Kapitel 8
5. Mai, Büro des Bürgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois
Der Morgen war kühl, ein feiner Nebel hatte die Straßen über Nacht benetzt, draußen roch es nach Pinien und Erde, doch im Büro von Didier Fauvel hing trotz der geöffneten Fenster eine schwere Luft aus Bohnerwachs, staubigen Ledersesseln und Eichenholzmöbeln.
»Es freut mich, dass Sie meiner Einladung folgen konnten«, sagte der Bürgermeister. »Bitte, setzen Sie sich doch. Sie müssen sehr beschäftigt sein, ich möchte Sie deswegen auch nicht lange aufhalten. Aber vielleicht können Sie mir etwas über den Fortschritt Ihrer Untersuchungen sagen. Ich selbst bin natürlich kein Fachmann auf diesem Gebiet, deswegen habe ich Monsieur Fernand Levasseur eingeladen.« Er deutete auf einen grobschlächtigen Mann mit Vollbart, der ausdruckslos auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch saß. Unter seinen hochgekrempelten Hemdsärmeln kamen kräftige, behaarte Arme zum Vorschein, wie sie einem Holzfäller alle Ehre gemacht hätten. »Er ist studierter Biologe und unser Umweltbeauftragter der Region um St.-Pierre-Du-Bois. Ich habe ihn gebeten, sich in den nächsten Tagen und Wochen ein wenig Zeit zu nehmen, so dass er Ihnen mit seinen Ortskenntnissen zur Verfügung stehen kann.«
Peter und Patrick tauschten einen flüchtigen unsicheren Blick, bevor der Professor ein Lächeln über sein Gesicht huschen ließ und sich dem Mann zuwandte. »Professor Peter Lavell, sehr erfreut. Darf ich meinen Kollegen vorstellen, Ingenieur Patrick Nevreux,«
Der Biologe nickte.
»Wie geht es denn nun voran?«, drängte der Bürgermeister und ließ sich gemächlich in seinen Schreibtischsessel sinken.
»Nun, Monsieur le Maire«, hob Patrick an, »zunächst einmal müssen wir Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit nehmen, sich unsere sicherlich furchtbar trockenen Analysen ansehen zu wollen.«
Didier Fauvel grinste und winkte mit seinen speckigen Fingern ab.
Patrick öffnete eine Mappe mit Dokumenten; es war eine Auswahl aus der Sammlung von Papieren, die ihnen bereits zu Beginn des Projekts vorbereitet worden waren. Darunter befanden sich auch einige nichts sagende Fotografien von Waldabschnitten, Absperrungen und Markierungspfosten. »Wir möchten Sie ungern hiermit langweilen«, fuhr Patrick fort, blätterte flüchtig in den Unterlagen und klappte die Mappe danach wieder zu. »Um es auf den Punkt zu bringen: Wir kommen nur schleppend voran.«
»Wie bitte?!« Die Wangen des Bürgermeisters schimmerten rot, als er sich abrupt nach vorne beugte.
»So unangenehm es ist: Im Sinne eines professionellen Vorgehens müssen wir Sie jetzt schon darauf aufmerksam machen, dass der von uns zuvor anvisierte zeitliche Rahmen nicht zu halten sein wird.«
»Was wollen Sie damit sagen?« Fauvels Augen verengten sich und fixierten Patrick bedrohlich.
»Es ist besser, Sie frühzeitig zu informieren, jetzt, wo wir darauf noch reagieren können, bevor es zu spät ist...« Patrick machte eine Pause, und Peter fragte sich, was sein Kollege mit diesem Sermon beabsichtigte. Sie hatten im Vorfeld darüber gesprochen, wie sie dem leicht erregbaren Mann gegenübertreten wollten, und hatten sich darauf geeinigt, dass Patrick das Gespräch übernehmen sollte. Entgegen dem impertinenten Eindruck, den er manchmal machte, hatte er ganz offensichtlich eine beachtenswerte Übung dann, vertrackte Verhandlungsgespräche zu führen. Eine Fähigkeit, die Peter aufgrund seiner zurückhaltenden oder bestenfalls überheblichen Art nicht besaß. Peter ließ sich entweder Dinge erklären, oder er erklärte sie. Kompromisse, Schmeicheleien oder gar dreiste Lügen waren so wenig sein Gebiet, wie es Patrick lag, Anweisungen zu befolgen oder Autoritäten zu respektieren – wenn es ihm nicht von persönlichem Nutzen war.
»Wir wissen jetzt, dass wir das Problem leider nicht bis Ende dieser Woche lösen können«, sagte Patrick. »Wir tun unser Möglichstes, aber wir benötigen Ihre Hilfe.«
Ein süffisantes Lächeln zog sich über das Gesicht des Bürgermeisters. »Was kann ich für Sie tun, Messieurs?«
Ein gekonnter Schachzug, befand Peter. Natürlich hatte es nie eine Abmachung gegeben, die ein Ende des Projekts in dieser Woche vorgesehen hätte, aber auf diese Weise hatte Patrick aus der Tatsache, dass es eigentlich gar keine Ergebnisse zu präsentieren gab, sogar noch Gewinn geschlagen. Er hatte ihre Akzeptanz bei diesem Mann erhöht, der sich nun heimlich im Vorteil wähnte.
»Um die Herkunft und den Verlauf der Epidemie bewerten zu können, benötigen wir Wetterdaten dieser Region. Haben Sie Möglichkeiten, diese zu bekommen?«
»Selbstverständlich, das sollte kein Problem sein.«
»Wunderbar, Monsieur le Maire. Wir sind Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet. Wir benötigen Daten über Niederschlagsmenge, Windrichtung und -geschwindigkeit, Temperaturen von Regen, Schatten und Sonne, Luftdruckverhältnisse und Stickstoff- sowie Ozonwerte, stundenweise über den Zeitraum der letzten sechs Monate aufgezeichnet. Ich habe Ihnen hier eine Aufstellung in Form eines tabellarischen Fragebogens vorbereitet. Sie glauben gar nicht, wie wertvoll das für uns sein wird, Vielen Dank, dass Sie sich darum kümmern!«
Peter lächelte in sich hinein. Der Mann würde wahrscheinlich Wochen damit zubringen, wutentbrannt irgendwelche entnervten Aushilfskräfte diverser Wetterstationen dazu anzutreiben, völlig sinnlose Daten zu extrahieren oder zu rekonstruieren, die es wahrscheinlich noch nicht einmal in dieser Genauigkeit gab.
»Darf ich fragen, wozu genau Sie diese Daten benötigen?«, meldete sich der bullige Fernand zu Wort. Peter zuckte innerlich zusammen. Vielleicht war Patrick etwas zu weit gegangen. Aber dieser zögerte keinen Augenblick, als er antwortete: »Selbstverständlich, Monsieur. Indem wir diese Daten analysieren, können wir ableitend Aussagen über die nahe Zukunft und die bestmögliche Vorgehensweise zur Eindämmung der Seuche treffen. Wir setzen dazu neueste Datamining-Software aus Kalifornien ein, die die chaotischen Werte der Wetterdaten, die präzisen geologischen Messwerte der Region sowie die statistischen Daten der Tierpopulationen in einem Artifical-Life-System berechnet. Es ist eine völlig neue Technologie, die wir hier in einem Pilotprojekt einsetzen und testen, um Preisverhandlungen führen zu können.« Patrick setzte eine verschwörerische Miene auf. »Eigentlich sind diese Informationen streng geheim, aber unter Kollegen durfte ich Ihnen sicherlich so viel sagen. Es geht dabei um Millionenbeträge zu Gunsten der WHO.«
Der Biologe hob fragend die Augenbrauen und wechselte einen Blick mit dem Bürgermeister. Doch dieser zuckte mit den Schultern und lächelte Patrick anerkennend dümmlich zu. Fernand Levasseurs Miene nahm daraufhin wieder den alten, nichts sagenden Ausdruck an.
»Patrick«, mischte sich Peter nun ein, angesteckt durch dessen Fabulieren und im Bestreben, den Termin zu einem schnellen Ende zu bringen, »wir müssen los. Unser Termin.«
»Oh, tatsächlich«, nahm Patrick den Ball auf, »unsere Konferenzschaltung um halb zehn... Es tut mir furchtbar leid, aber wir müssen uns beeilen. Monsieur le Maire, Monsieur Levasseur, es war mir eine Freude. Und nochmals vielen Dank für Ihre Unterstützung!«
»Ich würde mich gerne im Laufe der Woche mit Ihnen treffen«, sagte der Biologe, »und mir Ihre Untersuchungsergebnisse genauer ansehen.«
»Natürlich.« Patrick zögerte. »Lassen Sie uns dann einfach rechtzeitig einen Termin vereinbaren.«
»Mir passt es jederzeit. Wie wäre es Freitag?«
»Freitag? Ja, Freitag... warum nicht. Um neun Uhr in unserem Hotel?«
»Einverstanden.«
»Verdammt«, sagte Patrick, als sie auf dem Rückweg ins Hotel waren. »Jetzt haben wir diesen Typ am Hals.«
»Ich bin beeindruckt, wie Sie den Bürgermeister abgefertigt haben. Aber wie wollen wir uns auf Freitag vorbereiten?«
»Ich weiß es nicht, ich hoffe, mir fällt noch etwas Gutes ein. Ich habe ja während der Autofahrt Zeit nachzudenken.«
»Sind Sie sicher, dass Sie heute in das Sanatorium fahren wollen?«
»Je schneller, je besser. Carcassonne ist nicht weit, und vielleicht finde ich etwas heraus, das uns weiterbringt. Ich habe auch immer noch ein ziemlich mieses Gefühl im Schädel, wissen Sie. Seit dem Vorfall habe ich nicht mehr richtig geschlafen. Das ist also reines Eigeninteresse.«
»Ja, sicher, ich verstehe. Hoffentlich kommen Sie weiter.«
»Ist Ihnen heute Morgen, kurz bevor wir losgingen, aufgefallen, dass wir ein Fax bekommen haben?« Patrick holte ein gefaltetes Papier hervor.
»Ein Fax? Nein. Von wem könnte das auch sein? Niemand kennt unseren Aufenthaltsort. Oder ist es etwa aus Genf?«
»Ich weiß es auch nicht. Ein wenig merkwürdig ist es schon. Hören Sie:
›Sehr geehrte Herren,
Sie stießen auf einen Kreis, und es kann Kreise ziehen, was Sie erforschen, doch achten Sie darauf. Das Zentrum für Mann und Frau betritt der Kreis, nicht die Rose. Achten Sie darauf, dass Ihre Forschung keine Kreise zieht, bis nicht der Kreis auf Sie stößt.
Ehrerbietig, St. G.‹«
Peter überlegte. »Seltsam. Steht eine Absendernummer auf dem Fax?«
»Natürlich. Ich werde herausbekommen, von wo es geschickt wurde, der Vorwahl nach zu schließen aus der Schweiz. Aber nach Elaine klingt es nicht.«
»Nein, in der Tat. Vielleicht gibt es einen Maulwurf bei der UN?«
»Gut möglich. Aber der Absender scheint zu wissen, dass wir Nachforschungen über die Rose betrieben haben. Vielleicht bezieht er sich sogar auf unseren Besuch in Paris. Elaine weiß davon aber gar nichts. Vielleicht kommt das Fax direkt aus den Händen dieser Freimaurer. Oder Sebastian hat die Nummer weitergegeben...«
»Es hat einen merkwürdigen, konstruierten, künstlichen Klang, wie ein Gedicht... oder ein Rätsel... Ich möchte mir den Text gerne genauer ansehen. Lassen Sie mir das Papier hier?«
»Natürlich.« Patrick reichte Peter das Fax. Sie bogen in die Hoteleinfahrt ein und parkten direkt neben dem Eingang. »Fahren Sie gleich wieder zur Höhle, oder kommen Sie noch mit hoch?«, fragte Patrick beim Aussteigen.
»Ich komme noch mal mit hoch«, sagte Peter, »vielleicht fahre ich erst nach dem Mittagessen ins Camp. Wenn Sie wollen, können Sie auch gerne den Landrover mitnehmen, dann bleibe ich den ganzen Tag hier.«
»Danke, aber vielleicht brauchen Sie den Geländewagen heute doch noch. Ich nehme mir einen Leihwagen vom Hotel.«
Im Foyer trat ein Bediensteter auf sie zu. »Messieurs, gerade ist eine Dame eingetroffen, die Sie suchte. Sie frühstückt im Salon Vert und wartet auf Sie. Soll ich Sie zu ihr führen?«
Peter sah Patrick erstaunt an. »Ob Elaine uns einen Überraschungsbesuch abstattet?«
»Zuzutrauen wäre es ihr. Was, wenn es Frau Großguru ist, die mit der Loge?«
»Renée Colladon? Nein, das glaube ich nicht. Sie kann nicht wissen, wo wir sind, und wenn doch, so hätte sie sich angemeldet.«
»Nach dem Fax wäre ich nicht mehr so sicher, dass keiner weiß, wo wir sind.«
Der Bedienstete stand noch immer vor ihnen und sah mit einem so unbeteiligten Gesichtsausdruck an ihnen vorbei, dass man ihm förmlich die Anstrengung ansah, so zu tun, als würde er nicht zuhören.
»Wollen Sie noch schnell mitkommen, gucken, wer es ist?«, fragte Peter.
»Um ehrlich zu sein, nein. Wenn Sie einverstanden sind, verziehe ich mich jetzt unauffällig.«
»Gut. Fahren Sie vorsichtig und viel Erfolg.« Anschließend wandte sich der Professor an den Hoteldiener: »Führen Sie mich bitte zu ihr.«
Der Salon Vert hatte seinen Namen durch die vollständig verglaste Front, die den Blick auf das üppige Grün des Gartens freigab. Die Morgensonne schien durch die Bäume und einen großen Bambusstrauch, der neben einem Teich gepflanzt worden war. Das Licht fiel in warmen, zitternden Streifen in den Raum, der in gelben und grünen Pastelltönen gehalten war. Rattanmöbel und Sets aus Bast strahlten einen fast britischen Stil aus. Ein wenig zwanziger Jahre, ein wenig subtropisch.
Um diese Uhrzeit waren nur noch wenige Gäste mit dem Frühstück beschäftigt. Zwei einzelne Herren lasen Zeitung, ein älteres Ehepaar aß noch, und an einem Tisch neben der zur Hälfte geöffneten Verandatür saß eine junge Frau bei einer Tasse Kaffee.
»Das ist die Dame, Monsieur le Professeur.« Der Angestellte zog sich zurück.
Die Frau sah auf, als Peter auf sie zutrat. »Peter Lavell, guten Morgen«, stellte er sich vor. »Man sagte mir, Sie suchten mich.«
»Sie und Ihren Kollegen Patrick Nevreux, ja.« Sie reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Stefanie Krüger. Bitte, setzen Sie sich doch.«
Peter nahm Platz und betrachtete die Frau eingehend. Sie mochte Anfang dreißig sein, war ausgesprochen gut aussehend, sportlich-leger gekleidet und hatte ihr offenes blondes Haar auf einer Seite hinter die Ohren geklemmt. Um zu verhindern, dass ihr die Haare auf der anderen Seite ins Gesicht fielen, hielt sie den Kopf ein wenig schief. Für einen Augenblick hätte man sie für eine Touristin halten können, aber ihre Augen strahlten eine Konzentration aus, wie man sie bei einem Geschäftsmann vermutet hätte. Neben ihr auf dem Stuhl lagen eine Notebook-Tasche und ein Handy. Eine Reporterin!, schoss es Peter durch den Kopf.
»Ich bin froh, dass ich Sie heute Morgen noch treffe.« Sie holte eine Mappe hervor, die Peter bekannt vorkam. Sie trug den schwarzen Schriftzug Projekt Babylon. »Mehr als der Name dieses Hotels ist diesen kryptischen Papieren natürlich nicht zu entnehmen gewesen. Aber früher oder später musste ich Sie hier antreffen. Zur Not hätte ich den ganzen Tag auf Sie gewartet.«
Sie machte eine Pause, doch Peter erwiderte nichts.
»Ach so«, sagte sie, »vielleicht hat man mich nicht angekündigt. Ich stelle mich also am besten erst mal vor. Meinen Namen kennen Sie ja. Ich arbeite als freie Wissenschaftlerin, zuletzt für das British Museum in London. Ich bin Linguistin mit dem Spezialgebiet Klassik und Altertum. Ich bin von Elaine de Rosney im Namen der UN nach Genf eingeladen worden, mit dem Angebot, an diesem Projekt mitzuarbeiten.«
Peter hob eine Augenbraue. Hatte Elaine tatsächlich so schnell eine Sprachwissenschaftlerin gefunden?
»Das war vor zwei Tagen, und nun bin ich hier. Das Ganze ist ja sehr geheimnisvoll. Ich bin gespannt, um was es geht.«
Peter zögerte. »Mit welchen Sprachen sind Sie vertraut?«
»Ich bin im Ausland aufgewachsen und an internationalen Schulen gewesen. Ich spreche verhandlungssicher Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Außerdem Italienisch, Portugiesisch – die romanischen Sprachen ähneln sich ja alle. Griechisch und Türkisch ebenfalls.«
»Was ist mit dem Altertum?«
»Ich erforsche die Entwicklungsgeschichte der Sprache und der Schrift. Dazu gehört das Entziffern und Analysieren der Strukturen. Bei einigen Schriften muss man die Sprache selbst auch kennen, wie zum Beispiel, wenn man Hieroglyphen entziffern möchte. Andere Schriften sind so strukturiert, dass man sie in ein vereinbartes Äquivalent in lateinischer Schrift übertragen kann, ohne es selbst lesen zu können. Die Übersetzung nimmt dann jemand anderes vor.«
»Welche Sprachen des Altertums können Sie denn selber übersetzen?«
»Leider nur Latein, Altgriechisch, Hebräisch und Ägyptisch. Ein bisschen Etruskisch, so weit es geht, ebenfalls. Nur die Klassiker eben.«
»Nur die Klassiker?!«, entfuhr es Peter.
»Ich habe allerdings Quellen, um die meisten anderen Sprachen ebenfalls übersetzen zu lassen«, setzte Stefanie schnell hinzu.
»Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin überaus beeindruckt! Sie scheinen ein Sprachgenie zu sein.«
»Sehen Sie, ich vergleiche es immer mit Musik. Wenn Sie wirklich musikalisch sind, und Musik Ihr Beruf, Ihr Leben ist, dann verstehen Sie die Sprache der Noten, dann können Sie gleichermaßen Jazz wie Pop verstehen und spielen. Es ist alles dieselbe Welt. Die Muster und Strukturen wiederholen sich.«
»Was bedeutet ›hoc sit exemplum discipulis‹?«
»›Hoc‹ heißt ›dies‹, ›sit‹ ist Konjunktiv, ›hoc sit‹, ›dies sei‹, ›exemplum‹, ›ein Beispiel‹, ›discipulis‹ bedeutet ›Lehrling‹, im biblischen Sinne auch ›Jünger‹: ›Dies sei ein Beispiel für meine Jünger.‹ Warum fragen Sie das, soll es ein Test sein?«
»Ja«, sagte Peter und lächelte. »Ich muss wissen, ob Sie tatsächlich eine Wissenschaftlerin sind – oder eine Journalistin. Im ersten Fall heiße ich Sie herzlich willkommen an Bord. Im zweiten Fall müsste ich Sie leider erschießen.«
»Dann hoffe ich, dass ich Sie überzeugen konnte. Wo ist denn Ihr Kollege, Monsieur Nevreux?«
»Patrick ist in der Nähe von Carcassonne. Sie werden ihn heute Abend kennen lernen. Hat man Ihnen schon Ihr Zimmer gezeigt?«
»Ja.« Sie deutete auf das Notebook neben sich. »Ich habe nur den Rechner mit runtergenommen, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich wusste ja nicht, wie lange ich auf Sie warten würde.«
»Dann begleiten Sie mich doch an unseren und Ihren neuen Arbeitsplatz. Ich werde Ihnen unterwegs alles erzählen.«
»Sehr gerne, klingt wie ein guter Auftakt. Umso mehr, als Sie offensichtlich nicht mehr vorhaben, mich zu erschießen.« Sie lachte Peter an und steckte sich die Haare wieder hinter das Ohr.
»In der Tat.« Peter stand auf und zog ihren Stuhl beiseite, als sie sich erhob. »Es wäre ja auch eine Schande gewesen.«
»Es geht um diese Höhle«, erklärte Peter, als sie im Landrover auf dem Weg ins Camp waren. »Ein Schäfer hat sie gefunden und ist irgendwie verrückt geworden, er liegt jetzt in einem Sanatorium. Ihn besucht Patrick heute. Die Höhle ist über und über mit Schriftzeichen und ganzen Texten übersät. Das Interessante ist, dass es sich dabei um ein unwahrscheinliches Potpourri handelt; Latein, Sumerisch, Griechisch, Ägyptisch, sogar Maya-Glyphen und völlig unbekannte Sprachen. Deswegen heißt das Projekt Babylon.«
»Die Sprachverwirrung.«
»Ja. Wir haben die Malereien analysiert. Sie sind etwa aus dem dreizehnten Jahrhundert. Mittelalter, eine Zeit also, in der man von Sumerisch nichts wusste, geschweige denn von den Maya. Die Welt war damals immerhin noch eine Scheibe, von der man kurz hinter Afrika hinunterfiel.«
»Aber das ist doch völlig unmöglich!«
»Natürlich. Heute wissen wir, dass die Schwerkraft dies verhindert.«
»Ich bezog mich auf das Alter der Malereien.«
»War bloß ein Witz. In der Tat, das Alter der Malereien ist höchst zweifelhaft. Aber wir vernachlässigen diesen Aspekt zunächst, weil wir uns aus der Entzifferung der Texte eine Aufklärung über die Höhle als solche erhoffen. Ein paar Malereien sind im Laufe der Jahre auch nachträglich angebracht worden, meistens aber sehr schlampig oder sogar unleserlich. Und diese ganzen unbekannten Schriften. Es gibt eine Menge zu tun.«
»Was macht das Ganze denn so unsagbar geheim?«
»Der UN geht es eigentlich gar nicht um die Schriften, auch wenn sie uns noch so spannend vorkommen. Es geht um einen tiefer gelegenen Teil der Höhle. Dort befindet sich ein Gang mit sehr merkwürdigen, vielleicht elektromagnetischen Eigenschaften. Wir wissen es noch nicht genau. Deswegen ist Patrick im Projekt. Er ist ein sehr guter Feldforscher und Techniker.«
»Diese elektromagnetischen Eigenschaften – was bewirken...?« Sie hielt inne, als sie die Männer bemerkte, die in dem Camp herumliefen.
»Diese Männer hier arbeiten für die UN und sichern für uns das Gelände«, sagte Peter, als sie gerade das Tor passiert hatten und durch das Camp fuhren. »Sind Sie eigentlich auch unter dem Deckmantel der Tollwutseuche hier?«
»Ja«, sie schmunzelte, »angeblich bin ich eine Verhaltensforscherin. Das haben die sich wohl ausgedacht, weil ich ganz gut in Biologie bin.«
»In Biologie... das ist interessant.«
»Na ja, ich hatte immer ein Faible dafür. Auf der Uni habe ich es nebenher studiert, weil ich irgendwie immer dachte, dass es vielleicht mal nützlich für meine Pferdezucht sein könnte.«
»Sie haben eine Pferdezucht?«
»Nein, aber man kann ja nie wissen, oder?«
»Ihre Kenntnisse könnten jetzt vielleicht trotzdem äußerst nützlich sein, wissen Sie das? Der Bürgermeister hat uns nämlich gerade einen Adlatus ans Bein gebunden, ein Biologe, der mit uns fachsimpeln möchte, wie es denn mit unserer Untersuchung zur Tollwut vorangeht.«
»Na, ich hoffe, er lässt sich eine Weile mit heißer Luft abspeisen, ein Fachmann bin ich ja auch nicht. Aber Sie wollten gerade etwas über den Gang in der Höhle erzählen.«
»Richtig, der Durchgang – so nennen wir ihn. Es ist wirklich merkwürdig: In der Dunkelheit scheint es ein normaler Gang zu sein. Nun, normal ist übertrieben; auf irgendeine unerklärliche Weise leuchtet die Luft dort bläulich. Doch immerhin scheint es ein passierbarer Gang zu sein. Sobald man aber den Gang mit Scheinwerfern erleuchtet, wird er pechschwarz. Nicht das Gestein, sondern die Luft selbst wird schwarz und undurchdringbar. Es ist, als ob er keine Form von Strahlung oder Energie hindurchließe. Wenn man hineinguckt, sieht man eine absolute Schwärze. Man kann sie nicht ausleuchten, auch mit dem Echolot lässt sich keine Tiefe orten. Es ist, als ob keine Reflexion von Licht oder anderen Wellen aus dem Gang zurückkommt. Wir haben mit einem Pioneer-Roboter experimentiert, der an einem Stromkabel hindurchgeführt wurde. Sobald er über die Schwelle war, reagierte er nicht mehr und verbrauchte auch keinen Strom mehr. Wir mussten ihn am Kabel wieder rausziehen.«
»Und sind Sie mal hineingegangen?«
»Nein, das ist das größte Problem. Den Berichten zufolge ist der Schäfer wohl deswegen wahnsinnig geworden, weil er es tat. Patrick hat es leichtsinnigerweise getestet und selber den Kopf hineingesteckt. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, ich habe ihn zurückgerissen. Aber er hat einen Schock bekommen, ich dachte, es wäre ein Schlaganfall. Er war danach völlig erledigt, hat zwei Tage am Stück geschlafen und die Erinnerung an den Vorfall verloren. Deswegen sucht er gerade den Schäfer im Sanatorium auf. Er hofft, irgendetwas bei ihm herauszufinden.«
»Der Arme. Das tut mir leid. Reingehen sollte man also nicht.«
»Nein, auf keinen Fall. Hier steigen wir aus.« Peter führte Stefanie das letzte Wegstück den Hang hinauf und bis zur Höhle. »Bisher hören Sie sich das alles einfach an, als sei es völlig selbstverständlich, was ich erzähle.«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen glaube.«
»Das ist gut. Ich hätte es auch nicht geglaubt.«
Sie hatten den obersten Absatz des Hangs und den Höhleneingang erreicht.
»Ist das die Höhle?«, fragte sie.
»Ja, das ist sie.«
»Dann nichts wie hinein. Ich bin äußerst gespannt.«
Patrick ärgerte sich, dass er nicht den Landrover genommen hatte. Jetzt musste er mit einem Wagen vorlieb nehmen, der so wenig PS hatte, dass er froh war, wenn es mal ein kurzes Stück bergab ging. An Überholen war gar nicht zu denken.
Wenigstens war es eine schöne Strecke, und er hatte es nicht sehr eilig. Eigentlich, so überlegte er, hatte er sogar alle Zeit der Welt. Häufig säumten Platanen mit ihren großen, hellen Blättern und den gefleckten Stämmen die Straße. Wie lange gab es diese Alleen wohl schon? Bei der Fahrt durch ein beschauliches Dorf entschloss er sich, seiner inneren Stimme zu gehorchen, machte spontan Halt und setzte sich in ein Café. Tische und Stühle standen draußen, im Halbschatten einiger Weiden. Bei einem warmen Croissant mit Butter lehnte er sich zurück und genoss die friedliche Ruhe. Aus dem Geäst der Bäume drang das beständige Zirpen der Zikaden, von jenseits eines kleinen Mäuerchens klang das Plätschern von Wasser herauf, ein kleiner Flusslauf, wie er zu Hunderten in dieser Gegend zu finden war. Wenige Meter entfernt, im staubigen Sand neben der Dorfstraße, stand ein halbes Dutzend älterer Männer und spielte Boules. Es ging leise, fast bedächtig vonstatten. Nur das leise, dumpfe Aufschlagen der Kugeln war zu hören, ab und zu begleitet von einem metallischen Klacken oder einem erstaunten Ausruf.
Es schien Patrick ein zeitloser Schnappschuss zu sein. Man hätte dieses Bild in jedes Jahrhundert transportieren können; so oder so ähnlich hatte es hier wohl immer ausgesehen. Diese Männer kümmerten sich nicht um irgendwelche Bürogebäude in Genf, um die Europäische Weltraumorganisation, um Palenque, Lissabon oder eine merkwürdige Sekte in Paris. Sie lebten in ihrer eigenen Welt, die vor eintausend Jahren die von Rittern und Burgen und vor zweitausend Jahren die von Römern und Kelten gewesen war. Doch auch davon schien niemand Notiz zu nehmen, geschweige denn vom wohl faszinierendsten Rätsel wenige Kilometer entfernt. Diese Menschen schienen ihre Vergangenheit nicht auszugraben und zu ehren, man mochte fast meinen, sie lebten auf einer eigenen, parallelen Zeitspur. Patrick stellte sich vor, was passieren würde, wenn ein Ritter in voller Rüstung plötzlich hier auftauchte. Wahrscheinlich würde er so gut ins Bild passen, dass weder die Dorfbewohner noch er selbst irritiert wären.
Schließlich machte er sich wieder auf den Weg nach Carcassonne. Im Auto dachte er über seine Pause nach. Er wunderte sich über sich selbst. Er war nie romantisch oder philosophisch veranlagt gewesen. Und trotzdem hatte ihn das Bedürfnis nach Ruhe überkommen. Oder vielleicht war Frieden das bessere Wort. Innerer Frieden. Er sah viele Dinge aus einer neuen Perspektive, in größerem Zusammenhang. Plötzlich schrumpften Zeitalter und Kontinente zusammen, das emsige Bestreben eines einzelnen Menschen schien demgegenüber bedeutungslos. War es so, dass man den Sinn des Lebens vielleicht niemals im Erreichen hehrer Ziele suchen sollte, sondern im eigenen Frieden mit der Welt?
Was für ein Schwachsinn!, fluchte Patrick innerlich. Als ob mir jemand ins Gehirn geschissen hat! Seit dem Vorfall in der Höhle hatte er bisweilen sehr merkwürdige Anwandlungen, fand er. Es wurde höchste Zeit, dass er das Sanatorium und den Schäfer fand, um zu verstehen, was da mit ihm vorging. Vielleicht war es ja nur der Anfang, und er wurde ebenfalls langsam verrückt.
Es war nicht leicht, das Sanatorium zu finden. Es lag außerhalb von Carcassonne, angeblich wenige Kilometer, dennoch brauchte er noch fast eine halbe Stunde, bis er es erreicht hatte. Der Weg war nicht ausgeschildert, und die meisten Passanten hatten noch nie davon gehört. Eine alte Bäuerin kannte es schließlich, doch der Weg, den sie ihm beschrieb, führte quer durch einen Weingarten über einen holprigen Feldweg, der bestenfalls für Traktoren geeignet war.
Endlich schälte sich das Gebäude aus einem Dickicht von Kiefern und Efeu heraus. Es stand auf einem Hügel und hatte wohl ehemals das umgebende Tal überblickt, doch die ungepflegten Gartenanlagen hatten inzwischen die Sicht so gut wie zugewuchert. Das Sanatorium war in einer alten, zweistöckigen Villa untergebracht, erbaut 1882, wie eine mit blaugrauen Flechten bewachsene Stuckarbeit über dem Eingang verriet. Wenn das Äußere auch verwahrlost aussah, so war es im Inneren doch überraschend sauber. Patrick betrat eine mit zweifarbigen Kacheln ausgelegte Halle, von der aus zwei Gänge abzweigten. Den Raum beherrschten ein Kronleuchter mit langen, dürren Armen, auf denen nackte Glühbirnen saßen, und eine steinerne Treppe. Auch sie war gekachelt und beiderseits mit einem schmucklosen Geländer aus Messing versehen. Ein Geruch nach scharfem, ammoniakhaltigem Putzmittel hing in der Luft. Direkt zu seiner Rechten bemerkte Patrick eine Art Pförtnerhäuschen oder Rezeption. Es war brusthoch mit dunklen Holzpaneelen verkleidet, dann ging es in eine Glasscheibe über, aus der eine halbrunde Öffnung als Durchreiche herausgearbeitet war. Dahinter saß ein ernst blickender Mann mit Hemd und Schlips und beugte sich interessiert vor, als er Patrick eintreten sah.
»Ich suche Mr. Jacques Henrot, ich bin ein Verwandter von ihm.«
Der Mann beugte sich über ein großes Heft, das vor ihm lag. Es enthielt nicht viele Einträge, aber er machte einen sehr gewissenhaften Eindruck, als er mit dem Finger einige Spalten nachfuhr, bis er den Namen gefunden hatte.
»Sie können nicht mit ihm sprechen, Monsieur.«
»Wie bitte?! Was soll das heißen, ich kann nicht mit ihm sprechen? Ich bin extra aus Paris angereist. Mein Privatsekretär hat meinen Besuch bereits vor ein paar Tagen angekündigt. Jetzt sagen Sie mir nicht, Sie wüssten nichts davon!«
Der Mann hinter der Scheibe ließ sich von Patrick nicht beeindrucken. »Sie können ihn natürlich besuchen, aber Sie können nicht mit ihm sprechen. Hat man Ihnen das nicht gesagt? Er spricht nicht. Vor zwei Wochen war auch schon jemand hier. Hat nur Gestammel aus ihm herausbekommen.«
»Es war jemand hier? Wer?«
»Ich hatte das Gesicht schon mal im Fernsehen gesehen. Irgendein Politiker, glaube ich.«
»Was wollte er? War er ein Verwandter?«
»Ich habe keine Ahnung, Monsieur. Und es geht mich auch nichts an.«
»Na gut. Wo finde ich Monsieur Henrot?«
»Zimmer siebenundzwanzig, im zweiten Stock, die Treppe hinauf und den rechten Gang entlang.«
Die Flure im oberen Stockwerk waren mit altertümlichen, gelblichen Mustern tapeziert, der Boden mit braunem Linoleum bedeckt, Wandlampen tauchten das Ganze in ein trübes, ungesundes Licht. Eine Frau mit weißer Schürze und einer weißen Haube trat aus einer Tür auf den Gang. Sie schien Patricks unsicheren Blick zu bemerken und kam auf ihn zu.
»Was suchen Sie, Monsieur?«
»Zimmer siebenundzwanzig, Jacques Henrot.«
»Folgen Sie mir. Sind Sie ein Verwandter? Sie werden vielleicht einen Schreck bekommen, wenn Sie ihn wiedersehen, er ist in bedauernswertem Zustand.« Sie öffnete eine Tür und ließ Patrick eintreten. Der Raum war ebenso düster wie es der Flur gewesen war. Der linke Teil war mit einem Vorhang abgetrennt, der an einem dünnen Gestänge befestigt war. An der Stirnseite des Zimmers befand sich ein kleines, vergittertes Fenster, durch das man direkt in die rostigen Schatten der Kiefern sah. An der rechten Wand standen ein hölzerner Beistelltisch und ein Bett. Darauf deutete die Frau.
»Da liegt er.« Sie sah auf ihre Uhr. »Ich denke, Sie haben nicht vor, lange zu bleiben? In einer halben Stunde muss er seine Medizin bekommen.«
»Ich bin aus Paris angereist, ich werde so lange bleiben, wie ich kann. Was für Medizin, sagen Sie?«
»Es sind nur ein paar Tabletten. Vielleicht können Sie auch dabeibleiben, wenn Sie möchten.« Sie verließ den Raum.
Patrick war allein. Allein in diesem verdammten Zimmer, umgeben von Verfall und Krankheit. Er fühlte sich unglaublich fehl am Platz. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, er müsse nur die Augen öffnen und würde irgendwo anders wieder aufwachen. Es war wie in einer fremden Welt. Eigentlich arbeitete er an einem wissenschaftlichen Projekt für die Vereinten Nationen, und nun stand er hier, in einem unbekannten, verwahrlosten Sanatorium, irgendwo auf dem Land, wo die Zeit stehen geblieben war, im Zimmer eines Schäfers, der den Verstand verloren hatte...
Patrick fiel ein, dass er sich nicht danach erkundigt hatte, wie sich der Zustand des Schäfers äußerte. War er noch immer wahnsinnig? War er aggressiv? War er gefährlich? Ein ungutes Gefühl kroch in ihm hoch und steckte bald wie eine warzige Kröte in seinem Hals. Zögerlich trat er an das Bett und warf einen Blick hinein.
Erschrocken wich er einen Schritt zurück.
Mit aufgerissenen Augen starrten ihn die verzerrten Züge eines irrsinnigen Mannes an. Er lag zusammengerollt auf der Seite, wirre, weiße Haare umgaben seinen Kopf wie nasses Stroh, die Wangen waren eingefallen, der Mund in einem Lächeln eingefroren, die Augäpfel schienen ein wenig herauszuquellen, so dass man den roten unteren Rand sehen konnte. So erschreckend der Anblick war, so wenig konnte sich Patrick ihm entziehen. Er bemerkte, dass ihn der Mann gar nicht ansah. Seine Augen bewegten sich zwar, aber der Schäfer schien seine Umgebung nicht wahrzunehmen. Es war, als hätte man einem Schlafenden die Lider geöffnet.
»Monsieur Henrot?« Patrick kam sich dumm vor, den völlig abwesenden Mann anzusprechen. »Jacques? Können Sie mich verstehen?«
Der Schäfer zeigte keinerlei Reaktion. Patrick hatte Berichte von Menschen gelesen, die jahrelang im Koma gelegen und doch jedes Wort verstanden hatten, das gesprochen worden war. Bis irgendein Ereignis sie ganz plötzlich aufweckte. Vielleicht war es bei dem Schäfer ja auch so. Vielleicht konnte er alles verstehen, und man musste nur den Auslöser finden. Aber was sollte er ausprobieren? Sollte er jetzt allen Ernstes hier wie mit einer Wand sprechen? Andererseits, dieser Mann, oder das, was von ihm übrig war, stellte Patricks einzige Verbindung zum Inneren der Höhle dar. Nur dieser Mann konnte ihm weiterhelfen. Nun, da er eigens hierher gefahren war, sollte er wenigstens das Beste daraus machen und nichts unversucht lassen.
»Jacques, Sie müssen mir zuhören. Verstehen Sie mich? Geben Sie mir ein Zeichen, wenn Sie mich verstehen können!«
Noch immer rührte sich der Mann nicht, nur seine Augen glitten weiter durch das Nichts.
»Sie hatten einen Unfall, Jacques, erinnern Sie sich? Sie müssen sich erinnern! Sie haben eine Höhle entdeckt. Die Höhle, Jacques, erinnern Sie sich?«
Der Schäfer machte eine Bewegung, zuckte ein wenig und zog die Beine weiter an sich.
»Ja! Haben Sie das verstanden? Ist es das? Die Höhle?« Patrick ging dicht an das Bett. Der Mann glotzte geisterhaft aus seinen glasigen Augen, er schien völlig starr und gleichzeitig höchst angespannt, als könne er jederzeit ganz plötzlich schreiend aus dem Bett springen. Mit zitternden Fingern streckte Patrick seine Hand nach ihm aus. Er fühlte eine tiefe Abscheu, ihn zu berühren, aber ebenso das überwältigende Bedürfnis, ihn wachzurütteln. »Sie haben eine Höhle entdeckt, Jacques, wissen Sie es noch?« Patricks Finger trennten nur noch wenige Zentimeter von der Schulter des Mannes. Mit leiserer aber eindringlicher Stimme redete er weiter auf den Mann ein. »Eine Höhle... mit Malereien... Schriften...« Sanft legte er eine Hand auf das Laken.
»Das hat keinen Zweck!«
Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Patrick zusammen und riss seine Hand zurück. Ein lautes Rasseln hinter ihm ertönte, als der Vorhang beiseite gezogen wurde. Dahinter war ein weiteres Bett zu sehen, in dem sich ein alter Mann aufgesetzt hatte. Er hatte keine Haare mehr, eine faltige, ledrige Haut und kaum noch Zähne. Er sah mit einem schiefen Grinsen zu Patrick hinüber. »Der hört Ihnen nicht zu.«
Patrick rang einen Augenblick nach Fassung. »Das... woher wissen Sie das so genau?«
»Junger Mann! Wollen Sie sagen, ich weiß nicht Bescheid! Ich weiß Bescheid, natürlich weiß ich es. Der hört Ihnen nicht zu. Hat keinen Platz im Schädel zum Zuhören.«
»Was meinen Sie damit?«
»Den werden Sie hier nicht finden. Ich weiß Bescheid. Ist immer so. Die sind auf der Suche, so ist es. Sieht aus, als ob sie leer sind, aber sie sind voll, das ist es.« Der Alte stand auf und kam im Schlafanzug herübergehumpelt.
Patrick wurde es unbehaglich. Er dachte daran, dass die Krankenschwester, oder wer immer es gewesen war, möglichst bald kommen sollte. Aber die halbe Stunde war noch nicht um. »Wen meinen Sie? Sind hier noch mehr Leute wie er?«
»So wie er, nein. Aber ja. Schon so wie er. Aber jeder ist anders. Junger Mann. Das verstehen Sie doch, oder? Ich weiß Bescheid, so lange bin ich schon hier.«
»Und alle haben eine Höhle entdeckt?«
»Höhle. Nein, keine Höhle. Vielleicht aber auch eine Höhle. Wenn Sie Höhlen wollen. Jeder hat eine eigene Höhle. Etwas füllt sie, wirft sie raus. So ist das. Sie sind nicht mehr im Schädel, weil er voll ist. Sie finden die nicht in ihren Schädeln. Sie sind weg, suchen, das ist es, was sie tun.«
»Sie suchen? Was meinen Sie damit?«
»Na, suchen, junger Mann. Schon mal verlaufen? So ist das, ich weiß Bescheid. Die suchen. Sich selbst. Und dann, wenn sie wollen, einen Weg zurück. Aber wer will das schon? Ich sage, hat keinen Zweck zu reden. Ist nicht da drin.«
Patrick kam sich merkwürdig vor, mit einem schwachsinnigen Alten zu diskutieren, aber er hatte seinen Ehrgeiz geweckt. »Er hat mich aber gehört! Eben hat er sich bewegt, als ich ›Höhle‹ gesagt habe.«
Der Alte schlurfte zum Fenster, krallte sich an den Gitterstäben fest und drückte sein Gesicht in eine Lücke. »Ja, bewegt sich nicht viel, aber manchmal. Das ist gut, vielleicht auch nicht. Ist auf dem Weg zurück, vielleicht auch nicht. So ist das immer. Vielleicht, vielleicht. Vielleicht ist es besser zurückzukommen, vielleicht nicht. Vielleicht bin ich hier, vielleicht nicht?«
»Natürlich sind Sie hier.«
Der Mann drehte sich um und entblößte seine Zahnstümpfe. »Vielleicht träumen Sie mich? Ich weiß Bescheid, aber wissen Sie Bescheid? Vielleicht träume ich Sie.« Er gab ein kleines irrsinniges Lachen von sich, das augenblicklich in ein trockenes Husten überging.
Patrick wandte sich ab. Der Alte beunruhigte ihn zutiefst. Obwohl es nur leeres Gefasel war, traf es auf merkwürdige Weise einen Nerv. Er betrachtete den Schäfer. Wenn er nur sprechen könnte!
»Jaja, das tut er.«
Patrick zuckte zusammen. Der Alte stand plötzlich dicht neben ihm und sah dem Schäfer ins Gesicht. »Spricht viel. Sagt aber nichts.«
»Er spricht? Was sagt er denn?«
»Sagt nichts, sagt gar nichts. Das ist so.«
»Na schön, welche Worte gibt er denn von sich?«
»Ich weiß Bescheid.«
»Ja, Sie wissen Bescheid! Also sagen Sie mir doch, was Sie für Worte gehört haben!«
»Vielleicht auch nicht.«
»Was?!? Haben Sie nun etwas gehört, oder nicht?«
»Worte, warte! Confisus, Konfuzius! Welchen Sinn haben Worte? Wer weiß Bescheid? Ist es so, oder nicht?«
Patrick wollte den Greis am liebsten schütteln. »Mein Gott, Mann, reißen Sie sich mal zusammen, das ist wichtig! Was hat er gesagt?!?«
Der Alte hatte sein Grinsen plötzlich eingestellt. Wieder ging er zum Fenster und drückte sein Gesicht gegen das Gitter. »Ich weiß Bescheid, ich weiß Bescheid. Vielleicht, vielleicht ...«
»Mist«, fluchte Patrick. Aus dem Schwachkopf war nichts herauszubekommen. Aber immerhin gab es ihm Hoffnung zu hören, dass der Schäfer dann und wann vor sich hin brabbelte. Er musste ihn wieder zum Reden bringen.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und die Frau mit der Schürze kam herein. Als sie den Alten am Fenster sah, ging sie schnell auf ihn zu. »Hugo! Wachen Sie auf!«
Der Alte sah die Frau an, und sein Gesicht verzog sich zu einem elendig aussehenden Lächeln. Widerstandslos ließ er sich von ihr zu seinem Bett führen. Sie setzte sich auf seine Bettkante und zog die Gardine vor, während er sich hinlegte. Wenige Augenblicke später kam sie wieder hinter dem Vorhang hervor.
»Ich hoffe, er hat Sie nicht belästigt. Er schläft jetzt wieder.«
»Nein, ist schon in Ordnung. Was haben Sie mit ihm gemacht? Haben Sie ihm auch Tabletten gegeben?«
»Ja, die beiden brauchen sie in regelmäßigen Abständen, weil sie immer wieder zu sich kommen. So, und nun ist Jacques dran.« Sie schüttete zwei Kapseln aus einem braunen Fläschchen auf ihre Hand.
»Darf ich sie ihm geben?«, fragte Patrick.
»Wie bitte?«
»Ich möchte sie ihm gerne geben, ist das in Ordnung?«
»Nun... ja, wenn Sie unbedingt möchten...« Unsicher reichte ihm die Frau die Tabletten.
»Vielen Dank. Wissen Sie, es ist das Einzige, was ich für ihn tun kann. Wir haben uns sehr nahe gestanden...« Patrick nahm die Kapseln entgegen und tat so, als lege er sie dem Schäfer in den Mund. Dabei ließ er sie unauffällig in seiner Handfläche verschwinden, so ähnlich, wie er es machte, wenn er seinen Zigarettentrick vorführte.
Die Frau beobachtete den Vorgang, schien jedoch nichts zu bemerken. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen verließ sie den Raum.
Wieder war Patrick allein. Allein mit einem schwachsinnigen Greis und dem offensichtlich nicht gesünderen Schäfer. Ob er tatsächlich zu sich kommen würde, jetzt, wo er keine Tabletten bekommen hatte?
»Jacques, hören Sie mich? Sie müssen aufwachen!«
Der Schäfer zuckte nur wieder, wie er es zuvor auch getan hatte. Es war aber nicht deutlich, ob es eine Reaktion auf Patricks Stimme war. Er blieb auf der Seite liegen, zusammengerollt wie ein Embryo.
»Monsieur Henrot. Hören Sie, Sie müssen von der Höhle erzählen. Was haben Sie entdeckt? Jacques, die Höhle.«
Keine Reaktion.
»Gut. Vielleicht hat der Alte Recht. Vielleicht sind Sie nicht da drin. Vielleicht können Sie mich aber trotzdem hören, wo auch immer Sie sind. Wir haben Ihre Höhle auch gefunden. Eine wunderbare Höhle, voller Schriften und Malereien. Erinnern Sie sich daran? Wir erforschen sie gerade. Wir haben einige der Inschriften schon entziffert. Haben Sie die auch gelesen? Haben Sie vielleicht die Rose gesehen? Vielleicht erinnern Sie sich ja daran. Mit einem lateinischen Spruch. Hoc sit exemplum irgendwas.«
»Ne sis confisus...« Die krächzende Stimme ließ Patrick förmlich zusammenfahren.
»Was?!? Was war das? Haben Sie etwas gesagt? Jacques!«
»Ne sis confisus... illis...« Die Worte kamen nur undeutlich hervor. Der Schäfer bewegte plötzlich den Kopf von einer Seite auf die andere, als ob seine Augen den Raum durchsuchten.
»Was sagen Sie da? Jacques? Nesis confises? Was heißt das?« Patrick tastete hektisch seine Taschen ab, ob er etwas zum Schreiben bei sich trug. »Nesis confises idis?« Während er noch nach einem Stift suchte, versuchte er, sich die Worte einzuprägen. »Sagen Sie es noch mal! Nesis...?«
Die dürren Hände des Kranken krallten sich plötzlich um Patricks Jacke und zogen ihn zum Bett herab. Die irren Augen fixierten ihn in einer bedrohlichen und zornigen Weise.
»Ne... sis... confisus...« Die Worte kamen eindringlich und stoßweise. Patrick wiederholte sie halblaut, während der Schäfer weitersprach: »illis..., qui te... adiuvare student!« Die Stimme des Schäfers wurde fester und lauter. »Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student!!« Der Schäfer kreischte nun laut. »NE SIS CONFISUS...« Patrick riss sich los und taumelte zurück. Er musste sofort etwas zum Schreiben finden. Er stürmte aus dem Zimmer und hetzte den Gang zurück, die Treppe hinab, entriss dem Mann im Empfangshäuschen seinen Stift und griff nach ein paar losen Blättern, die dieser vor sich liegen hatte. Mit dem Protest des Mannes im Ohr rannte er den Weg wieder zurück und hoffte darauf, dass niemand das Geschrei des Schäfers gemerkt und ihn inzwischen mit irgendwelchen Drogen ruhig gestellt hatte. Als er das Zimmer betrat, war dort alles wieder ruhig. Patrick rang nach Atem und schrieb auf, was er noch in Erinnerung hatte. Was waren das für Worte? Sie klangen ein wenig wie altertümliches Französisch, was aber wohl eher an der Aussprache des Schäfers lag. Ansonsten ergeben sie überhaupt keinen Sinn. Vielleicht waren es ja erfundene Worte. Aber der Mann wiederholte sie so präzise, als ob sie etwas bedeuteten. Jetzt lag er wieder in seinem seltsam eingefrorenen Zustand da, die Augen aufgerissen, die Beine angewinkelt. Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student... Er hatte begonnen zu sprechen, als er ihn auf die Rose und die Inschrift angesprochen hatte, hoc sit exemplum... Latein! Konnte es sein, dass der Schäfer Latein sprach? Es war völlig absurd. Wie konnte ein umnachteter Schäfer von einem Tag auf den anderen lateinisch sprechen? Es war wohl ausgeschlossen, dass er das beim Schafehüten gelernt hatte. Und doch...
Patrick ärgerte sich, dass er kein Latein verstand. Trotz seiner Arbeit hatte er es nicht ein einziges Mal vermisst, und nun benötigte er es ausgerechnet für ein Gespräch mit einem Schäfer! Wie konnte er ihn nur wieder zum Sprechen bringen? Im Geiste ging er seine Literaturkenntnisse und sein Studium durch. Welche Lateinbrocken kannte er? Veni, vidi, vici, ich kam, sah und siegte, oder alea iacta est, der Würfel ist gefallen...? Damit ließ sich ausgesprochen schlecht ein Gespräch führen...
Ach, zum Henker, es hört mich ja keiner, dachte Patrick und setzte sich wieder auf die Bettkante des Mannes.
»Ave«, sagte er und musste in Gedanken über diese seltsame Ironie den Kopf schütteln. Den Gruß hatte er zuletzt im Zusammenhang mit Julius Cäsar gehört, der vor zweitausend Jahren unter anderem ganz Frankreich erobert und besetzt hatte.
Der Schäfer schien daran jedoch keinen Anstoß zu nehmen und bewegte sich wieder. Seine Augen durchsuchten den Raum, obwohl Patrick direkt vor ihm saß. »Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student!«, betonte er noch mal, und Patrick verglich die Worte mit seiner Aufzeichnung. »Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student«, las er vor, und der Schäfer wiederholte die Worte.
»Ja, ja, das weiß ich jetzt. Können Sie auch etwas anderes sagen? Hoc sit exemplum! Wenn ich nur wüsste, wie es weiterging... Hören Sie? Hoc sit exemplum... veni, vidi, vici..."
Die Augen des Schäfers hatten Patrick gefunden und hefteten sich wieder auf ihn. Seine Stimme war jedoch nicht mehr so fest wie zuvor, als er sprach: »Ne intraveris...«
Patrick notierte sich, was er hörte, und wiederholte es. Aber der Schäfer sprach immer leiser, und Patrick musste sein Ohr dichter an dessen Mund halten. »Ne intra... eris... et cogno... sce... scientiam.«
»Lauter, sprechen Sie lauter!« Hastig kritzelte Patrick seine Notizen.
»Ne intra... eris... cogno... scientia...« Die Worte waren schon kaum noch verständlich.
»Ne intraveris cogno scientiam? Jacques! Noch einmal! Veni, vidi, vici, hören Sie?« Die Augen des Schäfers ließen von ihm ab und starrten wieder ins Leere.
Verflucht! Patrick kämpfte gegen den Drang an, den Unglücklichen wachzuschütteln. Jetzt war er wieder weg. Ganz so, als sei er plötzlich erschöpft, oder als hätte er das Wichtigste gesagt. Nun, vielleicht hatte er es ja. Patrick hoffte, dass Peter ihm beim Entschlüsseln der Worte helfen konnte. Einmal wollte er es noch versuchen.
»Ave. Jacques! Ave!«
Der Mann bewegte sich ein wenig, wie ein Schläfer, der nicht geweckt werden wollte. Patrick fasste ihn an der Schulter und rüttelte ihn sanft. »Ave, Jacques... sind Sie noch da? Hören Sie mich noch? Wo sind Sie? Quo vadis?« Der Gedanke war Patrick plötzlich gekommen. Quo vadis, wohin gehst du. »Quo vadis?!«, wiederholte er eindringlich und sprach es noch ein drittes Mal ganz nah und direkt in das Ohr des Schäfers.
Die Antwort kam in langsamen Stücken und leise wie aus weiter Ferne: »In... me... ma... nebo... dum... me... reppe... rero...«
Die Tür des Raums flog auf. Dort standen der Mann vom Empfang und zwei massiv gebaute Krankenschwestern, von denen es jede Einzelne leicht mit Patrick hätte aufnehmen können.
»Monsieur, wir müssen Sie bitten, Ihren Besuch unverzüglich zu beenden.«
Widerwillig folgte Patrick der Aufforderung. Aus dem Schäfer hätte er wohl sowieso nichts mehr herausbekommen. Als er durch die Tür und am Pförtner vorbeiging, streckte dieser seine Hand aus: »Meinen Stift, wenn ich bitten darf.«
Da er am Nachmittag nicht zur Höhle fahren wollte, beschäftigte sich Patrick mit den Computern ihres Büros im Hotel und traf Peter erst zum Abendessen. Der Professor saß mit einer blonden Frau an einem Tisch.
»Patrick Nevreux, das ist Stefanie Krüger«, stellte der Professor vor. »Sie ist uns von Genf als Sprachwissenschaftlerin zugeteilt worden.«
Patrick wechselte einen flüchtigen Blick mit Peter, aber dieser reagierte nicht auf die stumme Frage. Also begrüßte er die Frau nur kurz, setzte sich und bestellte dann. Er beobachtete sie unauffällig und versuchte sie einzuschätzen. Dem Aussehen nach zu urteilen war sie keine harte körperliche Arbeit gewohnt und würde sich auch nicht dreckig machen wollen. Sie sah verdammt gut aus. In seiner ganz persönlichen Erfahrung war solches Aussehen häufig gepaart mit einem dümmlichen Verstand oder Hochnäsigkeit. Doch im Laufe des folgenden Gesprächs bestätigte sich keines seiner Vorurteile. Aber wie sagte man: Was zu gut war, um wahr zu sein, war meistens auch nicht wahr. Vermutlich hatte sie etwas zu verbergen.
Sie redeten über dies und das, ihre Arbeit am British Museum und Patricks Expedition nach Mittelamerika. Erst nachdem die erste Flasche Corbière auf dem Tisch stand, lockerte sich die Stimmung allmählich, und Peter brachte die Sprache auf das Projekt.
»Durch Stefanie haben wir gute Fortschritte gemacht. Wir konnten ein paar mehr Texte entziffern und haben noch etwas anderes Interessantes herausgefunden. Sie müssen sich unbedingt gleich die Aufzeichnungen ansehen.«
»Gibt's denn auch etwas Neues über den Durchgang?«
»Leider noch nicht«, antwortete Stefanie, »aber ich habe schon eine Ahnung. Sie ist noch vage, aber ich will gleich nach dem Essen mit der Recherche anfangen.«
»Und wie war der Besuch im Sanatorium?«, fragte Peter. »Haben Sie den Schäfer gefunden?«
»Ja, habe ich.« Patrick goss sich erneut Wein ein. »Es war nicht angenehm, das kann ich Ihnen sagen. Sah aus wie ein Zombie und war völlig abwesend. Wenn man den Typ als Warnschild vor dem Eingang der Höhle aufbauen würde, brauchte man weder zwei Dutzend Ranger noch Stahltore.«
»War es denn so schlimm?«, meinte Stefanie.
»Schlimm war, dass er noch lebte.«
»Ich bitte Sie!«
»Nein, es ist mein voller Ernst. Sie sind nicht dabei gewesen, sonst würden Sie dasselbe sagen. Er war kaum mehr als eine zerschundene, ausgedörrte Hülle, und sein Geist war nicht in besserem Zustand.«
»War er denn richtiggehend umnachtet?«, fragte Peter.
»Er hat ein paar Brocken gefaselt, die Notizen habe ich oben. Ich weiß nicht, ob es stimmt, ich hatte das Gefühl, es war Latein. Aber das war nicht nur umnachtet, das war hochgradig irrsinnig. Das Resultat elektrischer Zuckungen im Hirn oder so. Mir hat es jedenfalls gereicht!«
»Wie furchtbar«, sagte Stefanie mit sarkastischem Unterton. »Gut, dass Sie kein Krankenpfleger geworden sind, was?«
»Sie sind wohl eine ganz Harte!« Patricks Augenbrauen zogen sich zusammen. »Ich habe den Kopf da reingesteckt, und irgendein Mist ist mir dabei auch passiert. Ich habe keine Lust, so zu enden wie der Typ!«
»Es tut mir leid, Patrick, daran hatte ich nicht gedacht. Peter hat mir davon erzählt.«
Patrick antwortete nicht und studierte mit mürrischem Blick die Speisekarte.
»Okay, Patrick?« Stefanie fasste ihn am Arm, doch dieser ignorierte die Geste und rief stattdessen einen Ober herbei.
»Vergessen Sie's. Bestellen wir noch einen Nachtisch, und dann an die Arbeit.«
»Was für eine Ausrüstung!«, staunte Stefanie, als sie zum ersten Mal die Bürosuite betrat. »Haben wir mit diesen Rechnern auch einen Online-Zugang?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Peter. »Haben wir?«
»Eine Internet-Anbindung? Wir haben es noch nicht ausprobiert«, erklärte Patrick. »Aber gehen Sie mal davon aus.«
»Gut. Das wird mir bei den Recherchen sehr nützlich sein.« Sie setzte sich an den Konferenztisch und breitete ihre Notizzettcl aus. Sie enthielten Abschriften der Texte aus der Höhle, Skizzen und Symbole. Ihre beiden Kollegen setzten sich dazu. Patrick zündete eine Zigarette an und lehnte sich zurück.
»Ja, es würde mich tatsächlich stören, wenn Sie rauchen«, sagte Stefanie. »Danke, dass Sie gefragt haben.«
Patrick setzte zu einer Antwort an, doch als er Peters eindringlichem Blick begegnete, verzog er den Mund und drückte seine Zigarette mürrisch aus.
»Die Menge der Texte in der Höhle ist ja schier überwältigend«, fing Stefanie an, »ich habe mir heute nur die Texte angesehen und abgeschrieben, deren Sprachen ich selbst einigermaßen zügig übersetzen kann. Dabei ist uns aber schon etwas aufgefallen. Wie Sie beide ja schon festgestellt hatten, gibt es zwei verschiedene Arten von Texten. Die einen sind akribisch ausgeführt und passen sich zum Teil sogar kunstvoll den Formen des Untergrundes an, und sie scheinen sich an keiner Stelle zu überschneiden. Vielleicht wurden sie alle zur selben Zeit angebracht. Hierbei handelt es sich in der Regel um längere Texte. Wir haben diese die ›Urtexte‹ genannt. Die anderen Inschriften sind häufig fast unleserlich, wirken dahingeschmiert, wie eine Art mittelalterliches Graffiti. Mit einigen Ausnahmen sind das meiste kurze Texte, wenige Zeilen, nur ein paar Sätze oder Wörter. Diese Texte sind zu einem späteren Zeitpunkt angebracht worden, was auch daran zu sehen ist, dass sie die Urtexte häufig überdecken.«
»Die Zeichnung der Rose«, überlegte Patrick, »mit dem Spruch darunter...«
»...ist ein Graffiti-Text«, ergänzte Stefanie.
»Und was schließen Sie daraus? Dass irgendein Dilettant ein paar hundert Jahre später die Höhle gefunden und sie voll gekritzelt hat?«
»Wer weiß? Nach einem Tag können wir natürlich nicht sicher sein, ob diese Klassifizierung in zwei Text-Kategorien wirklich für alle Inschriften gültig ist. Und was das bedeutet, steht sowieso auf einem anderen Blatt, aber es ist zumindest ein Anhaltspunkt.«
»Stefanie hat beim ersten Entziffern möglicherweise weitere Hinweise gefunden, die die Texte voneinander unterscheiden«, sagte Peter. »Anscheinend wurde ein ganzer Teil nicht nur später und unsauberer angebracht, der inhaltliche Zusammenhang ist auch ein anderer.«
Patrick spielte mit seinem Feuerzeug. »Dann schießen Sie mal los.«
»Also«, begann Stefanie erneut, »bei den Urtexten handelt es sich, soweit ich das bisher sagen kann, um klassische Texte, also Teile bekannter Werke. Da sind eine Menge Passagen der Bibel zu finden, aber auch Ausschnitte aus klassischen lateinischen oder griechischen Werken. Bei den hebräischen Texten handelt es sich um Teile der Thora, den Büchern Moses. Wenn meine Theorie stimmt, werden wir feststellen, dass die Texte in Keilschrift aus dem sumerischen Gilgamesch-Epos stammen.«
»Was genau besagt denn Ihre Theorie?«
»Die Texte sind nicht alle direkt religiöser Natur, aber aus irgendeinem Grund haben sie alle Schöpfungsgeschichten oder Fragen nach dem Ursprung oder der Vergangenheit der Menschen zum Thema. Wer auch immer die Inschriften hinterlassen hat, konnte oder wollte keine eigenen Texte formulieren, sondern nahm bewusst Bezug auf bereits vorhandene Quellen.«
»Das könnte ein Zeichen für mangelnde Kreativität oder Analphabetismus sein«, meinte Patrick.
»Sie meinen, jemand hat einfach irgendwas abgeschrieben?«, fragte Peter.
»Das halte ich für unwahrscheinlich«, entgegnete Stefanie. »Wer auch immer die Höhle ausgemalt hat, war sich sehr wohl der Inhalte der Texte bewusst. Die Umbrüche und Gruppierungen sind durchweg logisch und korrekt. Es war sicherlich kein Akt blinden Abschreibens.«
»Warum zitiert dann jemand die Weltliteratur?« Patrick tastete wieder nach seiner Zigarettenschachtel, zögerte, legte sie dann aber lediglich vor sich auf den Tisch.
»Vielleicht um auf etwas hinzuweisen?« Peter überlegte laut. »Etwas, das alle Texte gemeinsam haben, oder etwas, das sie alle unterscheidet?«
»Dass es einen tiefer liegenden Sinn geben muss«, warf Stefanie ein, »darauf scheint ja auch der Spruch unter der Rose hinzuweisen: ›Dies sei ein Beispiel, denen, die mir folgen.‹ Es gibt wohl irgendetwas aus den Texten zu lernen.«
»Schön und gut. Die ›Urtexte‹ sind also Schöpfungsgeschichten. Und was haben die anderen, die ›Graffiti-Sprüche‹ gemeinsam?« Patrick fand die Bezeichnung äußerst seltsam und betonte sie dementsprechend. »Etwa, dass es keine Schöpfungsgeschichten sind?«
»Seien Sie doch nicht so biestig«, sagte Peter. »Wir sind doch auch erst am Anfang.«
»Sie können sich gerne eine anstecken, wenn es Sie beruhigt«, sagte Stefanie. »Aber machen Sie zumindest so lange ein Fenster auf.«
»Na also.« Patrick stand auf, öffnete eines der Fenster und setzte sich rauchend auf die breite Fensterbank.
Stefanie fuhr derweil fort: »Während die Urtexte ordentlich sind und religiös oder geschichtlich bedeutsam erscheinen, haben die Graffiti-Texte allesamt einen anderen Tenor. Sie scheinen zwar zum Teil dahingeschmiert, aber sie sind nicht weniger weise.« Stefanie schob einige Blätter vor und deutete auf die Zeilen:
»Das ist hebräisch«, erklärte sie, »sieht religiös aus, klingt auch wie ein Pijut, ist es aber nicht.«
»Was wäre denn ein Pijut?«, fragte Patrick vom Fenstersims.
»Ein Pijut ist eine jüdische Dichtung, wie man sie in der Synagoge verwendet.
›Nitsavti lefanaw ke navi lifne ha bar,
namassti lefanaw ketippa bajam, ilem anochi lefanau›.‹
Das heißt übersetzt:
›Ich trat vor ihn wie ein Prophet vor den Berg,
ich ging in ihm auf wie ein Tropfen im Meer,
ein Stummer bin ich vor ihm.‹«
»Ein biblisches Zitat ist es nicht«, überlegte Peter.
»Richtig«, sagte Stefanie. »Aber es ist gebildet. Andere Graffiti-Texte stammen sogar aus der Bibel, wie zum Beispiel das ›memento, homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris‹, das Sie gefunden haben; ›erinnere dich, Mensch, dass du aus Staub bist, und dich zu Staub zurückwandeln wirst‹.« Stefanie deutete auf weitere Abschriften aus der Höhle. »Hier ist noch ein gutes Beispiel. Da findet sich zunächst als Urtext eine Passage aus Platons Timaios, ein Teil, der die Schöpfung der Welt betrachtet. Ein echter Klassiker sozusagen, allerdings auf Latein, statt auf Altgriechisch:
›Haec igitur aeterni dei prospicientia iuxta nativum et umquam futurum deum levem eum et aequiremum indeclivemque et a medietate undique versum aequalem exque perfectis universisque totum perfectumque progenuit.‹
So geht es noch ein paar Absätze weiter. Aus dem Stegreif übersetzt lautet das in etwa:
›Dieser ganze Gedanke des ewig seienden Gottes, über den zukünftig seienden Gott gedacht, ließ ihn zu einem glatten und ebenmäßigen, überallhin von der Mitte aus gleichen und ganzen und vollendeten Körper aus vollendeten Körpern werden.
Eine Seele aber in seine Mitte setzend durch das Ganze spannte er, und auch von außen den Körper umhüllte er mit ihr.
Und einen im Kreis einen Kreis drehenden Himmel, den einen einzigen, einsamen stellte er hin, durch Tugend in sich selbst vermögend, sich zu befruchten, und keines anderen bedürftig, bekannt und befreundet zur Genüge mit sich selbst; durch alles dieses glückselig als einen Gott zeugte er ihn.‹
Ein berühmter Text, etwa zweieinhalbtausend Jahre alt. Die Kugel als vollendeter Körper, dem die Erde und die Planetenlaufbahnen entsprechen.«
»Knapp tausend Jahre später wurde man für solche ketzerischen Gedanken auf dem Scheiterhaufen verbrannt«, sagte Peter.
»Ja«, sagte Stefanie. »Sehr eindrucksvoll. Und mit Liebe zum Detail an die Höhlenwand aufgebracht. Und dann kommt einer daher und schmiert einen Graffiti-Text darüber, der nicht weniger intelligent ist. Einer der längsten Graffiti-Texte:
›Ex quo omnia mihi contemplanti praeclara cetera et mirabilia videbantur.
Erant autem eae stellae, quas numquam ex hoc loco vidimus
et eae magnitudines omnium, quas esse numquam suspicati
sumus, ex quibus erat ea minima quae ultima a caelo citima
terris luce lucebat aliena; stellarum autem globi terrae magnitudinem facile vincebant.
lam vero ipsa terra ita mihi parva visa est, ut me imperii
nostri, quo quasi puntum eius attingimus, paeniterent.‹
Das ist ein Teil aus Ciceros De re publica, wenn ich mich richtig erinnere, aus dem Traum Sicipios, etwa fünfhundert Jahre später:
›Von dort aus schien mir, wie ich es betrachtete, alles Übrige herrlich und wunderbar.
Es gab dort aber Sterne, die wir niemals von diesem Ort aus gesehen haben, und Größenverhältnisse bei ihnen allen, von denen wir keine Ahnung gehabt haben, von ihnen war der kleinste, der als Letzter vom Himmel als Nächster der Erde in fremdem Licht leuchtete; die Kugeln der Sterne aber übertrafen die Größe der Erde mit Leichtigkeit.
Ja, die Erde selbst erschien mir so klein, dass es mich unseres Reiches, mit dem wir nur gleichsam einen Punkt von ihr berühren, schämte.‹«
»Was ist denn nun Ihre Theorie?«, wollte Patrick wissen. »Dass die Graffiti-Schreiber Intellektuelle waren?«
»Ja, das kann man jedenfalls schon mal annehmen. Die Graffiti-Texte wurden später angebracht, zum Teil scheinen sie wie Antworten auf die Urtexte. Sie sind gebildet, aber sie vermitteln alle eine besondere Art Ehrfurcht. Ehrfurcht vor der Winzigkeit des Menschen im kosmischen Gefüge, Ehrfurcht vor Wissen und den großen Geheimnissen der Welt.«
»Wir wissen noch nicht, wer diese ganzen Texte anbrachte«, sagte Peter, »nur scheint es, als hätten die Verfasser der Graffiti-Texte andere Beweggründe gehabt.«
»Ja, besonders deutlich macht es dieser hier:
»Arcana publicata vilescunt; et gratiam prophanata amittunt. Ergo: ne margaritas obijce porcis, seu asino substerne rosas.‹
Ich weiß nicht, ob das ein historisches Zitat ist, es heißt:
›Veröffentlichte Geheimnisse werden billig; und das Entheiligte verliert alle Anmut. Also: Wirf nicht Perlen vor die Säue, noch streue dem Esel Rosen.‹
Das stand übrigens neben der Zeichnung mit der Rose, allerdings in einer etwas altertümlichen Schrift, so dass wir es erst heute entziffert haben.«
»Ich kenne es...«, überlegte Peter. »Ich komme nur gerade nicht darauf, woher...«
»Irgendwie habe ich das Gefühl, als redeten hier alle um den heißen Brei herum«, sagte Patrick, schloss das Fenster und setzte sich wieder zu den anderen an den Tisch. »Als ob man zu spät in ein Gespräch platzt und als Einziger nicht weiß, worum es geht. Oder wenn alle lachen, und man hat den Witz nicht gehört.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Peter.
»Ich schon«, warf Stefanie ein. »Ich weiß, was Sie meinen: Man bekommt das Gefühl, dass es irgendein unbekanntes Thema gibt, aus dessen Anlass all diese Texte und Kommentare verfasst wurden. Die Schreiber hatten alle dasselbe im Hinterkopf. Nur, was war dieses Thema, dieses geheime Wissen? Hier ist ein Text, der in ebendiese Kerbe schlägt.« Sie zeigte den Forschern ein weiteres Papier.
»Das ist Altgriechisch«, erklärte Stefanie, »den Ursprung konnte ich spontan nicht ermitteln. Es scheint auch nicht ganz fehlerfrei zu sein, aber ich habe es grob übersetzen können:
›Wenn Gleichheit Gerechtigkeit ist, und Wissen Macht,
dann ist die Welt gut, wenn die Gänze allen Wissens für alle zugänglich ist.
jeder darin ist mächtig, und alle sind gleich.
Der Mächtigste aber ist der, der Wissen findet.
Er muss weise sein, so dass er es mit anderen teilen kann.‹«
»Klingt erstaunlich modern. Nach Wissensmanagement«, sagte Peter.
Stefanie nickte. »Noch interessanter ist, was jemand als Ergänzung an den letzten Satz angefügt hat:
›...und er muss weise genug sein, es zu verheimlichen.‹«
»Na fein«, sagte Patrick und schüttelte den Kopf, »jetzt haben wir eine ganze Menge Hebräisch und Latein und Griechisch gehört, und mir brummt der Schädel. Ich kann in dem Ganzen noch keinen roten Faden sehen.«
»Vielleicht ist es einfach noch zu früh«, gab Peter zu. »Aber immerhin identifizieren wir jetzt die Puzzleteile. Wenn wir sie auch noch nicht zusammensetzen können.«
»Mindestens genauso bemerkenswert wie die alten Inschriften«, sagte Patrick, »finde ich das Interesse der Leute, die heute leben. Das Verhalten der Großmeisterin und dann dieses merkwürdige Fax, das...« Er stockte, als sein Blick am Fax-Gerät hängen blieb. Weiteres Papier war inzwischen aus dem Gerät gekommen und lag im Auffangkorb. »Was ist das?« Er stand auf, griff die Papiere und überflog sie. »Das gibt's doch nicht!«
»Was ist es?«
Patrick brachte die zwei Faxe zum Tisch und legte sie nebeneinander. »Wo wir gerade von Frau Groß-Guru sprachen: Ihre Voraussage hat sich gerade bestätigt, Peter. Sie schreibt, dass sie sich tatsächlich noch mal mit uns treffen will.« Dann deutete er auf das andere Papier. »Und nun sehen Sie sich dieses hier an:
»Sehr geehrte Herren,
uns ist zur Kenntnis gelangt, dass Sie Nachforschungen in einer Angelegenheit betreiben, in der wir Ihnen notwendige Informationen geben möchten. Möglicherweise haben Sie diese bereits berücksichtigt, doch würden Sie in diesem Fall sicherlich erfreut sein, den Stand Ihrer Forschung bestätigt zu wissen.
Daher möchten wir Sie zu einem informativen Treffen einladen. Der verschwiegenen Natur Ihrer Angelegenheit kommen wir gerne entgegen, seien Sie sich unserer Diskretion versichert«
Mit freundlichen Grüßen und so weiter, Samuel zu Weimar. Da ist auch gleich eine Anfahrtsskizze dabei.
»Samuel zu Weimar?« Peter schmunzelte. »Klingt wie ein schlechtes Pseudonym, nicht wahr?«
»Stimmt«, sagte Stefanie. »Soll wohl Deutsch wirken. Wer ist das, und woher kennt dieser Mensch unsere Fax-Nummer?«
»Ich vermute, dass Ihr Bekannter in Paris nicht ganz so vertrauenswürdig war, wie Sie gehofft haben, was, Peter?«
»In der Tat, so sieht es aus.«
»Sehen Sie sich den Briefkopf an!«, staunte Stefanie und wies auf eine Vignette. Sie stellte eine Rose dar, in deren Zentrum ein Kreuz sowie die Buchstaben M. L. zu erkennen waren. Über der Rose züngelten drei Flammen. Darunter stand ein Schriftzug. »Mission des Lichts – In nomine Patris et Filii et Spiritus Sankti‹«, las sie vor, »Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes.«.
»Amen.«
»Sie sind ein Lästermaul, Patrick.«
Er grinste und ging wieder zum Fenster, um eine weitere Zigarette zu rauchen. »Fassen wir mal zusammen«, sagte er nach dem ersten Zug. »Einerseits erforschen wir eine Höhle. Technisch kommen wir im Augenblick nicht weiter, aber wir sind immerhin dabei, die alten Texte zu entziffern. Leider geben sie uns bisher keinen Hinweis auf den Sinn und Zweck des Ganzen. Gleichzeitig haben verschiedene Leute inzwischen Wind von unseren Recherchen bekommen. Da gibt es die Großmeisterin eines Freimaurerordens. Sie scheint die Zeichnung der Rose mit irgendetwas in Verbindung zu bringen, wollte uns aber erst nichts sagen. Jetzt möchte sie sich wieder mit uns treffen. Dann haben wir ein Fax von einem mysteriösen St. G., der uns irgendwie vor den Auswirkungen unserer Forschungen warnen will, und wir haben ein Fax von einem Samuel von Weimar, der behauptet, dass er Infos für uns hat. Habe ich etwas vergessen?«
»Neben den Texten in der Höhle«, warf Stefanie ein, »sollten wir auch weiter Recherchen über die Symbole am Durchgang selbst betreiben. Das scheint fast noch wichtiger.«
»Das stimmt«, sagte Peter. »Über die Symbole, die Kreise und den Durchgang wissen wir noch gar nichts. Zunächst hatten wir ja gedacht, dass uns die Texte im vorderen Teil der Höhle helfen würden, aber so sieht es im Augenblick nicht aus. Stefanie, Sie hatten eine Idee, sagten Sie...?«
»Wirklich nur sehr vage. Aber ich werde mich jetzt darauf konzentrieren. Einen oder zwei Tage an diesen Rechnern und Internetzugang brauche ich. Dann kann ich mehr darüber sagen.«
»Und Patrick, Sie sollten nun tatsächlich versuchen, die Absender der Faxe herauszufinden«
»Ja, das habe ich auch vor.«
»Und eines noch«, sagte Stefanie.
»Ja?«
»Sie wollten uns Ihre Notizen vom Besuch im Sanatorium zeigen.«
Patrick zögerte. »Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass man damit etwas anfangen kann.«
»Vielleicht ja schon«, sagte Peter. »Zeigen Sie sie.«
Patrick holte ein paar zusammengefaltete Zettel hervor. »Ich habe das so aufgeschrieben, wie ich es verstanden habe. Ist vielleicht völliger Unsinn:
›Ne sis confisus illis, qui te adiuvare student
ne introverts cogno scientiam
in me ma nebo dum me reppe rero.‹«
Stefanie zog die Augenbrauen hoch. »Das ist Latein! Den Anfang kann man gut verstehen: ›Vertraue nicht denen, die dir helfen wollen.‹ Können Sie den Teil in der Mitte noch mal wiederholen?«
Patrick las die Zeile erneut vor.
»Der Anfang heißt ›tritt nicht ein‹, dann müsste es aber in der Folge ›cognosce scientiam‹ heißen. Kann das sein? Hat er vielleicht ›cognosce‹ gesagt?«
»Kann schon sein, es war immerhin nur dahingenuschelt.«
»Dann hieße es ›erkenne das Wissen‹. Wenn es aber so undeutlich war, könnte er dann auch ›et cognosce scientiam‹ gesagt haben?«
»Ich denke schon. Ist das wichtig?«
»Nun, es würde das Gegenteil bedeuten. Entweder er wollte ausdrücken, man solle nicht eintreten und stattdessen das Wissen erfahren, oder er wollte sagen, man solle nicht eintreten und somit nicht das Wissen erfahren.«
»Es stellt sich auch die Frage, wo rein man nicht eintreten soll«, sagte Peter.
»Na prima«, sagte Patrick. »Das erinnert mich an den anderen Bekloppten im Sanatorium. Vielleicht ist es so, vielleicht nicht, hat der immer gesagt.«
»Wahrscheinlich meinte er die Höhle«, überlegte Peter.
»Vielleicht«, sagte Stefanie. »Schließlich ist es irgendwie eine Höhle des Wissens... wie war der letzte Satz noch?«
»Ich habe nur Bruchstücke verstanden: ›ln me ma nebo dum me reppe rero.‹ Ergibt das Sinn?«
»Ja, sehr deutlich sogar. ›In me manebo dum me repperero‹ heißt es und bedeutet: Ach bleibe in mir, bis ich mich wiedergefunden haben werde.‹ Ganz schön philosophisch, Ihr Schäfer.«
»Klingt wie einer der Graffiti-Sätze«, sagte Peter. »Finden Sie nicht? Mal abgesehen davon, dass dieser einfache Mann merkwürdigerweise plötzlich die Sprache der Gelehrten spricht, formuliert er auch noch höchst gebildete Gedanken.«
»Ja, das Erlebnis in der Höhle muss ihn nachhaltig beeinflusst haben... Und Sie sind sicher, dass Sie nicht auch plötzlich Latein verstehen, Patrick?«
»Ich finde das nicht witzig, Stefanie!«
»Es war auch völlig ernst gemeint, Patrick. Haben Sie irgendwelche Veränderungen an sich beobachtet? Irgendetwas in Ihrem Denken oder Ihrem Verständnis?«
»Nein!«
»Nun gut«, lenkte Peter ein. »Lassen wir das Thema. Vielleicht sollten Sie es aber im Hinterkopf behalten und sich selbst in den nächsten Tagen aufmerksam beobachten. Interessant finde ich allerdings, dass er vor Leuten warnt, die helfen wollen. Was sollen wir davon halten?«
Patrick zündete sich eine neue Zigarette an. »Nun, wir behalten es am besten einfach ebenfalls im Hinterkopf.«