12 OSTWÄRTS

Leamas öffnete seinen Sicherheitsgurt.

Angeblich erleben Todeskandidaten plötzliche Zustände eines übersteigerten Glücksgefühls, vielleicht wie Motten es in der Kerzenflamme erleben: als erreichten sie durch ihre Vernichtung ein langersehntes Ziel. Nachdem Leamas sich entschieden hatte, erfüllte ihn eine Empfindung, die fast dem Gefühl der Erleichterung glich. Es währte nicht lange, gab ihm aber Trost und hielt ihn für eine Zeitlang aufrecht. Furcht und Hunger folgten darauf.

Der Chef hatte recht: Er ließ nach.

Das war ihm während des Falls Riemeck zum erstenmal am Anfang des letzten Jahres bewußt geworden. Karl hatte ihm die Nachricht zukommen lassen, dass er etwas Besonderes für ihn habe und einen seiner seltenen Besuche in Westdeutschland mache; er fahre zu einer juristischen Konferenz in Karlsruhe. Leamas war es gelungen, eine Flugkarte nach Köln zu bekommen, und er mietete dort auf dem Flugplatz einen Wagen. Es war noch ziemlich früh am Morgen, und er hatte gehofft, dem größten Teil des Autobahnverkehrs nach Karlsruhe entgehen zu können, aber die schweren Lastwagen waren schon unterwegs. In der ersten halben Stunde gelang es ihm, siebzig Kilometer hinter sich zu bringen, indem er sich waghalsig durch den Verkehr wand. Er wollte rechtzeitig in Karlsruhe sein. Plötzlich begann, nur fünfzehn Meter vor ihm, ein kleiner Wagen, wahrscheinlich ein Fiat, aus der Kolonne in die Überholspur herüberzuziehen. Leamas trat auf die Bremse, blendete voll auf und hupte. Mit Gottes Hilfe kam er noch um Bruchteile einer Sekunde an ihm vorbei. Während er den Wagen überholte, sah er gerade noch vier Kinder, die winkend und lachend auf dem Rücksitz saßen, und das dumme Gesicht ihres erschrockenen Vaters. Fluchend fuhr er weiter, und plötzlich geschah es: plötzlich zitterten seine Hände wie im Fieber, sein Gesicht glühte, sein Herz klopfte wild. Er bog auf einen Rastplatz ein. Er kletterte aus dem Wagen und starrte schwer atmend auf den vorbeidonnernden Strom riesiger Uberlandtransporter. Im Geist sah er das kleine Auto zwischen den Kolossen gefangen, die es zusammenpreßten und zerquetschten, bis nichts übrigblieb als das wilde Wimmern der Autohupen und die blauen Blitze der Polizeilichter, und die Körper der Kinder, ebenso zerfetzt wie die Leichen der ermordeten Flüchtlinge auf der Straße durch die Dünen.

Den Rest des Weges fuhr er sehr langsam. Er verpaßte die Verabredung mit Karl. Er fuhr nie wieder Auto, ohne dass ihm die zerzausten, winkenden Kinder auf dem Rücksitz jenes Wagens einfielen, und ihr Vater, der das Lenkrad umklammerte wie ein Bauer den Griff seines Pfluges.

Der Chef hätte es Fieber genannt.

Verdrossen saß er in seinem Sitz an der Tragfläche.

Neben ihm war eine Amerikanerin, deren hochhackige Schuhe in Nylonhüllen steckten. Er hatte die flüchtige Idee, er könne ihr irgendeine Nachricht für die Leute in Berlin mitgeben, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Sie würde meinen, er mache einen Annäherungsversuch, und Peters würde es bemerken. Außerdem war es sinnlos. Der Chef wußte, was geschehen war; der Chef hatte es veranlaßt; es gab nichts mitzuteilen. Er fragte sich, was nun mit ihm geschehen werde.

Der Chef hatte nicht davon gesprochen, nur von der anzuwendenden Technik: »Erzählen Sie ihnen nicht alles auf einmal. Man soll es mühsam aus Ihnen herausziehen. Verwirren Sie sie mit Einzelheiten, lassen Sie manche Dinge aus, während Sie auf anderen immer wieder herumreiten. Seien Sie empfindlich, boshaft, schwierig. Saufen Sie wie ein Loch; bleiben Sie in ideologischen Fragen stur, denn in der Beziehung sind sie mißtrauisch. Sie wollen es mit einem Mann zu tun haben, den sie gekauft haben. Sie wünschen den Zusammenstoß oppositioneller Ideen, Alec, keinen abgetakelten Bekehrten. Vor allem sollen sie selbst ihre Schlußfolgerungen ziehen. Der Boden dazu ist vorbereitet; wir haben schon seit langem daran gearbeitet, Kleinigkeiten als Köder ausgelegt, komplizierte Zusammenhänge konstruiert. Ihre Unternehmung ist nur noch die letzte Station auf der Jagd nach dem Schatz.«

Er konnte sich nicht weigern, diese Aufgabe zu übernehmen: er durfte sich nun vor dem großen Kampf nicht mehr drücken, nachdem alle vorbereitenden Gefechte für ihn schon geschlagen worden waren.

»Eines kann ich Ihnen versprechen: Die Sache ist es wert. Um unseres besonderen Interesses willen lohnt es sich, Alec. Stehen Sie es durch, und wir haben einen großen Sieg errungen.«

Er zweifelte daran, dass er Folterungen würde ertragen können. Ein Buch Koestlers fiel ihm ein, dessen Hauptfigur - ein alter Revolutionär - sich brennende Streichhölzer an die Fingerspitzen hält, um sich auf das Ertragen von Schmerzen vorzubereiten. Er hatte nicht viel gelesen, aber das hatte er gelesen, und daran erinnerte er sich.

Es war fast dunkel, als sie in Tempelhof landeten. Leamas sah die Lichter von Berlin auftauchen, um sie zu empfangen, fühlte den Stoß, als das Flugzeug aufsetzte, sah, wie die Zoll- und Paßbeamten aus dem Zwielicht heraustraten.

Für einen Augenblick fürchtete Leamas, er könnte auf dem Flugplatz alten Bekannten begegnen. Aber während Peters und er Seite an Seite durch die endlosen Korridore gingen, die oberflächlichen Zoll- und Paßkontrollen passierten und sich noch immer kein bekanntes Gesicht umwandte, um ihn zu begrüßen, da wurde ihm klar, dass seine scheinbare Besorgnis in Wirklichkeit Hoffnung gewesen war; Hoffnung, dass sein stillschweigend gefaßter Entschluß, weiterzumachen, durch einen äußeren Zufall umgestoßen werden könnte.

Er vermerkte mit Interesse, dass Peters es nicht mehr für notwendig hielt, ihre Zusammengehörigkeit zu verleugnen. Fast schien Peters Westberlin als sicheren Boden zu betrachten, auf dem man Vorsicht und Sicherheitsvorkehrungen lockern konnte, da er nichts anderes war als das Sprungbrett in den Osten.

Sie gingen durch die große Empfangshalle dem Hauptausgang zu, als Peters plötzlich seinen Plan zu ändern schien, unerwartet eine andere Richtung einschlug und Leamas zu einem kleinen Nebenausgang führte, der auf einen Parkplatz und einen Taxistand hinausführte. Dort zögerte Peters eine Sekunde und blieb in der beleuchteten Tür stehen; dann stellte er seinen Handkoffer neben sich auf den Boden, zog bedächtig die Zeitung unter seinem Arm hervor, faltete sie, schob sie in die linke Tasche seines Regenmantels und griff wieder nach seinem Koffer. Fast im selben Augenblick flammten auf dem Parkplatz die Scheinwerfer eines Autos auf, wurden abgeblendet und dann ausgeschaltet.

»Kommen Sie«, sagte Peters und begann schnell den Asphaltplatz zu überqueren. Leamas folgte ihm langsamer. Als sie die erste Reihe der parkenden Wagen erreichten, wurde die hintere Tür eines schwarzen Mercedes von innen geöffnet, wobei die Innenbeleuchtung anging. Peters war Leamas etwa drei Meter voraus, er trat schnell zu dem Wagen, sprach leise mit dem Fahrer und rief dann Leamas zu:

»Hier ist der Wagen. Beeilen Sie sich.«

Es war ein alter Mercedes 180. Leamas stieg wortlos ein. Peters setzte sich neben ihn auf den Rücksitz. Als sie den Parkplatz verließen, überholten sie einen kleinen DKW, in dem zwei Männer saßen. In einer zehn Meter entfernten Telefonzelle sprach ein Mann in die Muschel, und sein Blick verfolgte sie, während sie vorbeifuhren. Leamas schaute durch das Heckfenster und sah, dass der DKW hinter ihnen blieb. Ein ganz schöner Empfang, dachte er.

Sie fuhren sehr langsam. Leamas hatte die Hände auf den Knien und blickte geradeaus. Er wollte in dieser Nacht nichts von Berlin sehen. Er wußte, dass er jetzt seine letzte Chance hätte. So wie er jetzt saß, könnte er mit der Kante seiner rechten Hand auf Peters' Kehle schlagen und dessen Adamsapfel zertrümmern. Er könnte dann herausspringen und im Zickzack davonlaufen, um den Schüssen aus dem folgenden Wagen zu entgehen. Er würde frei sein - es gab Menschen in Berlin, die sich seiner annehmen würden -, er wäre dem allen entronnen.

Er tat nichts.

Es war so leicht, die Sektorengrenze zu überschreiten. Leamas hatte nicht erwartet, dass es derart mühelos sein würde. Etwa zehn Minuten bummelten sie dahin, so dass Leamas zu dem Schluß kam, der Übergang sei für einen bestimmten Zeitpunkt verabredet worden. Als sie sich dem westdeutschen Kontrollpunkt näherten, fuhr der DKW vor und überholte sie mit dem aufdringlichen Lärm eines überdrehten Motors. Er hielt an der Polizeibaracke. Der Mercedes wartete zehn Meter dahinter. Zwei Minuten später hob sich der rot-weiße Schlagbaum, um den DKW durchzulassen, und als die Schranke offen war, fuhren beide Wagen zusammen hinüber: der Mercedesmotor heulte im zweiten Gang auf, und der Fahrer drückte sich tief in seinen Sitz, so dass er das Steuer nur mit ausgestreckten Armen halten konnte.

Als sie die zwanzig Meter zurückgelegt hatten, die die zwei Kontrollpunkte voneinander trennten, konnte Leamas undeutlich die neuen Befestigungen auf der Ostseite der Mauer erkennen - spanische Reiter, Beobachtungstürme und einen doppelten Stacheldrahtzaun. Die Lage hatte sich verschärft.

Der Mercedes mußte am ostzonalen Kontrollpunkt nicht halten, die Schlagbäume waren schon hochgezogen, und sie fuhren geradewegs durch. Die Vopos beobachteten sie nur durch Feldstecher. Der DKW war verschwunden, und als er zehn Minuten später wieder auftauchte, war er hinter ihnen. Sie fuhren jetzt schnell - Leamas hatte gedacht, sie würden in Ostberlin halten, vielleicht den Wagen wechseln, und sich gegenseitig zu einer gelungenen Operation gratulieren, aber sie durchquerten die Stadt in östlicher Richtung.

»Wohin fahren wir?« fragte er Peters.

»Wir sind schon da. Die Deutsche Demokratische Republik. Für Ihre Unterkunft ist gesorgt worden.«

»Ich dachte, wir würden weiter nach Osten fahren.«

»Das werden wir auch. Zuerst bleiben wir aber einen oder zwei Tage hier. Wir waren der Ansicht, die Deutschen sollten Gelegenheit zu einer Unterredung mit Ihnen haben.«

»Ich verstehe.«

»Schließlich hat sich der Großteil Ihrer Arbeit mit Deutschland beschäftigt. Ich habe deshalb Einzelheiten Ihrer Aussage hierhergeschickt.«

»Und man wollte mich sprechen?«

»Man hat hier noch nie jemanden wie Sie gehabt, niemanden so … nahe an der Quelle. Meine Leute waren einverstanden, dass man hier die Gelegenheit haben sollte, mit Ihnen zusammenzutreffen.«

»Und dann? Wohin fahren wir von Deutschland aus?«

»Weiter nach Osten.«

»Wen von den Deutschen werde ich treffen?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Kaum. Ich kenne dem Namen nach die meisten aus der Abteilung, und es hätte mich nur so interessiert.«

»Wen würden Sie erwarten?«

»Fiedler«, antwortete Leamas prompt, »stellvertretender Leiter des Sicherheitsdienstes. Mundts Mann. Er macht alle großen Verhöre. Er ist ein Saukerl.«

»Warum?«

»Ein brutaler kleiner Saukerl. Ich habe von ihm gehört. Als er einen Agenten Peter Guillams fing, brachte er ihn fast um.«

»Spionage ist kein Kricketmatch«, bemerkte Peters mürrisch.

Danach verfielen sie wieder in Schweigen. Es ist also Fiedler, dachte Leamas.

Leamas wußte über Fiedler recht gut Bescheid. Er kannte ihn von den Fotografien im Akt und von den Berichten seiner früheren Untergebenen. Ein schlanker, adretter Mann, ziemlich jung, glattgesichtig. Dunkles Haar, große braune Augen: intelligent und brutal, wie Leamas gesagt hatte. Der geschmeidige, schnelle Körper wurde von einem geduldigen, zurückhaltenden Charakter beherrscht. Ein Mann, der scheinbar für sich selbst keinen Ehrgeiz kannte, der aber rücksichtslos in der Vernichtung anderer war. Fiedler stellte in der »Abteilung« eine Ausnahme dar, denn er beteiligte sich nicht an den dort üblichen Intrigen und schien es zufrieden zu sein, ohne Aussicht auf Beförderung im Schatten Mundts zu leben. Er konnte nicht als Mitglied dieser oder jener Clique bezeichnet werden; selbst einstige Mitarbeiter von ihm konnten nicht sagen, wo er seinen Standort innerhalb des Machtgefüges der »Abteilung« hatte. Fiedler war ein Einzelgänger - gefürchtet, unbeliebt und beargwöhnt. Welche Motive er auch haben mochte, er verbarg sie unter einem Mantel von zersetzendem Sarkasmus.

»Fiedler ist unser bestes Pferd«, hatte der Chef erklärt, als er mit Leamas und Peter Guillam in dem düsteren kleinen »Siebenzwergehaus« in Surrey beim Abendessen saß. Dort lebte der Chef mit seiner zierlichen Frau inmitten geschnitzter indischer Tischchen mit Messingplatten.

»Fiedler ist der Ministrant, der seinem Priester eines Tages das Messer in den Rücken stoßen wird. Er ist der einzige Mann, der Mundt gewachsen ist« - hier hatte Guillam genickt -, »und er haßt ihn aus tiefster Seele. Fiedler ist natürlich Jude, und Mundt ziemlich das Gegenteil. Ein denkbar schlechtes Gespann. Unsere Aufgabe war es«, erklärte er mit einem Hinweis auf Guillam und sich selbst, »dass wir Fiedler die Waffe gaben, mit der er Mundt vernichten kann. Ihre Arbeit, mein lieber Leamas, ist es nun, ihn zum Gebrauch dieser Waffe zu ermutigen. Selbstverständlich nur indirekt, weil Sie ihm nie begegnen werden. Wenigstens hoffe ich das.«

Darüber hatten sie alle gelacht, auch Guillam. Es schien damals ein guter Witz zu sein; jedenfalls gut in den Augen des Chefs.

Es mußte schon nach Mitternacht sein. Sie waren längere Zeit auf einer Schotterstraße gefahren, die zum Teil durch einen Wald und zum Teil durch offenes Gelände führte. Nun hielten sie, und einen Augenblick später war der DKW neben ihnen. Als er und Peters ausstiegen, bemerkte Leamas, dass jetzt drei Leute im zweiten Wagen saßen. Zwei von ihnen waren gerade im Begriff auszusteigen. Der dritte saß auf dem Rücksitz und sah beim Licht der Deckenlampe einige Papiere durch - eine kleine Figur; die vom Schatten halb verdeckt war.

Sie hatten in der Nähe einiger unbenutzter Ställe geparkt; das Gebäude lag zehn Meter weiter hinten. Im Scheinwerferlicht des Wagens konnte Leamas ungenau ein niedriges Bauernhaus mit Fachwerk und weißgekalkten Wänden ausnehmen. Sie stiegen aus. Der Mond war herausgekommen und schien so hell, dass sich die bewaldeten Hügel scharf gegen den blassen Nachthimmel abzeichneten. Sie gingen zum Haus, voran Peters und Leamas, während ihnen die beiden Männer folgten. Der Mann im zweiten Wagen hatte noch immer keine Anstalten gemacht auszusteigen; er blieb im Wagen und las.

An der Haustür mußten Peters und Leamas auf die herankommenden Männer warten, von denen einer einen Schlüsselbund in seiner linken Hand hielt. Während er mit den Schlüsseln hantierte, stand der andere mit den Händen in den Taschen im Hintergrund und gab ihm Deckung.

»Sie gehen kein Risiko ein«, bemerkte Leamas zu Peters. »Was denken sie, wer ich bin?«

»Sie werden nicht bezahlt, um zu denken«, erwiderte Peters. Er wandte sich an einen von ihnen und fragte auf deutsch: »Kommt er?«

Der Deutsche zuckte mit den Schultern und schaute zu den Wagen hinunter. »Er wird schon kommen«, sagte er. »Er kommt gern allein.«

Sie gingen ins Haus, der Mann führte sie. Es war wie ein Jagdhaus eingerichtet, teils alt, teils neu. Die matte Deckenbeleuchtung gab nur wenig Licht. Die Luft im Haus war muffig, so als sei es unbewohnt und nur für ihren Besuch geöffnet worden. Da und dort gab es Spuren behördlicher Verwaltung: eine Tafel mit Anweisungen für das Verhalten bei Brandgefahr, die amtliche grüne Farbe auf den Türen und schwere automatische Türschließer. In dem ganz bequem eingerichteten Wohnzimmer standen dunkle, schwere, sehr zerkratzte Möbel und die unvermeidlichen Fotografien sowjetischer Führer. Diese aus der Anonymität kommenden Eingriffe in die Atmosphäre des Hauses zeigten Leamas, wie sehr die Arbeit der »Abteilung« auch dort, wo es nicht gewollt war, vom Geist der Bürokratie durchdrungen wurde. Diese Erscheinung war Leamas schon vom Rondell her vertraut.

Peters setzte sich, und Leamas folgte seinem Beispiel. Sie warteten zehn Minuten, dann wandte sich Peters an einen der zwei Männer, die gelangweilt am anderen Ende des Raumes standen.

»Gehen Sie und sagen Sie ihm, dass wir warten. Und beschaffen Sie uns etwas zu essen, wir sind hungrig.« Als der Mann zur Tür ging, rief Peters: »Und Whisky - sagen Sie ihnen, dass sie Whisky und einige Gläser bringen sollen.« Der Mann zuckte wenig entgegenkommend mit den Achseln und ging hinaus, indem er die Tür hinter sich offenließ.

»Sind Sie schon einmal hier gewesen?« fragte Leamas.

»Ja«, sagte Peters.

»Wozu?«

»Ähnliche Unternehmungen, nicht dasselbe, aber unsere Art Arbeit eben.«

»Mit Fiedler?«

»Ja.«

»Ist er gut?«

»Für einen Juden ist er nicht schlecht«, antwortete Peters, während sich Leamas, der am anderen Ende des Raumes ein Geräusch gehört hatte, umwandte und Fiedler dort in der Tür stehen sah. In der einen Hand hielt er eine Flasche Whisky, in der anderen Gläser und eine Flasche Mineralwasser. Er konnte nicht größer als ein Meter siebzig sein. Er trug einen dunkelblauen Einreiher; die Jacke war zu lang geschnitten. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Raubtieres, er hatte leuchtende braune Augen. Er schaute nicht sie an, sondern den Wachtposten neben der Tür.

»Gehen Sie«, sagte er. Er hatte einen leicht sächsischen Tonfall. »Gehen Sie und sagen Sie dem anderen, er soll uns etwas zu essen bringen.«

»Ich habe es ihm schon gesagt«, rief Peters. »Sie wissen es bereits. Aber sie haben nichts gebracht.«

»Sie sind große Snobs«, bemerkte Fiedler trocken auf englisch, »sie meinen, wir sollten uns das Essen von Dienern servieren lassen.«

Fiedler hatte den Krieg in Kanada verlebt. Leamas erinnerte sich jetzt daran, als er den Akzent erkannte. Fiedlers Eltern waren als deutschjüdische Marxisten geflohen und 1946 zurückgekommen, da sie es kaum erwarten konnten, ohne Rücksicht auf persönliche Opfer am Aufbau des stalinistischen Deutschland mitzuarbeiten.

»Hallo«, setzte er, zu Leamas gewandt, fast beiläufig hinzu, »erfreut, Sie zu sehen.«

»Hallo, Fiedler.«

»Sie haben das Ende des Weges erreicht.«

»Was, zum Teufel, meinen Sie?« fragte Leamas schnell.

»Ich meine, dass Sie im Gegensatz zu allen Versicherungen von Peters nicht weiter nach Osten fahren werden. Bedaure.« Es klang amüsiert.

Leamas wandte sich zu Peters. »Ist das wahr?« Seine Stimme zitterte vor Zorn. »Ist das wahr? Sprechen Sie!«

Peters nickte. »Ja. Ich bin nur der Mittelsmann. Wir mußten es so aufziehen. Es tut mir leid«, fügte er hinzu.

»Warum?«

»Force majeure«, warf Fiedler ein. »Ihr erstes Verhör fand im Westen statt, und dort konnte nur eine Botschaft jene Art von Verbindung herstellen, wie wir sie brauchten. Die Deutsche Demokratische Republik hat keine diplomatischen Vertretungen im Westen. Noch nicht. Unsere Verbindungsleute richteten es deshalb so ein, dass wir in den Genuß von Einrichtungen, Nachrichtenmitteln und diplomatischer Immunität kamen, die man uns gegenwärtig noch versagt.«

»Sie Saukerl«, zischte Leamas, »Sie lausiger Saukerl! Sie haben genau gewußt, dass ich mich Ihrem kläglichen Verein niemals anvertraut hätte. Das ist der wahre Grund, oder? Deshalb haben Sie einen Russen vorgeschickt.«

»Wir nahmen die Hilfe der Sowjetbotschaft in Den Haag in Anspruch. Was hätten wir sonst machen können? Bis dahin war es unsere Operation. Das war völlig richtig gehandelt. Weder wir noch irgend jemand sonst konnte voraussehen, dass Ihre Leute in England so schnell auf Ihre Spur kommen würden.«

»Nein? Auch dann nicht, als ihr selbst sie auf mich gehetzt habt? In Wirklichkeit ist doch genau das geschehen, Fiedler!« - »Vergessen Sie nie«, hatte der Chef gesagt, »ihnen Ihre Abneigung zu zeigen. Dann werden sie schätzen, was sie aus Ihnen herausbekommen.«

»Das ist Unfug«, erwiderte Fiedler kurz. Dann sagte er irgend etwas auf russisch zu Peters, der daraufhin nickte und aufstand.

»Auf Wiedersehen«, sagte er zu Leamas. »Viel Glück.«

Er lächelte müde, nickte Fiedler zu und ging zur Tür. Als er schon seine Hand auf der Türklinke hatte, drehte er sich noch einmal um und sagte zu Leamas: »Viel Glück.« Er schien auf irgendeine Antwort von Leamas zu warten, aber Leamas tat so, als habe er nichts gehört. Er war sehr blaß geworden und hielt seine Hände mit den Daumen nach oben locker über seinen Leib, als erwarte er jederzeit den Beginn einer Schlägerei. Peters blieb an der Tür stehen.

»Ich hätte es wissen müssen«, sagte Leamas, und seine Stimme verriet durch ihren Klang, wie empört er war. »Ich hätte erraten müssen, dass Sie nie den Mut dazu aufbringen würden, Ihre schmutzige Arbeit selbst zu tun, Fiedler. Es ist typisch für Ihre verkommene kleine Staatshälfte und Ihren armseligen Geheimdienst, dass der große Bruder für Sie die Kupplerdienste verrichten muß. Ihr seid hier ja gar kein Staat, das ist überhaupt keine echte Regierung: ihr habt eine fünftklassige Diktatur von politischen Irren.«

Er stieß den Finger in Fiedlers Richtung und brüllte: »Ich kenne Sie, Sie sadistischer Saukerl: all das ist typisch für Sie. Während des Krieges waren Sie ja auch in Kanada, nicht wahr? Es war damals ein sehr viel angenehmerer Platz als hier, was? Ich wette, dass Sie bei jedem Flugzeug Ihren dicken Kopf in Mammis Schürze gesteckt haben. Und jetzt? Sie sind ein kriechender kleiner Diener von Mundt, während zweiundzwanzig russische Divisionen auf Mutters Türschwelle sitzen. An dem Tag, an dem Sie aufwachen und herausfinden werden, dass sie fort sind, möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken, Fiedler. Da wird es Mord und Totschlag geben, und weder Mammi noch großer Bruder werden verhindern können, dass Sie bekommen, was Sie verdienen.«

Fiedler zuckte mit den Achseln. »Fassen Sie's als Besuch beim Zahnarzt auf, Leamas. Je eher wir fertig sind, desto eher können Sie nach Hause gehen. Essen Sie etwas und gehen Sie dann zu Bett.«

»Sie wissen ganz genau, dass ich nicht mehr nach Hause kann«, gab Leamas zurück. »Dafür haben Sie schon gesorgt. Sie haben mich in England gründlich auffliegen lassen. Es blieb euch beiden ja gar nichts anderes übrig, denn ihr habt verdammt genau gewußt, dass ich niemals gekommen wäre, hätte man mir eine andere Wahl gelassen.«

Fiedler sah seine schlanken, kräftigen Finger an. »Es dürfte kaum der rechte Moment zum Philosophieren sein«, sagte er. »Aber ich muß Ihnen schon sagen, dass Sie eigentlich keinen Grund zu Beschwerden haben. Unsere Arbeit - Ihre und meine - geht schließlich von der Annahme aus, dass das Ganze wichtiger als der Einzelne ist. Deshalb betrachtet ein Kommunist seinen Geheimdienst als die ganz natürliche und gerechtfertigte Verlängerung seines Armes, während die Arbeit des Nachrichtendienstes in Ihrem Land in eine Art pudeur anglaise gehüllt ist. Die Ausbeutung von Individuen ist nur durch die kollektive Notwendigkeit zu rechtfertigen, nicht wahr? Ich finde es etwas lächerlich, dass Sie sich so empört geben. Wir sind hier nicht zusammengekommen, um die ethischen Gesetze des englischen Landlebens einzuhalten.« Dann fügte er sanft hinzu: »Schließlich ist auch Ihr eigenes Verhalten von einem puristischen Standpunkt aus nicht untadelig gewesen.«

Leamas beobachtete Fiedler mit dem Ausdruck der Verachtung.

»Ich kenne Ihr Problem genau. Sie sind doch Mundts Pudel? Man sagt, Sie wollen seinen Posten haben? Ich nehme an, Sie werden ihn jetzt bekommen. Es ist an der Zeit, dass die Ära Mundts zu Ende geht. Vielleicht tut sie es gerade.«

»Ich verstehe nicht«, antwortete Fiedler.

»Ich bin Ihr großer Erfolg, nicht wahr?« höhnte Leamas. Fiedler schien einen Moment nachzudenken, dann zuckte er mit den Achseln und sagte: »Die Operation war erfolgreich. Ob sie es wert war, ist noch fraglich. Wir werden sehen. Aber es war eine gute Operation. Sie erfüllte die einzige Forderung, die unser Beruf kennt: sie funktionierte.«

»Ich vermute, Sie betrachten das als Ihren persönlichen Erfolg?« fragte Leamas mit einem Blick zu Peters.

»Es geht hier nicht um die Frage eines persönlichen Verdienstes«, entgegnete Fiedler. Er setzte sich auf die Sofalehne, blickte Leamas einen Augenblick gedankenvoll an und sagte dann: »Trotz allem haben Sie das Recht, über einen Umstand entrüstet zu sein: Wer sagte Ihren Leuten, dass wir Sie aufgegabelt haben? Wir waren es nicht. Sie werden mir vielleicht nicht glauben, aber es ist tatsächlich wahr. Wir haben Ihren Leuten nichts gesagt. Wir wollten es ja gerade vermeiden, dass sie davon erfuhren. Wir hatten sogar Überlegungen angestellt, ob Sie nicht später für uns arbeiten könnten - ein Gedanke, dessen Lächerlichkeit ich jetzt erkenne. Wer sonst aber könnte es Ihren Leuten gesagt haben? Sie waren doch völlig allein, trieben sich herum, hatten keine Adresse, keine Bindung, keine Freunde. Wie, zum Teufel, hat man erfahren, dass Sie verschwunden sind? Irgend jemand muß es ihnen gesteckt haben. Aber es kann weder Ashe noch Kiever gewesen sein, denn beide sind jetzt in Haft.«

»Verhaftet?«

»So scheint es. Nicht gerade wegen der Beteiligung an Ihrem Fall. Es gab da noch andere Sachen …«

»So, so.«

»Es ist wahr, was ich Ihnen jetzt gerade gesagt habe. Wir hätten uns mit Peters' Bericht aus Holland zufriedengegeben, und Sie hätten Ihr Geld nehmen und verschwinden können. Aber Sie haben noch nicht alles erzählt, und ich will alles wissen. Schließlich stellt uns Ihre Gegenwart hier auch vor Probleme, wissen Sie!«

»Nun, ihr habt keine Dummheit gemacht, ich kenne die ganze verdammte Geschichte und wünsche euch viel Glück dazu.«

Es entstand eine Pause, während welcher Peters mit einem abrupten und keineswegs freundlichen Nicken in Fiedlers Richtung ruhig den Raum verließ.

Fiedler ergriff die Whiskyflasche und goß ein wenig in jedes Glas.

»Wir haben leider kein Soda«, sagte er. »Wollen Sie Wasser haben? Ich habe Soda bestellt, aber sie brachten nur irgendeine schlechte Limonade.«

»Ach, zum Henker mit Ihnen«, sagte Leamas. Plötzlich fühlte er sich sehr müde.

Fiedler schüttelte den Kopf. »Sie sind ein sehr stolzer Mann«, bemerkte er, »aber das macht nichts. Essen Sie Ihr Abendbrot und gehen Sie zu Bett.«

Einer der Wachtposten kam mit einem Tablett herein - Schwarzbrot, Wurst und grüner Salat.

»Es ist etwas einfach«, sagte Fiedler, »aber ganz zufriedenstellend. Leider gibt es keine Kartoffeln. Es herrscht eine vorübergehende Knappheit.«

Sie fingen schweigend zu essen an, Fiedler sehr sorgsam, wie ein Mann, der seine Kalorien zählt.

Die Wachen führten Leamas zu seinem Schlafzimmer. Sie ließen ihn sein Gepäck selbst tragen. Es war dasselbe Gepäck, das ihm Kiever vor der Abreise aus England gegeben hatte. Er ging zwischen ihnen den breiten Mittelkorridor hinunter, der von der Eingangstür durch das Haus führte. Sie kamen zu einer großen Doppeltür, die dunkelgrün gestrichen war, und einer der Wachtposten schloß auf. Sie bedeuteten Leamas, zuerst hineinzugehen. Er stieß die Tür auf und befand sich in einem kleinen, kasernenartig eingerichteten Raum mit zwei Stockbetten, einem Stuhl und einem primitiven Schreibtisch. Es war wie in einem Gefangenenlager. An den Wänden hingen Mädchenbilder und vor den Fenstern waren Läden. An der gegenüberliegenden Seite des Raumes befand sich eine weitere Tür, auf die die Wächter wiesen. Er stellte sein Gepäck ab, ging hin und öffnete sie. Der zweite Raum war ebenso wie der erste, aber es stand nur ein Bett darin, und die Wände waren kahl.

»Sie holen die Koffer«, sagte er. »Ich bin müde.«

Er zog sich aus, warf sich aufs Bett und war in wenigen Minuten fest eingeschlafen.

Ein Posten weckte ihn mit dem Frühstück: Schwarzbrot und Ersatzkaffee. Er stand auf und ging zum Fenster.

Das Haus stand auf einer Anhöhe. Dicht vor seinem Fenster begann ein steil abfallender Hang, so dass der Blick über Kiefernwipfel hinweg auf dichtbewaldete Höhenzüge fiel, die sich regelmäßig hintereinander gestaffelt in der Ferne verloren. Hier und da leuchtete ein Kahlschlag oder eine Brandschneise als dünne bräunliche Trennlinie aus dem grünen Meer der Kiefern hervor, als habe dort Arons Stab auf wunderbare Weise die massiven Wogen der vordringenden Wälder geteilt. Menschen schien es hier nirgends zu geben: kein Haus, keine Kirche, nicht einmal die Ruine einer früheren Behausung - nur der Weg, der gelbe Schotterweg, der wie eine mit dem Pastellstift gezogene Linie durch die Mulde des Tales führte. Es war kein Laut zu hören. Es schien unglaubhaft, dass derartige Weite so still sein konnte. Es war ein klarer, kalter Tag. Es mußte in der Nacht geregnet haben. Der Boden war feucht, und die ganze Landschaft hob sich so scharf gegen den weißen Himmel ab, dass Leamas noch auf den fernsten Hügeln einzelne Bäume unterscheiden konnte.

Er zog sich langsam an, während er den bitteren Kaffee trank. Er war mit dem Ankleiden fast fertig und wollte gerade das Brot zu essen beginnen, als Fiedler hereinkam.

»Guten Morgen«, sagte er gutgelaunt. »Lassen Sie sich durch mich nicht beim Frühstück stören.« Er setzte sich aufs Bett. Leamas mußte zugeben: Fiedler hatte Mut. Zwar gehörte sicher nicht viel Tapferkeit dazu, ihn in seinem Zimmer zu besuchen, da die Wachen noch im anschließenden Raum waren, wie Leamas annahm, aber in Fiedlers Auftreten waren Ausdauer und eine bestimmte Zielstrebigkeit spürbar, die Leamas bewunderte.

»Sie haben uns vor ein schwieriges Problem gestellt«, bemerkte Fiedler.

»Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.«

»O nein.« Er lächelte. »O nein, das stimmt nicht. Sie haben uns nur das gesagt, was sie noch bewußt im Gedächtnis haben.«

»Sehr klug«, murmelte Leamas, schob sein Essen beiseite und zündete sich eine Zigarette an. Es war seine letzte.

»Lassen Sie jetzt mich eine Frage stellen«, schlug Fiedler mit der übertriebenen Gutmütigkeit eines Mannes vor, der ein Gesellschaftsspiel anregt. »Was würden Sie als erfahrener Nachrichtenoffizier mit der Information machen, die Sie uns gegeben haben?«

»Welche Information?«

»Mein lieber Leamas, Sie haben uns doch nur Teilinformationen geliefert. Sie haben uns von Riemeck erzählt: Wir waren über Riemeck längst im Bilde. Sie haben uns von den Einrichtungen Ihrer Berliner Dienststelle berichtet, von Ihren Mitarbeitern und Agenten. Das ist, wenn ich so sagen darf, ein alter Hut. Genau geschildert - sicher. Gutes Hintergrundmaterial, faszinierend zu lesen, hie und da gute Ergänzungen, hie und da ein kleiner Fisch, den wir jetzt aus dem Teich herausholen werden. Aber kein Material, das - wenn ich es grob ausdrücken darf - fünfzehntausend Pfund wert ist.« Er lächelte wieder. »Wenigstens nicht nach dem gerade gültigen Tarif.«

»Hören Sie«, sagte Leamas. »Ich habe diesen Handel nicht vorgeschlagen - das haben Sie getan. Sie, Kiever und Peters. Nicht ich bin an Ihre weibischen Freunde herangekrochen, um mit altem Material hausieren zu gehen, sondern Ihr seid mir nachgelaufen, Fiedler. Ihr habt den Preis festgesetzt und damit das Risiko übernommen. Abgesehen davon: bis jetzt habe ich noch keinen lausigen Penny bekommen. Machen Sie mir also keine Vorwürfe, wenn die Operation ein Mißerfolg ist.« Zwinge sie, zu dir zu kommen, dachte Leamas.

»Es ist kein Mißerfolg«, antwortete Fiedler. »Es ist noch nicht zu Ende. Kann es nicht sein. Sie haben uns noch nicht alles gesagt, was Sie wissen. Ich sagte, Sie hatten uns nur Teilinformationen geliefen. Ich spreche von der Aktion ›Rollstein‹. Ich möchte Sie nochmals fragen: Was würden Sie tun, wenn ich, wenn Peters oder jemand wie wir Ihnen eine derartige Geschichte erzählt hätten?«

Leamas zuckte mit den Achseln.

»Ich wäre unruhig«, sagte er. »Das ist schon vorgekommen: Man erhält einen oder vielleicht mehrere Hinweise, dass es in einer Abteilung oder auf einer bestimmten Ebene einen Spion gibt. Was nun? Man kann nicht den ganzen Regierungsapparat verhaften. Man kann nicht einer ganzen Abteilung Fallen stellen. Also bleibt man ruhig und hofft auf mehr. Man behält die Sache im Auge. Im Fall ›Rollstein‹ kann man ja nicht einmal sagen, in welchem Land er arbeitet.«

»Sie zeigen deutlich, dass Sie ein Mann des Außendienstes sind«, sagte Fiedler mit einem kleinen Lachen. »Sie sind kein Auswerter. - Ich möchte Ihnen ein paar grundsätzliche Fragen stellen.«

Leamas sagte nichts.

»Der Ordner - der eigentliche Akt ›Rollstein‹, welche Farbe hatte er?«

»Grau, mit einem roten Kreuz darauf. Das bedeutet, dass nur ein begrenzter Personenkreis Zugang dazu hatte.«

»War außen irgend etwas drangeheftet?«

»Ja, der Warnzettel. Das ist eine Verteilerliste mit der vorgedruckten Erläuterung, dass jede nicht namentlich auf der Liste erwähnte Person verpflichtet sei, den Akt - sofern er irgendwie in ihre Hände gelangt war - sofort und ungeöffnet an die Bankabteilung zurückzuschicken.«

»Wer war auf der Verteilerliste?«

»Für ›Rollstein‹?«

»Ja.«

»Der Chef, sein persönlicher Referent, seine Sekretärin, die Bankabteilung, Miß Bream von der Spezialregistratur und Abteilung Ost vier. Das sind alle, meine ich. Und die Sonderreiseabteilung, glaube ich - da bin ich nicht ganz sicher.«

»Ost vier? Was wird dort gemacht?«

»Länder hinter dem Eisernen Vorhang, ausgenommen Sowjetunion und China. Die Zone.«

»Sie meinen die DDR?«

»Ich meine die Zone.«

»Ist es nicht ungewöhnlich, dass eine ganze Abteilung auf einem derartigen Verteiler steht?«

»Ja, wahrscheinlich ist es das. Aber ich kenne mich da nicht aus. Ich hatte vorher noch nie mit derart beschränktem Verteilermaterial zu tun gehabt. Ausgenommen in Berlin natürlich; aber dort war alles ganz anders.«

»Wer war zu jener Zeit in Ost vier?«

»Guillam, Haverlake, de Jong, glaube ich. De Jong war gerade von Berlin zurückgekommen.«

»Und alle diese Leute durften den Akt sehen?«

»Ich weiß nicht, Fiedler«, Leamas war gereizt. »Und wenn ich Sie wäre …«

»Ist es nicht seltsam, dass eine ganze Abteilung auf dem Verteiler stand, während sonst nur Einzelpersonen angeführt waren?«

»Ich sagte Ihnen doch, dass ich es nicht, weiß - wie sollte ich es auch wissen? Ich war doch nur ein kleiner Angestellter in dem Laden.«

»Wer trug den Akt von einem zum anderen?«

»Sekretäre, nehme ich an - ich kann mich nicht erinnern. Es ist doch schon Monate her.«

»Warum waren die Sekretäre dann nicht auf der Liste? Die Sekretärin vom Chef war darauf.« Es war einen Augenblick still.

»Nein, Sie haben recht«, sagte Leamas. »Ich erinnere mich jetzt.« In seiner Stimme war Verwunderung. »Wir gaben sie persönlich weiter.«

»Wer sonst hatte in der Bankabteilung mit diesem Akt zu tun?«

»Niemand. Es war meine Sache, als ich zu dieser Abteilung kam. Vorher hatte es eine der Frauen gemacht, aber als ich kam, übernahm ich es, und sie wurde von der Liste gestrichen.«

»Dann waren Sie also derjenige, der den Akt persönlich dem nächsten Leser überbrachte?«

»Ja … ja, ich glaube, so war es.«

»Wem übergaben Sie ihn?«

»Ich … ich kann mich nicht erinnern.«

»Denken Sie nach!« Ohne dass Fiedler seine Stimme erhoben hätte, war plötzlich eine für Leamas überraschende Eindringlichkeit in seinen Worten.

»Dem persönlichen Referenten des Chefs, glaube ich. Ich mußte ihm zeigen, welche Aktionen wir unternommen oder empfohlen hatten.«

»Wer brachte den Akt?«

»Was meinen Sie?« Leamas' Stimme klang unsicher.

»Wer hat vorher den Akt zu Ihnen gebracht? Es muß doch jemand gewesen sein, der auf der Liste stand.«

Leamas fuhr sich mit den Fingern über die Backe. Es war eine unbewußte, nervöse Geste.

»Ja, jemand von der Liste muß es gewesen sein. Es ist schwer, sehen Sie, Fiedler. Damals habe ich eine ganze Menge hinter die Binde gegossen.« Er sprach seltsam vertraulich. »Sie können sich nicht denken, wie schwer es ist …«

»Ich frage Sie, Leamas: Wer brachte Ihnen den Akt? Denken Sie nach.«

Leamas setzte sich an den Tisch und schüttelte den Kopf. »Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht fällt's mir wieder ein. Aber im Augenblick kann ich mich gerade nicht daran erinnern, wirklich nicht. Es wäre nicht gut, jetzt weiter zu bohren.«

»Es könnte nicht das Mädchen vom Chef gewesen sein, oder doch? Sie gaben den Akt immer an den Referenten zurück. So sagten Sie jedenfalls. Dann müßten alle Leute, die auf der Liste standen, den Akt vor dem Chef gesehen haben.«

»Ja, so ist es, glaube ich.«

»Was hat es mit der Spezialregistratur auf sich, mit Miß Bream?«

»Das war die Frau, die den Tresorraum für derartige Geheimakten unter sich hatte. Dort wurde der Akt aufbewahrt, wenn er nicht gebraucht wurde.«

»Dann«, sagte Fiedler sanft, »muß es die Abteilung Ost vier gewesen sein, die den Akt zu Ihnen brachte, nicht wahr?«

»Ja, so wird es wohl gewesen sein«, sagte Leamas hilflos, als sei er Fiedlers Scharfsinn nicht ganz gewachsen.

»In welchem Stock war Ost vier?«

»Im zweiten.«

»Und die Bankabteilung?«

»Im vierten. Neben der Spezialregistratur.«

»Erinnern Sie sich daran, wer den Akt heraufbrachte? Oder erinnern Sie sich zum Beispiel daran, dass Sie je hinuntergingen, um ihn zu holen?«

Leamas schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann wandte er sich aber plötzlich zu Fiedler und rief: »Ja, ja, ich erinnere mich! Natürlich! Ich bekam ihn von Peter!«

Leamas schien aufgewacht zu sein, sein Gesicht war von Erregung gerötet. »So war's: Ich holte den Akt einmal in Peters Zimmer ab. Wir unterhielten uns über Norwegen. Wir hatten dort gemeinsam gedient, wissen Sie.«

»Peter Guillam?«

»Ja. Peter - ich hatte nicht mehr an ihn gedacht. Er war einige Monate vorher aus Ankara zurückgekommen. Er stand auf der Liste! Natürlich! Das ist es. Es hieß Ost vier und in Klammern stand PG dahinter, das sind Peters Initialen. Vorher hatte es jemand anderer bearbeitet, und über den alten Namen hatte die Spezialregistratur deshalb ein Stück weißes Papier geklebt und Peters Initialen drauf geschrieben.«

»Welches Gebiet bearbeitete Guillam?«

»Die Zone. Ostdeutschland. Wirtschaftliche Sachen. Er hatte einen kleinen Abschnitt. Es war eine Art Nebengebiet. - Richtig, er war es. Er brachte den Akt auch einmal zu mir herauf, ich erinnere mich jetzt daran. Übrigens führte er keine Agenten: Ich weiß gar nicht, wie er eigentlich dazu kam. Peter und ein paar andere machten eine Art Untersuchung über die Lebensmittelknappheit. Es war eigentlich nur Auswertung von Material.«

»Haben Sie nicht mit ihm darüber gesprochen?«

»Nein. So etwas ist tabu. Über diese Geheimakten wird nicht gesprochen. Die Frau in der Spezialregistratur, Miß Bream, hielt mir deshalb eine Predigt: keine Diskussion, keine Fragen.«

»Aber wenn man einmal in Betracht zieht, wie ausgeklügelt die Sicherheitsmaßnahmen waren, die ›Rollstein‹ umgaben, wäre es doch denkbar, dass Guillams sogenannte Untersuchung teilweise die Führung dieses Agenten ›Rollstein‹ einschloß.«

»Ich habe Peters gesagt«, brüllte Leamas, indem er seine Faust auf den Tisch schlug, »dass es verdammt albern ist, wenn man glaubt, irgendeine Operation gegen Ostdeutschland hätte ohne mein Wissen, ohne das Berliner Büro geführt werden können. Ich hätte es gewußt, verstehen Sie! Wie oft soll ich das sagen? Ich hätte davon gewußt!«

»Ganz recht«, sagte Fiedler sanft. »Natürlich hätten Sie davon gewußt!« Er stand auf und ging zum Fenster.

»Sie sollten die Gegend hier einmal im Herbst sehen«, sagte er, während er hinaussah. »Es ist wundervoll, wenn die Buchen sich färben.«

Загрузка...