Kapitel 6

30. April, Waldcamp, Nähe St.-Pierre-Du-Bois

Als die beiden Forscher um neun Uhr morgens das Waldcamp erreichten, war die angekündigte Lieferung bereits angekommen. Große Kartons und hölzerne Kisten waren auf der Lichtung gestapelt, ein Ranger kam direkt auf Peter zu und überreichte ihm einen Lieferschein.

»Die Lieferung ist vollständig, Monsieur. Lassen Sie mich wissen, wohin Sie die einzelnen Geräte transportiert haben möchten. Ich kümmere mich darum.«

Patrick amüsierte sich über den eilfertigen Tonfall. »Wie heißen Sie?«, fragte er.

»André Guillaume, Monsieur.«

»Guten Morgen, André. Mein Name ist Patrick. Wieso holen Sie sich nicht erst mal in Ruhe einen Kaffee und sagen mir, wo wir Sie finden können, wenn wir die Papiere durchgelesen haben.«

Der Ranger wirkte einen Augenblick verwirrt und deutete dann auf eine der Container-Hütten. »Sie finden mich dort drüben.«

Peter lehnte am Wagen und studierte den Lieferschein. Dann reichte er ihn an Patrick weiter. »Die Hälfte dieser Dinge sagen mir nichts. Sehr technisch. Können Sie etwas damit anfangen?«

»Hm... nicht mit allem... hier sind ein paar Rechner, ein SatCom-Koffer, ein transportables Elektronenmikroskop...«

»Was ist das denn?«

»Ein Elektronenmikroskop?«

»Nein, davor, der Koffer.«

»Oh, der SatCom-Koffer. Das ist so etwas wie ein überdimensionales Funkgerät. Damit können Sie Daten per Satellit empfangen und versenden. Haben Sie bestimmt schon mal bei James Bond gesehen.« Patrick grinste.

»Aha, gut, dass wir das haben«, meinte Peter trocken. »Was ist noch dabei?«

»Ein Echolot, ein paar Weißnichtwas und ein... meine Güte! Die haben doch nicht wirklich einen Pioneer II geschickt! Das Basismodul mit Erweiterungen!«

»Wenn Sie mir verraten, was das ist...«

»Das ist eine Robotersonde.«

»So etwas, was Sie in Palenque verwendet haben?«

»Etwa hundertmal so teuer. Es ist eine Weiterentwicklung des Pioneer-Roboters, der für die Untersuchung der hochverseuchten Bereiche von Tschernobyl eingesetzt wurde. Überträgt Bilder in Stereovision, gewährleistet also dreidimensionales Sehen, und kartographiert seine Umgebung. Wurde zuerst von der NASA für die Pathfinder-Mission auf dem Mars entwickelt.«

»Geld spielt bei diesem Projekt keine Rolle! Für eine ebensolche Überheblichkeit wurde der Turmbau zu Babel bestraft.«

»Peter! Ist das aus Ihren Vorlesungen? Aberglaube im Laufe der Jahrtausende

»Nein, aus der Bibel.«

»Ach.« Patrick machte ein überraschtes Gesicht. »Sollte ich noch mal nachlesen. Die Stelle mit den Robotersonden hatte ich übersehen.«

»Bevor wir uns in hochqualifizierten theologischen Diskussionen verstricken, schlage ich vor, dass wir dem eifrigen Mann von vorhin den Gefallen tun und uns entscheiden, was wir von dem Kram gebrauchen können.«

Patrick grinste. »Einverstanden. Gehen wir die Liste noch mal durch. Übrigens, der Mann heißt André.«

Sie betraten die Höhle allein. Aus den Geräten hatten sie zunächst keine sinnvolle Auswahl treffen können und daher angewiesen, das meiste ungeöffnet zu verstauen. Sie hatten sich einen Koffer mit Kleinigkeiten zusammengesucht, Skalpelle, Pinsel, Vergrößerungsgläser, Maßbänder, Taschenlampen, Kameras und Notizblöcke. Schließlich hatten sie sich doch noch für das Echolot entschieden. Da sie alles allein transportieren konnten, wurden sie nicht von Rangern begleitet.

Es war ein sonniger Tag, der Boden war wieder befahrbar, und so kamen sie mit dem Wagen fast bis zum Steilhang. Die letzte Wegstrecke hatten sie bald darauf ebenfalls gemeistert, und endlich konnten sie die Stahltür öffnen. Patrick startete einen Generator und schaltete das Licht an.

Trotz aller Skepsis staunten sie angesichts der unzähligen alten Inschriften, die in blassen Farben aber voller Sorgfalt erstellt waren, erneut. Peter fragte sich, wie viele Menschen dieses Werk vollbracht haben mochten. Wie lange sie wohl daran gearbeitet hatten? Selbst die Decke war verziert, es gab kaum ein Fleckchen, das nicht gefüllt war mit wunderbaren Zeichen, Buchstaben oder Mustern. Selbst wenn all dies eine Fälschung war, so war es doch ein großartiges Kunstwerk, gestand er sich ein, ein Kunstwerk, das jeden Museums-Kurator um den Verstand gebracht hätte. Egal, wann diese Malereien entstanden waren, sie repräsentierten doch alle Zeitalter der menschlichen Geschichte, die Vielfalt ihrer Kulturen über die Jahrtausende hinweg. Vor diesem Hintergrund wurde man sich der Geringfügigkeit eines einzelnen Menschenlebens gewahr, vielleicht sogar der ganzen Kultur, der man selbst angehörte. Es war bedrückend und erhebend zugleich.

»Ich werde den Durchgang untersuchen. Schauen Sie sich die Schriften an?«

Peter nickte, aber Patrick sah schon gar nicht mehr hin. Der Franzose verlegte gerade ein langes Kabel durch die Höhle und wollte sich offensichtlich am Echolot zu schaffen machen. Also untersuchte Peter die Wände. Dabei fiel ihm auf, dass es nicht nur unterschiedliche Schriften gab, sondern dass die Maler auch unterschiedlich sorgfältig gewesen waren. Einige Inschriften waren fast unleserlich und verwackelt, andere mit äußerster Akribie angebracht worden. Es gab neben Schwarz nur zwei andere Farben, einen dunkelbraunen und einen rötlichen Ton, manchmal blass, manchmal intensiver. Es schienen natürliche Farben, Erdfarben und Kohle zu sein, wie sie Höhlenmenschen auch benutzt hatten. Nur, dass Höhlenmenschen weder lateinisch noch hebräisch geschrieben hatten. Peter begann, die Höhle und die Wände zu kartographieren. In regelmäßigen Abständen schlug er kleine Heringe in den Boden nahe der Wand und spannte dann eine Schnur. Die so unterteilten Abschnitte begann er systematisch abzufotografieren, und zugleich machte er sich Notizen in seinem Buch.

Er stockte, als er auf die Zeichnung einer stilisierten Rose stieß. Sie war mit schwarzen Linien vorgezeichnet und mit roter Farbe ausgemalt worden. Einem äußeren Kranz aus acht Blütenblättern folgte ein innerer aus fünf kleineren Blättern. Im Zentrum der Blüte befand sich ein Herz, und in dessen Mitte ein lateinisches Kreuz. Unter der Zeichnung stand eine Zeile in lateinischer Schrift und Sprache. Die Art und Weise, wie sie mittig unter der Zeichnung angebracht war, schien darauf hinzudeuten, dass beides zusammengehörte.

Peter trat näher an die Zeichnung heran und untersuchte die Überschneidung eines Buchstabens mit einem Strich, der zu einer anderen Inschrift gehörte, als er Patrick aus dem hinteren Teil der Höhle fluchen hörte. Er ging zu ihm hinüber. Patrick kniete vor dem Echolot und verglich irgendwelche Einstellungen mit einem Heftchen, das aufgeschlagen vor ihm auf dem Boden lag.

»Kommen Sie mit dem Gerät nicht zurecht?«

»Schlagen Sie mir bloß nicht vor, den Kundendienst anzurufen!«, entfuhr es Patrick schlecht gelaunt.

»Was ist denn los?«

»Bei der ganzen Kohle, die man in Genf springen lässt, hätte man wenigstens darauf achten sollen, Geräte zu schicken, die auch funktionieren. Sehen Sie diese Anzeige?« Patrick deutete auf eine Zeile rot leuchtender Ziffern an dem Kasten, der vor ihm stand. »Es zeigt die Entfernung an, in der die Strahlen reflektiert werden. Sehen Sie her.« Er richtete ein kleines Handgerät, das entfernt an ein Mikrofon erinnerte, auf die Wand.

»Eins Punkt fünf?«, las Peter. »Meter?«

»Ja, das ist die Entfernung in Metern, bis auf halbe Meter genau.«

»Sie meinen, das müsste präziser sein?«

»Nein, mit diesem Echolot kann man Tiefen oder Entfernungen von mehreren Kilometern messen. Eine Genauigkeit von fünfzig Zentimetern ist dabei verdammt gut. Aber sehen Sie mal, was passiert, wenn ich es auf den Durchgang richte.« Die Anzeige änderte sich in: E 99999.0.

»Sieht nicht gut aus«, gab Peter zu. »Der Gang ist wohl kaum einhundert Kilometer tief, nicht wahr?«

»Nein, wohl kaum. Das E steht außerdem für Error, und das heißt, dass das Ding eine Fehlfunktion hat.«

»Wenn Sie es sagen. Andererseits... meinem bescheidenen Verständnis von Technik nach basiert dieses Gerät doch auf dem Empfang von reflektierten Strahlen. Wenn diese Schwärze nun Strahlen verschluckt, wie es in den Papieren stand, dann wäre natürlich klar, weshalb es kein Echo empfängt.«

»Strahlen verschluckt? Glauben Sie das etwa?«

»Ich bin kein Physiker. Ich kann weder beweisen, dass es das gibt, noch, dass es das nicht gibt.«

»Ich bin auch kein Physiker, Peter, aber wenn es ein derart effizientes strahlenabsorbierendes Medium gäbe, dann wäre es der absolute Durchbruch für die Stealth-Technologie.«

»Sie meinen die Flugzeuge.«

»Zum Beispiel, ja. Die Amerikaner setzen zwar strahlenschluckende Verkleidungen ein, aber dass die Dinger auf dem Radar unsichtbar sind, liegt auch daran, dass sie keine Rundungen sondern ausschließlich Kanten und glatte Flächen haben.«

»Damit Radarstrahlen in möglichst wenige Richtungen reflektiert werden?«

»Peter! Sie erstaunen mich!« Patrick lachte.

»Ich hab's mir zusammengereimt. Zufällig richtig.«

»Jedenfalls ist dieser Kasten nicht zu gebrauchen.« Patrick ging an die Schwelle heran und streckte seinen Arm in die Schwarze.

»Was machen Sie da?!« Peter tat einen hastigen Schritt nach vorn und ergriff Patrick an der Schulter.

»Ich will mal gucken«, gab der zurück und beugte sich ruckartig nach vorne, so dass sein Kopf im Dunklen verschwand.

»Nicht!« Peter riss den Franzosen augenblicklich zurück. Der stolperte rückwärts, brach zusammen und landete hart mit dem Gesäß auf dem Boden. Peter kniete sich neben ihn und lehnte ihn mit dem Rücken an die Wand. Patricks Blick war starr, sein Atem ging in heftigen, kurzen Stößen. Er schien keine Kontrolle über seinen Körper zu haben.

»Patrick! Kommen Sie zu sich!« Er rüttelte den Mann an der Schulter. »Was ist mit Ihnen?!« Peter wurde sich bewusst, dass er im Notfall von hier aus niemanden benachrichtigen konnte, er hatte kein Funkgerät, kein Handy. Und dies schien ein Notfall zu sein.

Ein blendender Blitz zuckte durch seinen Kopf, glasklar und schneidend. Es war mehr als Licht, es bestand in Wirklichkeit aus Tausenden, Millionen und Milliarden von Bildern und Szenen. Er sah Menschen, Städte, Wälder, Berge, Wüsten, Meere, in rasender Abfolge, so vielfarbig und schillernd, dass es nur noch hell und gleißend war. Und es war auch kein Blitz, denn es war zwar schnell, so schnell, dass es alles in einem einzigen Augenblick komprimierte, aber dennoch schien eine Ewigkeit zu vergehen.

Den Blitz begleitete ein ohrenbetäubender Lärm, ein Donnern, ein Brausen, wie von hundert Orchestern gleichzeitig. Es waren alle Geräusche eines Jahres zugleich, vom Weinen eines Säuglings, über den Todesschrei eines Kämpfers, das Heulen des Windes, das Tosen der Brandung bis zum Schrei eines Adlers und dem Lied einer Nachtigall.

Zeichenfolgen, Symbole, Buchstaben und Zahlen rasten vorbei, auf vielerlei Untergründen, in Büchern, auf Pergamenten, auf goldenen Wänden und tönernen Tafeln, alles viel zu schnell, um erfasst zu werden, und doch so eindringlich, dass es seinen Schädel zu sprengen drohte.

Und plötzlich war es vorbei. Die abrupte Stille legte sich um ihn wie ein dickes, schwarzes Federkissen. Eingehüllt in Taubheit und absolute Dunkelheit begann er zu schweben. Orientierungslos und unfähig, sich zu rühren, hing er im Nichts. Die Schwärze umgab ihn wie zähflüssiger Teer, und langsam gab er sich der Schwere hin und schlief ein.

Patrick sackte in sich zusammen, seine Augen fielen zu, sein Atem beruhigte sich. Peter ergriff seine Hand und versuchte, den Puls zu finden. Der Franzose machte plötzlich den Eindruck totaler, ja bedrohlicher Entspannung. Peter konnte nicht einschätzen, ob er ins Koma gefallen oder lediglich bewusstlos geworden war. Vielleicht war es auch ein Herzanfall, aber er hatte weder die medizinischen Kenntnisse geschweige denn die Geräte, um es festzustellen. Er fand keine Alternative: Er konnte Patrick nicht einfach hier lassen. Er musste ihn wecken, entweder um ihn mit zum Wagen zu nehmen oder um ihm mitzuteilen, dass er Hilfe holen würde. Er wünschte sich einen Eimer kalten Gebirgswassers, verwarf den Gedanken aber sofort. Abgesehen von der zweifelhaften Unternehmung, hier oben Wasser zu finden, war es zu riskant, Patrick einem solchen Schock auszusetzen. So griff er nach Patricks linker Hand, spreizte dessen kleinen Finger ab und drückte eine Stelle knapp unterhalb des Nagelbettes mit seinem eigenen Fingernagel ein: eine Hand voll Akupressurpunkte hatte er sich während seiner Chinastudien merken können. Dieser sollte Bewusstlose aus ihrer Ohnmacht erwecken. Ausprobiert hatte er es aber noch nicht.

Tatsächlich begann Patrick, sich zu bewegen. Erstaunt hob Peter eine Augenbraue, offensichtlich funktionierte diese Methode sogar, wenn man selber nicht dran glaubte. Patrick schlug die Lider auf, schwer und zittrig.

»Patrick! Ich bin es, Peter. Wie geht es Ihnen? Können Sie sprechen?«

»Was... ist passiert?« Patrick hatte Mühe, die Worte zu artikulieren.

»Sie haben einen Schock. Sie sitzen in einer Höhle in Frankreich auf dem Boden.«

»Das weiß ich doch. Was ist mir passiert?« Langsam kehrten ein paar Lebensgeister in Patrick zurück. Er griff sich an den Kopf und umfasste ihn mit beiden Händen.

»Sie haben Ihren Kopf in den Durchgang gesteckt. Ich habe Sie zurückgerissen. Haben Sie Schmerzen? Können Sie aufstehen?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich bir einigermaßen okay.«

»Stehen Sie langsam auf. Wir sollten draußen ein wenig Luft schnappen. Wenn es geht, sollten Sie versuchen, mit meiner Hilfe den Abstieg zu schaffen. Sie müssen in ärztliche Behandlung.«

Patrick stand langsam auf und ging mit wackeligen Schritten zum Höhleneingang, wo er sich an die Felswand lehnte. Seine zittrigen Finger holten die Zigarettenpackung aus seiner hinteren Hosentasche und pulten schließlich am Papier der zerknautschten Öffnung.

»Ich halte das für keine gute Idee«, wandte Peter ein.

»Ich schon.« Patrick zündete die Filterlose an, doch er hatte kaum einen Zug getan, als es ihm jäh die Kehle zuschnürte. Er hustete und würgte und spuckte dabei die Zigarette auf den Boden. Speichel lief ihm im Mund zusammen, sein Magen verkrampfte sich zu einem Klumpen. Bebend suchte er Halt an der Felswand, beugte sich zur Seite und erbrach sich mit schmerzhafter Heftigkeit auf den Boden und über seine Schuhe.

»Scheiße«, brummte er nach einer Weile. Und als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: »Also, bringen Sie mich runter.«

Quälend langsam gelang ihnen der Abstieg. Peter ging voran, so dass er den anderen abfangen konnte, wenn dieser den Halt verlieren sollte. Aber der Franzose hielt sich eisern am Sicherungsseil fest und schien jeden Fuß mit äußerster Sorgfalt aufzusetzen. Er musste sich arg zusammenreißen, um gegen die immer wieder aufkommende Übelkeit und den dröhnenden Kopfschmerz anzukämpfen. So war es weniger Behutsamkeit, als einfach seine Unfähigkeit, sich überhaupt schneller fortzubewegen.

Peter fuhr sie ins Hotel. Als der Arzt kam, den Peter bestellt hatte, war Patrick bereits wieder tief eingeschlafen. Peter schilderte Patricks Symptome so gut er konnte, angeblich ohne den genauen Auslöser des Anfalls zu kennen. Doch Puls und Blutdruck waren in Ordnung, Fieber war nicht feststellbar. Der Arzt riet Peter, den Kranken, der sich offensichtlich in einem schweren Erschöpfungszustand befand, zunächst schlafen zu lassen. Da es keine physische Einwirkung gegeben hatte, deuteten die Kopfschmerzen auf eine psychische Störung hin, einen Migräne- oder Epilepsieanfall. Um etwas Schwerwiegendes wie einen Schlaganfall oder gar einen Hirntumor auszuschließen, wollte der Arzt am nächsten Tag wiederkommen, um den Zustand des Kranken zu überprüfen und gegebenenfalls eine Verlegung nach Montpellier zu veranlassen.


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