themas, das sie miteinander zu besprechen hatten, den Beginn einer verhalten aufkeimenden Anziehung an.

»Eigentlich hatte ich vor, mit der nächsten Flut schon wieder auf See zu sein und nicht an einer Parade teilzunehmen«, hatte Gaditicus verärgert gesagt.

»Aber da hast du mich noch für tot gehalten«, hatte Statthalter Paulus erwidert. »Da ich nun, wenn auch schwer angeschlagen, noch am Leben bin, halte ich es für überaus wichtig, zu zeigen, dass mir die Unterstützung Roms weiterhin sicher ist. Das wird weitere… Anschläge auf meine Würde entmutigen.«

»In dieser Festung muss sich jeder junge Krieger dieser Insel versteckt gehalten haben, dazu eine beträchtliche Anzahl vom Festland. Die Hälfte der Familien in der Stadt betrauern den Tod des Vaters oder eines Sohnes. Wir haben ihnen sehr deutlich gezeigt, was es bedeutet, Rom gegenüber ungehorsam zu sein. Sie werden sich nicht wieder gegen dich erheben.«

»Glaubst du?«, hatte Paulus mit einem trockenen Lächeln erwidert. »Wie wenig du diese Menschen doch kennst. Seit Athen der Mittelpunkt der Welt war, kämpfen sie gegen ihre Eroberer. Jetzt sind die Römer hier, und sie kämpfen weiter. Diejenigen, die gestorben sind, haben Söhne zurückgelassen, die zu den Waffen greifen, sobald sie dazu in der Lage sind. Das hier ist eine sehr schwierige Provinz.«

Die Disziplin hatte Gaditicus von weiteren Einwänden abgehalten. Er sehnte sich zurück aufs Meer und auf das Deck der Accipiter, aber Paulus hatte darauf bestanden, hatte sogar befohlen, dass vier Legionäre zu seinem Schutz auf der Insel zurückblieben. Bereits bei diesem Befehl wäre Gaditicus um ein Haar auf sein Schiff zurückgegangen, doch ein paar ältere Männer hatten sich freiwillig gemeldet, weil sie diese einfache Pflicht der Piratenjagd vorzogen.

»Vergesst nie, was mit den letzten Wachen geschehen ist«, hatte Gaditicus sie gewarnt. Aber das war nur eine leere Drohung, wie sie sehr wohl wussten. Der Scheiterhaufen, auf dem die Rebellen verbrannt worden waren, hatte eine dicke schwarze Rauchwolke in den Himmel geschickt, die noch Meilen entfernt gut zu sehen gewesen war. Bei dieser Aufgabe hier würden sie bis zu ihrer Verabschiedung aus der Armee mit Sicherheit ein vergleichsweise ruhiges Leben führen.

Gaditicus fluchte leise vor sich hin. Im kommenden Jahr würde er nur sehr wenige gute Männer zur Verfügung haben. Es hatte sich herausgestellt, dass der alte Mann, den Cäsar mit an Bord gebracht hatte, sehr geschickt im Versorgen von Wunden war. Damit konnten vielleicht einige ihrer Verletzten vor zu früher Entlassung und Verarmung bewahrt werden. Aber auch Cabera konnte keine Wunder bewirken, so dass sie zumindest die Versehrten unter seinen Männern im nächsten Hafen absetzen mussten, wo sie auf ein langsames Handelsschiff warten konnten, das sie zurück nach Rom brachte. Die Zenturie der Galeere hatte in Mytilene ein Drittel ihrer Männer verloren. Man würde zwar einige Beförderungen aussprechen müssen, doch auch das ersetzte ihm nicht die siebenundzwanzig Mann, die im Kampf gefallen waren. Vierzehn von ihnen waren tüchtige Hastati gewesen, die seit mehr als zehn Jahren auf der Accipiter gedient hatten.

Gaditicus seufzte leise. Nur um ein paar junge Hitzköpfe auszuräuchern, die nach den Geschichten ihrer Großväter zu leben versuchten, hatte er gute Männer opfern müssen. Er konnte sich die Reden, die sie geschwungen hatten, sehr gut vorstellen. Aber die Wahrheit war, dass Rom ihnen die Zivilisation gebracht hatte, und einen kleinen Ausblick auf das, was der Mensch erreichen konnte. Alles, wofür die Rebellen gekämpft hatten, war das Recht, in Lehmhütten zu hausen und sich am Hintern zu kratzen, doch das wollten sie einfach nicht begreifen. Er erwartete ja gar nicht, dass sie dankbar waren. Dafür hatte er zu lange gelebt und zu viel gesehen. Aber er verlangte ihren Respekt, und das schlecht geplante Durcheinander in der Festung hatte ziemlich wenig davon gezeigt. Neunundachtzig Feindesleichen waren bei Sonnenaufgang verbrannt worden. Die toten Römer hingegen hatte man zum Schiff zurückgetragen, um sie später auf See zu bestatten.

Diese und ähnliche wütende Gedanken gingen ihm im Kopf herum, als er in seiner besten Rüstung in die Stadt Mytilene einzog. Hinter ihm schritt der Rest seiner erschöpften Zenturie. Dunkle, tief hängende Wolken kündigten Regen an, und die heiße, stickige Luft passte perfekt zu seiner Laune.

Julius marschierte nach den Schlägen, die er in der vergangenen Nacht eingesteckt hatte, ziemlich steif dahin. Erstaunt hatte er die vielen kleinen Schnitte und Kratzer gezählt, die er abbekommen hatte, ohne es überhaupt zu merken. Sein Brustkorb war auf der ganzen linken Seite von oben bis unten blau, und eine glänzende gelbe Beule stand an einer seiner Rippen hervor. Er glaubte nicht, dass die Rippe gebrochen war, dennoch würde er Cabera bitten, sie sich anzusehen, sobald sie wieder auf der Accipiter waren.

Was den Nutzen ihres Einzugs in die Stadt betraf, war er anderer Meinung als Gaditicus. Der Zenturio war zwar bereit, einen Aufstand niederzuschlagen, aber dann verschwand er lieber und überließ die Politik anderen. Dabei war es sehr wichtig, die Stadt daran zu erinnern, dass der römische Statthalter nicht angerührt werden durfte.

Er sah zu Paulus hinüber und betrachtete dessen dick verbundene Hände und das immer noch verquollene Gesicht. Julius bewunderte ihn, weil er sich geweigert hatte, sich in einer Sänfte tragen zu lassen. Der Statthalter war fest entschlossen, sich nach seinem Martyrium ungeschlagen zu zeigen. Julius hatte nichts dagegen einzuwenden, dass der Mann an der Spitze einer Armee in die Stadt einziehen wollte. Männer wie Paulus gab es überall auf römischem Boden. Sie erhielten nur sehr wenig Unterstützung durch den Senat und regierten wie kleine Könige, obwohl ihr Durchsetzungsvermögen meist vom guten Willen der Bevölkerung abhing. Versiegte dieser gute Wille, so machten ihnen tausend Kleinigkeiten das Leben schwer, wie Julius wohl wusste. Kein Holz und keine Lebensmittellieferungen, es sei denn unter vorgehaltenem Schwert, dazu zerstörte Straßen und niedergebrannte Gehöfte. Alles nichts, wofür man die Soldaten ausrücken ließ, aber eben unaufhörliche, lästige Ärgernisse.

Nach dem, was der Statthalter von seinem Leben erzählte, schien er Herausforderungen zu mögen. Julius war sehr überrascht gewesen, als er gemerkt hatte, dass Paulus offensichtlich wenig Zorn über seine durchlittene Gefangenschaft verspürte, dafür umso mehr Traurigkeit über den Verrat der Menschen, denen er vertraut hatte. Julius fragte sich, ob Paulus auch in Zukunft wieder so vertrauensselig sein würde.

Die Legionäre marschierten durch die Stadt und ignorierten die starren Blicke und die plötzlichen, hektischen Bewegungen, mit denen die Mütter ihre spielenden Kinder von der Straße zerrten. Die meisten Römer verspürten die Nachwirkungen der vorangegangenen Nacht und waren froh, endlich die Residenz des Statthalters im Zentrum der Stadt zu erreichen. Vor dem Gebäude formierten sie sich zu einem Quadrat, und in der Schönheit der weißen Mauern und der mit Ornamenten verzierten Wasserbecken erkannte Julius einen der Vorteile von Paulus’ Posten. Es war ein Stück Rom, das hier in die griechische Landschaft versetzt worden war.

Paulus lachte laut auf, als seine Kinder zur Begrüßung auf ihn zugerannt kamen. Er ging in die Knie und ließ sich umarmen, hielt dabei aber seine gebrochenen Hände vorsichtig in die Luft. Auch seine Frau kam heraus, und selbst aus der zweiten Reihe sah Julius Tränen in ihren Augen schimmern. Paulus hatte Glück.

»Tesserarius Cäsar, tritt vor«, befahl Gaditicus und schreckte Julius aus seinen Gedanken auf. Rasch trat Julius aus der Reihe und salutierte. Gaditicus musterte ihn mit ausdruckslosem Gesicht.

Paulus verschwand mit seiner Familie im Haus, und alle Soldaten, egal welchen Ranges, warteten geduldig. Sie waren alle froh, ohne eine bestimmte Aufgabe einfach nur herumstehen zu können.

Julius’ Gedanken überschlugen sich. Er fragte sich, warum er als Einziger hatte hervortreten müssen und wie sich Suetonius wohl fühlen würde, falls er jetzt befördert wurde. Der Statthalter konnte Gaditicus zwar nicht dazu zwingen, ihm einen neuen Posten zu geben, aber seine Empfehlung würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ignoriert werden können.

Schließlich trat Paulus mit seiner Frau an seiner Seite wieder aus dem Haus heraus. Er holte tief Luft, um alle Männer anzusprechen. Seine Stimme klang freundlich und kräftig zugleich.

»Ihr habt mich wieder auf meinen Posten und zu meiner Familie zurückgebracht. Rom dankt euch für eure Dienste. Zenturio Gaditicus hat einem Gastmahl für euch in meinem Hause zugestimmt. Meine Bediensteten bereiten für euch das beste Essen und die besten Getränke, die mein Haus zu bieten hat.« Er hielt inne und sein Blick fiel auf Julius.

»In der vergangenen Nacht bin ich Zeuge großer Tapferkeit geworden, ganz besonders seitens eines Mannes, der sein eigenes Leben riskiert hat, um das meine zu retten. Ihm verleihe ich den Ehrenkranz, um ihn und seinen Mut zu würdigen. Rom hat tapfere Söhne, und ich stehe hier und heute vor euch, als lebender Beweis dafür.«

Seine Frau trat mit einem Kranz aus grünen Eichenblättern vor. Julius rührte sich, und als Gaditicus ihm zunickte, nahm er den Helm ab, um den Kranz aus den erhobenen Händen entgegenzunehmen. Er wurde rot, und plötzlich jubelten die Männer hinter ihm. Allerdings war er sich nicht ganz sicher, ob sie ihn der Auszeichnung wegen als einen der ihren bejubelten, oder wegen des in Aussicht gestellten Festmahles.

»Vielen Dank, ich…«, stotterte er.

Paulus’ Frau legte ihre Hand auf die seine, und Julius sah, dass Schminke die dunklen Ringe der durchlittenen Angst unter ihren Augen verdeckte.

»Du hast ihn mir wieder zurückgebracht.«

Gaditicus bellte den Befehl, die Helme abzunehmen, und folgte dem Statthalter dorthin, wo die Bediensteten das Essen auftrugen. Er hielt Julius für einen Moment zurück, und als es um sie herum ein wenig ruhiger war, bat er ihn, ihm den Kranz zu zeigen. Julius reichte ihn ihm schnell und versuchte nicht vor Freude und Aufregung laut loszuschreien.

Gaditicus drehte den dunklen Blätterreif zwischen den Händen.

»Verdienst du ihn?«, fragte er ruhig.

Julius zögerte. Zwar hatte er sein Leben riskiert und im tiefsten Raum der Festung eigenhändig zwei Männer überwältigt, doch der Kranz war trotz allem eine Auszeichnung, mit der er nicht gerechnet hatte.

»Nicht mehr als viele andere unserer Männer, Herr«, erwiderte er.

Gaditicus sah ihn unverwandt an und nickte dann zufrieden.

»Das ist eine gute Antwort. Trotzdem muss ich sagen, ich war sehr zufrieden, als ich gesehen habe, wie du die Drecksbande letzte Nacht in die Zange genommen hast.«

Er grinste über Julius’ Gesichtsausdruck, der sehr schnell von Freude zu Verlegenheit wechselte.

»Trägst du den Kranz unter dem Helm oder oben drauf?«

Julius machte einen nervösen Eindruck. »Ich…ich habe darüber noch gar nicht nachgedacht. Ich nehme an, wenn wir wieder in den Kampf ziehen, lasse ich ihn auf dem Schiff.«

»Bist du sicher? Vielleicht laufen die Piraten ja vor Angst davon, wenn sie einen Mann sehen, der Blätter auf dem Kopf trägt?«

Julius wurde wieder rot. Gaditicus lachte und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Ich wollte dich nur foppen, mein Junge. Es ist eine seltene Ehre, und darum werde ich dich befördern müssen. Schließlich kann ich keinen kleinen Wachoffizier mit einem Ehrenkranz an Bord haben. Ab sofort unterstelle ich zwanzig Mann deinem Kommando.«

»Danke, Herr«, antwortete Julius freudig. Seine Laune wurde immer besser.

Gaditicus rieb gedankenverloren die Blätter zwischen den Fingern.

»Irgendwann wirst du ihn in Rom tragen müssen. Wenigstens einmal, denn das erwartet man von dir.«

»Warum denn, Herr? Diese Sitte kenne ich nicht.«

»Zumindest ich würde es so machen, denn das sind die Gesetze Roms, Junge. Wenn du mit einem Ehrenkranz zu einer öffentlichen Veranstaltung gehst, muss jeder aufstehen. Jeder, selbst der Senat.«

Der Zenturio lachte leise. »Das ist bestimmt ein herrlicher Anblick. Komm nach, wenn du dich wieder gefasst hast. Ich passe auf, dass sie dir etwas von dem Wein übrig lassen. Du siehst aus, als könntest du einen kräftigen Schluck vertragen.«

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