Kapitel 15
10. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois
Peter war bereits um sechs aufgestanden, um sein Frühstück im Salon Vert allein einnehmen zu können. Er brauchte Zeit zum Nachdenken, was ihm in der Gegenwart von Patrick nicht immer möglich war. Der junge Ingenieur war selbstbewusst und sehr begabt. Aber er urteilte vorschnell und hart. Außerdem empfand er dessen Naivität im Umgang mit der Geschichte und seine Respektlosigkeit jeder Art von Religiosität gegenüber zeitweise als äußerst nervtötend.
Peter war es gewohnt, zu beobachten, Informationen zu sammeln, und sie – so irrelevant sie auch zu sein schienen – wie kleine glänzende Perlen in einer großen Schachtel mit Kostbarkeiten aufzubewahren. Dann und wann wagte er einen neuen Blick hinein, nahm bei Bedarf Teile heraus, untersuchte sie, wendete sie und legte sie wieder zurück. Manchmal schüttelte er die Schachtel einfach, und mit etwas Glück ordneten sich die Stücke zu sinnvollen Mustern, offenbarten ihre Zusammenhänge. Er verbrachte viel Zeit damit, Dinge testweise zu kombinieren und die Ergebnisse zu untersuchen. Aber dafür brauchte er Ruhe und niemand, der ihm dauernd dazwischenredete und Fragen über die Sinnhaftigkeit stellte.
Die Sprachwissenschaftlerin Stefanie hatte sich in den letzten Tagen gut eingelebt. Sie hatte ihre fachliche Kompetenz mehr als bestätigt, sich sogar als unentbehrliche Hilfe erwiesen. Sie war zurückhaltend, und trotzdem hatte auch sie eine enervierende Wirkung auf Peter, die er noch nicht richtig einordnen konnte.
Vielleicht lag es daran, dass sie jung war und gut aussah. Es war keinesfalls immer einfach, diesen Aspekt im professionellen Umgang mit ihr auszublenden, was Patrick wiederum offenbar gar nicht erst versuchte. Für andere Leute wäre das möglicherweise Zündstoff für Rivalitäten im Team gewesen, aber aus dem Alter war Peter hinaus. Er respektierte Stefanie fachlich. Und ihre Schönheit genoss er wie ein Kunstliebhaber einen echten Renoir genießen würde. Niemals käme er auf den Gedanken, sie mit seiner privaten Zuneigung allzu offensichtlich zu behelligen.
Aber da war noch etwas an ihr, das über Schönheit im klassischen Sinne hinausging, und das war es auch, was ihm Unbehagen bereitete. Er konnte es schlecht an einem bestimmten Wesenszug festmachen, es war vielmehr eine Summe aus Einzelheiten. Manchmal hatte er das Gefühl, als wisse sie viel mehr, als sie preisgab. Dann fühlte er sich regelrecht beobachtet, als ob er lediglich ihr Schüler wäre. Sie behauptete sich in ihrer Arbeit und in ihrem Umgang mit den beiden Männern so professionell, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Auch schien sie sich ihrer Wirkung auf sie beide durchaus bewusst zu sein, aber ihr Verhalten war einfach souverän. Das war das richtige Wort. Und das war es auch, was ihre Schönheit über einen offensichtlichen weiblichen Liebreiz hinaus erhöhte. Ihre Augen strahlten eine seltsame Reife aus, als habe sie in ihrem Leben bereits so viel Glück und Elend, Schrecken und Wunder gesehen, dass sie zwangsläufig über den Dingen stand. Es waren immer nur winzige Augenblicke, aber dann fühlte er sich in ihrer Gegenwart kleiner. Und dann hatte er stets das unbestimmte Gefühl, dass sie dies zugelassen hatte.
Aus diesem Grund war er an diesem Morgen so früh aufgestanden. Er wollte mit sich und seinen Gedanken alleine sein, mit ihnen spielen, sie drehen, wenden und wenn möglich ordnen.
Er war der erste Gast im Salon Vert. Zwar bot man bereits ab halb sieben Frühstück an, aber es war offensichtlich, dass kaum jemand damit rechnete, dass die Urlauber vor halb acht herunterkamen. Die Tische wurden gerade erst gedeckt, und als Peter seine Bestellung aufgab, bat man ihn um einen Augenblick Geduld, da die Croissants noch im Ofen seien. So saß er eine Weile nur mit einem Kännchen Tee da und sah in den Garten hinaus.
Der letzte Tag war sehr aufschlussreich gewesen. Jeder der drei hatte viel recherchiert, und er hatte das Gefühl, dass sie gut vorangekommen waren. Sie hatten vereinbart, dass sie sich nicht gegenseitig unterbrechen, sondern sich vollständig auf die Arbeit konzentrieren würden. Abends waren sie in den Ort gefahren, um im Chez Lapin einzukehren. Es war ein gemütlicher Ausklang geworden, sie hatten kein Wort über ihre Arbeit verloren, sondern dies auf den nächsten Tag verschoben. Stattdessen hatte Patrick von seiner Expedition in Rom erzählt und wie es ihm gelungen war, illegal in die Katakomben einzudringen, um den Beweis seiner Theorie zu erbringen, dass sich direkt unter der Via del Corso eine frühchristliche Kapelle befand.
Überall unter Rom erforschte man die Katakomben. Alle bekannten Zugänge waren gut gesichert. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen der Behörden dort einzudringen, war üblicherweise nur mit ein paar guten Kontakten und finanziellen Zuwendungen zu schaffen. In den letzten Jahren hatte die Korruption in Italien die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aber immer mehr auf sich gezogen, so dass es zunehmend schwieriger wurde, an die richtigen Leute heranzukommen. Patrick hatte kein Risiko eingehen wollen und sich daher in Handarbeit Zugang verschafft, wie er sich ausgedrückt hatte. Er hatte die Pläne der Katakomben lange studiert und sich schließlich eines Nachts unerkannt durch den Boden der Krypta der Kirche Santa Trinita dei Monti in die unterirdischen Gänge gegraben. Von dort hatte er sich mit zwei Helfern und einer umfangreichen Ausrüstung aufgemacht bis zu einem erst kürzlich entdeckten Fresko. Jeder Quadratzentimeter davon war in den letzten Jahren bereits abfotografiert und im Computer vollständig rekonstruiert worden. Aber es fehlte das Geld, um die Wandmalerei an Ort und Stelle zu restaurieren. Nun, da sie nach fast zweitausend Jahren ihrer schützenden Lehmschicht beraubt war, würde sie sich in den nächsten paar Jahren ohnehin auflösen, daher hatte er keine Skrupel, als er die Wand einriss. Dahinter lag wie erwartet ein Gang, der ihn zu der Kapelle führte, auf deren Spur er monatelang gewesen war. Es war ein wirklich Aufsehen erregender Fund, und die Bibelfragmente aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus, die er dort fand, machten die Sensation komplett. Natürlich war der Frevel an der Krypta und dem Fresko tagelang das Gesprächsthema Nummer eins in den römischen Tageszeitungen. Es gab eine Menge Ärger in der Folge, und nur seine guten Kontakte zu verschiedenen Interessenten in der Industrie konnten Patrick aus dem Gröbsten heraushalten und ermöglichten es ihm, unbeschadet aus der Sache herauszukommen.
Peter wurde aus seinen Gedanken an die Erzählung des Franzosen gerissen, als ihm serviert wurde. Die Croissants waren so frisch, dass sie noch dampften, und er orderte ein weiteres Kännchen Tee.
Wie erstaunlich es sich manchmal fügt, überlegte er. Dass zwei Menschen, die so unterschiedlich waren wie er und Patrick, nun zusammenarbeiten und sich ergänzen mussten. Der Franzose schenkte den altertümlichen Legenden und Hinweisen prinzipiell Glauben, verfolgte sie und nahm schließlich eine Schaufel in die Hand, um an Ort und Stelle nachzusehen. Er selbst, Peter, versuchte stets, die zunächst wahre Geschichte hinter den Legenden zu durchleuchten. Er glaubte erst einmal überhaupt nichts, sondern forschte und kombinierte so lange, bis er alles seiner Geheimnisse beraubt hatte und es nichts mehr gab, nach dem sich zu graben gelohnt hätte.
So hatte er lange Zeit den Aberglauben und die verschiedenen okkulten Strömungen der westlichen Welt untersucht. Was mit ein paar wenigen Einstiegspunkten begonnen hatte, hatte sich schnell als ein wild gewuchertes Wurzelgeflecht entpuppt, in dem alles miteinander verbunden und voneinander durchdrungen war. Unzählige Religionen, Sekten, Glaubensgemeinschaften, Traditionen und Überlieferungen, alles baute aufeinander auf oder ging im Laufe der Jahrhunderte ineinander über. Mit wissenschaftlicher Distanz hatte er sich der Themen angenommen, hatte sie analysiert und alles zueinander in einen Zusammenhang gestellt. Aber die Gespräche, die er geführt und die Informationen, die er erhalten hatte, waren nicht selten sehr leidenschaftlich und bisweilen äußerst dogmatisch und unfreundlicher Natur gewesen, und je weiter er vorgedrungen war, umso mehr kam es ihm vor, als habe er die Büchse der Pandora geöffnet. Mit seinem Buch hatte er versucht, dem Treiben dieser Dämonen ein Ende zu setzen, das Thema abzuschließen. Aber er merkte in den letzten Tagen mehr denn je, dass er sich viel zu tief hineinbegeben hatte, als dass man ihn vergessen und er davon loskommen könnte. Die Worte des Satanisten Ash kamen ihm in den Sinn, als dieser Nietzsche zitiert hatte: »Wenn Sie lange genug in den Abgrund blicken, dann blickt der Abgrund zurück in Sie!«
Nun war er hier im Languedoc, einem ehemaligen Zentrum der Macht. Hatte er sich wirklich nichts dabei gedacht, als sie zum ersten Mal die Schriftzeichen in der Höhle gesehen hatten? Hatte er wirklich die Rose nicht erkannt, hatte er wirklich die Herkunft des lateinischen Spruchs vergessen, der, wie er sehr wohl wusste, auch den Titel der Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz ziert?
Er hatte es einfach nicht sehen wollen. Aber nun waren sie wieder alle um ihn versammelt. Die Freimaurer, die Rosenkreuzer, die Satanisten. Und es wurde klar: Die Ketzer des Mittelalters und die Templer hatten ihn ebenfalls wieder eingeholt. Er hatte gedacht, es sei nur ein Auftrag der UN, aber wie es jedem geschah, der sich in die Vergangenheit des mystischen Mittelalters stürzte, war er nun tatsächlich auf der Suche nach dem Heiligen Gral, und die Legenden und Mythen der Vergangenheit erhoben sich um ihn herum und drohten, wahr zu werden.
Sosehr es ihn erregte, dass sie nun neue Verbindungen entdeckten und möglicherweise einem der großen Geheimnisse der Welt auf der Spur waren, sosehr beunruhigte es ihn, dass sie so unmittelbar darin verwickelt waren. Denn der Gral war niemals einfach zu erlangen. Als Sinnbild für die Erkenntnis war der Gral zwar nur denen zugänglich, die reinen Herzens sind. Aber er war auch schon immer das hehre Ziel aller, die nach Macht dürsteten. Es war daher zu erwarten, dass der Gral nicht ohne Kampf erreicht werden konnte, und Peter, der noch eben in seinem Elfenbeinturm das Feld überblickt hatte, fand sich nun unmittelbar an der Front wieder. Und das behagte ihm überhaupt nicht.
Sie trafen sich um neun in ihrer Bürosuite. Peter war schon da, als Patrick und Stefanie eintraten. Er hatte den Arm freundschaftlich um ihre Hüfte gelegt, und Peter argwöhnte, dass sich die beiden gestern Abend vielleicht noch ein Stück näher gekommen waren.
»Guten Morgen, Peter«, grüßte der Franzose. »Wir haben Sie vermisst. Wollten Sie nicht frühstücken?«
»Ich war sehr früh wach und habe schon gegessen.«
»Wie schade«, sagte Stefanie, »die Croissants waren sogar noch warm.«
Peter lächelte freundlich, sagte aber nichts.
»Ich bin wirklich gespannt, was jetzt herauskommt«, sagte Patrick und setzte sich wieder auf seinen Platz auf die Fensterbank, um zu rauchen. »Lassen Sie uns mal auspacken, was wir gestern herausgefunden haben!«
»Ja«, sagte Stefanie, »ich fange einfach mal an.« Sie setzte sich auf einen Stuhl am Konferenztisch, nachdem sie einige Papiere herübergeholt und ausgebreitet hatte.
»Ich habe noch mehr Inschriften übersetzt. Erinnern Sie sich, wie ich die Vermutung äußerte, dass es sich hier um zwei verschiedene Arten von Texten handelte? Also, diese Vermutung scheint richtig gewesen zu sein. Die meisten der Texte habe ich nun durch, und sie fügen sich alle in dasselbe Muster. Die Urtexte, also diejenigen, die ursprünglich und mit viel Sorgfalt an die Wände der Höhle angebracht worden waren, sind allesamt entweder Schöpfungsmythen, oder sie setzen sich mit dem Thema der Schöpfung auseinander. So erzählen die Mayaglyphen Geschichten, die wir aus dem Popul Vuh kennen. Und wie ich vermutete, schildern die Keilschriftzeichen tatsächlich die Geschichte des Gilgamesch.« Während sie sprach, deutete sie auf die verschiedenen Abschriften auf den Papieren vor sich. »Ganz interessant dabei ist eine Kleinigkeit, die mir aufgefallen ist. Ich weiß aber nicht, ob sie irgendeine Bedeutung hat. Peter, Ihnen sind die Ähnlichkeiten in den Schöpfungsmythen vieler verschiedener Kulturen sicher bekannt, oder?«
»Ja, natürlich.«
»Wie würden Sie sie zusammenfassen?«
»Nun, ein Überwesen, das die Welt schafft, die Gestirne und die Lebewesen. Menschen, die sich auflehnen, eine Läuterung, eine Sintflut oder eine ähnliche Katastrophe. Es gibt sehr viele ständig wiederkehrende Symbole.«
»Ja, aber nicht bei allen Kulturen. Es gibt auch Ausnahmen.«
»Sicher.«
»Nun, in der Höhle gibt es keine Ausnahmen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Es sind ausschließlich solche Mythen vertreten, die von einer Sintflut und einem Neuaufbau berichten. Das ist eine Gemeinsamkeit, die vorher noch nicht klar war.«
»Meinen Sie, das könnte eine Bedeutung haben?«, fragte Patrick.
»Möglich«, sagte Peter. »Wir hatten ja überlegt, ob die Texte durch ihre Gemeinsamkeit nicht vielleicht auf etwas Besonderes hinweisen wollen. Beim Thema Sintflut muss ich spontan an zwei Dinge denken: zum einen an Renée Colladon, die uns eine Menge über die mythologischen Ursprünge der Freimaurer erzählt hatte. Sie wies darauf hin, dass die Weisheiten der Freimaurer nach der Sintflut auf zwei Säulen gefunden und über Noah und die semitischen Stämme verbreitet wurden.«
»Sie wollten doch von dieser Arche-Noah-Geschichte nichts wissen«, sagte Patrick.
»Richtig. Aber vergessen habe ich sie deswegen nicht. Wer weiß, vielleicht kommen wir ja doch noch mal darauf zurück. Aber der zweite Punkt ist möglicherweise viel wichtiger. Ich muss nämlich an den verschlüsselten Text denken, den wir bei dem Symbol gefunden haben:
Dies ist die Kraft, durch die Welten erschaffen wurden.
Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden!
Vielleicht ist das auch eine Beschreibung einer Sintflut. Vielleicht ist dies der Zusammenhang zwischen dem Symbol, dem Durchgang und den Texten an den Wänden?«
»Sie meinen, hinter dem Durchgang befindet sich die Macht, die die Sintflut ausgelöst hat?« Patrick kam an den Tisch. »Also, das müsste ja schon etwas Gewaltiges sein. Etwas, das andererseits – richtig eingesetzt – die Macht hat, zu erschaffen? Klingt wie eine Technologie, die als Fluch oder als Segen eingesetzt werden kann. Eine Waffe möglicherweise...«
»Oder Wissen«, warf Peter ein.
»Wie bitte?«
»Peter hat Recht«, sagte nun Stefanie. »Wir haben die Höhle doch schon als Höhle des Wissens betrachtet. Und denken Sie an die anderen Texte, die Graffititexte. Sie weisen in irgendeiner Form immer auf die Unwichtigkeit des Menschen hin. Sie sprechen von der Nichtigkeit unseres Wissens, von den wirklich großen Rätseln des Lebens.«
»Der Durchgang könnte somit etwas wie den Baum der Erkenntnis verkörpern«, sagte Peter.
»Baum der Erkenntnis?« Patrick lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Die Geschichte aus der Bibel? Adam und Eva und so?«
»Richtig.«
»Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich nicht sonderlich bibelfest bin, Herr Professor, aber können Sie mir die Story noch mal kurz zusammenfassen?«
»Gott hatte Adam und Eva verboten, die Früchte eines bestimmten Baums zu essen. Der Baum der Erkenntnis. Eine Schlange erschien Eva und erklärte ihr, dass der Genuss der Früchte sie gottgleich machen würde.«
»Also haben sie beide vom Apfel abgebissen und wurden aus dem Paradies rausgeschmissen.«
»Nicht Apfel«, korrigierte Peter.
»Wie?«
»Es war kein Apfel. In der Bibel steht kein Wort von einem Apfel, sondern nur von einer Frucht.«
Patrick grinste breit. »Na, dann war's vielleicht eine Banane, und sie haben auch gar nicht davon gegessen, sondern damit...«
»Patrick!«, entfuhr es Stefanie.
Der Franzose lachte. »Ist ja schon gut, Entschuldigung!«
»Jedenfalls«, fuhr jetzt Peter unbeirrt fort, »ist ›Erkenntnis‹ dabei in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Zum einen suggeriert ihnen die Schlange als Verkörperung der teuflischen Verführung, dass sie die Erkenntnis in Form der Weisheit Gottes erlangen würden. Andererseits gelangen die beiden danach tatsächlich zu einer Erkenntnis, wenn auch in einer ganz anderen Form. Sie stellen nämlich fest, dass sie nackt sind, und bemühen sich um Bekleidung. Diese Erkenntnis der Nacktheit, dieses Schamgefühl, wird als Verlust des Selbstwertgefühls, als Erkennen der eigenen Verletzlichkeit und Nichtigkeit gedeutet. Eine merkwürdige Parallele zu den Graffititexten in der Höhle, die ja denselben Tenor haben.«
Patrick, der noch immer leicht schmunzelte, bemühte sich nun, einen ernsteren Ton zu finden. »Also gut, Peter, es hat mir zwar Spaß gemacht, und ich möchte die Bibelgeschichte natürlich nicht lächerlich machen. Andererseits verstehe ich nicht, wie sehr Sie sich auf einmal für Schöpfungsmythen interessieren und andererseits kritisieren, dass ich Eldorado suchen möchte. Ich wage zu behaupten, dass meine Expedition ein deutlich besseres geschichtliches Fundament hat.«
»Nun machen Sie es doch nicht an der Geschichte fest!«, sagte Peter. »Denken Sie an die übertragene Bedeutung. Der Baum der Erkenntnis auf der einen Seite, die Höhle des Wissens auf der andern. Stellen Sie sich ein Wissen vor, das das Ihre um ein Mehrfaches übersteigt, das Ihre geistigen und intellektuellen Fähigkeiten schlicht überfordert. Würden Sie einem solchen Wissen ausgesetzt werden, was könnte passieren? Aus psychologischer Sicht?«
Patrick betrachtete ihn aufmerksam.
»Ich sage es Ihnen«, fuhr Peter mit gedämpfter Stimme fort. »Wenn Sie es überhaupt verkraften könnten, würden Sie sich plötzlich unglaublich unbedeutend vorkommen. Vielleicht würden Sie auch verzweifeln, davonlaufen, oder Sie würden schlichtweg auf der Stelle wahnsinnig werden.«
Patrick lächelte plötzlich nicht mehr und schwieg.
»Ich stelle mir vor, dass im Laufe der Jahrhunderte durchaus einige Menschen die Höhle gefunden und den Durchgang passiert haben. Dort sind sie in irgendeiner Form in Berührung mit gewaltigem Wissen gekommen. Viele ertrugen es sicherlich einfach nicht, genauso wie der arme Schäfer. Nun, immerhin hat er Latein gelernt. Aber was für ein schwacher Trost! Jetzt dämmert er stumpfsinnig seinem Tod entgegen. Andere waren vielleicht etwas glücklicher. Ihnen verblieb noch so viel Verstand, dass sie beim Verlassen der Höhle die wunderbaren Urtexte mit kritischen oder höhnischen Kommentaren versehen haben, entsprechend ihres geistigen Zustands mit mehr oder weniger Sorgfalt, aber nicht mit weniger Intelligenz.«
Patrick hatte den Blick an die Decke gerichtet und sagte noch immer nichts. Etwas beschäftigte ihn.
»In der Folklore ist der Teufel als Herr der Lügen bekannt«, sagte Peter. »Aber wissen Sie, was man in okkulten Kreisen über den Teufel denkt? Dass er niemals lügt. Und wenn die biblische Schlange der Teufel war, dann hat er vielleicht wirklich die Wahrheit gesagt: Die verbotene Frucht verlieh Adam und Eva die göttliche Erkenntnis. Sie enthielt möglicherweise tatsächlich das gesamte Wissen des Schöpfers. Doch der Geist der Menschen war einfach nicht reif dafür, und so wurden sie von der Erkenntnis wie von einem Dampfhammer getroffen und aus der Bahn geworfen.«
»Bilder«, sagte Patrick auf einmal und sah mit großen Augen in die Runde. »Unendlich viele Bilder waren da.«
»Wovon sprechen Sie?«, fragte Stefanie.
»Ich erinnere mich jetzt. Es war eine Flut von Bildern. Wie ein Feuerwerk im Schnelldurchlauf, regelrechte Blitze, wahnsinnig grell und völlig bunt.«
»Sie meinen, als Sie den Kopf in den Durchgang gesteckt haben?«, fragte Peter.
»Ja, Es ging so unglaublich schnell, und ich konnte mich nicht bewegen. Es war so viel, dass ich das Gefühl hatte, ich hätte mich aufgelöst und befände mich in hunderttausend Spielfilmen zugleich. Landschaften und Personen tauchten auf, die ich noch nie gesehen habe, Gebäude, Schriften, Dokumente – so unglaublich viel und in einer affenartigen Geschwindigkeit! Gleichzeitig habe ich alle Geräusche gehört, die zu den Bildern gehörten: Gerede, Schreie, Töne, Musik, alles genauso schnell, verzerrt und total laut. Es war, als ob das alles irgendwie komprimiert war, verstehen Sie? Es waren alle Informationen darin, aber so sehr gestaucht, dass sie sich in meinem Kopf erst hinterher einzeln auseinander gefaltet haben. Ich weiß, das klingt bescheuert, aber ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll. Vielleicht habe ich auch deswegen danach so lange geschlafen, keine Ahnung. Jedenfalls war es heftig! Ich hatte das völlig vergessen, erst jetzt, als Sie davon erzählt haben, ist mir das Ganze nach und nach wieder eingefallen!« Patrick stand auf, fingerte mit zitternden Fingern eine Zigarette aus seiner Packung und ging zum Fenster. »Scheiße, Mann, das war echt knapp. Wenn Sie mich nicht zurückgezogen hätten... ein paar Augenblicke länger nur... wahrscheinlich wäre mir der Schädel geplatzt oder so etwas... verdammt...«
Peter und Stefanie hatten den Franzosen während seiner Schilderung nur stumm angesehen.
»Die Höhle der Erkenntnis«, murmelte Peter. »Der Heilige Gral... Nun, gut«, sagte er dann laut. »Dann interessiert es Sie vielleicht zu erfahren, was ich über Montségur und die Templer herausgefunden habe.«
Patrick nickte nur schwach.
»Zunächst einmal muss ich meine Meinung über das Internet revidieren.« Peter deutete auf den Rechner. »Stefanie hat mir gestern gezeigt, wie man E-Mails schreibt und wie man recherchiert. Herausgekommen ist, dass ich sehr schnell eine große Menge Informationen gesammelt habe. Da ich vieles davon bereits von anderer Stelle kannte und beurteilen konnte, war es wie in einem großen Nachschlagewerk. Also: Da gibt es zum einen die Templer, deren Orden ein ganz besonderes Geheimnis umgibt. Unzählige Bücher spekulieren über seine geheimen okkulten oder politischen Ziele, andere nähern sich dem Orden historisch und versuchen, ihn neutral darzustellen. Und es gibt einige historische Daten, die gesichert sind. Es war die Zeit des ersten Kreuzzuges Anfang des zwölften Jahrhunderts. Soldaten, Söldner und Ritter aus allen Ländern Europas sammelten sich und zogen nach Osten. Ihr Ziel war Jerusalem, das sie von den Sarazenen befreien und wieder unter die Herrschaft des Christentums bringen wollten. Etwa 1119 tauchte eine Vereinigung auf, die wir später die Tempelritter oder Templer nennen. Es gab sie schon einige Jahre zuvor unter dem Namen ›Militia Christi‹. Es war eine Gruppe Männer, die sich die Sicherung der Straßen und der Zisternen im Heiligen Land zur Aufgabe gemacht hatte. Sie wurde von einem angesehenen Ritter aus Troyes, Hugues de Payens, angeführt. 1119 wurde den Männern von Balduin II., dem christlichen König des frisch eroberten Jerusalems, ein Flügel seines Palastes als Wohnsitz zugestanden. Da dieser an die Ruinen des ehemaligen Tempels Salomons grenzte, nannten sie sich fortan öffentlich die ›Arme Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel‹. Sie verschrieben sich dem Schutz der Bedürftigen und der Armut. Wirklich arm ist der Orden natürlich nie gewesen. Die Templer haben im Laufe der Geschichte immer mehr Schenkungen an Geld und Grundbesitz bekommen, aber sie durften immerhin nicht persönlich darüber verfügen. Der Orden erlangte durch seine Disziplin und Schlagkraft sehr schnell Berühmtheit. Schon zehn Jahre später besaßen die Templer ausgedehnte Ländereien in ganz Europa, und ständig wurden es mehr. Hugues de Payens zog wie auf einer Werbetour durch Europa und wurde überall mit allen Ehren empfangen. Das Beste, was dem Orden passieren konnte, geschah dann 1139: eine Verfügung des Papstes Innozenz II. Sie besagte, dass die Templer keiner kirchlichen oder weltlichen Macht mehr Gehorsam zollen mussten, außer dem Papst persönlich. Dadurch wurden sie fast vollkommen unabhängig und mussten auch keinerlei politisches Einmischen fürchten. Sie wurden nahezu allmächtig. In den folgenden Jahren zog der Orden immer mehr Mitglieder an sich. Durch seine straffe Organisation, die Anzahl der in Waffen stehenden Männer und das unglaubliche Vermögen, wurde er de facto zu einer politischen Macht. Die Templer verhandelten zwischen verfeindeten Königreichen und sogar zwischen den Christen und Sarazenen. Es gab die Templer also wirklich.«
Peter machte eine Pause und griff nach einer Mineralwasserflasche und einem Glas, um sich etwas einzuschenken.
»Das meiste davon kann man schnell nachlesen«, fuhr er schließlich fort. »Was für uns aber besonders interessant sein dürfte, ist das Geheimnis, das die Templer umgibt. Wir wissen, dass der Orden immer mächtiger und damit der Kirche und den Königen unbequem wurde. Knapp zweihundert Jahre nach seiner Gründung, am dreizehnten Oktober 1307, ordnete König Philipp IV. von Frankreich die zeitgleiche Verhaftung aller Templer in Frankreich und die Beschlagnahmung ihrer Güter an.«
»Dann war die Kristallnacht der Nazis auch keine neue Idee«, warf Patrick ein.
»Also, man kann die Dimension sicherlich keinesfalls vergleichen, aber es war noch nie da gewesen. Philipp hatte sich bei den Templern hoch verschuldet, und er hatte sich die Genehmigung für seine Aktion vom Papst eingeholt, der ihm einen Gefallen schuldig war. Es war eine für damalige Zeiten logistisch eindrucksvolle Leistung. Die meisten Templer wurden überrascht und ergaben sich widerstandslos. Sie wurden der Ketzerei angeklagt, gefoltert und viele schließlich verbrannt. In Frankreich wurden sie schnell ausgerottet und der Orden offiziell verboten und aufgelöst. In anderen Ländern wurde das Verbot nur zögerlich oder gar nicht durchgesetzt. In Portugal und Spanien nannte er sich einfach in ›Christusorden‹ um und überlebte so. Das hat uns ja auch Samuel zu Weimar erzählt, erinnern Sie sich? Heinrich der Seefahrer und Kolumbus waren Ritter des Christusordens und trugen das rote Tatzenkreuz sogar bis nach Amerika.
Heute vermutet man, dass die Verhaftungsaktion nicht ganz so überraschend kam, wie man zunächst annahm. Man glaubt, dass der letzte Großmeister der Templer, Jacques de Molay, kurz zuvor noch wichtige Dokumente vernichtete und möglicherweise auch den sagenhaften Schatz der Templer verschwinden ließ, denn der wurde nie gefunden. Man nimmt an, dass er seinen Ordenshäusern eine Warnung und Instruktionen für die bevorstehende Verhaftung zukommen ließ. Was die Wissenschaftler bis heute beschäftigt, ist zum einen die Frage, wie es sein konnte, dass sich dieser einflussreiche und mächtige Orden einfach so ans Messer lieferte, ohne jede ernst zu nehmende Gegenwehr. Und zum anderen: Wie konnte es sein, dass man sie ausgerechnet der Ketzerei anklagen und verurteilen konnte, wo sie zwei Jahrhunderte lang als Sinnbild des christlichen Rittertums der strahlende Stern des Abendlandes gewesen waren? Man sagte ihnen plötzlich nach, sie würden das Kreuz bespucken, die heiligen Sakramente ablehnen, unheilige Praktiken vornehmen, sie seien homosexuell, würden mit Tieren verkehren, und sie würden Baphomet anbeten, einen Dämon, verkörpert durch einen abgetrennten Kopf.«
Patrick sah erstaunt herüber. Das Thema interessierte ihn, besonders, nachdem er vom Schatz der Templer gehört hatte.
»Die Templer hatten durch den intensiven Kontakt mit dem Islam und den anderen Kulturen des Morgenlandes sowie durch ihre Offenheit viel Wissen aufgesogen, das die Kirche niemals gebilligt hätte. Sie beschäftigten sich mit Heilkunde, neuen Wissenschaften und waren empfänglich für esoterische und religiöse Strömungen. Von daher kann es durchaus sein, dass die Templer einige ganz offen bibelfremde Ansichten übernahmen, die später auch von den Katharern vertreten wurden. Die Templer und die Katharer haben ja auch zusammengearbeitet, wozu ich später noch komme. Aber trotzdem ist es doch interessant, was für eine große Menge an okkulten Vorwürfen dem Orden gemacht wurde. Man muss sich fragen, ob man wirklich alles mit Irrtümern oder mit falschen Geständnissen aus der Folter der Inquisition abtun kann. Möglicherweise gab es tatsächlich etwas Besonderes an diesem Orden. Die Rätsel lauten: Was für Dokumente hat der Großmeister vernichtet? Warum gab es keine Gegenwehr? Und wo ist der Schatz abgeblieben? Die heutige Ansicht ist, dass der Erfolg und das besondere Ansehen der Templer nicht von irgendwo herkamen. Man vermutet, dass irgendetwas Ungenanntes sie auszeichnete. Ein Grund, sie zu bewundern, ihnen zu gehorchen, ihrer Sache Recht zu geben und ihnen zu vertrauen. Einer weit verbreiteten Vermutung zufolge wurden die Tempelritter als die Erben und Hüter des Heiligen Grals angesehen.« Er fing Patricks Blicke auf, der angefangen hatte zu grinsen. »Sehen Sie mich nicht so an. Es geht noch weiter. Ignorieren wir einmal den Heiligen Gral und denken wir meinetwegen an etwas anderes Heiliges, eine kostbare Reliquie, etwas, das als eine Rechtfertigung und Unterstützung von Gott höchstpersönlich ausgelegt werden könnte. Irgendetwas. Wären die Templer tatsächlich im Besitz einer solchen Reliquie gewesen, dann ließen sich ihr schneller Erfolg und ihr großes Ansehen leichter erklären. Die Menschen wären ihnen als Stellvertreter Gottes, als Streiter für das Gute, als Schwertarm des Messias gefolgt. Waren sie also möglicherweise tatsächlich im Besitz des Heiligen Grals? War das der Schatz der Templer? Vielleicht war der Schatz der Templer kein materieller Schatz, sondern eine Reliquie, ein Erbe, irgendetwas Heiliges? Im Mittelalter war das Sammeln von Reliquien sehr weit verbreitet: Erde aus dem Felsgrab, ein Fingerknochen des heiligen Bernhard, ein Splitter von Jesu Kreuz. Aber etwas so Banales hätte es wohl kaum sein können. Es hätte ein wahrer Schatz sein müssen. Jacques de Molay vernichtete vielleicht die letzten Hinweise auf die Natur dieses Schatzes. Die Templer fühlten sich möglicherweise so sehr im Recht, dass sie der Verhaftung völlig naiv entgegensahen, in der Meinung, sie seien unantastbar. Vielleicht gaben sie sich auch einfach fatalistisch und blind im Glauben an die gute Sache ihrem Schicksal hin, in der Hoffnung auf einen Tod als Märtyrer.«
»Gibt es konkrete Vermutungen, was das für ein Schatz gewesen sein könnte?«, fragte Patrick.
»Nur wenige und sehr diffuse. Einige reden wie gesagt vom Heiligen Gral, ohne näher darauf einzugehen, was das sein könnte.«
»Ich dachte, der Heilige Gral sei der Becher oder die Schale des letzten Abendmahls«, sagte Patrick.
»... worin Joseph von Arimathäa Jesu Blut auffing, als dieser am Kreuz von der Lanze des Soldaten verletzt wurde«, beendete Peter den Satz. »Ja, das ist die klassische Lesart, aber diese wird inzwischen fast ausnahmslos als Metapher ausgelegt. Heute betrachten manche den Gral als eine intellektuelle Hinterlassenschaft, wieder andere als ein Erbe in einer Blutlinie. Es scheint aber jedenfalls nicht um einen geldwerten, materiellen Schatz zu gehen. Der Reichtum der Templer war ein Symptom, aber keine Ursache für ihren Erfolg.«
»Erbe in der Blutlinie? Wie meinen Sie das?«
»Sie kennen die berühmte Inschrift ›INRI‹, die die Römer an dem Kreuz befestigten. Es war die Abkürzung für Jesus von Nazareth, König der Juden«, ein Hohn der Römer, laut Bibel. Aber neueren Theorien zufolge war das möglicherweise sehr ernst gemeint: Jesus stammte vielleicht tatsächlich von einem Herrscherhaus ab, so dass seine Blutlinie extrem wichtig war, selbst ohne religiöse Interpretation. Und über das Fortbestehen von Jesu Blutlinie – heilig oder irdisch – gibt es verschiedene Versionen. Eine lautet, dass Jesu Tod inszeniert war, dass er nicht auferstand, sondern gar nicht erst starb. Der Schwamm mit Essig, der dem durstigen Gekreuzigten gereicht wurde, war keine Bosheit, sondern diente als natürliches Anästhetikum. Der lediglich betäubte Mann wurde schließlich von seinen Anhängern aus dem Felsengrab befreit, er lebte fort, zeugte mit Maria Magdalena Kinder und sicherte so seine Blutlinie. Man vermutet sogar, dass der Begriff ›Heiliger Gral‹, der in den mittelalterlichen Dichtungen auf Altfranzösisch unerklärt bleibt, dort seinen Ursprung hat: ›San Graal‹, eine vielleicht unbeabsichtigte Verwirrung mit ›Sang Réal‹, in heutiger Schreibweise ›Sang Royal‹, was so viel heißt wie ›Königliches Blut‹. Einer anderen Interpretation zufolge soll der Apostel Jakobus in Wirklichkeit der Zwillingsbruder Jesu gewesen sein. Auf Leonardo da Vincis Abendmahl-Gemälde sähe man sogar die Ähnlichkeit der Brüder. In jedem Fall hätte aber eine Verwandtschaft zu Jesus weiter bestanden, und die Templer hätten dies verfolgt und aufgenommen. Sie wären also die tatsächlichen rechtmäßigen Erben von Jesus.«
»Dann waren aber zum Zeitpunkt der Verhaftung... wann war das? Dreizehnhundertirgendwas? Jedenfalls waren damals aber scheinbar keine Verwandten mehr übrig, für die es sich gelohnt hätte, weiter standzuhalten, oder warum ergaben sie sich?«
»Ja, es ist ein merkwürdiges Szenario, das letztlich kaum eine Frage beantwortet.«
»Und was meinten Sie mit intellektueller Hinterlassenschaft? Dass die Templer ihr Wissen hinterlassen haben?«
»Ja, das wäre die andere Alternative. Welches geheime ›okkulte‹ Wissen sie auch immer besessen haben mögen: Vielleicht war dies ihr Schatz, und sie haben ihn in Form von Dokumenten oder Büchern oder sonst wie hinterlassen. Der Großmeister hätte das Wissen niemals vernichtet. Aber er hätte das Wissen um den Zugang vernichtet. Die Karten, die Schlüssel. Vielleicht gibt es das geheime Wissen der Templer noch heute; gut versteckt oder verschlüsselt.«
»Sie denken an die Höhle...«
»Ja, und da kommen wir auch auf die Katharer und was die Templer mit ihnen zu tun hatten.«
»Sie sagen, sie hätten zusammengearbeitet.«
»Ja. Die Albigenserkreuzzüge begannen ja hundert Jahre vor der Zerschlagung des Templerordens. Während die Templer mehr und mehr zu einer politischen, weltlichen Macht geworden waren, hatten die Katharer, auch Albigenser genannt, die Waldenser und wie die ganzen Sekten hießen, sich des religiösen und philosophischen Gedankenguts angenommen. Es herrschte reger Austausch, intellektuell und wirtschaftlich, zwischen den Katharern und den Templern, die wie eine Art Schirmherren fungierten. Als die Verfolgungen der Katharer begannen, gewährten ihnen daher auch viele Templer Asyl, oder sie nahmen sie sogar in ihren Orden auf. Nur: Was hatten die Templer davon? Es ist durchaus möglich, dass hier noch eine andere Verbindung bestand. Und das war die Festung Montségur. Dieselbe Burg, auf der auch Wolfram von Eschenbach in seinem Parzival den Heiligen Gral platziert; nur nennt er sie ›Munsalvaesche‹. Sie erinnern sich, dass die Burg 1244 nach einer halbjährigen Belagerung eingenommen wurde? Nun, um die Kapitulation ranken sich einige Legenden. Man munkelt, dass sie auf einen bestimmten Tag aufgeschoben wurde, da zu einem besonderen Termin noch eine gewisse Festlichkeit oder Zeremonie auf der Burg stattfinden musste. Man weiß weiterhin zu berichten, dass am Abend vor der Kapitulation drei Personen aus der Burg entfliehen konnten, die angeblich den Schatz der Katharer mit sich nahmen...«
»Sie flohen durch den Belagerungsring und schleiften dabei noch ganz unauffällig ein paar Schatzkisten hinter sich her?«, fragte Patrick. »Wie soll denn das funktionieren?«
»Die Burg liegt sehr unzugänglich auf einer steilen Klippe. Sie konnte unmöglich vollständig überwacht werden. Einer Hand voll geschickter Männer kann es durchaus gelungen sein, sich über eine Felswand abzuseilen oder so. Aber in dem anderen Punkt haben Sie Recht: Wie können drei Männer den Schatz der Katharer mitnehmen? Er müsste schon sehr klein gewesen sein.«
»Oder er war eher symbolisch«, sagte Stefanie.
»Ganz genau.« Peter nickte. »Es ging nicht um Schatzkisten, sondern um etwas anderes. Vielleicht war der Schatz nichts anderes als der göttliche Segen, der ja von den Katharern nicht durch Taufe, sondern durch persönliches Handauflegen weitergegeben wurde. Oder es war eine heilige Flamme, oder ein Buch. Oder...«, er machte eine Pause, »oder in der Tat eine Schatzkarte.«
»Sie meinen...«
»Der Schatz der Katharer und der Schatz der Templer waren möglicherweise ein und dasselbe. Der Heilige Gral, den die Templer besaßen, war Sinnbild für eine intellektuelle Hinterlassenschaft, die zeitweilig von den Katharern behütet wurde. Deswegen wurden diese von den Templern bemuttert. Vielleicht wollten die Templer mit den Katharern eine neue religiöse Basis für die Gesellschaft schaffen, während sie selbst sich der wirtschaftlichen und politischen Seiten bereits angenommen hatten. Die Katharer wurden aber 1244 bei Montségur vernichtet. Drei Männer flohen und bewahrten das Geheimnis um den Aufbewahrungsort, der schon... Wann war die Sonnenfinsternis? 1239? Der glücklicherweise schon seit fünf Jahren eine geheime Höhle war. Das Geheimnis fiel zurück an die Templer. Der Templerorden lebte in Frankreich noch sechzig Jahre länger, und dann war es an Jacques de Molay, das Geheimnis vor den Unwissenden zu verbergen.«
Peter machte eine Pause, um sich erneut etwas einzuschenken. Patrick sah ihn schweigend an und spielte das Szenario offensichtlich in seinem Kopf durch.
»Ich verstehe zwei Dinge noch nicht«, sagte er schließlich. »Zum einen die Zerschlagung der Templer. Dass sie dem Staat unbequem wurden und dass man sie deswegen loswerden wollte, kann ich mir vorstellen. Aber wenn sie noch Jahre zuvor dermaßen gut angesehen waren, wie konnten denn plötzlich so harte Vorwürfe der Inquisition gegen sie erhoben werden, ohne dass die Öffentlichkeit protestiert hätte? Ich meine, Sie haben erzählt, man hätte sie der Ketzerei, der Blasphemie und was sonst noch beschuldigt.«
»Wer hoch steigt, der kann tief fallen«, warf Stefanie ein.
»Die Verhaftungen fanden zwar in einer Nacht-und-Nebel-Aktion statt«, sagte Peter, »aber das Misstrauen hatten die Templer natürlich schon seit einiger Zeit erregt. Es hatte in der Bevölkerung viele Jahre Zeit, zu gären.«
Patrick verzog das Gesicht und wog den Gedanken ab. »Hm... ja, vielleicht, aber ich finde das dennoch ziemlich unwahrscheinlich. Irgendwas war doch an den Jungs nicht ganz koscher. Man arbeitet sich doch nicht zweihundert Jahre zu einer respektablen politischen Macht hoch und lässt sich dann so einfach einsacken.«
»Vielleicht überschätzen Sie die Templer. Sie setzen ihren Einfluss und ihre Macht mit den Individuen gleich. Möglich ist, dass in der erfolgreichen, sehr strengen militärischen Hierarchie des Ordens gerade auch seine Verletzbarkeit lag. Anweisungen konnten zwar äußerst effizient weitergegeben werden und wurden auch bedingungslos ausgeführt – also beispielsweise die Anweisung an alle Orden in Frankreich, diese oder jene Unterlagen zu vernichten oder sich bei der bevorstehenden Inquisition so oder so zu verhalten. Aber die einzelnen Brüder waren niemals in alle Details der Führungskräfte eingeweiht, so dass sie möglicherweise wie Lämmer zur Schlachtbank gingen. Während die Führungskräfte – allen voran Jacques de Molay – ihre eigenen Pläne verfolgten und Maßnahmen ergriffen, waren die einzelnen Ordensbrüder vielleicht der Überzeugung, sie seien letzten Endes unantastbar, alles geschähe im Einverständnis mit ihrem Großmeister. Ihrem Großmeister, der in Wirklichkeit längst plante, sich selbst und seinen Orden zu opfern.«
»Schön und gut«, wandte Patrick ein. »Aber warum? Warum opferte er sich und seinen Orden? Das ist doch die entscheidende Frage. Warum rief er seine Leute nicht mit denselben Anweisungen zu den Waffen? Oder forderte sie zur Flucht auf?« Er fixierte Peter eindringlich, doch dieser hob nur seine Augenbrauen und zuckte mit den Schultern. »Sie haben keine Idee? Wir reden hier so ganz nebenbei von so großen Rätseln wie vom Heiligen Gral. Da werden wir doch wohl darauf kommen, was sich der gute Jacques de Molay gedacht hat, oder?«
»Tja...«, hob Peter an.
»Ich meine, er war doch bestimmt nicht dumm oder gewissenlos. Trotzdem verantwortete er schließlich den Tod von Tausenden seiner Ordensbrüder. Oder war er vielleicht doch ein religiöser Fanatiker?«
»Nein, das war er nicht«, erklärte Peter, »zumindest nicht nach meinen Kenntnissen. Es ist ihm auch sicherlich nicht leicht gefallen, sich und seinen Orden zu opfern. Er muss einen gewichtigen Grund gehabt haben. Ich kann mir nur vorstellen, dass er etwas schützen wollte. Er musste sichergehen, dass alle Unterlagen verschwinden und auch alles Wissen darüber, sprich alle Menschen im Orden, die etwas wissen konnten.«
»Sich die Kammerjäger in Form der Inquisition ins eigene Haus zu holen, war aber ziemlich radikal!«
»Ja, aber auch das Gründlichste, was es damals gab. Niemand arbeitete so gewissenhaft und nachhaltig. Natürlich haben trotzdem einige überlebt, nicht zuletzt auf der Iberischen Halbinsel, aber durch die Prozesse sind die Templer sehr erfolgreich diskreditiert worden. Das Wissen eines einzelnen überlebenden Templers war danach nichts mehr wert und damit ungefährlich.«
»Hm... dann sind wir wieder am Anfang. Die Templer bewahrten den Heiligen Gral, eine intellektuelle Hinterlassenschaft«, fasste Patrick zusammen. »Wir vermuten, dass es sich dabei um die Höhle des Wissens handelt, die wir gefunden haben. Um das Geheimnis zu schützen, hat Jacques de Molay, als die Lage brenzliger wurde, vorsorglich alle Beweise vernichtet und seinen Orden bei der Gelegenheit von der Inquisition gründlich schleifen lassen...« Er trat ans Fenster und sah einen Augenblick hinaus. »Fast ein wenig zu einfach, oder? Warum sind nicht schon andere auf diese Idee gekommen? Warum wird der verschollene Schatz der Templer nicht schon längst gesucht?«
»Aber das wird er! Und zwar seit Jahrhunderten.«
»Ähnlich wie Eldorado...«, überlegte Patrick halblaut. Und nach einer Pause: »Wissen Sie, was mir außerdem Kopfzerbrechen bereitet?«
»Nun?«
»Es sind nicht die alten Inschriften, oder die Tatsache, dass wir vielleicht den Heiligen Gral als Bibliothek identifiziert haben, sondern es ist der Durchgang in der Höhle. Wie haben die Templer das gemacht? Was für eine fortschrittliche Art von Wissen kann das nur sein, die es erlaubt, einen solchen Durchgang zu konstruieren? Das ist ja schon fast von militärischer Bedeutung – zumindest in unserer heutigen Zeit. Ich habe Ihnen doch von den Tarnkappenflugzeugen und der Stealth-Technologie erzählt. Das ist atemberaubend! Falls die Templer derartiges wissenschaftliches Know-how hatten, warum haben sie damit nicht die Weltherrschaft an sich gerissen?«
»Sie meinen also, es handelt sich um wissenschaftliches Know how?«, fragte Peter.
»Na, was denn sonst? Nach was sieht es denn aus?«
»Nun«, begann Peter, »im Mittelalter — und es ist immerhin aus dem Mittelalter...« Er zögerte. Es fiel ihm offensichtlich schwer, es auszusprechen. »Nun, also im Mittelalter hätte man es mit Sicherheit als Magie bezeichnet...«
»Reden Sie doch keinen Unsinn!«
Peter hob beschwichtigend die Hände, nickte und antwortete dann langsam: »Bedenken Sie, dass den Templern tatsächlich magische, okkulte Praktiken vorgeworfen wurden. Und vielleicht erklärt das auch das besondere Interesse dieses Satanisten Ash am ›Kreis von Montségur‹...«
»Jede ausreichend fortgeschrittene Technik ist nicht unterscheidbar von Magie«, sagte Stefanie.
Patrick hob den Kopf und sah sie erstaunt an. »Sie lesen Science-Fiction?«
»Science-Fiction?«, fragte sie.
»Na ja, das war doch gerade von Arthur C. Clarke, wenn ich mich nicht irre.«
Stefanie lächelte. »Möglicherweise hat er das auch einmal gesagt, ja.«
»Wenn Sie ehrlich sind«, sagte nun Peter mit fester Stimme, »dann ist die Möglichkeit, dass es so etwas wie Magie tatsächlich gibt, mindestens ebenso unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass sich die Templer mit strahlungsresorbierenden Schutzschilden ausgekannt haben!«
Patrick lachte. »Aber dann müssen Sie auch zugeben, dass die Möglichkeit, dass wir den Heiligen Gral gefunden haben, ebenso unwahrscheinlich ist wie die Möglichkeit, dass ich Eldorado finden werde.«
»Nun hören Sie doch mal mit Ihrem Goldland auf.«
»Meinetwegen. Aber dann fangen Sie mir nicht noch einmal mit Magie an!«
»Aufhören, Sie beide!«, rief Stefanie. Dann wandte sie sich an Peter. »Allerdings, gerade von Ihnen hätte ich das Stichwort ›Magie‹ am wenigsten vermutet. Wie kommen Sie darauf?«
»Halten Sie mich ruhig für verschroben«, sagte Peter, »aber wenn ich nach einer Lösung suche, weigere ich mich einfach, eine Möglichkeit nur deswegen außer Acht zu lassen, weil sie ungewöhnlich anmutet oder nicht bewiesen werden kann. Und glauben Sie mir: Ich habe lange genug die Irrwege des Aberglaubens und des Okkultismus studiert, um zu wissen, wie viele Doktrinen auf bloßer Willkür beruhen. Wie viele Wunder auf Einbildung und wie viele heilige Traditionen auf Missverständnissen. Und dennoch bleibt bei all dem ein gewisser Anteil von Unerklärlichem... Nehmen Sie die Templer.
Es wurde ihnen nachgesagt, sie würden ein Idol verehren, das den Namen Baphomet trägt. Dargestellt würde Baphomet durch den Kopf eines Bärtigen. Angeblich hatte der Kopf die Kraft, Reichtümer zu verschaffen und Bäume zum Blühen zu bringen. Dasselbe sagte man vom Heiligen Gral. Der moderne Okkultismus hat aus Baphomet einen bocksköpfigen Teufel gemacht, mit satanischen Attributen, die mit dem Baphomet aus den Inquisitionsprotokollen nichts zu tun haben. Schon haben Sie Ihre falsche Magie. Aber was war mit dem ursprünglichen Baphomet? Wer oder was war er? Einige Menschen halten den Namen Baphomet für eine Ableitung des Namens Mohammed, dem Propheten und Begründer des Islams. Andere meinen, er könnte mit dem arabischen ›abufihamet‹ zusammenhängen, das man mit ›Vater der Weisheit‹ übersetzen kann. Einige sehen in dem Kopf den Schädel Johannes' des Täufers. Wieder andere behaupten, er sähe aus wie der Kopf auf dem Turiner Grabtuch, das sich übrigens auch eine Weile im Besitz der Templer befunden haben soll. Die Geschichten um die Templer sind so unglaublich voll von Mysterien! Und gerade die Art und Weise, wie dieser Ash in Cannes auf den ›Kreis von Montségur‹ reagiert hat, lässt mich darüber nachdenken, was diese Sekte wohl hinter dem Geheimnis der Templer vermutet. Irgendetwas, das mächtiger ist als sie selbst. Vielleicht tatsächlich eine uralte Magie.«
»Was stellen Sie sich denn darunter vor, Peter?« Patrick schüttelte den Kopf. »Ein Buch mit Zaubersprüchen etwa? Oder glauben Sie, dies ist die Höhle, in der Merlin gefangen ist?!«
Peter sah den Franzosen einen Augenblick starr an. »Merlin! Ja, warum eigentlich nicht... Der Sage nach wurde er in eine Falle gelockt und für alle Ewigkeit in der Zauberhöhle eingesperrt.«
»Tut mir leid, Peter. Erst fangen Sie mit dem Heiligen Gral an, und nun sind wir schon bei Merlin, König Artus und Camelot. Also wirklich. Bei Märchen, Feen und Zauberei hört es bei mir auf!«
Peters ernste Miene entspannte sich langsam. Er hob eine Augenbraue. »Sie haben wirklich geglaubt, ich meine das ernst?« Dann schmunzelte er.
»Bei Ihnen bin ich mir wirklich nicht mehr sicher«, antwortete Patrick zögerlich, der nun sah, dass auch Stefanie grinste.
»Also gut«, sagte Peter und winkte lächelnd ab. »Sie können sich wirklich vollkommen sicher sein. Nein, ich erwarte natürlich nicht, Magie zu finden. Aber ich will den Ursprung dessen finden, was durch die Schleier der Geschichte nur noch als Magie zu uns dringt. Ja, ich habe mich eine Menge in okkulten Kreisen getummelt, und ja, ich weiß weit mehr über diese Dinge, als mir lieb ist, und als ich Ihnen zu Beginn zugegeben habe. Aber indem wir Magie studieren, folgen wir ihrer Entwicklung, ihrer Mutation, ihrer Entstellung, rückwärts bis hin zu ihrer ursprünglichen Form. Interessanterweise gab es ausgerechnet bei den Alchimisten sogar eine Formel hierfür: ›Ex quo aliquit fit in illud iterum resolvitur.‹«
»›Woraus etwas gemacht ist, zu dem wird es wieder aufgelöst«, übersetzte Stefanie fast automatisch.
»Ganz genau«, sagte Peter. »Ich gebe Ihnen natürlich vollkommen Recht, Patrick, bei dem mysteriösen Durchgang handelt es sich mit Sicherheit nicht um Magie. Aber es muss auch nicht gleich etwas mit Hightech zu tun haben, wie Sie vermuten. Vielleicht ist es bloß ein Phänomen, das wir bisher noch nicht kennen. Aber jetzt habe ich die ganze Zeit über Montségur und den Schatz der Templer geredet... Was haben Sie denn herausgefunden?«
»War das denn schon alles?«
»Leider ja. Ich kann erst mal nur Informationen über Jesus, die Katharer, die Templer und den Heiligen Gral anbieten. Um etwas über den Durchgang herauszufinden, muss ich weitere Nachforschungen über den Schatz der Templer unternehmen. Na ja, und das geht nicht so schnell, schließlich beißt man sich daran schon seit Jahrhunderten die Zähne aus.«
»Und das Symbol?«
»Noch nichts.«
»Hm...« Patrick zündete sich eine neue Zigarette an. »Schade. Nun, bei mir gibt es leider auch noch nichts Neues. Zumindest nicht, was die Herkunft der beiden Faxe betrifft. Sie wurden in einem Postamt in Morges in der Schweiz aufgegeben. Aber dort werden pro Tag mehrere Dutzend Faxe abgeschickt, und die Absender können das an herumstehenden Maschinen selber tun, ohne erkannt zu werden.«
»Na ja, wäre vielleicht auch zu einfach gewesen«, sagte Peter.
»Dafür konnte ich den ersten Brief entschlüsseln«, fuhr Patrick fort.
»Was? Tatsächlich? Er war verschlüsselt?«
Patrick holte das Papier hervor. »Erinnern Sie sich daran, was unser heimlicher Brieffreund im letzten Fax vorschlug? ›Beachten Sie den Kreis, den mein erster Brief beschrieb.‹ Und nun sehen Sie sich das erste Fax noch einmal an:
›Sehr geehrte Herren,
Sie stießen auf einen Kreis, und es kann Kreise ziehen, was Sie erforschen, doch achten Sie darauf. Das Zentrum für Mann und Frau betritt der Kreis, nicht die Rose. Achten Sie darauf, dass Ihre Forschung keine Kreise zieht, bis nicht der Kreis auf Sie stößt.
Ehrerbietig, St. G.‹
Er erwähnt in diesem Schreiben zwei Kreise — zum einen den »Kreis von Montségur«, wie wir jetzt wissen, und zum anderen den metaphorischen Kreis, den unsere Forschung angeblich zieht. Welchen der beiden Kreise also meint er in seinem zweiten Fax?« Er sah in die Runde. Peter hob nur die Augenbrauen, und Stefanie sah ihn freundlich lächelnd an. »Nun gut, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Ich habe zwei Dinge beobachtet und kombiniert: Zum einen fiel mir auf, dass der Text sehr konstruiert wirkt. Er wiederholt sich auf eine merkwürdige Weise. Also habe ich es wörtlich genommen: Der Text ›beschreibt‹ vielleicht in sich selbst einen Kreis, ist vielleicht in irgendeiner Weise kreisförmig konstruiert. Ich habe also die Anordnung der Worte und Buchstaben untersucht. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass der ›Kreis von Montségur‹ ja eigentlich auch kein Kreis ist, sondern eine Gruppe von konzentrischen Ringen, die von außen zur Mitte hin wieder kleiner werden und sich in der Mitte treffen. Und siehe da: Dasselbe kann man mit dem Text machen.« Er zeigte ein Diagramm.
»Sehen Sie? Von außen nach innen wiederholen sich die Zeilen. Nicht wortwörtlich, aber in ihrem Kontext: ›Ehre, auf einen Kreis stoßen, Kreise ziehen, forschen, achten.‹ Der Text zielt auf eine Mitte hin, ebenso wie der ›Kreis von Montségur‹ ein Zentrum hat. Die mittlere Zeile ist dieses Zentrum. Sie beginnt sogar mit diesen Worten: ›Das Zentrum.‹ Nur scheint sie keinen Sinn zu ergeben, richtig? Das liegt daran, dass wir nur grob vorgegangen sind. Wir haben uns dem Zentrum zeilenweise genähert. Wissen Sie, was passiert, wenn wir die Methode präzisieren und uns dem Zentrum auf dieselbe Weise von außen nach innen wortweise nähern? Ich sage es Ihnen. Das Zentrum ist: ›Frau betritt‹. Und wenn Sie es buchstabenweise machen, sogar nur noch ›Frau‹.«
»Gut kombiniert, Watson!«, sagte Stefanie und lachte Patrick offen an.
»In der Tat«, sagte Peter. »Sie versetzen mich in Erstaunen. Aber sollen wir jetzt daraus schließen, dass eine Frau der Schlüssel ist? Dass eine Frau in der Lage wäre, den Durchgang zu passieren?«
»Es klingt so, nicht wahr?«, sagte Patrick. »Die Frage ist allerdings, ob eine ganz bestimmte Frau gemeint ist, eine, die vielleicht gewisse noch nicht bekannte Kriterien erfüllen muss. Oder einfach nur irgendeine Frau.«
»Nun, was mögliche Kriterien angeht, sagte doch der verschlüsselte Text auf dem Fußboden etwas...« Peter sah nach und las schließlich von einem Zettel vor: »... ›denen zugänglich, die Bewahrer der Mysterien sind‹... na ja, das hilft uns auch noch nicht weiter, fürchte ich.«
»Nun, vielleicht schon«, warf Stefanie ein.
»Ach ja?«
»Bezeichnet man nicht Frauen als Bewahrer von Mysterien?«
»Die Frau ist ein Mysterium«, sagte Patrick. »Dem kann ich zustimmen!« Er lachte.
»Stefanie hat Recht!«, überlegte Peter laut. »In der mystischen Tradition ist stets die Frau die Hüterin des Geheimnisses. Ich meine nicht die modernen, patriarchalischen Gesellschaften. Denken Sie an die klassischen Märchen: Es wimmelt von Hexen, aber nicht von Zauberern. Es waren Frauen, die das Orakel von Delphi hüteten. Die drei Nornen, die drei nordischen Göttinnen des Schicksals, sind weiblich. Auch die Sphinx des klassischen Altertums war weiblich, sie war sogar das Sinnbild des Geheimnisses. Bei den meisten Naturvölkern sind die Männer für die Jagd und die Frauen für die Religion zuständig. Die Männer für Tätigkeiten, die Frauen für Weisheiten. Die Frau als Hüterin der weiblichen Geheimnisse und des Wunders des Lebens. Die Erde wird in allen Religionen als Mutter, als weiblich betrachtet. ›Gaia‹ als ihr Name lebte im Zuge der esoterischen New-Age-Bewegung gerade erst wieder auf. Dabei ist es wirklich nichts Neues: Muttergottheiten waren ein so integraler Bestandteil der alten Kulturen, dass das katholische Christentum nicht umhin kam, Maria als Mutter Gottes einzusetzen, um eine einfachere Identifikation zu ermöglichen und den Übergang zu erleichtern. Mit dem Urchristentum, wie es von Paulus propagiert wurde, hat der Marienkult nichts zu tun.«
»Sie wollen also sagen, in beiden Texten steht dasselbe?«, fragte Patrick.
»Ich denke schon«, antwortete Peter. »Eine Frau kann die Höhle betreten. Und ich würde vermuten: jede Frau.«
Es trat ein Moment der Stille ein. Sie sahen einander an, bis die Blicke der Männer nach einer Weile auf Stefanie haften blieben. Daraufhin begann sie langsam zu lächeln.
»Fragen Sie mich«, sagte sie und nickte aufmunternd.
»Sie meinen...«, begann Peter zögerlich. »Sie würden...? Wirklich? Es wäre natürlich großartig, aber sind Sie sich der Gefahr bewusst? Sie sollten eigentlich nicht... wir könnten das nicht verantworten... Nein, Sie dürfen auch gar nicht! Sie wissen überhaupt nicht, was Sie erwartet. Es wäre geradezu selbstmörderisch. Nein. Nein, auf gar keinen Fall!«
Stefanie sah zu Patrick hinüber.
»Gehen Sie in die Höhle?«, fragte er sie.
»Natürlich. Heute noch!«