Kapitel 41
Er setzte sich vor ihn auf einen Stuhl. Sah, wie er das Feuerzeug unter den Löffel hielt.
»Wie haben Sie mich gefunden?«
»Das Telefon«, sagte Simon, ohne die Flamme aus den Augen zu lassen. »Und die Hintergrundgeräusche. Huren bei der Arbeit. Weißt du, wer ich bin?«
»Simon Kefas«, sagte der Junge. »Ich kenne Sie von den Bildern.« Der Stoff löste sich auf. Kleine Bläschen stiegen an die Oberfläche. »Ich werde mich nicht wehren. Ich hatte eh vor, mich noch heute zu stellen.«
»Oh! Warum? Ist dein Kreuzzug vorbei?«
»Es gibt keinen Kreuzzug«, sagte der Junge und legte den Teelöffel vorsichtig zur Seite. Simon wusste, das flüssige Heroin musste erst ein bisschen abkühlen. »Es gibt Menschen mit blindem Glauben, Menschen, die an allem festhalten, was sie als Kind gelernt haben. Aber irgendwann kapieren auch die, dass die Welt so nicht funktioniert. Dass wir alle nur Dreck sind. Nichts als Abfall.«
Simon legte die Waffe auf seine Handfläche und sah sie an. »Ich will dich nicht zur Polizei bringen, Sonny, sondern zum Zwilling. Dich, das Dope und das Geld, das du ihm gestohlen hast.«
Der Junge blickte auf, während er das Plastik von einer Spritze riss. »Okay, aber was macht das für einen Unterschied? Will er mich töten?«
»Ja.«
»Abfallbeseitigung. Aber erst die Spritze, ja?« Er legte einen Wattebausch auf den Löffel, drückte die Spitze der Spritze hinein und zog die Spritze auf. »Ich kenne den Stoff nicht, weiß nicht, ob der mit irgendeinem Scheiß versetzt ist«, sagte er, um die Watte zu erklären.
Dann sah er Simon an, als wollte er sich vergewissern, dass dieser die Ironie verstanden hatte.
»Der Stoff aus Kalle Farrisens Drogendepot«, sagte Simon. »Du hast ihn die ganze Zeit gehabt und bist nie in Versuchung gekommen, ihn mal auszuprobieren?«
Der Junge lachte kurz und hart.
»Schlecht formuliert«, sagte Simon. »Vergiss das mit der Versuchung. Aber du bist standhaft geblieben. Wie?«
Der Junge zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß ein bisschen was über Abhängigkeit«, sagte Simon. »Die Liste der Dinge, die uns die Kraft geben können, standhaft zu bleiben, ist nicht lang. Entweder ist uns Jesus begegnet, ein Mädchen, unser eigenes Kind oder der Mann mit der Sense. In meinem Fall war es ein Mädchen. Und in deinem?«
Der Junge antwortete nicht.
»Dein Vater?«
Der Junge sah Simon nur forschend an, als wäre ihm etwas klargeworden.
Simon schüttelte den Kopf. »Ihr seid euch so ähnlich. Das ist jetzt noch viel besser zu sehen als auf den Bildern.«
»Es hieß doch immer, dass er und ich uns gar nicht ähnlich sehen.«
»Nicht du und dein Vater. Du und deine Mutter. Du hast ihre Augen. Sie ist immer irrsinnig früh aufgestanden, vor uns, hat gefrühstückt und ist dann zur Arbeit gerannt. Manchmal bin ich früh aufgestanden, um sie einfach da sitzen zu sehen, ungeschminkt und müde, aber mit diesen unfassbar schönen Augen.«
Der Junge sah ihn regungslos an.
Simon drehte die Pistole hin und her, als suchte er etwas. »Wir waren vier junge Leute aus einfachen Verhältnissen, die sich in Oslo eine Wohnung teilten, das war am billigsten. Drei Jungs, die auf die Polizeischule gingen, und deine Mutter. Die Jungs bezeichneten sich als die Troika und waren enge Freunde. Dein Vater, Pontius Parr und ich. Deine Mutter hat mit einer Zeitungsannonce eine Unterkunft gesucht und bekam das leere Zimmer. Ich glaube, wir haben uns alle drei schlagartig in sie verliebt, als wir sie sahen.« Simon lächelte. »Wir haben uns gegenseitig belauert und ihr heimlich den Hof gemacht. Und wir waren drei hübsche Kerle, ich glaube, sie wusste nicht recht, wen sie nehmen sollte.«
»Das wusste ich nicht«, sagte der Junge. »Aber ich weiß, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hat.«
»Ja«, sagte Simon, »sie hat mich genommen.«
Simon sah von seiner Pistole auf. Begegnete dem Blick des Jungen.
»Deine Mutter war die Liebe meines Lebens, Sonny. Ich war drauf und dran draufzugehen, als sie mich verlassen hat und deinen Vater nahm. Besonders als kurz darauf klar war, dass sie ein Kind bekam. Die beiden sind ausgezogen und haben sich das Haus in Berg gekauft. Sie schwanger, er Student, sie waren arm wie die Kirchenmäuse. Aber die Zinsen waren niedrig, die Banken warfen den Leuten das Geld in diesen Jahren beinahe hinterher.«
Sonny hatte nicht ein einziges Mal geblinzelt. Simon räusperte sich.
»Um diese Zeit herum begann ich dann richtig zu spielen. Ich hatte bereits Schulden, fing aber trotzdem oder gerade deshalb mit Pferdewetten an. Mit hohen Einsätzen. Es war irgendwie befreiend, am Rande des Abgrunds zu stehen und zu wissen, dass sich dadurch etwas ändern würde, was auch passierte. Rauf oder runter, das war beinahe das Gleiche. Damals sind dein Vater und ich uns fremd geworden. Ich habe sein Glück einfach nicht verkraftet. Er und Pontius waren ein eingeschworenes Team, die Troika gab es nicht mehr. Ich habe irgendeine Entschuldigung vorgebracht, als er mich fragte, ob ich dein Pate werden wollte, hab mich aber trotzdem hinten in die Kirche geschlichen, als du getauft wurdest. Du warst das einzige Baby, das nicht geschrien hat. Du hast einfach nur ruhig und lächelnd zu dem neuen, noch etwas nervösen Pastor aufgeschaut, als würdest du ihn taufen und nicht umgekehrt. Dann bin ich gegangen und habe dreizehntausend Kronen auf ein Pferd mit Namen Sonny gesetzt.«
»Und?«
»Du schuldest mir dreizehntausend.«
Der Junge lächelte. »Warum erzählen Sie mir das alles?«
»Weil ich mich manchmal gefragt habe, ob nicht alles auch ganz anders hätte laufen können. Ich andere Entscheidungen treffen, Ab anders hätte handeln können. Oder du. Einstein hat gesagt, der Mensch ist wirklich verrückt, der immer wieder dieselbe Rechenaufgabe löst und glaubt, irgendwann zu einem anderen Ergebnis zu kommen. Aber was, wenn Einstein sich irrt, Sonny? Kann es etwas geben, eine göttliche Inspiration, die uns vielleicht dennoch beim nächsten Mal anders handeln lässt?«
Der Junge band sich einen Gummiriemen um den Oberarm. »Sie hören sich wie ein gläubiger Mensch an, Simon Kefas.«
»Ich weiß es nicht, ich frage bloß. Aber ich weiß, dass dein Vater die gute Absicht hatte, egal, wie hart du ihn verurteilst. Er wollte ein besseres Leben schaffen, aber nicht für sich selbst, sondern für euch drei. Und diese Liebe war sein Schicksal. Und jetzt verurteilst du dich ebenso hart, weil du euch für Abbilder hältst. Aber du bist nicht dein Vater. Dass er moralisch versagt hat, heißt noch lange nicht, dass auch du moralisch versagst. Die Söhne tragen doch nicht die Verantwortung, wie ihre Väter zu werden, sondern sollen besser als sie sein.«
Der Junge biss in das Ende des Gummiriemens. »Mag sein, aber was spielt das noch für eine Rolle?«, sagte er aus dem Mundwinkel, legte den Kopf nach hinten, so dass der Riemen sich straffte und die Adern auf dem Unterarm deutlich hervortraten. Er hielt die fertige Spritze in der freien Hand, den Daumen auf dem Kolben, die Spritze mit dem Mittelfinger stabilisierend. Wie ein chinesischer Tischtennisspieler, dachte Simon. Sonny hatte die Spritze in der rechten Hand, obwohl er Linkshänder war, aber Simon wusste, dass Junkies es mit beiden Händen können mussten.
»Es spielt eine Rolle, weil jetzt du entscheiden musst, Sonny. Setzt du dir diese Spritze? Oder hilfst du mir, den Zwilling zu schnappen? Und den wirklichen Maulwurf?«
Ein Tropfen glitzerte an der Spitze der Nadel. Von der Straße waren Autos und Lachen zu hören, und im Nebenzimmer unterhielten sich leise zwei Leute. Stadt mit ruhigem Sommerpuls.
»Ich will ein Treffen organisieren, zu dem sowohl der Zwilling als auch der Maulwurf kommt. Aber dafür musst du am Leben sein, sonst geht das nicht. Du bist der Lockvogel.«
Der Junge hörte ihm ganz offensichtlich nicht zu, er hatte den Kopf gesenkt, seinen Körper irgendwie um die Spritze gelegt und schien sich auf den Rausch vorzubereiten. Simon biss die Zähne zusammen. Und war überrascht, als er Sonnys Stimme hörte:
»Wer ist das? Der Maulwurf?«
»Das siehst du, wenn du mitkommst, vorher nicht. Ich weiß, was du durchmachst, Sonny. Aber irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem du nichts mehr aufschieben kannst, dir nicht erlauben kannst, einfach noch einen Tag schwach zu sein und dir wieder einmal zu versprechen, morgen beginne ich mit meinem anderen Leben.«
Sonny schüttelte den Kopf. »Es gibt kein anderes Leben.«
Simon starrte auf die Spritze. Und ihm wurde klar, dass das eine Überdosis war.
»Willst du wirklich sterben, Sonny, ohne Bescheid zu wissen?«
Der Junge blickte nicht mehr die Spritze an, sondern Simon.
»Sehen Sie denn nicht, wohin mich das gebracht hat, Kefas?«
»Hier?«, fragte Åsmund Bjørnstad und beugte sich über das Lenkrad. Er las das Schild über dem Eingang. »Hotel Bismarck.«
»Ja«, sagte Kari und löste den Sicherheitsgurt.
»Und Sie sind sich sicher, dass er hier ist?«
»Simon hat überlegt, welche Hotels in Kvadraturen Barzahlung akzeptieren. Ich gehe davon aus, dass er etwas weiß, und habe deshalb die sechs Hotels angerufen und ihnen Bilder von Sonny Lofthus geschickt.«
»Und das Bismarck war ein Treffer?«
»An der Rezeption hat man mir bestätigt, dass der Mann auf dem Bild in Zimmer 216 wohnt. Und mir gesagt, ein Polizist sei schon da und habe sich Zugang zu dem Zimmer verschafft. Das Hotel habe einen Deal mit der Polizei gemacht, an den auch wir uns bitte halten sollen.«
»Simon Kefas?«
»Ich fürchte schon.«
»Okay, dann los.« Åsmund Bjørnstad nahm das Walkie-Talkie und drückte den Sprechknopf. »Delta, bitte kommen.«
Es knackte in den Lautsprechern. »Delta hört, over.«
»Sie können reingehen. Er ist in Zimmer 216.«
»Verstanden. Wir gehen rein. Over and out.«
Bjørnstad legte das Walkie-Talkie weg.
»Wie lautet Ihre Anweisung?«, fragte Kari, sie hatte das Gefühl, dass ihre Kleider zu eng wurden.
»Die eigene Sicherheit hat Priorität, wenn nötig, dürfen tödliche Schüsse abgegeben werden. Wohin wollen Sie?«
»Ich muss an die Luft.«
Kari lief über die Straße. Vor ihr stürmten schwarzgekleidete Polizisten mit MP5-Maschinenpistolen zum Hotel. Einige verschwanden in der Rezeption, andere im Hinterhof, wo die Außentreppe und der Notausgang waren.
Sie war gerade an der Rezeption, als oben die Tür krachte und die Schockgranate dumpf explodierte. Auf dem Flur hörte sie dann durch das Walkie-Talkie: »Bereich gesichert.«
Sie rannte durch die Tür.
Vier Polizisten: einer im Bad, drei im Schlafzimmer. Alle Schranktüren und das Fenster waren geöffnet.
Niemand sonst. Keine persönlichen Dinge. Der Gast hatte ausgecheckt.
Markus hockte auf dem Rasen und suchte nach Fröschen, als der Sohn das gelbe Haus verließ und auf ihn zusteuerte. Die Nachmittagssonne stand tief über den Dächern. Es wirkte fast so, als kämen die Strahlen aus dem Kopf des Sohnes, als er vor Markus stand. Er lächelte, und Markus freute sich, dass er nicht mehr so unglücklich aussah wie noch am Morgen.
»Danke für alles, Markus.«
»Willst du verreisen?«
»Ja, ich gehe jetzt.«
»Warum müssen immer alle verschwinden?«, rutschte es Markus heraus.
Der Sohn ging vor ihm in die Hocke und legte Markus die Hand auf die Schulter. »Ich erinnere mich an deinen Vater, Markus.«
»Wirklich?«, fragte Markus ungläubig.
»Ja, und egal was deine Mutter sagt, zu mir war er immer nett. Und einmal hat er einen Riesenelch vertrieben, der sich hierher aus dem Wald verirrt hatte.«
»Echt?«
»Ja, ganz allein.«
Markus sah etwas Merkwürdiges. Hinter dem Kopf des Sohnes, in dem offenen Fenster des gelben Hauses, flatterten die dünnen weißen Gardinen, obwohl es ganz windstill war.
Der Sohn stand auf und fuhr mit den Fingern durch Markus’ Haare. Dann ging er pfeifend die Straße hinunter, in der Hand den Aktenkoffer. Etwas ließ Markus plötzlich zum gelben Haus hinübersehen. Die Gardinen standen in Flammen, und alle Fenster waren geöffnet. Alle.
Ein Elchbulle, dachte Markus. Mein Papa hat einen Elch vertrieben.
Das Haus gab ein seltsames Geräusch von sich, als saugte es Luft ein. Dann wurde aus dem saugenden Geräusch ein Grummeln mit immer lauter werdenden, singenden Obertönen, das schließlich wie eine bedrohliche, triumphierende Musik klang. Hinter den schwarzen Fenstern sah er die gelben Tänzerinnen, die hin und her sprangen, sich wiegten und bereits den Untergang feierten, den Tag des Jüngsten Gerichts.
Simon kuppelte aus, rollte an den Straßenrand und ließ den Motor laufen
Etwas entfernt, vor seinem Haus, stand ein Auto. Ein neuer blauer Ford Mondeo. Mit getönten Heckscheiben. Auch vor der Augenabteilung des Krankenhauses hatte ein solcher Wagen gestanden. Natürlich konnte das ein Zufall sein, andererseits waren im Polizeidistrikt Oslo im letzten Jahr acht solcher Wagen angeschafft worden. Mit getönten Scheiben, damit man das hinter den Kopfstützen verstaute Blaulicht nicht sehen konnte.
Simon nahm sein Handy, das auf dem Beifahrersitz lag, und wählte eine Nummer.
Das Gespräch wurde schon nach dem ersten Klingeln angenommen.
»Was willst du?«
»Hallo, Pontius. Findest du es frustrierend, dass mein Telefon immer in Bewegung ist?«
»Lass diesen Schwachsinn, Simon, ich verspreche dir auch, es hat für dich keine Folgen.«
»Keine?«
»Nicht, wenn du jetzt zur Vernunft kommst. Ist das ein Deal?«
»Du willst immer einen Deal, Pontius. Aber ich kann dir einen anderen vorschlagen: Du kommst morgen früh in ein Restaurant.«
»Ach ja? Und was gibt’s zu essen?«
»Ein paar Kriminelle. Mit deren Festnahme du dir eine weitere Feder an den Hut stecken kannst.«
»Details?«
»Kriegst du nicht. Aber Adresse und Zeitpunkt, wenn du mir versprichst, nur eine weitere Person mitzubringen. Meine Kollegin Kari Adel.«
Für einen Moment blieb es still.
»Willst du mich austricksen, Simon?«
»Habe ich das jemals getan? Vergiss nicht, dass du eine Menge gewinnen kannst. Oder anders ausgedrückt: Wenn du diese Leute entkommen lässt, wird’s für dich eng.«
»Dein Wort, das ist keine Falle?«
»Ja, glaubst du, ich würde es riskieren, dass Kari etwas passiert?«
Pause.
»Nein, nein, das sähe dir nicht ähnlich, Simon.«
»Vermutlich bin ich deshalb nie Polizeipräsident geworden.«
»Wie witzig. Wann und wo?«
»Viertel nach sieben. Aker Brygge 86. Bis dann.«
Simon öffnete das Seitenfenster und warf das Telefon raus. Es verschwand hinter dem Zaun des Nachbarn. In der Ferne hörte er die Sirenen der Feuerwehr.
Er legte den Gang ein und gab Gas.
Er fuhr nach Westen und bog bei Smestad in Richtung Holmenkollåsen ab. Langsam fuhr er die Kurven hinauf zu dem Ort, der ihm immer ein Gefühl von Überblick vermittelte. Der Honda war längst vom Aussichtspunkt entfernt worden. Die Kriminaltechniker hatten ihre Arbeit abgeschlossen. Schließlich war dieser Platz ja auch kein Tatort.
Jedenfalls nicht in einem Mordfall.
Simon parkte den Wagen so, dass er den Sonnenuntergang über dem Fjord im Blick hatte. Je dunkler es wurde, desto mehr glich Oslo einem langsam verlöschenden Lagerfeuer mit zuckender roter und gelber Glut. Simon schlug den Mantelkragen hoch und kippte den Sitz nach hinten. Er musste versuchen zu schlafen. Morgen war ein großer Tag. Der größte.
So ihnen das Glück denn beistand.
»Probier mal die hier«, sagte Martha und reichte dem Jungen eine Jacke.
Er war relativ neu, sie hatte ihn erst einmal im Ila gesehen. Er war maximal zwanzig und würde mit Glück fünfundzwanzig werden. Das vermuteten jedenfalls die anderen Mitarbeiter.
»Toll, die steht dir!«, sagte sie lächelnd. »Und vielleicht die hier dazu?« Sie reichte ihm eine kaum getragene Jeans. Als sie spürte, dass jemand hinter sie getreten war, drehte sie sich um. Er musste durch das Café hereingekommen sein und stand vielleicht schon eine ganze Weile in der Tür des Kleiderlagers. Der Anzug und der Verband um den Kopf waren auffällig, aber das alles sah Martha nicht. Sie hatte nur Augen für seinen durchdringenden, sinnlichen Blick.
Für das, was sie nicht haben wollte. Für das, was sie haben wollte.
Lars Gilberg drehte sich in seinem nagelneuen Schlafsack um. Der Verkäufer im Sportgeschäft hatte skeptisch auf den Tausender geblickt, bevor er ihn akzeptiert und Gilberg das Wunderding überlassen hatte. Lars blinzelte.
»Du bist zurück«, stellte er fest. »Uih, bist du jetzt ein Hindu?« Seine Stimme dröhnte und hallte unter dem Brückengewölbe wider.
»Mag sein«, sagte der Mann, der fröstelnd neben ihm in der Hocke saß und lächelte. »Ich brauche heute Nacht einen Ort, an dem ich schlafen kann.«
»Bitte. Auch wenn du aussiehst, als könntest du dir etwas Besseres leisten.«
»Da finden sie mich.«
»Hier ist Platz genug, und überwacht werden wir hier auch nicht.«
»Kann ich mir ein paar Zeitungen ausborgen? Natürlich nur, wenn du sie schon gelesen hast.«
Gilberg lachte. »Du kannst meinen alten Schlafsack haben, den nehme ich nur noch als Matratze.« Er zog den dreckigen, löchrigen Schlafsack unter sich hervor. »Oder weißt du was? Nimm den neuen. Ich schlafe heute Nacht noch einmal in meinem alten. Da ist ein bisschen zu viel von mir drin, um das mal so zu sagen.«
»Wirklich?«
»Ja, ja, der sehnt sich sicher schon nach mir.«
»Danke, Lars, vielen, vielen Dank.«
Lars Gilberg antwortete mit einem Lächeln.
Und als er sich wieder hinlegte, spürte er eine wohlige Wärme, die nicht aus dem Schlafsack, sondern von innen kam.
Es ging wie ein Seufzen durch die Korridore, als alle Zellentüren des Staten gleichzeitig für den Abend und die Nacht verriegelt wurden.
Johannes Halden setzte sich auf sein Bett. Was er auch tat, ob er saß, lag oder stand, die Schmerzen waren immer gleich. Er wusste genau, dass sie nie mehr verschwinden, sondern nur noch schlimmer werden würden. Die Krankheit war ihm jetzt auch anzusehen. Als Folge des Lungenkrebses waren seine Lymphknoten angeschwollen. Einer hatte bereits die Größe eines Golfballs.
Arild Franck hatte sein Versprechen gehalten. Weil er dem Jungen geholfen hatte, sollte Johannes von seiner Krankheit zerfressen werden, ohne einen Arzt konsultieren oder Schmerzmittel nehmen zu können. Vielleicht schickte Franck ihn irgendwann auf die Krankenstation, wenn er der Meinung war, dass Johannes genug gelitten hatte und dem Tod nahe war oder dass ein weiterer Todesfall in der Zelle in den Akten nicht gut aussah.
Es war so still. Kameraüberwacht und still. Früher hatten die Wachleute nach der Schließzeit noch ihre Runde gemacht, und irgendwie hatten ihre Schritte beruhigende Wirkung auf ihn gehabt, und in Ullersmo hatte einer der Wachleute, Håvelsmo, ein alter, frommer Mann, dabei sogar gesungen. Alte Psalmen, vorgetragen mit einem tiefen Bariton. Das waren die besten Wiegenlieder, die ein Langzeithäftling bekommen konnte. Selbst die schlimmsten Psychotiker verstummten, wenn sie Håvelsmo auf dem Flur hörten. Johannes wünschte sich, Håvelsmo wäre nun hier. Oder der Junge. Aber er durfte sich nicht beklagen. Von dem Jungen hatte er bekommen, was er sich so sehr gewünscht hatte, Vergebung. Und ein Wiegenlied obendrein.
Er hob die Spitze der Spritze ins Licht.
Das Wiegenlied.
Der Junge hatte ihm erklärt, er habe sie in einer Bibel vom seligen Per Vollan bekommen – Friede seiner gequälten Seele –, angeblich das reinste Heroin Oslos. Und er hatte ihm gezeigt, wie man es anstellen musste, wenn die Zeit gekommen war.
Johannes legte die Spitze der Spritze auf eine dicke blaue Ader am Arm. Sein Atem ging schnell.
Das war also alles, ein ganzes Leben. Ein Leben, das vielleicht ganz anders verlaufen wäre, wenn er sich nicht bereit erklärt hätte, diese zwei Säcke aus Songkhla mitzunehmen. Seltsam. Würde er heute noch ja sagen? Nein. Aber der, der er damals gewesen war, hatte ja gesagt. Wieder und wieder. Es hätte also kaum anders verlaufen können.
Johannes drückte die Kanüle gegen die Haut, und ein Schauer lief über seinen Rücken, als die Nadel sich hineinbohrte. Dann drückte er den Kolben der Spritze nach unten. Gleichmäßig und ruhig. Er musste sich alles spritzen, das war wichtig.
Als Erstes verschwanden die Schmerzen. Wie von Zauberhand.
Dann kam das andere.
Und er verstand, wovon sie immer geredet hatten. Der Rausch. Der freie Fall. Die Umarmung. War es wirklich so einfach? War das alles die ganze Zeit über wirklich nur einen Nadelstich entfernt gewesen? War sie all die Jahre über nur einen Nadelstich entfernt gewesen? Denn jetzt war sie bei ihm. Mit dem seidenen Kleid, den dunkel glänzenden Haaren, den Mandelaugen und den weichen, sich so langsam bewegenden Himbeerlippen. Ihre sanfte Stimme flüsterte die schwierigen englischen Worte. Johannes Halden schloss die Augen und sank auf seinem Bett zusammen.
Der Kuss.
Das war es, das wollte er all die Jahre haben.
Markus sah blinzelnd auf den Fernsehschirm.
Sie sprachen von allen, die in den letzten Wochen ermordet worden waren, das Thema beherrschte Radio und Fernsehen. Mama hatte gesagt, er solle sich das nicht immer angucken, weil er sonst nur wieder Alpträume bekäme. Aber er hatte keine Alpträume mehr. Und jetzt war jemand im Fernsehen, den Markus wiedererkannte. Er saß an einem Tisch voller Mikrofone und beantwortete Fragen. Markus erinnerte sich wegen der viereckigen Brille an ihn. Verstand aber weder, wie das zusammenhing, noch, was das bedeutete. Nur dass der Mann jetzt nach dem Feuer die Heizung in dem gelben Haus nicht mehr anzudrehen brauchte.