Kapitel 2

21. April, Museum für Völkerkunde, Hamburg

Peter Lavell saß in seinem Arbeitszimmer und korrigierte die Aufstellung der Exponate, die für die kommende Sonderausstellung »5000 Jahre Schrift« ausgewählt worden waren. Der Professor ergänzte gerade eine Vitrinenszene um einige ägyptische Tafeln, die er mit Sicherheit im Fundus wusste und die die Besonderheiten der Hieroglyphen deutlich machten, wenn sie aus Gründen der Optik und der Symmetrie zum Teil seitenverkehrt oder in ungewöhnlicher Reihenfolge angebracht wurden. Die Katalognummern kannte er natürlich nicht, aber er kritzelte einen Vermerk und eine kleine, ziemlich präzise Skizze auf das Blatt, als es an der Tür klopfte.

Carsten Thommas trat ein, ein Mann Anfang dreißig, der erst seit zwei Jahren in Hamburg war, aber die Aufsätze und Vorlesungen Professor Lavells seit seiner Studienzeit verfolgte. Nach dem Studium in Marburg und einigen Jahren Feldforschung in Äthiopien und der Türkei war er an die Universität Hamburg gekommen, um dem Professor möglichst nahe zu sein. Aus demselben Grund hatte er sich auch um eine Stelle im wissenschaftlichen Beirat des Museums beworben. Er bewunderte Professor Lavell um sein Gesamtwissen, den Überblick, seinen Sinn für Zusammenhänge, die die Spezialisten der einzelnen Fachrichtungen selten aufzeigen konnten, und hatte sich mit dessen etwas zurückhaltender aber bisweilen zynischer Art abgefunden, die auch in den Vorlesungen und noch viel häufiger in Diskussionen – öffentlich wie privat – hervorkam. Ein Wesenszug, der Lavell nicht überall beliebt machte und der die Kritik der wissenschaftlichen Kollegen an seinen oftmals gewagten Thesen geradezu herausforderte. Aber der aufstrebende Historiker und Anthropologe hatte schon oft erlebt, dass der gebürtige Engländer Lavell, den auch die schärfste Kritik nicht aus der Ruhe zu bringen vermochte, am Ende Recht behalten sollte. Wenn auch einige Vermutungen zunächst kühn oder bestenfalls unwahrscheinlich schienen, waren die Zusammenhänge zum Teil, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, doch so offenbar, dass ihre Anfeindung allein aus dem Rechtfertigungsdrang derer resultierte, die dieselben Schlüsse nicht schon früher gezogen hatten.

Professor Lavell war ein hoch gewachsener Mann Ende fünfzig, stets tadellos gekleidet, rasiert und manikürt. Seine Bewegungen wirkten bedächtig, doch wer ihn genauer betrachtete, stellte fest, dass seine Gesichtszüge von einem scharfen Verstand zeugten. Seine Augen schienen ständig zu beobachten, fast glaubte man, das leise Surren einer Fotolinse zu hören, die sich immer wieder auf neue Entfernungen und Lichtverhältnisse einstellte. In seinen Augenwinkeln bildeten sich dann feine Fältchen, und eine gehobene Augenbraue oder ein leichtes Schmunzeln zeigten, dass Lavells Geist wach und an der Arbeit war.

»Guten Morgen, Carsten. Wie war London?«

Carsten trat mit einem Stapel Papier, einigen Akten und ungeöffneten Briefen näher und setzte sich auf den alten, mit orangefarbenem Stoff bezogenen Holzstuhl. Er stand immer bereit für Gäste und war nie mit Papieren oder Ordnern bedeckt wie in anderen Büros des Museums. Aber Peter Lavells Büro setzte ohnehin Maßstäbe an Ordnung. Lediglich der alte Besucherstuhl des Professors wirkte deplatziert und hatte wundersamerweise noch immer nicht seinen Weg zum Sperrmüll gefunden. Doch selbst wenn er manchmal bedrohlich knarrte, schien er noch recht stabil zu sein, und irgendwie passte er mit seinem Retro-Charme zu seinem Eigentümer, dem technische Neuerungen vor allem suspekt waren.

»Morgen, Peter. London war ganz in Ordnung. Wichtige Leute, Schnittchen, das Übliche. Die Vorlesung von Dr. Arnherst war sehr interessant. Ich habe die Unterlagen mitgebracht.«

»Arnherst, das war doch die Geologin aus Mexiko.« Peter lehnte sich zurück und setzte seine goldrandige Lesebrille ab. »Ich bin wirklich gespannt, wie sie den lieben Kollegen das tatsächliche Alter der Fundamente im Tlacolula-Tal beigebracht hat.« Er lächelte beim Gedanken daran, dass gewisse Herren mit ihren viel zu hastig veröffentlichten National-Geographic-Artikeln ziemlich dumm dagestanden haben mussten.

»Schonend war es jedenfalls nicht. Sie hat alle Geschütze aufgefahren. Ihre Analysen sind hieb- und stichfest.«

»Ich hoffe, sie stößt sich ihre Hörner nicht zu früh ab. Ihre Arbeit ist tadellos und ihr Engagement bewundernswert.«

Carsten durchsuchte seine Unterlagen und zog einiges hervor. »Ja, wäre schade, wenn sie in Teufels Küche geriete.«

»Das wird sie sicherlich. Aber wenn sie gestärkt herauskommt, dann hat es sich für sie gelohnt, nicht wahr?«

»Hier sind die Folien und die Rede ihrer Vorlesung. Außerdem habe ich noch zwei Briefe und einen Artikel, der Sie besonders interessieren dürfte.«

Peter Lavell nahm die Papiere entgegen und überflog sie. »Was für einen Artikel?«

»Aus der neuen Ausgabe der Colloquium medii aevi.«

»Klingt wie eine studentische Gazette. Sollte ich die kennen?«

»Es ist eine online erscheinende Zeitschrift mit wissenschaftlichen Rezensionen und Aufsätzen. Ihr Bekannter, Dr. Paulson, schreibt darin über den Einfluss der keltischen Bräuche auf die Missionare und die Kirche im frühen England.«

Peter Lavell setzte seine Brille auf und studierte den Ausdruck eine kurze Weile. »Dieser Spezialist hat sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, es umzuformulieren.«

»Dann kommen mir die Absätze nicht von ungefähr bekannt vor, was?«

Peter legte die Papiere beiseite und begann, sich eine Pfeife zu stopfen. »Ja, er hat sie wortwörtlich abgeschrieben. Ich muss das wohl nicht alles lesen, ich gehe davon aus, dass er weder mein Buch noch meinen Namen erwähnt, hm?«

»Kein Wort über Sie. Und bestimmt wird er sich damit auch zurückhalten, wenn die ersten Lobeshymnen auf seine kompetente Recherche geschwungen werden.«

»Ja, das vermute ich auch.«

»Was werden Sie dagegen unternehmen?«

»Vielleicht treffe ich ihn einmal, dann spreche ich ihn darauf an. Immerhin ist er zwangsläufig auf meiner Seite, etwas, was sich bisher nicht von vielen sagen ließ.«

»Und die Colloquium medii aevi

»Ihre Begeisterung für neue Medien in allen Ehren, Carsten, aber Sie überbewerten die Bedeutung eines Aufsatzes aus dem Internet.« Er lehnte sich zurück, um die Pfeife zu entzünden.

»Aber es ist hochaktuell...«

»Ist es deshalb auch relevant? Wir haben diese Diskussion schon einmal geführt. Die Geschwindigkeit und das unkontrollierte Wuchern führen zu einem Overkill an Information. Eine solch globale Informationstransparenz mag revolutionär sein, aber nützt sie mir? Ist sie demokratisch oder anarchisch? Ich muss doch Experten identifizieren können, damit sich der Wahrheitsgehalt und die Relevanz von Informationen einschätzen lassen. Im Internet kann bald kein Mensch mehr unterscheiden, was eine originäre Neuigkeit ist oder bloß zum hundertsten Mal kopiert und verfälscht wurde.«

»Aber es gibt doch Expertenforen und seriöse Onlinemagazine, wissenschaftliche Publikationen und Diskussionsrunden. Sie sollten sich wirklich näher damit beschäftigen.«

Peter nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife und ließ den Rauch gemächlich an seiner Nase vorbeigleiten, als zöge er es ernsthaft in Erwägung, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Carsten wusste jedoch, wie illusorisch das war. Der Professor schrieb seine Texte noch immer mit einer textverarbeitenden Schreibmaschine statt mit einem Computer, da er sich nicht an die Bedienung der Maus gewöhnen konnte. Ihn zu einem sogar darüber hinaus gehenden Einsatz eines Rechners zu bewegen, war aussichtsloser, als einem Regenwurm das Jonglieren beizubringen.

»Bevor ich lerne, das Internet zu nutzen, warte ich, bis das Internet lernt, mir das bereitzustellen, was mir wirklich Nutzen bringt. Das kann sich nur um ein paar Jahre handeln.«

Carsten stand schmunzelnd auf. Eine solche Antwort hatte er erwartet. »Nun, Hauptsache«, sagte er auf dem Weg zur Tür, »Sie verlieren nicht den Anschluss.«

»Wir erforschen fünftausend Jahre Historie und mindestens weitere fünfundzwanzigtausend Jahre Prähistorie. Eine Terra inkognita so groß und voller Rätsel; ein paar Jahre unseres Lebens können da schwerlich ins Gewicht fallen, nicht wahr?«

»Ich hoffe, dass Sie Recht behalten, Peter. Ich muss los. Sehen wir uns im Amadeus zum Mittagessen? Um eins?«

»Ja, warum nicht.« Peter machte eine Geste mit der Hand. »Wenn mich bis dahin die Geschichte nicht eingeholt hat.«

Als Carsten gegangen war, öffnete Peter seine Briefe. Einer war per Overnight-Kurier aus der Schweiz gekommen. Absender waren die Vereinten Nationen. Einem kurzen Anschreiben war eine NDA, eine Verschwiegenheitserklärung, beigelegt. Mit dem unterzeichneten Schriftstück solle er sich am Flughafen Fuhlsbüttel ein Ticket abholen. Abflugzeit: 13.45 Uhr, Ziel: Genf.


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