Kapitel 13

9. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois

Didier Fauvel hatte sich die Worte den ganzen gestrigen Tag zurechtgelegt. Oder vielmehr hatte er es versucht, doch seine Gedanken waren immer wieder abgeschweift. Er verfluchte sich und seine unbedachte Jugend. Wenn sich nach all diesen Jahren die Vergangenheit wie ein Dämon mit lederhäutigen Flügeln emporschwingen konnte, um über ihm zu thronen und ihn zu befehligen, wie konnte er dann jemals vor ihr in Sicherheit sein? Wie würde er jemals wieder ruhig einschlafen können, ohne fürchten zu müssen, am nächsten Tag im Zuchthaus aufzuwachen? Wie rächte sich alles Übel am Ende, egal, wie lange es scheinbar ungesühnt geblieben war! Hatte der Teufel ihm all die Jahre nur gnädigen Aufschub gewährt, und war dies nun Gottes Gerechtigkeit? Oder war es anders herum?

Er hatte ihr Gesicht nie vergessen. Wenn er die Augen schloss und seine Gedanken treiben ließ, dann tauchte sie aus dem Dunkel auf. Er hatte sich an den Anblick gewöhnt, und der Cognac gab ihm die Kraft und den Glauben an sich selbst und daran, dass die Geister der Vergangenheit ihm nichts anhaben konnten. Doch letzte Nacht war sie wieder da gewesen, ständig um ihn herum, wohin er auch geblickt hatte. Ihr unschuldiges, junges Gesicht, mit der kleinen Nase und der zarten Haut. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Wangen feucht von Tränen, und die geröteten Augen, die sich entsetzt weiteten, als sie erkannte, dass sie nach der Entwürdigung und den Schmerzen sterben musste, ihr Mund, der sich zu einem lautlosen Schrei öffnete...

Mehrmals hatte er sich letzte Nacht übergeben, bis nur noch Krämpfe seinen Körper geschüttelt hatten. In einen Morgenmantel gekleidet, im Ledersessel seines Arbeitszimmers versunken, hatte er dem Morgengrauen lethargisch entgegengesehen. Es gab nichts, was er gegen die Vergangenheit tun konnte. Absolut nichts würde irgendetwas ändern. Sie war lebendig in ihm. Sie würde ihn sein Leben lang anklagen. Er konnte einzig verhindern, dass darüber hinaus noch andere Umstände sein Leben schwer machten. Und deswegen musste er seine weltliche Schuld an diejenigen abbezahlen, die ihn dazu aufriefen. Es war das Einzige, was er tun konnte.

Der Bürgermeister betrat das Hotel und erkundigte sich an der Rezeption nach den Forschern. Er erfuhr, dass sie neben drei Einzelzimmern auch eine Suite belegten, die ihnen als Büro diente.

»Finden Sie heraus, ob sie da sind«, wies er die Frau an der Rezeption an. »Ich möchte sie umgehend sehen.«

Die Frau überprüfte einen Computermonitor. »Sie sind noch nicht beim Frühstück gewesen. Möchten Sie, dass ich Sie mit einem der Zimmer verbinde, Monsieur le Maire?«

»Ich bitte darum! Am besten mit diesem Franzosen.«

Die Empfangsdame reichte ihm einen Telefonhörer, durch den er bereits das Klingeln am anderen Ende der Leitung hören konnte. Kurz darauf meldete sich eine Stimme: »Nevreux.«

»Guten Morgen, Monsieur Nevreux. Bürgermeister Fauvel hier. Ich muss Sie dringend sprechen.«

»Mich allein? Worum geht es?«

»Sie alle drei. Ich muss mich leider mit Ihnen über Ihre weitere Arbeit unterhalten.«

»Gibt es ein Problem?«

»Ich bin im Foyer, ich komme zu Ihnen hoch.«

»Nein! Wir kommen herunter. Wir treffen Sie im Salon Vert.«

»Gut.« Er legte auf.

»Guten Morgen, Monsieur le Maire«, grüßte Peter den Bürgermeister. »Darf ich vorstellen: Stefanie Krüger.«

Sie gaben sich kurz die Hände, doch der dicke Mann machte sich nicht die Mühe, dabei zu lächeln. »Sie werden das Hotel bis zum Ende der Woche verlassen müssen.«

»Aber warum denn?«, fragte Peter.

»Ich erwarte wichtigen politischen Besuch aus Paris. Das Hotel muss hierfür vollkommen zur Verfügung stehen.«

»Aber es ist noch nicht einmal ausgebucht! Sind Sie sicher, dass Sie die Herrschaften hier nicht unterbringen können?«

»Glauben Sie etwa, ich hätte das nicht bedacht?!« Fauvels Gesichtsausdruck erstickte jeden Widerspruch im Keim.

»Können Sie uns Ausweichquartiere besorgen?«, wollte Peter wissen.

»Nein.«

»Ohne Unterkunft und Büroräume können wir unsere Untersuchungen nicht fortsetzen!«

»Ich bin mir dessen bewusst, Monsieur le Professeur. Und ehrlich gesagt, macht das überhaupt nichts. Monsieur Levasseur hat die Situation alleine völlig unter Kontrolle.«

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie uns rausschmeißen?!«, fragte Patrick.

»Es ist mir gleichgültig, wie Sie es nennen wollen, Monsieur Nevreux. Tatsache ist, dass Sie bis Ende der Woche das Hotel geräumt haben müssen.«

»Das ist doch eine Frechheit!«, entfuhr es Peter, aber der Bürgermeister ignorierte ihn, drehte sich um und verließ sie.

»So ein widerlicher Fettsack!!«, fluchte Patrick. »Das haben wir mit Sicherheit diesem Förster zu verdanken.«

»Der machte mir eigentlich nicht den Eindruck, als würde er derart drastische Mittel einsetzen«, wandte Stefanie ein, »schließlich wollte er doch herausbekommen, was wir hier tun.«

»Ich glaube auch nicht, dass der Förster etwas damit zu tun hat«, sagte Peter. »Welcher Hafer den Bürgermeister sticht, ist mir allerdings ein Rätsel... Ich finde, wir sollten das dringend mit Elaine besprechen.«

»Dann lassen Sie uns ins Büro gehen und sie anrufen«, sagte Stefanie. »Und danach wird es Sie sicherlich auch interessieren, was ich gestern herausfinden konnte!«

»Einverstanden«, sagte Patrick. »Mir ist im Augenblick sowieso der Appetit auf Frühstück vergangen.«

»Kein Problem, Herr Professor Lavell.« Die Stimme klang genauso streng aus dem Hörer, wie er ihre Auftraggeberin in Genf in Erinnerung hatte. »Ich werde mich um alles kümmern. Machen Sie einfach Ihre Arbeit weiter. Ihr erster Zwischenbericht gestern war sehr vielversprechend. Ich hoffe, bald wieder von Ihnen zu hören.« Damit war das Gespräch abrupt beendet.

Sie saßen um ihren Konferenztisch und sahen sich an. Patrick hatte sich eine Zigarette angesteckt, und Stefanie hatte ihm wortlos einen Aschenbecher hinübergeschoben. Trotz Fauvels Auftritt schien sie guter Laune zu sein.

»Wie war es in Cannes?«, fragte sie schließlich.

»Gemessen an der Dauer unseres Besuchs war es vor allem ein wahnwitziger Aufwand«, sagte Peter. »Wir haben Renée Colladon wiedergetroffen und ihr auf den Kopf zugesagt, dass ihr Freimaurerorden lediglich vertuschen soll, dass sie in Wirklichkeit den Lehren und Rätseln der mystischen Rosenkreuzer folgen. Wir haben sie glauben lassen, dass wir womöglich das Grab des Christian Rosenkreuz gefunden haben, worauf sie sich auch gleich anbot, uns weitere Fragen zu beantworten. Aber leider ist es dazu nicht mehr gekommen.«

»Wir hatten nämlich kurz darauf ein sehr unfreundliches Gespräch«, fügte Patrick hinzu, »wonach wir es vorgezogen haben, uns schnellstmöglich zu entfernen.«

»Ist das wahr?«, fragte Stefanie. »Sind Sie bedroht worden?«

»Da war ein merkwürdiger Typ«, erklärte Patrick, »der reichlich ungehalten wurde, als wir ihm das Symbol mit den Kreisen gezeigt haben. Er kannte es, nannte es ›Kreis von Montségur‹, und wurde ziemlich fanatisch, als wir ihm nicht sagen wollten, wo wir es herhaben. Er gehörte wohl zu irgendeiner komischen Sekte. Hand von irgendwas.«

»Belial«, sagte Peter. »›Hand von Belial‹. Belial ist ein hebräischer Dämonenname. Im Mittelalter eines der vielen Pseudonyme für den Teufel, Satan.«

»Ach du Scheiße«, erwiderte Patrick. »Ich sag's ja: Fanatiker.«

»Aber das ist doch immerhin etwas«, sagte Stefanie. »Wir haben einen Namen: ›Kreis von Montségur‹. Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich habe noch nie davon gehört«, erklärte Peter. »Allerdings ist Montségur der Name einer Burgruine hier im Languedoc.«

»Hier in der Nähe?«

»Na ja, dürfte nicht so weit weg von hier sein, hundert, vielleicht hundertfünfzig Kilometer.«

»Wieso kennen Sie sich so gut in Südfrankreich aus?«

Peter winkte ab. »Das ist bloß geschichtliches Allgemeinwissen. Montségur spielte eine wichtige Rolle im Mittelalter. Es war die letzte große Festung der Katharer und wurde während der Albigenserkreuzzüge eingenommen.«

»Ihre Geschichtskenntnisse in allen Ehren, Professor«, sagte Patrick, »aber können Sie uns die Story so erzählen, dass auch dumme Ingenieure sie verstehen?«

»Tut mir leid... natürlich. Und wenn ich es recht betrachte, ist es sogar außerordentlich sinnvoll...« Er hielt einen Moment inne. »Ja genau... was für ein Hort neuer Perspektiven und Zusammenhänge! Möglicherweise sind wir hier gerade auf die Goldader gestoßen...«

»Nun machen Sie es nicht so spannend!«, rief Stefanie.

»Also gut.« Peter erhob sich und stellte sich vor den Tisch, als würde er in einem Lehrsaal auf dem Podium stehen. »Versetzen Sie sich in das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert. Die Zeit der Kreuzzüge. Menschen versammeln sich und ziehen gegen die Mauren, die Sarazenen, gegen Jerusalem und das Morgenland. Die Kreuzzüge sind mehr oder minder erfolgreich, immer wieder wendet sich das Blatt, die Länder sind in Aufruhr. Nicht nur durch die Kriege, sondern auch durch Intrigen, sich ständig neu verteilende Machtverhältnisse, politische und religiöse Verwirrungen und die Menschen und Gruppierungen, die aus allem ihren Profit schlagen. So ist der Templerorden zu solchem Reichtum gelangt, dass er Könige beleiht, und zu solcher Macht, dass die Kirche ihn zunehmend fürchtet.

Das Gebiet des Languedoc war zu dieser Zeit eine sehr ungewöhnliche Region. Modern, weltoffen, wohlhabend und geprägt von Freidenkertum. Es war eine Art Mischung aus New York City und Woodstock, wenn man so will.«

»Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie in Woodstock dabei waren!« Patrick lachte.

»Wie bitte?«

»Ach nichts, kleiner Scherz. Reden Sie weiter.«

Peter fuhr fort: »Das Languedoc war sehr reich – Toulouse war damals die drittreichste Stadt Europas – und sehr fortschrittlich. Wirtschaftlich, technisch wie auch geisteswissenschaftlich. Es war eine Keimzelle und ein Nährboden für neues Gedankengut. Verschiedene Wanderprediger, Sekten oder Glaubensgemeinschaften fassten hier Fuß. Eine besonders einflussreiche Glaubensbewegung bildeten die Katharer. Sie hatten einige Einstellungen und Ansichten, die der katholischen Kirche stark gegen den Strich gingen, wie man so sagt. Sie erlangten aber immer mehr Einfluss. Man vermutet, dass sie auch von den Templern unterstützt wurden. Schließlich waren ganze Städte praktisch in der Hand der Katharer. Unter anderem Albi, weswegen sie auch gemeinhin Albigenser genannt wurden – wobei die Abgrenzungen der einzelnen Gruppierungen fließend waren.«

»Und der Albigenserkreuzzug?«

»Ihr Gedankengut und ihr Einfluss bedrohten die Integrität Frankreichs und der Kirche. Nun, zumindest in den Augen der Obrigkeit. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kirche den geeigneten Vorwand gefunden hatte. Papst Innozenz III. rief schließlich zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf und wollte sie vollständig vernichtet haben. Das Abschlachten war grauenhaft, rigoros, geradezu manisch. Man sagte später, das größte Verdienst der Inquisition sei die Vernichtung der Katharer gewesen. 1209 wurde die gesamte Stadt Béziers dem Erdboden gleichgemacht, über zwanzigtausend Frauen, Männer und Kinder wurden wahllos ermordet, unter dem berüchtigt gewordenen Motto: ›Tötet sie alle – Gott wird die Seinen schon erkennen.‹« Er machte eine Pause und atmete tief durch, bevor er weitersprach. »Im ganzen Land wurden die Katharer verfolgt und umgebracht. Die Burg Montségur war eine ihrer letzten wichtigen Bastionen. Eine große Anzahl von Parfaits, den Anführern der Katharer, verschanzte sich dort, zusammen mit ihren Gemeinschaftsmitgliedern. Montségur war hoch auf einem einsamen Berg gelegen, schier uneinnehmbar. Die Burg wurde ein halbes Jahr lang belagert, bis die Katharer aufgaben. Die über zweihundert Männer, Frauen und Kinder ergaben sich und wurden allesamt am Fuß der Burg verbrannt. Das war 1244.«

Es trat ein Augenblick der Stille ein.

»Mitte des dreizehnten Jahrhunderts«, überlegte Patrick laut, »neues Gedankengut, neue wissenschaftliche, philosophische, religiöse Erkenntnisse und eine Höhle voller Schriftzeichen...«

»Ja«, sagte Peter, »man könnte sich durchaus vorstellen, dass die Katharer die Höhle geschaffen und hier etwas hinterlassen haben, es möglicherweise in Sicherheit bringen wollten ...«

»Ja«, fügte Stefanie hinzu, »und das war im Sommer des Jahres 1239.«

Peter und Patrick sahen sie erstaunt an.

»Ich habe die Berechnungsergebnisse aus dem Internet erhalten«, erklärte sie. »Am dritten Juni 1239 fand eine totale Sonnenfinsternis statt, die im Languedoc sichtbar war. Das ist möglicherweise das Datum, mit dem die Symbole auf dem Höhlenboden verschlüsselt sind.«

»Unfassbar!«, staunte Peter. »Sollte sich nun alles zusammenfügen?«

»03061239 ist das Datum?«, fragte Patrick. »Haben Sie es schon ausprobiert?«

»Nein, ich hatte die E-Mail gerade erst bekommen, als wir nach unten gingen.«

»Dann los! Lassen Sie uns den Rechner damit füttern!«

Sie schalteten den Computer an, starteten Programme und nahmen verschiedene Eingaben vor. Währenddessen saß Peter neben ihnen auf einem Stuhl und beobachtete gebannt, wie sich Zahlenreihen änderten, vervollständigten, verschwanden, wieder auftauchten, und wie sich langsam Buchstabenmuster entwickelten. Die Situation schien ihm eine fast vollkommene Metapher für ihre eigene Lage, ja für den menschlichen Geist überhaupt zu sein. Alle Informationen waren stets da. Sie mussten nur zusammengetragen werden. Und dann fehlte manchmal nur noch ein winziger Auslöser, ein Name, eine Zahl, und aus der Schwärze schälte sich allmählich ein Muster hervor: die Lösung, die Erkenntnis.

»Es ist Latein!«, rief Stefanie plötzlich aus.

Auf dem Bildschirm waren jetzt Buchstabenkombinationen zu sehen, die sich nach und nach ergänzten und ganze Wörter bildeten. Schließlich beendete das Computerprogramm seine Arbeit und hinterließ einen Text auf dem Bildschirm:

haecsuntscientiaearchiaquaepatentilli

squisuntcustodesmysteriorumhicestregi

ussanguisquemintelleguntilliquisuntsa

xidubitatoreshaecestvisquamundisuntcr

eatihocestpericulumquomundisuntdeleti

Sie starrten den Bildschirm sekundenlang schweigend an. Keiner schien es fassen zu können, dass sich aus den Symbolen und ihren Rechenspielchen tatsächlich eine sinnvoll scheinende Buchstabenkette herauskristallisiert hatte.

»Können Sie das übersetzen, Stefanie?«, fragte Peter schließlich.

»Ja. Es ist sehr merkwürdig. Es heißt:

Haec sunt scientiae archia

quae patent illis, qui sunt custodes mysteriorum

hic est regius sanguis,

quem intellegunt illi, qui sunt saxi dubitatores

haec est vis, qua mundi sunt creati

hoc est periculum, quo mundi sunt deleti.

Dies sind die Archive des Wissens,

denen zugänglich, die Bewahrer der Mysterien sind.

Dies ist das königliche Blut,

denen verständlich, die Zweifler des Felsens sind.

Dies ist die Kraft, durch die Welten erschaffen wurden.

Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden.«

»Archive des Wissens«, wiederholte Patrick, »das habe ich doch schon mal gehört... Höhle des Wissens, Lutherarchive...«

»In der Tat«, sagte Peter, »unsere Vermutung scheint also zu stimmen. Hier wurde Wissen archiviert. Und wie nannte noch der Förster den Berg? Vue d'Archiviste, Archivars Blick. Unglaublich, wie sich der Sinn durch die Jahrhunderte bewahrt hat. Sollten hier die Archive des Wissens der Katharer liegen?«

»Aber wie kommen wir hinein?«, fragte Patrick. »Wir müssen den Durchgang passieren.«

»›Denen zugänglich, die Bewahrer der Mysterien sind...‹«, las Peter, »das ist natürlich kein sonderlich hilfreicher Hinweis. Wenn wir das Mysterium kennen würden, wüssten wir natürlich, wie man hineinkommt. Das ist, als ob man sagt: ›Von dem zu öffnen, der den Schlüssel hat.‹ Aber wo oder was ist der Schlüssel...?«

»Vielleicht ist es anders gemeint«, sagte Stefanie. »Vielleicht bezieht es sich nicht auf das Mysterium dieser Höhle, sondern allgemein auf Personen, die Geheimnisse hüten.«

»Aber wer hütet Geheimnisse?«, überlegte Patrick. »Alchimisten? Eingeweihte in die Religion der Katharer? Priester? Und reicht es dann allein, ein Priester zu sein, und schon kommt man ungeschoren hindurch? Wäre mir wirklich zu gefährlich, das auszuprobieren! Also, ich weiß nicht...«

»Königliches Blut«, unterbrach ihn Peter. »Was fällt Ihnen dazu ein? ›Dies ist das königliche Blut...‹ das kann doch nur sinnbildlich gemeint sein, oder?«

»Ja«, sagte Patrick. »Vielleicht etwas, wofür ein König einen blutigen Tod gestorben ist. Etwas, wofür er sein Leben geopfert hat.«

»Oder etwas, das errungen wurde, indem oder zu dessen Zweck ein König getötet wurde«, sagte Peter. »Blutgeld.«

»So dramatisch?« Patrick dachte nach. »Es könnte auch einfach nur eine Erbschaft gemeint sein.«

»Eine Erbschaft?«

»Ja, sicher. Wie sich königliches Blut durch Generationen zieht und die Erbfolge bestimmt, so könnte dies hier das Erbe eines Königs sein. Seine wahre Hinterlassenschaft, die als so wichtig angesehen wurde, dass sie mit seinem Blut verglichen wurde.«

»Guter Punkt!«, sagte Peter. »Eine Hinterlassenschaft, die allerdings revolutionär ist. Etwas, das nur der versteht, der es wagt, ›den Fels zu bezweifeln.‹ Und der Fels könnte dabei als Sinnbild für etwas Etabliertes, Unerschütterliches stehen...« Seine Augen blitzten plötzlich auf. »Wissen Sie, was mir dabei spontan einfällt? Petrus.«

»Petrus? Welcher Petrus?«, fragte Patrick.

»Der Petrus, der aus der Bibel. Er hieß eigentlich Simon, aber Jesus nannte ihn Pétros, das griechische Wort für Fels, und sagte, er solle der Fels sein, auf den er seine Kirche bauen wolle... und was war im dreizehnten Jahrhundert unerschütterlicher als die katholische Kirche und der christliche Glauben?«

»Sie meinen, mit dem Fels könnte also die Kirche gemeint sein?«

»Ja, warum nicht«, antwortete Peter.

»Dann könnte das also heißen: ›Hier liegt eine königliche Hinterlassenschaft verborgen, die nur diejenigen verstehen können, die nicht den Lehren der Kirche folgen.‹« Patrick zündete sich eine neue Zigarette an. »Und wie war das noch, Peter? Sie sagten, die Katharer hatten tatsächlich Ansichten, die der Kirche nicht passten?«

»Ja, genau.« Peter nickte. »Das Wort Ketzer leitet sich sogar von den Katharern ab. Die Katharer glaubten an ein streng dualistisches Weltbild; das Gute und das Böse, Geist und Materie. Sie glaubten, dass nicht Gott sondern der Teufel die Welt geschaffen hat. Dass das Böse dafür verantwortlich ist, dass alles an eine Materie gebunden und unfrei ist. Dass alle Menschen ein göttliches Wesen in sich selbst besitzen, das aber auf der Welt gefangen ist. Sie akzeptierten weder die Anbetung eines Kreuzes noch die heiligen Sakramente, weil diese in ihren Augen weltlich, materiell, also somit satanisch sind. Auch die Taufe mit Wasser lehnten sie ab und praktizierten die Taufe stattdessen per Handauflegen. Denn Johannes der Täufer soll über Jesus gesagt haben: ›Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit heiligem Geist taufen.‹«

»Das passt ja alles wunderbar zusammen. Dann haben die Katharer hier eine Hinterlassenschaft für ihresgleichen deponiert.«

»Und was machen Sie aus den letzten beiden Sätzen?«, fragte Stefanie.

»Schwer zu sagen«, gab Peter zu. »Von welcher Macht könnte die Rede sein, die Welten erschuf oder Welten vernichtete?«

»Sie sagten gerade, dass die Katharer der Meinung waren, dass die Schöpfung das Werk des Teufels war«, meldete sich abermals Patrick. »Andererseits wäre Zerstörung, die Loslösung von Materie, dann etwas Göttliches. Also, ich würde den Text dann so übersetzen:

Dies sind die Archive der Katharer,

denen zugänglich, die ihre Geheimnisse kennen.

Dies ist ihre königliche Hinterlassenschaft,

denen verständlich, die der Kirche widersprechen.

Dies ist die Kraft des Teufels.

Dies ist die Gefahr Gottes.

Nennen Sie es ›frei nach Nevreux‹.«

»Also, ich weiß nicht«, sagte Peter und schüttelte den Kopf. »Eine teuflische Macht? Gott eine Gefahr?«

»Nein«, stimmte Stefanie zu, »das kann ich auch nicht glauben... Wie gut kennen Sie sich mit den Katharern und der Geschichte um Montségur aus, Peter?«

»Oberflächlich. Ich weiß nur so viel, wie ich vor einigen Jahren recherchierte. Gut möglich, dass ich das ein oder andere nicht beachtet hatte. Ich werde das jetzt aber auf jeden Fall nachholen. Möglich, dass es noch mehr Zusammenhänge gibt.« Peter stand wieder auf und prüfte den Bestand an vorhandenen Büchern, ob es zufällig passende Nachschlagewerke gab. »Vielleicht gibt es auch etwas über die Verbindung der Katharer und der Templer herauszufinden.«

»Wie kommen Sie denn jetzt auf die Templer? Meinen Sie den Templerorden?«

»Ja, genau den. Die Templer sind später auch von der Inquisition verfolgt und der Ketzerei beschuldigt worden. Man sagte ihnen unheilige Praktiken und Götzenanbetung nach. Angeblich verehrten sie Baphomet, eine teuflische Gestalt. Und es gibt diese Gerüchte, dass sie die Katharer unterstützt haben. Ich kann es nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, dass es da einen engen Zusammenhang gibt, und vielleicht hat unsere Höhle etwas damit zu tun...«

»Wer weiß«, überlegte Patrick. »Aber dann versuchen Sie bei der Gelegenheit am besten auch, den Begriff ›Kreis von Montsegur‹ zu prüfen. Diesem Typ in Cannes war das ja wohl bekannt. Möchten Sie im Netz nachsehen?«

»Im Netz?«

»Im Internet. Möchten Sie im Internet recherchieren?«

»Also wissen Sie...«, begann Peter und wollte sich gerade die Worte zurechtlegen, mit denen er seine Einstellung zum Internet beschreiben würde, entschied sich dann aber anders. »Warum nicht. Ich kenne mich allerdings noch nicht aus; Sie werden mir also zeigen müssen, wie man damit umgeht.«

»Kein Problem«, sagte Stefanie, »ich helfe Ihnen gerne.«

»Das kann ich auch machen«, mischte sich Patrick mit mürrischem Seitenblick auf die Wissenschaftlerin ein.

»Das ist wirklich sehr freundlich.« Peter lachte. »So viel Hilfsbereitschaft! Ich möchte aber gerne die weibliche Unterstützung vorziehen. Ladies first. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, Patrick?«

»Es ist wirklich rein beruflich«, fügte Stefanie wie zur Beruhigung hinzu und lächelte den Franzosen schalkhaft an.

»Sehr lustig«, knurrte Patrick und wandte sich ab.

»Haben Sie wirklich noch gar keine Erfahrung mit dem Internet?«, fragte Stefanie, während sie sich mit Peter vor den Computer setzte.

»Ich kann einen gewissen Argwohn nicht verhehlen.«

»Nun, dann will ich gerne versuchen, Sie eines Besseren zu belehren. Glauben Sie mir, es ist ganz einfach. Und keine Sorge: Man kann das Internet auch nicht versehentlich kaputtmachen ...«

»Ich störe Sie ja ungern in Ihrer Zweisamkeit«, rief auf einmal Patrick vom anderen Ende des Raums, »aber das hier sollten Sie sich ansehen.« Er zeigte ein Papier. »Ein Fax. Von unserem mysteriösen St. G.:

Sehr geehrte Wissenschaftler,

Ihre Nachforschungen tragen erste Früchte. Sie haben das Zeichen von Montségur und die Archive des Wissens gefunden. Und noch mehr haben Sie gefunden. Einiges, das Sie nicht beachteten, und einiges, das Sie nicht suchten. Nun gilt es zu bewerten, zu trennen und zusammenzufügen. Alles Wissen ist immer vorhanden. Es muss zusammengetragen und richtig kombiniert werden. Derjenige ist wahnsinnig, der ein Geheimnis aufschreibt, ohne es vor den Unwissenden zu schützen. Und so braucht es als Schlüssel vielleicht den einen oder anderen Hinweis.

Beachten Sie den Heiligen Gral und den Kreis, den mein erster Brief beschrieb. Fügen Sie zusammen. Ihnen bleibt nicht viel Zeit.

In Vertrauen, St. G.‹«

»Höchst erstaunlich!«, sagte Peter nach einer Weile.

»Er weiß genau, was hier vor sich geht.« Patrick staunte.

»Warum ›er‹?!«, meinte Stefanie. »Es könnte genauso gut eine Frau geschrieben haben.«

»Ja, natürlich«, lenkte Patrick ein. »Aber finden Sie das nicht auch außerordentlich merkwürdig, dass diese Person so gut über unsere Recherchen Bescheid weiß?«

»Nun, nach dem, was Sie mir von Cannes erzählt haben, könnte es sich ja inzwischen durchaus herumgesprochen haben, dass wir das Zeichen gefunden haben.«

»Aber hier ist von den ›Archiven des Wissens‹ die Rede, eine Bezeichnung, die wir gerade erst entschlüsselt haben.«

»Das mag ja sein«, sagte Stefanie, »aber vielleicht wissen andere Menschen erheblich mehr über den ›Kreis von Montségur‹ als wir. Die brauchten möglicherweise nicht erst mittelalterliche Inschriften zu entschlüsseln, um zu wissen, dass das Symbol und die Archive zusammengehören.«

»Und ist Ihnen die Anrede aufgefallen? ›Wissenschaftler‹ werden wir genannt. Im ersten Brief stand da noch ›Herren‹. Als ob bekannt wäre, dass wir nun eine Frau im Team haben.«

»Also, ich glaube, Sie interpretieren zu viel in den Text hinein«, sagte Peter. »Wie sollte das jemand wissen?«

»Vielleicht genauso, wie jemand unsere Faxnummer kennen kann, was meinen Sie wohl?!«

»Ich weiß nicht...«, sagte Peter. »Was ich allerdings viel interessanter finde, ist der Schreibstil. Einfach und leicht verständlich, was man vom ersten Brief nicht gerade sagen konnte. Außerdem steht hier, wir sollen den ersten Brief beachten, dort sei ein Kreis beschrieben. Und das sei ein ›Hinweis‹, so wie ich das hier lese. Könnte es sein, dass im ersten Brief eine Nachricht versteckt war? Merkwürdig genug war er ja.«

»Hm... möglich«, gab Patrick zu. »Ich werde mir den Brief noch mal ansehen. Vielleicht fällt mir ja was auf. Und sonst...« Er las den Text erneut. »Der ›Heilige Gral‹ ... was ist wohl damit gemeint? Sind wir jetzt bei Alice im Wunderland?«

»Der Heilige Gral hat nichts mit Alice im Wunderland zu tun«, korrigierte Peter mit einem kritischen Blick.

»Das ist mir schon klar, Professor. Aber es hat mindestens genauso viel mit Geschichte zu tun.«

»Ich dachte, Sie nehmen das nicht immer so ernst«, konterte Peter. »Waren Sie nicht auch auf der Suche nach Eldorado?«

»Eldorado hat es gegeben! Aber der »Heilige Gral‹ ist etwas für Indiana Jones.«

»Wie Sie meinen...«

»Oder sind Sie da anderer Meinung? Haben Sie jetzt etwa auch wieder eine Geschichtsstunde parat?«

»Nun seien Sie doch nicht so biestig«, versuchte Stefanie zu beschwichtigen.

»Es ist schon gut«, sagte Peter. »Er hat völlig Recht. Sicherlich ist das der Stoff, aus dem Legenden sind... Andererseits gibt es eine ganze Menge sehr interessanter geschichtlicher oder zumindest pseudohistorischer Hinweise. Und wenn ich darüber nachdenke... In der Tat! Eine gewisse Verbindung gibt es da sogar, und nun sind wir darauf gestoßen und ausdrücklich aufgefordert worden, das zu untersuchen.«

»Wie meinen Sie das? Was für eine Verbindung?«

»Der ›Heilige Gral‹ ist Teil der Artus-Legende, wie Sie vielleicht wissen. Aber wussten Sie auch, dass sie französischen Ursprungs ist? Wolfram von Eschenbach beschrieb in seinem Parzival, dass der ›Heilige Gral‹ auf der abgeschiedenen Burg Munsalvaesche aufbewahrt wurde. Das ist nichts anderes als ein anderer Name für die Burg Montségur.«

»Peter! Sie sind doch immer wieder für eine Überraschung gut.«

»Danke sehr.«

Das Telefon klingelte. Peter sah die anderen einen Augenblick ratlos an. Diese zuckten jedoch nur mit den Schultern, und schließlich nahm er ab.

»Lavell.«

»Elaine de Rosney. Guten Morgen, Herr Professor.«

»Guten Morgen...«

»Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie Ihre Arbeit unbehelligt fortführen können. Ich habe dafür gesorgt, dass Bürgermeister Fauvel Sie nicht des Hotels verweisen kann.«

»Oh, das ist großartig. Wie...«

»... wenn es weitere Schwierigkeiten geben sollte, setzen Sie sich bitte sofort mit mir in Verbindung.«

»Ja, natürlich, wir...«

»...ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg. Bis bald.«

Ein Klicken beendete das Gespräch.

»Eine redselige Dame«, konstatierte Peter.

»Elaine?«

»Ja, sie hat irgendetwas arrangiert, so dass uns Monsieur Fauvel hier nicht mehr hinauswerfen kann. Wir sollen uns melden, wenn es trotzdem wieder Probleme gibt.«

»Na denn...« Patrick zuckte die Achseln. »Wollen Sie sich jetzt ins Netz begeben? Ich werde mir derweil das erste komische Fax noch einmal vornehmen. Außerdem muss es einfach möglich sein, festzustellen, wer der Absender ist. Ich habe da noch eine Idee...«


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