Kapitel 14
9. Mai, Rue des Anges, Paris
Er hatte es nicht anders erwartet. Als sie mit der abgedunkelten Limousine vorfuhren, wartete dort bereits eine Gruppe Journalisten. Bevor er ausstieg, griff Jean-Baptiste Laroche in die Innentasche seines Jacketts, holte ein Lederetui hervor und klappte es auf. Darin lag, sorgfältig in der Mitte gefaltet, ein einzelner Zettel. Er enthielt nur wenige Zeilen Text. Auf der linken Seite stand:
Dagobertus in te
rex es
si exsurrexeris,
te sequentur
et magnum imperium delebis.
Es waren die Worte, die der Schäfer ihm im Wahn seiner Umnachtung prophezeit hatte. Die Übersetzung lautete:
Dagobert ist in dir,
Du bist ein König.
Wenn du dich erhebst,
Wird man dir folgen
Und du vernichtest ein großes Reich.
Zufrieden lächelte er in sich hinein. Dafür hatte es sich gelohnt, das Languedoc jahrelang auf der Suche nach merkwürdigen Vorfällen zu beobachten. Nur ein lokales Blatt hatte vom angeblichen Unfall des Schäfers berichtet, aber Laroche war dem nachgegangen, hatte ihn besucht und Recht behalten. Er verstand zwar nicht wie, aber der Schäfer schien Zugang zu höherem Wissen erlangt zu haben, und wie Frankreich schon Jeanne d'Arc gefolgt war, würde es auch dem neuen König folgen.
Als er schließlich aus dem Wagen schlüpfte und sich aufrichtete, empfing ihn zwar kein Blitzlichtgewitter, aber ein Schwall von Fragen prasselte auf ihn ein, wie Glückwünsche auf einen Profifußballer nach einem gewonnenen Länderspiel. Natürlich hatte er nicht vor, auch nur eine Einzige davon zu beantworten, aber er genoss die Aufmerksamkeit und tat sein Bestes, um das Interesse der Reporter an ihm aufrechtzuerhalten.
»Was ist der Grund für dieses Treffen?«
»Wollen Sie Koalitionsgespräche führen?«
»Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Präsident Michaut?«
Er blieb am Wagen stehen und schaute lächelnd in die Runde. Dann holte er tief Luft und vermittelte mit seiner Mimik den Eindruck, als wolle er sich jetzt ausführlich vor der Menge äußern. Er erreichte damit, dass die Fragen abebbten und ihn die Journalisten einen Augenblick erwartungsvoll anstarrten.
»Vielen Dank für Ihre Fragen, mein Pressesprecher ist gerne bereit, Ihnen Auskunft zu erteilen. Entschuldigen Sie mich.« Er zwängte sich durch die Menschen, die sein Sekretär bereits bemüht war, auseinander zu drängen. Ungehaltene Töne wurden jetzt in der Menge laut, aber Jean-Baptiste ignorierte sie und betrat das Foyer des Gebäudes, von dem die sensationshungrige Meute durch zwei Wachmänner fern gehalten wurde.
»Sind Sie sicher, dass Sie meine Hilfe nicht benötigen?«, fragte der Sekretär.
»Ja, vielen Dank. Ich denke nicht, dass das Gespräch länger als eine Stunde dauert. Aber wenn doch, können Sie ja hochkommen und mich auslösen.«
Sie gingen zum Empfang, und Jean-Baptiste Laroche wurde kurze Zeit später durch die Sicherheitsschleuse gelassen. Man begleitete ihn in den sechsten Stock und führte ihn bis in das Empfangszimmer des Präsidenten.
»Es dauert noch einen Augenblick«, sagte die Vorzimmerdame. »Bitte setzen Sie sich. Möchten Sie in der Zwischenzeit etwas trinken?«
Er sah sich um und ließ sich in der Ledergarnitur nieder. »Ja, gerne«, antwortete er. »Ein Glas Champagner.«
Die Dame sah ihn einen winzigen Moment mit großen Augen an, hatte ihre Fassung aber sofort wiedergefunden. Sie führte ein kurzes Telefonat und widmete sich dann wieder ihrer Arbeit.
Er konnte nicht sagen, welcher Teufel ihn geritten hatte; eigentlich mochte er gar keinen Champagner, aber er hatte plötzlich das Bedürfnis gehabt, seinem Hochgefühl auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Er konnte noch nicht einmal genau sagen, warum er sich so gut fühlte. Er hatte keine Agenda für dieses Treffen bekommen, aber er ahnte schon, warum Michaut sich mit ihm treffen wollte. Er konnte nicht nachvollziehen, warum sich der Mann diese Blöße gab.
Eine junge Dame kam herein und brachte ein Glas Champagner auf einem Tablett. Laroche nahm es entgegen, nippte daran und ließ es dann stehen. Es gefiel ihm nicht, dass Michaut ihn warten ließ. Aber er konnte sich gut vorstellen, dass der Präsident gerade in der letzten Zeit alle Hände voll zu tun hatte. Sein Widersacher lächelte spitz. Dieser Gedanke erheiterte ihn nun wieder.
Schließlich öffnete sich eine Tür, und Präsident Michaut trat ein. Er ging auf Laroche zu und reichte ihm die Hand.
»Es freut mich, dass Sie kommen konnten, treten Sie doch bitte ein.« Er führte den Gegenkandidaten in das Büro, schloss die Tür und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.
»Ich hoffe, Sie sind von der Presse nicht allzu sehr belästigt worden«, sagte der Präsident mit einer Geste zum Fenster hin. »Wir haben uns bemüht, dieses Treffen nicht an die große Glocke zu hängen. Aber Sie wissen ja, wie es ist...«
»Es war kein Problem, Monsieur Michaut.« Er vermied absichtlich die förmliche Anrede. »Haben Sie denn irgendetwas verlauten lassen, das ich wissen sollte?«
»Wie den Grund dieses Treffens?«
»Zum Beispiel.«
»Nein. Haben Sie den Journalisten unten denn etwas gesagt?«
»Nein.«
»Gut.«
Ein Augenblick Stille trat ein. Laroche beobachtete die Gesichtszüge des Präsidenten. Er sah alt aus heute. Er war ein wichtiger Mann im Land, mit vielen Befugnissen. Doch in seinen Augen stand jetzt die Einsicht geschrieben, dass seine ganze Position letztlich auf der Macht der Beziehungen und Kontakte aufbaute. Und langsam löste sich dieser Boden unter seinen Füßen auf, die schützenden Wände rückten beiseite, helfende Hände wurden zurückgezogen. Michaut befand sich im freien Fall, und er wusste es. Aber er wusste nicht, warum. Und nun hatte er seinen Gegenspieler herbeizitiert. Wahrscheinlich rang er seit Tagen damit, einzuschätzen, ob sein Kontrahent, den er bisher nie ernst nehmen musste, zur letzten Hoffnung oder zum Erzfeind geworden war.
»Warum ich Sie heute hergebeten habe...«, begann der Präsident nun.
Er geht direkt drauflos, alle Achtung! Das hatte Laroche nicht erwartet.
»... ist eine ganz persönliche Frage. Es ist mir etwas unangenehm, um ehrlich zu sein, und ich muss mich darauf verlassen können, dass Sie dieses Gespräch vertraulich behandeln.«
»Sie erwähnten die Vertraulichkeit bereits bei Ihrer Einladung«, antwortete Laroche. »Andererseits befinden wir uns immerhin in Ihren Büroräumen. Wie diskret kann das Gespräch da schon sein?«
»Ich versichere Ihnen, dass dieser Raum nicht überwacht oder abgehört wird.«
»Gut...« Er zögerte. Worauf wollte Michaut hinaus?
»Kann ich also offen mit Ihnen sprechen?«
»Stellen Sie erst einmal Ihre Frage.«
»Sie haben Recht. Sie können immer noch entscheiden, ob Sie antworten möchten.« Präsident Michaut lehnte sich zurück, zog eine Schublade auf, brachte eine Zigarettenpackung hervor, holte eine Zigarette heraus und zündete sie sich an. Mit einer Geste bot er die Packung seinem Gegenüber an, doch dieser lehnte ab. Die scheinbare Selbstgefälligkeit, mit der der Präsident nun rauchte, missfiel dem jungen Politiker, aber vielleicht war es auch lediglich ein Zeichen seiner Nervosität.
»Wissen Sie«, sagte Michaut nun, »das Erstaunliche ist, dass man sich gegenseitig zwar als Politiker kennt. Aber obwohl wir beide auf so engem Gebiet arbeiten, dass wir schon fast zusammenarbeiten könnten, wissen wir voneinander tatsächlich nicht wesentlich mehr, als jeder andere aus dem Fernsehen, meinen Sie nicht auch? Gut, ich habe sicherlich ein paar mehr Akten über Sie als unsere Journalisten, und Sie werden auch Ihre internen Unterlagen über mich haben. Aber so ganz im Ernst: Ich kenne Sie nicht halb so gut, wie ich gerne würde.«
»Und Ihre Frage?«
»Ich frage mich – und das meine ich allen Ernstes –, welche Ziele Sie mit Ihrer Partei verfolgen. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich meine nicht Ihre Kampagnen, das was über Sie bekannt ist und was Sie öffentlich vertreten. Sie beziehen eine Position und treten für das patriotische Selbstverständnis Frankreichs ein«, er machte eine vage Handbewegung. »Das ist alles ganz spannend, quasi als Kontrastprogramm. Und in Maßen sogar gut für meine Politik. Was mich aber interessiert, ist Ihr Hintergrund. Wie denken Sie wirklich, welches ist Ihr ureigenes Interesse hinter der Position, die Sie vertreten?«
Laroche zögerte. Michaut war schwer einzuschätzen, und er war nicht dumm. Das war einer der Gründe, warum er so erfolgreich war. Wollte er wirklich wissen, wonach er fragte?
»Was erwarten Sie von mir?«, sagte Jean-Baptiste. »Dass ich mich Ihnen entblöße?«
Der Präsident hob beschwichtigend die Hände. »Keineswegs. Aber sehen Sie: Ich weiß, wonach Sie streben, und ich beobachte Ihren zunehmenden Erfolg. Wie ich eingangs sagte, kenne ich Sie viel zu wenig, aber ich wage zu behaupten, dass Sie nicht lediglich eine politische Gesinnung vertreten. Ich habe das Gefühl, dass Sie etwas anderes antreibt, etwas, das über die bloßen Belange einer Partei hinausgeht. Und das würde ich gerne besser verstehen.«
»Was lässt Sie glauben, dass Sie es verstehen würden?«
»Dann habe ich Recht?«
»Ich habe Ihnen nicht zugestimmt. Ich habe Ihnen lediglich nicht widersprochen.«
»Nun kommen Sie schon, erzählen Sie mir, was in Ihnen steckt.«
»Bei allem Respekt, Monsieur Michaut, wenn Sie mich schon auffordern, so offen zu sein, dann darf ich sicherlich erfahren, was Sie mit diesem Verhör bezwecken! Versuchen Sie, meine Wege zu studieren? Folgen Sie dem Rat unserer Altvorderen, und wollen Sie Ihren Feind besser kennen lernen als Ihren Freund? Oder wollen Sie sich gar mit dem Gegner verbünden, den Sie nicht besiegen können?«
»Weshalb ständig so feindselig? Wir sind doch hier nicht auf dem Schlachtfeld.«
»Nein? Sind wir das nicht?«
»Ich bitte Sie, Monsieur Laroche!« Der Präsident lachte. »Wir mögen uns ja dort draußen wie Kampfhähne gegenüberstehen, aber menschlich können wir uns durchaus respektieren.«
»Und das wollen Sie ausgerechnet dadurch erreichen, dass ich Ihnen meine politische Motivation erläutere?«
»Nein, nicht Ihre politische, sondern Ihre menschliche. Sehen Sie mich an. Ich komme aus einem reichen Elternhaus. Ich bin lange Jahre im Ausland aufgewachsen und habe andere Länder und Kulturen kennen gelernt. Und ich habe ihnen nachgetrauert, wenn ich sie verlassen musste. Die Welt war für mich immer größer und spannender als Frankreich allein. Für mich war seit damals ein vereintes Europa eine fast heilige Vision. Die Grenzen zwischen Ländern und Kulturen verschwimmen zu lassen, zusammenzuarbeiten, voneinander zu lernen. Meine politische Arbeit beruht so zum Teil auf einigen ganz persönlichen Träumen und Wünschen. Auch wenn ein wirklich vereintes Europa in meiner Amtszeit nicht zu realisieren ist, weisen aber all die kleinen Dinge meiner Politik einen Weg in die Richtung meiner Interessen. Und in diesem Licht wird vielleicht vieles verständlich. Selbst wenn man meiner politischen Arbeit nicht zustimmt, kann man mich trotzdem als Mensch respektieren, der ein nachvollziehbares Ziel vor Augen hat und diesem auch konsequent und mehr oder minder erfolgreich nachgeht.«
Jean-Baptiste Laroche sagte nichts.
»Ihre Partei«, fuhr Michaut fort, »die PNF, sieht in dem Gedanken des vereinten Europa eine Bedrohung. Sie sind keineswegs rückschrittlich, aber Sie scheinen rückwärts gewandt. Wie kommt das?«
»Rückwärts gewandt ist gut ausgedrückt...« Laroche sah einen Augenblick zur Decke. »Es interessiert Sie also, was es ist, das mich antreibt...« Er stand plötzlich auf und stützte sich mit den Händen auf den Schreibtisch des Präsidenten. »Gut. Dann will ich Ihnen von meinem Frankreich erzählen. Und lassen Sie mich dabei rückwärts gewandt sein.« Er begann, im Büro umherzulaufen. »Sie, mein lieber Monsieur Michaut, möchten Europa verbünden, möchten von der Macht Europas profitieren, sich den Weltmächten und den Weltmärkten entgegenstellen können. ›Einigkeit macht stark‹ ist Ihr Motto. Aber Sie verkennen dabei, dass Sie den Nerv der Zeit mit Füßen treten. Weshalb gibt es denn immer wieder Spannungen im Balkan, in der ehemaligen Sowjetunion oder im Nahen Osten? Nicht, weil die Menschen Einigung wünschen, sondern im Gegenteil, weil sie Angst davor haben, ihre nationale Identität zu verlieren.«
Präsident Michaut lehnte sich zurück, faltete die Hände und legte sein Kinn darauf. Er schien andächtig zu lauschen, während Laroche durch den Raum schritt und gestikulierte.
»Schauen Sie sich unser Frankreich an: Arbeitslosigkeit, Ausländerprobleme, wir verpassen den technischen Anschluss. Auf dem Weltmarkt haben wir kaum mehr eine Bedeutung, und wenn wir gerade mal ›gegen‹ etwas sind, ignoriert man uns, politisch findet selbst die Schweiz mehr Beachtung.«
Der Präsident holte Luft und wollte etwas erwidern, doch Laroche hob die Hand. »Ich weiß, es ist überspitzt. Aber nun wenden Sie den Blick weiter zurück: Was haben die Nazis mit uns gemacht? Überrollt haben sie uns. Gut, dass es Amerikaner gab, die uns in der Normandie helfen konnten, nicht wahr? Und es war doch vorher auch nicht anders! Denken Sie an den Ersten Weltkrieg, oder den Hundertjährigen Krieg! Zehntausend Tote allein bei einer einzigen Schlacht bei Azincourt – und das bei einem Kampf ohne Massenvernichtungswaffen. Die Engländer haben damals die Blüte Frankreichs mächtig aufgerieben. Eine ganze Generation Adliger und Ritter wurde an einem Tag abgeschlachtet. Was ist aus dem stolzen, mächtigen Frankreich geworden? Was ist aus dem Reich Karls des Großen geworden? Was aus den Merowingern vor ihm? Was für eine Macht hatte das Reich der Franken damals – was für eine göttliche Macht. Wir waren nach dem Fall Roms das politische und geistige Zentrum des Abendlandes, viele hundert Jahre lang. Und nun kommen wir dazu, was mein Interesse ist. Sie haben Recht; es geht mir um mehr als eine politische Arbeit am nationalen Selbstverständnis Frankreichs. Ich möchte dieses Land nicht in einem Schmelztiegel der Nationen und Gesinnungen zu einem bedeutungslosen Brei verkochen lassen. Ich möchte Frankreich zu seinen Wurzeln zurückführen und ihm seinen gottgegebenen Platz wieder einräumen.«
Jean-Baptiste Laroche hatte sich in Rage geredet. Er machte den Eindruck eines Wanderpredigers. Er war dogmatisch, fundamentalistisch, ohne Frage, aber er war auch ein Charismatiker, und er überzeugte durch eine ganz besondere Begeisterung – eine Art von ehrlicher, inniger Begeisterung.
»Das ist es, was die Menschen in diesem Land spüren. Wir waren einmal das auserwählte Volk. Es geht hier nicht um Arbeitslosigkeit allein, es geht um eine vergangene Größe, um den Verlust der Gnade Gottes.«
»Verlust der Gnade Gottes? Ich wusste nicht, dass Sie ein so gläubiger Mensch sind, Monsieur Laroche.«
»Sie verkennen die Lage, Monsieur Michaut. Alleine schon die Tatsache, dass Millionen von Franzosen diesen Verlust spüren, macht die Frage irrelevant, ob ich selber gläubig bin oder nicht. Aber unabhängig davon: Ja, ich bin gläubig, und zwar viel intensiver und auf eine ganz andere Art, als Sie es sich vorstellen können.«
»Heißt das, dass Ihre Partei ein Vehikel für einen Feldzug des Glaubens ist?«
»Sie haben nach meinem ureigenen Interesse gefragt, und ich bezweifelte, dass Sie es verstehen würden. Nun sind wir so weit: Ja. Sie haben verdammt Recht. Es geht darum, Frankreich einen Messias zu bringen, wenn Sie es so nennen möchten, einen wahren Erben des königlichen Blutes, um dem Land die Gnade Gottes und sein Vorrecht auf die Herrschaft wiederzubringen.«
Der Präsident atmete langsam und tief ein. Das Gespräch hatte eine unerwartete Wendung genommen. Jean-Baptiste Laroche war zu intelligent; er konnte sich ihn einfach nicht als religiösen Fanatiker vorstellen, der auch noch von der Industrie unterstützt wurde. Zugegeben, die »Industrie« waren Verwandte, aber gerade deswegen konnten es nicht allein seine verklärten frommen Predigten über die Gnade Gottes sein, die seinen Erfolg ausmachten. Irgendetwas tiefer Liegendes unterstützte den Mann, etwas gab ihm Recht, machte ihn glaubwürdig.
»Und dieser Messias«, begann der Präsident zögerlich, »das sind Sie?«
»Ja.« Jean-Baptiste Laroche baute sich vor dem Schreibtisch auf. Seine Champagnerlaune war zurückgekehrt. »Ja, ich bin der Messias. Jene, die mich unterstützen, wissen es, und es gibt nichts, was Sie dagegen tun könnten. Und wenn Sie mich umbringen, dann schaffen Sie einen neuen Märtyrer, Ihr ganz persönliches Armageddon. Denn ich bin der Erbe des königlichen Blutes!«
9. Mai, Wald bei St.-Pierre-Du-Bois
Fernand Levasseur parkte seinen Wagen am Ende des Schotterweges, der von der alten Forsthütte im Vallée des Cerfs den Berg hinaufführte. Von hier aus war es ein Marsch von etwa einer halben Stunde, bis er vermutlich den hinteren Teil der Absperrung erreichen würde, die die Forscher um den Berggipfel errichtet hatten. Der Förster wusste nicht genau, wo sich der Zaun befinden würde und ob es dort überhaupt einen gab, aber er kannte das Gebiet auf der Rückseite des Berges sehr gut. Es gab dort nur eine steile Wand. Sie erübrigte wahrscheinlich das Aufstellen eines Zauns – und viele Möglichkeiten, wo man ihn entlangführen konnte, gab es sowieso nicht, dafür aber eine Gelegenheit, den Felshang auf andere Art zu bezwingen. Er hoffte darauf, dass er auf diese Weise in das abgesperrte Gebiet eindringen und dem Rätsel der Forscher auf die Spur kommen konnte.
Er hatte dunkelgrüne Forstkleidung angezogen, so dass er sich unauffällig im Wald bewegen konnte. Ein Gewehr hatte er ebenfalls geschultert, um notfalls den Eindruck eines einfältigen Jägers zu erwecken. Er konnte die Forscher und ihr Unternehmen schlecht einschätzen, hatte aber das Camp der Ranger und die Anzahl der dort beschäftigten Männer gesehen. Er vermutete, dass diese von den Forschern inzwischen gewarnt worden waren, dass er sich möglicherweise Einlass verschaffen würde. Es mochte gut sein, dass die Ranger die Absperrung nun strenger überwachten, daher wollte er keine Aufmerksamkeit erregen.
War der Wald anfangs noch mühelos zu durchdringen, ließ sich der Weg nach einer Weile immer schwerer bewältigen. Die Bäume standen zwar nicht mehr so dicht, aber dafür versperrten zunehmend große Felsen den Weg. Das Unterholz war unwegsam und bildete zusammen mit den Gesteinsbrocken und dem Geröll gefährliche Wälle, fast schon eine Art natürliche Barrikaden. Gleichzeitig wurde der Untergrund immer steiler. Der Förster wusste, dass er bald die Baumgrenze erreicht hatte. Es dauerte länger als erwartet, bis er schließlich an die Felswand kam. Wie er gehofft hatte, war nirgendwo ein Zaun zu sehen, und es war an dieser Stelle ja auch scheinbar nicht notwendig. Die Wand machte einen soliden und unbezwingbaren Eindruck – zumindest ohne die richtige Ausrüstung.
Er hielt sich rechts und schritt den Fels entlang. Er hatte sich im Wald etwas zu weit links gehalten und war deshalb an der falschen Stelle herausgekommen. Nun suchte er eine ganz besondere Felsspalte.
Dieses Gebiet am Fuß des Vue d'Archiviste war ihm wohl vertraut. Vor einigen Jahren hatte er mehrere Wochen im Sommer damit verbracht, den Berg zu erkunden. In diesem Teil des Languedoc gab es kaum Berge, die sich nicht auf die eine oder andere Art besteigen ließen. In der Regel gab es entweder einen relativ leichten Aufstieg an einer sanft ansteigenden Seite, den man auch als Wanderer mit ein wenig Ausdauer und Kondition wagen konnte. Oder aber es gab Zugänge von einem anderen Berggipfel über die Kämme hinweg. Der Vue d'Archiviste war eine Ausnahme. Er stand ziemlich isoliert, so dass es keine andere Möglichkeit gab, ihn zu erreichen. Man musste sich ihm von unten nähern und die Spitze direkt besteigen. Fernand Levasseur war kein Bergsteiger oder Sportler, deswegen hatte er lange Zeit damit verbracht, einen Weg zur Spitze zu finden, ohne sich mit Steigeisen und Seil an die Steilwand wagen zu müssen. Er wusste, dass man auf der anderen Seite des Berges durch den Wald ziemlich weit nach oben gelangen konnte. Auch dort stieß man irgendwann an eine Felswand, doch die machte einen relativ harmlosen Eindruck, wenn man sich darauf vorbereitete. Nachdem er diesen Weg gefunden hatte, war es immer sein Ziel gewesen, dort einmal einen Aufstieg zu unternehmen. Aber irgendwie war er nie dazu gekommen. Besonders nicht, nachdem Fauvel Bürgermeister geworden war und es dauernd Auseinandersetzungen zwischen der Umweltbehörde und dem Bauamt gab.
Es dauerte nicht lang, da fand er die Felsspalte wieder. Genau genommen war es mehr als eine Felsspalte. Aber das sah man erst, wenn man sich die ersten paar Meter hindurchgezwängt hatte. Dann weitete sich der Spalt, so dass man bequem darin stehen konnte. Vor Jahrhunderten oder noch längerer Zeit musste der Berg an dieser Stelle auseinander gebrochen sein. Vielleicht war er auch im Laufe der Zeit immer weiter auseinander gedriftet. Tonnen von Geröll waren in den Spalt gefallen, Sträucher wuchsen hier. Er war diesem Weg noch nicht weit gefolgt, aber den Rand der Spalte säumten viele Absätze; mit ein wenig Vorsicht konnte man hier ziemlich weit nach oben gelangen. Außerdem waren viele Aushöhlungen entstanden – entweder durch eingebrochene Höhlen oder auch einfach durch Regenwasser und Gesteinsschutt, der sich gelöst hatte. Der Spalt zog sich viel weiter durch den Fels als ein bloßer Riss im Berg.
Der Förster folgte dem versteckten Hohlweg und arbeitete sich langsam, aber ohne große Mühe, stetig höher. Einige Male lösten sich kleinere Steine unter ihm, aber großenteils war der Untergrund stabil. Wenn er abgerutscht wäre, hätte er vielleicht zwischen den Steinbrocken stecken bleiben oder Geröll mitreißen und sich alle möglichen Knochen brechen können. Aber er hatte für gutes Schuhwerk gesorgt und tastete mit Händen und Füßen alles ab. Der Spalt führte ihn nach etwa einer weiteren halben Stunde auf eine Felsterrasse. Er trat vorsichtig an den Rand und blickte in die Tiefe, um sich zu orientieren. Er konnte kaum glauben, dass er offensichtlich mehrere hundert Meter überwunden hatte. Der Wald war völlig zurückgewichen. Von einer Absperrung, einem Zaun oder von den Rangern war nichts zu sehen. Er befand sich aber immer noch auf der rückwärtigen Seite des Berges, derjenigen, die nicht erklimmbar schien und die deswegen anscheinend unbeachtet geblieben war.
Er sah sich auf der Terrasse um und prüfte den Fels auf allen Seiten. Bis hierher war es nicht allzu schwer gewesen. Wenn er nun weiter außen am Felsen vordrang, musste er aber besonders darauf achten, dass er denselben Weg auch wieder zurückgehen konnte.
Eng an den Berg gepresst, schritt er auf einem etwa einen Meter breiten Sims weiter. Sein Blick wanderte vom Stein vor ihm immer wieder nach unten, um abzuschätzen, ob er von unten zu sehen war und ob man ihn vielleicht beobachtete. Aber er machte sich nichts vor. Jemand, den er von hier aus im Wald nicht ausmachen konnte, würde ihn mit ziemlicher Sicherheit an der Felswand gut sehen können. Er konnte nur hoffen, dass einfach niemand da war, der zufällig nach oben schaute. Und er rechnete sich gute Chancen aus, unentdeckt zu bleiben, denn schließlich erwarteten die Ranger Eindringlinge bestimmt eher am Zaun als auf dem Berg.
Als sei er künstlich angelegt, führte der Sims an der Wand entlang, bis der Förster auf der anderen Seite des Berges angelangt war. Der Blick nach unten ließ nun das hier etwas sanfter abfallende Gelände erkennen und sogar einige Wiesen zwischen den spärlich stehenden Bäumen. Dies wäre die Stelle gewesen, an der man für den leichten Aufstieg hochgekommen wäre und die er sich gemerkt hatte. Und er hatte sich nicht getäuscht: Dort wäre er niemals unbemerkt hindurchgekommen. Er konnte eine Schneise und frische Reifenspuren wie von einem schweren Geländefahrzeug erkennen. Das war also tatsächlich schon das Gebiet, auf dem sich die Forscher und die Ranger aufhielten. Angestrengt hielt er nach weiteren Einzelheiten Ausschau, als er plötzlich stockte.
Den ziemlich steilen Felshang unter ihm führte ein Seil hinauf, das professionell verankert war. Offensichtlich diente es dazu, sich daran nach oben zu arbeiten. Und es endete direkt unter ihm!
Vorsichtig beugte sich der Förster nach vorn und erkannte, dass sich wenige Meter unter ihm ein anderer Felsabsatz befand. Das Seil führte dorthin. Deutliche Spuren auf dem Boden ließen erkennen, dass dort gearbeitet worden war. Als er schließlich noch einen Ölkanister entdeckte, war seine Neugier endgültig geweckt. Er sah sich fieberhaft nach einer Abstiegsmöglichkeit um und fand bald ein paar kleine Steinvorsprünge, die ihm sicher vorkamen. Kurz darauf hatte er den Felsvorsprung unter sich erreicht, und ein zweites Mal hielt er erstaunt inne. Was von oben wie ein kleiner Vorsprung ausgesehen hatte, war eine breite Terrasse, die in den Fels hineinführte. Dicht an der Wand standen Fässer und zwei Stromgeneratoren. Von hier aus führten Kabel zu einem Höhleneingang und verschwanden darin. Der Eingang selbst war aber mit einem schweren Stahltor verschlossen.
Das Tor war solide und mit einem Sicherheitsschloss versehen. Unmöglich, hier einzudringen. Doch was verbarg sich dahinter? Hatten die Forscher Gold entdeckt? Uran? Oder unternahmen sie geheime Experimente? War dies der Eingang zu einem Labor oder einem Lager?
Er betastete das Stahltor und versuchte, durch die schmalen Spalten zu spähen, die zwischen der unregelmäßigen Wand und den Bolzen lagen, mit denen der Rahmen des Tores im Eingang verspannt war. Im Inneren war es jedoch zu dunkel, um irgendetwas auszumachen. Aber er hatte es geahnt: Mit einer Tollwutseuche hatte dies so wenig zu tun wie Louis de Funés mit Charles de Gaulle.
Er bedauerte, dass seine Nachforschung hier ein jähes Ende fand. Er war so kurz davor! Aber es hatte keinen Zweck, zu versuchen, hier einzudringen oder darauf zu warten, dass sich doch noch ein Ranger hierher verirrte. Mehr würde er jetzt nicht erfahren. Nun konnte er sich nur noch direkt an die Forscher halten, und er hatte auch schon einen Plan, wie er es anstellen würde.
9. Mai, ein Gewölbe bei Albi
Lediglich ein halbes Dutzend mannshoher Kerzenständer erleuchteten den steinernen Saal. Fast hätte man es für einen romantischen Weinkeller halten können, wenn nicht die düsteren Möbel und die drohenden Wandmalereien eine andere Sprache gesprochen hätten. Auch der Boden war verziert. Mehrere konzentrische Kreise umschlossen ein übergroßes Pentagramm. Verschiedene magische Symbole waren um den Drudenfuß gruppiert, neben Beschriftungen in einer unleserlichen, archaisch anmutenden Schrift. Das Pentagramm schien auf dem Kopf zu stehen; es war so ausgerichtet, dass es mit einer Spitze zum unteren Ende des Saals wies, zum Eingang, während seine beiden Füße wie zwei Hörner in die Richtung der Erhöhung deuteten, auf der eine Art Thron den Raum überragte.
Der Thron war aus dunklem Holz gefertigt und mit aufwendigen Schnitzereien übersät. Der unbekannte Künstler hatte in sehr naturalistischer Weise die einzelnen Teile des Holzes in organisch anmutende Formen und animalische Gliedmaßen verwandelt. Die Stuhlbeine waren sehr dick, muskulös und behaart. Wie die Beine eines Raubtiers, eines Bären etwa, wirkten sie kraftvoll und bedrohlich. Sie endeten in Hufen, denen einer übergroßen Ziege nicht unähnlich. Auch die Armlehnen waren meisterhaft ausgearbeitet. Mit eindrucksvollen, geschnitzten Muskeln versehen, reckten sie sich nach vorn und endeten in krallenbewehrten Klauen. Am imposantesten jedoch war die hohe Rückenlehne. Sie erhob sich fast einen Meter über jeden, der auf der Sitzfläche Platz nahm. Der Künstler hatte ihr den Anschein einer nackten, bis in die kleinste Einzelheit detailgetreuen durchtrainierten Männerbrust gegeben. Durch das dunkle Holz und die scheinbar hervortretenden Adern auf den glänzenden Muskeln strahlte das Schnitzwerk eine unheimliche, unmenschliche Kraft aus, eine bedrohliche Anspannung. Erhöht wurde dieser Eindruck durch breite Schultern und einen kräftigen Hals. Die obere Hälfte der Lehne bildete einen gewaltigen Schädel, eine verzerrte Tiergestalt mit Schnauze und gebleckten Reißzähnen, die unheilvoll in den Saal starrte, gekrönt von einem Paar nach oben geschwungener Hörner.
Auf dem Schoß des monströsen Mischwesens, das der Thron darstellte, saß ein junger Mann in dunklem Anzug. Er hatte die Beine übereinander geschlagen, die Arme ruhten entspannt auf den Lehnen, sein Rücken war angelehnt. Sein Gesicht lag im Schatten unter dem nach vorn ragenden Kopf der Bestie.
Er betrachtete eine Weile die beiden Männer, die in der Mitte des großen Pentagramms standen und zu ihm aufsahen. Er schwieg, nahm ihre absolute Ergebenheit in sich auf. Sie würden nicht wagen, sich zu rühren oder einen Ton zu sagen, bevor er sie nicht ansprach. Sie waren vollkommene Diener Belials, hatten ihre Seelen schon vor Jahren dem Tier verpfändet. Sie hatten sich ihm unterworfen und waren dafür reich und mächtig geworden, zumindest für ihre bescheidenen Verhältnisse. Aber ihre Seele würden sie niemals zurückbekommen.
Er kannte sie beide. Ihre Berufe, ihre Familien, alles, was ihre weltlichen Existenzen ausmachte. Er beobachtete ihren ständigen Werdegang, kannte ihre Stärken, Schwächen und ihre Ängste. Er kannte sie; wie seine Kinder kannte er sie alle, aber er nannte sie nie bei ihren Namen. Weder bei ihren wahren noch bei irgendwelchen anderen Namen. Es war Teil ihrer Nichtigkeit vor Belial.
Nun wies er auf den linken der beiden Männer.
»Was kannst du berichten?«
»Professor Peter Lavell hat am Völkerkundemuseum in Hamburg keine Adresse hinterlassen. Er ist aber am neunundzwanzigsten April nach Béziers geflogen.«
»Gibt es seitdem ein Lebenszeichen von ihm oder einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort?«
»Nein, Meister.«
Der Mann im Anzug wies auf den anderen.
»Und welche Neuigkeiten bringst du?«
»Der Wagen, den die beiden Forscher in Cannes fuhren, hatte ein französisches Kennzeichen. Er war auf die Garde Nationale d'Environnement et de la Santé gemeldet. Und zwar auf die Region Languedoc-Roussillon.«
»Hast du dich bei der GNES über sie erkundigt?«
»Dort streitet man jede Kenntnis über die beiden ab, Meister.«
Der Mann auf dem dämonischen Thron führte eine Hand zum Kinn und stützte es auf. Dass die Forscher im Languedoc unterwegs waren, wunderte ihn nicht. Hier waren sie wohl auf den »Kreis von Montségur« gestoßen. Merkwürdig nur, was sie mit der Umweltbehörde zu schaffen hatten. Viel wahrscheinlicher war, dass es in die Irre führen sollte. Aber dabei musste es schon um eine Arbeit von ziemlicher Wichtigkeit gehen, und es deutete auf entsprechend einflussreiche Hintermänner hin.
»Hast du einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort gefunden?«
»Nicht direkt, allerdings gibt es im Languedoc zurzeit Aktivitäten der GNES, die man aber ebenfalls abstreitet. Möglicherweise hängt beides zusammen.«
»Was für Aktivitäten?«
»Es scheint eine Tollwutepidemie gegeben zu haben. Die GNES hat ein ganzes Areal zur Untersuchung abgesperrt.«
»Wo liegt dieses Areal?«
»Bei St.-Pierre-Du-Bois, Meister.«
Er schwieg einen Augenblick. Er hatte genug gehört. »Ihr könnt beide gehen«, wies er die Männer an, die sich nach einem tiefen Nicken umdrehten und entfernten.
Eine Weile blieb er still im Halbdunkel sitzen und lächelte in sich hinein. Was für ein Fest! Professor Peter Lavell hier im Languedoc, zum Greifen nahe, und bei ihm die Untersuchungsergebnisse über den »Kreis von Montségur«!
Es wurde Zeit, dass die Hand von Belial ihre Fänge ausstreckte.
9, Mai, Büro des Bürgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois
Didier Fauvel kochte vor Wut. Manche Leute behaupteten, es fehle nie viel, um ihn zur Weißglut zu bringen. Aber das stimmte nicht. Im Grunde war er ein sehr geduldiger Mensch. Er versuchte immer, es allen recht zu machen und auf alle Rücksicht zu nehmen. Und dann war es auch sein verdammtes Recht, dass man auf ihn Rücksicht nahm! Er stellte nun wirklich keine großen Ansprüche an die Intelligenz oder Opferbereitschaft seiner Mitmenschen, aber die Leute hatten ihn zu respektieren. Bei allem, was er für sie tat, war das nicht zu viel verlangt. Aber manchmal hatte er das Gefühl, nur von Idioten umgeben zu sein!
Heute war ein solcher Tag.
Luc hatte sein Hotel verkauft. Das Hôtel de la Grange. Einfach verkauft!
Mal abgesehen davon, dass sich Luc keinen beschisseneren Zeitpunkt dafür hätte aussuchen können, hatte er ihn gefälligst vorher von seinen Plänen zu informieren. Er war schließlich hier der Bürgermeister!
Wie hatte er Luc unterstützt, ihm Genehmigungen besorgt und ihm mit seinen Verbindungen geholfen, am Flughafen in Béziers Werbung zu machen, einen Eintrag im Michelin zu bekommen, ganz zu schweigen von den Subventionen. Gemeinsam hatten sie den Tourismus angekurbelt und nach St.-Pierre-Du-Bois geholt. Und nun hatte Luc nichts Besseres im Sinn, als sich an eine Schlampe aus Genf zu verkaufen.
Didier Fauvel schenkte sich einen Cognac ein und stürzte ihn hinunter.
Verdammt, was hatte sie ihm geboten? Hundert Millionen Euro? Ein Kasino in Monaco? Einen Sitz im Europarat?
Er schenkte sich nach und trat ans Fenster. Als er dabei mit der Hüfte an seinem Sessel hängen blieb und sein Glas fast überschwappte, versetzte er dem Möbel einen wütenden Tritt. Doch er bereute es sofort. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Zehen, und mit pochendem Fuß blieb er vor dem Fenster stehen.
Merde!
Er sah kopfschüttelnd in die Abenddämmerung hinaus. Er hatte keine Idee, wie er die Forscher jetzt einigermaßen elegant loswerden konnte. Sie richteten sich nun erst recht in ihrem neuen Privathotel häuslich ein. Es würde ihn nicht wundern, wenn nach und nach alle übrigen Gäste hinauskomplimentiert und in den nächsten Wochen ganze Horden von Wissenschaftlern auf Geheiß der GNES hier ihre Zelte aufschlagen würden!
Er fragte sich, wie oft es wohl vorkam, dass die Vereinten Nationen in Genf ein Hotel kauften, um eine Tollwut-Untersuchung in Südfrankreich zu unterstützen...
Er fragte sich auch, wie oft wichtige Industrielle in Paris ein Interesse daran hatten, dass ebendiese Untersuchungen eingestellt wurden...
Offensichtlich ging es hier um wesentlich mehr als um ein paar tote Füchse, auch wenn sein Förster mit dieser Lesart keine Probleme zu haben schien. Aber mit Levasseur hatte er sich nie gut verstanden. Fachlich mochte der Mann seine Qualitäten haben, aber er hatte keine Ahnung von Politik und von Wirtschaft. Nicht mal von Tourismus wollte er etwas wissen, im Gegenteil, er wollte ein Naturschutzgebiet errichten, wegen ein paar dämlicher Viecher und irgendwelcher seltenen Sumpfgräser oder was immer es gewesen war.
Nein, hier ging es um mehr, das roch förmlich nach einer großen Sache. Vielleicht hatte man eine Leiche gefunden, und nun war Europol im Spiel? Vielleicht einen alten geheimen Bunker mit den sterblichen Resten irgendwelcher prominenten Kriegsverbrecher? Ein Spionagefall, der nun aufgeklärt werden sollte, oder so etwas? Vielleicht hatte es auch mit Giftmüll zu tun, einem illegalen radioaktiven Endlager?
In jedem Fall musste es so Aufsehen erregend sein, dass man in Paris deswegen sehr nervös wurde.
Didier Fauvel ließ sich die Situation wieder und wieder durch den Kopf gehen. Er war nicht dumm, sonst hätte er diesen Posten nie bekommen, wäre nie dort, wo er heute angekommen war. Er wägte die Lage ab und seine Optionen. Im Grunde musste er Luc sogar dankbar sein. Erst durch den Verkauf des Hotels waren die Fronten und das Spiel offensichtlich geworden. Nun musste sich erweisen, wie gut er damit zurechtkam.
Er wusste, dass er aus Paris beobachtet wurde. Er hatte eine Schuld zu begleichen, und er würde es tun. Für Paris und für sein eigenes Seelenheil.
Er wandte sich seinem Sessel zu, setzte sich, griff zum Telefon und wählte die Nummer eines Handys.
»Hier ist Didier, hallo... ja, ich bin es... Ja, wir haben lange nicht mehr gesprochen, Paul... hör zu, ich brauche deine Hilfe... Nein, ich kann es dir am Telefon nicht sagen, ist eine größere Sache. Wir müssen uns treffen, am liebsten heute Abend noch... Nun gut, dann morgen. Um fünf. Bei dir, einverstanden. Bis dann.«