Kapitel 16

10. Mai, Büro des französischen Präsidenten, Paris

Emmanuel Michaut saß an seinem Schreibtisch, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf in den Händen vergraben. Er war körperlich und seelisch ausgelaugt, sein Schädel pochte dumpf, sein Nacken war verspannt. Er hatte die ganze letzte Nacht nicht geschlafen. Er würde nie wieder schlafen können. Seit dem Besuch von Jean-Baptiste Laroche war nichts mehr wie früher. Es war eine neue Welt. Als hätte man plötzlich einen gigantischen Asteroiden entdeckt, der sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit näherte, den nichts aufhalten konnte, und der die Erde in exakt dreiundsiebzig Stunden vernichten würde. Alle Gewohnheit, alle Zukunft, alles Leben stand an einer unsichtbaren Schwelle, hinter der es dem Abgrund entgegenstürzen würde.

Michaut hatte immer an die Kraft des Einzelnen geglaubt, war überzeugt gewesen, dass alles erreichbar sei. Und das war es auch. Nichts auf der Welt geschah ohne Grund, und wenn man ein Ziel erreichen wollte, konnte man sich nicht darauf verlassen, dass es sich so fügen würde. Man musste selbst der Grund sein.

Er glaubte an eine Kraft im Menschen, die es jedem ermöglichte, sich über die eigenen Beschränkungen und die anderen Menschen zu erheben, wenn man diese Kraft nur erkannte und zu nutzen lernte. Ein fast religiöser Ansatz, aber er war sich sicher, dass das nichts mit Göttlichkeit oder Religion zu tun hatte. Sicherlich, Religion hatte ihre Daseinsberechtigung. Sie gab jenen Menschen Halt, die mit ihren Ängsten und Zweifeln nicht alleine zurechtkamen. Die Religion versprach einen Sinn im Leben. Sie erklärte das Unerklärliche, sie half, scheinbar willkürliche Unbill des Schicksals zu ertragen, die Leere des eigenen Lebens zu füllen, die scheinbare Bedeutungslosigkeit des Einzelnen vor dem kosmischen Gefüge erträglich zu machen. Der Placeboeffekt von Religiosität war ihm offenkundig und absolut akzeptabel. Die meisten Menschen ertrugen die Vorstellung nicht, dass nach dem Tode alles vorbei sein könnte, dass es keinen anderen Sinn im Leben geben könnte, als den, den sie selbst ihm gaben. Diese Menschen brauchten einen Halt. Das war annehmbar. Die wenigsten erfolgreichen religiösen Menschen begriffen jedoch, dass ihnen durch ihren Glauben keineswegs eine göttliche Macht zur Seite stand, sondern lediglich ein Selbstvertrauen. Die Macht, alles zu erreichen, war rein menschlich.

Nach diesen Grundsätzen hatte er gelebt und jede Chance erkannt und genutzt.

Natürlich hatte es Rückschläge gegeben, aber er hatte sie zu schätzen gelernt, denn sie waren seine besten Lehrmeister gewesen. Auf diese Weise hatte er rückblickend jede Situation zu seinen Gunsten zu wenden gewusst und niemals das Vertrauen in seine Ziele verloren.

Alles, was ein Mensch erreichen konnte, keimte zu Beginn aus dem sozialen Umfeld und den besonderen Fähigkeiten des Einzelnen. Dies waren gewissermaßen die Startbedingungen, während die Träume und Wünsche das Ziel bildeten. Diese beiden Pole sowie die Ereignisse auf dem Weg vom Ursprung in die Zukunft formten zusammen ein Geflecht aus Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten. Michaut hatte stets alle Möglichkeiten maximal ausgenutzt und sich auf diese Weise von einer Unwahrscheinlichkeit zur nächsten gehangelt, ja, sogar völlig neue, unabsehbare Möglichkeiten erschlossen. So gesehen hatte er als Präsident von Frankreich bereits die absolute Spitze seiner persönlichen Unwahrscheinlichkeiten erreicht und war seinem Ziel so nah, wie er es überhaupt nur sein konnte.

Und dann tauchte Jean-Baptiste Laroche auf. Und er beschwor etwas herauf, das größer war als Michaut, größer als ganz Frankreich.

Das Erbe des königlichen Blutes.

Es hatte einen vertrauten, bedrohlichen Klang, und Michaut hatte seinen Geheimdienst darauf angesetzt. Was dieser aus den tiefsten Archiven der französischen Regierung zusammengetragen hatte, war ungeheuerlich. Laroche konnte sich tatsächlich auf eine Weise zum Herrscher, zum neuen Messias emporschwingen, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Seine Gedanken kreisten weniger um die religiösen Verflechtungen; auf diese Vorstellung mochte er sich nicht einlassen, konnte es einfach nicht. Aber ihn beschäftigte die Ausweglosigkeit dieser Bedrohung. Wie konnte er gegen Laroche vorgehen, ohne ihn zum Märtyrer zu machen?

Michaut überlegte, ob er sich wieder einmal an den Grafen wenden sollte. Die Grenzen der Freundschaft oder vielmehr des Vertrauens – denn es war irgendwie zugleich weniger und mehr als Freundschaft –, diese Grenzen mussten eines Tages erreicht sein. Er wusste nicht, wie weit er den Grafen tatsächlich einbeziehen durfte oder sollte... und hier ging es immerhin um Dinge, deren Tragweite nicht jedermann einfach so hinnehmen konnte. Wie würde der Graf auf eine solche Offenbarung reagieren? War er ein religiöser Mensch? Eine Frage, die sich Michaut noch nie gestellt hatte, doch nun gewann sie plötzlich unerwartete Relevanz. Würde der Graf diese Dinge belächeln? Entsetzt sein? Verzückt? Würde er überhaupt zuhören wollen? Objektiv bleiben können? Andererseits: Wenn überhaupt jemand in der Lage war, in dieser Frage neutral zu bleiben, dann war er es...

Er hob den Hörer ab und ließ sich eine sichere Leitung geben. Dann wählte er die Nummer.

10. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz

Am frühen Nachmittag setzte der Hubschrauber zur Landung an. Er senkte sich auf die Rasenfläche auf der Rückseite eines Herrenhauses am Genfer See. Das Grundstück fiel hier ein wenig ab und führte bis an das Ufer des Sees, wo der Rasen in eine mit schweren, schwarzen Felsbrocken befestigte Böschung überging. Auf der Terrasse warteten bereits zwei Männer, von denen der jüngere auf den Hubschrauber zuging, nachdem dieser aufgesetzt hatte und die Rotoren zum Stillstand gekommen waren. Er begrüßte den Mann, der gerade aus der Tür stieg.

»Willkommen, Monsieur le Président! Mein Name ist Joseph. Steffen erwartet Sie bereits.«

Präsident Michaut folgte dem jungen Mann. Er hatte ihn schon einmal gesehen, konnte sich aber nicht genau erinnern, wo. Dass er den Grafen »Steffen« nannte, irritierte ihn ein wenig. Es schien ihm doch allzu respektlos. Es konnte allerdings auch bedeuten, dass dieser Joseph ein besonders enger Vertrauter des Grafen war; eine ähnlich einflussreiche Person auf die eine oder andere Weise. Steffen... Ein ungewöhnlicher Name. Vielleicht Deutsch oder Niederländisch. Ihm wurde bewusst, wie wenig er über den Grafen wusste. Er war irgendwie plötzlich da gewesen: Wenige Tage nach seiner Amtsübernahme hatte sein Staatssekretär ihm den Mann vorgestellt, und sie waren sich von Anfang an merkwürdig vertraut gewesen. Seinen tatsächlichen Namen hatte entweder niemand jemals genannt, oder Michaut hatte ihn vergessen. Aus irgendeinem Grund erinnerte er sich an einen Adelstitel, daher nannte er ihn Graf, und dieser schien dem nicht zu widersprechen.

Der Mann war stets über alles informiert, und zugleich wusste er zu schweigen. Er schwieg über ihre Gespräche, aber auch über seine Herkunft. Er wurde niemals privat und war doch immer persönlich. Ein feiner, aber bedeutender Unterschied. Es war schwer zu sagen, ob der Graf ein direktes Interesse an Michaut selbst hatte oder nur an dessen Stellung als Präsident. Vielleicht hatte der Graf auch gar kein Interesse, sondern beobachtete bloß. Es schien fast so zu sein, denn er war zwar immer für den Präsidenten zu sprechen, bereit, ihm zuzuhören oder Ratschläge zu geben, aber er mischte sich niemals aus eigener Initiative ein. Und wenn doch, dann war es so geschickt, dass es nicht zu bemerken war. Michaut nahm sich vor, die Hintergründe des Mannes erforschen zu lassen.

Nachdem er Joseph gefolgt war, betrat Michaut die Villa durch eine Terrassentür und stand unmittelbar in einem großzügigen Salon. Er war mit wenigen, aber erlesenen antiken Möbeln bestückt. Ein massiver dunkler Holztisch, der einem Rittersaal entsprungen zu sein schien, stand direkt hinter der Glasfront, die auf die Terrasse und den See hinausblickte. Neben dieser Tafel stand der Graf, in edlem dunklem Anzug, wie ihn Michaut nicht anders kannte; von beeindruckender Ausstrahlung, ein wenig altertümlich, aber ohne dass man es mit den Details seiner Kleidung hätte belegen können.

»Monsieur le Président, es ist mir eine Ehre, Sie als meinen Gast begrüßen zu dürfen.«

Präsident Michaut nickte nur; er wusste nicht, wie er antworten sollte. Er war hierher gekommen, an den unwahrscheinlichsten Ort, suchte Hilfe in der unwahrscheinlichsten Situation. Konnte der Graf ihm überhaupt helfen? Würde er überhaupt zuhören?

»Es scheint Sie eine schwere Last zu bedrücken«, sagte der Graf. »Joseph wird uns Wein bringen. Wir werden uns hier an diesen Tisch setzen. Wussten Sie, dass bereits Leonardo da Vinci an diesem Tisch saß? Natürlich nicht hier«, er fuhr mit der Hand über die Oberfläche, »ich habe den Tisch in Turin erstanden. Bitte – nehmen Sie Platz. Von hier aus haben Sie einen wunderbaren Blick über den Lac Léman.« Er machte eine Pause, während Michaut sich setzte. Er spürte die Unruhe des Präsidenten, dessen Unbehagen. »Was auch immer Sie bedrückt, schieben Sie es für einen Augenblick beiseite und beobachten Sie nur die feinen Wellen und den leichten Dunstschleier, der sich zum Abend hin verdichten wird. Ist er nicht ein wunderbarer, friedlicher See? So ist er bereits seit Tausenden von Jahren, und nichts, was wir tun, wird diesen See wesentlich ändern. Und dort hinten, was Sie gerade noch als helle Spitzen erkennen können, das ist der Montblanc. Wenn Sie genau hinsehen, merken Sie, dass Sie sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft blicken. Alles hier ruht in sich selbst, die Geschicke der Menschen ziehen vorbei. Auf ähnliche Weise, wie die Berge und der See keine Partei ergreifen, weder gut noch schlecht sind, so ist die Welt um uns herum weder gut noch schlecht. Es ist unsere Auffassung der Geschehnisse, die sie uns als gut oder schlecht erscheinen lassen. Noch die schlimmsten Erlebnisse können uns etwas lehren. Wachstum entsteht überall dort, wo sich Dinge ändern und wir darauf reagieren müssen. Wenn wir Geschehnisse in unsere Vorstellungen von gut und schlecht sortieren, und uns nur nach dem ausrichten, was wir für gut halten, wenn wir vor dem Schlechten die Augen verschließen, vor dem Schlechten flüchten, es nicht annehmen, dann entgeht uns die Hälfte der Dinge, aus denen wir große Weisheit schöpfen könnten.«

Michaut sah auf den Genfer See hinaus und war dabei den Gedanken des Grafen gefolgt. Einige der Dinge hatten einen wärmenden Klang, schienen auf einer anderen Ebene als der des Verstandes einen tieferen Sinn zu haben. Aber andererseits gab es auch Geschehnisse von solcher Tragweite, solch offensichtlicher Schlechtigkeit, dass er dem Grafen nicht vollkommen zustimmen konnte.

»Doch ich möchte Sie nicht mit den Ansichten eines alten Mannes langweilen«, fuhr dieser nun fort. »Sie haben ein dringendes Ansinnen, und Ihre Zeit ist kostbarer als die meine. Ah, der Wein!«

Joseph servierte zügig und ohne künstlichen Umstand. Michaut, der befürchtet hatte, dass der Mann nun entweder als Vertrauter des Grafen dem Gespräch beiwohnen oder – falls er ein Bediensteter oder dergleichen war – im Hintergrund bleiben würde, war erfreut, als Joseph den Raum wieder verließ.

»Sagen Sie mir, was Sie bedrückt. Hat es mit Ihrem Gegenkandidaten Jean-Baptiste Laroche zu tun?«

»In der Tat, ja, das hat es. Erinnern Sie sich, wie ich in unserem letzten Gespräch vermutete, dass irgendein Umstand eingetreten sein könnte, der einen Wahlsieg von Laroche besonders Erfolg versprechend machen könnte?«

Der Graf nickte leicht und roch an der Blume des Weines.

»Nun, und wahrhaftig gibt es da etwas«, fuhr Michaut fort. »Sagt Ihnen der Ausdruck ›Sang Réal‹ etwas?«

Der Graf antwortete nicht sofort, sah den Präsidenten nur über den Rand seines Glases hinweg an. Schweigend und einen Augenblick länger als üblich. »Was bedeutet er?«, fragte er dann.

Michaut beugte sich vor. »Es ist altertümliches Französisch. Heute würde man ›Sang Royal‹ sagen, königliches Blut«. Wie wir besprochen hatten, habe ich das Gespräch mit Laroche gesucht, und wie zu erwarten war, gab er sich mir sehr selbstsicher, ja sogar siegesgewiss. Sagte, ich könne seinen Sieg niemals verhindern, ohne ihn zum Märtyrer zu machen, und dass er der Erbe des königlichen Blutes sei.«

Die Augen des Grafen blieben unergründlich.

»Genau das waren seine Worte. Merkwürdig, nicht wahr? Und wissen Sie, was ›Sang Réal‹ noch bedeutet? Hiervon leitet sich ›San Graal‹ ab, der Heilige Gral!« Michaut ergriff sein Glas und lehnte sich wieder zurück. »Ach, was erzähle ich für ein wirres Zeug. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und heraus kommt ein Durcheinander, dass Sie mich für übergeschnappt halten müssen.« Er nahm einen tiefen Schluck.

»Ganz und gar nicht, Monsieur le Président. Aber vielleicht hilft es, wenn Sie erläutern, was Monsieur Laroche gemeint haben könnte, als er davon sprach, Erbe eines königlichen Blutes zu sein.«

»Nun, als wir seine Familiengeschichte untersuchten, stellten wir fest, dass sie seit jeher eine enge Verbindung zur Genealogie hatte. Stets haben einzelne Familienmitglieder große Summen in die Erforschung ihrer Familiengeschichte und deren Erhaltung gesteckt; einige Verwandte waren sogar angesehene Spezialisten auf diesem Gebiet. Es stellte sich heraus, dass alle entsprechenden Strecken in die Vergangenheit gut erforscht und dokumentiert waren – häufig auf Bestreben und Kosten der Familie selbst, wie unsere Recherchen ergeben haben. Jean-Baptiste Laroche ist ein lebender Nachfahr der Merowinger, jenes Geschlechts, das im sechsten und siebten Jahrhundert nach Christus das Reich der Franken vereinte.«

»Das wäre eine wirklich beachtliche Familiengeschichte. Das hieße, er könnte seine Wurzeln bis ins achte Jahrhundert zurückverfolgen.« Der Graf nahm einen kleinen Schluck. »Das bedeutet«, sagte er dann, »Monsieur Laroche sieht sich als Abkömmling eines königlichen Geschlechts, als Erbe des Throns von Frankreich, und erhebt nun, nach fast fünfzehnhundert Jahren, Anspruch auf die Präsidentschaft?«

Michaut nahm nun ebenfalls einen Schluck. »Ja, so sieht es aus.«

»Nun, die Merowinger wurden von den Karolingern wenige hundert Jahre später entmachtet. Und eine Monarchie gibt es in Frankreich schon lange nicht mehr. Wie könnte er sich mit einem solchen Anspruch Gehör verschaffen, geschweige denn durchsetzen?«

»Das ist es, was mir Sorgen bereitet«, erklärte Michaut. »Eine derartige Abstammung mag außergewöhnlich, sogar Aufsehen erregend sein, aber sie ist natürlich heute keine Basis mehr für einen Rechtsanspruch. Wir leben in einer funktionierenden Demokratie, und mein Volk wählt keine Könige. Aber Laroche verfolgt ein größeres Ziel. Während er seinen Stammbaum bis zu den Merowingern verfolgt hat, so ist das Geschlecht der Merowinger seinerseits inzwischen auch gut dokumentiert. Und es gibt eine revolutionäre neue These, laut der die Merowinger von Jesus Christus abstammen!«

Michaut erwartete, dass sich nach dieser Enthüllung ein Lachen auf dem Gesicht des sonst so zurückhaltenden Grafen ausbreiten würde. Doch der sah ihn nur eine Weile schweigend an.

»Nun, ich weiß«, fuhr der Präsident daher fort, »es klingt provokant, wenn nicht haarsträubend...«

»So neu ist die These gar nicht«, unterbrach ihn der Graf mit ruhiger Stimme.

»Wie meinen Sie das? Sie wissen davon?«

»Sie machte hauptsächlich in den achtziger Jahren von sich reden. Und vor kurzem erst hat ein Amerikaner einen Thriller zu diesem Thema geschrieben. Es erstaunt mich, nun im Zusammenhang mit Jean-Baptiste Laroche erneut davon zu hören.«

»Was wissen Sie darüber?«

Der Graf lehnte sich zurück und betrachtete den See. »Es scheint in der Tat Hinweise zu geben, die die Merowinger in direkte Verbindung mit Jesus Christus bringen. Einige davon sind sicherlich fragwürdig, andere allerdings unwiderlegbar. Außerdem gibt es Belege, die bislang nicht veröffentlicht wurden und die diese Theorie deutlich untermauern könnten.«

»Dann ist es also wahr?« Michaut sah den Grafen mit geweiteten Augen an. Er hatte mit Unverständnis gerechnet, bestenfalls Zurückhaltung, aber er hatte nicht erwartet, dass der Graf auch in dieser Angelegenheit informiert war. »Ist Laroche mit Jesus verwandt?«

Nun war es an der Zeit für den Grafen, ein feines Lächeln zu zeigen. Er wirkte belustigt, dabei aber nicht überheblich, sondern verständnisvoll. »Was, wenn er es wäre?«, fragte er.

»Wenn er wirklich mit Jesus verwandt wäre, fragen Sie? Wenn in ihm tatsächlich das Blut Christi flösse?«

»Sie wirken beunruhigt und ergriffen zugleich«, bemerkte der Graf.

»Selbstverständlich bin ich beunruhigt! Stellen Sie sich die weltweite Aufregung vor: Der letzte Verwandte von Jesus Christus ist gefunden worden – das Blut des Erlösers ist unter uns. Jeder auf der Welt würde ihn ehren, die Kirchen würden ihm zu Füßen liegen. Dieser Mensch würde die Welt regieren,«

»Warum sollte er? Wenn er doch nur ein Mensch ist?«

»Wie meinen Sie das?«

»War nicht Jesus sowohl Mensch als auch Gott zugleich? Fand seine Göttlichkeit nicht Ausdruck darin, dass er die Sünden der Menschen auf sich nahm, für sie starb und am dritten Tage wieder auferstand?«

»Ich bin kein sonderlich religiöser Mensch...«, wandte der Präsident ein.

Der Graf nickte entgegenkommend. »Nun, hierin liegt jedenfalls die religiöse Bedeutung der Figur Christi. Nicht in seinem Leben, seinen Jüngern, seiner Bergpredigt – Wunder und Weisheiten dieser Art wurden vor ihm und nach ihm von Propheten auf der ganzen Welt bekannt. Und wenngleich Weihnachten als das Fest seiner Geburt weltweit am meisten Beachtung findet, so ist es doch ein ursprünglich heidnisches Fest, umgedeutet und assimiliert, wie so vieles. Tatsächlich ist Ostern das wichtigste Fest des Christentums, und das feiert Jesu Auferstehung. Allein hierin liegt die ganze Bedeutung und die göttliche Macht des Messias. Dass Jesus gleichzeitig auch Mensch war, ermöglicht es, sich mit ihm zu identifizieren, und es macht deutlich, wie Jesus die Belange, Sorgen, Zweifel und Nöte der Menschen kennen konnte. Aber auf dieser menschlichen Ebene war Jesus ein Wanderprediger, wenn Sie so wollen. Möglicherweise Angehöriger der Essenersekte – falls das einen Unterschied machen sollte. Aber diese menschliche Seite hat keine Macht, sondern das Göttliche in ihm. Was, wenn er tatsächlich einen Bruder gehabt hätte, oder einen Sohn, wie es andere Thesen behaupten? Wären diese ebenfalls zugleich Gott gewesen? Nein. Hätten sie die Menschen erlösen und von den Toten auferstehen können? Nein. Daher wäre eine Abstammung von Jesus zugegebenermaßen faszinierend, aber dennoch ohne jeden religiösen Machtanspruch.«

»Was Sie sagen, klingt nachvollziehbar«, sagte Michaut, »aber wie viele Menschen werden das ebenfalls so sehen? Wird nicht jedermann auf die Knie fallen vor ihm, der großartigsten und einzig lebenden Reliquie, wenn Sie so wollen? Wenn die katholische Kirche sogar Maria verehrt, die ja mit der so wichtigen Auferstehung und der Erlösung der Menschen, wie Sie darlegen, überhaupt nichts zu tun hat, wird sie da nicht einen heute lebenden Verwandten von Jesus ebenfalls heiligen?«

»Eher würde die Bibel neu geschrieben werden. Stellen Sie sich vor: Die Kluft zwischen den progressiven und den fundamentalistischen Kräften in der Kirche würde aufreißen, es würde die katholische Kirche erschüttern und zerreißen. Ein neues Schisma wäre die Folge. Denken Sie, sie könnte sich das erlauben? Der Katholizismus, die Kirche, der Papst und deren Geschichte sind heutzutage in der Kritik wie nie zuvor. Ein solcher Eklat wäre inakzeptabel.«

»Wieder kann ich Ihnen folgen«, sagte der Präsident, »und dennoch können mich Ihre Worte nicht beruhigen.«

»Ja, vielleicht ist es auch schwierig, die Reaktion der Menschen und der Kirche so eindeutig vorherzusehen.« Der Graf nahm einen weiteren Schluck. »Aber vielleicht kann ich Sie auf andere Weise beruhigen.«

»Bei allem Respekt, Monsieur le Comte«, sagte Michaut und schüttelte den Kopf, »ich bezweifle, dass Sie das jetzt noch können.«

»Nun, einerseits ist ja nicht endgültig geklärt, ob eine derartige These – eine Verwandtschaft der Merowinger zu Jesus – vor dem Angesicht der Weltöffentlichkeit überhaupt standhalten könnte. Ob sich überhaupt jemand ernsthaft dafür interessiert. Die Tatsache, dass diese Geschichten schon seit Hunderten von Jahren kursieren, immer wieder gedruckt und sogar verfilmt wurden und keine nachhaltige Resonanz hervorgerufen haben, spricht meines Erachtens nicht dafür. Und ebenso fraglich ist meiner laienhaften Ansicht nach, ob die Verwandtschaft des Monsieur Laroche zu den Merowingern tatsächlich gesichert ist. Ich meine, mich an einen Herrn erinnern zu können, der Ihnen in dieser Hinsicht weiterhelfen kann.«

Michaut sah den Grafen mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier an. Er hatte nicht vor, weitere Leute in diese brisante Angelegenheit einzuweihen. Wer, um alles in der Welt, würde hier sachlich bleiben und ihm sogar helfen können?

»Sie fragen sich sicherlich, wer bei einem solch bedeutenden Sachverhalt zu Rate gezogen werden könnte. Nun, es wird Sie gewiss interessieren zu erfahren, dass die Nachfolge des Geschlechts der Merowinger über die Jahrhunderte hinweg in der Tat gewissenhaft gesichert und im Geheimen fortgeführt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt also nachweislich. Verantwortlich hierfür ist ein Orden, der sich Priorat von Zion nennt. Wie es der Zufall will, operiert er heute unter anderem von der Schweiz aus. Es wäre mir möglich, Sie mit jemandem in Kontakt zu bringen, der wie niemand sonst über die gesamte Geschichte des Ordens Bescheid weiß. Es ist ein Monsieur Plantard. Ich würde vermuten, dass dieser Herr in der Lage ist, nachzuweisen, wer der heutige Nachfahr der Merowinger ist, oder vielmehr – und das ist das Einzige, das Sie wirklich interessieren dürfte –, dass es sich dabei nicht um Monsieur Laroche handelt.

»Was macht Sie so sicher?«

»Nennen Sie es Instinkt, Monsieur le Président«, sagte der Graf und lächelte nun zum zweiten Mal.

10. Mai, Wald bei St.-Pierre-Du-Bois

Im Wald parkte ein schwarzer Lieferwagen mit dunkel getönten Scheiben. Nichts wies darauf hin, dass er erst vor wenigen Stunden hierher gefahren war. Das Geräusch des Motors war verklungen, Türen waren zugeschlagen worden, Schritte hatten sich entfernt. Eine Weile noch hatte der warme Motor in der kühlen Waldluft geknackt, dann hatten die Geräusche des Waldes den Wagen wieder umfangen.

Vogelstimmen ertönten, der Wind hatte aufgefrischt und rauschte durch die Blätter. Es bewölkte sich, die Kontraste zwischen sonnigen Flecken und Schatten auf dem Waldboden wichen dem fahlen, indirekten Licht, das nun durch die Wolkendecke drang.

Zwischen den Bäumen tauchten unvermittelt drei Gestalten auf. Sie waren in schwarze Mäntel gehüllt und bewegten sich mit solch raubtierhafter Geschmeidigkeit, dass sie kaum auszumachen waren. Es schien, als würden sie nach jedem Schritt mit den Stämmen und Büschen verschmelzen, und sie verursachten kaum ein Geräusch dabei. Rasch waren sie dem Wagen näher gekommen. Der Erste von ihnen öffnete die Hecktür, sie stiegen ein, und die Tür wurde von innen wieder geschlossen.

Im Inneren des Wagens war die Luft warm und schwer. Es roch nach feuchter Kleidung, nach Wachs und ein wenig süßlich. Eine Kerze erhellte einen kleinen Altar. Er war aus dunklem Holz gefertigt, das mit organisch anmutenden Schnitzereien versehen war. Über dem Altar hing ein auf Tuch gemaltes Gemälde, das eine dämonische Figur darstellte. Ihr Kopf war gehörnt, das Maul mit spitzen Reißzähnen versehen. Der Torso war nackt, männlich und muskulös, ebenso wie die stark behaarten Arme und Beine. Statt Füßen besaß die Gestalt mächtige Hufe, die Funken auf dem Boden schlugen. Auf dem Altar lag eine weiße, bestickte Stoffbahn, auf der ein silberner Kelch stand. Er war mit einer dunkelroten, zähen Flüssigkeit gefüllt. Neben dem Kelch lag der feucht glänzende, gehäutete Schädel einer Katze.

Das Kerzenlicht flackerte über die Gesichter von vier Männern. Einer von ihnen hatte im Wagen gewartet. Er mochte Mitte dreißig sein und trug einen dunklen Anzug, so dass er Teil der Schatten zu sein schien. Sein Gesicht stach hervor, sein Blick war streng und funkelnd. Auf seiner Stirn prangte ein Zeichen, das mit einer roten Flüssigkeit gezeichnet worden war – offenkundig die gleiche Flüssigkeit, die sich auch in dem silbernen Kelch befand. In der Abgeschiedenheit dieser dunklen Kammer hatte er ein längst vergessenes Ritual vollzogen und dann seine Untergebenen ausgesandt, um die Umgebung zu erkunden. Nun hatte er sie zurückgerufen, und sie waren gekommen, um ihm Bericht zu erstatten.

»Sprich!«, wies er einen der Männer an.

»Die Absperrung führt mehrere Kilometer in den Wald hinein, Herr. Ich bin ihr bis zu einem Berg gefolgt, auf den die Absperrung hinaufführt. Überall entlang des Zaunes patrouillieren schwer bewaffnete Ranger. Es sind allem Anschein nach professionelle Wachleute, möglicherweise vom Militär.«

»Siehst du eine Möglichkeit, unbemerkt an ihnen vorbeizukommen?«

»Eine Hand voll von uns könnte das schaffen. Die Gefahr entdeckt zu werden ist allerdings groß, und es sind mindestens drei Dutzend Bewaffnete in diesem westlichen Teil des Gebiets.«

»Was habt ihr gesehen?«, wandte sich der Mann im Anzug nun an die beiden anderen.

»Eine halbe Stunde südlich von hier gibt es ein Lager«, erklärte einer der beiden. »Es sieht aus wie ein Armeecamp. Man erkennt Büros und Schlafstätten und so etwas wie Lagerhallen.«

»Professor Lavell?«

»Keine Spur von ihm, Herr. Das Lager liegt ein Stück weit innerhalb des Gebiets. Es führt eine Art Straße dorthin, allerdings ist sie mit einem großen Gatter versperrt. Es scheint der Haupteingang zu dem Areal zu sein. Wenn wir dies überwachen, taucht er vielleicht früher oder später dort auf.«

»Du hast dir keine Gedanken über meine Vorgehensweise zu machen!«, entgegnete der Mann im Anzug.

»Ja, Herr, verzeiht.« Er senkte den Kopf und entblößte seinen Nacken. »Belial sei mit Euch, Ash Modai.«

Ash ignorierte den Mann und wandte sich an den dritten der Späher. »Und was hast du gesehen?«

»Ich bin der Absperrung in die andere Richtung gefolgt. Auch dort sind überall Bewaffnete, und kein Hinweis auf den Professor.«

Ash Modai schwieg einen Augenblick. Er befehligte fünf Legionen der westlichen Fürstentümer der Hand von Belial. Mit ihnen wäre es möglich, das Gebiet einzunehmen. Aber er durfte kein solches Aufsehen erregen. Der Hohepriester hatte sehr deutlich gemacht, was Belial von ihm erwartete. Der Professor war dem »Kreis von Montségur« auf der Spur. Möglicherweise lag das Geheimnis hinter dieser Absperrung, aber nur der Professor konnte das bestätigen. Also mussten sie ihn finden. Und das würden sie auch. Und sie würden alles von ihm erfahren.

»Erhebe dich!«, wies er den Mann an, der noch immer mit gesenktem Haupt verharrte. »Du bleibst hier. Begib dich zum Gatter und bewache den Eingang Tag und Nacht. Wenn ich dich eines Tages frage, wirst du mir sagen können, wer dieses Tor passiert hat, wann und warum.«

»Ja, Herr.«

»Steig aus.«

Der Mann gehorchte. Ash folgte ihm.

»Lauf los, verschwende nicht noch mehr Zeit!« Dann wandte er sich an die im Wagen Verbliebenen. »Wir fahren jetzt in die Stadt und suchen den Professor dort. Zieht euch inzwischen um.« Er schloss die Hecktür, ging um den Wagen und setzte sich ans Steuer. Er sah in den Rückspiegel und wischte sich die Stirn mit einem Tuch sauber. Dann fuhr er los nach St.-Pierre-Du-Bois.

10. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois

»Gehen wir die Details also noch einmal durch«, sagte Peter. »Da der Durchgang keinerlei Strahlung durchlässt, ist es sinnlos, Ihnen ein Handy oder ein Funkgerät mitzugeben. Stattdessen werden Patrick und ich Sie mit einem Seil sichern. Sie strecken zuerst Ihren Kopf hinein, und wir ziehen Sie augenblicklich zurück. Wenn alles gut geht, betreten Sie den Durchgang für eine Sekunde vollständig, und wir ziehen Sie erneut zurück. So werden wir Ihre Verweildauer schrittweise verlängern, bis wir sicher sind, dass Ihnen nichts geschieht.«

»Ja doch, Peter«, sagte Patrick. »Vielleicht möchten Sie Millimeterpapier haben?«

»Das ist eine ernste Sache! Immerhin geht es hier um ihre geistige Gesundheit, um ihr Leben.«

»Ach kommen Sie, es wird ihr schon nichts passieren.«

»Wie können Sie sich da so sicher sein? Immerhin wissen Sie selbst, wie es sich anfühlt, wenn es schief geht.«

»Sie haben ja Recht, aber ich habe einfach das sichere Gefühl, dass wir das Richtige tun. Außerdem vertraue ich ihr.«

»Seit wann haben Sie jemals irgendjemandem außer sich selbst vertraut?«

»Irgendwann muss man ja anfangen«, sagte Patrick.

»Ich hoffe, Sie nehmen das nicht so auf die leichte Schulter«, sagte Peter nun an Stefanie gewandt. »Achten Sie auf jede noch so kleine Veränderung in Ihrer Wahrnehmung oder in Ihrem Befinden.«

»Ich bin auch zuversichtlich, dass es keine Probleme geben wird«, antwortete sie. »Ich werde eine Taschenlampe und einen Notizblock mitnehmen, um Skizzen anzufertigen von dem, was ich sehe.«

»Möglicherweise ist es auch hinter dem Durchgang vollständig dunkel«, überlegte nun Patrick. »Es könnte viele Kilometer weitergehen, und vielleicht wird auf der ganzen Strecke der Lichtstrahl verschluckt, so wie am Eingang. Rechnen Sie also damit, dass Sie trotz Ihrer Taschenlampe vollkommen blind sind.«

»Ja, und vielleicht gibt es dort plötzliche Spalten und Abgründe«, fügte Peter hinzu. »Tasten Sie sich wirklich nur zentimeterweise vor!«

»Untersuchen Sie auch die Wände«, sagte Patrick. »Vielleicht finden Sie direkt hinter dem Durchgang an der Wand so etwas wie einen Schalter, einen Mechanismus, mit dem Sie den Effekt ausschalten können.«

»Wir müssen uns auch auf einen Code einigen, wie wir uns mit Hilfe des Seils verständigen können. Vielleicht dringen ja auch keine Schallwellen durch den Durchgang.«

»Gute Idee«, sagte Patrick. »Ich schlage vor, dreimaliges, kräftiges Ziehen am Seil unsererseits bedeutet: »Sofort zurückkehren‹; und Ihrerseits heißt es: ›Ziehen Sie mich raus.‹«

»Ich halte das für nicht so gut«, wandte Peter ein, »was, wenn Stefanie etwas zustößt und sie nicht mehr in der Lage ist, dreimal kräftig zu ziehen? Oder wenn sich das Seil so verhakt, dass ihr Reißen am Seil von der Stelle aufgefangen wird, an der das Seil festhängt?«

»Sie machen sich aber ganz schön düstere Gedanken, Professor«, sagte Patrick.

»Aber er hat Recht«, sagte Stefanie, »ich könnte doch auch in regelmäßigen Abständen kurz am Seil ziehen. Sie wissen dann, dass alles in Ordnung ist. Bleibt mein Ziehen aus – aus welchen Gründen auch immer –, holen Sie mich zurück.«

»Ja, das klingt gut«, meinte Peter.

»Dann sind wir doch jetzt eigentlich bereit, oder?« Patrick stand auf.

»Also, aus meiner Sicht, ja«, antwortete Stefanie und erhob sich ebenfalls.

»Haben wir denn auch wirklich an alles gedacht?«, überlegte Peter noch.

»Jaaa!«, antworteten Patrick und Stefanie fast zeitgleich und mussten daraufhin beide lachen.

»Also dann...« Peter sah von einem zum anderen. Etwas unschlüssig stand er nun auch auf und zog seine Jacke an. »Dann geht es jetzt wohl los... Patrick, fahren Sie?«

Es hatte sich zum Nachmittag hin stark bewölkt, die Luft war abgekühlt. Während Patrick den Landrover die Straße zum Wald hinauf steuerte, saß Peter im Fond und machte sich Gedanken. Das größte Rätsel der Höhle lag nun vor ihnen – ein Durchgang, unergründlich und so gefährlich, dass er imstande war, jeden um den Verstand zu bringen, der ihn passieren wollte. Respektvoll waren sie ihm in letzter Zeit ferngeblieben und hatten stattdessen versucht, das Mysterium der Inschriften zu lösen. Immer tiefer waren sie dabei in mystische Verstrickungen geraten, hatten von der Kabbala über Martin Luther bis hin zu den Rosenkreuzern und Templern Staub der Jahrhunderte aufgewirbelt und waren bei näherer Betrachtung der Lösung des Rätsels kaum einen Schritt näher gekommen. Und nun hatten sie sich kurzerhand dazu entschlossen, die Schwelle zu übertreten. Es war waghalsig, äußerst gefährlich, und obwohl er eigentlich höchst angespannt sein müsste, fühlte er sich seltsam distanziert. Er schien viel mehr Beobachter als Beteiligter. Vielleicht lag es daran, dass so viele der Erkenntnisse, die sie hierher geführt hatten, ohne seine Hilfe zustande gekommen waren: der Zeitpunkt der Sonnenfinsternis, die Entschlüsselung der Inschrift im Boden, die Bedeutung des ersten Briefes – stets war Stefanie irgendwie beteiligt gewesen. Wie eine Art Katalysator hatte sie behutsam dafür gesorgt, dass die entscheidenden Hinweise entstanden und zusammengefügt wurden. Peter konnte das nicht wirklich belegen, aber da war wieder dieses merkwürdige Gefühl ihr gegenüber. Und nun war sie es auch, die den Durchgang passieren würde... War das wirklich gut so? Hatte sie die beiden Männer unbemerkt manipuliert? Patrick vertraute ihr... Weshalb war sie sich so sicher, dass sie sich nicht in Gefahr begab?

Peters Gedanken kamen zu einem abrupten Halt, als sie vor dem Gatter im Wald angekommen waren. Der Ranger, der es öffnete, trat an den Wagen heran und bedeutete Patrick, das Fenster herunterzukurbeln.

»Guten Tag, Messieurs, Madame. Der Kommandant im Lager lässt Ihnen mitteilen, dass Sie bitte bei ihm im Container C vorbeischauen mögen.«

Patrick sah seine Beifahrerin kurz an, zuckte dann mit den Schultern und fragte den Ranger: »Um was geht es denn?«

»Das weiß ich nicht, Monsieur.«

»Nun gut, danke sehr«, sagte Patrick und fuhr weiter. Kurz darauf erreichten sie das Lager. Sie parkten den Wagen und sahen sich um. Wie immer, wenn sie hier waren, wirkte es fast ausgestorben, aber aufgrund der Anzahl der Container ahnten sie, wie viele der Aufpasser sich im Wald verbargen. Sie betraten den mit einem schwarzen »C« beschrifteten Container. Peters Blick wanderte umher. An einer Wand hing eine topographische Karte der Umgebung, welche die Höhle und das umzäunte Gebiet zeigte. Außerdem waren auf der Karte weitere Merkmale mit Symbolen und Ziffern verzeichnet. Im hinteren Teil des provisorischen Büros befand sich ein kruder Schreibtisch, auf dem offenbar an mehreren Laptops und Flachbildschirmen zugleich gearbeitet wurde.

Sie wurden von einem kräftigen Mann in grüner Uniform empfangen. »Hier ist etwas, was Sie sich ansehen sollten«, begrüßte er die Forscher.

Neugierig traten sie näher an seinen Schreibtisch heran. Er drehte einen Flachbildschirm zu ihnen herum, auf dem sie in mittelmäßiger Video-Qualität eine Gruppe von Bäumen ausmachen konnten. In der Fußzeile des Bildes war eine digitale Anzeige eingeblendet, die neben einigen unverständlichen Zahlen das heutige Datum anzeigte sowie die Uhrzeit: 16:04.

»Diese Aufnahmen«, erklärte der Ranger, »hat eine unserer Überwachungskameras vor einer halben Stunde gemacht. Sie sehen hier den Bereich der Böschung direkt außerhalb des Gatters.«

»Ich kann nichts Außergewöhnliches erkennen«, sagte Peter.

»Das ist korrekt«, sagte der Ranger. »Aber zur gleichen Zeit hat unsere Wärmebildkamera folgende Aufnahmen gemacht.« Er betätigte einige Tasten des angeschlossenen Laptops, und das Bild verwandelte sich in ein Muster aus blauen und grünen Flächen, in dem die Bäume nur noch schemenhaft erkennbar waren, Am rechten Bildschirmrand erschien mit einem Mal der grüngelb leuchtende Umriss einer menschlichen Gestalt, die sich in geduckter Haltung fortbewegte. Die Gestalt kauerte sich neben einen der Bäume, und innerhalb von Sekunden verblasste das gelbe Leuchten. Der Umriss war noch einen Augenblick grün zu erkennen, dann wurde er blau und war schließlich vollkommen mit der Umgebung verschmolzen.

»Was war denn das?«, fragte Peter.

»Die Kamera hat einen Menschen registriert«, erklärte Patrick. »Da er wärmer als die Umgebung war, erschien er in einer änderen Farbe. Und dann ist er plötzlich verschwunden.«

»Um es zu präzisieren«, ergänzte der Ranger, »er ist innerhalb von vier Sekunden um rund fünfzehn Grad auf die Temperatur der Umgebung abgekühlt.«

»Wahnsinn...«, sagte Patrick halblaut.

»Das scheint ungewöhnlich zu sein?«, fragte Peter.

»Nun wissen Sie«, meinte Patrick, »wenn da draußen jemand in einem Ganzkörper-Neopren-Anzug herumläuft, durch den er auf Knopfdruck Eiswasser fließen lassen kann, dann ist das völlig normal.«

»Aha...«, bemerkte Peter. »Und was macht dieser Mensch jetzt? Beobachtet er jetzt das Lager? Ist er überhaupt noch da?«

»Nun, unsere Wärmebildkamera hat ihn verloren, wie diese Aufnahme belegt. Und wenn Sie sich noch einmal die erste Aufnahme derselben Stelle ansehen – achten Sie bitte auf die Uhrzeit der Sequenz...« Er tippte erneut etwas ein, und das Videobild wurde wieder sichtbar. »Während der Sekunden, in der das Wärmebild aufgenommen wurde, ist im regulären Lichtspektrum überhaupt nichts zu sehen.«

Peter betrachtete ungläubig den Monitor. »Wollen Sie damit sagen...«

»...er ist unsichtbar, ja, Monsieur.«

»... falls diese Daten einwandfrei sind«, wandte Patrick ein.

»Eine technische Manipulation ist ausgeschlossen, Monsieur. Unsere Daten werden automatisch mit einem dynamischen Wasserzeichen verschlüsselt.«

»Sie erklären uns also«, sagte Stefanie, »dass Sie einen unsichtbaren Menschen entdeckt haben, der sich vor einer halben Stunde in der Nähe des Gatters versteckt hat und nun noch nicht einmal mehr für die Wärmebildkamera auffindbar ist.«

»Das ist korrekt, Madame«.

»Das klingt sehr unschön«, sagte Peter. »Was planen Sie, in dieser Angelegenheit zu unternehmen?«

»Wir untersuchen den fraglichen Bereich zurzeit in verschiedenen Frequenzbereichen, um ein anderes Bild zu bekommen. Sobald wir eine Möglichkeit haben, den Mensch im Ultraschallspektrum zu erfassen, werden wir ihm augenblicklich nachstellen und ihn ergreifen.«

»Hm.« Peter nickte. »Gut, halten Sie uns auf dem Laufenden. Wir machen uns inzwischen auf zur Höhle.«

Als sie wieder im Wagen saßen und ihren Weg zum Berg fortsetzten, sagte er: »Ich frage mich, wer uns da beobachtet. Finden Sie das nicht äußerst bedenklich?«

»Ja, unbedingt«, stimmte Stefanie zu. »Halten Sie es für möglich, dass uns Renée Colladon ausfindig gemacht hat?«

»Denkbar wäre es«, überlegte Peter. »Es könnte aber natürlich auch jener andere unbekannte ›St. G.‹ sein, der uns die merkwürdigen Faxe geschickt hat.«

»Oder der Förster«, sagte Patrick. »Wie hieß er noch, Levasseur?«

»Dem traue ich das am ehesten zu«, meinte Peter. »Fragt sich nur, wie er es schafft, sich unsichtbar zu machen. Ich verstehe ja nicht viel von Technik, aber das kommt mir doch sehr aufwendig vor. Vielleicht hat es etwas mit dem Durchgang in der Höhle zu tun?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun ja, der Durchgang hat doch auch so merkwürdige Eigenschaften, wie auch immer man das nennt. Vielleicht gibt es eine gewisse Technologie oder eine bestimmte Farbe oder Chemikalie, die das alles bewirkt. Mit ihr ist die Höhle angemalt, und wenn man daraus einen Stoff webt, dann macht der einen unsichtbar.«

»Also, Ihre Fantasie möchte ich haben«, sagte Patrick.

»Was weiß denn ich? Immerhin sind Sie doch auch auf der Suche nach Eldorado...«

»Fangen Sie schon wieder davon an?«

»Ich meine das ganz ernst, ohne Zynismus. Vielleicht gibt es ja eine einfache, rationale Erklärung.«

»Nun«, sagte Patrick, »dem Geheimnis der Höhle werden wir ja glücklicherweise gleich ein gutes Stück näher sein.«

Kurze Zeit später kamen sie an den Felshang, wo sie den Wagen stehen lassen mussten. Es war zwar erst kurz vor fünf am Nachmittag, aber der Himmel hatte sich inzwischen so bedeckt, dass sie ein merkwürdiges Zwielicht umgab.

»Es wird bald regnen«, sagte Peter. »Hoffentlich hält es sich in Grenzen, so dass wir nachher wieder gut zurückkommen.«

Nacheinander stiegen sie den Pfad hinauf. Oben angekommen, öffnete Peter das Stahltor, während Patrick den Generator startete und die Flutlichter einschaltete.

Einen Augenblick blieben sie noch unschlüssig vor dem Eingang stehen. Es war auf eine Weise nicht anders als die vielen Male, die sie bisher hier gewesen waren. Alles wirkte in seiner Fremdartigkeit vertraut, es war, als hätten sie sich an das Rätsel und dessen Unlösbarkeit gewöhnt. Und doch war es heute anders. Sie würden nichts weiter tun, als einen einzigen Schritt zu wagen, aber dieser Schritt war eine Revolution. Sie hatten noch keine Vorstellung davon, von welcher Tragweite diese Kleinigkeit sein würde.

Sie gingen in die Höhle hinein, vorbei an den Schriftzügen und Malereien, die sie in den letzten Tagen und Wochen so sehr beschäftigt hatten. Was sie übersetzt hatten, war nur ein Teil, vielleicht höchstens die Hälfte. Noch immer gab es unzählige Texte, die ihnen unbekannt waren, deren Schrift sie nicht einmal kannten. Peter war überzeugt, dass diese Höhle ein neuer Stein von Rosette war, eine Quelle, eine Goldgrube für jeden Sprachforscher. Zahllose Schriften der Antike waren bisher nicht entziffert worden, von einigen hatte man viel zu wenig Fundstücke, aber durch diese Höhle würde man dem Verständnis der Antike in riesigen Schritten näher kommen, sie würde ein völlig neues Licht auf so vieles werfen. Es war ein grandioser Fund, möglicherweise der bemerkenswerteste seit Carter.

Doch trotz aller Bedeutsamkeit beachteten sie die Wände nun kaum. Sie hatten eine einigermaßen brauchbare Erklärung dafür gefunden, wie diese Malereien hierher gekommen waren und welche Geschichte die Texte erzählten. Und sie wussten vor allen Dingen auch, was ihnen die Texte nicht verraten würden: das Geheimnis des Durchgangs.

Hinter der Biegung des Gangs blieben sie stehen. Ein Scheinwerfer an der Decke war auf den Durchgang gerichtet. Die vollkommene Schwärze, die sich dadurch an dieser Stelle wie eine Mauer im Tunnel aufspannte, ließ wieder ein unangenehmes Gefühl in ihnen aufkommen. Das Phänomen widersprach aufs Äußerste allen Gewohnheiten des Sehens: Die Augen konnten nichts erkennen, nichts scharf stellen. Es fühlte sich an wie ein Riss in der realen Welt, so dass in Peter eine Art von Übelkeit aufkam. Er fühlte sich haltlos, schwindelig.

»Können wir diese Lampe nicht ausmachen?«, fragte er.

»Es sieht dann nicht ganz so finster aus.«

Peter fiel im selben Augenblick auf, wie paradox das klang, aber Patrick wusste, was er meinte. Er nickte und betätigte einen Schalter, woraufhin es wieder dunkler um sie wurde. Von hinter ihnen drang nun etwas Licht um die Ecke des Gangs, von dort, wo die anderen Scheinwerfer die Schriften an den Höhlenwänden beleuchteten, und direkt vor ihnen war die Schwärze jetzt verschwunden und die Luft wieder von dem unerklärlichen bläulichen Schimmern erfüllt. Nachdem sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, war es ausreichend hell, um noch immer die eingemeißelten Symbole im Fußboden deutlich erkennen zu können. Der Gang vor ihnen war wieder als Gang sichtbar, und nur das blaue Leuchten ließ vermuten, dass sich hier etwas Außergewöhnliches verbarg.

Patrick setzte seinen Rucksack ab, öffnete ihn und reichte Stefanie einen breiten Gürtel, den sie sich umband. An einem Ring auf der Rückseite befestigte er einen Karabinerhaken und das Seil, mit dem sie die Sprachwissenschaftlerin sichern wollten. Peter reichte ihr eine Taschenlampe sowie ein Klemmbrett mit Stift.

»Nur millimeterweise vortasten«, erinnerte er sie.

»Wir werden jetzt erst mal Ihren Kopf testen«, sagte Patrick. »Stellen Sie sich direkt vor den Durchgang.« Er machte ein Zeichen mit der Hand. »Hier beginnt die Barriere. Sind Sie bereit?«

Stefanie stellte sich breitbeinig in die Mitte des Gangs, um einen sicheren Stand zu haben. Sie beugte sich leicht vor, bis ihre Nase fast Patricks Hand berührte. Peter und Patrick fassten sie von beiden Seiten an der Schulter und am Oberarm.

»In Ordnung«, sagte sie. »Ich bin so weit. Bei ›Drei‹ werde ich den Kopf nach vorne strecken. O.k.?«

»O.k.«

»Eins... zwei... drei.« Ruckartig beugte sie sich vor.

Entsetzt sah Peter, wie Stefanies Kopf verschwand. Als sei er plötzlich vom Rumpf gelöst worden, ragte nur noch ein Stück Hals zwischen ihren Schultern hervor. Doch bevor Peter den grauenvollen Anblick vollkommen aufnehmen konnte, rief Patrick »Vier!«, und sie rissen Stefanie wieder zurück. Aufgeregt sahen sie ihr ins Gesicht. »Stefanie? Alles in Ordnung bei Ihnen?«

»Sie müssen mir ja nicht gleich die Schulter auskugeln«, antwortete sie.

Patrick lachte erleichtert auf. »Was haben Sie gesehen?«

»Nichts, dafür waren Sie zu schnell. Aber ich fühle mich nicht anders als vorher. Ich bin sicher, dass es völlig unproblematisch für mich ist, den Gang zu betreten.«

»Also, zunächst gehen Sie nur einen Schritt hinein, und wir ziehen Sie am Seil zurück«, erinnerte sie Peter.

»Ja, sicher, in Ordnung.« Sie stellte sich aufrecht vor den Durchgang. »Sind Sie beide bereit?«

Patrick und Peter ergriffen das Seil.

»Ja, gehen Sie los«, sagte Patrick. »Und halten Sie die Augen offen.«

Stefanie machte einen großen Schritt vorwärts und verschwand. Wie das Seil eines Fakirs hing die Sicherungsleine waagerecht in der Luft und endete abrupt.

»An diesen Anblick werde ich mich mit Sicherheit nicht gewöhnen«, sagte Peter.

»Es ist wirklich bizarr«, stimmte Patrick zu. »Aber nun zurück mit ihr. Und los!« Sie waren darauf vorbereitet, Stefanie mit gemeinsamen Kräften zurückziehen zu müssen, aber in diesem Augenblick kam sie bereits wieder rückwärts heraus.

»Da passiert nichts«, sagte sie. »Sie können mich ruhig ganz reinlassen.«

»Was ist denn hinter dem Durchgang?«, fragte Patrick.

»Der Gang führt einige Meter weiter geradeaus und dann um eine Ecke herum. Dort scheint eine diffuse Lichtquelle zu sein. Aber mehr konnte ich noch nicht erkennen.«

»Und fühlen Sie irgendeine Veränderung an sich?«, fragte Peter.

»Nein, überhaupt nichts. Für mich ist es, als wäre da keine Schwelle oder Barriere. Ich kann einfach weitergehen.«

»Erstaunlich... Dann scheint es also zu stimmen; eine Frau kann den Durchgang betreten. Was meinen Sie, Patrick, soll sie jetzt weiter hineingehen?«

»Ja, absolut. Gehen Sie los, Stefanie.«

»Einverstanden«, sagte sie. »Also dann.« Und mit diesen Worten trat sie vor und verschwand erneut vor den Augen der anderen beiden Forscher im Gang.

10. Mai, auf der Landstraße nach Lapalme

Es war erst später Nachmittag, aber dichte Wolken verdunkelten den Himmel wie im Herbst, und der einsetzende Regen trübte zunehmend die Sicht. Didier Fauvel schaltete das Abblendlicht und die Scheibenwischer ein. Natürlich war wieder einmal kein Wasser in der Anlage, und so hinterließen die Wischblätter zunächst schmierige Streifen. Fauvel fluchte. Auf diese Fahrt war er sowieso nicht sonderlich erpicht, und nun kam auch noch eins zum anderen. Er musste sich damit abfinden, bis der Regen stark genug wurde, um die Scheiben zu säubern. Entgegenkommende Fahrzeuge erzeugten blendende Lichtbogen, in denen kleine Blättchen und Fliegenkadaver zu sehen waren – nur keine Straßenbegrenzung. Er hasste den Regen, er hasste diesen Wagen, und er hasste es, dass er jetzt hier war. Übellaunig setzte er seinen Weg fort. Es waren nur noch wenige Kilometer.

Der Regen war stärker geworden, als Fauvels alter Mercedes knirschend auf der Auffahrt einer Villa zum Stehen kam. Er hatte seinen Bruder bisher selten besucht, und wenn, dann ging es darum, dass dieser irgendwie Hilfe benötigte. Das letzte Mal hatten sie sich vor etwa einem Jahr gesehen, als Paul in Untersuchungshaft war. Es ging um Waffenschmuggel. Die Küstenwache hatte eines seiner Boote in einem ungünstigen Augenblick und mit reichlich kompromittierendem Material aufgegriffen. Didier hatte ihn mit guten Worten und noch überzeugenderen Geldsummen freigekauft, so dass es gar nicht erst zu einer gründlichen Untersuchung gekommen war. Die Akten wurden geschlossen, bevor das Deckblatt getrocknet war. Damals hatte Paul eine richtige kleine Flotte von unauffälligen Schiffen und ein gutes Dutzend »Bekannter«. Didier erhoffte sich, dass sich unter ihnen einige Leute mit ausreichend krimineller Energie befanden, um die Forscher loszuwerden – in welcher Form auch immer; um die Details sollte Paul sich kümmern.

Der Gedanke war eigentlich gut, und Paul schuldete ihm auch mehr als nur einen Gefallen. Dennoch behagte es dem Bürgermeister nicht, seinen Bruder um etwas bitten zu müssen. In seinem zehn Jahre alten Benz vor dessen feudaler Villa stehen zu müssen, widerte ihn regelrecht an. Aber es gab Gründe, die wesentlich gewichtiger waren, und in diesem Zusammenhang hatte er seinem Stolz schon seit langem abschwören müssen.

Er sah auf die Uhr. Kurz vor fünf. Er war auch noch zu früh da! Aber nun im Wagen zu warten, um sich absichtlich eine Viertelstunde zu verspäten, war mindestens genauso dämlich. Also stieg er aus, lief durch den Regen, die Stufen zur Tür hinauf und klingelte.

»Didier!«, rief sein Bruder aus, als er öffnete. »Ich hatte so früh noch gar nicht mit dir gerechnet! Komm doch rein!«

»Ich war sowieso gerade in Perpignan«, antwortete der Bürgermeister, als er eintrat. Er ließ seinen Blick einmal unauffällig durch die Eingangshalle schweifen. Wie immer war sie wie geleckt, einzelne Designermöbel und teure Bilder waren geschickt platziert; Pauls Version des Understatements, das aufdringlicher schon nicht mehr sein konnte. Eine feingliedrige, dünn bekleidete junge Frau mit überraschender Oberweite trat heran.

»Marie, Schatz, nimmst du Didier bitte seine Jacke ab? Und dann sag Anabel Bescheid, dass wir was Warmes zu knabbern wollen. Du kannst dann Video gucken oder baden oder was auch immer. Ich schau nachher noch mal rein.« Die Frau nahm die Jacke des Bürgermeisters, hängte sie auf einen Ständer neben der Tür und ging davon.

»Eine Freundin«, erklärte Paul. »Aber komm doch mit, wir setzen uns am besten ins Wohnzimmer. Ich bin gespannt, was dich herführt.«

Was Paul als Wohnzimmer bezeichnete, war ein regelrechter Saal, der neben einem gewaltigen Esstisch auch mehrere Ledergarnituren und einen Kamin enthielt. Und noch immer hätte man bequem darin tanzen können. Aus seinen vorherigen Besuchen wusste Didier, dass man durch die große Fensterfront aufs Mittelmeer blicken konnte. Doch da es draußen schon fast ganz dunkel war, sah man nun hauptsächlich die Spiegelung des Zimmers, das dadurch allerdings nur umso größer erschien.

»Möchtest du einen Schluck?«, fragte Paul. »Einen Port, oder was trinkst du immer, einen Cognac?« Paul öffnete einen Schrank und offenbarte eine umfangreiche Bar.

»Ja, einen Cognac.«

Paul füllte einen Schwenker und reichte ihn seinem Bruder. »Du hast bestimmt wenig Zeit, lass uns also zur Sache kommen, damit du schnell wieder nach Hause kannst«, sagte er, nachdem sie Platz genommen hatten. Er schlug die Beine übereinander und steckte sich eine Zigarette an. »Was kann ich für dich tun? So geheim, dass du es am Telefon nicht erzählen wolltest...«

»Ich weiß nicht, ob du überhaupt helfen kannst. Ist eine ziemlich große Sache, sehr gefährlich...«

»Ist es das?«

»...und es springt nichts für dich dabei heraus.«

»Also ein kleiner Liebesbeweis, hm?« Paul grinste schief. »Dann lass doch erst mal hören, Bruder.«

Didier nahm einen tiefen Schluck und behielt den Schwenker dann in der Hand, während er erklärte: »In St.-Pierre sind ein paar Leute, Wissenschaftler, die ein Waldstück abgesperrt haben. Angeblich eine Tollwutseuche. Ich muss sie dringend loswerden.«

»Loswerden, hm? So richtig loswerden? Ohne Spuren?«

»Nur loswerden. Wie, ist mir egal. Aber ich kann sie nicht einfach darum bitten, nach Hause zu gehen.«

»Wie viele sind es denn, und was ist das Problem?«

»Es sind drei: zwei Männer und eine Frau. Das Problem ist, dass sie im Auftrag der GNES arbeiten. Das bedeutet, dass sie eigentlich eine ganz offizielle Genehmigung haben.« Er nahm noch einen Schluck. »Ich habe trotzdem versucht, sie aus dem Hotel rauszuwerfen, das ihnen als Büro dient. Aber sie haben das Hotel einfach gekauft!«

»Sie haben ein Hotel gekauft, nur, um nicht gehen zu müssen?«

»So sieht's aus, ja.«

»Seit wann hat die GNES so viel Geld?«

»Inzwischen glaube ich, dass sie hinter etwas ganz anderem her sind. Ich habe es mir selber angesehen. Die haben im Wald ein riesiges Areal abgesperrt, angeblich für Untersuchungszwecke. Und was das Ganze noch etwas komplizierter macht: Dort arbeiten mindestens ein weiteres Dutzend Ranger. Und dann die Sache mit dem Hotel... ist doch sehr verdächtig, oder?«

»Hm... ja. Warum willst du sie denn unbedingt loswerden?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Ist eine große Sache. Paris steckt mit drin. Sicher ist aber, dass sie noch in dieser Woche verschwunden sein müssen.«

»Moment mal, ist das hier eine politische Geschichte?«

»Dachte mir schon, dass dir das zu gefährlich ist.«

»Nun mal langsam, Didier. Ich weiß ja nicht, wer in Paris dahinter steckt, aber mit Politik will ich nichts zu tun haben.«

»Und Waffenschmuggel nach Sizilien ist ganz und gar unpolitisch?«

»Das war vor langer Zeit, Didier...«

»Und inzwischen bist du zum Heiligen geworden, oder wie muss ich mir das vorstellen?« Der Bürgermeister verdrehte die Augen, »Aber das war ja klar, dass du einen Rückzieher machst, die Mühe, hierher zu fahren, hätte ich mir eigentlich auch sparen können. Von mir lässt du dir gerne aushelfen, wenn es bei einem Millionendeal mal nicht so ganz geklappt hat. Aber dem älteren Bruder einen Gefallen tun, das ist wohl einfach zu viel für dich!«

»Mon Dieu, ich habe doch noch gar nichts gesagt! Jetzt beruhige dich erst mal wieder.« Paul stand auf, holte die Cognacflasche und schenkte seinem Bruder nach. Währenddessen betrat eine südländisch aussehende Frau das Wohnzimmer und brachte auf einem Tablett zwei Teller mit frittierten Stockfischbällchen und überbackenen Krevettenschwänzen. Paul nahm das Gespräch wieder auf, als sie den Raum verlassen hatte: »Wenn ich dich recht verstehe, geht es im Grunde darum, die drei Wissenschaftler dazu zu bewegen, ihre Sachen zu packen und abzuhauen, richtig?«

»Ja, sagte ich doch.« Didier begann sich zu bedienen und rutschte dabei auf seinem Sessel so weit nach vorne, dass sich das Sitzpolster über die Kante hinausschob und nach unten bog.

»Sollen sie nur aus dem Hotel verschwinden, oder sollen sie mitsamt ihren Rangern abziehen?«

»Die Forschungen, oder was auch immer sie da machen, sollen komplett eingestellt werden.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung mit einem abgenagten Krevettenschwanz. »Die Absperrung im Wald muss auch wieder weg.«

Paul überlegte einen Moment. »Klingt so, als brauchte man schon ein paar mehr überzeugende Argumente als einen blutigen Pferdeschädel im Bett. Je nachdem, wie die Ranger reagieren, müsste man schon mit einer kleinen Armee aufziehen ...«

»Warum nicht«, sagte Didier und zuckte die Achseln. »Hast du eine?«

»Nun ja, es gibt da einen guten Bekannten... allerdings brauchte der einen Pass und ein Visum...«

»Willst du also schon wieder was für dich herausschlagen?«

»Es wäre doch wirklich schade, wenn es an solchen Kleinigkeiten scheiterte, oder? Er ist Algerier, hat eine Menge Kontakte, Leute, die alles für ihn tun würden. Keine politischen Bedenken. Arbeitet heute für den und morgen für den anderen, je nachdem, wer ihm zuletzt das meiste Geld bietet.«

»Ein Söldner?«

»Ja, im weitesten Sinn.«

»Und Waffen?«

»Ich denke, ich würde noch genug Waffen für eine kleine Söldnerarmee auftreiben können. Solange es keine Panzer sein müssen!«

Der Bürgermeister hob abwehrend seine speckigen Finger. »Meine Güte, nein. Es geht hier doch nicht um einen Bürgerkrieg! Wo ist dieser Algerier denn jetzt?«

»Meines Wissens ist er noch in Marseille, was ein großer Vorteil für uns ist, da es ja wohl schnell gehen soll.«

»In Marseille? Ich dachte, er braucht erst noch einen Pass und ein Visum?«

»Für ein ruhigeres Leben, mein Lieber. Wie soll ich ihn sonst überreden, mitzumachen – wenn doch sonst nichts für ihn herausspringt?«

»Dann bezahlst du ihn eben.«

»Nein, ausgeschlossen. So läuft das nicht. Weißt du, bezahlen kann jeder. So aber wäscht eine Hand die andere. Tust du was für mich, tu ich was für dich, verstehst du? Ist eine ganz andere Sache, so zusammenzuarbeiten.«

Didier griff nach seinem Cognac und leerte ihn. »Also gut, wie du meinst. Stell mir alles zusammen, was ich für den Pass und das Visum wissen muss. Meine Faxnummer zu Hause kennst du. Wie schnell kannst du den Algerier zu fassen kriegen, und wie viele Leute kann er mobilisieren?«

»Das sollte ziemlich schnell gehen. Und über die Anzahl der Leute mach dir mal keine Sorgen. Du hast mir ja erklärt, um was es geht und wie eilig es ist. Ich melde mich morgen früh bei dir, okay?«

Didier stand auf. »Ja, das ist gut. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

»Immer geschmeidig bleiben, Didier. Wer weiß, wie die Karten das nächste Mal wieder verteilt sind.« Er stand auf und ging mit seinem Bruder zur Tür. »Vergiss deine Jacke nicht. Und fahr vorsichtig, hörst du?«

»Ich konnte schon allein auf mich aufpassen, als du noch nicht geboren warst, Paul!«

»Ist ja schon gut. Also dann!«

Didier stieg in seinen Wagen und machte sich auf die Rückfahrt. Im Grunde hatte er erreicht, was er wollte, doch aus irgendeinem Grund fühlte er sich nicht richtig zufrieden. Er kam sich immer noch wie ein Bittsteller vor, und sein Bruder hatte sich herabgelassen, ihm einen Gefallen zu erweisen! Es ärgerte ihn, dass er dieses Gefühl nicht loswurde. Er hatte zu deutlich gezeigt, dass er etwas von ihm wollte. Paul hatte bloß ein bisschen kokettiert, aber in Wirklichkeit sofort gewusst, was er tun könnte. Didier wettete, dass Paul aus dem Pass und dem Visum für den Algerier einen wesentlich größeren Vorteil zog, als er zugab. Wahrscheinlich würde der Algerier ihm dafür nicht nur die Forscher vertreiben, sondern auch noch einen oder zwei andere Gefallen schuldig sein. Paul verkaufte sich niemals zu billig. Aber egal, dachte er, sollte er doch seinen Vorteil haben. Dieses Mal standen größere Dinge auf dem Spiel, und diese verdammten Wissenschaftler wurden nun endlich zum Teufel gejagt.


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