Baracke 22 hatte zwei Flügel, die je von zwei Stubenältesten kommandiert wurden. In der zweiten Sektion des zweiten Flügels hausten die Veteranen. Es war der schmälste und feuchteste Teil, aber das kümmerte sie wenig; wichtig war für sie nur, daß sie zusammenlagen. Das gab jedem mehr Widerstandskraft. Sterben war ebenso ansteckend wie Typhus, und einzeln ging man in dem allgemeinen Krepieren leicht mit ein, ob man wollte oder nicht. Zu mehreren konnte man sich besser wehren. Wenn einer aufgeben wollte, halfen ihm die Kameraden durchzuhalten. Die Veteranen im Kleinen Lager lebten nicht länger, weil sie mehr zu essen hatten; sie lebten, weil sie sich einen verzweifelten Rest von Widerstand bewahrt hatten. In der Ecke der Veteranen lagen zur Zeit hundertvierunddreißig Skelette. Platz war nur da für vierzig. Die Betten bestanden aus Brettern, vier übereinander. Sie waren kahl oder mit altem faulendem Stroh bedeckt. Es gab nur ein paar schmutzige Decken, um die jedesmal, wenn die Besitzer starben, bitter gekämpft wurde. Auf jedem Bett lagen mindestens drei bis vier Menschen. Das war selbst für Skelette zu eng; denn Schulter und Beckenknochen schrumpften nicht. Man hatte etwas mehr Platz, wenn man seitlich lag, gepackt wie Sardinen; aber trotzdem hörte man nachts oft genug das dumpfe Aufschlagen, wenn jemand im Schlaf herunterfiel. Viele schliefen hockend, und wer Glück hatte, dem starben seine Bettgenossen abends. Sie wurden dann hinausgeschafft, und er konnte sich für eine Nacht besser ausstrecken, bevor neuer Zuwachs kam. Die Veteranen hatten sich die Ecke links von der Tür gesichert. Sie waren noch zwölf Mann. Vor zwei Monaten waren sie vierundvierzig gewesen. Der Winter hatte sie kaputt gemacht. Sie wußten alle, daß sie im letzten Stadium waren; die Rationen wurden ständig kleiner, und manchmal gab es ein bis zwei Tage überhaupt nichts zu essen; dann lagen die Toten zu Haufen draußen. Von den zwölf war einer verrückt und glaubte, er sei ein deutscher Schäferhund. Er hatte keine Ohren mehr; sie waren ihm abgerissen worden, als man SS-Hunde an ihm trainiert hatte. Der jüngste hieß Karel und war ein Knabe aus der Tschechoslowakei. Seine Eltern waren tot; sie düngten das Kartoffelfeld eines frommen Bauern im Dorfe Westlage. Die Asche der Verbrannten wurde nämlich im Krematorium in Säcke gefüllt und als künstlicher Dünger verkauft. Sie war reich an Phosphor und Kalzium. Karel trug das rote Abzeichen des politischen Gefangenen. Er war elf Jahre alt. Der älteste Veteran war zweiundsiebzig. Er war ein Jude, der um seinen Bart kämpfte. Der Bart gehörte zu seiner Religion. Die SS hatte ihn verboten, aber der Mann hatte immer wieder versucht, ihn wachsen zu lassen. Er war im Arbeitslager jedesmal dafür über den Bock gekommen und verprügelt worden. Im Kleinen Lager hatte er mehr Glück. Die SS kümmerte sich hier weniger um die Regeln und kontrollierte auch selten; sie hatte zu viel Angst vor Läusen, Dysenterie, Typhus und Tuberkulose. Der Pole Julius Silber hatte den Alten Ahasver genannt, weil er fast ein Dutzend holländischer, polnischer, österreichischer und deutscher Konzentrationslager überlebt hatte. Silber war inzwischen an Typhus gestorben und blühte als Primelbusch im Garten des Kommandanten Neubauer, der die Totenasche gratis bekam; doch der Name Ahasver war geblieben. Das Gesicht des Alten war im Kleinen Lager geschrumpft, aber der Bart war gewachsen und jetzt Heimat und Wald für Generationen kräftiger Läuse.
Der Stubenälteste der Sektion war der frühere Arzt Dr. Ephraim Berger. Er war wichtig gegen den Tod, der die Baracke eng umstand. Im Winter, wenn die Skelette auf dem Glatteis gefallen waren und sich die Knochen gebrochen hatten, hatte er manche schienen und retten können. Das Hospital nahm niemand vom Kleinen Lager auf; es war nur da für Leute, die arbeitsfähig waren und für Prominente. Im Großen Lager war das Glatteis im Winter auch weniger gefährlich gewesen; man hatte die Straße während der schlimmsten Tage mit Asche aus dem Krematorium bestreut. Nicht aus Rücksicht auf die Gefangenen, sondern um brauchbare Arbeitskräfte zu behalten. Seit der Eingliederung der Konzentrationslager in den allgemeinen Arbeitseinsatz wurde mehr Wert darauf gelegt. Als Ausgleich arbeitete man die Häftlinge allerdings rascher zu Tode. Die Abgänge machten nichts aus; es wurden täglich genug Leute verhaftet. Berger war einer der wenigen Gefangenen, die Erlaubnis hatten, das Kleine Lager zu verlassen. Er wurde seit einigen Wochen in der Leichenhalle des Krematoriums beschäftigt. Stubenälteste brauchten im allgemeinen nicht zu arbeiten, aber Ärzte waren knapp; deshalb hatte man ihn kommandiert. Es war vorteilhaft für die Baracke. Über den Lazarettkapo, den Berger von früher kannte, konnte er so manchmal etwas Lysol, Watte, Aspirin und ähnliches für die Skelette bekommen. Er besaß auch eine Flasche Jod, die unter seinem Stroh versteckt war. Der wichtigste Veteran von allen jedoch war Leo Lebenthal. Er hatte geheime Verbindungen zum Schleichhandel des Arbeitslagers und, wie es hieß, sogar welche nach draußen. Wie er das machte, wußte keiner genau. Es war nur bekannt, daß zwei Huren aus dem Etablissement »Die Fledermaus«, das vor der Stadt lag, dazugehörten. Auch ein SS-Mann sollte beteiligt sein; doch davon wußte niemand wirklich etwas. Und Lebenthal sagte nichts. Er handelte mit allem. Man konnte durch ihn Zigarettenstummel bekommen, eine Mohrrübe, manchmal Kartoffeln, Abfälle aus der Küche, einen Knochen und hier und da eine Scheibe Brot. Er betrog niemanden; er sorgte nur für Zirkulation. Der Gedanke, heimlich für sich allein zu sorgen, kam ihm nie. Der Handel hielt ihn am Leben; nicht das, womit er handelte. 509 kroch durch die Tür. Die schräge Sonne hinter ihm schien durch seine Ohren. Sie leuchteten einen Augenblick wächsern und gelb zu beiden Seiten des dunklen Kopfes. »Sie haben die Stadt bombardiert«, sagte er keuchend. Niemand antwortete. 509 konnte noch nichts sehen; es war dunkel in der Baracke nach dem Licht draußen. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. »Sie haben die Stadt bombardiert«, wiederholte er. »Habt ihr es nicht gehört?« Auch diesmal sagte keiner etwas. 509 sah jetzt Ahasver neben der Tür. Er saß auf dem Boden und streichelte den Schäferhund. Der Schäferhund knurrte; er hatte Angst. Die verfilzten Haare hingen ihm über das vernarbte Gesicht, und dazwischen funkelten die erschreckten Augen. »Ein Gewitter«, murmelte Ahasver. »Nichts als ein Gewitter! Ruhig, Wolf – ruhig!« 509 kroch weiter in die Baracke hinein. Er begriff nicht, daß die anderen so gleichgültig waren. »Wo ist Berger?« fragte er. »Im Krematorium.« Er legte den Mantel und die Jacke auf den Boden. »Will keiner von euch 'raus?« Er sah Westhof und Bucher an. Sie erwiderten nichts. »Du weißt doch, daß es verboten ist«, sagte Ahasver schließlich. »Solange Alarm ist.« »Der Alarm ist vorbei.« »Noch nicht.« »Doch. Die Flieger sind fort. Sie haben die Stadt bombardiert.« »Das hast du nun schon oft genug gesagt«, knurrte jemand aus dem Dunkel. Ahasver blickte auf. »Vielleicht werden sie ein paar Dutzend von uns zur Strafe dafür erschießen.« »Erschießen?« Westhof kicherte. »Seit wann erschießen sie hier?«
Der Schäferhund bellte. Ahasver hielt ihn fest. »In Holland erschossen sie nach einem Luftangriff gewöhnlich zehn, zwanzig politische Gefangene. Damit sie keine falschen Ideen bekämen, sagten sie.«
»Wir sind hier nicht in Holland.«
»Das weiß ich. Ich habe auch nur gesagt, daß in Holland erschossen wurde.«
»Erschießen!« Westhof schnaubte verächtlich. »Bist du ein Soldat, daß du solche Ansprüche stellst? Hier wird erhängt und erschlagen.«
»Sie könnten es zur Abwechslung tun.«
»Haltet eure verdammten Schnauzen«, rief der Mann von vorher aus dem Dunkel. 509 hockte sich neben Bucher und schloß die Augen. Er sah noch immer den Rauch über der brennenden Stadt und spürte den dumpfen Donner der Explosionen.
»Glaubt ihr, daß wir heute abend Essen kriegen?« fragte Ahasver.
»Verdammt!« antwortete die Stimme aus dem Dunkel. »Was willst du noch? Erst willst du erschossen werden und dann fragst du nach Essen?«
»Ein Jude muß Hoffnung haben.«
»Hoffnung!« Westhof kicherte wieder.
»Was sonst?« fragte Ahasver ruhig.
Westhof verschluckte sich und begann plötzlich zu schluchzen. Er hatte seit Tagen Barackenkoller.
509 öffnete die Augen. »Vielleicht geben sie uns heute nichts zu essen«, sagte er. »Als Strafe für das Bombardement.«
»Du mit deinem verfluchten Bombardement«, schrie der Mann im Dunkeln. »Halt doch endlich deine Schnauze!«
»Hat einer hier noch irgendwas zu essen?« fragte Ahasver.
»O Gott!« Der Rufer im Dunkeln erstickte fast über diese neue Idiotie.
Ahasver achtete nicht darauf. »Im Lager von Theresienstadt hatte jemand einmal ein Stück Schokolade und wußte es nicht. Er hatte es versteckt, als er eingeliefert wurde, und hatte es vergessen. Milchschokolade aus einem Automaten. Ein Bild von Hindenburg war auch in dem Karton.«
»Was noch?« krächzte die Stimme aus dem Hintergrund. »Ein Paß?«
»Nein. Aber wir haben von der Schokolade zwei Tage gelebt.«
»Wer schreit da so?« fragte 509 Bucher.
»Einer von denen, die gestern angekommen sind. Ein Neuer. Wird schon ruhig werden.«
Ahasver horchte plötzlich. »Es ist vorbei -«
»Was?«
»Draußen. Das war die Entwarnung. Das letzte Signal.«
Es wurde plötzlich sehr still. Dann hörte man Schritte. »Weg mit dem Schäferhund«, flüsterte Bucher.
Ahasver schob den Verrückten zwischen die Betten. »Kusch! Still!« Er hatte ihn so erzogen, daß er auf Kommandos hörte. Hätte die SS ihn gefunden, so wäre er als Verrückter sofort abgespritzt worden.
Bucher kam von der Tür zurück. »Es ist Berger.«
Doktor Ephraim Berger war ein kleiner Mann mit abfallenden Schultern und einem eiförmigen Kopf, der völlig kahl war. Seine Augen waren entzündet und tränten..
»Die Stadt brennt«, sagte er, als er hereinkam.
509 richtete sich auf. »Was sagen sie drüben dazu?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wieso? Du mußt doch etwas gehört haben.«
»Nein«, erwiderte Berger müde. »Sie haben aufgehört zu verbrennen, als der Alarm kam.«
»Warum?«
»Wie soll ich das wissen? Es wird befohlen, fertig.«
»Und die SS? Hast du von der etwas gesehen?«
»Nein.«
Berger ging durch die Bretterreihen nach hinten. 509 sah ihm nach. Er hatte auf Berger gewartet, um mit ihm zu sprechen, und nun schien er ebenso teilnahmslos wie alle anderen. Er verstand es nicht. »Willst du nicht 'raus?« fragte er Bucher.
»Nein.«
Bucher war fünfundzwanzig Jahre alt und seit sieben Jahren im Lager. Sein Vater war Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung gewesen; das hatte genügt, den Sohn einzusperren. Wenn er hier wieder herauskommt, kann er noch vierzig Jahre leben, dachte 509. Vierzig oder fünfzig. Ich dagegen bin fünfzig. Ich habe vielleicht noch zehn, höchstens zwanzig Jahre. Er zog ein Stück Holz aus der Tasche und begann daran zu kauen. Wozu denke ich plötzlich an so was? dachte er.
Berger kam zurück. »Lohmann will mit dir sprechen, 509.«
Lohmann lag im hinteren Teil der Baracke auf einem unteren Bett ohne Stroh. Er hatte das so gewollt. Er litt an schwerer Dysenterie und konnte nicht mehr aufstehen.
Er glaubte, es sei so reinlicher. Es war nicht reinlicher. Aber alle waren es gewöhnt.
Fast jeder hatte mehr oder minder Durchfall. Für Lohmann war es eine Tortur. Er lag im Sterben und entschuldigte sich bei jedem Krampf seiner Eingeweide. Sein Gesicht war so grau, daß er ein blutloser Neger hätte sein können. Er bewegte eine Hand, und 509 beugte sich über ihn. Die Augenbälle Lohmanns glänzten gelblich.
»Siehst du das?« flüsterte er und öffnete seinen Mund weit.
»Was?« 509 sah auf den blauen Gaumen.
»Hinten rechts – da ist eine Goldkrone.«
Lohmann drehte den Kopf in die Richtung des schmalen Fensters. Die Sonne stand dahinter, und die Baracke hatte an dieser Seite jetzt ein schwaches, rosiges Licht.
»Ja«, sagte 509. »Ich sehe sie.« Er sah sie nicht.
»Nehmt sie 'raus.«
»Was?«
»Nehmt sie 'raus!« flüsterte Lohmann ungeduldig.
509 sah zu Berger hinüber. Berger schüttelte den Kopf.
»Sie sitzt doch fest«, sagte 509.
»Dann zieht den Zahn 'raus. Er sitzt nicht sehr fest. Berger kann es. Er macht es im Krematorium doch auch. Zu zweit könnt ihr es leicht.«
»Warum willst du sie 'raus haben?«
Lohmanns Augenlider hoben und senkten sich langsam. Sie waren wie die einer Schildkröte. Sie hatten keine Wimpern mehr. »Das wißt ihr doch selbst. Gold. Ihr sollt Essen dafür kaufen.
Lebenthal kann sie eintauschen.« 509 antwortete nicht. Eine Goldkrone zu tauschen war eine gefährliche Sache.
Goldplomben wurden im allgemeinen bei der Einlieferung ins Lager registriert und später im Krematorium ausgezogen und gesammelt. Stellte die SS fest, daß eine fehlte, die in den Listen verzeichnet war, so wurde die ganze Baracke ver antwortlich gemacht. Sie bekam kein Essen, bis die Plombe zurückgegeben war. Der Mann, bei dem man sie fand, wurde gehängt.
»Zieht sie 'raus!« keuchte Lohmann. »Es ist leicht! Eine Zange! Oder ein Draht ist schon genug.«
»Wir haben keine Zange.«
»Ein Draht! Biegt einen Draht zurecht.«
»Wir haben auch keinen Draht.«
Lohmanns Augen fielen zu. Er war erschöpft. Die Lippen bewegten sich, aber es kamen keine Worte mehr. Der Körper war bewegungslos und sehr flach, und nur das Gekräusel der dunklen, trockenen Lippen war noch da – ein winziger Strudel Leben, in den die Stille schon bleiern floß.
509 richtete sich auf und blickte Berger an. Lohmann konnte ihre Gesichter nicht sehen; die Bretter der Betten waren dazwischen. »Wie steht es mit ihm?«
»Zu spät für alles.« 509 nickte. Es war schon oft so gewesen, daß er wenig mehr empfand. Die schräge Sonne fiel auf fünf Leute, die wie dürre Affen im obersten Bett hockten. »Kratzt er bald ab?« fragte einer, der seine Armhöhlen rieb und gähnte.
»Warum?«
»Wir kriegen sein Bett. Kaiser und ich.«
»Du wirst es schon kriegen.« 509 schaute einen Augenblick in das schwebende Licht, das gar nicht zu dem stinkenden Raum zu gehören schien. Die Haut des Mannes, der gefragt hatte, sah darin aus wie die eines Leoparden; sie war übersät mit schwarzen Flecken. Der Mann begann faules Stroh zu essen. Ein paar Betten weiter zankten sich zwei Leute mit hohen, dünnen Stimmen. Man hörte kraftlose Schläge.
509 fühlte ein leichtes Zerren an seinem Bein; Lohmann zupfte an seiner Hose. Er beugte sich wieder herunter,»'rausziehen!« flüsterte Lohmann.
509 setzte sich auf den Bettrand. »Wir können nichts dafür tauschen. Es ist zu gefährlich. Keiner wird es riskieren.«
Lohmanns Mund zitterte. »Sie sollen ihn nicht haben«, stieß er mit Mühe hervor.
»Die nicht! Fünfundvierzig Mark habe ich dafür bezahlt. 1929. Die nicht! Zieht ihn 'raus!«
Er krümmte sich plötzlich und stöhnte. Die Haut seines Gesichts verzog sich nur an den Augen und an den Lippen – sonst waren keine Muskeln mehr da, um Schmerz anzuzeigen.
Nach einer Weile streckte er sich aus. Ein kläglicher Laut kam mit der ausgepreßten Luft aus seiner Brust. »Kümmere dich nicht darum«, sagte Berger zu ihm. »Wir haben noch etwas Wasser. Es tut nichts. Wir machen es weg.«
Lohmann lag einige Zeit still. »Versprecht mir, daß ihr ihn 'rausnehmt – bevor sie mich abholen«, flüsterte er dann. »Dann könnt ihr es doch.«
»Gut«, sagte 509. »Ist er nicht eingetragen worden, als du ankamst?«
»Nein. Versprecht es! Bestimmt!«
»Bestimmt.«
Lohmanns Augen verschleierten sich und wurden ruhig. »Was war das – vorhin – draußen?«
»Bomben«, sagte Berger. »Man hat die Stadt bombardiert. Zum ersten Male.
Amerikanische Flieger.«
»Oh -«
»Ja«, sagte Berger leise und hart. »Es kommt näher! Du wirst gerächt werden, Lohmann.« 509 blickte rasch auf. Berger stand noch, und er konnte sein Gesicht nicht sehen. Er sah nur seine Hände. Sie öffneten und schlossen sich, als würgten sie eine unsichtbare Kehle und ließen sie los und würgten sie wieder.
Lohmann lag still. Er hatte die Augen wieder geschlossen und atmete kaum. 509 wußte nicht, ob er noch verstanden hatte, was Berger gesagt hatte.
Er stand auf. »Ist er tot?« fragte der Mann auf dem oberen Bett. Er kratzte sich noch immer. Die anderen vier hockten neben ihm wie Automaten. Ihre Augen waren leer.
»Nein.« 509 wandte sich zu Berger. »Weshalb hast du es ihm gesagt?«
»Weshalb?« Bergers Gesicht zuckte. »Deshalb! Verstehst du das nicht?«
Das Licht hüllte seinen eiförmigen Kopf in eine rosa Wolke. In der verpesteten, dicken Luft sah es aus, als dampfe er. Die Augen glitzerten. Sie waren voll Wasser, doch das waren sie meistens; sie waren chronisch entzündet. 509 konnte sich denken, warum Berger es gesagt hatte. Aber was war es schon für ein Trost für einen Sterbenden, das noch zu wissen? Es konnte es ebensogut noch schwerer für ihn machen. Er sah, wie eine Fliege sich auf das schieferfarbene Auge eines der Automaten setzte. Der Mann blinkte nicht mit den Lidern. Vielleicht war es doch ein Trost, dachte 509. Vielleicht war es sogar der einzige Trost für einen untergehenden Mann.
Berger drehte sich um und schob sich durch den schmalen Gang zurück. Er mußte über die Leute steigen, die am Boden lagen. Es sah aus, als wate ein Marabu durch einen Sumpf. 509 folgte ihm.
»Berger!« flüsterte er, als sie aus dem Gang heraus waren.
Berger blieb stehen. 509 war plötzlich atemlos. »Glaubst du es wirklich?«
»Was?« 509 konnte sich nicht entschließen, es zu wiederholen. Ihm war, als flöge es dann weg.
»Das, was du zu Lohmann gesagt hast.«
Berger sah ihn an. »Nein«, sagte er.
»Nein?«
»Nein. Ich glaube es nicht.«
»Aber -« 509 lehnte sich gegen das nächste Brettergestell. »Wozu hast du es dann gesagt?«
»Ich habe es für Lohmann gesagt. Aber ich glaube es nicht. Keiner wird gerächt werden, keiner – keiner – keiner -«
»Und die Stadt? Die Stadt brennt doch!«
»Die Stadt brennt. Viele Städte haben schon gebrannt. Das heißt nichts, nichts -«
»Doch! Es muß -«
»Nichts! Nichts!« flüsterte Berger heftig, mit einer Verzweiflung wie jemand, der sich eine phantastische Hoffnung gemacht und sie gleich wieder begraben hat. Der bleiche Schädel pendelte, und das Wasser lief aus den roten Augenhöhlen. »Eine kleine Stadt brennt. Was hat das mit uns zu tun? Nichts! Nichts wird sich ändern. Nichts!«
»Erschießen werden sie welche«, sagte Ahasver vom Boden her. »Schnauze!« schrie die Stimme von früher aus dem Dunkel. »Haltet doch endlich einmal eure gottverdammten Schnauzen!« 509 hockte auf seinem Platz an der Wand. Über seinem Kopf befand sich eines der wenigen Fenster der Baracke. Es war schmal und hoch angebracht und hatte um diese Zeit etwas Sonne. Das Licht kam dann bis zur dritten Reihe der Bettbretter; von dort an lag der Raum in ständigem Dunkel.
Die Baracke war erst vor einem Jahr errichtet worden. 509 hatte sie aufstellen helfen; er hatte damals noch zum Arbeitslager gehört. Es war eine alte Holzbaracke aus einem aufgelösten Konzentrationslager in Polen. Vier davon waren eines Tages auseinandergenommen auf dem Bahnhof der Stadt angekommen, auf Lastwagen zum Lager geschafft und dort aufgebaut worden.
Sie hatten nach Wanzen, Angst, Schmutz und Tod gestunken. Aus ihnen war das Kleine Lager entstanden. Der nächste Transport arbeitsunfähiger, sterbender Häftlinge aus dem Osten war hineingepfercht und sich selbst überlassen worden. Es hatte nur ein paar Tage gedauert, bis er hinausgeschaufelt werden konnte. Man hatte dann weiter Kranke, Zusammengebrochene, Krüppel und Arbeitsunfähige hineingesteckt, und es war zu einer dauernden Einrichtung geworden. Die Sonne warf ein verschobenes Viereck von Licht auf die Wand rechts vom Fenster. Verblaßte Inschriften und Namen wurden darin sichtbar. Es waren Inschriften und Namen von früheren Insassen der Baracke in Polen und Ostdeutschland. Sie waren mit Bleistift auf das Holz gekritzelt oder mit Drahtstücken und Nägeln hineingeritzt worden.
509 kannte eine Anzahl davon. Er wußte, daß die Spitze des Vierecks jetzt gerade einen Namen aus dem Dunkel hob, der mit tiefen Strichen eingerahmt war – Chaim Wolf, 1941. Chaim Wolf hatte ihn wahrscheinlich hineingeschrieben, als er wußte, daß er sterben mußte, und die Striche darum gezogen, damit niemand von seiner Familie hinzukommen sollte. Er hatte es endgültig machen wollen, so daß er allein es war und bleiben würde. Chaim Wolf, 1941, die Striche eng und hart darum, so daß kein anderer Name mehr hineinzuschreiben war – eine letzte Beschwörung des Schicksals, von einem Vater, der hoffte, daß seine Söhne gerettet werden würden. Aber darunter, unter den Strichen, dicht, als wollten sie sich daran klammern, standen zwei andere Namen: Rüben Wolf und Moische Wolf. Der erste steil, ungelenk, eine Schülerschrift; der zweite schräg und glatt, ergeben und ohne Kraft. Eine andere Hand hatte daneben geschrieben: alle vergast. Schräg darunter, über einem Astknoten an der Wand war mit einem Nagel eingeritzt: Jos. Meyer und dazu: Lt.d.R. EK 1 u. 2. Es hieß: Joseph Meyer, Leutnant der Reserve, Inhaber des Eisernen Kreuzes erster und zweiter Klasse. Meyer hatte das anscheinend nicht vergessen können. Es mußte noch seine letzten Tage vergiftet haben. Er war im ersten Weltkrieg an der Front gewesen; er war Offizier geworden und hatte die Auszeichnungen bekommen; er hatte, weil er Jude war, dafür doppelt soviel leisten müssen als jeder andere. Dann hatte man ihn später, ebenfalls weil er Jude war, eingesperrt und wie Ungeziefer vernichtet. Er war zweifellos überzeugt davon gewesen, daß das Unrecht für ihn wegen seiner Leistungen im Kriege größer gewesen sei als für andere. Er hatte sich geirrt. Er war nur schwerer gestorben. Das Unrecht lag nicht in den Buchstaben, die er seinem Namen hinzugefügt hatte. Sie waren nur eine schäbige Ironie. Das Sonnenviereck glitt langsam weiter. Chaim, Rüben und Moische Wolf, die es nur mit der Spitze gestreift hatte, verschwanden wieder im Dunkel. Dafür rückten zwei neue Inschriften ins Licht. Die eine bestand nur aus zwei Buch« Stäben: F. M. Der, der sie mit dem Nagel eingekratzt hatte, hatte nicht mehr so viel auf sich gegeben wie der Leutnant Meyer. Schon sein Name war ihm fast gleichgültig gewesen; trotzdem hatte er nicht ganz ohne ein Zeichen untergehen wollen. Darunter aber erschien wieder ein voller Name. Mit Bleistift hingeschrieben stand da: Tevje Leibesch und die Seinen. Und daneben, flüchtiger, der Anfang des jüdischen Kaddischgebetes: Jis gadal – 509 wußte, daß das Licht in einigen Minuten eine andere verwischte Schrift erreichen würde:»Schreibt Leah Sand – New York.« Die Straße war nicht mehr zu lesen, dann kam:»Vat «und nach einem Stück verfaulten Holzes:»tot. Sucht Leo.« Leo schien entkommen zu sein; doch die Inschrift war umsonst gemacht worden. Keiner der vielen Insassen der Baracke hatte jemals Leah Sanders in New York benachrichtigen können. Niemand war lebend herausgekommen. 509 starrte abwesend auf die Wand. Der Pole Silber hatte sie, als er noch mit blutenden Därmen in der Baracke lag, die Klagemauer genannt. Er hatte auch die meisten Namen auswendig gekannt und im Anfang sogar gewettet, welcher zuerst von dem Sonnenfleck getroffen werden würde. Silber war bald darauf gestorben; die Namen aber waren weiter an hellen Tagen für einige Minuten zu einem geisterhaften Leben erwacht und dann wieder im Dunkel versunken. Im Sommer, wenn die Sonne höher stand, waren andere, die tiefer unten eingekratzt waren, sichtbar geworden, und im Winter rückte das Viereck höher hinauf. Doch es gab noch viele mehr, russische, polnische, jiddische, die für immer unsichtbar blieben, weil das Licht nie bis zu ihnen kam. Die Baracke war so schnell aufgerichtet worden, daß die SS sich nicht darum gekümmert hatte, die Wände abhobeln zu lassen. Die Insassen kümmerten sich noch weniger darum, besonders nicht um die Inschriften an den dunklen Teilen der Wände. Niemand versuchte auch nur, sie zu entziffern. Wer wollte auch schon so töricht sein, ein kostbares Streichholz zu opfern, um noch mehr zu verzweifeln – 509 wandte sich ab; er wollte das jetzt nicht sehen. Er fühlte sich plötzlich auf eine sonderbare Weise allein; als wären die anderen ihm durch etwas Unbekanntes entfremdet worden, und sie verständen sich nicht mehr. Eine Weile zögerte er noch; dann konnte er es nicht mehr aushallen. Er tastete sich zur Tür und kroch wieder hinaus. Er trug jetzt nur seine eigenen Lumpen und fror sofort. Draußen richtete er sich auf, lehnte sich gegen die Wand der Baracke und blickte auf die Stadt. Er wußte nicht genau, warum – aber er wollte nicht wieder wie vorher auf allen vieren hocken; er wollte stehen. Die Posten auf den Wachtürmen des Kleinen Lagers waren noch nicht zurück. Die Aufsicht an dieser Seite war nie sehr streng; wer kaum gehen konnte, entfloh nicht mehr. 509 stand an der rechten Ecke der Baracke. Das Lager verlief in einer Kurve, die dem Höhenzuge folgte, und er konnte von hier nicht nur die Stadt, sondern auch die Kasernen der SS-Mannschaften sehen. Sie lagen außerhalb des Stacheldrahtes hinter einer Reihe von Bäumen, die noch kahl waren. Eine Anzahl von SS-Leuten lief vor ihnen hin und her. Andere standen in aufgeregten Gruppen zusammen und blickten zur Stadt hinunter. Ein großes, graues Automobil kam rasch den Berg herauf. Es hielt vor der Wohnung des Kommandanten, die ein Stück abseits von den Kasernen lag. Neubauer stand bereits draußen; er stieg sofort ein, und der Wagen jagte los. 509 wußte von seiner Zeit im Arbeitslager, daß der Kommandant ein Haus in der Stadt besaß, in dem seine Familie wohnte. Aufmerksam blickte er dem Wagen nach. Dabei überhörte er, daß jemand leise den Mittelweg zwischen den Baracken entlang kam. Es war der Blockälteste von Baracke 22, Handke, ein untersetzter Mann, der immer auf Gummisohlen herumschlich. Er trug den grünen Winkel der Kriminellen. Meistens war er harmlos, aber wenn er seinen Koller kriegte, hatte er schon öfter Leute zu Krüppeln geschlagen. Er schlenderte heran. 509 hätte noch versuchen können, sich wegzudrücken, als er ihn sah -Zeichen von Angst befriedigten gewöhnlich Handkes einfache Überlegenheitsgelüste -, aber er tat es nicht. Er blieb stehen. »Was machst du hier?« »Nichts.« »So, nichts.« Handke spuckte 509 vor die Füße. »Du Mistkäfer! Träumst dir wohl was, wie?« Seine flächsernen Brauen hoben sich. »Bilde dir bloß nichts ein! Ihr kommt hier nicht heraus! Euch politische Hunde jagen sie vorher alle erst noch durch den Schornstein.« Er spuckte wieder aus und ging zurück. 509 hatte den Atem angehalten. Ein dunkler Vorhang wehte eine Sekunde hinter seiner Stirn. Handke konnte ihn nicht leiden, und 509 ging ihm gewöhnlich aus dem Wege. Diesmal war er stehengeblieben. Er beobachtete ihn, bis er hinter der Latrine verschwunden war. Die Drohung schreckte ihn nicht; Drohungen waren alltäglich im Lager. Er dachte nur an das, was dahinter steckte. Handke hatte also auch etwas gespürt. Er hätte es sonst nicht gesagt. Vielleicht hatte er es sogar drüben bei der SS gehört. 509 atmete tief. Er war also doch kein Narr. Er blickte wieder auf die Stadt. Der Rauch lag jetzt dicht über den Dächern. Das Läuten der Feuerwehr klang dünn herauf. Aus der Richtung des Bahnhofs kam unregelmäßiges Knattern, als explodiere dort Munition. Der Wagen des Lagerkommandanten nahm unten am Berge eine Kurve so schnell, daß er rutschte. 509 sah es, und plötzlich verzog sich sein Gesicht. Es verzerrte sich zu einem Lachen. Er lachte, lachte, lautlos, krampfhaft, er wußte nicht, wann er zum letzten Male gelacht hatte, er konnte nicht aufhören, und es war keine Fröhlichkeit darin, er lachte und sah sich vorsichtig um und hob eine kraftlose Faust und ballte sie und lachte, bis ein schwerer Husten ihn niederwarf.