Kapitel 9

5. Mai, Palais de Molière nahe Paris

Präsident Michaut hatte sich förmlich gekleidet, obwohl er dem Grafen versichert hatte, dass es sich um ein privates Treffen handeln würde. Der Graf respektierte alle notwendige Diskretion, dennoch war immer etwas Besonderes in seinem Auftreten, etwas Weltentrücktes und zugleich Souveränes. Präsident Michaut fühlte sich ihm gegenüber stets ein wenig unwohl. Es waren keine schlechten Gefühle, weder Neid noch Misstrauen oder Angst. Es war wie ein unerklärlicher Respekt, eine Bewunderung, aber noch mehr als das. In seiner Gegenwart fühlte er sich so sicher, wie er sich als Kind auf den Schultern seines Vaters gefühlt hatte. Ja, wenn er ehrlich war, fühlte er sich ihm in gewisser Weise unterlegen, wenn auch nicht minderwertig. Stattdessen empfand er für den Grafen eine ehrliche Bewunderung und Ehrfurcht. Mitunter fühlte er sich fast demütig. Ein Gefühl, das ihn so schleichend und mit einer solchen Natürlichkeit überkam, dass er sich zusammennehmen und sich erinnern musste, dass er immerhin der Präsident von Frankreich war. Wäre er sentimental oder esoterisch veranlagt, so würde er es fast als eine religiöse Liebe bezeichnen. Etwas Ähnliches muss es gewesen sein, das die Jünger für ihren Messias empfunden hatten. In diesem Sinne war der Graf für den Präsidenten ein ganz persönlicher Heilsbringer. Und schon allein deswegen fühlte er sich in dessen Anwesenheit im Anzug besser als in seiner privaten, legereren Kleidung.

»Guten Abend, Monsieur le Comte, ich freue mich, Sie wiederzusehen.«

»Guten Abend, Monsieur le Président. Wie immer ist es eine Ehre für mich.«

Präsident Michaut deutete auf einen Sessel. »Setzen Sie sich doch bitte. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Ich würde mich über einen trockenen Weißwein freuen«, antwortete der Graf, indem er sich niederließ. »Selbstverständlich nur, wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände bereitet.«

»Keineswegs. Erlauben Sie, dass ich Sie einen Augenblick allein lasse.« Der Präsident verließ den Raum und begab sich in die Küche der Residenz. Mit Ausnahme des notwendigen Sicherheitspersonals und der Fahrer war niemand auf dem Grundstück anwesend. So blieb zwar die Verschwiegenheit des Treffens gewahrt, allerdings bedeutete dies auch, dass es keine Bedienung gab. Präsident Michaut war bodenständig genug, daraus kein Problem zu machen. Eine Weißweinflasche konnte er auch alleine finden und entkorken. Er überlegte, ob es nicht der Auflockerung der Stimmung zuträglich wäre, wenn er die Flasche einfach mit in den Salon brächte, sie dort vor den Augen des Grafen öffnete und ausschenkte. Er entschied sich jedoch dagegen und bereitete einen Serviertisch mit Gläsern und einem Kühlhalter mit Eiswasser vor. Als er in den Salon zurückkehrte, schien es, als habe sich der Graf nicht um Haaresbreite bewegt, so ruhig saß er noch immer da, die ineinander geschobenen Hände auf dem Schoß ruhend und den Blick in die Flammen des Kaminfeuers gerichtet.

Präsident Michaut reichte dem Grafen ein Glas und setzte sich dann ebenfalls.

»Ich danke Ihnen für Ihre Mühe«, sagte der Graf und hob das Glas.

»Seien Sie sich meiner Zuneigung versichert, Monsieur le Comte. Auf Ihr Wohl.«

»Und das Ihrige.«

»Wie Sie sich denken können, beruht meine Einladung dennoch nicht auf reiner Zuneigung.«

»Für derlei Streben bleibt den Mächtigen dieser Welt selten Zeit.«

»Wie immer kann ich mich auf Ihr Verständnis verlassen... und ich hoffe, dies auch weiterhin zu können.« Der Präsident stand auf und stellte sich neben den Kamin, wo er sich am Sims festhielt. »Ich benötige Ihre Hilfe.«

Der Graf blickte auf und nickte. Es war nicht festzustellen, ob er dies aus Zustimmung tat, aus Höflichkeit, oder weil er dies erwartet hatte. »Welche Art von Hilfe erhoffen Sie sich von mir?«

»Ich weiß, dass Sie kein politischer Mensch sind, Monsieur le Comte, dennoch benötige ich einen politischen Rat.«

»Wie könnte das, was mich in Ihren Augen unpolitisch macht, mich für einen politischen Rat qualifizieren?«

»Wenn ich Sie als unpolitisch bezeichne, wollte ich damit nicht Ihr Wissen um politische Zusammenhänge ausschließen. Es ist vielmehr Ihre offensichtliche Entsagung politischer Geschäfte oder Ihr fehlendes Engagement für eine politische Richtung oder Sache, die mich zu dieser Einschätzung führt. Ich möchte Sie damit keinesfalls kritisieren, bitte verstehen Sie mich nicht falsch.«

»Ich fühle mich nicht kritisiert. Und Sie haben sicherlich Recht, ich bin kein politischer Mensch. Doch um der Sache gerecht zu werden, sollten wir in Betracht ziehen, ob nicht erfolgreiches politisches Wirken unbemerkt bleiben muss, und ob fehlendes Engagement für eine Richtung oder Sache nicht eine Kritik an ebenselbiger impliziert.«

Der Präsident konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Ebendies ist es, was ich so sehr an Ihnen schätze, Monsieur le Comte. Und es ist dieser Scharfsinn, den ich benötige. Wenn ich um einen politischen Rat bat, so habe ich mich vielleicht auch falsch ausgedrückt. In der Tat benötige ich einen Rat für meine Arbeit, in dieser Hinsicht ist er politischer Natur. Gleichwohl ist allein Ihr analytischer Verstand vonnöten, mir weiterzuhelfen.«

»Worum geht es?«

»Wie Sie wissen, ist meine Position in der Partei sehr sicher und bis auf die Kritik der linken Opposition – die sich allerdings im üblicherweise zu erwartenden Rahmen bewegt – unangefochten. Meine Arbeit ist erfolgreich, und die Medien sind weitestgehend auf meiner Seite, die Bevölkerung ebenfalls. Auch die nächste Amtsperiode ist mir sicher, die Wahlen könnten ausgehend von den letzten Prognosen fast schon als pro forma bezeichnet werden. Natürlich kann und werde ich mich nicht darauf verlassen, aber die allgemeine Lage gibt zumindest keinen unmittelbaren Grund zur Besorgnis.«

»Dennoch...«, begann der Graf und wartete darauf, dass der Präsident den Satz zu Ende führte.

»Dennoch gibt es seit einigen Tagen plötzlich sehr starken Widerstand in der Industrie, und ich kann mir weder erklären, wie dieser zustande kommt, noch bin ich mir sicher, wie ich dem entgegentreten sollte oder kann.«

»Was analysieren Ihre politischen Berater?«

»Ihre Theorien sind vielfältig. So vielfältig, dass ich wage, sie als ratlos zu bezeichnen. Bestenfalls vermuten sie ein industrielles Ränkespiel mit internationalen Partnern, möglicherweise anderen Staaten.«

Der Graf schenkte sich ein wenig Wein nach. Ein rotgoldener Siegelring blitzte im Schein der Flammen auf. »Ihnen missfällt dieses Szenario?«, fragte er den Präsidenten.

»Es scheint mir etwas zu weit hergeholt, um so unvermittelt hereinzubrechen. Hätte es internationale Ausmaße, müsste ich zudem ganz neue Stellen einbinden und Verbindungen wirksam machen, was sich wiederum nur mit ausreichend eindeutigen Hinweisen verantworten ließe.«

»Wie äußert sich der Widerstand, von dem Sie sprechen?«

»Seit Jahren habe ich immer sehr gute Kontakte zur Industrie. Die Macher und Entscheider unserer Wirtschaft sind der Motor der Maschine dieses Landes, die Politik ist lediglich das Öl. Ich erzähle Ihnen nichts Neues.«

»Nein.« Der Graf sah in die Flammen. »Wir haben alles durchgemacht. Religion, Philosophie, Politik, Soziologie, und es sind Ideologien geblieben. Nur das Geld und dessen Wirtschaft haben sich immer wieder als endgültig wirksam erwiesen.«

»Die Banque Parisienne hat ihre Verträge mit der Partei gekündigt«, fuhr der Präsident nun fort. »Gleichzeitig hat die Banque Atlantique Direct, die seit Jahren um eine Zusammenarbeit mit der Partei buhlt, ihr Interesse eingestellt. Dann gibt es ENF, den zweitgrößten Stromanbieter im Land. Er wendet sich plötzlich von unseren Staatsanleihen ab und hat mich buchstäblich von der Veranstaltung nächste Woche ausgeladen. Dasselbe ist passiert mit der Ferrofranc-Gruppe, ein Konglomerat der drei größten erzverarbeitenden Konzerne dieses Landes, mit TVF Média und mit Télédigit International. Das alles in nur vier Tagen.«

»Das ist bemerkenswert.«

Nun schenkte sich auch der Präsident ein weiteres Glas ein, blieb aber stehen. »Ich wäre weniger verunsichert, wenn es nicht aus heiterem Himmel käme. Einer dieser offensichtlichen Unstimmigkeiten auf den Grund zu gehen, würde schon einiges an Recherche, Arbeit und vor allen Dingen Zeit kosten. Doch in dieser Fülle!«

»Sind bereits Schritte unternommen worden?«

»Ich habe alle Informationen über die jetzigen und geplanten Aktivitäten der Firmen analysieren lassen. Der Geheimdienst wurde noch nicht eingebunden, wir haben uns zunächst der öffentlichen Quellen bedient. Allzu viel können die Aktiengesellschaften durch das allgemeine Augenmerk der Medien und der Investoren nicht geheim halten. Wir haben auch unsere Insiderkontakte genutzt, um alles über Pläne bevorstehender Fusionen oder Geschäfte ähnlicher Tragweite zu erfahren. So etwas könnte zumindest das Verhalten erklären.«

»Und?«

»Nichts.«

»Was schließen Sie daraus?«

»Entweder es gibt keine zugrunde liegenden Pläne oder Entscheidungen, oder sie kommen von höchster Stelle.«

»An was für eine Stelle denken Sie dabei?«

Der Präsident zögerte einen Augenblick. »Vielleicht gibt es etwas Geheimes innerhalb der Firmen, das weder die Investoren noch die Medien noch unsere Kontakte erfahren haben. So geheim, dass sogar das Vorhandensein des Geheimnisses unbekannt geblieben ist. Wenn man es genau bedenkt, ist das aber mehr als unwahrscheinlich, nein, wahrscheinlich sogar ausgeschlossen. Dann kann es sich nur um plötzliche und durchschlagende Entscheidungen handeln...«, Präsident Michaut trank einen Schluck und beendete den Satz halblaut, »wie sie vielleicht durch einen mächtigen Gesellschafter erzwungen werden könnten.«

Der Graf nickte kaum merklich. »Welche Konsequenzen erwarten Sie?«

»Für das Land oder die Partei?«

»Oder für sich selbst.«

»Das Land kann und wird keine Einnahmen verlieren, notfalls wird es auf Steuern umgelegt. Das Land hat auch schon viele Parteien überlebt. Eine nationale Katastrophe wird es wohl kaum geben. Der Partei allerdings wird es weniger gut bekommen, wenn sie unerfreuliche Konsequenzen aus dem Verlust der Zusammenarbeit mit der Industrie ziehen muss.«

»Könnte man Sie verantwortlich machen? Würde man Sie wiederwählen?«

»Nun, die Opposition wird es zwar an meiner Person festmachen und dies den Medien und der Bevölkerung auch so darstellen. Eine Wiederwahl wird so natürlich etwas schwieriger. Aber unmöglich ist sie damit noch lange nicht.«

»Das ist beruhigend. Überlegen Sie, was passieren könnte, würden Ihnen weitere Industrieunternehmen dieserart den Rücken kehren.«

Präsident Michaut antwortete nicht gleich. Dann setzte er sich in den Sessel und betrachtete den Grafen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Wissen Sie was, mein verehrter Monsieur le Comte? Ohne es zu ahnen, haben Sie mir heute Abend eine unschätzbare Hilfe erwiesen.«

Nun lächelte auch der Graf. »Ist das so?«

»Ich weiß nun, was ich tun werde. Ich bin froh, dass Sie heute meiner Einladung gefolgt sind. Ich hoffe, dass ich Ihnen eines Tages einen ebensolchen Dienst erweisen kann.«

»Die Freude ist ganz meinerseits, Monsieur le Président. Allerdings möchte ich ausdrücklich und dringend darauf hinweisen, dass ich keine Vorstellung davon habe, wofür und wie Sie mir danken möchten.«

»Wie Sie meinen, dann lassen Sie mich wenigstens auf Sie anstoßen. Auf Ihr Wohl!«

»Auf das Ihrige. Non nobis, Domine, sed nomini Tuo da gloriam.«


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