Kapitel 5

29. April, Béziers-Agde-Vias-Flughafen, Béziers

Eine Schar von aufgeregten, sommerlich gekleideten Touristen flutete in die Halle des Flughafens. Sie hatten während des Anfluges bereits die Landschaft bewundert, die Wälder und Flüsse, die hügeligen Plantagen und Weinberge und den wolkenlosen Himmel. Sie hatten versucht, das Meer zu erspähen, und jeder schwelgte in einer von Urlaubskatalogen und kitschigen Postkarten genährten Vorfreude auf das Mittelmeer, Käse, Rotwein und hoffentlich Satellitenempfang im Hotelzimmer.

Peter Lavell trug einen Anzug. Die Anweisungen für seine Anreise waren deutlich und strikt gewesen. Mit seinem Koffer stand er im großzügigen, zentralen Patio des Flughafens und sah sich suchend um. Er machte sich noch immer Gedanken, ob er das Richtige tat. Niemand an der Universität und am Museum wusste, wo er war. Er hatte sich für »mindestens zwei Monate« abgemeldet, jeder musste sich fragen, ob er sich auf eine Weltreise begeben würde oder ob er plane, auszuwandern. Dem Geld, das ihm die UN bot, hatte er es zu verdanken, dass er trotz einer solchen Auszeit nach Projektende tatsächlich eine Weltreise unternehmen könnte, wahrscheinlich sogar mehrere. Aber es war in der Tat nicht das Geld, sondern der Gegenstand der Untersuchung, der ihn reizte, wie Elaine de Rosney bereits vermutet hatte. Er konnte sich kaum vorstellen, was für eine Entdeckung so mysteriös sein könnte und eine derartige Verschwiegenheit verlangte. Aber ein Funke war in ihm entflammt worden, eine fast jugendliche Neugierde, der er schließlich nachgegeben hatte. In den letzten Jahren hatte er sich der Arbeit am Schreibtisch gewidmet, hatte jene ungelösten Rätsel und Puzzleteile aufgegriffen, die andere aufgeworfen und ad acta gelegt hatten. Er hatte sie untersucht, gewendet und erfolgreich kombiniert. Aller unqualifizierten Kritik, die ihm hierzu entgegenschlug, konnte er gelassen entgegensehen. Doch es nagte an ihm, dass all seine Erkenntnisse nie auf seinen originären Entdeckungen basierten, und er sich dadurch stets unnötig angreifbar machte durch die Neider, denen er die Show stahl. Als Theoretiker im fortgeschrittenen Alter bekam man nicht oft die Chance, selbst ins Feld zu gehen und etwas Neues zu entdecken. Er wollte sich nicht länger dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dass er mit seiner Arbeit lediglich Nutznießer fremder Vorarbeiten war. Dies war vielleicht seine letzte Möglichkeit, einen neuen Pfad zu beschreiten. Bücher konnten warten, und die Scherbenhaufen der kulturhistorischen Forschungen anderer Leute konnte er auch mit achtzig noch bearbeiten.

Er entdeckte einen förmlich gekleideten Mann, der ein Schild mit der Aufschrift »Prof. Peter Lavell, UN Genève« demonstrativ vor sich hielt. Neben ihm stand, rauchend und ebenfalls in einen Anzug gekleidet, der französische Ingenieur Patrick Nevreux. Er hatte den Job also auch angenommen. Peter ging auf die beiden zu und begrüßte sie.

»Hallo Peter, ich darf Sie jetzt doch Peter nennen, wo wir beide ›an Bord‹ sind, oder?« Patrick betonte »an Bord« so überspitzt, dass er sich offenkundig über ihre Auftraggeberin lustig machte.

Peter musste lächeln. »Kein Problem, Patrick. Wir werden ja wohl eine Weile miteinander auskommen müssen, nicht wahr?«

»Das wird uns in dieser Gegend nicht schwer fallen, glauben Sie mir! Wissen Sie, was das ist?« Patrick zog ein Taschenbuch hervor. »Ein Führer der Châteaux des Corbières.«

»Sie sind Rotweinliebhaber?«

»Was hatten Sie erwartet? Das Leben macht nicht Halt vor Klischees. Ich habe Sie doch auch Tee trinken sehen. Very british. Möchten Sie eine Zigarette?« Er zündete sich selbst eine neue an.

»Ich störe Ihre Unterhaltung nur ungern«, warf der Mann ein, der das Namensschild des Professors inzwischen in einer Aktenmappe verstaut hatte. »Aber ich muss Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, dass das Rauchen hier verboten ist.«

Als hätte er den Hinweis auf das Rauchverbot gar nicht gehört, sagte Nevreux: »Ach ja, Peter, das ist Marc, ein Mitverschwörer, den uns unsere Freundin Elaine geschickt hat.«

Der Mann, den Patrick vorgestellt hatte, fand dies offensichtlich nicht sehr amüsant. Ohne eine Miene zu verziehen, machte er eine Handbewegung zum Ausgang hin. »Folgen Sie mir zum Wagen.«

Er brachte sie zu einem weißen Landrover mit einer dunkelgrünen Aufschrift auf der Tür: GNES – Garde Nationale d'Environnement et de la Santé – Direction Languedoc-Roussillon. Sie machten es sich im Fond bequem und waren bereits nach wenigen Minuten auf der Hauptstraße Richtung Südwesten unterwegs.

Marc reichte zwei Namensschilder nach hinten. »Stecken Sie sich diese bitte an. Die geheime Natur des Projekts macht es erforderlich, dass Sie Ihre Untersuchung verdeckt durchführen. Der Fundort liegt in unmittelbarer Nähe des Ortes St.-Pierre-Du-Bois. Dort wird man von Ihrer Anwesenheit und Ihren Untersuchungen erfahren. Sie treten deswegen offiziell als Spezialisten auf, gerufen von der Umwelt- und Gesundheitswache. Sie erkunden die Hintergründe einer drohenden Tollwutepidemie und lassen deshalb ein bestimmtes Gebiet weiträumig hermetisch absperren. St.-Pierre-Du-Bois ist ein Luftkurort mit Mineralquellen. Er blüht seit einigen Jahren durch den Tourismus auf und ist auf ihn angewiesen. Wir haben einen Termin mit dem Bürgermeister.« Marc reichte zwei Mappen hinter sich. »Studieren Sie während der Fahrt die Unterlagen. Sie finden Angaben über die Region, die Stadt und die wichtigsten Personen. Didier Fauvel ist ein ehrgeiziger Mann, Ende vierzig, cholerisch, zum zweiten Mal geschieden. Wir halten uns nicht lange mit ihm auf. Eine Tollwutepidemie ist ein großes Problem für ihn. Wenn Sie sie unter Kontrolle bringen, ist er Ihr Freund. Wenn Sie damit nicht bis zum Beginn der Sommerferien fertig werden, ist er Ihr Feind.«

»Wieso gerade Tollwut?«, fragte Peter. »Klingt etwas unglaubwürdig, oder?«

»Die Idee ist gar nicht so dumm«, überlegte Patrick. »Es ist verständlich und gefährlich genug für die Leute hier, aber nicht so sehr, dass es die Presse aus Paris anlocken würde. Aber ich frage mich, was wir über Tollwut erzählen können.« Er zündete sich eine weitere Zigarette an. »Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, Peter, aber ich habe weder Biologie noch Veterinärmedizin studiert.«

»Didier Fauvel versteht von Tollwut genauso wenig wie Sie«, erklärte der Fahrer. »Für alle Fälle finden Sie in den Mappen vorbereitete Erklärungen, Untersuchungsergebnisse, Berichte, Fotos und Analysen, die Sie nach und nach vorbringen können. Außerdem ausführliche Unterlagen über die Natur dieser Region, über Tollwut im Allgemeinen und im Speziellen. Das reicht aus, um die Ortsansässigen zu überzeugen.«

»Elaine denkt an alles«, meinte Patrick mit ehrlichem Erstaunen. Er aschte aus dem Fenster. »Beeindruckend.«

»Bedrohlich«, gab Peter zurück.

Marc ignorierte die Bemerkungen. »Wenn Sie Ihre Kippe aus dem Fenster werfen, kostet Sie das fünfhundert Euro.«

»Monsieur Fauvel, dies sind die Herren Nevreux und Professor Lavell. Meine Herren, Bürgermeister Fauvel.«

Der Bürgermeister kam hinter seinem Schreibtisch hervor und schüttelte den beiden geschäftig die Hände. Seine Kleinwüchsigkeit machte er mit einem dicken Bauch und Schweinsaugen wett, die unruhig und stechend aus seinem roten Gesicht hervorblitzten.

»Es freut mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, hereinzuschauen. Sie müssen von den Geschehnissen ebenso überrascht sein wie ich. Doch bevor wir unsere Sorgen teilen...« Er trat an einen Beistelltisch und deutete auf eine Flasche. »Möchten Sie einen Cognac?«

»Vielen Dank, Monsieur le Maire«, ergriff Patrick das Wort, »aber wir haben noch viele arbeitsreiche Stunden vor uns, und ich fürchte, Ihr zweifellos hervorragender Cognac verträgt sich schlecht mit wissenschaftlicher Analyse.«

»Sie haben bestimmt Recht«, erwiderte Didier Fauvel und verschanzte sich wieder hinter seinem Schreibtisch. »Es freut mich, dass Sie so schnell und gewissenhaft ans Werk gehen. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich regelmäßig über den Fortgang der Untersuchungen auf dem Laufenden hielten. Wie Sie sich denken können, liegt mir außerordentlich viel am Wohl der Stadt und seiner Bürger und Besucher.«

»Professor Lavell und ich werden Sie selbstverständlich informieren. Bestimmt werden wir Sie auch das eine oder andere Mal um Rat ersuchen, wenn wir Fragen zur Umgebung haben oder an anderer Stelle nicht weiterkommen. Ich hoffe, wir belästigen Sie nicht zu sehr.«

»Aber keineswegs. Ich habe einige Termine abgesagt, um Zeit für die Beobachtung der Untersuchungen zu haben. Das Tollwut-Problem hat für mich höchste Priorität. Wenn Sie also irgendetwas benötigen, scheuen Sie sich nicht, jederzeit vorbeizukommen.« Er machte eine großmütige Geste. »Jederzeit. Meine Sekretärin hat Anweisung, Sie vorzulassen. Das Gleiche gilt im Übrigen für Ihre Ranger. Meine Polizei unterstützt sie gerne.«

»Vielen Dank. Im Augenblick werden wir uns ein Bild von der Lage machen und gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt auf Ihre großzügige Unterstützung zurückkommen.«

In Peters Augen hatte Patrick etwas zu dick aufgetragen. Es wunderte ihn zwar, dass der Franzose überhaupt eine so formelle Unterhaltung führen konnte, aber vielleicht hätte er den Mann nicht derart beweihräuchern müssen. Dem Bürgermeister schienen die Worte jedoch gut zu gefallen. Er lächelte feinsinnig, so gut es seine Gesichtszüge zuließen, was ihm allerdings einen unfreiwillig durchtriebenen Ausdruck verlieh. Dann stand er wieder auf und reichte seine speckige Hand.

»Ich freue mich auf eine wunderbare Zusammenarbeit. Ich werde Sie nicht länger aufhalten und wünsche Ihnen viel Erfolg.« Diese abrupte Beendigung des Gesprächs kam den anderen nicht ungelegen. Es gab nichts, was sie dem Mann noch zu sagen hatten, der Höflichkeit war Genüge getan. Er begleitete sie ein Stück weit durch sein Büro und blieb neben dem Beistelltisch stehen. »Ich erwarte dann Ihren ersten Bericht nächste Woche.«

»Sie können sich auf uns verlassen«, gab Patrick zurück und sah gerade noch Didier Fauvels Hand zum Tischchen wandern, als sich hinter ihnen die Bürotür schloss.

»Sie sind ihm ja ganz schön um den Bart gegangen«, sagte Peter, als sie wieder im Wagen saßen.

»Sie meinen, ich habe ihn eingeseift?« Patrick lachte und zündete sich eine Zigarette an.

»Was halten Sie von ihm?«

»Ich kenne Typen wie ihn zuhauf. Man sollte sie nicht unterschätzen. Aber no risk, no fun, sagt man das nicht so auf Englisch?«

»So in etwa. Marc, wo geht es jetzt hin?«

Sie stiegen wieder in den Wagen und fuhren los. Auf einer Nebenstraße brachte Marc sie aus dem Ort hinaus.

»Ich fahre Sie jetzt zur Stätte. Dort führe ich Sie kurz herum und liefere Sie danach im Hotel ab.«

»Zur Stätte?« Patrick machte sich mit einer übertrieben ehrfürchtigen Grimasse über den Fahrer lustig. »Müssen wir dort noch einen Initiationsritus über uns ergehen lassen, bevor wir den heiligen Boden betreten?«

»Lassen Sie doch den Mann«, beschwichtigte Peter, aber der Fahrer hatte es entweder nicht verstanden oder war für diese Art von Humor unempfänglich. Er blieb stumm und fuhr sie in eine immer abgelegener wirkende Gegend. Sie waren seit dem Ortsausgang an keinem Gebäude oder Gehöft mehr vorbeigekommen, und schon bald umgab sie ein dichter Wald. Die Straße wurde zunehmend schlechter, eine Randbefestigung gab es schon lange nicht mehr, Schlaglöcher häuften sich. Schließlich versperrte ein zwei Meter hohes Metallgatter die Straße. Links und rechts davon führte ein ebenso hoher und stabil aussehender Zaun in den Wald. Die Absperrung war offensichtlich erst kürzlich errichtet worden und wirkte seltsam fremd in dieser Abgeschiedenheit. Diesen Eindruck verstärkte auch ein Stahlcontainer jenseits des Zauns, in den Fenster und eine Tür eingebaut waren. Aus ihm trat ein Mann in weiß-grüner Uniform, der das Gatter öffnete, um den Landrover hindurchzulassen. Die Straße endete nun vollends und mündete in einen mit Kieseln bestreuten Waldweg, der einige schlammige Stellen aufwies. Als Marc ohne Kommentar weiterfuhr, beobachtete Peter, wie der Uniformierte das Gatter hinter ihnen schloss und sich in sein stählernes Wärterhäuschen zurückzog. Er hob die Augenbrauen und sah zu Patrick hinüber, dessen Miene ebenfalls so aussah, als hätte er mindestens eine Frage auf der Zunge.

Der Wagen erreichte nach kurzer holpriger Fahrt eine Lichtung. Frische Baumstümpfe zeugten davon, dass sie erst vor kurzem angelegt worden war. Um den Rand der Lichtung gruppierten sich sechs weitere Stahlcontainer wie jener am Gatter. Menschen waren keine zu sehen.

»Normalerweise kommt man noch näher heran«, erklärte Marc und stieg aus, »aber wir hatten bis letzte Nacht eine Menge Regen und ganze Ströme aus Schlamm. Deswegen kommen wir auch mit diesem Wagen heute nicht durch. Wir müssen laufen. Bitte ziehen Sie dazu diese Schuhe an.« Er reichte den beiden je ein Paar knöchelhoher, fester Schuhe mit ausgeprägtem Profil. Sie sahen sich kurz an, zuckten dann mit den Schultern und wechselten ihr Schuhwerk.

»Was ist das denn hier?« Patrick deutete auf die Container und ging zu einem hinüber.

»Das ist das Lager der Ranger, die Sie unterstützen. Sie patrouillieren in Schichten Tag und Nacht am Zaun, um das Projekt vor unerwünschten Gästen zu schützen. Für Ortsansässige, die sich hierhin verirren sollten, machen sie den Eindruck, als würden sie ein Sperrgebiet nach tollwütigen Tieren absuchen.«

Patrick spähte in ein Fenster und kam zurück. »Elaine hat sich wirklich Mühe gegeben!«

Marc setzte sich in Bewegung und bedeutete den beiden, ihm zu folgen. »Kosten spielen bei diesem Projekt keine Rolle.«

»Das hab ich doch schon mal gehört«, flüsterte Patrick Peter zu. »Sie glauben nicht, wie mich das freut.«

»Mich macht es eher nervös. Erstaunlich, nicht wahr?«, gab Peter zurück.

Sie wanderten durch das Gehölz, das die Regenfälle mancherorts tatsächlich in undurchdringbarem Zustand zurückgelassen hatten, und kamen an ein paar Rangern vorbei, die mit Äxten und Sägen einen entwurzelten Baum entfernten, der jede Weiterfahrt spätestens hier verhindert hätte. Die Männer sahen kurz auf, nickten den drei Ankömmlingen grüßend zu und setzten ihre Arbeit fort. Marc führte sie weiter, bis sie an den Waldrand kamen. Vor ihnen eröffnete sich der Blick auf eine hügelige, fast gebirgige Landschaft, die von Tälern und Flüssen durchzogen war. Keine Telefon- oder Strommasten, kein menschliches Bauwerk durchbrach die Idylle. Es war eine grandiose Szenerie, wie sie jeden Reiseführer hätte zieren können, doch Marc ließ ihnen keine Zeit für schwelgende Gedanken. Sie folgten ihm einen immer steiler und beschwerlicher werdenden Felshang hinauf. Gerade als Peter sich wunderte, wie sie sicheren Tritts den inzwischen zur Klettertour gewordenen Steilhang erklimmen sollten, bemerkte er ein Stahlseil, das mit Sicherungshaken in der felsigen Wand befestigt war. Es glänzte ebenso neu und sauber wie die Container im Lager. Mit Hilfe des Seils und der rutschfesten Wanderschuhe konnte man Schritt für Schritt gut hinaufgehen. Peter kam trotzdem ins Schwitzen und erreichte mit einigem Abstand als Letzter einen hoch gelegenen Felsabsatz.

»Projekt Babylon spielt mit Sicherheit auf die Höhe des Turms von Babel an!« Er stemmte die Arme in die Hüften und schnappte nach Luft. Seine Souveränität hatte kleine Risse davongetragen.

Patrick grinste leicht und bot ihm seine bereits entzündete Zigarette an. »Möchten Sie?«

»Ich kann mich gerade noch zusammenreißen.«

»Ich würde auch Ihnen raten, drinnen das Rauchen einzustellen«, warf Marc nun ein. »Es geht hier weiter.«

Er ging auf dem Felsvorsprung entlang und verschwand hinter einer Biegung der Wand. Als Peter und Patrick ihm folgten, kamen sie an eine tiefe Einbuchtung in der Felswand, offensichtlich der Eingang zu einer Höhle. Er wurde jedoch von einer etwa zwei mal zwei Meter messenden Stahltür versperrt. Sie war mit massiven Bolzen im Eingang befestigt und ließ seitlich und darunter genügend Raum für einige Kabel, die ins Innere führten. Die Kabel waren an zwei leise brummende Generatoren angeschlossen, die zusammen mit einigen Fässern neben dem Tor standen.

»Eine Höhle? Sie haben uns doch wohl nicht wegen ein paar Faustkeilen gerufen«, sagte Patrick.

Marc machte sich an der Stahltür zu schaffen, entriegelte sie und zog sie auf. Sie traten in den steinernen Gang. Wie Gedärm führten die Kabel auf dem Boden und mit Klammern befestigt an der Wand entlang. Marc betätigte einen provisorischen Schalter, und eine Vielzahl von Scheinwerfern, zum Teil an den Wänden, zum Teil auf Stativen, flammte auf und durchflutete die Höhle mit gleißender Helligkeit.

»Wow«, entfuhr es Patrick. Er ging ein paar schnelle Schritte voran und betrachtete die Wand. »Nach Steinzeit sieht das aber nicht aus. Sehen Sie sich das an, Peter!«

Die Wände waren über und über mit Schriftzeichen, Symbolen und Zeichnungen bedeckt. Es waren offensichtlich aber keine steinzeitlichen Malereien, sie mussten neueren Ursprungs sein.

Patrick fuhr mit den Fingern über die Wand, ohne sie zu berühren. »Hier steht etwas auf Latein, dort drüben sind griechische Schriftzeichen! Sehen Sie sich diese Illustrationen an, sieht nach siebtem oder achtem Jahrhundert aus.«

Peter stand in der Mitte des Gangs, drehte sich um sich selbst und ließ seinen Blick über die Wände schweifen. »Wunderbare Arbeit... hier sind auch hebräische Symbole und ein Text, vielleicht biblisch.«

»Oh, hier hat es jemand zu gut gemeint«, rief Patrick und deutete auf einen tiefer gelegenen Teil der Wand.

»Wie meinen Sie das?«

»Da hat einer vielleicht aus einem Lexikon abgeschrieben, aber mittelalterlich ist das hier jedenfalls nicht.«

Peter kam heran. »Lassen Sie mal sehen.«

»Ich glaube nicht, dass im Mittelalter jemand die sumerische Keilschrift gekannt hat.«

Peter betrachtete die Wand eingehend. »Nein, das können wir wohl ausschließen. Und noch viel weniger hätte jemand diese Glyphen hier gekannt.« Er zeigte an eine andere Stelle.

»Das sind Mayas!«

»Projekt Babylon...«

»Die babylonische Sprachverwirrung, ja.« Marc, der sich bisher zurückgehalten hatte, meldete sich zu Wort. »Wir haben in unseren ersten Untersuchungen dreiundfünfzig verschiedene Sprachen hier ausmachen können. Nur etwa zwei Dutzend konnten wir eindeutig identifizieren, übersetzt haben wir noch nichts davon.«

»Nun gut«, sagte Peter, während er seine Brille aufsetzte, um sich einige der Zeichen aus nächster Nähe anzusehen. »Das mag ja ein sprachwissenschaftliches Puzzlestück sein, aber in Genf klang es, als müsse man uns erschießen, wenn wir das hier nicht geheim halten. Noch kann ich diese Dramatik nicht ganz nachvollziehen.«

»Wir hoffen, dass die Schriftzeichen einen Schlüssel zum eigentlichen Rätsel enthalten. Das Projekt wurde danach benannt, aber in der Tat sind sie fast nebensächlich, wenn Sie das hier gesehen haben...« Marc ging voran.

»Nun machen Sie's aber spannend, was, Peter?«

Sie folgten dem Mann einen Gang entlang, der sich am rückwärtigen, dunklen Ende der Höhle um eine Ecke wand. Dort blieben sie abrupt stehen. Bis hierher drang nur noch so wenig des Scheinwerferlichts, dass sie deutlich ein bläuliches Schimmern sehen konnten, das auf eine merkwürdige Weise den ansonsten düsteren Gang vor ihnen erhellte.

Marc ging ein paar Schritte voraus. »Kommen Sie hierher zu mir, aber gehen Sie keinen Schritt weiter.« Er deutete auf die Steine zu seinen Füßen.

Nun erkannten sie, dass der Boden hier über die gesamte Breite des Gangs sorgfältig eingemeißelte Verzierungen enthielt. Eine Anzahl archaisch wirkender Symbole war zu Gruppen und Mustern angeordnet. In der Mitte prangte ein zyklopisches Zeichen aus konzentrischen Kreisen mit Unterbrechungen, die zur Mitte hinführten. Das Ganze wirkte wie ein übergroßes Wappen oder Siegel.

Peter beugte sich nach unten und fuhr einige Gravuren mit den Fingern nach. »Was bedeutet das hier?«

»Und was leuchtet hier so?«, fragte Patrick.

»Auf beides gibt es bisher keine Antwort«, erklärte Marc. »Wenn Sie nun bitte einmal zusehen würden, was passiert.« Die Forscher beobachteten, wie er einen weiteren Lichtschalter an der Wand betätigte und ein aufflammender Scheinwerfer an der Decke den Gang vor ihnen bestrahlte.

»Unfassbar!«, entfuhr es Peter.

In fünfhundert Watt Licht getaucht, entblößte der Fels die feinsten Risse und Unebenheiten, doch kurz hinter den Symbolen auf dem Fußboden hörte alles Licht so plötzlich auf, als beginne hier eine mattschwarz gefärbte Masse. Der Gang, der eben noch weiterzuführen schien, war nun gefüllt mit tiefer Schwärze. Es ließen sich weder Struktur noch Beschaffenheit erkennen. Jegliches Licht schien hier verschluckt zu werden, so dass keine noch so geringe Reflexion zum Betrachter zurückkam.

»Was zum Teufel ist das?!«, rief Patrick atemlos.

Marc trat dichter heran. Er streckte seinen Arm aus, der daraufhin bis zum Ellenbogen in der Schwärze verschwand. Es sah aus, als sei er schlichtweg abgetrennt. Dann zog er den Arm unversehrt zurück.

»Wir haben nicht die leiseste Ahnung«, gab er zu.

»Kann man hindurchgehen? Sind Sie schon mal drin gewesen?«, wollte Patrick wissen. Er schritt über das Symbol und trat so dicht heran, dass ihn nur noch wenige Zentimeter von der Dunkelheit trennten. Er untersuchte das Phänomen mit den Fingerspitzen und zog sie erschrocken wieder zurück. »Mein Gott, ist das ekelig! Man hat das Gefühl, blind zu sein. Man sieht einfach nichts!«

»Nein, wir sind nicht drin gewesen, und ich würde Ihnen raten, es auch nicht auszuprobieren. Es ist viel zu gefährlich, Menschenexperimente durchzuführen, ohne den Durchgang und seine Bedeutung vollständig untersucht zu haben.«

»Ihre Bestimmtheit lässt mich vermuten, dass es konkrete Gründe für diese Vorsicht gibt.«

»Das ist richtig, Herr Professor Lavell. Sie werden heute Abend alle Unterlagen zur Verfügung haben, um den Vorfall nachzulesen.«

»Vorfall?«

»Ist der Durchgang schon in irgendeiner Form untersucht worden?«

»Auch diese Informationen haben Sie heute Abend vollständig vorliegen. Wir haben bisher nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Die Höhle ist erst vor knapp drei Wochen entdeckt worden.« Marc sah auf seine Uhr. »Ihr Arbeitstag beginnt morgen früh. Ich werde Ihnen jetzt noch Ihre Unterkünfte zeigen.«

Beim Verlassen der Höhle erläuterte Marc die Stromversorgung mittels der Generatoren und händigte ihnen zwei Sicherheitsschlüssel für die Stahltür im Eingangsbereich aus. Auf dem Weg zurück ins Camp der Ranger und auf der Fahrt nach St.-Pierre-Du-Bois sprach Marc wenig und verwies lediglich auf ein paar organisatorische Details. So müssten sich die beiden Forscher nicht weiter um die Ranger kümmern, da diese ihre Anweisungen direkt bekämen. Marc selbst würde das Projekt verlassen und noch am selben Abend nach Paris fliegen. Peter und Patrick würden alle Unterlagen, Ausrüstungen, Adressen und Geldmittel im Hotel erhalten. Es gäbe bereits eine Vorbestellung von wissenschaftlichen Geräten, die am nächsten Morgen um neun ins Camp geliefert würden.

Peter und Patrick hörten kaum zu, denn in Gedanken waren beide in der Höhle geblieben, und sie stellten auch keine Fragen, da Marc ihnen keine Antworten geben würde. Vielleicht wusste er vieles auch nicht. Da er das Projekt wieder verließ, war er möglicherweise gar nicht vollständig eingeweiht.

Am Ende einer mit weißem Kies bestreuten und von Zypressen gesäumten Auffahrt hielten sie vor dem Hôtel de la Grange, einem dreistöckigen Gebäude aus alten Granitblöcken und dunkelbraunem Gebälk, an dem prächtige orangefarbene und violette Bougainvilleasträucher emporrankten. Im Stil eines noblen Gutshofes passte sich der Gebäudekomplex ins Landschaftsbild ein und war den parkenden Autos nach zu schließen ganz offensichtlich eine exklusive Adresse.

Nach einem kurzen Gespräch an der Rezeption händigte Marc den beiden je zwei Sicherheitsschlüssel für ihre Zimmer und einen Autoschlüssel aus. »Der Landrover gehört nicht mir, sondern steht Ihnen für das Projekt zur Verfügung. Nun zu den Räumen.« Er führte sie in den dritten Stock. »Jeder von Ihnen hat selbstverständlich sein eigenes Zimmer, zusätzlich haben wir für Sie ein Büro vorbereitet. Bitte sehr.« Er zeigte auf eine Tür, die Peter daraufhin öffnete.

Sie betraten einen mit Jalousien halb abgedunkelten Raum, fast doppelt so groß wie das Büro ihrer Auftraggeberin in Genf. Neben einer Sitzecke fanden sich ein Konferenztisch mit sechs Ledersesseln, mehrere Schreibtische mit Flachbildschirmen, Computer, Laserdrucker, Telefone, ein Faxgerät sowie andere technische Spielereien, die nicht sofort zu identifizieren waren.

Marc deutete auf einen mit Fachbüchern und Ordnern gefüllten Schrank und einen Safe. »Sie finden dort eine große Auswahl an hilfreichen Dokumentationen. Alle konkret projektbezogenen Unterlagen liegen im Safe.« Er überreichte Peter einen Schlüssel und einen verschlossenen Umschlag. »Dies sind der Schlüssel und die Kombination. Wie Sie sehen, ist der Raum ansonsten mit dem Nötigsten ausgerüstet. Wenn Sie zusätzliche Hardware, Software oder andere Unterstützung benötigen, dann melden Sie sich einfach jederzeit in Genf.«

Das Abendessen im Restaurant des Hotels war vorzüglich gewesen. Nun saßen sie noch beim abschließenden Käse, den Patrick bestellt hatte. Nachdem Marc gegangen war, hatten sie den Safe geöffnet und den Inhalt studiert. Es waren größtenteils Instruktionen sowie Protokolle der bisherigen Untersuchungen und die Befunde. Ein Dokument beschrieb den Fund der Höhle. Ein Schäfer hatte sie zufällig entdeckt und dabei einen geistigen Schock davongetragen, nachdem er offensichtlich den »Durchgang« im hinteren Teil der Höhle durchschritten hatte. In der Folge seines Schocks hatte er sich schwere Verletzungen zugezogen und war in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Er hatte sich dort kurzzeitig erholt und von seiner Entdeckung berichten können, war danach jedoch wieder in einen Zustand der Umnachtung gefallen, der noch immer andauere. Die ersten Untersuchungen der Schriftzeichen in der Höhle konnte man bestenfalls als grob bezeichnen. Jemand hatte die unterschiedlichen Schriften gezählt und versucht, einige davon zu identifizieren. Übersetzungsversuche gab es keine, wohl aber einige Spekulationen über die möglicherweise okkulte Natur einiger Symbole. Den Durchgang hatte man vermessen, die eingemeißelten Symbole auf dem Boden fotografiert. Die merkwürdige Beschaffenheit des Inneren des Durchgangs wurde beschrieben, ließ sich aber laut Bericht nicht ohne weiteres untersuchen oder messen, da die Schwärze jede Form von Strahlung zu verschlucken schien.

Viel mehr gaben die Papiere nicht her, alle Fragen waren noch offen, und viele waren noch gar nicht gestellt worden.

Sie hatten während des Essens wenig gesprochen. Neben unwichtigen Bemerkungen über das Wetter, das Land und die Qualität der Speisen, hatten sie sich im Wesentlichen ihre eigenen Gedanken gemacht und versucht, die Erlebnisse des Tages zu ordnen. Jeder sann darüber nach, was er denken sollte und was wohl der andere dachte. Es war kein unangenehmes Schweigen; es war eine produktive Reflexion, wobei jeder den anderen beobachtete und allmählich vertrauter mit seinem Gegenüber wurde. Auch durch den guten Rotwein, den Patrick ausgesucht hatte und den sie beide genossen, kamen sie sich näher, und als der Kellner einen abschließenden Espresso brachte, Patrick seine Zigarettenpackung hervorholte und Peter sich eine Pfeife stopfte, ergriff der Franzose das Wort.

»Haben Sie eine Idee?«

»Nein. Sie?«

»Die Gegenfrage ist wohl die Strafe dafür, dass ich das Gespräch angefangen habe, was?«

»Wenn Sie so wollen.«

»Ich wollte zunächst auf einen Ihrer sarkastischen Kommentare warten, um Ihre Laune einzuschätzen.«

»Entgegen meiner sonst üblichen Art wollte ich mich diesmal ausnahmsweise so lange zurückhalten, bis ich weiß, wovon ich spreche.«

Patrick lachte auf. »Dann sind Sie also tatsächlich genauso ahnungslos wie ich? Sie haben keine Vermutung?«

»Im Augenblick liegt es nahe, das Ganze für einen höchst aufwendigen Schwindel zu halten.« Peter entzündete seine Pfeife.

»Aber wer hätte Interesse daran?«

»Das ist genau der Knackpunkt. Was meinen Sie? Sie sind ja oft genug im Feld gewesen. Halten Sie die Höhle für echt?«

»Ja, unbedingt. Etwas wie den schwarzen Durchgang oder dieses Leuchten habe ich noch nie gesehen. Ich glaube auch, dass es äußerst spannend sein dürfte, die Inschriften zu entziffern.« Patrick begegnete Peters skeptischem Blick. »Sie glauben, die Inschriften sind gefälscht?«

»Ich halte sie für genauso fragwürdig wie das Engagement unserer Freundin in Genf.«

»Nun machen Sie doch nicht gleich alles schlecht, Peter!«

»Sie haben mich nach meiner Meinung gefragt.«

»Stimmt... aber wissen Sie was? Bis wir sicher sind, sollten wir die Unterbringung und die vorzügliche Verpflegung genießen.«

»Vielleicht haben Sie Recht. Warten wir's einfach ab.«


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