Kapitel 17

10. Mai, Höhle bei St.-Pierre-Du-Bois

In regelmäßigen Abständen spürten Peter und Patrick ein kurzes Rucken an der Sicherungsleine, mit der ihre Kollegin verbunden war. Ein Zeichen, dass Stefanie noch immer keine Schwierigkeiten hatte.

Sehr langsam, aber stetig gaben sie mehr und mehr Seil. Schon fast zehn Meter waren im Durchgang verschwunden, und Stefanie arbeitete sich weiter vorwärts, ohne ein anderes Zeichen zu geben als das beständige Rucken, auf das sie sich geeinigt hatten. Keinerlei Geräusche drangen aus dem Durchgang zu den beiden Forschern durch. Mit höchster Anspannung standen sie breitbeinig auf dem in den Boden gemeißelten Zeichen, dem »Kreis von Montségur«, und hielten die Leine, die in bizarrer Weise in der Luft zu hängen schien. So absonderlich es für einen Außenstehenden aussehen mochte, hatten sie doch keinen anderen Blick als den für das bläuliche Schimmern in diesem ansonsten unscheinbaren Gang vor ihnen, und sie horchten angestrengt in die trügerische Stille vor ihnen.

Sie hatten sich dem Rhythmus des Seils angepasst. Es war zu einer Nabelschnur geworden. Wie ein lebendiges Wesen zog es sanft aber kräftig, sie spürten das Leben, mit dem sie verbunden waren. Und wie der sehr langsame Herzschlag eines großen Tieres pochte es regelmäßig.

Pochte.

Pochte.

Und alle ihre Nerven waren darauf fixiert, dass das Pochen plötzlich aussetzen würde.

»Peter!«

Er fuhr erschrocken zusammen. »Was?«

»Ich hatte gefragt, wie lange sie schon drin ist.«

»Ich... weiß es nicht«, antwortete Peter, ohne den Blick abzuwenden. »Hatten Sie nicht auf die Uhr gesehen? Es kommt mir wie eine halbe Stunde vor... Ich schätze allerdings, dass es noch nicht so lang ist...«

»Na schön, also wir sind jetzt bei neun Meter fünfzig, bei sagen wir mal einem Zentimeter pro Sekunde sind das... 950 durch 60... na ja, höchstens eine Viertelstunde, wahrscheinlich ist sie nicht länger als zehn Minuten drin... Meinen Sie, das reicht, und wir sollten sie erst mal zurückrufen?«

Peter wiegte nachdenklich den Kopf. »Ja, ich denke schon. Ich kann nicht ewig so konzentriert bleiben. Und ehrlich gesagt, brenne ich darauf zu wissen, was sie bisher entdeckt hat.«

»Also dann! Erst mal halten wir sie fest.« Sie spannten das Seil, so dass nicht weitergezogen werden konnte. Dann zog Patrick dreimal kräftig am Seil, um Stefanie das Zeichen zur Rückkehr zu geben. Einen kurzen Moment danach hing es plötzlich durch und fiel dann zu Boden.

»Haben Sie es abgerissen?«, fragte Peter.

»Wohl kaum. Ich schätze, sie kommt jetzt wieder auf uns zu.« Er holte die Sicherungsleine wieder ein, und wenige Augenblicke später trat Stefanie vor ihnen aus dem Durchgang.

»Sie werden mir nicht glauben, was ich gesehen habe«, waren ihre ersten Worte, noch bevor jemand eine Frage stellen konnte.

»Beschreiben Sie es!«, forderte Peter sie auf.

Sie klinkte das Seil aus ihrem Gürtel, während sie begann: »Hinter dem Gang liegt eine riesige Kaverne, vielleicht sechzig oder siebzig Meter im Durchmesser. Und alles leuchtet in blauen Farben. Im Zentrum der Höhle strahlt eine Art Lichtsäule steil gegen die Decke. Dort wird das Licht auf irgendeine Weise in ein Spektrum von unzähligen Blautönen gebrochen und auf den Boden reflektiert. Die ganze Höhle ist erfüllt von diesem flirrenden Licht, mal eisblau, dann wieder türkis oder violett schimmernd. An der Decke ist es fast weiß und so hell, dass die Höhe schwer auszumachen ist, vielleicht fünfzehn oder zwanzig Meter. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel!«

»Unfassbar«, entfuhr es Peter.

»Wie weit sind Sie hineingegangen?«, fragte Patrick.

»Ich bin dem Gang um die Ecke gefolgt und hatte die Höhle gerade mal betreten. Sie haben ja gemerkt, wie langsam ich mich vorgetastet habe. Aber ehrlich gesagt denke ich nicht, dass das weiterhin nötig ist. Ich habe keine Bewusstseinsveränderung bemerkt, und durch das Licht ist auch der Weg gut sichtbar. Es besteht wirklich keine Gefahr.«

»Was ist das für eine Lichtsäule?«, fragte Patrick. »Beschreiben Sie sic noch etwas genauer.«

»Ich war nicht nah genug dran, um Details zu erkennen. Dort scheint so eine Art Sockel zu stehen, aus dem das Licht austritt.«

»Ein Scheinwerfer?«

»Ja, irgendwie schon. Und dann auch wieder nicht. Das Licht steigt deutlich sichtbar noch oben, es wirkt fast, als hätte es eine Substanz. Es ist blendend hell, und in dem Strahl sind nach oben fließende Ströme zu erkennen. Eigentlich wirkt es eher wie ein Wasserstrahl, der nach oben geschossen wird, nur viel zähflüssiger und leuchtend.«

»Vielleicht ist es ja tatsächlich kein Licht...«, meinte Peter.

»Und was konnten Sie sonst noch von der Höhle sehen?«, wollte Patrick wissen.

»Weniger, als man meinen sollte. Von der Decke fällt zwar dieses blaue Licht herab, aber es kommt in Streifen... wie soll ich das erklären... so wie Sonnenstrahlen durch den Nebel auf den Waldboden fallen. Oder wie ein Szenario unter Wasser: Das Wasser ist zwar klar, aber dunkel, so dass die Sichtweise beeinträchtigt ist. Die Strahlen fallen in schrägen, sich ständig bewegenden Streifen hinein. Es wird also niemals alles zugleich angestrahlt.«

»Klingt nach einer Discokugel an der Decke«, sagte Patrick.

»Es ist viel langsamer, sanfter. Die Lichtstrahlen schimmern und bewegen sich wie leise wehende Vorhänge aus Seide. Alles ist von diesem Licht erfüllt, aber trotzdem kann man nur etwa zehn Meter weit klar sehen. Dahinter wird es undeutlich.«

»Dann konnten Sie das gegenüberliegende Ende der Höhle also nicht sehen? Wieso schätzen Sie dann, dass sie etwa siebzig Meter tief ist?«

»Das habe ich abgeleitet. Wenn man aus dem Gang in die Höhle tritt, steht man auf einer Art Sims, etwa fünf Meter breit, der nach links und rechts führt, anscheinend aber einen Bogen, einen Teil eines großen Kreises, beschreibt. Nach einigen Schritten stößt man an den Rand des Simses. Dort befindet sich ein tiefer Graben, in dem Wasser fließt. Ich habe die Breite des Grabens auch auf etwa fünf Meter geschätzt. Vom Eingangssims führt eine Brücke über diesen Graben. So weit bin ich nicht gegangen. Aber man konnte erkennen, dass hinter der Brücke wieder fester Boden folgte. Dahinter war erneut eine dunkle Linie zu erkennen, dann wieder eine helle, dann erneut eine dunkle und schließlich die Lichtsäule. Es hatte den Anschein, als führe der Weg vom Sims über insgesamt drei Gräben bis hin zur Mitte. Und dann fiel mir das hier ein.«

Stefanie deutete auf den Fußboden.

Zu ihren Füßen lag das in den Stein gemeißelte Zeichen des »Kreises von Montségur«.

»Sehen Sie sich das genau an«, sagte Stefanie. »Dies ist der Plan der Kaverne!«

Der Vue d'Archiviste war regenverhangen. Es war ein feiner, gleichmäßiger Regen, wie er gerade im Frühling tagelang anhalten konnte. Die Wolken hatten den Himmel verdunkelt, weder der Sonnenuntergang noch der Mond würden zu sehen sein. Schon jetzt hatte sich eine blaugraue Decke über den Wald und die Hügel gelegt, die die Formen und Konturen im trüben Zwielicht verwischte. Das farblos gedämpfte Einerlei schien einsam und leblos. Doch aus den Schatten richtete sich ein Paar wachsamer Augen konzentriert auf die Felswand. An einer bestimmten Stelle auf halber Höhe war ein schwacher Schein sichtbar. Die Quelle des Lichts war von unten nicht auszumachen, doch etwas leuchtete dort oben. Dort oben, wohin die Forscher verschwunden waren.

Die Gestalt erhob sich und eilte auf den Geländewagen zu, der am Fuß des kleinen Berges geparkt war. Es dauerte nur einen Lidschlag, dann hatte sie den Wagen erreicht und verschmolz mit ihm. Sie bewegte sich mit größter Vorsicht und Geschmeidigkeit, obwohl sie wusste, dass man sie nicht sehen konnte, selbst wenn es taghell wäre. Dennoch würde sie sich keinen Fehler erlauben. Ihre Sinne waren geschärft, ihre Muskeln und Sehnen gespannt. Einem Raubtier gleich lauerte sie eine Zeit lang und studierte die Umgebung aus dem neuen Blickwinkel. Der direkte und einfachste Weg den Hang hinauf führte über die Sicherungsleine, die auch die Forscher verwendet hatten. Dieser Weg kam nicht in Frage. Wohl aber jene Felsvorsprünge weiter rechts. Sie lagen etwas abseits, waren unbeobachtet, ermöglichten jedoch den Blick auf die Sicherungsleine und den Sims, zu dem sie hinaufführte.

In fließenden Bewegungen glitt die Gestalt zum Hang hinüber und begann mit dem Aufstieg. Ihre Hände tasteten sich voran, suchten sich feinste Vorsprünge und krallten sich daran fest. Die Füße wanderten über den Stein und fanden eigenständig Halt. Wie ein flinkes Insekt überwand die Gestalt die große Höhe und erreichte schließlich einen Punkt direkt unterhalb der erleuchteten Felsen. Es war zu erkennen, dass es dort einen Absatz gab, zu dem auch das Seil hinaufführte. Prüfend hob die Gestalt ihren Kopf, ohne ihn über die Kante des Absatzes zu heben. Es war hier deutlich das Summen eines Geräts zu hören. Zusammen mit einem feinen Geruch nach Diesel schloss sie auf einen Stromgenerator. Stimmen oder weitere Geräusche waren nicht auszumachen. Behutsam kletterte die Gestalt höher. Der kleine Absatz verbreiterte sich zur Seite hin, wo sich das Seil befand, und wurde dort zu einer richtigen Plattform, hinter der der Fels weiter aufragte. Und direkt dort öffnete sich eine Höhle im Fels. Lichtschein fiel aus der Höhe auf ein geöffnetes Stahlschott.

Behutsam bewegte sich die unsichtbare Gestalt auf den Höhleneingang zu und schlüpfte hinein.

Stefanie fuhr mit ihrer Erklärung fort: »Ein Gang führt zum Zentrum, das von drei Gräben umgeben ist. Die Gräben sowie die Wege sind jeweils etwa fünf Meter breit. Wenn die Höhle also tatsächlich diesem Plan entspricht, dann muss sie etwa siebzig Meter im Durchmesser haben.«

Patrick starrte den »Kreis von Montségur« an. Dass er ein Lageplan sein könnte, daran hatte er bisher noch nicht gedacht. »Welchen Sinn könnte es haben, eine derartige Höhle zu bauen?«, fragte er. »Wenn es einen einfachen Weg direkt zur Mitte gibt, wozu dann diese Wassergräben drum herum?«

»Vielleicht für zeremonielle Zwecke«, überlegte Peter, »Es könnte sich um eine Art Prozessionsweg handeln. Oder aber die ganze Konstruktion ist rein symbolisch und stellt etwas dar, das uns bisher noch verschlossen ist... Ich habe dieses Zeichen bisher noch nie so betrachtet, aber in gewisser Weise besteht hier eine Ähnlichkeit zu den Linien von Nazca. Kennen Sie sie? Riesige Linienmuster, die von einem unbekannten Volk in die Wüste gemalt wurden. So groß, dass man sie nur vom Flugzeug aus erkennen kann. Der Zweck dieser Formen ist bis heute völlig unklar.«

»Es muss ja auch nicht alles einen Zweck haben«, sagte Patrick. »Es können ja auch einfach nur Ornamente sein.«

»Konnten Sie außer der Lichtsäule, den Strahlen und diesen Wegen und Gräben noch etwas erkennen?«, fragte Peter.

»Bisher nicht«, antwortete Stefanie.

»Haben Sie ganz normal atmen können, oder haben Sie etwas an der Luft bemerkt?«, fragte Peter weiter. »Einen besonderen Geruch vielleicht, hohe Feuchtigkeit, Wärme, Kälte, irgendetwas Außergewöhnliches?«

»Nein, wie kommen Sie darauf?«

»Vielleicht sollten wir trotzdem eine Luftprobe nehmen und analysieren«, schlug Peter vor. »Nur zur Sicherheit. Wir hätten schon früher darauf kommen sollen. Ich bin zwar kein Feldforscher wie Patrick, aber es ist doch ein übliches Verfahren, das auch bei der Entdeckung von Gräbern in Ägypten angewendet wird. Die Luft könnte irgendwie verseucht sein. Im Grab des Tutenchamun hatten sich hochgiftige Schimmelpilzsporen angesammelt, die es der unbedarften Carter-Expedition schwer gemacht haben... Der ›Fluch des Pharaos‹, Sie haben bestimmt davon gehört.«

»Sie meinen wirklich, die Höhle könnte vergiftet sein?«

»Wir können es ja nicht ausschließen. Ich bin auch kein Physiker, aber das Verhalten des Lichts, wie Sie es beschreiben, legt doch nahe, dass sich irgendwelche Schwebeteilchen in der Luft befinden, sonst wären die Strahlen ja gar nicht sichtbar, oder? Vielleicht ist die Luft mit einer Art Dampf gesättigt, so wie dicker Nebel. Was aber, wenn das kein Wasserdampf, sondern ein anderer, gesundheitsschädlicher Dunst ist? Ich bin dafür, dass wir eine Luftprobe nehmen und heute erst einmal eine Analyse davon machen.«

Stefanie sah Patrick an. »Was sagen Sie dazu?«

»Peter hat grundsätzlich Recht. Gräber oder andere verschlossene Hohlräume entwickeln ihr eigenes Mikroklima. Im Laufe von Jahrhunderten können sich giftige Stoffe ansammeln. Und es gibt natürlich noch andere Effekte. Wenn zum Beispiel neue Luft hinzugefügt wird, oder aber auch allein durch die Wärme und Feuchtigkeit, die ein Mensch abgibt, kann das Mikroklima gestört werden. Bisher unberührte Schriftrollen schimmeln innerhalb weniger Tage, zerfallen, Wandmalereien lösen sich auf. Hat es alles schon gegeben. Wenn man die Luft vorher analysiert, kann man das verhindern. Außerdem könnte man an der Konzentration von modernen Umweltgiften oder Schwermetallen feststellen, wann der letzte Kontakt zur Außenwelt stattgefunden hat, was auch immer ganz interessant ist. Andererseits...« Er überlegte einen Augenblick. »Andererseits handelt es sich hier im strengen Sinne bloß um ein Loch im Felsen, noch dazu mit einem Ausgang an die frische Luft, es ist also kein hermetisch versiegeltes Grab, in dem vier- oder fünftausend Jahre lang eine vertrocknete Leiche gelagert wurde.«

»Was sollten wir also Ihrer Meinung nach tun?«, fragte Stefanie.

»Also, ganz ehrlich«, antwortete der Franzose, »ich bin immer noch sicher, dass es unbedenklich ist. Ich meine, ganz offenbar gibt es hier einen Schutzmechanismus, der hervorragend funktioniert und einen heftigen Effekt auslöst. Aber wir haben die Anweisung gefunden und uns daran gehalten. Alles ergibt Sinn, ist in sich schlüssig, wir haben den Schlüssel gefunden, und das Tor ist passierbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nun noch eine versteckte Falle geben sollte.«

»Ich sehe das genauso«, sagte Stefanie. »Peter, sind Sie damit einverstanden, dass wir fortfahren?«

»Was soll ich dazu noch sagen?« Er zuckte mit den Schultern. »Offenbar sind Sie beide sich einig und haben mich überstimmt. Ich verstehe nur nicht, wie Sie sich so sicher sein können, Patrick.«

»Nennen Sie es einen Instinkt.«

»Instinkt? Damit lässt sich vielleicht ein Geschäft auf dem Bazar machen, aber ich möchte nicht Stefanies oder unser Leben auf Ihren Instinkt verwetten.«

»Hören Sie, Peter. Ich bin ja sicherlich nicht immer die Vorsicht in Person, aber auf mein Gespür für Gefahr konnte ich mich bisher absolut verlassen. Und dieses Gefühl sagt mir, dass es jetzt vollkommen sicher ist. Es ist...«. Er suchte nach Worten. »Wie eine innere Stimme. Eine Art Vertrautheit. Als hätte ich es schon immer gewusst.«

»Wie bitte?!«

»Ja, ich kann es auch nicht besser erklären. Es fühlt sich einfach richtig an. Es ist selbstverständlich.«

Peter schüttelte den Kopf. »Also, es tut mir leid, aber ich kann Ihnen beim besten Willen nicht folgen. Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?«

Patrick sah an ihm vorbei. »Und wenn ich es mir recht überlege«, sagte er halblaut, als forsche er seinen eigenen Gedanken nach, »dann hat Stefanie das Tor geöffnet, sie war der Schlüssel, und nun könnten wir alle eintreten... natürlich! Die Archive des Wissens sind offen.« Plötzlich fixierte er Peter eindringlich. »Verstehen Sie? Die Archive des Wissens sind jetzt offen!«

Peter hob beschwichtigend die Hand. »Langsam, langsam ...«

»Nein, nicht langsam, kommen Sie! Wir können jetzt auch da rein!« Er erfasste Peters Arm und zog ihn plötzlich zum Durchgang.

»Was tun Sie da?!«, rief Peter entsetzt und riss sich los.

»Kommen Sie schon«, sagte Patrick und trat selbst auf den Durchgang zu. »Es ist ganz einfach...«

Stefanie ging auf Patrick zu, um ihn zurückzuhalten. »Gehen Sie da weg, Patrick!«

Aber der Franzose tat einen Schritt vorwärts. Sein Bein verschwand bereits zur Hälfte.

»Bleiben Sie hier!«, rief Peter und wollte den Franzosen aufhalten. Doch der wirbelte plötzlich herum.

»Vertrauen Sie mir!«, rief er, ergriff abermals Peters Arm und zog ihn heran.

Peter hatte Mühe, nicht jäh nach vorne zu stolpern. Er musste sich befreien! Panisch griff er nach Patricks Fingern und versuchte, sich von ihrer Umklammerung zu lösen.

»Lassen Sie ihn los!«, rief nun Stefanie, die zwischen die beiden fuhr und sie auseinander drückte. »Und kommen Sie da weg!«

Nun packte Patrick mit der anderen Hand auch Stefanies Arm. »Na los! Machen Sie es mir nicht noch schwerer!«

»Lassen Sie ihn los!!«

»Wie Sie wollen!« Patrick lächelte sie an. »Aber dann kommen Sie wenigstens mit!« Er stieß Peter von sich und stolperte dadurch selbst rückwärts in den Durchgang.

Peter nahm nun alles wie in Zeitlupe wahr. Patricks nach hinten gelehnter Kopf verschwand als Erstes, der Rest des Körpers kippte ebenfalls nach hinten. Der Brustkorb wurde buchstäblich aufgesogen, dann der Bauch. Die Gürtelschnalle glänzte kurz auf und verschwand dann zusammen mit dem Becken. Immer weniger des Körpers war noch zu sehen. Nur noch Patricks Beine und ein Arm ragten hervor. Und dieser Arm hatte Stefanie ergriffen, riss sie so unbarmherzig mit sich, dass sie ebenfalls in den Durchgang stolperte. Peter wollte eingreifen. Aber seine Glieder schienen wie aus Blei. Noch bevor sich seine Hand auch nur einen Millimeter gerührt hatte, um die Forscherin zu berühren oder gar festhalten zu können, hatte sie sich bereits Stück für Stück aufgelöst.

Fassungslos blieb Peter zurück.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Erkenntnis durchsickerte, was gerade passiert war.

»Patrick?«, rief er. »Stefanie!«

Seine Worte hallten fremd und leer von den Steinen wider.

Er ahnte nicht, dass sich in diesem Augenblick eine unsichtbare, krallenbewehrte Hand nach ihm ausstreckte...

10. Mai, 18.30 Uhr, Rue des Anges, Paris

Emmanuel Michaut hatte noch auf dem Rückflug aus dem Hubschrauber die wichtigsten Eckdaten aus dem Gespräch mit dem Grafen an seinen Geheimdienst weitergegeben. In kürzester Zeit musste er alles in Erfahrung bringen über einen Orden namens Priorat von Zion und einen Monsieur Plantard, der dem Orden verbunden war. Beide schienen dem Grafen wohl bekannt und hielten offenbar den Schlüssel zum Verständnis des Merowingergeschlechts in Händen. Mehr hatte ihm der Graf darüber nicht sagen können – oder wollen. Allerdings hatte er sich noch im Beisein des Präsidenten mit dem Büro des rätselhaften Herrn in Verbindung gesetzt. Sie hatten einen Termin für denselben Abend vereinbart.

Nun saß Präsident Michaut in seinem Schreibzimmer im Amt der Rue des Anges. Gerade erst gestern hatte er hier Jean-Baptiste Laroche empfangen; es war keine dreißig Stunden her, dass er zum ersten Mal etwas über die geheime Blutlinie erfahren hatte. So viel war in dieser kurzen Zeit geschehen, ein ganzes Weltbild hatte sich geändert.

Michaut sah auf die Papiere vor sich. Bei seinem Eintreffen waren schon einige Unterlagen für ihn bereit gewesen. Das Ergebnis war jedoch ernüchternd. Der Orden war zwar namentlich bekannt und wurde sporadisch in verstreuten Quellen erwähnt – in Zeitungsausschnitten, amtlichen Dokumenten, Urkunden –, und es gab sogar ein Sachbuch dazu, aber in der Kürze der Zeit ließen sich die Informationsschnipsel nicht zusammenfügen oder bewerten. Es gab keine ausdrücklichen Belege, wo der Ursprung des Ordens lag oder welche Ziele er verfolgte. Und über einen Monsieur Plantard war überhaupt nichts Aussagekräftiges zu finden – es gab zu viele Plantards in Frankreich, und keiner schien eine Verbindung zum Orden von Zion offen zu bekunden.

Michaut vertraute dem Grafen. Das war der einzige Grund, weswegen er sich nun mit einem ihm völlig Unbekannten traf, den er nicht einmal überprüfen konnte. Was konnte der Mann ihm erzählen? War es ein gutes Zeichen, dass über ihn nichts bekannt war? Deutete es darauf hin, dass er erfolgreich im Verborgenen agierte? Wenn das so war, war das gut oder schlecht für ihn – und für Frankreich?

Es klopfte, dann öffnete sich die Tür zu seinem Büro, und ein Sicherheitsbeamter trat ein.

»Monsieur le Président, Ihr Besuch ist da.«

»Vielen Dank, bringen Sie ihn herein und lassen Sie uns allein.«

Der Sicherheitsbeamte nickte und führte kurz darauf einen dünnen, alten Mann mit einem Kamelhaarmantel herein. Der Präsident stand auf und ging auf den Mann zu, während die Bürotür wieder geschlossen wurde.

»Ich nehme an, Sie sind Monsieur Plantard. Es freut mich, dass Sie kommen konnten.«

Der alte Mann schüttelte Michaut freundlich lächelnd die Hand. Seine Hände waren schmal und knochig, und sie wirkten viel zu groß. Unzählige Falten durchzogen die lederne Haut seines Gesichts, das trotz des hohen Alters den Ausdruck eines wachen und intelligenten Geistes trug. Ein leises Schmunzeln, funkelnde Augen und eine Nickelbrille verstärkten diesen Eindruck noch.

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Monsieur Michaut.«

Der Präsident zuckte innerlich zusammen, als er von dem Fremden so respektlos angesprochen wurde, dennoch bedeutete er dem Mann, sich in einen Sessel einer Sitzecke zu setzen, und nahm ebenfalls dort Platz. Auf dem Tischchen vor ihnen standen bereits Gläser, eine Flasche Wasser, sowie eine Schale mit Mürbegebäck.

»Es mag Ihnen unverfroren erscheinen, wenn ich Sie nicht mit Ihrer offiziellen Amtsbezeichnung anrede«, begann Plantard, während er sich setzte und den Mantel dabei um sich schlug, als sei ihm kalt, »doch ich möchte damit anzeigen, dass ich Sie als Mensch respektiere und nicht nur wegen eines Präsidententitels. Monsieur le Président ist der Name einer Rolle, die auch schon viele vor Ihnen verkörperten. Aber ich möchte gerne mit Ihnen als Mensch reden. Zudem haben Sie auf diese Weise die Möglichkeit, fern jeden Protokolls mit mir zu reden. Die Sorgen oder Fragen, die Sie haben, äußern Sie als Mensch – dem Präsidenten jedoch würde ich mir nicht anmaßen, meine Hilfe oder meine Informationen anzubieten.«

Michaut lehnte sich zurück und überdachte die Worte des Mannes. Mit wenigen Worten hatte Plantard die ersten Irritationen beseitigt und dabei einen vollendeten Hofknicks gemacht. Ein interessanter Mensch, gebildet und scharfsinnig. Er schätzte ihn aufgrund seines Aussehens auf mindestens siebzig Jahre – umso respektabler war seine geistige Frische.

»Ich habe nichts dagegen, Monsieur«, antwortete der Präsident. »Da ich Ihre Position oder Ihre Geschichte nicht kenne, bleibt mir ebenfalls nichts anderes übrig, als Sie mit Monsieur Plantard anzureden.«

»Viel gibt es über mich auch nicht zu wissen, wie Sie ohne Zweifel bereits herausgefunden haben.«

»Ich muss gestehen, dass meine Versuche, Näheres über Sie in Erfahrung zu bringen, in dieser kurzen Zeit vergeblich waren. Vielleicht erzählen Sie daher zunächst etwas über sich?«

»Gestatten Sie, dass ich rauche?«

»Bitte.«

Plantard zog ein silbernes Etui hervor, klappte es auf und bot Michaut davon an. Der winkte jedoch ab.

Plantard entnahm dem Etui ein dünnes Zigarillo. »Wenn Sie sich gerade Gedanken über meine Gesundheit machen, kann ich Ihnen nur beipflichten. Aber in meinem Alter kommt es nicht mehr darauf an. Die meiste Zeit und die besten Jahre sind vorbei. Das Älterwerden ist trostlos genug. Ich habe nicht vor, es mit Verzicht zu verlängern.« Er lächelte, während er das Zigarillo entzündete. Dann lehnte er sich zurück und ließ den Rauch bedächtig aus einem Mundwinkel steigen.

»Was gibt es über mich zu sagen...?«, griff er den Gedanken von zuvor auf. »Meinen Namen kennen Sie bereits. Ich bin gelernter Kaufmann, begann eine Ausbildung in einem Verlag, dann brach der Krieg aus. Ich geriet für ein Jahr in deutsche Kriegsgefangenschaft, konnte fliehen und schloss mich der Résistance an. Nach dem Krieg suchte ich Arbeit und war dann bis in die achtziger Jahre als Geschäftsmann tätig. Import, Export, Banken.«

Wenn er in den vierziger Jahren in Kriegsgefangenschaft war, überlegte Michaut, dann war er etwa achtzig. Eine Überraschung. »Was wissen Sie über das Priorat von Zion?«, fragte er ihn.

»Sie verlieren nicht viel Zeit mit Höflichkeiten, Monsieur, nicht wahr?«

»Und was können Sie mir über Jean-Baptiste Laroche sagen und seine Verbindung zu den Merowingern?«

Plantard nickte. »Sie sind noch nicht lange im Amt, Monsieur Michaut. Noch nicht so lange wie Ihr Vorgänger es war. Daher ist es wohl nicht zu erwarten, dass Sie über diese Zusammenhänge bereits gestolpert sind. Nun trifft es Sie umso unvorbereiteter. Nun, das Priorat von Zion gibt es schon sehr lange.« Er dehnte das »sehr« und wippte dabei leicht mit dem Kopf, wie um sich selbst zu bestätigen. »Wie Sie sicherlich wissen, ist Zion der alte Name der Festung von Jerusalem, später des Tempelbergs oder auch der ganzen Stadt. Ein Ort der Macht, der heute noch eine solche Ausstrahlung hat, dass er Juden, Christen und Muslime gleichermaßen anzieht. Welche Schlachten sind schon um ihn geschlagen worden! Zion ist das Sinnbild der universellen Herrschaft eines von Gott auserkorenen Volkes, Zion ist das Idealbild des Mittelpunktes der Erde, eines kulturellen Epizentrums. Das Priorat von Zion versteht sich als ein Orden, der sich diesem Idealbild verpflichtet fühlt.«

»Und die Merowinger?«

»Die Dynastie der Merowinger...« Plantard nahm einen langen Zug am Zigarillo und blies den Rauch wieder so langsam empor, als nutze er die Zeit zum Nachdenken. »Ja... ein ganz besonderes Kapitel in der Geschichte Frankreichs. Wir alle lernen an den Schulen, wie die Merowinger im sechsten Jahrhundert die Reiche der Salen und der Frankenstämme erstmalig einten und somit ein gemeinsames Reich, Frankreich, gründeten. Merowech als Wegbereiter, Chlothar, Dagobert und so fort. Mitte des achten Jahrhunderts endete die Herrschaft der Merowinger, nachdem Dagobert II. im Auftrag von Pippin II. ermordet wurde und der letzte amtierende merowingische König Frankreichs, Childerich, von Pippin III. mit Unterstützung des Papstes abgesetzt wurde. Und der Sohn Pippins III, war dann jener Karl, der spätere Charlemagne, Karl der Große, der die Herrschaft der Karolingerdynastie begründete.«

»Diese Geschichte ist mir durchaus bekannt, Monsieur Plantard.«

»Das glaube ich Ihnen gerne. Haben wir nicht gerade den Karolingern viel zu verdanken? Karl der Große verknüpfte wie keiner vor ihm Kirche und weltliche Regierung, vergrößerte und sicherte das Reich, setzte sich für Kunst, Kultur und Bildung ein, eine Erneuerungsbewegung, die sogar einen eigenen Namen bekam: Renovatio. Moderne Strukturen und Denkweisen.«

Der alte Mann betrachtete sein Zigarillo argwöhnisch, als drohe es gerade zu verlöschen. Er pustete die Spitze versuchsweise an und ließ die Glut damit aufflammen. »Doch kennen Sie die Geschichte hinter der Geschichte? Sehen Sie genau hin: Was begann gemeinhin mit dem Jahr 800, der Krönung Karls des Großen?« Nach einer kleinen Pause, in der er ganz offenbar keine Antwort erwartete, sprach er weiter: »Das Mittelalter, Monsieur Michaut. Das dunkle Zeitalter, wie man es auch nennt. Wie viel Wissen ging verloren, wie viel Unsicherheit und Aberglaube fassten Fuß? Wie viele Kriege wurden geführt und wie viel Blut vergossen? Denken Sie an die unsäglichen Kreuzzüge, den Hundertjährigen Krieg... Er dauerte bis ins fünfzehnte Jahrhundert. Dann endlich ein Licht am Ende des Tunnels: die Renaissance. Es war eine wahre Wiedergeburt, als die Menschen und Regierungen sich aus den mittelalterlichen Strukturen lösten, als kirchliche und weltliche Macht sich wieder trennten, und schließlich selbst die Kirche eine Reformation über sich ergehen lassen musste. Sie sind kein gläubiger Mensch, Monsieur Michaut, daher kann ich Ihr Augenmerk in aller Neutralität darauf richten: Es war die Kirche, die die Dynastie der Merowinger beendet wissen wollte, es war die Kirche, die den Karolingern ihre Macht bescherte, sich mit ihnen verbündete, es war die Kirche, die die Kreuzzüge antrieb, es war die Kirche, die Forschung und Wissenschaft unterdrückte und deren omnipräsente Macht endlich in der Renaissance gebrochen wurde.«

Der Präsident nickte. Er war zwar kein Gegner der Institution Kirche, aber kritisch stand er ihr allemal gegenüber. Doch wie viel wusste Plantard über seine Einstellung? Manipulierte er ihn? Es stimmte wohl, was der Alte sagte, und so gesehen mochte er durchaus Recht haben. Aber Michaut fragte sich, worauf er hinauswollte. Dass die Merowinger die besseren Herrscher gewesen wären?

Der Alte fuhr fort: »Es stellt sich die Frage, ob es Zufall war, dass die Kirche ihren Aufschwung an die Karolinger knüpfte, und warum das mit den Merowingern nicht möglich gewesen wäre. Nun, in der Tat gab es einen sehr guten Grund, weswegen die Kirche sich so entschied. Denn in den Adern von Dagobert und Childerich floss ein Blut, dessen Fortbestand die Kirche keineswegs zulassen durfte.«

»Jesus Christus«, warf der Präsident ein.

»Ja, das Blut des Erlösers. Ich sehe mit Befriedigung, dass Sie mit dieser Vorstellung bereits vertraut sind.«

»Die Theorie ist mir so neu, dass ich noch keine Gelegenheit hatte, darüber zu schlafen, aber ja, ich habe davon gehört.«

»Nun, es ist tatsächlich keine Theorie. Auf dem einen oder anderen Wege – sei es durch Heirat oder andere Verwandtschaft – ist das Blut unseres Herrn fortgeführt worden. Es fand in Gallien Zuflucht, wo es in den Stammbäumen von Merowech und den Franken aufging. Nun, warum sollte die Kirche ein Interesse haben, dieses einmalige, göttliche Herrscherhaus zu verdrängen? Scheinbar paradox, nicht wahr? Aber ich will es Ihnen sagen: Weil sich die Macht der Kirche nicht auf Jesus begründete, sondern auf der Erlösung durch die Wiederauferstehung und die von Petrus geschaffene Institution Kirche. Und warum sage ich »unseres Herrn«, wenn ich von Jesus rede? Weil Jesu Bedeutung nichts mit der heutigen Kirche zu tun hat – der ich ebenfalls nichts abgewinnen kann –, sondern weil Jesus der höchste Vertreter und Anführer eines auserkorenen Volkes war. Er war hoch gebildet, ein Revolutionär, ein Humanist, ein früher Gandhi, ein Siddharta, ein Martin Luther King – und vor allen Dingen war er der wahre und rechtmäßige König der Juden. Die Römer wussten das. Jesus hätte sich zum Herrscher der bekannten Welt emporgeschwungen, er hätte das Römische Reich vernichtet. Daher ließen sie ihn umbringen. Was daran göttlich war, entscheiden Sie selbst.«

Michaut sagte eine Weile nichts. Was gab es zu sagen? Eine überaus faszinierende, wenngleich durch nichts zu beweisende Interpretation. Hatte ihn sein Geheimdienst am Morgen zum ersten Mal hiermit konfrontiert, saß er nun – keine zwölf Stunden später – jemand gegenüber, der sie mit so ruhiger Überzeugung vertrat, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

»Was hat nun der Orden von Zion damit zu tun?«, fragte er.

»Nun, wie ich eingangs schon sagte, fühlt sich das Priorat von Zion dem Idealbild jener Zeiten verpflichtet. Somit war es die zentrale Aufgabe des Priorats, das Blut der Merowinger nicht aussterben zu lassen. In den vergangenen Jahrhunderten war das Priorat nicht immer sichtbar aktiv, weder in der Wirtschaft noch in der Politik, doch immer ist das Erbe der Merowinger fortgeführt worden. In Wahrheit waren somit stets Erben des königlichen Blutes unter uns, haben in Herrscherhäuser eingeheiratet, haben ihre Linie gesichert und zum Teil dem Priorat selbst vorgestanden.«

»Und was sind die Ziele des Priorats? Weshalb ist nicht schon längst jemand vorgetreten und hat die Herrschaft übernommen?«

Der Alte schüttelte den Kopf und drückte sein Zigarillo aus. »Die Ideale des Priorats sehen keine Weltrevolution in Form eines Putsches vor. Die Zeit ist nicht reif dafür. Damit ein zentraler Herrschaftsanspruch überhaupt wirkungsvoll sein könnte, dürften die Machtverhältnisse nicht so verzettelt sein, wie es heute der Fall ist. Länder und Regierungen müssten zunächst noch stärker zusammenwachsen, die Kirche müsste noch mehr Macht und Glaubwürdigkeit verlieren. Aber denken Sie nicht, dass das Priorat deswegen untätig war. Glauben Sie wirklich, dass nach Hunderten, Tausenden von Jahren Krieg in Europa die sich anbahnende europäische Einheit selbstverständlich ist? Ein europäischer Präsident – gestern noch undenkbar, und heute? Welches übergroße, zentrale Interesse ist hier aktiv, dass sich Engländer, Franzosen, Deutsche, Polen, Russen und Türken nicht noch heute säbelrasselnd gegenüberstehen?«

»Sie wollen mir weismachen, dass es nicht die Politiker sind, die die Geschicke in Europa lenken, sondern das Priorat?«

Plantard winkte ab. »Verstehen Sie mich nicht falsch, es sind sehr wohl die Politiker, die die Geschicke leiten. Politiker wie Sie, Monsieur Michaut. Sie handeln nach Ihren Zielen. Doch haben Sie sich jemals gefragt, wie Sie zu Ihrer Überzeugung gekommen sind? Welche Gedanken anderer Menschen vor Ihnen haben Sie beeindruckt? Wer vor Ihnen verfolgte bereits ähnliche Ziele wie Sie? Wessen gedankliche Arbeit setzen Sie fort? Wessen Bücher lesen Sie, wessen Kommentare beeindrucken Sie, auf wessen Rat hören Sie? Wir alle, Monsieur Michaut, Sie und ich, sind nur zu einem kleinen Teil Individualisten, denn das meiste ist bereits erdacht, gesagt, geschrieben und erfunden. Unsere Ideen, Ansichten und Überzeugungen bedienen sich aus dem überquellenden Fundus der Weltgeschichte; Tausende von Jahren, Milliarden von Menschen, so schlau und in der Summe unendlich viel schlauer als wir – wirklich neue Ideen sind sehr selten. Wir unterscheiden uns nur darin, welche dieser Ideen wir aufgreifen, wessen Überzeugungen wir annehmen, welche Talente wir haben und wie wir Letztere einsetzen, um Erstere zu verfolgen.«

Michaut schwieg. Der Alte hatte einen allzu tiefen Nerv getroffen. Ziele. Erfolg. Selbstbestimmung. Neues schaffen. Zeichen setzen. Unsterblichkeit. Relevanz. Sein Kopf fühlte sich seltsam hohl an.

»Und nun fragen Sie mich, wer die Geschicke lenkt. Sie tun es, Monsieur Michaut. Und dennoch in einem höheren Sinne. Unsere Leben sind nur ein Augenzwinkern in der Menschheitsgeschichte, entsprechend klein ist der Ausschnitt, den wir sehen und den wir wirklich beeinflussen. Nur wer Hunderte oder Tausende von Jahren leben würde, der könnte ganze Strömungen auslösen und entwickeln, einzelne Geschicke lenken, Ideen säen, dafür sorgen, dass Gedankengut auf fruchtbaren Boden fällt und sich verbreitet. Daher gibt es Kräfte im Verborgenen, die nur deswegen ihre Ziele verfolgen können, weil sie über so lange Zeit hinweg existieren. Wir bemerken weder ihr Wirken, noch haben wir eine Beziehung zu ihren Zielen. Aber das liegt einzig an unserer Perspektive. Es ist wie mit der Erde: Wir spüren nicht, dass sie sich unter uns bewegt, und doch tut sie es. Manche Dinge sind zu groß, als dass wir sie sehen könnten. Vor dem Hintergrund der Geschichte bewegen wir uns zu schnell, und einige Dinge sind zu langsam für unsere Wahrnehmung. Das Priorat von Zion ist eine solche langsame, große Kraft.«

Michaut massierte sich eine Schläfe. Vieles in ihm sträubte sich gegen die Ausführungen des Alten. Sie zeichneten ein Bild jenseits jeder sicheren, ihm bekannten Realität. Zugleich war es aufregend. Es war ein Gemälde so ungeheuren Ausmaßes, dass vor ihm jedes menschliche oder politische Bemühen nur wie ein unbedeutender Pinselstrich erschien. Und doch fügte sich alles in ein übergeordnetes, unsichtbares Konzept. Es war erhebend und deprimierend zugleich; eine Art religiöse Ergriffenheit hatte ihn erfasst. Und gerade das machte ihn umso stutziger. Konnte es sein, dass der Alte ihn derart zu beeinflussen vermochte? Wie viel von dem, was er sagte, war einfach nur blanker Irrsinn? Verschwörungsfantasien eines Greises, der sich durch sein Alter Respekt verschaffte und mit seinen Worten Ehrfurcht erschlich? Andererseits kannte der Graf ihn und hatte diese Begegnung arrangiert. Der Graf! Wie sehr ließ er, Michaut, sich vom Grafen manipulieren? War es vielleicht der Graf, der ein Spiel mit ihm trieb? Michaut griff nach der Flasche und schenkte sich Wasser ein.

»Sie scheinen nicht überzeugt?«, fragte der Alte. Es war eher eine Feststellung. »Nun gut, nehmen wir ein Beispiel: Ende der fünfziger Jahre war Frankreich in einer schweren Krise. Immer wieder Zeiten ohne Regierung, die Parteien verfeindet, die französischen Kolonien in Indochina blutig verloren und kurze Zeit später das Aufbegehren der algerischen Nationalisten, die die Unabhängigkeit forderten und eine eigene Regierung erzwingen wollten: der Algerienkrieg. Wie Sie wissen, bildeten sich in dieser Zeit zahlreiche Komitees für öffentliche Sicherheit, die ›Comités de Salut Public‹. Sie arbeiteten aus dem Untergrund, ähnlich wie in den Zeiten der Französischen Revolution. Sie wollten ein starkes, großes Frankreich, der Koloniestatus Algeriens sollte erhalten bleiben. Und sie wussten, dass nur ein Mann hierfür in Frage kam, einer, der schon einmal zuvor provisorisches Staatsoberhaupt gewesen war: Charles de Gaulle. So halfen sie ihm 1958 an die Macht. Und eine führende Rolle in diesen Komitees spielte das Priorat von Zion. Denn ein großes, kräftiges Reich war durchaus im Sinne des Priorats. De Gaulle kam an die Macht, doch entgegen der allgemeinen Erwartungen entschied er, Algerien die Unabhängigkeit zuzugestehen. Hätten sich die Komitees in Frankreich wegen dieses vermeintlichen Verrats nun zusammengeschlossen, hätten sie die Regierung ernsthaft bedrohen können. Aber de Gaulle war ein guter und weitsichtiger Politiker, der beste, den Frankreich in langer Zeit gehabt hatte. Daher entschied das Priorat, ihn trotzdem weiter zu unterstützen. Und so kam es, dass es ausgerechnet der Großmeister des Priorats von Zion war, der als Vorsitzender des Generalsekretariats der Komitees diese lenkte und sie schließlich auf Bitten de Gaulies zur gemeinschaftlichen Auflösung bewegte.« Plantard zündete sich ein neues Zigarillo an. »Das können Sie recherchieren, Monsieur. Sie werden feststellen, dass es stimmt.«

»Ich denke...« Michaut zögerte. »Das kann ja alles sein, aber...«

»Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Monsieur«, warf Plantard ein. »Sie müssen das natürlich nicht alles einfach nur glauben oder mitschreiben.« Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog einen Umschlag hervor. »Ich habe Ihnen auch ein paar Unterlagen mitgebracht, die Sie untersuchen lassen können. Sie belegen einige der zentralen Daten, die ich Ihnen genannt habe.«

»Ich verstehe noch nicht, was Jean-Baptiste Laroche mit der ganzen Sache zu tun hat. Ist er ein Mitglied des Priorats von Zion?«

»Ah, ja. Die eigentliche Frage, nicht wahr? Was hat Jean-Baptiste damit zu tun? Mit meinen weitschweifigen Ausführungen über die Merowinger wollte ich mich weder interessant machen noch Sie langweilen. Es stimmt, dass die Dynastie der Merowinger fortgeführt wurde, und es stimmt ebenso, dass in ihr das Blut von Jesus Christus weiterlebt. Doch hatte ich auch nicht vor, Sie zu beunruhigen. Denn der zweite Teil meiner vielen Worte sollte Sie eigentlich ermutigen. Denn das Priorat von Zion beschützt zwar das heilige Blut, aber ebenso beschützt es Frankreich, Europa und die Ideale von Zion. Und die Zeit ist noch nicht gekommen. So ist die Frage, ob Jean-Baptiste Laroche dem Hause Dagoberts entspringt, tatsächlich von wenig Relevanz. Denn ich kann Ihnen versichern, dass er nicht vom Priorat unterstützt wird. Jegliche seiner Handlungen können langfristig keinesfalls erfolgreich werden.«

»Sie werden verstehen, wenn Ihre Zuversicht allein keinen hinreichend beruhigenden Effekt auf mich hat. Auch kann ich sie umso weniger teilen, als mich seine kurzfristigen Erfolgsaussichten wesentlich deutlicher betreffen, als seine langfristigen.«

»Natürlich, Sie haben natürlich Recht. Und deswegen bin ich auch hier. Im Sinne des Weltgeschicks, im Sinne der großen Geschichte, wenn Sie so wollen, ist das Nicht-Eingreifen des Priorats vollkommen ausreichend. Doch des kurzfristigen Effekts und Ihrer persönlichen Unterstützung wegen bin ich gekommen.« Er deutete auf den Umschlag, den er auf den Tisch gelegt hatte. »Hier werden Sie mit Sicherheit das ein oder andere finden, das sich in der Angelegenheit Laroche als nützlich erweisen wird. Unser gemeinsamer Freund am Genfer See hat mir versichert, dass Sie diese Unterlagen in aller Vertraulichkeit annehmen würden und zu schätzen wüssten.

Und dass Sie unsere Unterhaltung ebenso behandeln würden. Und nun... wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.« Er stand behutsam auf. »Meine Nächte sind kurz, in meinem Alter schläft man nicht mehr lang in den Morgen. Da ist es umso wichtiger, dass ich zeitig zu Bett gehe.«

Michaut erhob sich und reichte Plantard die Hand. »Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, so kurzfristig vorbeizukommen.« Er war sich unsicher, was er von dem Treffen halten sollte, und irgendwie war er froh, dass der merkwürdige Alte nun ging.

»Ich bitte Sie, Monsieur!«, sagte Plantard mit einem feinsinnigen Lächeln. »Immerhin sind Sie der französische Präsident. Wem, wenn nicht Ihnen, könnte ich verpflichtet sein?« Mit diesen Worten hatte er die Tür erreicht und war kurz darauf verschwunden.

Emmanuel Michaut blieb allein in seinem Büro zurück. Nur der durchdringende Geruch des Zigarillos hing noch in der Luft. Er streckte seine Hand nach dem Umschlag aus und wog ihn unschlüssig in den Händen. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und öffnete den Umschlag.

10. Mai, in der Nähe von Albi

Als Peter zu sich kam, pochte sein Schädel. Er öffnete die Lider, doch es blieb vollkommen dunkel. Einzig ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn, als er versuchte, seine Augen zu bewegen, also schloss er sie wieder und verharrte. Aber es war nicht nur Schmerz, es war auch Lärm. Um ihn herum rumpelte und polterte es, und jedes Geräusch hallte in seinem Kopf wider. Alles um ihn herum war in dröhnender Bewegung, durch den Schwindel fühlte er Wellen von Übelkeit in ihm aufkommen. Schon sammelte sich dünnflüssiger Speichel in seinem Mund, ein Kloß wanderte in seinen Hals. Er atmete tief ein. Ein seltsam süßlicher Geruch schwebte im Raum, als würde irgendetwas verbrannt werden. Die Luft schien zähflüssig, schwer und verbraucht. Doch im selben Maß, in dem es ihm langsam gelang, sich zu konzentrieren, beruhigte sich allmählich auch sein Magen.

Den Geräuschen nach zu urteilen befand er sich in einem Gefährt, wahrscheinlich einem Lastwagen. Das würde erklären, weshalb er ein Gefühl von Bewegung hatte. Und zwar entgegen der Fahrtrichtung. Immer wieder wurde er mit dem Rücken an eine Wand gedrückt, wenn der Wagen bremste. Beim Beschleunigen wurde er in die andere Richtung gezogen. Etwas hielt ihn dabei jedoch fest, eine Art Gurt, der quer über seinen Bauch gespannt war. Seine Hände waren hinter seinem Rücken fest verschnürt. Er war so gut wie bewegungsunfähig. Sein Zustand und die Dunkelheit sprachen aber ohnehin gegen irgendwelche Experimente. Die Geräusche dröhnten in seinem dumpf pulsierenden Kopf. Er hatte Schwierigkeiten, Einzelheiten herauszuhören. Da war etwas, das wie das Rauschen von Reifen auf einer Straße klang, dann Schotter oder kleine Gegenstände, die gegen das Metall schlugen, das Ächzen und Knirschen von Federn.

Ein heißer Schauer durchfuhr Peter, als er sich bewusst machte, dass man ihn entführte. Schweiß trat ihm auf die Stirn, seine Kopfhaut begann zu jucken. Wo war er hier hineingeraten? Er versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. Etwas hatte ihn in der Höhle überwältigt, er hatte gespürt, wie man ihn gepackt und nach hinten gerissen hatte. Dann war ihm etwas Feuchtes aufs Gesicht gepresst worden. Beim Gedanken daran stieg ihm ein stechender Nachgeschmack in den Rachen, eine Art Betäubungsmittel, vielleicht Äther. Das war alles, was er rekonstruieren konnte. Was hatte man mit ihm vor?

Der Wagen beschleunigte nun stärker. Vielleicht befand er sich jetzt auf einer Schnellstraße. Die Reifen rauschten laut, daher vermutete Peter, dass die Straße unter ihm nass war. Gleichzeitig hörte er ein unregelmäßiges Zischen, das stets von rechts hinten aufklang, schnell lauter wurde, vorbeizog und sich leiser werdend entfernte. Höchstwahrscheinlich waren es Wagen auf der Gegenfahrbahn. Peter vermutete, dass sie sich nicht auf einer Autobahn befanden, denn dort wären mehr Autos unterwegs. Das war vielleicht ein Zeichen dafür, dass seine Entführer nicht beabsichtigten, ihn sonderlich weit zu transportieren. Andererseits, überlegte er, wusste er nicht, wie lange er bewusstlos gewesen war und welche Strecke er bereits zurückgelegt hatte.

Wer mochten seine Entführer sein und was ihre Motive? Da er offenbar unverletzt war, mochten sie nicht allzu gewalttätig sein. Dennoch verfügten sie über ein gefährliches kriminelles Potenzial. Und außergewöhnliche Kräfte oder Geschick – denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie an den Rangern im Wald unbemerkt vorbeigekommen waren. Noch dazu hatten sie ihn auf dem Rückweg von der Höhle den Abhang hinunter und zum Ausgang des abgesperrten Areals transportieren müssen... Aber wer sagte ihm, dass sie tatsächlich unbemerkt geblieben waren? Vielleicht hatte es einen Kampf gegeben?

Der Wagen bremste und bog ab. Er behielt seine verringerte Geschwindigkeit bei. Kurze Zeit später stoppte er, blieb eine Weile stehen und fuhr dann wieder an. Eine Ampel, überlegte Peter. Es gab ihm ein vertrautes Gefühl, zu wissen, dass sich dort draußen etwas so Alltägliches wie eine Ampel befand. Ein Stück Zivilisation. Vielleicht waren sie in einer Stadt? Aber es waren keine entgegenkommenden Autos mehr zu hören. Entweder befanden sie sich in einer relativ unbelebten Gegend, oder es war schon so spät in der Nacht, dass nur noch wenige unterwegs waren. In jedem Fall würde das aber bedeuten, dass kaum jemand den Wagen beachtete und die Polizei Schwierigkeiten haben würde, Zeugen zu finden und die Strecke nachzuvollziehen. Alles vorausgesetzt, man wäre überhaupt schon auf der Suche nach ihm und wüsste, dass man diesem Wagen folgen musste. Erste Anlaufstelle wären die Ranger, aber möglicherweise konnten die bei den Ermittlungen nicht helfen – wenn sie entweder tot waren oder aber die Eindringlinge nicht gesehen hatten... nicht gesehen... der Unsichtbare auf dem Monitor! Konnte das wirklich sein? Gab es eine Technologie, die unsichtbar machte? Stealth-Technologie, wie Patrick sie genannt hatte. Radarstrahlen schlucken oder streuen, ja. Aber einen Menschen unsichtbar machen für das bloße Auge? Höchst unwahrscheinlich, aber ein Gedanke, der berücksichtigt werden musste. So wäre das Eindringen natürlich zu erklären. Aber vielleicht verfügten diese Leute dann auch über Möglichkeiten, ihn oder gar den ganzen Wagen verschwinden zu lassen? In diesem Fall würde sich seine Lokalisierung natürlich äußerst schwierig gestalten. Patrick hätte jetzt vermutlich eine technische Erklärung parat.

Patrick!

Er war in den Durchgang gestürzt! Ganz plötzlich war er so sicher gewesen, dass es ungefährlich sei, ja er war fast besessen davon. Was war nur in ihn gefahren? Und was war nun aus ihm geworden? Hatte er inzwischen ebenfalls den Verstand verloren wie jener unglückliche Schäfer? Vielleicht bemühte sich Stefanie bereits, den um sich schlagenden, irrsinnigen Mann zu bändigen, ihn aus der Höhle zu zerren. Vielleicht hatte sie nach Peter um Hilfe gerufen, um dann festzustellen, dass er verschwunden war. Patrick mochte sich in der Zwischenzeit auch verletzt haben oder in ein Koma gefallen sein, und Stefanie versuchte verzweifelt, ihn im Dunkeln und womöglich bei Regen den Steilhang hinunterzuschleppen.

Peter schrak zusammen, als eine Tür zugeschlagen wurde und der Lärm seinen Schädel erschütterte. An die eintönigen Fahrgeräusche hatte er sich gewöhnt, doch mit einem Mal waren seine Kopfschmerzen wieder da. Der Wagen hatte angehalten. Mit einem Ruck wurde vor ihm ein Paar Türen geöffnet. Es waren Hecktüren, und er selbst saß auf dem Boden im Laderaum eines Kleinlasters, wie er bereits vermutet hatte. Schwaches Licht schien von draußen herein, gerade so viel, dass er glänzende Konturen und Schatten erkennen konnte, doch zu wenig, um Farben oder Details auszumachen. Das Innere des Lasters war keineswegs für bloße Transportzwecke gedacht, so viel wurde deutlich, denn es befanden sich schmale Schränke, Kisten, Wandbehänge und zwei Sitzbänke darin.

»Sind Sie wach, Monsieur Lavell?«

Die Stimme klang streng.

»Ja, ich bin wach...«

»Dann steigen Sie aus! Wir sind da.«

Peter wollte gerade erwidern, dass er festgeschnallt sei, als er spürte, wie der Gurt um seinen Bauch nachgab. Er bewegte sich versuchsweise. Mit den gefesselten Händen war es nicht leicht, sich aufzurichten. Sein Kopf war schwer und schien mit heißem Blei gefüllt zu sein, das jeder seiner Bewegungen folgte. Behutsam suchte sich Peter einen Weg nach vorn und trat schließlich aus dem Wagen.

Kühle, feuchte Luft schlug ihm entgegen. Er nahm einen tiefen Atemzug und spürte förmlich, wie sich sein Gehirn zusammenzog. Es roch nach Regen, nach nassem Boden. Allerdings nicht nach Erde, sondern nach nassem Staub. Und da war noch etwas, ein schwer auszumachender Geruch, süßsauer, ein wenig nach Früchten, vielleicht Äpfeln, aber gleichzeitig unangenehm aufdringlich, warm, nach Urin. In jedem Fall eine industrielle Ausdünstung. Peter tippte auf eine Brauerei und sah sich um. Sie befanden sich auf dem leeren Gelände einer Fabrik. In der Nähe stand eine einzelne Straßenlampe. Peter konnte einen Stacheldrahtzaun erkennen, ein paar schäbige Häuschen, eine Straße, Gestrüpp, einige Flachdachgebäude und Schornsteine. Sie befanden sich inmitten eines düsteren, maroden Industriegebiets. Dem Anschein nach war es nicht nur abgelegen, sondern auch größtenteils verlassen.

Jetzt trat ein zweiter Mann herbei. »Gehen Sie!«, wies er Peter an und deutete in Richtung des alten Hauptgebäudes. Peter rechnete sich gegen seine zwei Entführer keine Chancen zu einer Flucht aus. Selbst wenn es nicht dunkel und das Gelände nicht umzäunt gewesen wäre, hätte er in seiner körperlichen Verfassung keine zwanzig Meter sprinten können, ohne vor Anstrengung und Übelkeit zusammenzubrechen. Also setzte er sich in Bewegung und folgte dem ersten Mann, der schon einige Schritte vorausgegangen war.

Bald erhob sich vor ihnen die nackte Betonwand der Fabrik. Bis in den vierten Stock waren Fenster zu sehen, die Scheiben waren verschmiert oder zerschlagen, von den Sprossen liefen rostbraune Schlieren herab. Sie erreichten eine Stahltür, über der eine kleine Glühbirne brannte. Es gab kein Türschild, keine Hausnummer, keine Beschriftung, keine Farben. Nur nackter Beton mit einer schwarz gefleckten Patina von vielen Jahrzehnten und eine mit Nieten beschlagene Tür, deren einst graue Lackierung durch blutige Rostgeschwüre zerfressen war. Dies ist kein Ort, an dem man eine im freundlichen Ton gehaltene Verhandlung führte, dachte Peter. Dies ist mit Sicherheit auch kein Ort, an dem man bewirtet und alte Bekannte treffen würde. Dies ist ein Ort, an dem einen niemand sieht, niemand hört, und an dem einen niemand jemals wiederfindet.

Als sich die Tür öffnete, zuckte Peter unwillkürlich zusammen. Noch stand er hier draußen, fast frei, roch den Regen, spürte die Kühle auf seinem Gesicht. Aber gleich würden sie eintreten. Der Gefangene sah das letzte Mal den verhangenen Himmel, und nun erwartete ihn die Bastille. Er hatte nur schemenhafte Vorstellungen davon, welches finstere Schicksal ihn erwarten könnte.

Das Innere war erleuchtet. Der erste Mann trat ein, der zweite stieß Peter vorwärts. Hinter ihm fiel die Tür mit einem schweren, metallenen Klacken ins Schloss.

Der Gang war kahl und eng. An der Decke hingen unruhig flackernde Neonröhren, zwischen denen sich Rohre und Kabel entlangschlängelten. Die Männer trieben Peter voran. Er stellte fest, dass einzig dieser Gang erhellt war. Alle Räume und Abzweigungen, die sie passierten, lauerten in völliger Dunkelheit. Auf eine unangenehme Weise starrten ihn die Löcher an wie der Durchgang in der Höhle. Abgründe, die lebendig würden, wenn man nur lange genug in sie hineinsah... ein Bild, das ihm in letzter Zeit entschieden zu häufig über den Weg lief. Und nun war er mittendrin.

Sie erreichten einen offenen, allein durch Gitter umgebenen Schacht und betraten einen Lastenaufzug, der aus nicht mehr als einem Stahlkäfig mit Fußboden bestand. Einer der Männer schob die Tür hinter ihnen zu, steckte einen Schlüssel in eine kleine Kontrolleinheit und betätigte einen Hebel.

Mit einem Ruck setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung und senkte sich. Von weit über ihnen konnte Peter das Summen eines Motors hören. Metall klapperte und hallte durch den Schacht. Das Licht über ihnen entfernte sich, der Fahrstuhl sank in die Tiefe.

Peter wunderte sich, wie es sein konnte, dass ein so altes Gebäude über unterirdische Stockwerke oder eine Tiefgarage verfügte. Da es um sie herum rasch dunkler wurde, ließen sich an den Wänden immer weniger Details erkennen, aber anscheinend gab es keine weiteren Gänge oder Türen. Die Luft wurde kälter, der Geruch nach Beton und Staub wich einem feuchtmodrigen Aroma nach Erde und alten Backsteinen. Unvermittelt kamen sie zum Stehen. Das Gitter des Fahrstuhls wurde aufgeschoben, und dann öffnete sich eine hölzerne Tür in der Wand vor ihnen. Ein rotgelber Schein schlug ihnen entgegen.

Wortlos wurde Peter angetrieben. Sie gingen durch einen Gang, der aus großen Blöcken gemauert war, fast wie durch eine Krypta. Den Boden bedeckte ein dunkelroter Läufer, an den Wänden waren in regelmäßigen Abständen Öllampen befestigt. Der Gang endete an einer weiteren Holztür, diesmal waren altes Schnitzwerk und glänzende Messingbeschläge darauf zu erkennen. Der Mann, der den kleinen Trupp anführte, öffnete sie. Anschließend traten sie in eine geräumige Halle, acht oder zehn Meter hoch, die in das bedrohlich zuckende Lichtspiel von Flammen getaucht war. Sie entsprangen übergroßen Feuerschalen in den Klauen zweier mannshoher Skulpturen aus Schmiedeeisen. Es waren verschlungene Gebilde aus unförmigen Gliedmaßen, raubtierhaft, haarig, sehnig, verwoben mit übergroßen menschlichen und nichtmenschlichen Geschlechtsorganen, Mäulern und Krallen. Die monströsen Wucherungen standen links und rechts einer breiten, steinernen, mit einem Teppich belegten Treppe. Sie führte zu einer Galerie, die in der Höhe rund um die Halle herumführte, wo weitere Gänge und Türen sichtbar waren.

Der bedrohliche Eindruck wurde noch verstärkt, als Peters Blick auf den Fußboden vor ihnen fiel. Dort war ein glänzendes Mosaik aus schwarzem Glas oder Obsidian eingelassen.

Peter erkannte es sofort. Es war eine Abwandlung das Siegels von Belial, dem achtundsechzigsten Dämon in der Goetia. Er hatte den »kleineren Schlüssel Salomons«, wie das Werk ebenfalls genannt wurde, vor einigen Jahren ausgiebig studiert. In der Mythologie war Belial ein großer König der Dämonen, geschaffen direkt nach Satan und einer der vier Kronprinzen der Hölle. Er galt als unabhängig, niederträchtig, ewig verlogen und wurde mit dem Element Erde sowie den nördlichen Himmelsrichtungen verbunden. Eine Art Schattenseite von Luzifer, Morgenstern, dem Lichtbringer – wenn Dämonen überhaupt noch Schattenseiten haben konnten. Peter staunte über sich selbst. Mit plötzlicher Intensität war alles wieder da. Alles, was er über die Abgründe erfahren, gelesen und gehört hatte. Er hatte mehr okkulte Werke ergründet als manch katholischer Exorzist, hatte geheime Wege beschreiten dürfen und sich mit Leuten unterhalten, denen in dieser ganzen Thematik niemand das Wasser reichte. Doch immer war es – und das wurde ihm in diesem Augenblick schaudernd bewusst – akademisch gewesen. Nie hatte er zu träumen gewagt, einmal in die Gewalt von Fanatikern zu kommen, die diese pseudoreligiösen Hirngespinste lebten und ernst nahmen – und zwar ernster, als es jedem lieb sein konnte, der um sein Leben und seine geistige Gesundheit fürchtete.

In diesem Augenblick trat eine Gestalt an das obere Ende der Treppe. Es war ein schlanker junger Mann in einem dunklen Anzug, der nun herunterkam. Als er in den direkten Schein der Feuerschalen trat, erkannte Peter ihn.

»Ash Modai«, sagte er.

»Willkommen, Herr Professor Lavell. Wie ich sehe, sind Sie unversehrt, wunderbar.«

»Ich kann nur hoffen, dass das auch so bleibt.«

»Entschuldigen Sie meine forsche Einladung. Sie verstehen sicherlich, dass ich Sie unbedingt wiedersehen musste.«

»Was wollen Sie von mir?«

Ash Modai war an Peter herangetreten und funkelte ihn eindringlich an. »Aber das wissen Sie doch.«

»Grämen Sie sich noch immer wegen meiner Publikationen?«

»Ihre Publikationen? Die sind überhaupt nicht von Relevanz. Sie haben keinerlei Auswirkung auf die Wahrheit, auf unseren Orden oder die Ebenen zwischen den Welten. Und daher sind sie auch nicht von Bedeutung. Nur kleine Geister mögen sich grämen, sich verunglimpft fühlen. Aber was kümmert es das Meer, ob es regnet?« Der junge Mann führte sein Gesicht ganz nah an Peter heran. Peter bemerkte mit Schaudern, dass dessen Pupillen nicht rund geformt waren, sondern senkrecht spitz zuliefen, was ihnen ein fremdartiges, animalisches Aussehen verlieh. Ash Modai schien an ihm zu riechen. Dann sagte er mit drohend gedämpfter Stimme: »Nein, Herr Professor. Sie sind einzig und allein wegen des Kreises hier. Des ›Kreises von Montségur‹.«

»Was wissen Sie über den ›Kreis‹?«, fragte Peter.

Der Mann riss die Augen auf und stieß Peter mit so plötzlicher Wucht vor die Brust, dass ihm aller Atem aus den Lungen wich und er rückwärts zu Boden ging.

»ICH stelle hier die Fragen!«, herrschte Ash Modai ihn an.

Peter wurde es für einen Lidschlag schwarz vor Augen. Er stützte sich mit einem Arm auf und bemühte sich, Luft zu holen.

»Ich habe Sie nicht herbringen lassen, um mit Ihnen zu plaudern«, fuhr der Mann in ruhigerem Ton fort. »Ich habe Sie einmal gebeten, mir Ihre Informationen zu geben. Aber Sie stellten sich mir in den Weg. Nun bitte ich Sie nicht mehr. Ich werde mir die Informationen holen, und danach sind Sie überflüssig.«

»Die Höhle...«, brachte Peter kurzatmig hervor, »Sie wissen doch jetzt, wo sie ist.«

»Das stimmt. Und das ist nicht Ihr Verdienst, also sollten Sie nicht allzu stolz darauf sein. Aber jetzt will ich etwas anderes wissen. Nämlich wie man hineinkommt.«

Peter richtete sich langsam und wankend auf. Ein stechender Schmerz in der Brust hinderte ihn, tief Luft zu holen. Er mochte nicht darüber nachdenken, ob das von einer gebrochenen Rippe herrührte. Sein Kopf schien zu glühen. »Sie können die Höhle nicht betreten. Sie werden es niemals können.«

Ash Modai machte einen Schritt nach vorn und stieß dem noch gekrümmt dastehenden Peter eine Faust in den Magen. Stöhnend sank Peter auf die Knie. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seinen Eingeweiden aus. Er verkrampfte sich, wollte Luft holen, würgte und erbrach sich mit brennender Heftigkeit auf das Mosaik.

»Sie werden mir keinen Mist mehr erzählen, Herr Professor! Ich werde herausfinden, was ich wissen will. Schafft ihn weg!«

Peter nahm verschwommen wahr, wie ihn die beiden Männer, die ihn hereingeführt hatten, an den Oberarmen griffen und empornssen. Sie zerrten ihn durch die Halle, und er bemühte sich, seine Füße dabei voreinander zu setzen.

Wie aus der Ferne hörte er die Stimme von Ash Modai: »Bringt ihn zur Empore im Saal und macht ihn dort fest!« Dann hatten sie den Feuerschein der Halle verlassen und tauchten in einen dunklen Gang ein.


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