Kapitel 21

Es war zehn Uhr morgens, und die Sonne schien längst auf die Waldemar Thranes gate. Martha parkte ihren Golf Cabrio. Sie stieg aus und ging mit leichten Schritten an der Konditorei vorbei zum Eingang des Hospizcafés. Es entging ihr nicht, dass ihr einige Männer – und manchmal auch Frauen – nachblickten. Für sie war das nichts Ungewöhnliches, aber an diesem Tag kam es ihr so vor, als erntete sie besonders viel Aufmerksamkeit. Sie schrieb das ihrer ungewöhnlich guten Laune zu. Vermutlich sah man ihr die an. Dabei hatte sie eigentlich gar keinen Grund. Sie hatte sich mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter über das Hochzeitsdatum gestritten, mit Grete – der Leiterin des Hospizes – über den Dienstplan und mit Anders über so gut wie alles. Vielleicht war ihre Laune einfach darauf zurückzuführen, dass sie freihatte, Anders mit seiner Mutter übers Wochenende auf die Hütte gefahren war und sie damit das gute Wetter ganz für sich allein hatte. Mindestens zwei Tage lang.

Als sie das Café betrat, hoben sich all die paranoiden Köpfe. Bis auf einen. Sie lächelte und winkte kurz als Reaktion auf die Zurufe. Dann ging sie zu den beiden jungen Frauen hinter dem Tresen und gab einer von ihnen den Schlüssel.

»Das wird schon klappen. Und denkt immer dran, dass ihr zu zweit seid.«

Die Frauen nickten mit blassen Gesichtern.

Martha goss sich eine Tasse Kaffee ein. Sie stand mit dem Rücken zum Gastraum. Wusste, dass sie etwas lauter als notwendig gesprochen hatte. Drehte sich um. Lächelte gespielt überrascht, als sie seinem Blick begegnete. Dann ging sie zu dem Tisch am Fenster, den er für sich hatte. Führte die Tasse an die Lippen und sagte über den Rand hinweg:

»So früh schon auf?«

Er zog eine Augenbraue hoch, und sie merkte selbst, wie bescheuert das klang, schließlich war es bereits nach zehn.

»Die meisten hier stehen etwas später auf«, fügte sie rasch hinzu.

»Mag schon sein«, sagte er lächelnd.

»Du, ich wollte mich nur wegen der Sache gestern entschuldigen.«

»Gestern?«

»Ja, Anders ist gewöhnlich nicht so, aber manchmal … Wie dem auch sei, er hatte kein Recht, so mit dir zu reden. Dich einfach als Junkie zu bezeichnen und …«

Stig schüttelte den Kopf. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, du hast ja nichts falsch gemacht. Und dein Freund auch nicht. Ich bin ja ein Junkie.«

»Und ich fahre schrecklich schlecht Auto. Das heißt noch lange nicht, dass ich will, dass mir das alle ins Gesicht sagen.«

Er lachte, und sie sah, wie das Lachen seine Gesichtszüge weicher werden ließ und ihn wieder in einen Jungen verwandelte.

»Wie ich sehe, fährst du aber trotzdem.« Er nickte in Richtung Fenster. »Dein Auto?«

»Ja, ich weiß, das ist ein altes Wrack, aber ich fahre gerne selbst. Und du?«

»Keine Ahnung, ich bin nie Auto gefahren.«

»Nie? Wirklich?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Wie traurig«, sagte sie.

»Traurig?«

»Es gibt nichts Besseres, als im strahlenden Sonnenschein ­Cabriolet zu fahren.«

»Auch für einen …«

»Ja, auch für einen Junkie«, sagte sie lachend. »Der beste Trip, den es gibt, das verspreche ich dir.«

»Dann musst du mich mal mitnehmen.«

»Gerne«, sagte sie. »Wie wäre es gleich jetzt?«

Sie sah die Überraschung in seinem Blick. Die Worte waren ganz unbedacht über ihre Lippen gekommen, und die anderen beobachteten sie. Und wenn schon. Sie saß ja auch stundenlang mit anderen Bewohnern zusammen und redete über deren persönliche Probleme, ohne dass jemand das komisch fand. Das war schließlich Teil ihres Jobs. Außerdem hatte sie heute ihren freien Tag, und da konnte sie doch wohl tun und lassen, was sie wollte?

»Gerne«, sagte Stig.

»Ich habe aber nur ein paar Stunden.« Nervosität hatte sich in Marthas Stimme geschlichen. Bereute sie es bereits?

»Vielleicht kann ich es dann ja mal selbst versuchen«, sagte er. »Das Fahren. Scheint ja Spaß zu machen.«

»Ich kenne da einen Ort, komm.«

Martha spürte die Blicke in ihrem Rücken, als sie nach draußen gingen.

Er war so konzentriert, dass sie lachen musste. Vornübergebeugt umklammerte er das Lenkrad, während er unendlich langsam in großen Kreisen über den sonntäglich verwaisten Parkplatz in Økern kurvte.

»Gut«, sagte sie. »Und jetzt versuchst du mal Achter.«

Er machte, was sie sagte. Gab etwas mehr Gas, stieg aber sofort wieder vom Pedal, als der Motor lauter wurde. »Wir hatten übrigens Besuch von der Polizei«, sagte Martha. »Sie haben mich gefragt, ob wir neue Joggingschuhe ausgegeben haben. Es hatte irgendetwas mit dem Iversen-Mord zu tun. Ich weiß nicht, ob du was davon mitbekommen hast.«

»Ja, ich hab davon gelesen«, sagte er.

Sie sah ihn kurz an. Es gefiel ihr, dass er las. Viele der Bewohner lasen kein Wort, interessierten sich nicht für die Nachrichten und wussten weder, wer Regierungschef war noch was 9/11 bedeutete. Dafür konnten sie einem auf die Krone genau sagen, was Speed kostete, wie der Reinheitsgrad des Heroins war und welche Wirkstoffkonzentration ein neues Medikament hatte.

»Apropos Iversen, hieß so nicht auch der, der dir vielleicht ­einen Job beschaffen könnte?«

»Ja, ich war da, aber er hatte nichts.«

»Hm, schade.«

»Ich gebe so schnell nicht auf, ich habe noch ein paar andere Namen auf der Liste.«

»Gut! Du hast eine richtige Liste?«

»Ja.«

»Sollen wir mal das Schalten versuchen?«

Zwei Stunden später rasten sie über den Mosseveien in Richtung Süden. Sie fuhr. Neben ihnen glitzerte der Oslofjord in der Sonne. Er hatte ungeheuer schnell gelernt. Anfangs hatte er beim Kuppeln und Schalten noch ein paar Fehler gemacht, doch als er die ausgemerzt hatte, schien sein Hirn richtig programmiert zu sein, es wiederholte, was es gelernt hatte. Auch das Anfahren am Berg klappte bereits beim dritten Versuch ohne Handbremse. Und als er die Geometrie des Einparkens verstanden hatte, gelang ihm auch das mit fast schon irritierender Leichtigkeit.

»Was ist das?«

»Depeche Mode«, sagte er. »Gefällt es dir?«

Sie lauschte den mahnenden zweistimmigen Vokalen und den maschinenartigen Rhythmen.

»Ja«, sagte sie und stellte die Musik lauter. »Hört sich sehr … englisch an.«

»Stimmt. Was hörst du sonst noch?«

»Hm. Etwas lebhaft Dystopisches. Wie Leute, die ihre eigenen Depressionen nicht ernst nehmen, wenn du weißt, was ich meine.«

Er lachte. »Ich weiß, was du meinst.«

Nach ein paar Minuten auf der Autobahn fuhr sie bei Ne­soddtangen ab. Die Straßen wurden schmaler, der Verkehr weniger. Nach einer Weile hielt sie am Straßenrand.

»Bist du bereit für die Wirklichkeit?«

Er nickte. »Ja, ich bin bereit für die Wirklichkeit.«

Sie stiegen aus und tauschten die Plätze. Er setzte sich hinter das Steuer, den Blick konzentriert geradeaus gerichtet. Die Art, wie er betont hatte, dass er bereit für die Wirklichkeit war, bedeutete, dass er damit nicht nur das Autofahren meinte. Er drückte die Kupplung und legte den Gang ein. Tippte vorsichtig aufs Gas.

»Spiegel«, sagte sie, während sie selbst in den Seitenspiegel sah.

»Alles frei«, sagte er.

»Blinker.«

Er drückte den Blinkerhebel nach unten, murmelte ein »An«, dann ließ er die Kupplung gleichmäßig kommen.

Sie fuhren langsam auf die Straße. Mit etwas zu hoher Umdrehung.

»Handbremse«, sagte sie und griff nach dem Hebel zwischen den Sitzen, um sie zu lösen. Als sie seine Hand spürte, die das Gleiche wollte, zuckte sie zurück, als hätte sie sich verbrannt.

»Danke«, sagte er.

Sie fuhren zehn Minuten in völliger Stille. Ließen einen Wagen, der es eilig zu haben schien, vorbei. Ein Lastzug kam auf sie zu. Sie hielt die Luft an. Wusste, dass sie auf dieser schmalen Straße – auch wenn es Platz genug gab – automatisch bremsen und näher an den Straßenrand fahren würde. Aber Stig ließ sich nicht beirren. Und das Merkwürdige war, dass sie ihm vertraute. Er hatte den Blick dafür. Ein Gefühl für das Dreidimensionale. Wie so viele Männer. Seine Hände lagen ruhig auf dem Lenkrad, und sie dachte, dass ihm fehlte, wovon sie im Übermaß hatte: Zweifel an den eigenen Entscheidungen. Sie sah die dicken Adern auf seinen Handrücken, durch die das Herz ruhig das Blut pumpte. Bis in die Fingerspitzen. Dann sah sie, wie die Hände schnell, aber nicht übertrieben nach rechts gegenlenkten, als der Sog des Lastwagens das Auto packte.

»He!«, lachte er aufgeräumt und sah zu ihr herüber. »Hast du das gespürt?«

»Ja«, sagte sie. »Das habe ich.«

Sie dirigierte ihn bis an den äußersten Rand von Nesodden und dort in einen schmalen Weg, wo sie den Wagen hinter einem kleinen niedrigen Kassenhäuschen mit kleinen Fenstern auf der Rückseite und großen nach vorn zum Fjord abstellten.

»Umgebaute Ferienhäuschen aus den Fünfzigern.« Martha lief vor ihm durch das hohe Gras. »Ich bin in einem davon aufgewachsen. Und hier war unser heimlicher Sonnenplatz …«

Sie hatten eine Felsnase erreicht. Unter ihnen lag das Meer. Das fröhliche Rufen der dort badenden Kinder schallte zu ihnen herauf. Etwas weiter entfernt lagen die Kaianlagen, von wo aus die Fähren nach Norden ins Zentrum von Oslo pendelten. Bei gutem Wetter schien die Entfernung nur wenige Hundert Meter zu betragen, dabei waren es fünf Kilometer. Die meisten, die auf Nesodden wohnten und in Oslo arbeiteten, nahmen lieber die Fähre, als mit dem Auto die fünfundvierzig Kilometer um den Fjord herumzufahren.

Sie setzte sich hin und sog die salzige Luft ein.

»Meine Eltern und ihre Freunde nannten Nesodden immer ­Lilleberlin«, sagte Martha. »Wegen all der Künstler, die hier wohnten. Es war billiger, hier in den kalten Sommerhäuschen zu leben als drüben in der Stadt. Und wenn es im Winter zu kalt wurde, versammelte man sich einfach in dem am wenigsten kalten Häuschen. Und das war unseres. Dann saßen alle da und tranken bis in die Morgenstunden Rotwein, wir hatten ja gar nicht so viele Matratzen. Anschließend haben wir dann alle zusammen gefrühstückt.«

»Hört sich gut an.« Stig setzte sich neben sie.

»So war das wirklich, die Menschen haben damals einander geholfen.«

»Die reinste Idylle also?«

»Na ja. Es kam schon mal vor, dass sie um Geld stritten, die Kunstwerke der anderen kritisierten oder mit deren Frauen schliefen. Aber das war das Leben, es war spannend. Meine Schwester und ich haben wirklich geglaubt, in Berlin zu leben, bis Papa mir eines Tages eine Karte zeigte, auf der Berlin eingezeichnet war. Und er erklärte mir, dass es bis dorthin verdammt weit zu fahren sei, mindestens tausend Kilometer. Aber eines Tages würden wir die Reise machen. Wir wollten zum Brandenburger Tor und zum Schloss Charlottenburg, und da wollten meine Schwester und ich die Prinzessinnen sein.«

»Seid ihr jemals gefahren?«

»Ins große Berlin?« Martha schüttelte den Kopf. »Mama und Papa hatten nie Geld. Und sie wurden auch nicht sonderlich alt. Ich war achtzehn, als sie starben, und musste mich um meine Schwester kümmern. Aber ich habe immer von Berlin geträumt. So sehr, dass ich gar nicht mehr sicher bin, ob es das wirklich gibt.«

Stig nickte langsam, schloss die Augen und legte sich nach hinten ins Gras.

Sie sah ihn an. »Sollen wir noch mal deine Band hören?«

Er öffnete ein Auge. Blinzelte. »Depeche Mode? Die CD ist in der Anlage im Auto.«

»Gib mir dein Handy«, sagte sie.

Er reichte es ihr, und sie tippte los, bis aus den kleinen Lautsprechern rhythmische Atemgeräusche kamen. Dann die tote Stimme, die sie auf eine Reise mitnehmen wollte. Er sah so überrascht aus, dass sie lachen musste.

»Nennt sich Spotify«, sagte sie und legte das Telefon zwischen sie beide. »Du kannst die Lieder einfach im Netz streamen. Ist dir das alles neu?«

»Wir hatten im Gefängnis keine Handys. Die waren nicht erlaubt«, sagte er und griff zum Telefon.

»Im Gefängnis?«

»Ja, ich habe gesessen.«

»Hast du gedealt?«

Stig hielt sich die Hand schützend über die Augen. »Ja, habe ich.«

Sie nickte. Lächelte schnell. Was hatte sie erwartet? Dass er zwar Heroin nahm, aber ein gesetzestreuer Bürger war? Er hatte getan, was er tun musste, genau wie all die anderen.

Sie nahm ihm das Mobiltelefon aus den Händen und zeigte ihm über die GPS-Funktion, wo sie sich befanden und wie man über den Navigator den schnellsten Weg in alle möglichen Orte auf der Welt finden konnte. Dann machte sie ein Foto von ihm, startete die Videokamera und bat ihn, etwas zu sagen.

»Das ist ein schöner Tag«, sagte er.

Sie hielt die Aufnahme an und spielte sie für ihn ab.

»Ist das meine Stimme?«, fragte er überrascht und sichtlich betroffen.

Sie drückte auf Stop und spielte die Aufnahme noch einmal ab. Seine Stimme klang durch die Lautsprecher eng und metallisch. »Ist das meine Stimme?«

Sie musste laut lachen, als sie sein Gesicht sah, und noch mehr, als er sich das Telefon schnappte, den Aufnahmeknopf fand und sagte, dass jetzt aber sie an der Reihe sei. Sie solle etwas sagen, nein, singen.

»Nein!«, sie lachte. »Mach lieber ein Foto.«

Er schüttelte den Kopf. »Stimmen sind besser.«

»Warum?«

Er machte eine Bewegung, als wollte er sich die Haare hinter die Ohren schieben. Typisch für Leute, die über viele Jahre lange Haare gehabt und sich noch nicht daran gewöhnt hatten, dass sie nun kurz waren, dachte sie.

»Menschen verändern ihr Aussehen. Aber die Stimmen bleiben.«

Er sah über das Meer, und sie folgte seinem Blick, konnte aber nichts als die sonnenglitzernde Wasseroberfläche, Möwen, Inseln und weit draußen ein Segel entdecken.

»Einige Stimmen schon«, sagte sie. Sie dachte an die Kinderstimme. Die Kinderstimme im Walkie-Talkie. Die sich nicht änderte.

»Du singst gerne«, sagte er. »Aber nicht für andere.«

»Warum glaubst du das?«

»Weil du Musik magst. Als ich dich gebeten habe zu singen, hast du so geschockt ausgesehen wie das Mädchen im Café, dem du den Schlüssel gegeben hast.«

Seine Worte versetzten ihr einen Stich. Hatte er ihre Gedanken gelesen?

»Wovor hatte sie solche Angst?«

»Nichts Wichtiges«, sagte Martha. »Sie soll mit einer Kollegin im Archiv auf dem Dachboden ein paar Dokumente einsortieren. Niemand geht da gerne hoch. Wir wechseln uns deshalb mit den Arbeiten da oben ab.«

»Was ist denn so schlimm an dem Dachboden?«

Martha beobachtete eine Möwe, die hoch über dem Meer still in der Luft stand und nur hin und wieder den Kopf bewegte. Dort oben musste der Wind viel stärker sein.

»Glaubst du an Gespenster?«, fragte sie leise.

»Nein.«

»Ich auch nicht.« Sie legte sich nach hinten und stützte sich auf die Ellenbogen, er verschwand aus ihrem Blickfeld. »Das Hospiz, also das Haus, sieht ja so aus, als wäre es über hundert Jahre alt. Das stimmt aber nicht. Es stammt aus den späten Zwanzigern. In den ersten Jahren war es ein ganz normales Pensionat …«

»Die schmiedeeisernen Buchstaben auf der Fassade …?«

»Richtig, die stammen noch aus der Zeit. Aber während des Krieges machten die Deutschen daraus ein Wohnheim für unverheiratete Frauen mit Kindern. Schon damals gab es dort viele traurige Schicksale. Und die haben sich in den Wänden festgesetzt. Eine Frau bekam dort einen Jungen und behauptete steif und fest, es handele sich um eine Jungfrauengeburt. Das war ­damals keine ungewöhnliche Behauptung. Der Mann, den alle im Verdacht hatten, war verheiratet und leugnete natürlich die Vaterschaft. Es kursierten Gerüchte über ihn. Eines lautete, er sei im Widerstand. Ein anderes, er sei ein Spion der Deutschen, der die Widerstandsbewegung infiltriert hatte. Die Deutschen sollten der Frau deshalb den Platz gegeben und den Mann nicht verhaftet haben. Trotzdem wurde der Mann eines Morgens in einer vollbesetzten Straßenbahn im Zentrum von Oslo erschossen. Wer das getan hat, wurde nie ermittelt. Die Widerstandsbewegung behauptete, einen Verräter liquidiert zu haben, während die Deutschen vorgaben, einen Widerstandskämpfer erschossen zu haben. Wie um die Richtigkeit ihrer Aussage zu dokumentieren, hängten die Deutschen den Toten zur Abschreckung an den Leuchtturm Kavringen fyr.«

Sie richtete sich auf und zeigte über das Wasser.

»Wer tagsüber am Leuchtturm vorbeikam, musste den Anblick der vertrockneten, von Möwen angefressenen Leiche ertragen, und wer nachts dort vorüberfuhr, erschrak über den riesigen Schatten, den der Tote auf das Wasser warf. Eines Tages war die Leiche dann plötzlich weg. Jemand meinte, die Widerstandsbewegung hätte ihn abgenommen. Aber von diesem Augenblick an wurde die Frau im Heim immer verrückter, sie behauptete, der Vater ihres Kindes spuke dort herum. Er sei nachts in ihr Zimmer gekommen, habe sich über die Krippe des Kindes gebeugt und sich dann zu ihr umgewandt. Die von den Möwen ausgehackten Augen waren nur noch schwarze Löcher.«

Stig zog die Augenbrauen hoch.

»So hat mir das Grete erzählt, die Leiterin des Ila«, sagte sie. »Die Geschichte geht aber noch weiter. Das Kind soll beinahe ununterbrochen geweint haben, und wenn die Frauen in den Nebenzimmern sich beschwerten, antwortete die Mutter nur, das Kind weine für sie beide und werde das auch bis ans Ende aller Tage tun.« Martha machte eine Pause. Dieser Teil der Geschichte hatte ihr immer am besten gefallen. »Es hieß, dass sie nicht einmal selbst wusste, für wen der Kindsvater arbeitete, dass sie ihn aber als Rache dafür, dass er sich nicht zu dem Kind bekannte, bei den Deutschen als Widerstandsmann und beim Widerstand als Verräter angeschwärzt hat.«

Eine kühle Böe ließ Martha schaudern. Sie richtete sich auf und schlang die Arme um die Knie.

»Eines Tages ist sie dann nicht nach unten zum Frühstück gekommen. Sie fanden sie auf dem Dachboden. Sie hatte sich an dem dicken Dachbalken erhängt. Angeblich sieht man noch heute den hellen Streifen von dem Strick im Holz.«

»Und jetzt spukt sie da oben?«

»Keine Ahnung, ich weiß nur, dass man sich da oben echt kaum aufhalten kann. Eigentlich glaube ich nicht an Gespenster, aber da oben hält es wirklich niemand länger aus. Irgendwie hat man den Eindruck, all das Böse zu spüren. Jeder bekommt Kopfschmerzen und fühlt sich bedrückt. Dabei werden oft neue Mitarbeiter oder Externe auf den Dachboden geschickt, die kennen die Geschichte gar nicht. Und nein, es gibt kein Asbest in den Isolierungen …«

Sie musterte ihn. Aber er wirkte weder skeptisch, noch hatte er die Andeutung eines Lächelns auf den Lippen. Er hörte einfach nur zu.

»Aber das ist noch nicht alles«, sagte sie. »Das Kind.«

»Ja«, sagte er.

»Ja? Hast du eine Idee?«

»Es war weg.«

Sie sah ihn überrascht an. »Wie kommst du darauf?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich sollte doch raten.«

»Einige dachten, die Mutter habe es in der Nacht, in der sie sich erhängte, den Widerstandskämpfern anvertraut. Andere glaubten, sie hätte das Kind umgebracht und im Hinterhof verscharrt, damit es ihr niemand wegnehmen könnte. Aber wie dem auch sei …« Martha holte tief Luft. »Es wurde nie gefunden. Das Seltsame ist nur, dass wir manchmal über unsere Walkie-Talkies Geräusche empfangen, von denen wir nicht wissen, wo sie herkommen. Aber was es ist, hört man sofort …«

Er sah aus, als wüsste er auch jetzt bereits alles.

»Kinderweinen«, sagte sie.

»Kinderweinen«, wiederholte er.

»Viele kriegen es mit der Angst, wenn sie das hören. Was ja auch kein Wunder ist. Grete versucht dann immer, alle zu beruhigen. Sie meint, das wäre nichts Besonderes, die Walkie-Talkies sollen angeblich auch die Signale der Babyphone in der Nachbarschaft empfangen können.«

»Aber du glaubst das nicht?«

Martha zuckte mit den Schultern. »Stimmen kann es schon.«

»Aber?«

Wieder eine Böe. Im Westen waren dunkle Wolken aufgezogen. Martha ärgerte sich, dass sie keine Jacke mitgenommen hatte.

»Aber ich arbeite jetzt seit sieben Jahren im Ila. Und … ich meine, was du da eben über Stimmen gesagt hast … dass die sich nicht verändern …«

»Ja?«

»Ich könnte schwören, dass das immer derselbe Säugling ist.«

Stig nickte. Sagte nichts, bot keine andere Lösung an, brachte keinen Kommentar, sondern nickte einfach nur. Sie war beeindruckt.

»Weißt du, was diese Wolken bedeuten?«, sagte er schließlich und stand auf.

»Dass Regen kommt und wir gehen sollten?«

»Nein«, sagte er. »Dass wir uns beeilen müssen, wenn wir noch baden und uns von der Sonne trocknen lassen wollen.«

»Compassion fatigue«, sagte Martha. Sie lag auf dem Rücken und schaute in den Himmel, schmeckte noch das Salz im Mund und spürte durch die nasse Unterwäsche den warmen Felsen. »Das bedeutet, dass ich die Fähigkeit zum Mitgefühl verloren habe. Im Wohlfahrtsstaat Norwegen ist das derart unvorstellbar, dass der Name des Syndroms gar nicht erst übersetzt worden ist.«

Er antwortete nicht. Und das war okay, denn im Grunde sprach sie ja auch gar nicht mit ihm. Er war nur der Vorwand, um laut denken zu können.

»Ich denke, das ist eine Art Selbstschutz, dass sich da etwas abschaltet, bevor es zu viel wird. Vielleicht ist die Quelle aber auch einfach versiegt, vielleicht habe ich keine Liebe mehr in mir.« Sie dachte nach. »Doch, das habe ich. Ich habe viel … nur nicht …«

Martha sah Großbritannien am Himmel heransegeln und sich in ein Mammut verwandeln. Irgendwie war es fast so, wie auf dem Sofa ihres Psychologen zu liegen, der tatsächlich noch ein Sofa hatte.

»Anders war der hübscheste und klügste Junge in der Schule«, sagte sie zu den Wolken. »Der Kapitän der Fußballmannschaft. Frag nicht, ob er Schulsprecher war.«

Sie wartete.

»War er?«

»Ja.«

Sie lachten gleichzeitig.

»Warst du in ihn verliebt?«

»Sehr. Und das bin ich noch. Er ist ein guter Junge. Nicht nur hübsch und klug. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, Anders zu haben. Und was ist mit dir?«

»Was soll mit mir sein?«

»Hast du Freundinnen gehabt?«

»Nein.«

»Nein?« Sie stemmte sich auf die Ellenbogen hoch. »So ein Charmeur wie du? Das glaube ich dir nicht.«

Stig hatte sein T-Shirt ausgezogen. Seine Haut war so hell, dass sie sie in der Sonne fast blendete. Sie war erstaunt, keine frischen Einstiche zu sehen. Vielleicht setzte er sich seine Schüsse in die Schenkel oder Leiste.

»Komm schon«, sagte sie.

»Ich habe schon mal ein Mädchen geküsst …« Er strich sich mit der Hand über die alten Einstiche. »Aber die Einzige, die ich wirklich geliebt habe …«

Marthas Blick klebte noch immer an den Einstichen. Auch sie hätte gern ihre Finger daraufgelegt, sie weggestreichelt.

»Du hast bei unserem Aufnahmegespräch gesagt, dass du aufgehört hast«, sagte sie. »Ich werde Grete nichts sagen. Vorerst nicht. Aber du weißt …«

»… dass bei euch nur Leute wohnen, die wirklich Drogen nehmen.«

Sie nickte. »Was meinst du, wirst du das schaffen?«

»Den Führerschein?«

Sie lächelten sich an.

»Heute schaffe ich es«, sagte er. »Und morgen ist ein neuer Tag.«

Die Wolken waren noch weit entfernt, aber das ferne Donnern verriet ihnen, was kommen würde. Und auch die Sonne schien das zu wissen und aus Trotz etwas heftiger zu brennen.

»Gib mir dein Telefon«, sagte sie.

Martha drückte auf Aufnahme. Dann sang sie das Lied, das ihr Vater immer ihrer Mutter auf der Gitarre vorgespielt hatte, wenn wieder eines ihrer ewig langen Sommerfeste dem Ende entgegenging. Er hatte genau an diesem Ort gesessen, die alte Gitarre in den Händen, und so langsam gespielt, dass das Lied beinahe ins Stocken kam. Der Leonard-Cohen-Song, in dem es heißt, dass er immer ihr Lover sein und sie auf ihrer Reise blind begleiten wird. Und dass er weiß, dass sie ihm vertraut, weil er ihren perfekten Körper mit seiner Seele berührt hat.

Sie sang die Zeilen mit leiser, dünner Stimme. Ihre Stimme klang immer so viel schwächer und verwundbarer, wenn sie sang. Deshalb dachte sie manchmal, dass sie in Wirklichkeit schwach war und dass sie sich die andere, die raue Stimme nur antrainiert hatte, um sich selbst zu schützen.

»Danke«, sagte er, als sie fertig war. »Das war wunderschön.«

Sie wunderte sich nicht, warum es peinlich war. Sie wunderte sich, warum es nicht peinlich war.

»Ich glaube, wir sollten langsam zurückfahren«, sagte sie lächelnd und reichte ihm das Telefon.

Sie hätte wissen müssen, dass sie das Schicksal böse herausforderte, als sie begann, das alte, morsche Verdeck nach unten zu klappen, aber sie wollte die frische Luft in den Haaren spüren. Sie brauchten mehr als eine Viertelstunde harter Arbeit, praktischen Denkens und roher Gewalt, bis es endlich unten war. Und ihr war bewusst, dass sie es ohne neue Teile und Anders’ Hilfe nicht wieder schließen konnte.

Als sie sich ins Auto setzte, zeigte Stig ihr sein Telefon. Er hatte Berlin ins Navi eingegeben.

»Dein Vater hatte recht«, sagte er. »Von Lilleberlin bis ins richtige Berlin sind es tausenddreißig Kilometer. Geschätzte Fahrzeit zwölf Stunden und einundfünfzig Minuten.«

Sie fuhr so schnell, als hätten sie noch einen Termin. Oder als müssten sie irgendjemandem entkommen. Die weißen Wolkentürme über dem Fjord, die sie im Rückspiegel sehen konnte, erinnerten sie an eine Braut. Eine Braut, die zielstrebig und unaufhaltsam mit ihrem Schleier aus Regen hinter ihnen her war.

Die ersten dicken Tropfen trafen sie, als sie im dichten Verkehr auf dem Ring 3 standen. In diesem Moment wusste sie, dass sie verloren hatten.

»Fahr hier ab«, sagte Stig und zeigte auf die Ausfahrt.

Sie tat, was er sagte, und plötzlich waren sie in einer Einfamilienhaussiedlung.

»Hier nach rechts«, sagte Stig.

Die Tropfen fielen immer dichter. »Wo sind wir?«

»Berg. Siehst du das gelbe Haus dort?«

»Ja.«

»Ich kenne die früheren Besitzer. Das Haus steht leer. Halt vor der Garage, ich mache dir auf.«

Fünf Minuten später stand das Auto in der Garage zwischen rostigem Werkzeug, abgefahrenen Reifen und mit Spinnweben überzogenen Gartenmöbeln. Sie starrten nach draußen in den hämmernden Regen.

»Sieht nicht so aus, als würde das so bald wieder aufhören«, sagte Martha. »Und das Verdeck ist kaputt.«

»Verstanden«, sagte Stig. »Kaffee?«

»Wo?«

»In der Küche. Ich weiß, wo der Schlüssel liegt.«

»Aber …«

»Das ist mein Haus.«

Sie sah ihn an. Sie war nicht schnell genug gefahren. Hatte es nicht geschafft. Was es auch war, es war zu spät.

»Gerne«, sagte sie.


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