Kapitel 12
8. Mai, Büro des französischen Präsidenten, Paris
Präsident Michaut legte die Unterlagen beiseite, lehnte sich zurück und massierte seine Schläfen. Er dachte nach. Seine Leute hatten gute Arbeit geleistet. Ohne die Hintergründe zu erahnen, hatten sie ihm alle Informationen zusammengetragen, die er benötigte. Die Analyse und der Schluss waren nicht mehr schwer gewesen. Aber gerade das ließ ihn noch zweifeln. Es konnte nicht so einfach sein. Oder doch?
Es gab nur eine einzige Person, der er von seiner Entdeckung erzählen und die ihm Sicherheit geben konnte: der Graf.
Er nahm den Hörer und wählte die Null. Es meldete sich sein Sekretär.
»Besorgen Sie mir eine saubere Leitung nach draußen, und zwar nicht eine von den offiziellen«, wies der Präsident ihn an und legte auf. Er hätte auch direkt an seinem Gerät eine abhörsichere Verbindung wählen können, doch die wurden im Hause aufgezeichnet. Wenige Augenblicke später klingelte es.
»Die Leitung ist frei, Monsieur le Président.« Es folgten ein leises Klicken und dann ein Freizeichen.
Der Präsident wählte eine Nummer in der Schweiz. Als nach einer Weile abgenommen wurde, meldete er sich: »Hier ist Emmanuel, ich möchte mit dem Grafen sprechen.«
Üblicherweise gab er nicht seinen Vornamen an, aber auf diese Weise hoffte er, die Vertraulichkeit zu unterstreichen. Es dauerte nicht lange, bis die unverwechselbar sonore Stimme des alten Mannes ertönte.
»Allô?«
»Monsieur le Comte, hier ist Emmanuel Michaut, entschuldigen Sie, dass ich Sie derart unvermittelt anrufe.«
»Monsieur le Président, es ist mir eine Ehre! Was kann ich für Sie tun?«
»Infolge unseres letzten Gesprächs habe ich einige Erkundigungen eingeholt und eine möglicherweise interessante Entdeckung gemacht, die ich mit Ihnen teilen möchte.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich hoffe, Sie erwarten von mir keine fachliche Beurteilung Ihrer Entdeckung?«
»Nun, möglicherweise können Sie mir einfach spontan Ihre Meinung dazu sagen. Und mir damit vielleicht eine Art richtungsweisendes Gefühl geben, wenn Sie so wollen.«
»Ihr Vertrauen ehrt mich, und ich bin sehr gespannt auf Ihre Entdeckung. Ich kann Ihnen aber natürlich nicht versprechen, dass ich etwas Konstruktives dazu beitragen kann.«
»Nun, es geht um Folgendes: Ich berichtete Ihnen von meinen sehr guten Verbindungen zur Industrie und dass sich einige Unternehmen von mir abgewandt haben.«
»Ja.«
»Nach unserem Gespräch hatte sich mein Gefühl verstärkt, dass es sich hierbei nicht um Zufälle handeln konnte. Dafür waren die Verhalten zu absonderlich und abrupt. Es konnten auch keine geheimen Akquisitions- oder Fusionspläne oder dergleichen sein. Das hätten wir schnell erfahren. Ich kam zu der Überzeugung, dass es bewusste und plötzliche Entscheidungen waren, von höchster Ebene gefällt. Von Personen mit ausreichender Macht.«
»Sie meinen die Geschäftsführer?«
»Nicht ausschließlich. Auch andere möglicherweise mehrheitlich an den Unternehmen beteiligte stille Teilhaber, Aufsichtsräte oder dergleichen.«
»Ich verstehe.«
»Ich habe mir also die Management-Strukturen, Kapital- und Besitzverhältnisse der entsprechenden Firmen und Konzerne besorgen lassen und analysiert. Und nun zu meiner Entdeckung: Es gibt eine Gemeinsamkeit.«
»Wer hätte das gedacht!« Wirklich überrascht klang die Stimme des Grafen nicht.
»Es war nicht gleich offensichtlich. Die beiden Banken beispielsweise gehören der Miralbi an, deren größter Konkurrent übrigens die britische Halifax-Gruppe ist. Der Aufsichtsrat wird mehr oder weniger kontrolliert von Yves Laroche, dem Vater von Jean-Baptiste, Sie wissen, wer das ist?«
»Sie sprechen von Jean-Baptiste Laroche, Ihrem Gegenkandidat der Parti Fondamental Nationaliste?«
»Ebendieser. Und als Nächstes stellte sich heraus, dass sein Bruder geschäftsführender Gesellschafter der ENF ist, dem Stromanbieter, der sich von mir abgewendet hat. Er hält einundfünfzig Prozent der Anteile, und wissen Sie, wem die anderen neunundvierzig Prozent gehören?«
»Ich bin gespannt.«
»Sie gehören der Ferrofranc-Gruppe.«
»Mit der Sie ebenfalls Probleme haben.«
»So ist es.« Der Präsident blätterte durch die Unterlagen auf seinem Tisch. »Und so geht es weiter. Ich möchte Sie nicht mit Details langweilen. Es stellt sich jedenfalls in allen Fällen heraus, dass in irgendeiner Form die Familie Laroche stets so weit beteiligt ist, dass sie ausreichend Macht ausüben könnte.«
»Höchst bemerkenswert. Das trifft auch auf die anderen Firmen zu, von denen Sie erzählten?«
»Ja. TVF Média und Télédigit International gehören zum selben Medienkonzern, der wiederum einen Onkel Jean-Baptistes im Aufsichtsrat sitzen hat.«
»Was schließen Sie aus dieser Entdeckung?«
»Nun, es sollte keine Überraschung sein, dass Jean-Baptiste Laroche mit seiner Partei die nächste Wahl gerne gewinnen möchte. Beunruhigend ist allerdings, dass er die Macht zu haben scheint, seine gesamten familiären Verbindungen in ein politisches Ränkespiel zu verwickeln.«
»Sie vermuten, dass eine einzelne Person Industriekonzerne und Banken zu solch drastischen Schritten veranlassen kann? Immerhin scheint es für die Betroffenen um den Verzicht auf Staatsanleihen und andere Vergünstigungen zu gehen...«
»... um im Gegenzug ein Familienmitglied als französischen Präsidenten einsetzen zu können.«
»Bei allem Respekt, Monsieur le Président... erlauben Sie, dass ich meine Meinung hierzu äußere?«
»Aber natürlich, deswegen habe ich Sie angerufen. Was denken Sie?«
»Ich bin kein Franzose und mit Ihrem Staatssystem nicht so vertraut, aber es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass allein Ihre Position als Präsident ein so großes Opfer wert ist.«
»Wie meinen Sie das?«
»Nun, mit ausreichend Fantasie könnte man sich ja die Umstände, die Sie schildern, als einen von langer Hand vorbereiteten Putschversuch vorstellen. Wenn dieser allerdings erfolglos bleibt, werden andere Unternehmen und Verbände die Lücke füllen, die die nun in Ungnade gefallenen hinterlassen, um als neue Partner die Staatsgunst zu erlangen.«
»Sie meinen, es ist unwahrscheinlich, dass so viele industrielle Schwergewichte auf Abstand zur Regierung gehen, auf das Risiko hin, ihre Position nachhaltig zu beschädigen.«
»Ja.«
»Sie haben vielleicht Recht...« Er zögerte einen Augenblick, dann schlug er mit der Hand auf den Tisch. »Aber dennoch ist es so. Es kommt einem fast wie bei der Mafia vor!«
»Wenn Sie tatsächlich in einer solchen Lage gefangen sind, könnte es sich als hilfreich erweisen, wenn Sie Ihre Vermutung konkret überprüfen, Monsieur le Président.«
Der Präsident drehte sich mitsamt seinem Stuhl so, dass er aus dem Fenster blickte. »Wie das?«
»Wenn es sich so verhält, wie Sie vermuten, dann wird ersichtlich, dass sich die Familie Laroche sehr sicher ist, mit dem, was sie plant.«
»Ja, anscheinend.«
»Woran könnte das liegen?«
»Vielleicht sind besondere Umstände eingetreten, die wir noch nicht kennen, die das Vorgehen der Familie Laroche zu diesem Zeitpunkt besonders Erfolg versprechend macht.«
»Gut... und nun testen Sie sich selbst. Sie sind Wähler. Würden Sie Jean-Baptiste Laroche und die PNF wählen? Oder anders: Trauen Sie dem Mann zu, die Wahl zu gewinnen?«
»Nein, keineswegs. Der Mann strahlt keine Kompetenz aus. Er mag charismatisch sein, ist aber arrogant und egozentrisch.«
»Dann muss man sich wirklich fragen, weshalb ein solches Vertrauen in seinen Erfolg gesetzt wird. Ein Selbstbewusstsein, das er, wie Sie sagen, auch persönlich zur Schau trägt. Warum konfrontieren Sie ihn nicht einfach. Wenn er wirklich so sicher ist, dann wird er Ihnen persönlich vielleicht den einen oder anderen Anhaltspunkt geben.«
»Sie meinen, ich sollte mich mit ihm treffen?«
»Sicher.«
»Das ist grotesk. Dieser Mann meidet es sogar, in der Öffentlichkeit meinen Namen auszusprechen. Er würde sich niemals auf ein Treffen einlassen.«
»Vielleicht sind Sie auf der falschen Spur«, gab der Graf zurück. »Vielleicht aber auch nicht.«
Der Präsident schwieg einen Augenblick lang. »Sie haben Recht, einen Versuch ist es wert, schätze ich... Monsieur le Comte, ich muss mich wieder einmal bei Ihnen bedanken.«
»Danken Sie mir nicht, ich habe Ihnen lediglich zugehört.«
»Wie sooft, ja. Vielen Dank trotzdem, es war mir eine Freude.«
»Ebenso wie mir, Monsieur le Président.«
8. Mai, Royal Casino Hotel, Cannes
»Schade, dass Stefanie nicht mitkommen wollte.«
»Sie verwundern mich, Patrick. Gestern haben Sie sie noch als Klugscheißerin bezeichnet, und heute vermissen Sie sie schon.« Peter lachte. »Oder hätten Sie sie gerne als Zeugin dabei gehabt, wenn Sie in Ihrer unverwechselbar charmanten Art gleich einen ganzen Saal voller Mystiker lächerlich machen wollen?«
»Ich will Sie noch mehr verwundern: Ich habe nichts dergleichen vor.«
»Nichts für ungut, aber ich kann mir nur schwerlich vorstellen, wie Sie sich in dieser Löwengrube zusammenreißen wollen.«
»Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie es waren, der in Notre Dame die Beherrschung verloren hat.«
»Da haben Sie allerdings Recht.« Peter musste erneut schmunzeln. »Meinen Sie, das ist symptomatisch? Vielleicht werde ich zum Judas an der mystischen Historie, die ich erforscht habe? Und Sie werden vom Saulus zum Paulus, dem felsenfesten Begründer eines neuen religiösen Verständnisses?«
Nun lachte auch Patrick. »Wohl kaum!«
»Na, dann haben Sie wohl einen anderen Narren an Frau Krüger gefressen.«
»Mir sind lediglich die intellektuellen Fähigkeiten von Frau Krüger bewusst geworden, Herr Professor.«
»Und ihre körperlichen Reize zu Kopfe gestiegen?«
»Das ist keine Schande, sondern zeugt von Geschmack. Aber erstaunlich, dass Sie diese Reize ebenfalls bemerkt haben, Peter«, scherzte Patrick.
»Ich bin vielleicht älter als Sie, aber deswegen bin ich noch lange nicht blind«, gab Peter zurück. »Im Gegensatz zu Ihnen habe ich als seriöser Wissenschaftler meine Frühlingsgefühle jedoch unter Kontrolle.«
»Ja«, Patrick lachte, »das wird es sein!«
Sie hatten ihren Weg einem Schild im Foyer folgend gefunden und kamen nun in einen Bereich, der offensichtlich für Konferenzen aller Art abgesperrt werden konnte. Am Eingang stand ein förmlich gekleideter Herr, dem die eintreffenden Gäste Papiere überreichten.
»Ihre Einladungen bitte«, forderte er sie auf, als sie ihm gegenübertraten.
Patrick überreichte ihm den Handzettel mit der Ankündigung des Symposiums.
»Es tut mir leid, aber Sie benötigen Ihre schriftliche Einladung. Haben Sie den Brief dabei?«
»Wir haben keine Einladungen mehr erhalten«, erklärte Patrick, »wir haben erst sehr kurzfristig von diesem Termin erfahren...«
Der Mann schien wenig beeindruckt. Er senkte seinen Blick in eine vor ihm liegende Liste. »Das werde ich überprüfen. Ihre Namen bitte?«
»Monsieur, ich sagte doch, wir haben gerade heute erst von diesem Symposium erfahren...«
»Ihre Namen?«
Peter schob sich vor. »Ich bin Professor Peter Lavell, Wissenschaftler und Sachbuchautor. Ich halte zurzeit Vorlesungsreihen an internationalen Fakultäten zum Thema Mystizismus. Ich bin den Veranstaltern mit Sicherheit wohl bekannt, und ich glaube nicht, dass sie auf mich verzichten möchten.«
Der Mann schien ihm nicht zuzuhören. »Ohne eine Einladung kann ich Sie... oh, ich sehe gerade. Sie sind Professor Lavell und Monsieur Nevreux?« Er sah auf.
»Ja.«
»Sie stehen tatsächlich auf der Gästeliste.« Er trat beiseite und winkte sie durch. »Willkommen zur Permutatio!«
Peter runzelte die Stirn, als sie hindurchgingen, aber noch bevor er etwas sagen konnte, drückte ihnen eine junge Frau je eine Art Programmheft in die Hand. »Willkommen und eine erfahrungsreiche Zeit, Brüder.« Dann wandte sie sich bereits anderen Gästen zu.
»Wir stehen auf der Gästeliste?!« Patrick sah sich erstaunt um. »Wir scheinen einen Gönner zu haben. Und ich kann mir auch schon vorstellen, wer das ist...«
»Ja, ich auch«, sagte Peter und deutete auf das Programmheft. »In einer halben Stunde beginnt eine Podiumsdiskussion. Und mit dabei ist Claire Renée Colladon.«
»Vielleicht versucht sie ja hier ebenfalls, ihre Arche-Noah-Story zu verkaufen.«
»Interessanterweise steht hier nichts von der Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹. Stattdessen wird sie hier aufgeführt als ›Grandmaître du Ordre RC‹...« Peter zögerte und fasste sich dann an den Kopf. »Moment mal, das gibt's doch nicht! Warum bin ich Esel nicht früher darauf gekommen?!«
»Nun?«
»Jetzt weiß ich auch, woher ich den einen Spruch in der Höhle kenne!«
»Welchen Spruch?«
»Arcana publicata vilescunt... erinnern Sie sich? Veröffentlichte Geheimnisse werden billig, und das Entheiligte verliert alle Anmut.«
Ähm... ja, kann sein. Sie kennen das Zitat?«
»Ja, es kam mir gleich bekannt vor, ich konnte mich aber nicht mehr an den Zusammenhang erinnern.« Mit schnellen Schritten ging er voran und suchte die Gänge und Räume mit seinen Blicken ab. »Dabei ist es so offensichtlich. Kommen Sie, wir müssen Renée suchen!«
»Haben Sie eigentlich vor, mich auch einzuweihen?«, fragte Patrick, der dem Professor etwas gemächlicher folgte und eine weitere Zigarette aus der zerknitterten Packung klopfte.
»Da ist sie!«, rief Peter aus und blieb in einer Tür stehen.
Einige Leute standen in kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich. Als Patrick hinzukam und neben Peter in den Raum blickte, löste sich eine der Gruppen auf, und nur noch Renée Colladon blieb stehen und winkte die beiden zu sich.
»Ich freue mich, dass Sie der Einladung gefolgt sind, Messieurs. Insbesondere Sie, Monsieur le Professeur. Ich hätte nicht erwartet, Sie wiederzusehen.«
»Nun, da wir hier sind«, sagte Peter, »wird es Sie nicht verwundern, wenn wir uns unter völlig anderen Voraussetzungen gegenübertreten.«
»Ich verstehe nicht, wie Sie das meinen.«
»Als wir uns in Paris trafen, hatten wir mehr Fragen als Sie. Aber nun sind die Karten neu verteilt, und es gibt kein Geheimnis mehr, das Sie mit uns tauschen können.«
»Monsieur Lavell, das klingt ja, als wären wir auf einem arabischen Teppichbazar und feilschten.« Sie lächelte. »Wenn Sie nichts von mir wissen möchten, weshalb kommen Sie dann zu mir?«
»Ich habe etwas, das Sie haben möchten. Und ich möchte wissen, was Sie dafür bieten.«
Sie lachte auf. »Was könnten Sie haben, das ich haben wollte?«
»Ich weiß, wo sich das Haus des Heiligen Geistes befindet.«
Patrick sah erstaunt herüber, aber die Großmeisterin erstarrte.
»Was reden Sie da!«, entfuhr es ihr nach einer Weile tonlos. »Machen Sie sich nicht lächerlich!« An der Zurückhaltung in ihrer Stimme war zu erkennen, dass sie sich keineswegs sicher fühlte.
»Ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen«, hob Peter an, »und dann sagen Sie mir, wer sich von uns beiden lächerlich gemacht hat.«
»Treiben Sie keinen Spott mit mir«, warnte Renée und verengte die Augen zu Schlitzen.
»Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts«, begann Peter, »lebte ein Mann aus hohem teutonischem Geschlecht, der bereits im Alter von fünf Jahren in einem Konvent in allen humanitären Wissenschaften ausgebildet wurde. Mit fünfzehn reiste er ins Heilige Land. Als er in Damaskus von einem geheimen Kreis weiser Männer hörte, machte er sich auf den Weg und kam nach Damcar. Dort wurde er bereits erwartet und im Folgenden jahrelang in den geheimsten magischen Künsten ausgebildet.«
Während Peter sprach, betrachtete Renée ihn mit versteinerter Miene.
»Nach seinem Studium reiste er über Ägypten nach Fez und erlernte das Beschwören von Elementargeistern. Nach seiner Ausbildung machte sich der junge Mann auf den Weg zurück, erst nach Spanien und dann nach Deutschland. Lange Jahre philosophierte er als Einsiedler und entschloss sich dann, sein Wissen weiterzugeben und Gutes zu tun. Er errichtete das Haus des Heiligen Geistes, heilte und scharte immer mehr Anhänger um sich, die auszogen, um seine Weisheiten in Europa zu verbreiten. Der Mann hieß Christian Rosenkreuz, auch bekannt unter den Initialen C. R. C.«
Renée sagte kein Wort.
»Es geht noch weiter: Der Mann starb irgendwann in biblischem Alter und wurde an einem geheimen Ort begraben. Hundertfünfzig Jahre später fand man diesen Ort, eine Höhle, beleuchtet durch die ›Sonne der Magi‹, mit magischen Symbolen beschriftet, und eine völlig unversehrte Leiche.«
Patrick beobachtete seinen Kollegen mit zunehmendem Erstaunen, während dieser fortfuhr.
»Mitte des siebzehnten Jahrhunderts kam die ganze Geschichte richtig in Mode, als eine Schrift, die Fama Fratemitatis, veröffentlicht wurde. Jeder, der sich den so genannten Rosenkreuzern anschließen wollte, sollte dies durch eigene Taten und Veröffentlichungen kundtun. Noch heute gibt es einige Geheimgesellschaften und Orden, die sich auf die Rosenkreuzer berufen. Und so hält es auch die Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹, ist es nicht so? Vordergründig geben Sie vor, eine einfache Freimaurerloge zu sein, aber in Wirklichkeit betrachten Sie sich als wahre Nachfolger der mystischen Rosenkreuzer. Sogar Ihren Namen haben Sie den Initialen des heiligen Gründers angepasst, nicht wahr, Claire Renée Colladon?«
Sie holte tief Luft, doch Peter ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Sie möchten gerne wissen, woher wir die Zeichnung der Rose haben und den Spruch ›Dies sei ein Beispiel für meine Jünger‹, richtig? Sie vermuten, dass wir auf der Spur des Christian Rosenkreuz sind. Nun, vielleicht sind wir das. Stellen Sie sich vor: Wir haben möglicherweise eine Höhle gefunden, voller Inschriften, teilweise unleserlich, mit einem unerklärlichen Leuchten, und an der Wand befindet sich die Malerei einer Rose, die Signatur C.R.C. und der lateinische Spruch: ›Arcana publicata vilescunt...‹«
»›... et gratiam profanata amittunt‹«, vollendete Renée Colladon monoton. »Also: ›Wirf nicht Perlen vor die Säue, noch streue dem Esel Rosen.‹ Es ist nicht das Haus des Heiligen Geistes, sondern das Grab des Christian Rosenkreuz!«
Peter schwieg, und eine Weile sagte niemand ein Wort.
»Wenn es stimmte, was Sie erzählen«, begann Renée schließlich unentschlossen, »könnten Sie sich dann überhaupt vorstellen, was das bedeutet?! Genauso gut könnten Sie behaupten, die wahre Tabula Smaragdina, oder die Gesetzestafeln Moses gefunden zu haben... Nein! Sie lügen. Es wäre zu ungeheuerlich!«
»Nun, möglicherweise habe ich mir das alles auch nur ausgedacht«, lenkte Peter ein. »Ein paar Geschichtsbücher und okkulte Enzyklopädien wälzen und wissen, was auf dem Deckblatt der Chymischen Hochzeit des Christian Kosenkreuz steht, ist noch keine Kunst, nicht wahr? Aber es besteht die Möglichkeit, dass ich die Wahrheit sage und so nahe dran bin, wie Sie es noch nie waren. Ich muss natürlich nicht mit Ihnen darüber reden... Es gibt noch andere Leute, die an dieser Offenbarung interessiert sein könnten. Immerhin gibt es da welche, die noch der Meinung sind, Herz und Rose seien bloß das Wappen Martin Luthers.«
Sie winkte verärgert ab. »Hat Ihnen Samuel das erzählt? Dieser Dilettant ist noch immer auf dem Kreuzzug, die Archive Luthers zu finden. Dabei lebte Luther erst nach Christian Rosenkreuz. Luther wollte zeit seines Lebens gerne Rosenkreuzer sein oder zumindest von ihnen beachtet werden. Daher sein Wappen, daher seine Veröffentlichungen, aber für einen Ruf als erfolgreicher Schüler und Mystiker hat es nie gereicht. Samuels Ideen sind einfach lächerlich!«
»Hoffen wir, dass er Sie nicht gehört hat, Madame«, sagte Patrick, »wo Sie doch hier nicht missionieren dürfen.«
»Nichts liegt mir ferner, Monsieur Nevreux, wirklich.« Sie wandte sich wieder an Peter. »Gut, Sie haben meine Aufmerksamkeit, leider muss ich jetzt aufs Podium. Also sagen Sie, was Sie von mir wollen. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie mich loswerden, bevor ich Beweise gesehen habe!«
»Ich habe lediglich zwei Fragen: Was können Sie mir über das sagenhafte Leuchten im Grab sagen?«
»Das Leuchten? Nicht viel. Der Legende nach ist das Grab in der Tat beleuchtet durch die ›Sonne der Magi‹. Viele Jünger sind aber der Meinung, dass es sich bei der Beschreibung nicht um ein echtes Leuchten handelt, sondern dass über dem Grab lediglich das Symbol angebracht ist. Das Grab wäre dann nur im übertragenen Sinne beleuchtet.«
»Diese ›Sonne der Magi‹«, sagte Peter und holte die Zeichnung der konzentrischen Kreise in der Höhle hervor, »ist es dieses Symbol?«
Renée winkte sofort ab, betrachtete die Zeichnung allerdings noch eine Weile. »Nein, nein, die ›Sonne der Magi‹ ist ein Pentagramm. Das hier habe ich noch nie gesehen... aber... was ist es? Wo haben Sie das schon wieder her?«
»Sie haben dieses Symbol noch nie gesehen?«
»Leider nein, und glauben Sie mir, ich würde es Ihnen wirklich sagen, nach allem, was vielleicht auf dem Spiel steht. War das schon Ihre zweite Frage?«
»Ja, in der Tat.« Peter war etwas ratlos.
»Ich muss los«, sagte Renée, »kommen Sie unbedingt mit hinein und hören Sie sich die Diskussion an. Vielleicht fallen Ihnen ja auch noch mehr Fragen ein. Ich werde Sie nachher gleich wieder aufsuchen. Sie entschuldigen mich?«
»Bitte sehr.«
Als Renée gegangen war, ergriff Patrick das Wort.
»Jetzt verraten Sie mir bitte, was das gerade sollte.«
»Wir haben sie am Haken«, antwortete Peter. »Sie wird uns alles erzählen, was wir wissen wollen.«
»Haben Sie sich die Rosenkreuzer-Geschichte gerade erst einfallen lassen?«
»Ich habe sie nicht erfunden, ich bin nur jetzt erst auf den Zusammenhang gekommen. Und wie es scheint, habe ich sozusagen mit der Faust aufs Auge getroffen.« Er lächelte.
»Das nächste Mal, wenn Sie einen solchen Geistesblitz haben, weihen Sie mich bitte vorher ein.«
»Natürlich, tut mir leid, es ging ein bisschen schnell, fürchte ich.«
Patrick nickte. »Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir das Grab von Christian Rosenkreuz gefunden haben?«
»Nun ja, unsere Höhle passt erstaunlich gut auf die Rosenkreuzer-Legende, oder?«
»Also glauben Sie nun an das Grab oder nicht?«
»Natürlich nicht!« Peter lachte. »Wir haben ja selbst schon festgestellt, dass die Höhle aus dem dreizehnten Jahrhundert ist. Da gab es noch keine Rosenkreuzer – wenn es sie überhaupt jemals gegeben hat. Aber das müssen wir ja Renée nicht auf die Nase binden.«
Patrick hob anerkennend die Augenbrauen. »Sie überraschen mich, Peter!«
»Es mag ja im Übrigen durchaus alles so geschehen sein: Christian Rosenkreuz im fünfzehnten Jahrhundert und Martin Luther, der ihm nacheifern wollte. Möglicherweise hat einer von beiden unsere Höhle entdeckt. Und weil die Rosenkreuzer die Zusammenarbeit aller Wissenschaftler über Nationalitäten, Gesinnungen und Fakultäten hinweg proklamierten, schrieb derjenige an die Wand: ›Dies sei ein Beispiel meinen Jüngern.‹«
»Das klingt plausibel«, sagte Patrick. »Aber leider wissen wir dann noch immer nicht, welchen Ursprung die Höhle hat.«
»So ist es. Das Symbol der Kreise ist jetzt unser einziger Anhaltspunkt, und bis wir die Inschrift entschlüsselt haben, sollten wir alles aus Renée herauskitzeln, was sie weiß.«
»Sie glauben, dass sie uns immer noch etwas verheimlicht?«
»Sicherlich! Sie lebt und arbeitet wie in einer anderen Welt, von der ich durch meine Recherchen wie in Platons Höhlengleichnis quasi nur die Schatten an der Wand gesehen habe. Sie weiß noch eine ganze Menge, aber sie ist viel zu intelligent, um uns jetzt schon alles zu offenbaren.«
»Erlauben Sie, dass ich Ihnen helfe?«
Patrick und Peter fuhren herum, als plötzlich ein junger Mann hinter ihnen stand. Er mochte höchstens Anfang dreißig sein, war in einen modischen und sicherlich teuren Dreiteiler gekleidet und trug ein offenes, weltmännisches Lächeln zur Schau. Er hatte kurzes, zu Stacheln gegeltes dunkles Haar, Lachfalten in den Augenwinkeln und wirkte wie aus einer Casting-Mappe für jung-dynamische Schauspieler.
»Mein Name ist Ash Modai. Entschuldigen Sie, wenn ich mich Ihnen etwas unverfroren aufdränge. Aber ich wurde Zeuge Ihrer letzten Worte, in denen Sie von einer anderen Welt sprachen. Daher möchte ich mich anbieten, Sie hier ein wenig bekannt zu machen.«
»Das ist sehr freundlich«, begann Peter, »Monsieur...«
»Nennen Sie mich einfach Ash.«
»... Ash. Wirklich freundlich von Ihnen. Aber wie kommen Sie darauf, dass wir uns über dieses Symposium unterhalten haben?«
»Man sieht Ihnen deutlich an, dass Sie nicht hierher gehören. Da irre ich mich doch nicht, oder?«
»Kommt ganz darauf an, was Sie damit meinen«, schränkte Patrick ein.
»Sie gehören nicht hierher, weil Sie nicht an Abrakadabra glauben, nicht an kabbalistische Buchstabenspiele oder die Wahre Thora.« Ash setzte eine Art verschwörerisches Lächeln auf und beugte sich beim Sprechen ein wenig vor, als ginge es um eine Besprechung auf dem Football-Feld. »Weil Sie keinen Respekt haben vor dem Ewigen Juden, dem Grafen von Saint Germain, weil Sie den Prophezeiungen des Nostradamus ebenso wenig Glauben schenken wie den Tränen der Schwarzen Madonna. Sie haben noch nie etwas vom Homunculus gehört und kennen weder die Namen der Erzengel noch die der Fürsten der Dämonenlegionen. Höchstwahrscheinlich denken Sie, Paracelsus war ein Arzt und Hugues de Payens ein Kreuzritter. Habe ich Recht?«
Peter zögerte, aber Patrick antwortete für beide: »Ja, da haben Sie verdammt Recht. Haben Sie damit ein Problem?«
Ash lachte auf. »Aber nein! Keineswegs! Auf dem Symposium wird nicht missioniert. So will es das Gesetz von jeher. Jeder der heute hier Anwesenden hat seine eigene Wahrheit dabei. Und die eigene Wahrheit ist natürlich üblicherweise gleichzeitig Gegenstand der Ablehnung und Verachtung durch die anderen. Durch unseren gegenseitigen Respekt sind wir auf dem Symposium alle gleich.« Er machte eine unschuldige Geste. »Nur man selbst ist natürlich stets gleicher als die anderen.« Er lachte erneut.
»Und woran glauben Sie?«
»Ich darf es Ihnen nicht sagen, und es tut auch nichts zur Sache, Monsieur...«
»Patrick Nevreux. Und dies ist mein Kollege Professor Peter Lavell.«
Der smarte Ash verharrte einen Augenblick. »Professor Lavell, etwa der Professor Lavell?«
»Mir ist nicht bekannt, dass ich einen Namensvetter hätte«, sagte Peter.
»Sie kennen sich?«, fragte Patrick.
»Nein, nicht persönlich. Aber Ihr ›Wirken‹ hat in unseren Gewässern durchaus seine Kreise gezogen. Einige von uns sind dabei gut weggekommen, andere weniger gut.«
»Fragt sich, zu welchen Sie gehören«, sagte Peter.
»Ich hege keine persönlichen Ressentiments, Herr Professor«, sagte Ash mit einem Lächeln. »Aber andererseits, was zählen persönliche Meinungen, wenn so große Dinge im Spiel sind wie Glauben oder die Suche nach der Wahrheit?«
»Verraten Sie mir, worum es geht?«, verlangte Patrick, indem er sich an beide wandte.
»Es geht um meine zurückliegenden Studien«, erklärte Peter. »Für mein letztes Buch und letztlich auch für meine jetzigen Vorlesungen. Ich habe viel recherchiert, viel gelesen und mit vielen Leuten gesprochen...«
»Und viel geschrieben«, warf Ash ein.
»Und das nimmt man Ihnen heute noch übel?«, fragte Patrick.
»Ach, genug der alten Geschichten, was?« Ash winkte ab. »Erlauben Sie, dass ich Sie ein wenig herumführe – gerne auch inkognito.«
»Nun, warum nicht.«
»Wunderbar. Dann folgen Sie mir einfach unauffällig.«
Ash führte sie durch einige Gänge und Korridore, zum Teil mit wenig ansprechenden aber strapazierfähigen Teppichen ausgelegt, andere mit Holzparkett und wieder andere mit Steinfußboden. Der für das Symposium vorgesehene Bereich war weit verzweigt und so wenig homogen eingerichtet, dass man das Gefühl bekam, unbemerkt durch mehrere aneinander angrenzende Gebäude zu gehen. Sie kamen an einigen Räumen vorbei, deren Türen offen standen und in denen offenbar kleine Ausstellungen oder lose Gesprächsrunden stattfanden. Ash spähte ab und zu unauffällig zur Seite.
»Diese Veranstaltung, Permutatio, findet nur sehr unregelmäßig etwa alle zehn Jahre statt«, erklärte er. »Wie Sie sich vorstellen können, und wie Sie ja auch aus eigener Erfahrung wissen, Herr Professor, sind sich die verschiedenen Schulen der Mystik nicht gerade wohlgesonnen. Einige sehen sich als Essener oder Bewahrer des Urchristentums, andere als Satanisten und Schüler Aleister Crowleys, wieder andere möchten das keltische Druidentum wiederbeleben und tanzen zu Beltane nackt im Wald. So grundverschieden wir uns sind, so sehr hassen und bekämpfen wir uns. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die fanatischsten und blutigsten Kriege stets im Zeichen des Glaubens geführt werden? Das war bei den Kreuzzügen nicht anders als heute in Nordirland oder im Nahen und Mittleren Osten. Genauso haben Hitler und Stalin religiöse Verzückungen heraufbeschworen, um ihre Völker in den Krieg zu schicken.«
Ash blieb wie zufällig neben einer Säule stehen und lehnte sich an.
»Wenn man unsere Geschichten weit genug zurückverfolgt, stößt man interessanterweise häufig auf ursprüngliche Gemeinsamkeiten. Einige davon haben Sie verfolgt, Herr Professor Lavell. Manchmal liegen diese in der Renaissance, manchmal im Mittelalter, häufig in christlicher Zeit und manchmal noch weiter in der Vergangenheit. Es stellt sich heraus, dass es eine begrenzte Anzahl geschichtlicher Rätsel und Fragen unseres Ursprungs gibt, mit denen wir uns alle gleichermaßen beschäftigen. Daher ist dieses Symposium eingerichtet worden. Wir werfen unsere Differenzen über Bord und tauschen uns gegenseitig aus – ganz unverfänglich und wissenschaftlich, nur in jenen gemeinsamen Punkten. Die Idee dazu kam vom Graf von Saint Germain. Er berief die ersten Treffen ein. Später hat er diese Aufgabe abgegeben und ist immer seltener gekommen. Wenn ich es recht bedenke, ist er nun schon das vierte Mal nicht dabei.«
»Vermutlich ist er inzwischen nach über hundertfünfzig Jahren gestorben«, sagte Patrick mit zynischem Unterton. »Oder nicht?«
»Da wäre ich mir nicht so sicher. Immerhin soll er bereits damals die hundertfünfzig weit überschritten gehabt haben.« Ash lachte auf. »Aber ich möchte Ihnen nicht zu viel zumuten. Zurück zu meiner Führung: Wie Sie wissen, steht diese Permutatio im Stern der Kabbala. Das heißt aber nicht, dass nicht auch andere Dinge hier besprochen werden.« Er wies mit dem Kopf in einen benachbarten Raum. »Sehen Sie den Herrn dort drüben, den mit der Zigarre?«
In einer Gruppe von Leuten fiel ein untersetzter Mann auf, der trotz seines hohen Alters eine stolze, aufrechte Haltung einnahm. Auf seiner Brust prangten allerlei Orden und Auszeichnungen. Seine Zigarre hielt er mit südländischer Gelassenheit.
»Das ist Joäo-Fernandes de Sousa«, erklärte Ash mit gedämpfter Stimme. »Er ist Portugiese und Großmeister des Templerordens. Er ist in der Lage, die gesamte Charta der Großmeister seines Ordens bis zur Gründung in Jerusalem 1118 aufzuzählen. Wenn Sie ihn fragen, wird er es Ihnen auch historisch belegen können. Und sehen Sie die dicke Frau, mit der er sich unterhält? Das ist Ellen Blavatsky, eine Amerikanerin; niemand weiß, wie sie wirklich heißt. Sie hält sich für die wiedergeborene Madame Blavatsky, die 1875 die Theosophische Gesellschaft gründete.«
Ash setzte sich wieder in Bewegung und führte sie in einen anderen Raum. Hier standen Glasvitrinen, die jeweils von zwei bewaffneten Sicherheitsleuten flankiert wurden. In den Vitrinen waren aufgeschlagene Bücher oder Pergamentseiten zu sehen.
»Die Dokumente hier kommen aus aller Herren Länder und Kulturen. Sie stehen nicht zum Kauf, sondern sollen Gespräche in Gang bringen. Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?« Ash ging mit ihnen zwischen den Schaukästen hindurch. »Dies sind die Briefe des Paulus an die Korinther und die Galater, neben dem umstrittenen Jakobus-Evangelium. Hier liegen zwei noch ungeöffnete Qumran-Rollen, und hier nebenan wird eine Seite des berüchtigten Necronomicon des Abdul Alhazred ausgestellt. Hier sind Original-Aufzeichnungen des Nostradamus, hier die verschlüsselten Dokumente, die in Rennes-le-Château gefunden wurden, und das dort drüben ist das noch immer nicht entschlüsselte Voynich-Manuskript.«
»Unfassbar«, sagte Peter, setzte seine Brille auf und ging näher an eine Vitrine heran. »Das scheint echt zu sein.«
»Natürlich sind die Dokumente echt. Der Tradition nach hat jeder Eingeladene die Verpflichtung, aber auch das innere Bedürfnis, etwas mitzubringen, um es mit den anderen zu teilen. Es werden dabei keine Kosten und Mühen gescheut. Was mich natürlich zu der Frage führt, wie Sie zu einer Einladung gekommen sind, Messieurs.«
»Wir standen auf der Gästeliste«, antwortete Patrick.
»Natürlich standen Sie auf der Gästeliste. Jeder der hier Anwesenden steht auf der Gästeliste. Andernfalls wären Sie niemals hineingekommen, sondern würden denken, dies wäre eine geschlossene Gesellschaft, die sich mit dem Rezitieren antiker Lyrik den Abend vertreibt.«
»Jedenfalls haben wir keine Einladung bekommen.«
»Erlauben Sie mir, Ihnen zu widersprechen. Ich sehe das ganz anders, Monsieur Nevreux. Ohne Einladung hätten Sie niemals etwas von diesem Treffen erfahren. Ich bin außerordentlich gespannt zu erfahren, was Sie zum Austausch mitgebracht haben.«
»Wir haben tatsächlich etwas dabei«, erklärte Peter, der sich von den Vitrinen abgewandt hatte, und holte die Zeichnung des Symbols der Kreise aus der Höhle hervor. »Wir sind auf der Suche hiernach.«
»Der ›Kreis von Montségur‹!«, rief Ash überrascht aus, und einen Augenblick lang entglitten ihm seine Gesichtszüge und offenbarten blanke, fast zornige Erregung. »Sie sind dem Kreis auf der Spur...« Er kniff die Augen zusammen. »Wo haben Sie das her?«
»Das tut augenblicklich nichts zur Sache«, sagte Peter. »Wir müssen einiges über dieses Zeichen erfahren und suchen jemand, der uns dazu etwas sagen kann.«
Ash machte einen Schritt zurück. »Stecken Sie das bloß sofort wieder ein, Monsieur le Professeur!«, sagte er mit gepresster Stimme und mit Blick auf die herumstehenden Wachmänner.
Peter tat unwillkürlich, wie ihm geheißen, sah den Mann aber eindringlich an. »Was ist denn los?«
»Mit dem Kreis machen Sie sich hier blitzartig so unbeliebt, wie überhaupt nur möglich. Sie mögen sich jetzt auf neutralem Boden befinden, aber der endet unmittelbar hinter dem Ausgang, daher sollten Sie äußerst vorsichtig sein!«
»Verraten Sie uns, was es damit auf sich hat?«, fragte Patrick.
»Sind Sie tatsächlich so unbedarft, wie Sie tun? Der Kreis ist älter und mächtiger als wir alle hier und unser gesamtes Wissen zusammen. Niemand spricht über den Kreis, denn jeder hat bereits seine schlechten Erfahrungen damit gemacht. Und nun lassen Sie uns bitte das Thema wechseln!«
»Erstaunlicherweise schien Renée Colladon das Symbol überhaupt nicht zu kennen.«
»Sie haben es ihr gezeigt?« Ash verdrehte die Augen. »In Drei Teufels Namen! Warum haben Sie es nicht gleich an die Kirchentür genagelt?! Sie werden die Hunde von Tindalos auf Ihren Fersen haben, Professor!«
»Wie bitte?«, entfuhr es Patrick.
»Eine literarische Metapher«, erklärte Peter. »Lovecrafts Vision der Bluthunde der Hölle, die ihre Opfer über Jahrtausende hinweg durch Zeit und Raum bis in die Ewigkeit verfolgen, bis sie sie gestellt haben.«
Patrick wollte eine scharfe, lästerliche Bemerkung machen, aber etwas ließ ihn stocken. Eine Furcht einflößende Mischung aus Raserei und Angst blitzte in Ashs Augen auf. Er mochte nicht ganz richtig im Kopf sein, aber was er sagte, meinte er zweifellos todernst.
»Ich breche jetzt den Kodex der Neutralität«, fuhr Ash fort, »aber so viel kann ich Ihnen verraten: Renée Colladon ist harmlos. Und sie ist auch naiv. Sie ist noch nicht lange genug dabei, um zu wissen, wie die Karten verteilt sind. Hier sind größere Mächte am Werk als Christian Rosenkreuz, Mächte, von denen Sie überhaupt keine Vorstellung haben. Dies ist eine völlig andere Liga. Und ich kann Ihnen nur raten, die Finger aus dem Spiel zu lassen. ›Wenn Sie lange genug in den Abgrund blicken, dann blickt der Abgrund zurück in Sie!‹«
»Und was empfehlen Sie uns jetzt zu tun?«, fragte Peter.
»Geben Sie mir die Zeichnung und sagen Sie mir, wo Sie sie gefunden haben. Dann werde ich mich der Sache annehmen, und für Sie ist sie erledigt.«
Nun trat Peter einen Schritt zurück. »Auf gar keinen Fall! Erst, wenn wir ein paar Antworten bekommen haben.«
»Ich warne Sie, Monsieur le Professeur! Sie legen sich mit der Hand von Belial an, unterschätzen Sie das nicht!«
»Die Hand von Belial?«, fragte Patrick. »Was ist das nun schon wieder?«
Ashs Augen funkelten. »Ich!«, zischte er. »Ich bin die Hand von Belial, und Sie würden es bedauern, Näheres herauszufinden, das schwöre ich Ihnen!«
»Ich verstehe zwar nicht, warum Sie sich so aufregen«, sagte Peter betont ruhig, »aber Sie bekommen von uns nichts.«
»Gut.« Ash schien seine Souveränität schlagartig wiedergefunden zu haben. Er nickte den beiden lächelnd zu. »Schade, dass es so enden muss, Messieurs. Ich muss mich von Ihnen verabschieden, einen schönen Abend noch.« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich um und verließ zügig den Raum.
»Ups«, meinte Patrick nach einigen schweigsamen Augenblicken. »Was ist denn in den gefahren?«
»Dieser ›Kreis von Montségur‹ hat ihn offenbar schockiert. Aber was war es? Angst oder Gier?«
»Er schien mir nicht der Mann zu sein, dem leicht Angst einzujagen wäre. Wenn er sich trotzdem vor etwas fürchtet, dann muss er einen verdammt guten Grund haben. Das macht mich ehrlich gesagt etwas nervös...« Er zündete sich eine Zigarette an. »Und wenn es Gier war, nicht weniger... auf Fanatiker, die Drohungen aussprechen, kann ich verzichten.«
»Ich muss zugeben, dass mir auch etwas unwohl geworden ist. Sollten wir versehentlich in ein Wespennest gestochen haben?«
»Das Symposium scheint keine gute Idee von mir gewesen zu sein... Vielleicht wäre es jetzt ein guter Zeitpunkt, noch unauffällig zu verschwinden, bevor der Flurfunk wirksam wird.«
»Einverstanden. Wie sagt man gleich? ›Manners make the man‹... aber hier scheint eine französische Verabschiedung angebracht.«
»Die Jahre in Deutschland haben Ihrem britischen Wesen offenbar nichts anhaben können.« Patrick grinste.
»Ich kann nur hoffen, dass das ein Kompliment sein sollte«, gab Peter zurück, und sie machten sich auf den Weg zum Ausgang.
8. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz
»Nun, Joseph, wie ist deine Meinung?« Der Mann, der gesprochen hatte, richtete seinen Blick auf die großzügige Fensterfront, welche die Sicht auf den Genfer See freigab. Auch bei klarster Sicht war das gegenüberliegende Ufer von hier aus nicht auszumachen. Aber nun brach die Dämmerung herein, und Nebelschwaden zogen sich über dem Wasser zusammen, so dass der See einem Fluss zu gleichen schien. Schwäne waren zu sehen und ein paar kleinere Boote. Sein Gesprächspartner sah ebenfalls hinaus. Er nahm noch einen Schluck Wein aus einem kelchartigen Gefäß, bevor er antwortete.
»Ihr hattet Recht, Steffen, die Lage spitzt sich zu. Die Zeit wird knapp, und noch immer wissen wir nicht, ob es sich zum Guten wenden wird.«
»Johanna rät uns, dass wir Vertrauen haben sollen. Die Forscher sind guten Herzens und nicht von Aberglaube oder Machthunger erfüllt – beides sind Eigenschaften, die wir schon zu oft angetroffen haben. Aber gleichzeitig...« Der ältere der beiden Männer strich über seinen Bart. »Gleichzeitig erregen sie mir deutlich zu viel Aufmerksamkeit.«
»Vielleicht sollten wir sie eindringlicher zur Auflösung hinführen?«, meinte der Jüngere.
»Aber sie müssen lernen, Joseph. Wir müssen ihre Fähigkeit zur Einsicht ständig aufs Neue prüfen.«
»Zwei Männer stehen am Ufer eines Flusses, den sie überqueren wollen. Einer der beiden beobachtet eine Weile und entscheidet dann: ›Die Strömung ist zu stark‹. Der andere Mann fragt ihn: ›Woher weißt du das?‹, und der Erste sagt: ›Sieh die rollenden Steine im Flussbett!«, und der andere versteht. Ist die Einsicht des zweiten Mannes weniger wert, weil ihm geholfen wurde? Nein, ist sie nicht. Einsicht ist immer gleich wertvoll, egal, wie sie erlangt wurde.«
»Du hast Recht, Joseph. Dennoch möchte ich wissen, ob sie alleine zur Einsicht finden.«
»Worauf Ihr hinauswollt, ist Weisheit, Steffen. Wie wir schon so oft diskutiert haben: Es ist die Weisheit, die Ihr prüfen wollt. Wenn Informationen eigenständig kombiniert und zu Einsicht werden, ist dies Weisheit. Ohne ausreichende Informationen ist dies aber nicht möglich. Wenn wir die Menschen gerecht beurteilen wollen, müssen wir ihnen stets dieselbe Grundlage schaffen.«
Der bärtige Mann wandte seinen Blick vom See ab und lächelte. »Du wirst immer ein Humanist bleiben! Ich erwarte aber mehr von ihnen als das. Alles Wissen ist immer vorhanden, heute sogar zugänglicher als jemals zuvor. Man muss es sich erarbeiten und darf es sich nicht servieren lassen.«
»Es ist aber auch wesentlich mehr Wissen als jemals zuvor, und einiges versickert im immer undurchdringlicheren Nebel der Geschichte und dem sich darüber legenden Schleier aus Vergessen und Fehlinterpretationen. Ihr müsst gestehen, dass es immer schwieriger wird, alles zu wissen, und dass die Wahrheiten immer vielfältiger werden.«
»Es gibt nur eine Wahrheit.«
»Wahrheit liegt im Auge des Betrachters, Steffen.«
»Nein, die Wahrheit zeichnet sich dadurch aus, dass sie allgemeingültig und singular ist.«
»Singular? Gab es zuerst das Huhn, oder gab es zuerst das Ei? Oder besser noch: Sagt mir, welches die wahrste Religion ist.«
Der alte Mann schüttelte lachend den Kopf. »Joseph, ich konnte deiner Dialektik noch nie etwas entgegenhalten. Auch wenn es bloße Taschenspielertricks sind.«
»Heiligt nicht der Zweck manches Mittel? Wenn Ihr mir zustimmt, dass es heute nicht leichter ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen als vor Hunderten von Jahren, dann habe ich dies gerne mit Taschenspielertricks erreicht.«
»Also gut. Nehmen wir an, es ist so: Dann sage mir, was wir deiner Meinung nach tun sollten.«
»Lasst sie uns noch eine Weile weiter unterstützen. Sie sind kurz davor, alle Karten in der Hand zu halten, und dann werden wir sehen, wie sie sie ausspielen. Natürlich können wir das nur wagen, wenn wir uns des Risikos bewusst sind. Im Zweifelsfall werden wir vehement eingreifen müssen, um unsere Interessen für die Zukunft zu wahren.«
Der alte Mann sah wieder auf den See hinaus. »Ein Wagnis... aber vielleicht ist dies tatsächlich die richtige Zeit dafür.«