Kapitel 10

7. Mai, Flug Béziers – Paris

Was halten Sie von ihr, Patrick?« Die Stewardess hatte gerade Getränke verteilt und bemühte sich nun, in der kurzen verbleibenden Zeit, bis die Anschnallzeichen für den Landeanflug wieder aufleuchten würden, mit gewollter Ruhe und Freundlichkeit ein Maximum an Service zu bieten, leider ohne ihre tatsächliche Hektik völlig verbergen zu können.

»Von der Stewardess?« Patrick grinste.

»Nein, von Stefanie. Mir scheint, dass Sie nicht begeistert von ihrer Mitarbeit sind. Sie waren ja fast erleichtert, als sie unbedingt im Hotel an den Rechnern bleiben wollte.«

»Ihre Arbeit ist gut. Ich habe nichts gegen sie.«

»Hören Sie auf, Patrick. Ist es Neid?«

Patrick winkte ab. »Unsinn, nein! Sie arbeitet gut. Manchmal ist sie mir etwas zu herablassend, wissen Sie? Eine Klugscheißerin.« Er sah aus dem Fenster.

Peter schwenkte seinen Plastikbecher mit langsamen Bewegungen und ließ so die Eiswürfel im Kreis taumeln. »Ich frage mich gerade«, sagte er und betrachtete Patrick von der Seite, »wie viel Kälte so ein kleiner Eiswürfel abgeben kann, um den ganzen Becher zu kühlen...«

»Der Eiswürfel gibt gar keine Kälte ab.«

»Ach nein?« Peter lächelte.

»Der Eiswürfel schmilzt, da seine Umgebung wärmer als null Grad ist. Für diese Zustandsänderung benötigt er aber Energie. Deswegen holt er sich die Wärmeenergie seiner Umgebung. Es ist nicht das Eis, das Kälte abgibt, sondern die Flüssigkeit, die Wärme abgibt.«

»Na sehen Sie, Herr Ingenieur, das Klugscheißen macht Ihnen doch selber Spaß. Na los, sagen Sie schon, was Sie an Stefanie stört.«

»Nichts, wenn ich es doch sage! Ich muss ihr ja nicht gleich um den Hals fallen. Ehrlich gesagt, mache ich mir im Augenblick über ganz andere Dinge Gedanken.«

»Die Loge?«

»Ja. Ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, sich noch mal mit diesen Leuten zu treffen, sie sind mir wirklich unheimlich.« Patrick sah zum Professor hinüber. »Sie scheint das nicht weiter zu berühren. Was wissen Sie noch alles über die Freimaurer?«

»Ich habe es Ihnen schon gesagt, ich hatte Sebastian während meiner Recherchen vor einigen Jahren kennen gelernt. Die haben ihre Rituale und Zeremonien, das muss einen nicht bekümmern.«

»Und diese Kabbala? Was hat es damit auf sich?«

»Die Kabbala entstammt dem jüdischen Mystizismus. Es geht darum, die wahre, ursprüngliche Thora wiederzufinden, die Wahrheiten und Weisheiten Gottes.«

»Eine Geheimlehre?«

»Fast die gesamte Magie des Mittelalters, oder das, was man so nannte, war von kabbalistischem Gedankengut durchzogen. Inzwischen gibt es so viele Bücher darüber, hauptsächlich aus der esoterischen Ecke, dass man es schwerlich eine Geheimlehre nennen kann.«

»Wie kommt es, dass Sie sich so gut damit auskennen? Sie scheinen auch mehr zu wissen, als es den Anschein hat, Herr Professor.«

»Der Siegeszug der Vernunft – Aberglaube und Rationalität im Wandel der Jahrtausende, erinnern Sie sich? Meine Vorlesungsreihe.«

»Also gut, erzählen Sie mehr davon. Was ist die Thora, und wie will man die Weisheiten Gottes darin wiederfinden?«

»›Thora‹ ist das hebräische Wort für ›Lehre‹, damit ist der Pentateuch gemeint, die fünf Bücher Moses. Der gesamte Text ist auf eine Rolle geschrieben, in hebräischen Buchstaben. Die religiösen hebräischen Texte werden und wurden stets buchstabengetreu kopiert, so dass zum Beispiel alle hebräischen Bibeln weltweit, egal wie alt, immer absolut identisch sind. Nun gibt es verschiedene kabbalistische Methoden, die Thora zu lesen, sozusagen zu entschlüsseln, um geheime, dahinter liegende Botschaften zu finden.«

»Renée Großmeister war ja auch der Meinung, dass Hebräisch die Sprache Gottes sei.«

»Ja, die Suche nach der vollkommenen Sprache, die im Spätmittelalter und der Renaissance wahre Paradiesblüten getrieben hat, und die Kabbala hängen zusammen.«

»Und? Hat man schon versteckte Botschaften in der Thora gefunden?« Patrick war hellhörig geworden.

»Die Kabbalisten sind der festen Überzeugung, dass ja.«

»Haben Sie eine Ahnung, was das für Methoden sind, mit denen da gearbeitet wird?«

»Es gibt verschiedene Systeme, mit denen Buchstaben umgestellt und Anagramme gebildet werden. Zudem hat jeder Buchstabe einen Zahlenwert. So kann man aus Wörtern Summen bilden. Diese Zahlen vergleicht und verrechnet man dann mit den Zahlenwerten anderer Wörter. Ach, es gibt unzählige Arten und Kombinationen. Besorgen Sie sich doch mal ein Buch, wenn es Sie so interessiert.«

Ein Gong tönte durch das Flugzeug, gefolgt von einer Durchsage, dass man sich in Vorbereitung auf den Landeanflug anschnallen, die Tische hochklappen und die Rückenlehnen senkrecht stellen möge.

»Oder warum fragen Sie Renée Colladon nicht selbst?«

Patrick lachte. »Das sollte ich wirklich tun. Meinen Sie, sie wird uns etwas darüber erzählen?«

»Ich glaube, sie wird uns noch etwas ganz anderes erzählen. Sie hat uns schließlich eingeladen, um uns entgegenzukommen, ist es nicht so?«

»Ich bin gespannt, Peter, ich bin wirklich gespannt.«

»Renée scheint einen Hang fürs Theatralische zu haben.« Patrick betrachtete das mittlere Portal der Kathedrale, auf dem eine dramatische Darstellung des Jüngsten Gerichts prangte, in der Jesus als Weltenrichter die Seelen wahlweise zur Seligkeit oder zu Höllenqualen verdammte, beides für die Ewigkeit. Hier wird also die Spreu vom Weizen getrennt, überlegte er. »Das war's, Feierabend, ihr habt eure Chance gehabt, ihr Verlierer.« Kein »Hey, wisst ihr was, Jungs, ich hab's mir überlegt, ich vergebe euch trotzdem«. Nach Jahrtausenden noch nachtragend, der Alte Herr.

»Haben Sie eine Vorstellung davon, wie oft ich schon in Paris gewesen bin«, sagte Peter, »und nun müssen wir erst zu einem geheimen Treffen eingeladen werden, um einmal nach Notre Dame zu kommen.«

»Na, dann lohnt sich der Besuch für Sie ja auf alle Fälle.«

Sie waren nicht zu früh. Neben einer der gewaltigen Säulen im Eingangsbereich stand eine Frau und kam mit ausgestreckter Hand auf die beiden zu, als sie sie erblickten.

»Monsieur Nevreux, Professor Lavell, ich bin Renée Colladon.« Die Frau schien mittleren Alters zu sein. Sie trug eine dunkelrote Kombination aus Rock, Bluse und Jackett und wirkte sehr geschäftsmäßig. Unter dem Arm hielt sie eine schwarze Ledermappe.

»Sehr erfreut, Sie wiederzutreffen«, begrüßte Peter sie.

»Ihre Stimme kommt mir in der Tat bekannt vor«, sagte Patrick. »Heute ganz ohne Kapuze?«

Die Frau lächelte. »Vielleicht schaffe ich es noch, dass Sie sich etwas weniger lustig machen.«

»Ich hoffe, Sie nehmen es nicht übel«, warf Peter ein, aber Patrick ließ sich nicht beirren.

»Beeindrucken Sie mich«, forderte er die Frau heraus.

»Das werde ich nicht tun, Monsieur Nevreux. Und wissen Sie auch, warum? Weil ich nicht den missionarischen Eifer habe, Ihnen die Augen zu öffnen, solange Sie sie verschließen.« Sie wandte sich langsam zum Gehen, und während sie wie beiläufig durch den seitlichen Gang des Mittelschiffes schlenderten, fuhr sie fort: »Aber Sie suchen, und ich werde Ihnen Antworten geben. Deswegen treffen Sie mich heute ohne Verhüllung. Ich möchte Ihnen meine Aufrichtigkeit demonstrieren, und mein Vertrauen in Sie. Sehen Sie dieses Fenster? Was für prachtvolle Details die Sonne enthüllt? Fiat lux, es werde Licht! Wie kann ich Ihnen helfen, Messieurs?«

»Sie haben die Zeichnung gesehen«, sagte Peter. »Was können Sie uns über die Rose sagen?«

»Monsieur le Professeur, Sie verschwenden wirklich kein überflüssiges Wort. Aber lassen Sie uns noch nicht über die Rose sprechen. Am Ende werde ich es sein, die nach der Rose fragt, daher nutzen Sie die Chance, die Fragen zu stellen, die Ihnen wirklich am Herzen liegen. Monsieur Nevreux, Sie schienen mir bei unserem letzten Treffen ebenso unverblümt wie unbedarft...«

»Gut, wenn Sie wollen, dann erzählen Sie mir mehr über den Mumpitz in der Loge, die Kleidung, den Saal, den Gefangenen. Und haben Sie schon göttliche Weisheiten in der Thora gefunden?«

»Patrick, ich bitte Sie!«

»Es ist schon gut, Professor, ich habe diese Fragen erwartet, und ich bin bereit, sie zu beantworten; zumindest so gut ich sie einem Außenstehenden in wenigen Worten beantworten kann. Professor, sagen Sie uns, welches dem heutigen Stand der Wissenschaft nach die Wiege der Menschheit ist. Ist es nicht Afrika?«

»In gewissem Sinne und mit Einschränkungen, ja.«

»Ihre Zurückhaltung ist nicht vonnöten, Monsieur le Professeur, Sie sprechen nicht vor einem Anwalt.« Renée lachte. »Aber es ist nur richtig, dass Sie mir zustimmen. Nicht nur die Wiege der Menschheit liegt hier. Hier nahm alle Schöpfung und alle Vernunft ihren Anfang. Hier war das Paradies. Hier wurde noch die Sprache Gottes gesprochen, und hier taten wir auch die ersten baumeisterlichen Schritte. Die Ägypter bauten die Pyramiden, und Noah konnte sich und sein Gefolge retten, als Gott ihn warnte und die große Flut alles verschlang.«

»Die Sintflut fand also in Nordostafrika statt?« Patrick versuchte, seinen Tonfall nicht allzu sarkastisch klingen zu lassen.

»Monsieur Nevreux, ich bitte Sie!« Renée Colladon schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Die Sintflut war weder ein globales Ereignis, noch fand sie in Ägypten statt. Die moderne Forschung bestätigt dies auch. Inzwischen ist nachgewiesen, dass der Wasserstand des Schwarzen Meeres ehemals hundert Meter tiefer lag, und dass es das Land zwischen Euphrat und Tigris war, das vollständig überschwemmt wurde.« Sie blickte zu Peter, wie um sich die historischen Daten bestätigen zu lassen, doch dieser hielt sich für die Dauer des Vortrags zurück. Sie fuhr fort: »Die Sintflut fand im Nahen Osten statt; bis hier war auch die Zivilisation vorgedrungen, und von hier stammen die Berichte über die Sintflut.«

Sie hatten inzwischen das Querschiff erreicht und erlangten hier erstmals einen guten Eindruck von der gewaltigen Höhe der Kathedrale. Um zu verhindern, dass andere Touristen ihrem Gespräch folgten, setzten sie ihren gemächlichen Gang bald fort.

»Noahs Sohn, Sem, entstammten die semitischen Stämme, darunter auch die Akkader, die das Zweistromland eroberten und die Sprache und Schrift der Sumerer bereicherten. So gebar die sumerische Stadt Ur schließlich den Stammvater Israels: Abraham.«

»Warum erzählen Sie uns das alles?«, fragte Patrick.

»Um Ihnen die Verbindungen aufzuzeigen. Es waren stets die von der Sprache Gottes durchdrungenen Semiten, die die Geschicke der Welt bestimmten. Babylon nannten die Griechen später die sumerische Stadt Bab-Ilum, wo die Semiten den Turm der Türme bauten, um Gott näher zu kommen.« Sie machte eine Pause. »Sie wurden furchtbar dafür bestraft... Wie Sie wissen, bauten die aus Abraham geborenen Israeliten den Tempel von Jerusalem – und wie oft bauten sie ihn erneut auf!«

»Sie wollen darauf hinaus, dass es eine Beziehung zwischen der Sprache Gottes gibt und den großen Bauten des Altertums?« Es war eher eine Feststellung als eine Frage, die Patrick halblaut äußerte.

»Richtig!« Renée Colladon wandte sich ihm lächelnd zu. »Wirklich, Monsieur, darauf wollte ich hinaus. Dies ist der heilige Ursprung der Tradition der Freimaurer. Wenn Sie sich an den Besuch im Tempel erinnern mögen?«

»Tempel?«

»Die große Halle unserer Loge, in der die Begrüßung stattfand.«

»Ach so, ja, ich erinnere mich.«

»Ihnen werden zwei Säulen aufgefallen sein. Sie stehen dort in Anlehnung an die beiden Säulen, die nach der Sintflut gefunden wurden. Sie enthielten die Geheimnisse des Wissens, die schließlich über Noah verbreitet wurden, der nach Westen, nach Ägypten, zog und dessen semitische Nachkommenschaft das Wissen auch im Osten, in Sumer und dem späteren Babylonien verbreitete.«

Sie wandte sich Peter zu, der gerade auffällig die Augen verdreht und Luft eingesaugt hatte. »Monsieur le Professeur, Sie werden keinen historischen Bericht hierüber kennen, denn dieses ist Wissen, das in unserer Tradition seit Jahrtausenden gehütet wird. Die eine Säule verkörpert den ägyptischen Gott Thot, den Herrn der Schrift, der Sprachen und des geheimen Wissens. Die andere Säule ehrt Henoch, den Prophet Elohims, der vor der Großen Flut lebte. Auch er lehrte den Umgang mit der Feder und verbreitete das Wissen. Es sind zwei Aspekte derselben Macht, die hinter den Worten der Thora verborgen liegt.«

»Womit wir bei der Thora wären«, sagte Patrick. »Haben Sie schon geheimes Wissen darin gefunden?«

»Seit Jahrtausenden wird die Heilige Schrift gelesen, und es wäre ein großer Zufall, wenn es in meiner Lebenszeit geschehen würde, dass sich der Menschheit ihre gesamte Weisheit offenbarte. Möglicherweise, nein, höchstwahrscheinlich können Menschen niemals die Gänze der Wahren Thora überblicken, denn das würde bedeuten, dass wir uns Gottes Weisheit genähert hätten, was uns in diesem körperlichen Leben aber nicht zugestanden ist. Aber kleine Wunder geschehen jeden Tag, und jeder, der die Thora liest, findet seine eigene Wahrheit.«

»Peter, Sie sagen gar nichts«, sagte Patrick, »was halten Sie von der ganzen Sache?«

»Ich denke darüber nach«, antwortete der Professor, der scheinbar lediglich die Architektur bewunderte und nur wie beiläufig zuhörte, »wie oft ich solche Plattitüden schon gehört habe, und ich warte ab, ob wir noch etwas weniger nebulöse Antworten bekommen werden.«

»Zugegeben, Madame«, sagte Patrick, »mir scheint es auch, als würden Sie sich ein wenig herausreden.«

»Das ist nicht der Fall, und ich habe keineswegs das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen.« Sie war vor der Absperrung stehen geblieben und betrachtete den Chor. Als sich mehrere Touristen davor versammelten, ging sie einige Schritte weiter und senkte ihre Stimme. »Es tut mir leid, wenn es Ihnen so vorkommen mag. Aber sehen Sie, die Kabbala ist mehr als bloße Worte und Erklärungen. Sie ist auch mehr als Gematria oder Temurah, die Suche nach der Wahren Thora. Es geht hier um eine Lebensweise.« Sie öffnete ihre Ledermappe und brachte einige Papiere hervor sowie ein dünnes Büchlein. »Ich habe Ihnen dies mitgebracht, damit Sie sich ein wenig intensiver mit dem Freimaurertum und der Kabbala beschäftigen können.«

Patrick nahm die Unterlagen verwundert entgegen.

»Lesen Sie es, und wenn Sie tiefer eingedrungen sind, möchte ich mich gerne ausführlich und etwas intimer mit Ihnen unterhalten. Rufen Sie mich jederzeit an.« Sie überreichte ihnen eine Visitenkarte mit der Aufschrift Claire Renée Colladon und einer Telefonnummer.

»Das ist ja alles furchtbar nett«, lenkte Patrick ein, »aber uns liegt wesentlich mehr daran, etwas über den Ursprung der Zeichnung zu erfahren und deren Zusammenhang mit Ihrer Loge, wie hieß sie noch, die Brüder von Rose und Kreuz?«

»Der Name unserer Loge ist: Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose. Und soweit ich mich entsinne, wies ich das letzte Mal bereits darauf hin, dass ich Ihnen diesbezüglich erst weiterhelfen kann, wenn Sie mir mitteilen, wo Sie die Zeichnung gefunden haben!«

Nun meldete sich Peter zu Wort. »Madame Colladon, bei allem Respekt, aber wir haben nicht den weiten Weg nach Paris gemacht, um uns heute einen Vortrag über das Freimaurertum und die Arche Noah anzuhören. Das wissen Sie so gut wie wir. Ich möchte gerne behaupten, dass alleine dieser Besuch in Notre Dame den Aufwand rechtfertigt, aber noch lieber würde ich mit einigen Ergebnissen aus diesem Treffen gehen.«

»Professor, ich sehe, Ihr Ruf als hartnäckiger Investigateur bestätigt sich, auch wenn Sie die Wahrheit niemals vollständig erhellen konnten.« Ihr Tonfall klang verärgert. »Aber ich weiß tatsächlich nicht, wie ich Ihnen weiterhelfen kann.«

»Ihnen ist die Rose wichtig, ist es nicht so?«

»Ich habe das nie behauptet...«

»Und es ist Ihnen wichtig, woher die Rose kommt, ist es nicht so?«

»Monsieur...«

»Und am allerwichtigsten ist Ihnen das mögliche Umfeld, in dem wir die Rose fanden. Wie, wer, wann, wo – ist es nicht so?«

Renée Colladon schwieg für einen Augenblick, während ihr steinerner Gesichtsausdruck keinen Aufschluss darüber zuließ, was in ihr vorging. »Also gut, Messieurs«, sagte sie schließlich, »offensichtlich haben Sie eine vorgefasste Meinung von mir und der Loge, und es schmerzt mich wirklich, denn ich sehe dies als echten Verlust. Ich hätte Ihnen gerne geholfen, aber ich beabsichtige nicht, mich auf diesem Niveau mit Ihnen und Ihren Dogmen auseinander zu setzen.«

Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal um. »Viel Erfolg, Monsieur le Professeur, und auch Ihnen, Monsieur Nevreux. Ich hoffe für Sie, dass Sie das Licht finden.«

Peter versuchte nicht, sie aufzuhalten, sondern sah ihr nach, bis sie hinter Säulen und anderen Touristen verschwunden war.

»Ob das so schlau war, Peter?«

»Sie glauben gar nicht, wie sehr mir diese Person auf die Nerven geht!«

Patrick grinste. »Eine Frau ganz ohne missionarischen Eifer... Es ist nicht lange her, da waren Sie noch der Meinung, dass sie uns alles erzählen würde, was wir wissen wollen.«

»Ich weiß, dass sie uns etwas verheimlicht. Aber lieber ginge ich vierzig Jahre in die Wüste, als es aus ihr herauszuquetschen. Soll sie sich doch ihre heiligen Säulen sonst wohin stecken.«

»Peter, ich bin entsetzt!« Patrick lachte. »So kenne ich Sie gar nicht. Ich vermute, wir sollten jetzt erst mal etwas trinken gehen!«

»Entschuldigen Sie meinen Ausfall vorhin«, sagte Peter, nachdem er seinen Tee abgesetzt hatte. »Ich hoffe, dass ich unsere Nachforschungen auf diesem Gebiet jetzt nicht nachhaltig unterbrochen habe.«

»Sagen wir es mal so: Eine Brücke haben Sie meisterlich abgerissen, die Trompeten von Jericho hätten es nicht besser gekonnt.«

Peter musste grinsen. »Die haben außerdem keine Brücken, sondern Stadtmauern zum Einsturz gebracht.«

»Ist doch egal. Worauf es ankommt, ist, dass wir noch etwa zweitausend andere Inschriften haben.«

»Ja, darauf baue ich auch. Und darauf, was Stefanie über die Inschrift vor dem Durchgang herausbekommt.«

»Und dann wären da noch Samuel zu Weimar und seine Mission des Lichts. Wollen wir die Gelegenheit nutzen, jetzt wo wir schon hier oben sind, oder haben Sie für heute genug?«

»Daran habe ich auch schon gedacht. In der Tat ist mein Bedarf an pseudo-historischem, esoterischem Geschwafel einigermaßen gedeckt. Andererseits möchte ich auch nicht jeden zweiten Tag nach Paris fliegen...«

»Dann sind wir uns also einig?«

»Na gut, meinetwegen. Auf zu Samuel. Aber lassen Sie mich zumindest den Tee austrinken.«

Sie waren nicht darauf gefasst, an der genannten Adresse ein modernes Bürogebäude mit verspiegelten Fenstern und Designersesseln im Foyer zu finden. Etwas unbehaglich erkundigte sich Peter nach dem Mann, den sie zu treffen hofften, und erwartete fast schon ein lächelndes Abwinken. Doch der Rezeptionist fragte lediglich, wen er melden solle, führte ein kurzes Telefongespräch und erläuterte dann den Weg, während er den Summer für das Drehkreuz betätigte.

Sie erreichten schließlich die Geschäftsräume von Helix BioTech International im vierten Stock. Sie wollten sich gerade bei der Empfangsdame melden, als ein Herr in Anzug und Krawatte zielstrebig auf sie zukam. Er sah wie ein souveräner Geschäftsmann aus, tadellos und smart. Sein Lächeln mochte nicht echt sein, aber es wirkte professionell. Hat einen teuren Zahnarzt und hält sich gerne in der Sonne auf, dachte Peter. Außerdem nicht verheiratet oder möchte nicht, dass man es sieht.

»Es freut mich, dass Sie gekommen sind, meine Herren. Bitte«, er wies in sein Büro, »kommen Sie herein und setzen Sie sich.«

Sie nahmen Platz.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Tee, Kaffee oder etwas Frisches?«

»Nein, danke.«

»In Ordnung, aber sagen Sie bitte Bescheid, sobald es Ihnen an etwas fehlt.« Er setzte sich. »Es ist ein äußerst glücklicher Umstand, dass Sie gerade heute gekommen sind, denn den Rest der Woche war ich unterwegs.«

»Gestatten Sie eine Frage«, begann Patrick, »ist diese Firma hier in irgendeiner Form mit den Helix Industries verbunden?«

»Helix Industries?«, fragte Peter mit einem Blick zur Seite, dem der Name nicht so geläufig war wie seinem Kollegen.

»Helix Industries«, erläuterte der Geschäftsmann lächelnd, »ist der drittgrößte Pharma- und Kosmetikkonzern der Welt. Ja, dieses Büro hier ist, wenn Sie so wollen, die Keimzelle.«

»Haben Sie uns dieses Telefax geschickt?«, erkundigte sich Peter und reichte dem Mann das Papier.

»Es ist von mir. Sie kommen schnell zur Sache, Herr Professor Lavell.«

»Diese ›Mission des Lichts‹«, fragte Patrick, »was hat sie mit Helix Industries zu tun?«

»Eine nahe liegende Frage. Die Antwort hingegen ist nicht so eindeutig. Die Verbindung der »Mission des Lichts« mit den Helix Industries liegt in meiner Person. Aber mehr müssen Sie im Augenblick nicht darüber wissen.«

»Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?«, fragte Patrick.

»Die Welt ist klein, Monsieur Nevreux. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass Sie sich durch Namen blenden lassen.«

»Dann sind Sie gar nicht Samuel zu Weimar?«, fragte nun Peter.

»Namen definieren sich dadurch, dass sie verwendet werden. Da ich hier so genannt werde, und Sie mich so gefunden haben, muss es wohl mein Name sein. Oder ein Name? Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie etwas herausgefunden haben.« Er lächelte verschmitzt.

Peter sah zur Seite und versuchte, Patricks Gesichtsausdruck zu ergründen, aber dieser schien sich gerade seine eigenen Gedanken zu machen.

»Was ist die ›Mission des Lichts‹, und welche Ziele verfolgt sie?«, fragte er schließlich.

»Die ›Mission des Lichts‹«, erklärte der Geschäftsmann, »ist eine virtuelle Gemeinschaft. Der Name soll deutlich machen, dass wir eine Mission, eine Aufgabe haben. Diese besteht darin, Erkenntnis zu finden. Das Licht. Ein metaphorischer Ausdruck.«

»Welche Erkenntnis streben Sie an? Im wissenschaftlichen oder technischen Sinne ist dies wohl nicht zu verstehen, worauf der christliche Segen Ihres Briefkopfes hindeutet.«

»Das eine muss das andere nicht ausschließen, wie Sie, Herr Professor, besser wissen sollten als jeder andere, oder nicht? ›Glaube, Aberglaube und Magie sind für Außenstehende mitunter austauschbare Begriffe. Um ihr Wesen und ihre Geschichte wissenschaftlich zu ergründen, ist es daher unerlässlich, sich intimer mit ihnen auseinander zu setzen, als es die üblichen wissenschaftlichen Methoden fordern.‹«

»Sie zitieren mein Buch, um mich zu beeindrucken.«

»Wenn es Sie beeindruckt...«

»Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«

»Nein. Und das werde ich auch nicht tun. Alle Fragen treffen eines Tages auf ihre Antworten; in manchen Fällen auch umgekehrt. Aber nun genug der Rätselspielchen. Warum Sie wirklich hier sind, das ist mein Fax. Und das haben Sie erhalten, weil Sie sich mit den Kabbalisten von Ararat unterhalten haben.«

»Den Kabbalisten von Ararat?«

»Ararat. Der Berg, auf dem Noah gelandet ist«, erklärte der Geschäftsmann.

»Sie sprechen von der Loge?«

»Ja, natürlich. Tut mir leid, war vielleicht ein schlechter Scherz von mir. Aber deswegen habe ich Sie ja eingeladen: um Sie darüber aufzuklären.« Er stand auf und schlenderte zu seinem Bücherregal. »Sie hatten ein Treffen mit der Bruderschaft der Wahren Erben von Kreuz und Rose. Dort haben Sie viel gesehen, was Uneingeweihte normalerweise nicht zu Gesicht bekommen, und man hat Ihnen eine ganze Menge über die Abstammung der Freimaurer erzählt, vermute ich. Wahrscheinlich auch, dass sie die Arche Noah, die Pyramiden und den Tempel von Jerusalem errichtet haben.«

»Und den Turm von Babylon«, fügte Patrick hinzu.

»Ja, richtig. Und bei allem wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Loge, obwohl sie ›Kreuz und Rose‹ im Namen trägt und ein ebensolches Emblem, Ihnen nicht erklären wollte, was an der Zeichnung, die Sie Renée präsentiert haben, so interessant war.«

»Sie wissen von der Zeichnung?«

»Natürlich. Ich kenne ja auch Ihre Faxnummer.« Er zog ein kleines schwarzes Buch aus dem Regal. »Nun? Renée ist stur geblieben, richtig?«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Worauf ich hinausmöchte, ist, dass die Großmeisterin leider selber nicht so viel über Kreuz und Rose sagen kann, wie sie gerne würde. Sie ist nämlich auf der völlig falschen Fährte. Denn was Sie suchen, ist dies hier.«

Mit einem Knall ließ er das schwarze Buch vor sie auf den Tisch fallen, so dass sie den Deckel deutlich sehen konnten. Es war in goldenen Linien das Bild einer Rose zu sehen, in ihrem Zentrum ein Herz und in dessen Zentrum ein Kreuz. Der Titel des Buches stand in Versalien darüber: BIBEL.

»Dies ist eine Ausgabe der Lutherbibel von 1920«, erklärte Samuel. »Und was das Symbol angeht, so handelt es sich um das Wappen Martin Luthers. Seit dem siebzehnten Jahrhundert kursieren verschiedene Versionen davon, aber die Zeichnung, die Sie gefunden haben, dürfte dem Original ziemlich nahe kommen.«

»Good gracious!«, entfuhr es Peter.

Samuel zu Weimar, oder der Mann, der sich so nannte, setzte sich wieder.

»Möglicherweise verärgert es Sie, dass Sie nicht eher auf eine so offensichtliche Lösung gekommen sind. Veröffentlichte Geheimnisse werden billig. Aber ich kann Sie beruhigen. Ganz so einfach ist es natürlich nicht.«

»Kann es ja wohl auch kaum sein«, sagte Patrick, »sonst hätte Renée Colladon nicht so ein Mysterium um das Symbol gemacht.«

»Könnte ich jetzt doch etwas zu trinken haben«, fragte Peter, »Etwas Alkoholisches mit Eis wäre mir recht.«

»Ich hoffe, ich kränke Sie nicht, wenn ich Ihnen lediglich Bourbon anbieten kann und keinen vernünftigen Scotch«, sagte Samuel, während er aufstand und an einem Beistelltisch einen Drink einschenkte. Dann öffnete er eine Schranktür, hinter der sich ein kleiner Kühlschrank verbarg, und brachte Eiswürfel hervor. »Sie auch einen?«, fragte er an Patrick gewandt.

»Warum nicht.«

»Es geht nicht um das Kreuz oder die Rose«, sagte Samuel, als er wieder saß. »Es geht um Martin Luther. Um Martin Luther und die Kabbala. Sie ist die Verbindung zwischen mir und Renée; wenn es denn überhaupt eine gibt.«

»Martin Luther hatte auch leichte mystische Anwandlungen«, überlegte Peter, »aber er wurde bekannt als Reformator der Kirche und Übersetzer der Bibel. Was hat er mit der Kabbala zu tun?«

»Es ist bezeichnend, Herr Professor Lavell, dass Sie in den ganzen Jahren Ihrer Recherchen auf nicht mehr als das gestoßen sind. Denn hier verbirgt sich ein weit größeres Geheimnis, als Sie ahnen können.«

»Etwas lässt mich zweifeln, dass Sie es uns gleich offenbaren werden«, sagte Patrick und zündete sich eine Zigarette an.

»Die ›Mission des Lichts‹ ist nicht allwissend, wenngleich es natürlich unser endgültiges Ziel ist, uns durch die Ergebnisse unserer Arbeit selbst überflüssig zu machen. Doch noch sind wir nicht so weit, und viele Geheimnisse sind auch uns noch verschlossen. Einiges kann ich Ihnen aber schon sagen, und deswegen habe ich Sie eingeladen.« Er stand auf, während er weitersprach. »Luther war ein schlauer Kopf, 1483 geboren, studierte mit achtzehn bereits in Erfurt, wurde Eremitenmönch, studierte dann noch mal Theologie und promovierte mit neunundzwanzig zum Doktor und Professor der Heiligen Schriften. Beachtlich, nicht wahr? Ein großer Geist, der durch eine besondere Zielstrebigkeit und Willenskraft befördert wurde.«

»So viel steht allerdings noch in jedem Lexikon«, sagte Peter.

»Richtig. Was dort nicht steht, ist, dass diese ›mystischen Anwandlungen oder ›Einflüsse‹ heute gleichsam nur noch das schwache Glühen eines verlöschenden Funkens sind, verglichen mit dem okkulten Feuersturm, der ehemals die Figur Martin Luthers wie das Leuchtfeuer Alexandrias strahlen ließ.

Er war nicht nur beeinflusst, und er hatte auch keine Anwandlungen. Die Mystik erfüllte ihn und sein Leben bis ins Mark.«

»Ich darf behaupten, dass ich gespannt bin, wie Sie das jetzt belegen wollen«, sagte Peter.

»Überlegen Sie selbst. Das fünfzehnte Jahrhundert war intellektuell besonders interessant und anregend. Wissenschaft und Forscherdrang erreichten einen Höhepunkt. Die Mauren wurden endgültig aus Spanien und Portugal vertrieben, das byzantinische Reich kam zu einem Ende, nachdem Konstantinopel gefallen war. Die fremdländischen Gelehrten wurden durch Gruppen wie die Medici gefördert, das Wissen, das sie zugänglich machten, geradezu aufgesogen. In Italien entwickelte sich eine neue künstlerische Kultur, die Renaissance. Die Perspektive in der Malerei wurde erstmals mathematisch beschrieben, und Gutenberg erfand den Buchdruck. Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich fand ein Ende, eine Ruhepause der Besinnung, Neuorientierung und der Entdeckungen trat ein. Nennt man es nicht auch das Jahrhundert der Entdeckungen?« Während er sprach, ging er auf und ab und gestikulierte mit einer Inbrunst, als sei er selbst dabei gewesen. »Es war das Ende des Mittelalters und der Beginn einer neuen Zeit. Aber die Fortschritte waren nicht allesamt rein wissenschaftlich. Vieles wurde noch als teuflisch oder göttlich angesehen. Natürlich, das Schwarzpulver und die Waffen wurden verbessert, aber bedenken Sie, dass es Jeanne d'Arc war, die die Wende im Hundertjährigen Krieg herbeiführte. Durch ihre göttlichen Visionen geleitet, gefeiert und schließlich als Hexe verbrannt. In Spanien wurde gleichzeitig Tomas de Torquemada zum Großinquisitor berufen und sorgte dafür, dass die spanische Inquisition zum Inbegriff von Folter und Schrecken wurde.« Der Geschäftsmann schien kaum mehr zu bremsen zu sein. »Heinrich der Seefahrer öffnete seine Navigatorenschule in Sagres mit Regeln strengster Geheimhaltung. Wie wir heute wissen, war aber Navigator nicht nur im seemännischen Sinne zu verstehen, denn der Infante war Großmeister des Templerordens. Das Meer war Sinnbild der Unwissenheit und der menschlichen Beschränktheit, aber auch der grenzenlosen Zukunft. Die Navigatoren waren die Steuermänner im Chaos der Dunkelheit, Anführer und zugleich Pilgerer nach Wissen und Weisheit. Christobal Colón, besser bekannt als Christof Kolumbus, betrat die Neue Welt und nahm sie in Besitz im Namen der Könige von Spanien, aber auch im Namen des Templerordens, unter deren Flagge, dem roten Tatzenkreuz, seine Schiffe fuhren.«

»Der Templerorden war aber bis zum vierzehnten Jahrhundert recht nachhaltig verfolgt und vernichtet worden.«

»Ja, aber in Portugal und Spanien überlebte er unter dem Namen ›Christusorden‹.«

»Und was hat das Ganze mit Luther zu tun?«, fragte Patrick.

»Es geht darum: In dieser Zeit wurde mehr Wissen erarbeitet und zugänglich als in den Jahrhunderten zuvor. Gleichzeitig wurde Wissen auch gefährlich, wie die Inquisition und der ländliche Aberglaube und Hexenwahn zeigten. Wissen und Forschung gingen Hand in Hand mit Mystizismus, und keine Forschung wurde ohne ein höheres Ziel dieser Art betrieben. Heinrich der Seefahrer wollte seine Navigatoren die Welt erobern lassen – nicht des Geldes wegen, sondern der Erkenntnis und der Verbreitung seines Glaubens wegen. Gutenberg druckte die ersten Bücher – ebenfalls nicht des Geldes wegen; er druckte dreihundertmal in prachtvollster Manier das Wort Gottes, die Bibel. Und nun ist da Martin Luther. Er wächst Ende des Jahrhunderts auf, studiert und hat Zugang zu all diesem Wissen. Er liest heilige und unheilige Schriften und zieht seine Schlüsse. Fast wird er zum Ketzer, als er sich auf die Seite der zweihundert Jahre zuvor durch die Kirche ausgerotteten Katharer stellt. Er ist der Überzeugung, dass das Göttliche im Menschen liegt. Dass wir uns nicht durch Taten beweisen oder durch Sühne von Schulden freikaufen müssen oder können. Dass Jesus bereits für unsere Sünden gestorben ist, und dass der Glaube in Gott und dessen Gnade den höchsten Stellenwert hat.« Er nahm die Bibel vom Tisch. Während er sprach, blätterte er abwesend darin und stellte sie schließlich wieder zurück. »Luther ging den Dingen auf den Grund. Er studierte die heiligen Texte nicht nur, er analysierte sie auch. Und er stellte fest, dass es noch mehr gab als die Bibel. Er ging bis zum Ursprung, und hinter den Büchern des Neuen Testamentes fand er die Bücher Moses, und in ihrem hebräischen Original den Weg zu einem tieferen Verständnis der Zusammenhänge.«

»Die Wahre Thora?«

»Oder die Ewige Thora, die Weisheiten Gottes, ja. Luther kannte die Methoden der Kabbala und widmete sein Leben dem Studium der Bücher Moses.«

»Die Bücher Moses gehören zum Alten Testament. Aber Luther wurde bekannt als Reformator, der Begründer der protestantischen Bewegung, und es ist doch gerade das Neue Testament, das die Grundlage der protestantischen Kirche bildet.«

»Sie haben völlig Recht«, erklärte Samuel. »Denn Luther hat es gewusst, die Dinge einzufädeln. Er hat nichts dem Zufall überlassen. Seinen unglücklichen Vorkämpfer Jan Hus hatte man noch 1415 in Konstanz verbrannt. Aber Luther wusste genau, dass er für Ketzerei weder in Deutschland noch in Rom auf den Scheiterhaufen kommen würde, wenn er sich geschickt anstellte. So konnte er die katholische Kirche herausfordern, im Wissen, dass seine scharfsinnigen Thesen beachtet werden würden. Wohl wissend auch, dass ihm in einem theologischen Disput niemand das Wasser reichen konnte. Heute würde man sagen, er ist ein PR-Genie gewesen. Er konnte sich exzellent in Szene setzen und als enfant terrible der christlichen Welt Werbung für sich und seine Sache machen.«

»Man ist aber im Allgemeinen der Ansicht, dass Luthers Herausforderung – und letztlich Spaltung – der katholischen Kirche völlig unbeabsichtigt war. Und welchen Zweck hätte es auch haben können? Wäre er verborgener Mystiker oder Okkultist gewesen, wäre doch die öffentliche Aufmerksamkeit wohl mehr als hinderlich gewesen.«

»Auf den ersten Blick scheint das so zu sein. Aber Luther hatte etwas anderes vor. Mit seinem radikalen Gedankengut trat er etwas los, das im Folgenden genährt werden musste. Seine Kritik an der katholischen Kirche kam ja auch nicht von ungefähr, und sie traf den Nerv der Zeit. Dies diente ihm als Nährboden für seinen letzten großen Coup: Er übersetzte die Bibel in die Sprache des Volkes. Genial. Schach!«

»Wenn ich ehrlich bin«, sagte Patrick, »kann ich Ihnen noch nicht so ganz folgen... Schach

»Wenn Sie beim Schachspiel in Schach geraten, dann konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren König. Sie haben gar keine andere Möglichkeit, als ihn in Sicherheit zu bringen oder den Störenfried auszuschalten. Luther tat das Gleiche. Er hatte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in einem ausgeklügelten Ränkespiel völlig auf sich konzentriert. Indem er die Bibel übersetzte, tat er einen scheinbar konsequenten Schritt in diesem Spiel, und die Lutherbibel wurde zum zentralen Fokus des ›Reformators‹ Luther. Aber in Wirklichkeit erreichte die Lutherbibel einen ganz anderen Zweck.« Samuel holte ein übergroßes, in metallene Deckel geschlagenes Buch hervor. Als er es vor ihnen öffnete, stellte sich heraus, dass sein Inneres kostbare, hebräisch beschriftete Pergamente enthielt, die in transparente Kunststofffolien eingeschlossen waren.

»Er erreichte, dass die Aufmerksamkeit von den Urschriften abgelenkt wurde!«

Peter und Patrick beugten sich vor, um die Papiere zu begutachten. Sie erinnerten an die Texte von Qumran oder ähnliche Dokumente aus biblischer Zeit.

»Überlegen Sie«, fuhr Samuel fort, »der Buchdruck war erfunden worden, mehr und mehr wurde publiziert, es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Kopien des Alten Testaments auch auf Hebräisch in hunderttausendfachen Kopien verbreitet hätten. Indem es aber nun neben der lateinischen Bibel eine Bibel des Volkes gab, war klar, dass die Aufmerksamkeit auf das Hebräische immer stärker abnehmen würde. Luther hatte die Thora jahrzehntelang erforscht, und er sorgte dafür, dass seine Erkenntnisse nicht zu leicht in die falschen Hände geraten würden. Ihm ist es zu verdanken, dass die Kabbala noch lange Zeit später nur den Eingeweihten, den ernsthaften Studenten, zugänglich war und die Thora ihre heiligen Geheimnisse weiterhin hüten konnte.«

Er machte eine Pause.

»Also, wenn ich Sie richtig verstehe«, sagte Patrick, »sind Sie der Meinung, Martin Luther war der Kabballist schlechthin.«

»Ja, absolut.«

»Und die ›Mission des Lichts‹ nutzt die Kabbala ebenfalls, um ihm nachzueifern?«

»Wir nutzen die Kabbala, ja. So wie auch die Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹ und viele andere Gemeinschaften. Aber nicht alle sind auf Luthers Spuren.«

»Scheinbar ja Renée Colladon auch nicht, oder? Wie kann das sein?«

»Ihre Loge ist nicht sehr alt, was auch immer man Ihnen erzählt haben mag. Es war ehemals eine ganz einfache Freimaurerloge, wie es unzählige von ihnen gibt. Ihr Gründer bediente sich bei der Gründung und Namensgebung allerlei mystischer Anlehnungen. Diese scheint Renée nun zu erforschen; mit nicht viel Erfolg, wie man sieht.«

»Was mich interessiert«, sagte Peter nun, »ist Folgendes: Nehmen wir an, alles, was Sie sagen, entspräche den Tatsachen. Dann haben Sie uns nun die wahre, geheime Geschichte Martin Luthers eröffnet, wie sie kaum einer kennt. Was sollte uns – oder auch Sie selbst – davon abhalten, dies der Welt mitzuteilen? Wie können Sie ein so umwälzendes Geheimnis einfach ausplaudern, das die Fundamente der Kirche untergräbt?«

»Ich ahne, was jetzt kommt«, sagte Patrick und fuhr in gespielt dramatischem Tonfall fort: »Wir werden dieses Gebäude nie wieder lebend verlassen!«

»Die sichersten Geheimnisse verbergen sich zwischen zwei Wahrheiten. So auch bei Luther. Sein Leben und sein Werk sind so bekannt und durchleuchtet, dass es unmöglich scheint, etwas darin zu verbergen. Und in der Tat ist alles, was über ihn bekannt ist, wahr. Nur, dass es nicht alles ist. Nein, ich werde Sie weder erschießen noch zur Geheimhaltung nötigen. Was Sie heute gehört haben, können Sie keinesfalls veröffentlichen. Niemand würde Ihnen glauben.«

»Und wieso sollten wir Ihnen glauben?«

»Es wird Sie vielleicht verwundern, aber es ist mir zunächst gleichgültig. Es war mir aber wichtig, die Bruderschaft der ›Wahren Erben von Kreuz und Rose‹ zu entmystifizieren. Wenn man es genau betrachtet, haben so viele Rätsel einen ganz profanen Ursprung. In diesem Fall war es das Wappen Martin Luthers. Dass Luther selbst darüber hinaus ein Geheimnis ist, steht auf einem ganz anderen Blatt, ebenso wie Ihre Forschungen.«

»Was wissen Sie über unsere Forschungen?«

»Sie arbeiten für ein militärisches Projekt mit höchster Geheimhaltungsstufe, dem Stil nach könnte es von den Amerikanern sein. Richtig?«

»Leider nein.«

»Nun, wie Sie meinen. Ich vermute jedenfalls, dass Sie etwas gefunden haben, das in Verbindung mit dem Wappen Martin Luthers steht. Und nun können Sie sich denken, dass mein Treffen mit Ihnen natürlich nicht völlig uneigennützig war. Noch einen Drink?«

Sie lehnten ab.

»Ich meine es aufrichtig mit Ihnen. Ich habe Ihnen eine ganze Menge erzählt und Sie hinter die Kulissen blicken lassen. Ich werde ehrlich sein und Ihnen noch mehr erzählen: Natürlich waren weder die Ideen des Gründers der Loge völlig aus der Luft gegriffen, noch ist die ›Mission des Lichts‹ ein Wohltätigkeitsverein. Es ist bekannt, dass Luther seinerzeit einige sehr bedeutende Entdeckungen in der Thora machte und zu Erkenntnissen gelangte – theologischer, geschichtlicher und wissenschaftlicher Art –, die bis heute nicht gefunden oder nachvollzogen werden konnten. Es gibt einige sehr deutliche Hinweise, dass Luther während seines Asyls auf der Wartburg weit mehr tat, als nur das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Seine gesammelten Unterlagen, Notizbücher und Werke ließ er damals aus der Burg schaffen und an einem sicheren Ort verbergen. Diese Lutherarchive sind es, die wir eines Tages zu finden hoffen, denn niemand ist den Weg der Thora so weit gegangen wie er. Und ich vermute, dass Sie entsprechende Hinweise entdeckt haben.«

Ein kurzes Schweigen trat ein.

»Lutherarchive?«, fragte Peter. Es klang mehr als skeptisch. Ein amüsiertes Grinsen zog sich über sein Gesicht.

»Wir könnten uns gegenseitig helfen. Sie zeigen mir, was Sie gefunden haben, und ich helfe Ihnen, die Spuren und Hinweise zu verstehen.«

»Bedaure«, sagte Peter, »aber es dürfte Ihnen klar sein, dass wir Sie nicht an der Forschung beteiligen können.«

»Wo es doch ein militärisches Geheimprojekt ist«, fügte Patrick hinzu.

»Sie verstehen mich falsch. Ich bitte Sie nicht, ich mache Ihnen ein Angebot. Sie werden schnell merken, dass Sie bei Ihrer Recherche auf zu viele unverständliche Zeichen und Hinweise stoßen, die Sie ohne meine Mithilfe niemals entschlüsseln und einordnen können. Viele Anhaltspunkte werden Sie gar nicht als solche erkennen.« Er stand auf. »Aber ich habe es nicht eilig. Vielleicht möchten Sie die Sache einfach eine Weile überdenken.«

Peter und Patrick erhoben sich ebenfalls. Sie hatten genug gehört, um sich eine Meinung bilden zu können.

»Ich danke Ihnen für Ihren Besuch«, sagte Samuel, als er ihnen die Hand gab. Dann überreichte er ihnen eine Visitenkarte. »Am besten, Sie schreiben mir eine E-Mail, wenn Sie mich erreichen möchten. Ich freue mich und bin mir sicher, dass ich schon in der nächsten Zeit wieder von Ihnen hören werde.«


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