Kapitel 19

11. Mai, Gewölbe in Albi

Aufhören!!«, brüllte Patrick in den Saal. Irritierte Gesichter wandten sich ihm zu. »Rührt sie nicht an, ihr perversen Schweine. Ash, du missratener Sohn eines Hurenbocks, komm her, damit ich dir deine verdammte Visage einschlagen kann!« Die gesamte satanische Gemeinde blickte nun hinauf zur Empore. »Und wenn du dir von deinen gehirnamputierten Pennern helfen lässt, bist du nicht mehr wert als die Hundescheiße unter ihren Latschen!«

Peter zuckte zusammen. Irgendetwas hatte sich verändert. Ein Riss verlief durch sein Sichtfeld, und es wurde heller. Etwas Schweres fiel von ihm ab, und wo er eben noch das dämonische Untier gesehen hatte, stand nun wieder Ash Modai. Entblößt, aber nicht mehr erhaben, sondern wutentbrannt. Mit funkelnden Augen starrte er zu ihnen hinauf. Was hatte Patrick ihm gerade zugeschrien? Peter hatte es wie aus weiter Entfernung gehört, kaum wahrgenommen, aber nun erinnerte er sich und musste unwillkürlich schmunzeln. In Fällen wie diesen beneidete er die Franzosen um ihre deutliche Ausdrucksweise.

Ash Modai jedoch war gar nicht zum Schmunzeln zumute. Mit zornesrotem Kopf wies er auf die Empore. »Holt sie herunter und bringt sie her! Belial will Blut sehen!«

Ein Aufschrei ging durch die Menge, und sie setzte sich stürmisch in Bewegung.

In diesem Moment erschütterte eine ohrenbetäubende Explosion die Halle. Ein Feuerball zerriss die Flügeltür am Eingang des Saals, Holz und Leiber wurden in der Druckwelle durch die Luft geschleudert. Augenblicklich brachen Scheinwerfer durch den Rauch und tauchten die Halle bald darauf in blendendes Licht. Durch das Chaos der Verwüstung, zwischen den verwundeten, schreienden und kopflos umherirrenden Sektenanhängern am Boden, liefen uniformierte Menschen mit Gasmasken und Waffen im Anschlag. Sie rannten durch den Saal und zum Altar. Sekunden später tauchten zwei der Soldaten auf der Empore auf. Sie hielten durchsichtige Atemmasken mit Schläuchen in den Händen und drückten sie den beiden Angeketteten vor die Gesichter.

»Atmen Sie tief ein, das ist Sauerstoff! Wir holen Sie raus.«

»Schnappt das Schwein!«, sagte Patrick noch, bevor ihm die Maske ans Gesicht gepresst wurde. Auch Peter erhielt eine Maske, und kurze Zeit später merkte er, wie sein Kopf klarer wurde. Währenddessen öffnete einer der Männer die Schlösser der Fesseln. Es tat gut, die Arme sinken zu lassen. Peter sank erschöpft auf den Boden, setzte sich. Patrick stürmte vor, schlug die helfenden Arme der Soldaten beiseite und rannte die Treppe in den Saal hinunter. Unten sah er, dass die Sektenmitglieder zusammengetrieben und mit den Waffen in Schach gehalten wurden. Einem der Kuttenträger, der ihm verwirrt in den Weg stolperte, verpasste er einen massiven Fausthieb, dass der Mann stöhnend zu Boden ging. Patrick rannte zum Altar, suchte Stefanie. Doch als er den Stein wieder im Blick hatte, war sie verschwunden. Er hastete an der Feuerschale vorbei, hinauf zum Altar, und da sah er sie. Zwei der Soldaten hatten sie heruntergehoben und in den abscheulichen Mantel gehüllt, mit dem sie hereingebracht worden war. Patrick kam kurz vor ihr zum Stehen. Sie lächelte ihn an.

»Hallo, mein Retter«, sagte sie. Ihre Augen und ihre Miene zeigten keinerlei Anzeichen, dass sie irgendwelche Drogen genommen hätte. Auch wurde sie nicht gestützt, sondern stand einfach nur da, als sei nichts vorgefallen.

»Stefanie! Sind Sie verletzt? Geht es Ihnen gut? Was hat man mit Ihnen angestellt?«

»Es ist alles gut, Patrick.« Sie lächelte noch immer. Jetzt sah sie wieder aus wie eine Göttin. »Mir ist nichts passiert. Unsere Rettung kam gerade zur rechten Zeit, würde ich sagen. Vielen Dank für Ihr Eingreifen. Es ehrt mich, wie viel Ihnen an mir liegt.«

»Mein Eingreifen? Ich wünschte, ich hätte etwas tun können!«

»Sie waren beherzt und sehr mutig! Mehr konnten Sie nicht tun.«

»Was ist passiert? Hatte man Ihnen Drogen gegeben? Sie hypnotisiert? Und wer sind diese Leute? Wo kommen sie her?«

»So viele Fragen. Es wird sich alles klären, da bin ich sicher. Da, sehen Sie, es kommt schon jemand, der mit uns sprechen will.«

Tatsächlich kam ein Soldat geradewegs auf sie zu und entfernte im Gehen seine Gasmaske. Als er herangetreten war, streckte er ihnen seine Hand entgegen.

»Sie müssen Stefanie Krüger und Patrick Nevreux sein. Es freut mich, dass Ihnen nichts geschehen ist. Leider waren wir nicht noch schneller, aber es hat ja gerade noch geklappt.«

»Wer sind Sie?«, fragte Patrick.

»Entschuldigen Sie, wie unhöflich. Mein Name ist Bruder Nathaniel, Ritter vom Tempel Salomons.«

Patrick stöhnte auf. »Ach, du Scheiße...«

Keine halbe Stunde später standen sie im Foyer des Hôtel des Cathares. Man hatte sie dort einquartiert und ihnen den Landrover vor die Tür gestellt. Am Morgen wollte man sich mit ihnen treffen, um mit ihnen ausführlich zu reden. Alle drei waren zu müde, um zu widersprechen. Außerdem brannten sie auf die versprochenen Antworten.

»Was für ein Tag!«, sagte Patrick. »Stefanie, fühlen Sie sich wohl? Werden Sie schlafen können?«

»Aber ja.«

»Ich meine, immerhin sind Sie vorhin beinahe... Na ja, zumindest sah es so aus... nicht, dass ich irgendwelche Details gesehen hätte...«

»So schüchtern kenne ich Sie gar nicht, Patrick. Vergewaltigt, meinen Sie? Ich wäre fast vergewaltigt worden? Machen Sie sich keine Gedanken. Es bestand zu keinem Zeitpunkt wirkliche Gefahr für mich.«

»Wie bitte?! Aber Sie waren doch völlig willenlos. Es hätte nicht viel gefehlt...«

»Ich weiß genau, wie viel gefehlt hat, Patrick. Und glauben Sie mir: Ich hätte mich im entscheidenden Augenblick unangenehm zur Wehr gesetzt.«

Patrick sah sie zweifelnd an. Die Lage hatte sicherlich anders ausgesehen, aber als sie die Worte nun sagte, wirkte sie überzeugend. Offenbar hatte sie das Spiel so lange mitgespielt, um nicht frühzeitig ihre Wehrhaftigkeit preiszugeben. Beim Gedanken daran, was Stefanie im rechten Moment mit Ashs Familienjuwelen angestellt hätte, überkam ihn ein Schauer. Er wechselte das Thema.

»Peter, was ist mit Ihnen? Wieder fit für eine wohlverdiente Mütze Schlaf? Sie sind so schweigsam, seit wir wieder draußen sind.«

»Ich verstehe nicht, wie Sie beide dieses Erlebnis so leicht wegstecken können. Wir sind Zeuge einer satanischen Anrufung geworden, ein blutiger Altar, eine gottlose Orgie und zu guter Letzt eine Manifestation, ein wahrhaftiger Dämon! Wissen Sie nicht, was das bedeutet?!«

»Was für eine Manifestation? Wovon reden Sie?«

»Die leuchtenden Gestalten, Belial in seiner Form zweier Engel auf dem Streitwagen, und dann diese höllische Bestie!«

Patrick sah dem Engländer in die Augen, um darin eine Veränderung zu sehen. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?« Peters Pupillen waren leicht geweitet, sein Blick ins Unbestimmte gerichtet. »Sie haben leuchtende Gestalten gesehen? Und eine Bestie?«

»Sie waren so vollkommen, so real, ihre Blicke drangen bis ins Mark. Genauso, wie es beschrieben wird. Es stimmte alles.«

»Peter, da war nichts. Peter!« Patrick fasste ihn an den Schultern und brachte sein Gesicht ganz nahe an das des Professors heran. »Sehen Sie mich an, Peter. Da war nichts. Hören Sie!«

Peter blickte auf. »Was soll das heißen, da war nichts? Verschließen Sie noch immer die Augen vor der Wahrheit, wie ich es mein Leben lang tat? Fragen Sie Stefanie, ob da etwas war!«

»Peter«, sagte Stefanie, »da war tatsächlich nichts. Glauben Sie uns. Die Zeremonie hat Sie gefangen genommen. Sie sind beeinflusst worden!«

»Beeinflusst? Wer sagt Ihnen, dass Sie es nicht sind, die beeinflusst wurden?«

»Wenn dort irgendwelche Gestalten oder Bestien gewesen wären«, versuchte es nun wieder Patrick, »wohin sind sie dann so plötzlich verschwunden, als wir befreit wurden?«

»Ich weiß es nicht...« Er senkte den Blick. »Vielleicht haben Sie ja auch Recht...« Er wirkte nicht überzeugt.

»Wir sollten jetzt alle schlafen gehen«, sagte Patrick. »Morgen früh sieht alles anders aus. Und dann bekommen wir hoffentlich auch ein paar Antworten.«

11. Mai, Hôtel des Cathares, Albi

Es war eine kurze und unruhige Nacht für alle drei. Doch als sie sich gegen neun Uhr zum Frühstück trafen, waren Stefanies Haare frisch gewaschen, Patrick machte einen einigermaßen erholten Eindruck, und auch Peter schien seine Fassung wiedererlangt zu haben. Dennoch wirkte er nachdenklich, als er seinen Tee trank.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie beide gestern mit meinem verworrenen Zustand belastet habe«, sagte er nur zur Erklärung. »Ganz offenbar haben wir unterschiedliche Erinnerungen an das Geschehen. Lassen wir es zunächst dabei bewenden.«

So erzählte Patrick von ihren Erlebnissen in der Höhle, wobei Peter interessiert zuhörte. Er formulierte dabei dieselben Fragen, die sich Patrick ebenfalls gestellt hatte: in welcher Weise Patrick in der Lage gewesen sei, die Bilder zu lenken, und ob es sich nicht vielleicht um projizierte Erinnerungen handelte. Doch dann schilderte Patrick, wie er der Herkunft der beiden Faxe auf die Spur gekommen war, die traumartige Reise nach Morges, das Herrenhaus am Genfer See und das Türschild mit der Inschrift »Steffen van Germain«.

»Höchst erstaunlich!«, sagte Peter. »Dann handelt es sich in der Tat um eine Höhle des Wissens! Uns ist weder bekannt, wer sie erbaut hat, noch, wie sie funktioniert. Doch scheint sie in der Lage zu sein, Wissen zu vermitteln, und zwar auf eine umfassendere und direktere Art, als wir es bisher kennen. Stellen Sie sich vor, über welche Macht derjenige verfügt, der diese Höhle beherrscht. Kein Geheimnis der Welt wäre mehr sicher, alles Wissen der Vergangenheit, der Gegenwart, möglicherweise auch der Zukunft wäre jederzeit verfügbar! Das ist unglaublich!«

»Ja.« Patrick nickte. »Und eine ganze Menge Leute trachtet bereits nach dieser Höhle. Nicht nur die Satanisten. Erinnern Sie sich an den Typ von Helix Industries, der uns von den Archiven Luthers erzählte? Meinen Sie nicht, der ahnte etwas? Und Renée! Wie begierig sie wurde, uns zu helfen und mehr über den ›Kreis von Montségur« zu erfahren. Als hätte sie schon davon gehört.«

»Und dann gibt es diesen Steffen van Germain«, sagte Peter, »der scheinbar von Anfang an wusste, um was es geht, und uns beobachtete...«

»Ich möchte mich ja ungern in die Hände einer neuen Geheimorganisation von Spinnern begeben«, sagte Patrick, »aber so wie es aussieht, ist der mysteriöse Mann aus Morges unsere letzte heiße Spur. Wir sollten ihm dringend einen Besuch abstatten.«

»Apropos Geheimorganisation«, sagte Stefanie, »da kommt unser Retter von gestern Abend.«

Nathaniel, diesmal nicht in Uniform, sondern in normaler Straßenkleidung, trat an den Tisch.

»Guten Morgen, Madame, Messieurs. Ich hoffe, Sie konnten den kurzen Rest der Nacht noch genießen. Sie sind bereits fertig mit dem Frühstück? Dann würde ich mich gerne mit Ihnen unterhalten. Sind Sie einverstanden, dass wir uns dazu eine ruhigere Ecke suchen?«

Sie standen auf und folgten dem Mann, der sie in einen Seitentrakt des Hotels führte, wo sich eine Sitzgruppe und ein Kamin befanden. Am frühen Morgen war kein Feuer entzündet, doch es war allemal gemütlich und so abgeschieden, dass eine vertrauliche Unterredung möglich war, ohne von anderen Gästen überrascht zu werden.

»Zunächst einmal«, begann Nathaniel, »möchte ich mich bei Ihnen noch mal für unser verspätetes und martialisches Eingreifen gestern Nacht entschuldigen. Wir hatten gehofft, dass es niemals so weit kommen würde. Wir haben die Situation und ehrlich gesagt auch Ihre Hartnäckigkeit unterschätzt. Nun ist allerlei Unheil angerichtet worden, und wir müssen retten, was zu retten ist...« Er registrierte die irritierten Blicke seiner Gesprächspartner. »Wie Sie sich denken können, geht es um die Höhle, die Sie entdeckt haben. Sie haben sie zu Recht als ein ›Archiv des Wissens‹ identifiziert, und Sie haben bereits mehr herausgefunden, als wir zulassen wollten.«

»Wer sind Sie?«, fragte Patrick.

»Mein Orden, der ›Tempel Salomons‹, bewacht die Höhle seit rund eintausend Jahren. Es ist ja kein Zufall, dass sie hier, mitten im modernen Frankreich, scheinbar noch nicht entdeckt wurde. Unsere Arbeit und ihre eigene Macht trugen wesentlich dazu bei. Bis Sie kamen.«

»Die Malereien sind aus dem Mittelalter«, sagte Peter. »Wurde die Höhle damals gebaut? Und wenn ja, von wem?«

»Sie wissen bereits mehr, als irgendeinem Fremden bekannt sein dürfte. Meine Aufgabe ist es, Sie von der weiteren Erforschung der Höhle abzuhalten. Was Sie gestern erlebt haben, ist nur der Beginn einer Lawine, die Sie losgetreten haben.«

»Wollen Sie uns drohen?«

»Keineswegs. Von uns besteht keine Gefahr. Aber es stehen bereits neue Interessenten bereit, die mit Ihnen um die Höhle wettstreiten werden. Es wird zu keinem guten Ende kommen, und dabei werden Sie und alle anderen die Verlierer sein. Denn die Höhle selbst wird niemand erringen. Sie birgt eine viel zu große Gefahr, als dass wir das zulassen könnten.«

»Welche Interessenten meinen Sie?«

»Den Bürgermeister von St.-Pierre-Du-Bois, Fauvel. Was meinen Sie, weshalb er Sie so plötzlich und dringend loswerden wollte?«

»Sie haben das veranlasst?«

»Sagen wir, er hat einen unangenehmen Besuch bekommen, der ihn dazu anregte, Sie fortzujagen. Hätte alles geklappt, hätten Sie niemals von uns erfahren. Da Sie dennoch nicht gegangen sind, hat er jetzt eine Truppe Söldner angeheuert, die Sie mit Waffengewalt vertreiben soll.«

»Das ist doch absurd!«

»Ja, natürlich ist es das.« Nathaniel beugte sich vor. »Aus diesem Grund konnten wir es auch nicht vorhersehen. Dennoch ist es so, und wir müssen und können Sie nur warnen. Die Dinge geraten außer Kontrolle, wie Sie zweifellos gemerkt haben.«

»Mit unserer Rückendeckung aus Genf und unseren Rangern im Wald sollte das kein echtes Problem darstellen«, sagte Patrick.

»Und hat Ihnen das gegen die Sekte von Belial geholfen? Unterschätzen Sie nicht, welche Kräfte Sie befreit haben, Messieurs. Weltliche, aber auch religiöse, esoterische, okkulte. Sie müssen die Untersuchungen an der Höhle unverzüglich beenden! Der Tempel Salomons möchte kein Leid verursachen, doch wir können Sie auch nicht weiter beschützen.«

»Wer sind Sie überhaupt?«, wollte Patrick wissen. »Erzählen Sie uns lieber, welche Rolle Sie dabei spielen!«

Nathaniel lehnte sich zurück. »Ich weiß, dass Sie das interessieren muss, aber ich darf Ihnen keine Einzelheiten offenbaren. Und schlussendlich ist es auch nicht wichtig. Für Sie genügt es zu wissen, dass wir die Höhle schützen und verhindern müssen, dass sie entdeckt wird.«

»Aber warum wollen Sie das?«, fragte Peter.

»Und wer gibt Ihnen die Befugnis, darüber zu entscheiden?«, warf Patrick ein. »Oder gehört Ihnen die Höhle etwa?!«

»Nein, uns gehört sie nicht. Sie gehört niemandem. Nicht, solange die Menschheit nicht reif genug für eine solche Macht ist. Bis dahin bewachen wir sie. Und wir handeln im Sinne und mit dem Segen der Gründer der Archive.«

»Welche Gründer?«

»Dem ›Kreis von Montségur‹«, antwortete Nathaniel.

»Sie meinen das Symbol auf dem Boden der Höhle? Was hat es damit auf sich?«

»Ich meine nicht das Symbol. Der »Kreis von Montségur‹ ist ein arkaner Bund, älter als wir alle zusammen, älter als Jerusalem, älter als Ägypten und Babylon.«

»Der ›Kreis von Montségur‹ ist gar nicht der Name für das Symbol, sondern für einen mystischen Orden!« Peter schüttelte den Kopf. »In dieser Richtung haben wir nicht nach Antworten gesucht.«

»Natürlich nicht«, sagte Nathaniel. »Und dort gibt es auch nichts für Sie zu finden. Nur wenige hörten jemals diesen Namen, und keiner davon hat jemals irgendetwas erfahren, wenn der Kreis selbst es nicht gewollt hat. Geben Sie es also auf, Ihre Suche ist an ihrem Ende angekommen. Stellen Sie die Untersuchungen ein.«

»Warum sollten wir das tun?«, fragte Patrick.

»Verstehen Sie doch! Sie mögen gute Absichten haben, und es ehrt Sie, wie weit Sie bereits gekommen sind. Mit klarem Verstand und lauteren Mitteln. Doch bedenken Sie, was gestern beinahe geschehen wäre. Und was jederzeit wieder passieren kann und wird. Wem außer Ihnen kann und wird die Höhle in die Hände fallen? Die Menschheit ist nicht reif für die darin verborgene Macht. Sie müssen jetzt aufgeben und helfen, sie zu schützen!«

»Sie halten ein durchaus ehrenvolles Plädoyer«, sagte Peter, »aber ist es dafür nicht zu spät? Was soll mit denen geschehen, die bereits davon wissen?«

»Machen Sie sich um Ash Modai und seine Sekte keine Sorgen«, erklärte Nathaniel. »Die Mittel der Suggestion und die berauschenden Drogen, die bei ihnen verwendet werden, leisten auch uns gute Dienste, wenn es darum geht, Geschehenes vergessen zu lassen.«

»Wie kommt es, dass Ash Modai den ›Kreis von Montségur‹ überhaupt kannte?«, fragte Patrick. »Von ihm haben wir zum ersten Mal davon gehört.«

»Ich bezweifle, dass er die geringste Vorstellung von den wahren Zusammenhängen hat«, sagte Nathaniel. »Aber das ist symptomatisch für die ganze Masse der halb gebildeten Mystiker. Die tatsächlichen Verhältnisse und Verbindungen sind nach Hunderten und Tausenden von Jahren kaum noch zu durchschauen. Solche wie ihn und die ›Hand von Belial‹ hat es immer gegeben, aber sie berühren uns nicht. Das Einzige was zählt, ist die Höhle. Und ich muss Sie erneut eindringlich und letztmahg bitten, Ihre Arbeit einzustellen. Die Lage spitzt sich dramatisch zu, und Sie werden im Zentrum des Konflikts stehen, wenn Sie nicht rechtzeitig das Feld räumen. Ich kann nur hoffen, dass Sie nicht noch mit weiteren möglichen Interessenten im Kontakt stehen, die nun um die Höhle wissen, und die ihrerseits wollen, dass die Untersuchungen fortgeführt werden. Dann ließe sich das verstreute Wissen um dieses Geheimnis möglicherweise niemals wieder einfangen und bändigen!«

»Sie kennen unsere Kontakte bereits«, sagte Peter, entschlossen, dem Mann nichts von ihrer Auftraggeberin in Genf und von dem unbekannten Steffen van Germain zu verraten.

»Ich kann nicht mehr, als Sie warnen und Sie bitten«, wiederholte Nathaniel und stand auf.

»Wir haben verstanden«, sagte Peter, erhob sich ebenfalls und reichte dem Mann die Hand. »Und ich verspreche Ihnen, dass wir uns alles Weitere sehr gut durch den Kopf gehen lassen. Vielen Dank für Ihre Warnung und Ihre offenen Worte.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Geduld! Gott helfe Ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen und den rechten Weg zu gehen. Leben Sie wohl! Madame, Messieurs.«

Sie sahen ihm hinterher, als er die Kaminlounge verließ.

»Der hatte es aber plötzlich eilig«, sagte Patrick.

»Es gab wohl nichts mehr, was er uns noch sagen konnte«, meinte Stefanie.

»Oft genug wiederholt hat er sich ja. Schräger Vogel... Was halten Sie davon, Peter?«

»Also, mir sind es inzwischen eindeutig genug Geheimbünde«, antwortete der Professor. »Jetzt haben wir nicht nur den ›Tempel Salomonss der die Höhle schützt und angeblich sogar den Bürgermeister unter Druck setzen kann, sondern darüber hinaus hören wir nun auch von einem weiteren, dahinter liegenden Orden, dem ›Kreis von Montségur‹, die angeblichen Gründer, älter als Ägypten und Babylon. Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der das für mindestens unwahrscheinlich halten muss. Und ist es ein Wunder, dass die Geschichte sie auch nicht kennt, dass wir noch nie davon gehört haben?« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin gewiss der Letzte, der davor zurückscheut, unkonventionelle Zusammenhänge herzustellen. Aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Abwesenheit jeglicher, absolut jeglicher Spuren ein gutes Indiz für eine falsche Fährte ist.«

»Aber da ist die Höhle«, sagte Patrick. »Die können wir nicht wegdiskutieren. Sie existiert mindestens seit dem Mittelalter, und mit keiner heute bekannten Technologie könnten wir ihre Funktionsweise erklären. Und völlig unbekannt scheint sie nicht zu sein, sondern lediglich gut behütet. Etwas ist da draußen, Peter, da können wir sicher sein. Wir haben bloß keinen Schimmer, was es ist. Nathaniels Story warf doch zum ersten Mal ein Licht darauf.«

»Zum ersten Mal sicher nicht«, widersprach Peter. »Wenn ich mich recht erinnere, ist die Höhle auch schon als das Archiv Luthers und das Grab des Christian Rosenkreuz identifiziert worden. Und wo hat es uns hingeführt?«

»Was sind Sie plötzlich so streng?«, fragte Patrick. »Beide Versionen haben wir verworfen. Dies ist jetzt eine neue Spur.«

Peter schwieg einige Augenblicke. Dann nickte er fast unmerklich, hob eine Augenbraue und wiegte den Kopf. Es war wirklich nicht seine Art, plötzlich abzuwinken und aufzugeben. In Wahrheit fürchtete er seine Erinnerungen an den letzten Abend. Er hatte kaum geschlafen und sich geschworen, seinen Anker auf dem Boden der Realität auszuwerfen, alles andere zu verneinen, zu vergessen. Aber die Höhle war unzweifelhaft da. Und da draußen war noch mehr. Viel mehr. Alle seine Instinkte waren davon entflammt. Es war ein Rätsel, das es zu lösen galt. Vielleicht musste er dieses Mal über seine Grenzen hinausgehen, die Grundlagen seiner bisherigen Weltsicht verlassen, aber davor durfte er nicht zurückschrecken.

»Sie haben Recht«, sagte er schließlich. »Warum nicht? Gehen wir also für eine Weile davon aus, dass in Nathaniels Geschichte ein wahrer Kern steckt. Dann stellt sich für uns als Erstes die Frage, ob wir seiner Warnung Gehör schenken und die Untersuchungen abbrechen sollten. Wenn es stimmt, was er sagt, könnten wir vor Ort durch den Bürgermeister in erhebliche Schwierigkeiten geraten.«

»Im Augenblick brauchen wir nicht vor Ort zu sein«, sagte Patrick. »Denn zunächst sollten wir unserer heißesten Spur folgen. Schließlich wissen wir jetzt, wo wir Steffen van Germain finden.«

»Einverstanden.« Peter sah auf die Uhr. »Halb elf. Lassen Sie uns an der Rezeption herausfinden, wie wir von hier aus auf dem schnellsten Weg in die Schweiz, nach Morges und zu diesem Herrenhaus kommen.« Damit stand er auf, und die anderen folgten ihm.

11. Mai, 16.30 Uhr, Morges, Schweiz

Es stellte sich heraus, dass die knapp 600 Kilometer Luftlinie weitaus umständlicher zurückzulegen waren, als sie angenommen hatten. Zunächst fuhren sie auf der RN 88 nach Toulouse, von dort ging es mit dem Flugzeug über Paris nach Genf und schließlich das letzte Stück der Strecke mit einem Mietwagen auf der A1 nach Norden Richtung Lausanne.

In Morges angekommen, hielten sie an der erstbesten Telefonzelle, suchten im elektronischen Telefonverzeichnis und fanden tatsächlich einen Eintrag unter dem Namen »van Germain«.

Peter rief an, nannte seinen Namen und fragte, ob dort ein »Steffen van Germain« zu sprechen sei. Die Antwort überraschte keinen der drei sonderlich: Sie wurden bereits erwartet. Eine Wegbeschreibung folgte.

Die Sonne stand schon tief, als sie das Anwesen gefunden hatten.

»Das ist es«, sagte Patrick. »Das ist das Tor, das ich in der Höhle gesehen habe!« Er deutete nach draußen. »Und dort ist die Klingel.« Doch noch bevor sie ausgestiegen waren, schwangen die Flügel des Tores bereits nach innen. Sie fuhren die Auffahrt entlang. Kies knirschte unter den Reifen. Nach einem weiten Bogen durch den beispiellos gepflegten Park, vorbei an Blumenbeeten mit darin eingelassenen Sonnenuhren, in Form geschnittenen Büschen, vereinzelten Sitzbänken und von Rosen berankten Pavillons, kamen sie zur Front des eindrucksvollen Gebäudes. Es mochte aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts sein, zweistöckig, weiß gestrichen, in tadellosem Zustand. Sie parkten den Wagen und wurden sogleich von einem jungen Mann in eleganter Kleidung begrüßt, der die Stufen des Eingangs herabkam.

»Willkommen, Madame, Messieurs. Mein Name ist Joseph. Bitte folgen Sie mir.«

»Ich frage mich«, flüsterte Patrick den anderen beiden zu, »wo wir jetzt schon wieder hineingeraten sind!«

Sie betraten eine luftige Eingangshalle. Das Innere des Gebäudes entsprach dem altertümlichen Stil der Außenfassade. Dabei wirkte jedoch nichts wirklich veraltet, sondern auf eine noble Art erhalten, gepflegt und noch immer genutzt. Der Mann geleitete sie durch die Eingangshalle in den hinteren Teil des Gebäudes. Die Räume wirkten allesamt hell, waren mit nur wenigen, aber erlesenen Antiquitäten bestückt. Ein Flur und einige kleine Stufen führten sie schließlich in ein überdimensionales Wohnzimmer. Der Raum nahm offenbar die gesamte rückwärtige Breite des Hauses ein. Große Fenster, die bis zum Boden reichten, gaben den Blick über das leicht abfallende Grundstück auf den dahinter liegenden Genfer See frei. In der Ferne verschwamm der See mit dem Horizont, und darüber ließ sich ein Gebirgsmassiv ausmachen, dessen schneebedeckte Spitzen im Licht der Sonne rotgolden leuchteten. Es war ein grandioser Ausblick.

»Herzlich willkommen«, hörten sie eine sonore Stimme. Zu ihrer Rechten, neben einem wuchtigen, ausladenden Esstisch, stand ein älterer Herr von beeindruckender Gestalt. Er war groß, kräftig gebaut und in einen edlen, anthrazitfarbenen Anzug mit Weste gekleidet. Statt einer Krawatte schmückte seinen Hals ein Seidentuch, das mit der Farbe seines Hemdes aufs Beste harmonierte. Sein Gesicht war von einem weißen, gepflegten Bart umrahmt, sein Haar mit weißen Strähnen durchsetzt. Peter bemerkte einen großen, rotgoldenen Siegelring an einem der Finger. Wie auch das Haus wirkte der Mann auf eine seltsame Art altertümlich, aber dennoch nicht antiquiert oder rückständig. Im Gegenteil. Allein sein Aussehen und das wache Blitzen seiner Augen schienen bereits einen wortlosen Kommentar über die Jugend und die Kurzlebigkeit der Zeit zu formulieren.

»Mein Name ist Steffen van Germain«, stellte er sich vor. »Es freut mich, dass Sie den Weg zu mir gefunden haben.« Er reichte allen dreien die Hand. »Madame Krüger, Professor Lavell, Monsieur Nevreux. Bitte nehmen Sie Platz. Ich habe mir die Freiheit genommen, ein frühes Abendessen zu arrangieren. Ich hoffte, dass Sie genügend Zeit haben würden, mit mir zu speisen.« Er zog einen der Stühle um die mittelalterliche Tafel ein wenig hervor und bot Stefanie an, sich zu setzen, »Zweifellos haben Sie viele Fragen, und ich werde mich bemühen, Ihnen nach meinem besten Vermögen Auskunft zu geben.«

»Haben Sie uns jene beiden Faxe geschickt, die mit ›St. G.‹ unterzeichnet waren?«, fragte Peter, noch während sie sich setzten.

»Professor Lavell«, sagte van Germain, »zielstrebig, wie er bekannt ist. Ich verstehe vollkommen, dass Ihnen nicht der Sinn nach höflicher Plauderei steht. Wie könnte er auch, nach allem, was bereits geschah. Also: Ja, die Telefaxe sind von mir. Joseph versandte sie in meinem Auftrag aus dem Postamt in Morges.«

»Was wollten Sie damit bezwecken?«

»Ich beobachtete den Fortschritt Ihrer Untersuchungen und gab Ihnen Hinweise, ohne mich aufzudrängen.«

»Dann ist Ihnen die Höhle also bestens bekannt?«

»Das Archiv des Wissens im Vue d'Archiviste, selbstverständlich. Wie sonst sollte ich die Malereien kennen und die Rose, mit der Sie Ihre Nachforschungen begannen. Und das Zeichen von Montségur. Wie Sie inzwischen wissen, hat es ja überhaupt nichts mit der legendären Burg zu tun. Aber der Name ist durchaus gefällig... Oh, da kommt Joseph. Ich habe ihn gebeten, uns einen Wein zu bringen, bevor das Essen fertig ist. Sie bleiben doch zum Diner?«

»Ich bin sicher, dass es Ihren Gefallen finden wird«, erklärte nun Joseph, der ihnen Gläser hinstellte und dann einen jungen Weißwein ausschenkte. »Ich hatte eine leichte Bouillabaisse vorgesehen, gefolgt von einem Salade Niçoise, danach Lachsfilets in einer Mangosauce, ein Filetsteak vom argentinischen Rind und schließlich zum Kaffee eine Crème Brûlée sowie eine Platte mit ausgewählten Käsen und Früchten.«

»Von mir aus bleiben wir«, sagte Patrick.

»Gut«, stimmte Peter zu, als Joseph wieder gegangen war. »Nehmen wir Ihre Einladung also an. Dann verraten Sie uns, wie Sie jederzeit wissen konnten, wie es um unsere Arbeit bestellt war. Wie haben Sie uns überwacht?«

»Die Höhle ist mir seit langer Zeit bekannt. Vielleicht genügt es zu sagen, dass sie mir am Herzen liegt. Als viel beschäftigter Mann kann ich mich ihr leider nicht persönlich widmen. Wie jeder Geschäftsmann verfüge ich daher über einige sehr gute Kontakte, die mich mit notwendigen Informationen beliefern. Sie werden verstehen, dass ich Ihnen keine weiteren Details geben kann. Auch andere einflussreiche Menschen vertrauen auf meine Diskretion. Gerade erst gestern hat eine solche Person auf ebendiesem Stuhl gesessen.«

»Sie erwähnten in Ihrem fragwürdig formulierten Schreiben, dass wir auf einen Kreis gestoßen seien und dass ein Kreis auf uns stoßen würde. Was hatte es damit auf sich?«

»Das Rätsel...« Van Germain nahm einen Schluck vom Wein und schmunzelte leicht. »In dieser spannenden Untersuchung voller Geheimnisse schien es mir passend, meinerseits ebenfalls ein kleines Rätsel beizusteuern. Eine Eitelkeit, gewiss, die Sie mir höflichst verzeihen mögen. Andererseits stellte es sicher, dass Sie mit gebührender Sorgfalt und Liebe zum Detail vorgehen würden.«

»Ich meinte vielmehr die Tatsache, dass Sie wiederholt einen Kreis erwähnten. Und tatsächlich gibt es diese Gerüchte um einen ›Kreis von Montségur‹. Was können Sie uns darüber erzählen?«

»Die Geschichte um den ›Kreis von Montségur‹ ist schon alt, aber wenig verbreitet. Einer der undurchsichtigeren esoterischen Mythen. Ohne Zweifel sind Sie deswegen noch nicht früher darauf gestoßen. Am Leben erhalten wird diese Geschichte seit ihrer Entstehung durch einen kleinen Orden, der sich ›Tempel Salomons‹ nennt.«

»Wir haben ihn heute Morgen kennen gelernt.«

»Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passieren würde.«

»Was wissen Sie über den Orden?«

»Es gibt nur wenige Informationen. Das meiste, was bekannt ist, wurde auf die eine oder andere Art von den Mitgliedern selbst in Umlauf gebracht. Der Legende nach bildete sich der Orden als eine Splittergruppe der Tempelritter.«

»Sie meinen die Templer?«, fragte Patrick. Er erinnerte sich an die Ausführungen von Peter und an den verlorenen Schatz jenes Ordens.

»Ja. Sie wissen sicherlich um ihre Taten und ihren sagenhaften Reichtum. Der Überlieferung nach beruhte der so plötzlich steigende Einfluss der Templer auf einer einzigen Ursache: Unter den Ruinen des Tempels von Salomon, wo sich ihr erstes Quartier befand, stießen sie auf ein Archiv des Wissens.«

»Eine Höhle, so wie hier?«, fragte Patrick.

»Es ist wohl nicht bekannt, ob es notwendigerweise eine Höhle war. Jedenfalls soll es ebenjene Quelle gewesen sein, aus der auch König Salomon sein Wissen und seine legendäre Weisheit bezogen hatte. Die Templer jedoch veränderten sich, wurden von der Macht verführt, häuften Reichtümer an und verfehlten das eigentliche Ziel: die Macht zum Wohl der Menschen einzusetzen – oder sie wieder zu versiegeln, falls die Menschen nicht reif dafür wären. Da spaltete sich eine kleine Gruppe von den anderen ab und nannte sich schlicht ›Tempel Salomons.‹«

»Nicht zu verwechseln mit der ›Armen Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel‹«, warf Peter ein, »dem offiziellen Namen der eigentlichen Templer.«

»Das ist völlig richtig«, sagte van Germain. »Die Mitglieder des ›Tempel Salomons« jedenfalls wollten das Archiv schützen. Doch es gelang ihnen nicht, die Templer aufzuhalten. Das Archiv Salomons ging in den Wirren der Kriege verloren, und was nicht völlig zerstört wurde, wäre wohl heute im dreigeteilten Jerusalem unzugänglicher als jemals zuvor. Die Templer hingegen bauten ihr Reich in alle Richtungen aus. Man sagt, sie seien auf Informationen über die Gründer der Archive gestoßen und hätten in Erfahrung gebracht, dass es weitere solcher Orte gäbe, die sie nun suchten.«

»Und diese Gründer sind der ›Kreis von Montségur‹«, vollendete Peter die Ausführungen.

»In der Tat«, sagte van Germain. »So viel haben Sie also bereits erfahren.«

»Nathaniel ließ es leider dabei bewenden«, sagte Peter. »Er war nicht bereit, uns mehr über den ›Kreis von Montségun zu erzählen.«

»Sie dürfen es ihm nicht verdenken, Herr Professor. Nach allem, was ich gehört habe, verliert sich die Spur an dieser Stelle in allerlei Mythologie. Oh, das Essen.«

Joseph hatte den Salon mit einem Servierwagen betreten. Darauf befand sich ein Rechaud mit der angekündigten Bouillabaisse. Er verteilte Besteck und Geschirr und stellte Brot und Perrier auf den Tisch, bevor er servierte. Dann verließ er sie wieder.

Sie aßen eine Weile schweigend. Peter hielt es nicht für angebracht, das Essen gleich zu Beginn mit Fragen und Gesprächen zu belasten. Lediglich einige Höflichkeiten über die Einladung und Komplimente über die Qualität des Essens wurden ausgetauscht. Patrick ließ es sich nicht nehmen, den Teller mit Brot auszuwischen, während Peter den Faden der Unterhaltung wieder aufnahm.

»Nachdem die Templer also ein weiteres Archiv des Wissens hier in Frankreich entdeckt hatten«, mutmaßte er, »schwor sich der ›Tempel Salomons‹, dass sie zumindest dieses Archiv schützen würden?«

»Richtig«, sagte van Germain. »So leiten sie jedenfalls ihre Geschichte und Berechtigung her.«

»Und was hat es mit den legendären Gründern auf sich, dem ›Kreis von Montségur‹? Was sollen das für Leute sein? Sind sie es, die die Archive gebaut haben?«

»Nach der Ansicht des ›Tempel Salomons« handelt es sich um eine Gruppe Unsterblicher, die vor Urzeiten die Archive des Wissens gebaut haben. Der tatsächliche Ursprung liegt im Dunkeln, soll sich aber weit vor den Ägyptern und den ersten Hochkulturen befinden, vor Ur, Mohenjo-Daro und Çatal Hüyük. Ihrer Ansicht nach gab es unzählige solcher Archive – auf der ganzen Welt verstreut. Der ›Kreis von Montségur‹ baute sie und überwacht sie zum Teil noch heute, um sie der Menschheit erst zu offenbaren, wenn diese reif genug dafür ist.«

Peter hob eine Augenbraue und nahm einen Schluck Wein, bevor er weitersprach.

»Woher dann der Name ›Kreis von Montségur‹?«, fragte er schließlich. »Wo ist da der Zusammenhang?«

»Vermutlich hat sich dieser Name erst spät in der esoterischen Tradition gefestigt. Ohne Zweifel haben Sie die Geschichte um die Burg Montségur studiert. Der ›Tempel Salomons‹ glaubt, dass die Katharer das Geheimnis der Höhle kannten. Damit es nicht in die Hände der Inquisition fallen würde, soll der geheime Orden der Gründer höchstpersönlich eingegriffen haben, um das Geheimnis noch während der Belagerung aus der Burg zu schaffen.«

»Die drei Parfaits, die mit dem Schatz der Katharer kurz vor der Kapitulation der Festung 1244 fliehen konnten«, sagte Peter.

»Ja, ebenjene sollen das Geheimnis der Archive in Sicherheit gebracht haben. Dieses Ereignis hat wohl den Namen geprägt.«

»Aber weshalb sieht es der ›Tempel Salomons›‹ als seine Aufgabe, die Höhle zu schützen, wenn der ›Kreis von Montségur‹ laut eigener Überlieferung ganz offensichtlich selbst dazu in der Lage zu sein scheint? Das ergibt doch nicht viel Sinn, oder?«

»Sie haben vollkommen Recht, Herr Professor Lavell. Es sei denn, man wäre der Überzeugung, dass sich der ›Kreis‹ nicht grundsätzlich einmischen würde, und dass es sich bei dem Vorfall auf Montségur um eine ganz besondere Ausnahme, ein quasi göttliches Eingreifen, gehandelt habe.«

In diesem Moment kam Joseph erneut, entfernte die Teller und servierte den Salat. Diesmal wartete Peter lediglich, bis alle ihre Teller vor sich stehen hatten und van Germain zur Gabel griff, um den Gang zu eröffnen, bevor er das Gespräch fortsetzte.

»Einverstanden. Nehmen wir an, es wäre so. Aber wenn bereits die Katharer die Höhle kannten, wie konnte das Geheimnis dann noch vor den Templern geschützt werden, die, wie wir wissen, viele flüchtige Katharer in ihren Reihen aufnahmen und mit Sicherheit davon erfahren hätten?«

»Ich würde mir nicht anmaßen, meine bescheidenen Kenntnisse über den Templerorden den Ihren gegenüberzustellen. Man könnte jedoch spekulieren, ob nicht die Templer tatsächlich davon erfuhren. Immerhin sagte man ihnen in den Inquisitionstribunalen meiner Erinnerung nach ketzerische Praktiken nach. Vielleicht begründeten sich diese Vorwürfe darauf, dass die Templer statt dem christlichen Glauben nun tatsächlich einer anderen Quelle der Weisheit nacheiferten?«

»Quelle der Weisheit... warten Sie... Patrick! Können Sie noch einmal beschreiben, was Sie in der Höhle auf der Säule gesehen hatten? Den Kopf, meine ich.«

Patrick sah ihn erstaunt an. Er hatte nicht damit gerechnet, zur Unterhaltung beitragen zu müssen, und genoss stattdessen den Ausblick, Stefanies Anwesenheit und das Essen. Nun kaute er hastig zu Ende.

»Nun ja, der war etwa so groß«, deutete er an, »aus einem rotgoldenen Metall. Vielleicht eine Legierung mit Kupfer, eine Art Rotgold möglicherweise. Er hatte kein Gesicht, oder jedenfalls nur grob angedeutet. Was zu erkennen war, wirkte ein bisschen wie die Gesichter der Statuen auf den Osterinseln, wenn Sie sie sich vorstellen können. Irgendwie nicht europäisch, eher asiatisch oder pazifisch oder so. Ich meinte noch zu Stefanie, dass es zu keiner westlichen Kultur zu passen schien.«

»Und Sie hatten noch mehr erwähnt. Einen Bart und Hörner, richtig?«

»Der Kopf hatte eine Art Fortsatz am Kinn, vielleicht einen Bart. Und oben so was wie Hörner. Wobei es nicht klar war, ob das eine besondere Frisur oder einen speziellen Helm oder Kopfschmuck darstellen sollte.«

»Das ist es!«, sagte Peter. »Erinnern Sie sich, dass ich erzählte, man habe den Templern die Anbetung von Baphomet vorgeworfen? Dabei soll es sich um ein Idol gehandelt haben in Form des abgetrennten Kopfes eines Bärtigen. In der mystischen Tradition wird dieser Baphomet stets mit Hörnern und Ziegenbart dargestellt. Später ist daraus der Teufel in Form eines Ziegenbocks geworden. – Merkwürdig, wie sich die Dinge entwickeln, nicht wahr? – Und erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen sagte, dass es Vermutungen gäbe, dass der Name Baphomet nichts anderes sei als eine Verballhornung aus dem arabischen ›abufihamet‹, was ›Vater der Weisheit‹ bedeutet? Was für eine Offenbarung: Die Templer kannten die Höhle. Und sie verehrten den darin befindlichen Kopf!«

»Eine mutige These, Herr Professor Lavell«, sagte van Germain. »Und durchaus schlüssig. Das könnte vielleicht auch den Schatz der Templer erklären...«

»... und das Rätsel auflösen, welches Wissen Jacques de Molay verbarg und mit ins Grab nahm: Er wollte nicht, dass diese Höhle irgendjemand anderem in die Hände geriet.«

»Das könnte so gewesen sein.«

»Na schön«, sagte Patrick. »Jetzt kennen wir vielleicht die jüngste Geschichte der Höhle, aber wir wissen immer noch nicht, wer das verdammte Ding gebaut hat, oder wie es funktioniert!«

»Wohl wahr«, stimmte Peter ihm zu. »Monsieur van Germain, was wissen Sie über die Höhle? Und wie ist Ihre Meinung?«

»Wie ich schon sagte, interessiere ich mich für sie. Aber ich verfüge sicherlich nicht über ein vergleichbares Geschichtswissen wie Sie beide. In dieser Hinsicht kann ich Ihnen nicht mehr sagen, als Sie ohnehin bereits herausgefunden haben. Was meine Meinung angeht...« Er nahm einen Schluck Wein. »Es ist dort zweifellos eine gewisse Kraft am Werk. Mit Ihrem Einverständnis möchte ich versuchen, mich dem auf die Ihnen eigene, analytische Weise zu nähern. Zunächst einmal könnte die Höhle natürlichen Ursprungs sein, also auf einem bisher unbekannten, physikalisch erklärbaren Naturphänomen beruhen. Alternativ, wenn sie nicht natürlich ist, muss sie demnach konstruiert worden sein. Da unseres Wissens keine der Wissenschaft bekannte Kultur in der Lage gewesen wäre, etwas Derartiges zu konstruieren, ließe das folgende Schlüsse zu: Unsere Informationen über diese Kulturen sind unvollständig, und eine dieser Kulturen wäre sehr wohl fähig dazu gewesen. Oder aber es gibt weitere Kulturen, die wir noch gar nicht kennen. Drei meiner Meinung nach in Frage kommende Erklärungen.«

»Sehr gut abgeleitet, Monsieur«, sagte Peter schmunzelnd.

»Natürlich könnte die Höhle auch von der CIA gebaut worden sein«, warf Patrick ein, »so wie die Geheimlabors in Area 51. Und bei der Gelegenheit: Es könnten ja auch Außerirdische die Höhle gebaut haben... Nun? Was gucken Sie mich so an?«

Peter musste lachen, und auch van Germain fiel mit in das Lachen ein.

»Ist ja schon gut«, sagte Patrick schließlich grinsend. »Ich halte die Klappe.«

Der Rest des Abendessens verlief in entspannter Atmosphäre. Die meiste Zeit unterhielten sich Peter und van Germain. Es stellte sich heraus, dass dieser weitaus besser in der Kulturgeschichte bewandert war, als er in falscher Bescheidenheit zugegeben hatte. Er kannte den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis auf den Gebieten, die auch Peter beobachtete. Dabei zeigte er sich besonders interessiert an dessen Arbeit für das Museum und die Ausstellung zum Thema »5000 Jahre Schrift«. Dann und wann beteiligten sich auch Stefanie und Patrick an der Unterhaltung, doch sobald die Plaudereien ins Fachsimpeln abglitten, verflüchtigte sich insbesondere Patricks Interesse schnell. Dafür fühlte er sich außergewöhnlich gut verpflegt und nahm mit Freude zur Kenntnis, dass Joseph zum Filetsteak einen Château Haut-Gléon reichte, einen Wein aus den Corbières, über den er in seinem Führer schon gelesen hatte.

Schließlich waren sie beim Nachtisch angelangt, und das Gespräch fand wieder zur Höhle, dem »Tempel Salomons« und dem »Kreis von Montségur« zurück.

»Nachdem wir den ganzen Abend so schweren Stoff gewälzt haben«, meinte Patrick und wandte sich an van Germain, »würde mich etwas ganz Einfaches interessieren: Was halten Sie eigentlich persönlich von der Geschichte über den »Kreis von Montsegur‹?«

»Ihr Interesse an meiner Meinung ehrt mich, Monsieur«, sagte van Germain. »Nun, was soll man schon von einer Gruppe Unsterblicher halten, die angeblich seit Menschengedenken überall auf der Welt Archive des Wissens hüten?« Er führte sein Glas an die Lippen, nahm einen Schluck und ließ den Gedanken eine Weile im Raum stehen. »Andererseits...«, fuhr er dann fort, »es ist ein interessanter Gedanke, nicht wahr? Von der Höhle geht offenbar gewaltige Macht aus. Wer auch immer das Geheimnis in seiner Hand hält, könnte die Geschicke der Welt lenken. Und Unheil ist der Schatten der Macht. Sollte man da nicht wünschen, dass es tatsächlich jemand gäbe, der diese Macht bewahrt und schützt?«

»Dann glauben Sie, dass es so ist?«

»Ich hoffe es, Monsieur. Sie nicht?«

Patrick zuckte mit den Schultern, doch Peter sah nachdenklich hinaus in den mittlerweile erleuchteten Garten und auf den in der Dunkelheit liegenden See. Der Mann hatte zweifellos Recht. Es war tatsächlich sehr zu hoffen, dass jemand das Geheimnis der Höhle hütete. Wer konnte schon vorhersagen, in welche Hände es geraten würde, was die jeweiligen Machthaber damit anstellen würden, welche Revolutionen, Krisen oder Kriege entstehen könnten. Könnte ein einzelner Mensch, eine Partei, eine Firma oder ein Staat, ohne jegliche Korruption und aus reiner Güte die Macht des Wissens für das Wohl der Menschheit einsetzen? Wie lange würde es dauern, bis Missgunst und Machtgier entstehen würden? Vor diesem Hintergrund verblasste die Frage nach der zugrunde liegenden, unbekannten Technologie. So interessant es auch war, zu verstehen, wer die Höhle erbaut hatte, auf welche Weise und zu welchem Zweck; wie viel wichtiger war es, sicherzugehen, dass sie nicht in die falschen Hände geriet. Und wer könnte das jemals entscheiden oder bestimmen?

»Die Höhle muss wieder verborgen werden«, sagte Peter.

»Wie kommen Sie denn plötzlich darauf?«, fragte Patrick.

»Überlegen Sie, welch unvorstellbare Macht jemand besäße, der mit Hilfe der Höhle alles in Erfahrung bringen könnte, was es jemals zu wissen gab und gibt. Für dieses Individuum gäbe es keine Geheimnisse mehr, keinen Wettbewerb, keine Grenzen, kein Hindernis, keine Gesetze... ein allwissendes, übermächtiges... gottgleiches Wesen würde entstehen!«

»Klingt doch nicht so schlecht...«

»Patrick, ich bitte Sie! Wer sollte das Ihrer Meinung nach sein? Sie? Ich? Diese Macht ist nicht nur viel zu groß für einen Einzelnen – darüber hinaus gibt es keine Garantie, dass es jemand mit Verantwortungsgefühl ist, der sie einmal an sich reißt! Der Bürgermeister vielleicht? Oder Ash Modai? Oder der nächste Adolf Hitler? Die Höhle muss wieder verschwinden, wenn wir sie nicht für uns behalten können! Und Sie wissen, dass das nicht geht.«

»Sie denken an Ihren Auftraggeber?«, fragte van Germain.

»Es ist eine Frau«, erklärte Peter. »Sie arbeitet für die Vereinten Nationen. Die Untersuchung ist ein Sonderprojekt des Bereichs für Altertumsforschung und europäische Kulturgeschichte.«

Zum ersten Mal gab sich van Germain überrascht. »Das ist interessant«, sagte er. »Ich hatte einen sehr diskreten privaten Investor vermutet. Und eine derartige Abteilung ist mir bei den UN gar nicht bekannt... Nun, möglicherweise ist es ein neu geschaffenes Ressort?«

»Elaine weiß alles über die Höhle...«, überlegte Patrick.

»Bevor wir uns gestern Abend auf den Weg nach Albi gemacht haben, haben wir mit ihr telefoniert und es ihr erzählt. Was die Höhle kann, und wie man hineinkommt.«

»Ich zweifle gerade, ob das so vorteilhaft war...«, sagte Peter.

Schweigen trat ein. Blicke wanderten von einem zum anderen. Patrick. Peter. Stefanie. Van Germain. Ihre Gedanken überschlugen sich beinahe. Zuckten wie unsichtbare Blitze über den Tisch, von einem zum anderen. Eine unheilschwangere Ahnung nahm allmählich Gestalt an und wuchs sich bedrohlich aus.

»Merde!«, fluchte Patrick. »Wir müssen sofort zurück!«

»In der Tat, das denke ich auch«, sagte Peter.

»Sie möchten nach dem Rechten sehen?«, fragte van Germain.

»Allerdings!«, sagte Patrick. »Wer weiß, welche Typen jetzt schon da herumlungern!«

»Ich verstehe«, sagte van Germain. »Und ich begrüße Ihre Entscheidung. Falls es nicht allzu vermessen erscheint, möchte ich Ihnen gerne anbieten, Sie nach Genf fliegen zu lassen. Auf diese Weise könnten Sie erheblich Zeit sparen. Für Ihren Mietwagen würde selbstverständlich gesorgt werden.«

»Uns fliegen lassen?«

»Mit meinem Hubschrauber. Joseph wird veranlassen, dass er in zehn Minuten startbereit ist.«


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