Kapitel 18

10. Mai, Höhle bei St.-Pierre-Du-Bois

Stefanie fing ihren Sturz so geschickt es ging auf, konnte jedoch nicht verhindern, dass sie dabei auf Patrick landete, der rückwärts in den Durchgang gestürzt war und nun auf dem Boden lag.

Er lachte. »Gleich so stürmisch?«

Sie sagte nichts, stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose.

Patrick erhob sich ebenfalls. »Sehen Sie? Es ist nichts passiert! Ich wusste es! Der Durchgang ist offen.« Er blickte den Gang entlang und entdeckte das diffuse Leuchten hinter der nächsten Biegung. »Da ist es also... Kommen Sie, das muss ich mir ansehen!«

Langsam ging er auf die Lichtquelle zu, und sie folgte ihm dichtauf. Als er den Eingang der Kaverne erreichte, blieb er stehen. Blaues Licht, das von unten nach oben heller wurde, erfüllte die steinerne Grotte. Es bewegte sich in sanften Schleiern, wogte dahin, als sei es lebendig. Es hatte wahrhaftig eine Dichte, eine Substanz, wie Stefanie zu Recht beschrieben hatte, so als könne man es anfassen. Wenn einzelne Strahlen durch die Höhle wanderten, wirkte es glänzend und durchsichtig, an anderen Stellen war es fast trüb, so dass sich die gegenüberliegende Wand nicht erkennen ließ. Es hatte den Anschein, als stünde die Halle unter Wasser, und das Licht des Mondes schiene durch die Wellen hinab auf den Meeresboden.

»Es ist... wunderschön!«, hörte Patrick sich sagen.

Jetzt sah er auch die Lichtsäule, von der Stefanie erzählt hatte. Es war ein gerader Strahl, der von der Mitte der Höhle aus förmlich an die Decke emporloderte. Er war sehr hell, von fast reinem Weiß, und auch er hatte diese lebendige Qualität, waberte leicht, drehte sich. Einzelne Ströme waren darin zu erkennen, die sich geradezu bedächtig nach oben bewegten.

Ein Weg führte zu ihm hin. Mit dem Plan der Höhle vor Augen wusste Patrick, dass es der einzige Weg war, auf dem man in das Zentrum der konzentrisch angelegten Ringe gelangen konnte. Vorsichtig trat er einige Schritte vor und stand am ersten der drei Gräben. Im wechselnden blauen Lichtspiel war es nur undeutlich auszumachen, aber in etwa zwei Metern Tiefe war der Graben mit Wasser gefüllt. Ein Fest für jeden Höhlentaucher, zu erkunden, wie tief diese Gräben waren, was sich auf ihrem Boden verbarg, wie sie angelegt waren, wo sie hinführten und wo das Wasser herkam.

Patrick zögerte, vom äußeren Rand der Höhle aus nun den Weg zu beschreiten, der zur Mitte führte. Etwas mahnte ihn zur Vorsicht. Er ließ seinen Blick schweifen und suchte den Boden nach verräterischen Unregelmäßigkeiten ab, eingelassenen Klingen, die emporschnellen konnten, oder Mechanismen, die durch sein Gewicht ausgelöst würden. Er glaubte nicht an komplizierte Fallen, und dennoch fuhr etwas wie mit dürren Krallen durch seine Nackenhaare. Und dann sah er es: Das Licht bildete eine Grenze direkt an der Kante des ersten Grabens.

Das friedvoll wehende Lichtphänomen durchdrang mitnichten die gesamte Halle, sondern bildete gleichsam eine Kuppel, deren äußeren Rand sie noch nicht überschritten hatten. Sie standen weiterhin außerhalb des Lichtes, auch wenn der Schein überall zu sein schien. Doch es gab eine fast unmerkliche Grenze. Bei genauer Betrachtung war zu erkennen, dass der Stem hinter der Grenze ein klein wenig anders aussah. Und das war es, was Patrick Sorgen bereitete. Denn dort war der Boden nicht einfach heller oder dunkler, sondern wirkte je nach Lichteinfall merkwürdig unwirklich. Er bekam zeitweise eine leicht flirrende Oberfläche, wie bei einer Luftspiegelung, dann wieder wirkte er fast durchscheinend.

Patrick beschlich das ungute Gefühl, dass die Stille und Sanftmütigkeit dieser Höhle trog. Hier verbarg sich etwas, das weitaus größer war als jener erste Schritt, der ihn auf den Mittelgang führen würde. Hinter der Einladung, vorzutreten, lauerte etwas. Und Patrick hatte keine Vorstellung davon, was es sein könnte.

Dies ist die Gefahr, durch die Welten vernichtet wurden.

Welcher Natur war die Strahlung, die hier zu sehen war? War dies vielleicht eine Waffe? Eine Art Reaktor? Waren Menschen überhaupt dazu bestimmt, diese Grenze zu überschreiten? Vielleicht durfte dieses Licht nicht berührt werden, vielleicht schützte es das Innere der Kreise, vielleicht musste man es zunächst irgendwie ausschalten?

Je mehr Patrick darüber nachdachte, desto weniger feindselig kam ihm die Erscheinung vor. Denn gleichzeitig wirkte sie beruhigend und verheißungsvoll. Möglicherweise war es einfach nur die Fremdartigkeit des Phänomens, die so bedrohlich wirkte und derart zwiespältige Gefühle hervorrief.

Vorsichtig streckte Patrick eine Hand aus und berührte die Grenze des Lichts.

Nichts ließ sich mit den Händen greifen, auch die Temperatur veränderte sich nicht. Es schien nicht mehr als Licht und Luft zu sein. Und doch ließ sich nun auf seinen Fingern derselbe Fata-Morgana-Effekt beobachten wie auf den Steinen.

Stefanie war dicht herangetreten und verfolgte das Geschehen. Patrick sah sie an.

»Hier ist wieder so ein Übergang«, sagte er.

»Ja, sieht so aus...«

»Wie beim Durchgang, nur anders. Eine Grenze in der Luft.«

»Und jetzt? Sie wollen doch wohl nicht etwa da rein?«

»Ich bin mir nicht sicher... man kann es berühren...«

»Das kann man die Schwärze im Durchgang auch. Und was passieren kann, haben Sie ja am eigenen Leib kennen gelernt.«

»Ja, aber nun scheint es ja offen zu sein. Vielleicht kann man hier jetzt auch einfach durch.«

»Vielleicht? Wollen Sie das riskieren?«

»Jetzt sind wir so weit gekommen.«

»Ich kann nur hoffen, dass Sie das nicht ernst meinen! Auch wenn ich Ihre Neugier nachvollziehen kann, ist das doch wohl kaum... PATRICK!«

Es traf ihn mit der Gewalt eines Orkans.

Mit einem kleinen Schritt hatte er die Grenze überquert und stand nun unvermittelt in einem gleißenden Sturm aus Bildern, getrieben von einer kreischend lauten Kakophonie aus Klängen, Geräuschen und Stimmen. Ohnmächtig durchspülten ihn unermessliche Eindrücke – aus zahllosen fremden Ländern und fernen Zeiten zugleich, Menschen, Tiere, Bauwerke, Sprachen und Gesänge, alles wirbelte in einem infernalischen Orchester durcheinander, drang durch jedes Tor und jede noch so kleine Fuge seiner Wahrnehmungsfähigkeit in sein Mark. Es vergewaltigte seine Sinne, nahm ihnen Unschuld, Willen und Wider-Stand, brandete in einer dröhnenden Flutwelle an seinen Verstand, zerschlug donnernd den letzten Wall und verschlang alles in einer Sintflut der Sinne und des Geistes.

Kraftlos sank Patrick auf die Knie. Alles verschwamm in Dunkelheit.

Finsternis. Stille.

Unfähig, sich zu bewegen, gefangen auf dem Boden der Tiefsee, in einem mentalen Unterseeboot, dessen Schotten geflutet waren, schien selbst die Zeit ihren Atem anzuhalten.

Und dann blieb sie stehen.

Keine Zeit, kein Licht, kein Ton.

So trieb er durch das Nichts, als er in der Ferne ein feines blaues Funkeln ausmachte. Es verschwand, wenn er es ignorierte. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Doch es glimmte stets erneut auf. Wenn er seine Aufmerksamkeit darauf richtete, wuchs es an. Er missachtete es, und es schrumpfte wieder. Eine Weile vergnügte er sich daran, das Licht wachsen und verschwinden zu lassen. Er wollte sich gerade davon abwenden, als sich dem kleinen Licht eine leise Stimme hinzugesellte. Je mehr er sich anstrengte, zu hören, was sie sagte, desto lauter wurde sie. Und mit ihr schwoll das Licht an, und schon bald gab es kein Zurück mehr. Er raste mit zunehmender Geschwindigkeit nach oben.

Mit brennenden Lungen und letzter Kraft brach er durch die Oberfläche. Stöhnend atmete er aus und sog sich die Lungen voll mit frischer Luft. Leben spülte durch seine Adern, durch seine Nerven. Er schlug die Augen auf. Sanftes blaues Leuchten umfing ihn.

»Patrick! Da sind Sie ja!«

Er sah in Stefanies Gesicht. Nie war sie ihm schöner vorgekommen. Und gleichzeitig wirkte sie plötzlich entrückt, erhaben. Mit einem Mal spürte er ihre Andersartigkeit so intensiv, dass es ihn sexuell erregte. Die Erektion war jedoch schmerzhaft, und sie war nicht mit Lüsternheit und Begierde verbunden, sondern im Gegenteil mit Ehrfurcht – wie vor einem höheren, heiligen Wesen.

»Geht es Ihnen gut? Alles wieder in Ordnung?«

Patrick erinnerte sich, wo er sich befand und was geschehen war. Er saß auf dem Boden der Höhle, das Licht umspielte ihn von allen Seiten, ihm schien nichts zu fehlen. Anders als beim ersten Mal, als er den Kopf durch den Durchgang gesteckt hatte, spürte er keine Nachwirkungen. Neben ihm kniete Stefanie, ihre Hand lag auf seiner Schulter. Und etwas hatte seine Wahrnehmung von ihr entscheidend verändert. Die Tatsache, dass sie ihn anfasste, allein der bloße Gedanke an ihre Berührung löste ein drängendes Pochen in seinen Lenden aus, und zugleich erkannte er, dass er es niemals wagen würde, sie zu berühren. Dass überhaupt kein Mann in der Lage wäre, sie jemals zu berühren.

Unbeholfen stand er auf und bemühte sich, mit der linken Hand unauffällig seinen Schoß zu bedecken. Stefanie tat so, als bemerkte sie es nicht, doch sie ließ seine Schulter dabei nicht los. Und Patrick spürte unwillkürlich, dass das so sein musste.

Denen zugänglich, die Bewahrer der Mysterien sind.

Sie war eine Hüterin der Geheimnisse, daher hatte sie den Durchgang passieren können. Und bei Patricks Sturz hatte sie ihn ebenfalls berührt, als sie versucht hatte, ihn zurückzuhalten. Dadurch war er nicht zu Schaden gekommen. Und nun, in dieser blauen Kuppel, musste er sich von ihr berühren lassen, wenn er nicht auf der Stelle den Verstand verlieren wollte.

Er sah sich um. Und sein Atem stockte.

Die Luft um ihn herum war erfüllt von Bildern. Wohin er auch blickte, sah er Tiere, Menschen, Gegenstände, Bauwerke, ja ganze Städte und Landschaften. Die Bilder bewegten sich, flossen ineinander, schienen bald durchsichtig und schemenhaft, bald unerträglich real und greifbar. Es waren keine toten Abbildungen, sondern animierte Szenen, die einander in einem beständigen Strom durchdrangen. Und wie die merkwürdigen visuellen Artefakte, die sich beim Reiben auf dem Augapfel einbrannten, so waren sie nur aus dem Augenwinkel zu beobachten. Sobald Patrick versuchte, sie direkt anzusehen, verschwammen und zerflossen sie. Als wäre diese Reizüberflutung nicht genug, wurden alle Objekte und Schauplätze von offenbar dazugehörigen Klängen begleitet. Von allen Seiten drangen unirdisch anmutende Musikfetzen, unverständliche Bruchstücke fremdsprachiger Gespräche und Geräusche jeder Art und Lautstärke auf ihn ein. Patrick stand inmitten eines albtraumhaften, multimedialen Basars. Hektischer, bunter, lauter und eindringlicher als alles, was er je zuvor erlebt hatte.

»Mon Dieu... Was ist das?!« Seine Stimme kam ihm verhalten und fremd vor.

»Ich sehe es auch«, sagte Stefanie. »Es ist atemberaubend!«

»Einiges kann man fast berühren! Und es ist so schnell! Man kann kaum erfassen, um was es sich handelt...«

»Erkennen Sie irgendeine Struktur? Eine Logik?«

Patrick streckte eine Hand aus, doch sie fuhr durch das stürmende Panoptikum der Bilder hindurch wie durch Luft. »Ich wäre froh, wenn ich überhaupt irgendetwas mal in Ruhe ansehen könnte!«

»Aber irgendeinen Sinn muss es doch haben... vielleicht wiederkehrende Motive?«

»Stefanie, wenn ich irgendwelche Motive erkennen könnte... warten Sie mal. Doch. Da ist etwas, dort drüben, sehen Sie?«

»Was meinen Sie?«

»Jetzt ist es schon wieder weg.« Er sah sich um. »Aber dort wieder... Sind das nicht Pyramiden?«

Stefanie sah in die Richtung, in die Patrick deutete. »Ich kann nichts erkennen...«

»Doch, ganz bestimmt.« Das Bild war plötzlich aufgetaucht und in einem Lidschlag wieder entschwunden, aber es hatte einen bleibenden Eindruck vor seinem inneren Auge hinterlassen. Er kannte dieses Motiv nur zu gut. Zwei große und eine kleinere Pyramide: Es war der berühmte Postkartenblick auf das Plateau von Gizeh. Und als er sich dieses Bild vergegenwärtigte, tauchte es erneut auf, diesmal näher und weniger schemenhaft.

»Da ist es wieder!«

»Was meinen Sie?«

»Na sehen Sie doch, direkt hier vorne, es ist...« Er hielt inne. Im Raum vor ihm wirkte die Sicht auf die Pyramiden jetzt fast greifbar, als würde er direkt vor ihnen in der Luft schweben. Das Bild wurde immer klarer, die Farben voll und lebendig, das Szenario saugte ihn regelrecht auf, und die umgebenden Bilder und nebelhaften Höhlenwände entschwanden. »Sind Sie noch da?«, fragte er, mehr zu sich selbst, denn er wagte nicht, den Blick zu lösen und sich nach Stefanie umzusehen.

»Ja«, hörte er sie.

»Das ist doch unglaublich, oder? Was passiert jetzt?«

»Was meinen Sie?«

»Sehen Sie es denn nicht?«

»Ja, Bilder, überall um uns herum.«

»Nein, die Pyramiden! Direkt vor mir, und ich...« Wieder stockte er. Das Bild entsprach zwar im Prinzip dem Anblick von Gizeh, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die mittlere der Pyramiden, die Chephren-Pyramide, war vollkommen intakt, das typische Band der abgelösten Verkleidungsblöcke war nicht zu sehen, und auch die Cheops-Pyramide zeigte sich mit ihrer ursprünglichen Verkleidung aus weißem Kalkstein, inklusive des schon lange fehlenden glänzenden Abschlusssteins auf der Spitze. Dies war nicht das Plateau von Gizeh, wie es heute aussah. Dies war ein Blick in die Vergangenheit!

»Welche Pyramiden?«, hörte er Stefanie fragen. »Offenbar sehen Sie etwas anderes als ich. Beschreiben Sie es!«

»Direkt vor mir ist die Cheops-Pyramide. Und sie sieht aus, als wäre sie gerade erst erbaut worden.«

»Ja... jetzt ist sie auch vor mir erschienen. Aber nur schemenhaft. Beschreiben Sie weiter!«

»Sie ist wunderbar glatt und weiß... und weiter unten sieht man Menschen... da sind Gebäude! Eine ganze Stadt, Hütten aus Lehm und Palmwedeln...«

»Je mehr Sie erzählen, desto mehr Details kann ich auch erkennen. Als ob Sie es erscheinen lassen... Sehen Sie noch mehr? Was tun die Menschen?«

Patrick konzentrierte sich auf das Treiben zu Füßen der Großen Pyramide, und schon rauschte das Bild auf ihn zu. Plötzlich befand er sich auf Bodenhöhe, inmitten der Menschen, die ihren Geschäften nachgingen. Unverständliche Gespräche umgaben ihn, irgendwo rief jemand etwas, aus einer anderen Richtung klang ein Hämmern herüber.

»Ich bin jetzt mittendrin. Ich kann den Menschen ins Gesicht sehen. Sie sind überall um mich herum. Verschwitzt, staubig, sie unterhalten sich, dort drüben ist eine Hütte. Und an der Wand steht ein Wagen!«

»Ich sehe es auch«, ertönte Stefanies Stimme aus dem Nichts und doch aus unmittelbarer Nähe, »aber immer erst, nachdem Sie es erwähnt haben... Vielleicht gibt es eine Verbindung? Vielleicht steuern Sie unbewusst diese Bilder?«

»Ich weiß nicht...«

»Versuchen Sie, sich auf den Wagen zu konzentrieren. Zeigen Sie ihn mir.«

»Also gut, der Wagen. Er ist...« Noch während Patrick redete, schien der Wagen hautnah auf ihn zuzukommen. Die Umgebung verblasste, der ganze Blick war nur noch auf das Gefährt gerichtet. »Es ist eine Art zweirädriger Karren, wie man ihn hinter ein einzelnes Pferd spannen würde...«

»Ich sehe ihn! Patrick, Sie lenken die Bilder!«

»Ja, irgendwie... wenn ich mich auf etwas konzentriere... wie dieser Wagen... Sehen Sie sich die einfache Konstruktion an. Hohe Effektivität mit minimalem Aufwand. Das Prinzip hat sich fast viertausend Jahre lang nicht geändert, bis zur industriellen Revolution...« Das hölzerne Gefährt wandelte sich bei diesen Gedanken in ein unbeholfenes Vehikel mit großen Stahlrädern und einem Schornstein. Es war eine Dampfmaschine geworden. Patrick beobachtete die Veränderung mit Staunen. Hatte er gerade einen Zeitsprung gemacht? Oder sah er nur Bilder, die sein eigenes Gedächtnis produzierte? Eine solche Dampfmaschine hatte er natürlich schon einmal gesehen, aber da war diese Detailfülle! Er konnte sogar Risse im schwarzen Lack erkennen. Es war wie ein hyperrealistischer Traum.

»Der Wagen ist verschwunden«, sagte Stefanie. »Was tun Sie?«

»Ich habe an etwas anderes gedacht und nun...« Er versuchte sich zu beruhigen. Wenn er die Bilder allein durch seinen Willen erscheinen lassen konnte, war es ihm vielleicht auch möglich, Stefanie daran teilhaben zu lassen, ohne es ihr zu beschreiben. Er vergegenwärtigte sich ihre Berührung, ihr engelgleiches Wesen, stellte sich ihr Gesicht, ihren Körper neben sich vor. Und dann stand sie unvermittelt neben ihm, war Teil des Ganzen geworden. Zu zweit schienen sie nun in einem Undefinierten Raum zu schweben, der auf jeden konkreten Gedanken reagierte, und vor ihnen, einer holographischen Projektion gleich, befand sich die Dampfmaschine.

»Patrick! Sie beherrschen die Höhle!«

»Ich glaube nicht, dass ich hier wirklich etwas beherrsche ... Die Höhle und das Licht, es scheint irgendwie zu leben, steht mit meinen Gedanken im Kontakt. Ich kann es ein wenig lenken, aber ich weiß nicht, um was es hier geht. Was ist der Sinn, der Zweck? Wo kommt das alles her? Und ich bin sicher, dass ich die Kontrolle vollständig verlieren würde, wenn Sie jetzt meine Schulter losließen.«

»Mag sein. Vielleicht diene ich als eine Art Katalysator...«

»Ja, das wäre eine Erklärung... Obwohl das natürlich eine ziemlich miserable Erklärung dafür ist, was hier tatsächlich passiert!«

Stefanie musste lachen.

»Was zeigt einem die Höhle wirklich?«, fragte Patrick. »Wie weit kann man das Spiel treiben? Mal überlegen, wie haben sich die Autos denn weiter entwickelt...« Die Dampfmaschine vor ihren Augen erfuhr eine plötzliche Wandlung, die Umrisse verschwammen, ein dahineilendes Wirrwarr aus Rädern, Streben und anderen mechanischen Bauteilen trat an die Stelle der Dampfmaschine, und dann kristallisierte sich eine neue Form heraus. Sie wurde allmählich deutlicher, und bald war ein anderes Gefährt zu sehen, das im Wesentlichen aus großen Stahlreifen, einem Gestänge mit hölzerner Sitzbank und einem klobigen, großen Motor bestand.

»Ja, es klappt!«, rief Patrick. »Ich habe nicht ausdrücklich an diesen Wagen gedacht, er hat sich von allein gebildet. Die Höhle kennt den alten Benz!«

»Was meinen Sie damit?«

»Ich versuche herauszufinden, ob die Höhle nur das abbildet, an das ich gerade denke, ob sich also lediglich meine eigenen Gedanken manifestieren. Aber es scheint so, als ob ich nur die Richtung lenke und die Bilder woanders herkommen.«

»Wo sollen sie denn herkommen?«

»Na, was weiß denn ich? Aber könnte das hier nicht so etwas wie eine Art Bilder- oder Filmarchiv sein? Oder eine Art Lexikon? Ich meine, immerhin haben wir die Höhle doch als ›Höhle des Wissens‹ betrachtet.«

»Aber vielleicht haben Sie unterbewusst an diesen Wagen gedacht? Offenbar kennen Sie ihn ja wohl.«

»Sie haben Recht... aber wie sollte man auch an etwas denken, das man nicht kennt?«

»Eigentlich tut man das doch immer, wenn man eine Antwort sucht.«

»Sie meinen...«

»Ja, wenn Sie sich nicht treiben lassen oder in Ihren eigenen Gedanken herumstöbern, sondern eine Frage haben und etwas erfahren wollen.«

»Gute Idee... etwas Einfaches, Ungeklärtes... die merkwürdigen Faxe vielleicht? Wo kommen sie her? Wer ist ›St. G.‹?« Während er sprach, wurden die beiden Papiere sichtbar. Im Raum vor sich erkannte er die einzelnen Buchstaben, sah die Maschine, aus der sie gekommen waren, hörte seine eigene Stimme: ›Sie wurden in einem Postamt in Morges in der Schweiz aufgegeben.‹ Dann wurde ein Geschäftsraum sichtbar, polierter Steinfußboden, einzelne Schalter, wartende Menschen mit Briefen und Päckchen. Anschließend zog sich der Blick aus dem Inneren des Gebäudes nach außen zurück, wie eine rückwärts führende Kamerafahrt. Eine Stadt wurde sichtbar, modern, aber hier und dort von schmalen und verwinkelten Gassen durchzogen, die noch immer ihrem ursprünglichen, mittelalterlichen Verlauf folgten. Bald kam eine kleine Burg ins Bild, die fast künstlich aussah und völlig quadratisch, mit vier Türmen an den Ecken. Sie stand direkt an einem Yachthafen. Segelboote und Schwäne waren auszumachen. Es sah eher nach einem See als nach dem Meer aus. Wenn dies Morges war, so überlegte Patrick, musste es der Genfer See sein. Die Perspektive entfernte sich nach oben, und plötzlich verschwamm die Landschaft, als werde sie seitlich weggezogen. Als sich das Bild wieder schärfte, war ein herrschaftliches Anwesen zu erkennen. Das Grundstück reichte direkt an das Ufer des Sees. Große gepflegte Rasenflächen und ein Park mit einigen wenigen hohen Bäumen waren zu erkennen. Und inmitten des Parks stand eine zweistöckige Villa, auf die der Blickwinkel sich nun verjüngte. Der Bildausschnitt führte in einer rasanten Schleife um das Herrenhaus herum, die Einfahrt hinauf und zum Tor. Dort heftete er sich schließlich an ein Schild aus Messing, das in einen Pfeiler gleich oberhalb eines Klingelknopfes eingelassen war. Gravierte Buchstaben schälten sich aus der Oberfläche:

Steffen van Germain

»Das gibt's doch nicht«, entfuhr es Patrick.

»Das hat die Höhle also nicht aus Ihrem Gedächtnis geholt?«

»Nein, meine Güte, wie auch? Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Aber es scheint unser ›St. G.‹ zu sein. Und die Stadt habe ich auch noch nie gesehen. Das muss Morges gewesen sein! Ist das nicht unglaublich? Ob die Höhle einem alle Fragen auf diese Weise beantworten kann? Stellen Sie sich das mal vor!«

»Ich bin gespannt, was Peter dazu sagen wird.«

»Peter, natürlich! Den hatte ich ganz vergessen. Wir müssen ihn unbedingt holen.« Bei diesen Gedanken lösten sich die Bilder augenblicklich auf, und das sanft wabernde blaue Licht trat an ihren Platz. Es war, als würden sie aufwachen. Für einen Moment fühlte sich Patrick orientierungslos. Das Licht um ihn herum war viel heller, als er es in Erinnerung hatte. Und plötzlich sah er, dass er direkt vor der Lichtsäule stand, die im Zentrum der Höhle in die Höhe strahlte. Anscheinend war er unbemerkt weitergelaufen – glücklicherweise, ohne dabei in einen der Gräben zu stürzen. Neben ihm stand Stefanie, noch immer mit der Hand auf seiner Schulter. Auch sie hatte sich also bewegt. Sie befanden sich beide im inneren Kreis der Höhle. Es war eine Plattform von etwa zehn Metern Durchmesser. In der Mitte befand sich ein steinernes Podest, etwa hüfthoch, von dem die Lichtsäule ausging.

Das Licht stieg bedächtig und sanft nach oben. Hellere und dunklere Strömungen waren darin zu erkennen. Die Tatsache, dass es dabei keinerlei Geräusch von sich gab, verlieh dem Phänomen eine seltsame Wärme und Weichheit. Das Absonderlichste aber war die eigentliche Quelle des Lichts. Denn es war nicht das Podest selbst, das diese Strahlung aussandte, sondern das, was auf dem Podest stand.

Es war ein Kopf. Doppelt so groß wie ein natürlicher Schädel, glänzend, leicht spiegelnd und offenbar aus einer Art rotgoldenem Metall gefertigt. Die Gesichtszüge waren nur angedeutet, doch es mochte der stilisierte Kopf eines Mannes sein, zumindest falls der längliche Fortsatz am Kinn einen Bart darstellte. Er trug eine eigentümliche Frisur. Vielleicht war es auch eine Mütze oder etwas anderes, aber es war geformt wie ein Paar Stierhörner.

»Was zum Teufel...«, brachte Patrick hervor.

»Ich denke nicht, dass man das anfassen sollte«, sagte Stefanie.

»Keine Sorge, das hatte ich auch nicht vor... Aber sehen Sie mal...« Er beugte sich näher heran. »Was ist das nur? Kupfer ist es nicht... irgendeine Legierung. Könnte goldhaltig sein. Und diese Kopfform... Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es sieht keiner westlichen Kultur ähnlich. Wirkt eher orientalisch ...«

»Patrick... ich denke wirklich, wir sollten zu Peter zurück. Ich habe ein ungutes Gefühl.«

Patrick sah auf und verharrte einen Augenblick. »Sie haben Recht... Mir geht es plötzlich auch so! Los!«

Mit eiligen Schritten machten sie kehrt und gingen den Weg zurück, bis sie die Öffnung in der Felswand erreichten, die sie aus der Kaverne und zurück zum Durchgang führte, wo sie Peter zurückgelassen hatten.

Patrick konnte nicht sagen, was diesen Instinkt plötzlich ausgelöst hatte, doch er war sich sicher, dass etwas passiert war. Hinter der Biegung des Gangs sah er sofort, dass der Engländer nicht da war. Stefanies Hand fiel von seiner Schulter ab, als er vor ihr in den Höhlenraum mit den Inschriften rannte. Auch hier war keine Spur vom Professor zu sehen.

»Peter! Wo sind Sie?!«

Stefanie trat neben ihn. »Er ist nicht freiwillig gegangen«, stellte sie fest.

»Merde!«

»Monsieur? Madame?« Sie fuhren herum, als ein vom Regen durchnässter Mann durch den Eingang und in das Licht der Scheinwerfer in der Höhle trat. Es war einer der Ranger. »Es gibt da ein Problem.«

Die Bilder auf dem Überwachungsmonitor warfen einen unwirklichen Schein auf die Gesichter von Stefanie und Patrick.

Zum zweiten Mal sahen sie sich die Szene an. Das Farbspektrum der Wärmebildkamera verfremdete den Wald in eine schwarzblaue, leblose Landschaft. Dann tauchte plötzlich zwischen den Bäumen ein gelblicher Fleck auf. Nicht sehr groß, aber deutlich. Wie ein Geist schwebte er in der Mitte des Bildes durch die Luft. Er verschwand am Bildrand, dann übernahm eine andere Kamera das Objekt und zeigte es aus einem anderen Blickwinkel. Der Fleck wanderte noch ein Stück und blieb dann scheinbar in der Luft hängen. Und nun verformte er sich, dehnte sich aus, wurde größer, mit zwei Enden, die nach unten hingen. Das gebogene Objekt nahm weiter Konturen an, wurde zur Mitte hin orangefarben, und dann war zu erkennen, dass es sich um den Körper eines Menschen handelte, nach vorn gebeugt, als wolle er mit den Fingern seine Fußspitzen berühren. Ein zweiter Monitor zeigte dieselbe Einstellung und laut der eingeblendeten Daten in der Fußzeile auch denselben Augenblick. Es waren die Bilder einer regulären Kamera. Da es inzwischen dunkel geworden war, war hier währenddessen nur das undifferenzierte Schwarz des Waldes zu sehen. Doch als auf dem Wärmebild-Monitor ein neuer, schnell größer werdender roter Fleck erschien, tat sich jetzt auch hier etwas: Ein gelbes Paar Lichter schien zwischen den Baumstämmen hervor. Ein Auto näherte sich. Da es auf die Position der Kamera zufuhr, blieb das, was die Scheinwerfer anstrahlten, nur als Schatten vor dem Licht auszumachen. Dennoch wurde nun deutlich, dass im Vordergrund ein Mann stand. Er trug offenbar einen Mantel mit Kapuze, denn er bildete nur einen gleichförmigen Umriss, ohne Details erkennen zu lassen. Dieser Mann war auf dem thermographischen Bild überhaupt nicht sichtbar, wohl aber das Bündel, das er über der Schulter trug: einen regungslosen Körper.

Peter!

Der Wagen stoppte. Es war ein kleiner Lieferwagen. Das Licht wurde ausgeschaltet. Nur einer der Bildschirme zeigte noch, was vor sich ging; Der Körper wurde zur Ladefläche getragen und eingeladen. Dann gingen die Lichter wieder an, der Wagen wendete und fuhr den gleichen Weg zurück, den er gekommen war. Zurück blieb der Wald, bewegungslos und dunkel.

»Wir haben bereits ein Spurensicherungsteam da draußen«, sagte der Ranger, »anhand der Wärmesignatur und den Lichtern identifizieren wir gerade den Wagen.«

»Wie konnten Sie ihn nur entwischen lassen?!«, fragte Patrick.

»Er war unsichtbar, Monsieur...«

»Ach, erzählen Sie doch keinen Quatsch! Irgendein Herkules steigt den Berg hinauf, wirft sich den Professor über die Schulter, klettert wie eine Gämse wieder herunter und verschwindet dann wie der Weihnachtsmann? Genauso gut hätten Sie auch eine ganze Marschkapelle vorbeiziehen lassen können!«

»Sie haben doch selbst gesehen...«

»Alles, was ich gesehen habe«, unterbrach ihn Patrick barsch, »ist, dass Ihre Überwachungseinrichtungen ungenügend sind! Und wie lange benötigen Sie, um zu identifizieren, dass das ein VW-Bus gewesen ist? Der ist doch inzwischen bestimmt schon hundert Kilometer weit weg.«

»Monsieur, bei allem Respekt, wir tun unser Bestes.«

»Mir ist Ihr Bestes aber nicht gut genug! Kommen Sie, Stefanie, wir fahren ins Hotel!«

Sie verließen den Container, liefen durch den Regen zum Wagen und waren kurz darauf auf dem Weg.

»Was haben Sie jetzt vor?«, fragte Stefanie.

»Wir rufen Elaine an. Die Kameraden da im Wald scheinen ja ganz groß in der Observation der landschaftlichen Idylle zu sein, aber das Lernvideo ›Wie sichere ich ein Gelände – Teil eins' haben sie wahrscheinlich mit einem Porno überspielt.« Grimmig sah er auf die Straße. Er merkte, dass sie ihn ansah.

Flüchtig blickte er zu ihr hinüber. Ihre Augen wirkten traurig, betrachteten ihn jedoch sanft, verständnisvoll, und noch immer kam ihm ihre Erscheinung überirdisch vor, strahlend und voll warmen Mitgefühls, »'tschuldigung«, murmelte er und versuchte, sich wieder auf die nasse Fahrbahn zu konzentrieren und darauf, was er Elaine sagen würde.

Der Förster von St.-Pierre-Du-Bois stand im Foyer des Hôtel de la Grange und unterhielt sich mit der Dame an der Rezeption.

»Nein, es ist doch noch Schonzeit, Nadine. Höchstens Kaninchen. Ich versuche, diese Woche ein paar vorbeizubringen, ja?«

»Das wäre schön, Fernand! Du weißt doch, dass wir uns immer darüber freuen.«

»Sicher... ich werde sehen, was ich tun kann. Aber weshalb ich hier bin: Kannst du mir sagen, wo die Forscher sind?«

»Du meinst den Engländer, die Frau und Monsieur Nevreux, aus der Suite? Die sind heute Nachmittag losgefahren.«

Levasseur blickte auf die Uhr. Es war spät. Draußen war es bereits dunkel geworden.

»Weißt du, wohin? Oder wann sie zurückkommen?«

»Nein, tut mir leid. Willst du ihnen eine Nachricht hier lassen?«

»Hm... ja, warum nicht.«

Die Rezeptionistin reichte ihm einen Block und einen Bleistift. Der Förster wollte gerade ansetzen, als er die Eingangstür hörte und Patrick und Stefanie eintreten sah. Sogleich wandte er sich ihnen zu.

»Madame, Monsieur! Kann ich Sie kurz sprechen?«

»Monsieur Levasseur, das ist gerade ein äußerst schlechter Augenblick!« Patrick wollte an ihm vorbeistürmen, als ihm etwas einfiel. Er blieb stehen. »Moment mal... eine Frage: Sie haben nicht zufällig vor etwa zwanzig Minuten oder einer halben Stunde einen VW-Bus gesehen? Der aus dem Wald kam, die Straße zur Absperrung herunter?«

»Nein, tut mir leid...«

»Na gut. Danke. Kommen Sie, Stefanie.« Er wandte sich ab und ging zum Treppenaufgang.

»Aber Monsieur, ich muss mit Ihnen reden!«

»Wir haben jetzt wirklich keine Zeit«, erklärte Stefanie. »Wir müssen ein paar dringende Anrufe erledigen. Könnten Sie vielleicht morgen früh wiederkommen?« Etwas im Blick des Försters ließ sie erkennen, dass er nur ungern länger warten wollte. »Oder wissen Sie was: Geben Sie mir doch Ihre Nummer. Wenn wir es schaffen, melden wir uns heute noch. Andernfalls kommen Sie doch gleich morgen um acht zum Frühstück.«

»Gut...« Er holte eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche. »Es wäre aber schön, wenn es heute noch ginge. Es geht um Ihre Forschungen...«

Sie nahm die Karte entgegen. »Danke. Wir bemühen uns. Auf Wiedersehen, Monsieur.« Dann folgte sie Patrick.

Der Förster stand einen Augenblick unentschlossen da. Dass sie nicht begeistert waren, ihn zu sehen, hatte er nicht anders erwartet. Aber eigentlich hatte er sich nicht derart abwimmeln lassen wollen. Ob tatsächlich etwas vorgefallen war? Aber wen konnten sie schon um diese Uhrzeit noch anrufen? Ihm kam eine Idee.

»Nadine, ihr habt doch sicherlich eine zentrale Telefonanlage, oder?«

»Ja, haben wir.«

»Hör zu: Es ist ganz wichtig, dass ich herausfinde, wen sie anrufen. Ist das möglich? Oder noch besser, kann man in die Gespräche reinhören?«

»Fernand! Das geht doch nicht!«

»Nun komm schon. Es ist wichtig. Du weißt, dass mich Fauvel ausdrücklich dazu beauftragt hat. Das weißt du doch, oder?« Er sah ihre ungläubigen Augen. »Na, dann weißt du es jetzt. Es geht um eine ganz große Sache. Das sind Fremde, und sie betreiben merkwürdige Untersuchungen im Wald. Wenn wir da nicht aufpassen, nehmen die uns hier alles weg. Das Hotel hier haben sie bereits gekauft! Oder wusstest du das auch nicht?«

»Schon...«

»Na siehst du! Du musst mir helfen! Wir müssen herausfinden, was die machen, wen sie anrufen! Also geht das mit der Telefonanlage?«

»Ich weiß nicht... vielleicht.«

»Lass es uns versuchen.«

»Gut... komm her.«

Er ging um den Tresen der Rezeption herum und steuerte das dahinter liegende Büro an.

»Fernand!«

Der Förster zuckte zusammen und fuhr herum. Es war René, der Koch des Hotels, der gerade durch das Foyer ging und sie entdeckt hatte.

»Na, ihr beiden Hübschen? Wo wollt ihr denn hin?« Er lachte und trat näher. »Lange nicht gesehen! Wann bringst du mal wieder was mit?«

Fernand schüttelte ihm die Hand. »Hallo, René! Diese Woche noch, einverstanden? Das musste ich Nadine auch schon versprechen. Aber nur, wenn es wieder Rotweinsauce gibt. Deine letzten Kaninchen in Rosmarinkruste, oder was es war, haben mir überhaupt nicht geschmeckt!«

»Ja, ja, was der Bauer nicht kennt...« Der Koch lachte erneut. »Ich zähl auf dich!« Dann ging er weiter. Der Förster nutzte die Gelegenheit, ins Büro zu schlüpfen. Nadine folgte ihm und schloss die Tür hinter ihnen. Sie setzte sich an einen Computer, nahm ein paar Einstellungen vor und zeigte dann auf einige Symbole auf dem Bildschirm.

»Das sind ihre Anschlüsse. Wenn sie aktiv werden, beginnen sie zu blinken. Dann kannst du sie anklicken und das Gespräch über diese Lautsprecher hier mithören. Die Nummer wird dort angezeigt. Alles klar? Aber nur einmal anklicken, nicht mehrfach, das hört man in der Leitung.«

»Gut, verstanden.«

»O.k., setz dich. Marlene kommt etwa in einer halben Stunde, dann musst du gehen. Ich sag dir Bescheid.«

»Danke, Nadine! Ich schulde dir was!«

»Ich werde dich daran erinnern«, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Dann verließ sie das Büro und ließ ihn allein vor dem Rechner sitzen.

Stefanie brachte eines der Fenster in Kippstellung. Zwar regnete es draußen, aber Patrick hatte sich wieder mal eine Zigarette angesteckt. Er saß bereits an ihrem Konferenztisch und nahm den Hörer in die Hand. Dann zögerte er.

»Was ist?«, fragte Stefanie.

»Wir sind von Anfang an beobachtet worden, und jetzt die Sache mit Peter. Wahrscheinlich ist es keine gute Idee, jetzt in Genf anzurufen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Leitungen hier angezapft sind.«

»Aber wer würde so etwas tun?«

»Ich weiß es nicht.«

»Außerdem sind auch Informationen nach außen gedrungen, ohne dass wir telefoniert haben.«

»Ja, das stimmt...« Unschlüssig hielt er den Hörer in der Hand. »Ach, was soll's. Jetzt ist es sowieso zu spät, und wir haben keine Zeit zu verlieren!« Er wählte die Nummer ihrer Auftraggeberin in Genf. Er hatte den Lautsprecher eingeschaltet, so dass das Klingeln am anderen Ende der Leitung zu hören war. Dann nahm jemand ab.

»Monsieur Nevreux, nehme ich an?« Es war Elaine de Rosney.

»Ja, guten Abend. Woher wussten Sie...?«

»Ich kann Ihre Nummer auf dem Display sehen.«

»Aber es hätte auch Peter sein können.«

»Er würde um diese Uhrzeit nicht mehr anrufen. Sie haben Glück, dass Sie mich noch erreichen. Wie läuft das Projekt? Bereitet Ihnen der Bürgermeister noch Probleme?«

»Nein, wir haben nichts mehr von ihm gehört. Allerdings haben wir ein anderes Problem. Peter ist verschwunden, und wir vermuten, dass er entführt wurde.«

»Was ist passiert?«

Patrick nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. »Peter, Stefanie und ich waren oben und haben die Höhle untersucht ...«

»Stefanie? Wer ist Stefanie?«

»Stefanie Krüger, die Sprachwissenschaftlerin.«

»Ich hatte Ihnen Eric Maarsen zugeteilt! Wo ist er? Und wer ist diese Frau Krüger?«

Stefanie nahm den Hörer in die Hand, obwohl man sie durch das Mikrofon des Gerätes auch so verstanden hätte. »Hier spricht Stefanie Krüger, Madame. Herrn Maarsen sind persönliche Gründe dazwischengekommen. Daher hat er den Auftrag an mich weitergegeben.«

Patrick sah sie skeptisch an.

»Das ist unerhört!«, klang es aus dem Lautsprecher. »Diese Daten waren ohne meine Zustimmung nicht weiterzugeben!«

»Ich versichere Ihnen, dass das Projekt bei mir in den besten Händen ist.«

»Ich weiß nicht, wer Sie sind, Frau Krüger, aber beten Sie, dass Sie Recht behalten! Wir sehen uns, da können Sie ganz sicher sein! Und wenn Sie dem Projekt oder mir in die Quere kommen, kostet Sie das Ihren Kopf, ich hoffe, das ist Ihnen klar!«

»Nun mal langsam, Madame«, mischte sich nun Patrick ein. »Schließlich haben wir gute Fortschritte gemacht. Und im Augenblick haben wir ganz andere Sorgen.«

»Ich werde Sie überprüfen lassen, Frau Krüger, machen Sie sich darauf gefasst! Und Sie, Monsieur Nevreux, bevor Sie mir mit Ihren Problemen kommen, möchte ich ein paar Ergebnisse sehen!«

»Wir haben die Höhle betreten.«

»Sie haben was?! Tatsächlich? Und was ist hinter dem Durchgang?«

»Noch eine Höhle.«

»Was soll das heißen, ›noch eine Höhle‹? Lassen Sie sich nicht die Würmer aus der Nase ziehen, Monsieur Nevreux. Ich dachte, Sie brauchen meine Hilfe. Also erklären Sie mir, was sich hinter dem Durchgang befindet. Und überhaupt: Wie sind Sie hineingekommen?«

»Also gut. Bei der Höhle handelt sich um eine Art Wissensarchiv. Wie es funktioniert, wissen wir noch nicht. Aber die Texte weisen auch darauf hin: ›Dies sind die Archive des Wissens, denen zugänglich, die Hüter der Weisheit sind.‹ Und aus kulturhistorischer Sicht sind Frauen Hüter der Weisheit. Tatsächlich kann man als Frau die Höhle betreten, oder wenn man als Mann von einer Frau berührt wird.«

»Ersparen Sie mir solche esoterischen Spinnereien, das passt nicht zu Ihnen, Sie sind Ingenieur. Entweder Sie erzählen mir jetzt die Wahrheit, oder Sie probieren es morgen noch mal. Ich habe jedenfalls keine Zeit für diesen Firlefanz.«

»Gut, dann glauben Sie es eben nicht. Jedenfalls befindet sich hinter dem Durchgang eine große Kaverne, die in der Lage ist, Wissen per Gedankenkontrolle zu vermitteln. Wahrscheinlich klingt Ihnen das jetzt auch schon wieder zu mystisch, es ist aber so. Man geht hinein, und alles, an was man denkt, erscheint als Bild in der Luft vor einem. Und wenn man eine Lösung sucht, dann ist die Höhle auch in der Lage, die Antwort zu visualisieren. Es wird also nicht nur das gespiegelt, was man bereits im Kopf hat.«

»Sind Sie sicher? Eine Beeinflussung durch bewusstseinsverändernde Stoffe ist ausgeschlossen? Pilzsporen oder Gase in der Luft?«

Patrick beobachtete, wie Stefanie ungeduldige Handbewegungen machte. Für den Fall, dass sie tatsächlich abgehört wurden, erzählte er viel zu viel. Außerdem musste er zum Punkt kommen: Peters Entführung. »Wie müssen die Ergebnisse noch verifizieren, und wir haben auch noch keine Ahnung, wer das gebaut hat und wie es funktioniert«, sagte er. Dabei dachte er an die Lichtsäule und den Kopf. »Möglicherweise eine uralte, unbekannte Kultur. Jedenfalls ist es nicht mittelalterlich, so viel steht fest. Aber als Stefanie und ich aus der Höhle herauskamen, war Peter verschwunden!«

»Was meinen Sie mit verschwunden? Kann er nicht einfach gegangen sein?«

»Nein, auf keinen Fall. Außerdem haben die Ranger ein paar merkwürdige Beobachtungen gemacht. Wir vermuten, dass er entführt und in einem VW-Bus verschleppt wurde.«

»Wann soll das gewesen sein?«

»Vor etwa einer halben Stunde.«

»Und gibt es Spuren von Gewalt?«

»Nein, aber eine Video-Aufnahme, die den VW-Bus zeigt.«

»Und man sieht deutlich, wie er darin entführt wird?«

»Nun...« Patrick dachte an die Wärmelichtaufnahmen. Er ahnte, dass es schwer werden würde, das Phänomen des Unsichtbaren nun mit Elaine zu besprechen, und dass dies wahrscheinlich in kurzer Zeit nirgendwohin führen würde. »Nein, eigentlich nicht.«

»Und ich vermute, ein Nummernschild des Busses haben Sie auch nicht?«

»Nein...«

»Also Ihre Fakten sind reichlich dünn. Ich schlage vor, Sie warten erst einmal, ob er heute im Laufe der Nacht noch auftaucht. Und sollte er am Morgen noch nicht da sein, melden Sie sich.«

»Na gut...« Patrick wurde klar, dass er bei Elaine im Augenblick nichts erreichen würde.

»Bis dahin können Sie sich Zeit nehmen, um einen ausführlichen Bericht für mich zu verfassen. Ich habe morgen einen Termin um neun und würde mir gerne vorher noch eine Stunde Zeit nehmen, ihn zu lesen. Und lassen Sie sich von dieser fragwürdigen Frau Krüger helfen.«

»Ja, verstanden.«

»Sehr schön. Also dann, einen schönen Abend noch.« Sie legte auf.

»Zuvorkommend, wie immer...«, sagte Patrick und legte den Hörer beiseite. Dann sah er Stefanie eine Weile an. »Wer sind Sie wirklich?«

»Sie können mir vertrauen, Patrick.«

»Elaine kennt Sie nicht.«

»Das stimmt. Wir haben uns auch nicht persönlich getroffen. Aber dennoch habe ich die Projektunterlagen erhalten, und ich helfe Ihnen!«

Patrick nickte stumm. Es war nicht vollkommen logisch, aber auf eine besondere Art wusste er es. Vielleicht log sie, was Elaine anging. Vielleicht gehörte sie tatsächlich nicht hierher, nicht m dieses Projekt, aber auf jeden Fall war sie auf der Seite der Guten – was auch immer das bedeuten mochte.

»Was machen wir jetzt mit Peter?«, fragte Stefanie.

»Wir haben nicht viele Anhaltspunkte. Aber ich möchte mich ungern auf die Ranger oder Elaine verlassen...«

»Haben Sie eine Vorstellung, wer ein Motiv haben könnte?«

»Inzwischen gibt es beunruhigend viele Leute, die von unserer Arbeit hier gehört haben. Und es waren auch einige unangenehme Gesellen dabei. Der Bürgermeister, der Förster... Aber beiden traue ich das nicht zu. Beängstigend fand ich diesen Spinner auf dem Symposium, von dieser Sekte, wie hieß sie noch?«

»›Hand von Belial‹?«

»Genau. Der schien mir ausreichend manisch veranlagt zu sein. Andererseits wissen wir nichts weiter über ihn.«

»Nun, das ließe sich ja herausfinden.«

»Wollen Sie wieder im Netz suchen?«

»Nein, aber Ihre Bekannte Renée, die von den Freimaurern. Sie war doch auch in Cannes. Wir könnten sie anrufen und fragen, was sie über die Sekte weiß.«

»Ja, gute Idee, warum nicht. Geben Sie mir die Nummer.«

Keine Viertelstunde später waren Patrick und Stefanie auf dem Weg nach Carcassonne. Renée Colladon hatte sich außerordentlich gesprächig gezeigt, nachdem sie ihr erzählt hatten, dass sie die Sekte von Ash Modai verdächtigten, für Peters Entführung verantwortlich zu sein. »Wenn Sie denen vom Fund Ihrer Höhle erzählt haben, wundert mich das nicht«, hatte sie gesagt. Sie schien die Satanisten und ihre Interessen und Gepflogenheiten mehr als nur oberflächlich zu kennen. Nicht nur die Drohungen waren ihr bekannt vorgekommen. Auch die Tatsache, dass diese Leute offenbar über Möglichkeiten verfügten, sich fast ungesehen fortzubewegen, war ihr bekannt. »Es gibt vieles, Monsieur Ingénieur, was Sie mit Ihrer Kenntnis von Mathematik und Technologie niemals erklären können.« Patrick war darauf nicht weiter eingegangen und hatte auch nicht mehr von ihrem Fund berichtet, dennoch war Renée bereit gewesen, ihnen ausführlich zu erläutern, dass sich die Sekte der »Hand von Belial« in verschiedene Verwaltungsbezirke aufteilte, die sie Fürstentümer nannte. Das Zentrum der westlichen Fürstentümer lag in Albi. In den weit verzweigten Katakomben unter der mittelalterlichen Stadt befand sich eine Anlage unbekannten Ausmaßes. Und Renée hatte ihnen einige der versteckten Eingänge genannt. »Ich rate Ihnen aber dringend ab, sich dort auf eigene Faust herumzutreiben«, hatte sie gesagt. »Die Satanisten schätzen es nicht, wenn man sie ungebeten besucht oder sie gar aus ihren Löchern treibt«, hatte sie erklärt. Sie seien zu allem fähig, wären kriminell und niederträchtig. »Ich bin sicher, dass wir uns einigen werden«, hatte Patrick erwidert. Und das Geheimnis der Höhle würde selbstverständlich gewahrt bleiben. Renée hatte das Gespräch nur widerwillig beendet und nicht, ohne sich versichern zu lassen, dass man auf sie zurückkommen würde, falls Hilfe nötig sei, und spätestens, sobald Peter wieder da sei.

»Sie haben mir noch nicht erklärt, was genau Sie nun vorhaben«, sagte Stefanie. »Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass wir keinesfalls allein dort hineingehen.«

»Nein, natürlich nicht. Aber wie ich schon am Telefon sagte, finden wir sicherlich ein paar überzeugende Argumente.«

»Und was meinen Sie damit? Glauben Sie, den Satanisten könnte man drohen? Oder wollen Sie einen Handel betreiben? Sagen Sie es mir.«

»Einen Handel? Nein, nicht direkt. Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich wollte mich an ganz offizielle Stellen wenden: die Polizei. Was meinen Sie, wie schnell die auf den Füßen sind, wenn wir ihnen erzählen, dass unsere kleine Tochter von einem Paar grobschlächtiger Männer vom Fahrrad gerissen und in den Untergrund gezerrt worden ist...«

»Unsere Tochter? Also, jetzt gehen Sie aber zu weit mit Ihrer Fantasie.«

»Wenn Sie eine bessere Idee haben, lassen Sie es mich wissen.«

Eine Weile erwiderte sie nichts, so dass Patrick schon dachte, sie würde sich tatsächlich einen anderen Plan ausdenken. »Madelaine«, sagte sie dann.

»Hm?«

»Sie muss doch einen Namen haben. Sie heißt Madelaine. Und sie ist Ihre Tochter. Aus erster Ehe.«

Patrick lächelte, »Meinetwegen.«

Bald hatten sie Carcassonne erreicht und suchten die Straße über Mazamet nach Castres. Von dort würden es noch etwa vierzig Kilometer nach Albi sein. Patrick hatte sich für die Landstraße entschieden, weil er der Meinung war, dass er die gesamten hundert Kilometer auf ihr schneller zurücklegen konnte als die doppelte Strecke auf der Autobahn über Toulouse. Stefanie hatte dies zwar zunächst bezweifelt, aber als sie nun Zeuge wurde, wie Patrick den Landrover über die bei Tage wohl durchaus malerische Strecke jagte, wurde ihr klar, dass es ihm hauptsächlich darum ging, auf den weniger befahrenen Strecken den wachsamen Augen der Verkehrspolizei zu entgehen.

»Eines noch, Patrick...«

»Ja?«

»Es ist mir wichtig, dass wir vorher darüber reden und Sie mir etwas versprechen.«

Patrick wusste nicht recht, wie ihm geschah. Plötzlich umgab eine intensive Aura seine Beifahrerin. Er sah Stefanie von der Seite an. Ihr Gesicht lag im Dunkeln, dennoch waren ihre Haare von einem unwirklichen Glanz umgeben. Sein Herz schien für einen Moment auszusetzen. Ein Gefühl, das er seit seiner Jugend nicht mehr gekannt hatte. Wie schon in der Höhle strömte das Blut warm in seinen Unterleib, aber es überlief ihn gleichzeitig auch ein Schauer, den er voller Verwirrung nicht als Erregung, sondern als Angst erkannte. Angst davor, dass er sie berühren wollte, Angst, dass sie sich von ihm abwenden würde, Angst, dass sie wie ein Traumbild verschwände.

»Hören Sie mir überhaupt zu?«

»Wie? Oh, ja. Ich war gerade in Gedanken. Was sagten Sie?«

»Sie müssen mir etwas versprechen, Patrick.«

»Aber ja, sicher doch. Um was geht es?«

»Die Höhle. Sie ist unantastbar. Sie ist zu mächtig. Sie ist nicht für jeden Menschen bestimmt. Sie dürfen nichts davon erzählen. Und ganz besonders nicht diesen Sektenmitgliedern. Sie dürfen niemals das Geheimnis der Höhle erfahren!«

»Na ja, wo sie ist, wissen die ja schon. Aber ich hatte nicht vor, ihnen auf die Nase zu binden, wie man hineinkommt.«

»Schwören Sie es.«

»Wie bitte?«

»Sie sollen es schwören. Dass Sie das Geheimnis der Höhle niemandem verraten werden. Schlimm genug, dass Elaine es weiß.«

»Ich bitte Sie, sie ist schließlich unsere Auftraggeberin. Und außerdem haben wir ihr den Bericht ja noch gar nicht geschickt, den sie haben wollte.«

»Schwören Sie es!«

»Meine Güte, ja doch. Ich versprech's Ihnen.«

»Schwören Sie auf das Leben von Madelaine.«

»Auf meine virtuelle Tochter?«

»Nein, auf Madelaine, Ihre jüngere Schwester.«

Patrick verriss das Steuer, hatte den Wagen aber gleich darauf wieder unter Kontrolle. Anschließend ging er vom Gas und rang nach Luft. »Wie können Sie das wissen?!«, brachte er halblaut hervor.

»Sie haben sie geliebt und wie eine Prinzessin behandelt. Und sie hat Sie immer ihren goldenen Prinz genannt. Sie starb vor zwanzig Jahren, nicht einmal erwachsen geworden, an Krebs. Und Sie wünschten, Sie hätten genug Geld für eine weitere Behandlung und eine Privatklinik gehabt, denken, Sie hätten irgendetwas ändern, aufhalten können.«

Patrick starrte auf die Straße. Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in seinem Hals.

»Und seitdem«, fuhr Stefanie fort, »sind Sie auf der Suche nach dem wahren goldenen Prinz, nach El Dorado.... Ist es nicht so?«

Patrick schwieg.

»Aber Sie wissen so gut wie ich, dass Sie die Vergangenheit nicht rückgängig machen können. Sie können erfolgreich werden, aber mit allem Geld der Welt holen Sie sie nicht zurück. Was Sie ändern können, ist die Zukunft. Und jetzt haben Sie die Möglichkeit, etwas Gutes zu tun und dafür zu sorgen, dass diese Mächte nicht in den Besitz der Höhle und ihres Geheimnisses kommen. Bitte, Patrick!«

Ein tiefes Einatmen war die Antwort. Er schwieg einige weitere Augenblicke, bevor er wieder Gas gab. Langsam, dann bestimmter. »Ich schwöre es«, sagte er schließlich.

Als Peter zu sich kam, kniete er. Sein Kopf war auf die Brust gesunken. Als er ihn hob, überkam ihn eine Welle trägen Schwindelgefühls. Er öffnete die Augen einen Spalt und erkannte ein steinernes Gewölbe. Also war er noch immer hier unten. Er war noch immer... gefangen?

Seine Arme waren seitlich ausgestreckt, und seine schmerzenden Handgelenke wurden von metallenen Manschetten gehalten, die mit kurzen Ketten an der Wand befestigt waren. Das war der Grund, weswegen er kniete und nicht auf den Boden gefallen war: Sein Gewicht hing an seinen festgeketteten Armen.

Er wollte aufstehen. Aber es ging nur langsam und mühselig. Seine körperliche Verfassung erlaubte keine hastigen Bewegungen. Außerdem musste er feststellen, dass seine Fußgelenke ebenfalls durch Eisenmanschetten und Ketten an der Wand befestigt waren. Das ganze Arrangement bot gerade mal so viel Spielraum, dass es ihm möglich war, aufzustehen – mehr nicht.

Seine Beine kribbelten und kitzelten, als sie wieder durchblutet wurden. Er musste eine ganze Weile bewusstlos gewesen sein. Nun sah er sich um.

Er stand an der Wand auf einem Absatz in etwa drei oder vier Metern Höhe über dem Boden eines gewaltigen Saals.

Ähnlich dem Mittelschiff einer Kirche wurde die Decke in etwa zehn Metern Höhe von einem Kreuzgewölbe und einer langen Reihe steinerner Säulen getragen.

Als Beleuchtung dienten unzählige Kerzen, deren flackerndes Licht überall Schatten tanzen ließ. Auf den zweiten Blick bemerkte Peter, dass es ausnahmslos schwarze Kerzen waren, die hier verwendet wurden. Schlagartig erinnerte er sich daran, dass er sich in der Gewalt von Menschen befand, die sich zu einer satanischen Sekte zusammengeschlossen hatten. Das Leben machte in der Tat nicht Halt vor Klischees, wie auch schon der Franzose bemerkt hatte. Als ob die Farbe von Kerzen irgendetwas bewirken würde. Aber dann wiederum, dachte er, machten es andere Religionen ja nicht anders. Belanglose Gegenstände, scheinbar sinnlose Gesten oder Worte entwickelten ihre Wirkung gerade durch die Bedeutung, die ihnen beigemessen wurde.

Zwischen den Säulen stand eine Gruppe von Sektenmitgliedern, in schwarze Kutten gehüllt und barfuß. Es waren Männer und Frauen darunter, was Peter an den Körperformen und vor allen Dingen an den Haaren ablesen konnte, die offen getragen wurden und über die Schultern fielen. Die Gruppe trug einen monotonen Singsang vor, nicht unähnlich einem gregorianischen Choral, jedoch eindeutig nicht in einer ihm bekannten Kirchentonart, sondern unangenehm dissonant. Das Irritierende war, dass es nicht wirkte, als sängen sie falsch. Im Gegenteil: Die Klänge passten auf eine merkwürdige Art zueinander, doch sie woben einen unwirklichen und zutiefst verstörenden Teppich, der bösartig und aggressiv klang. Sie waren alle nach links gewandt, beobachteten oder untermalten mit ihrem Gesang offenbar irgendetwas. Als Peter in dieselbe Richtung blickte, entdeckte er an der Stirnseite des Saals eine Erhöhung. Und wie in einer Kirche stand dort ein Altar. Es war ein großer Block, hüfthoch, fast zwei Meter breit, aus weißem, poliertem Stein, möglicherweise Marmor. Inmitten der dunklen Umgebung leuchtete er förmlich.

Zunächst schien er überhaupt nicht in das düstere Bild zu passen, doch kurz darauf sollte sich der Sinn dieser Farbwahl auf eine perverse Weise offenbaren.

Hinter dem Altar stand eine Gestalt in schwarzer Kutte. Der Mann hielt mit der linken Hand die zusammengebundenen Beine eines schwarzen Hahnes. Die Flügel waren offenbar ebenfalls fixiert, dennoch zappelte das Tier nach bestem Vermögen.

Als der Gesang in einem plötzlichen Aufschrei seinen Höhepunkt erreichte, vollführte der Mann mit der rechten Hand eine blitzschnelle Bewegung. Etwas Schwarzes wurde zur Seite geschleudert. Peter erschrak. Es war der Kopf des Hahns. Er hatte dem Tier den Kopf abgeschlagen! Der Vogel zuckte nun spastisch, Blut spritzte aus seinem Hals, ergoss sich über den Altar. Dann umfasste der Mann den Körper des Hahns mit der anderen Hand, hielt ihn fest und vollführte kreisende Bewegungen. Dabei hinterließ er überall auf dem makellosen Weiß des Steins eine leuchtend rote Spur, bis der Hals des Tiers nach einer Weile aufhörte zu pulsieren und zu sprudeln und der ehemals reine Altar über und über mit glänzendem Blut besudelt war.

Übelkeit stieg in Peter auf, er musste die Augen schließen und durchatmen. Mochte er über die Satanisten auch gelächelt haben – diesen Leuten war es ganz offenbar sehr ernst!

»Wunderbar, nicht wahr?«

Peter fuhr zusammen und sah auf. Ash Modai stand neben ihm auf dem Absatz.

»Ist es nicht eine wunderbare Halle, Peter? Ich darf Sie doch Peter nennen?«

»Was sind das hier für kranke Menschen?«

»Das Kreuzgewölbe ist aus dem zwölften Jahrhundert, hätten Sie das gedacht? Und noch immer stark und unerschütterlich. Die ersten Katakomben haben wir in den sechziger Jahren gekauft. Wir haben sie ausgebaut, verschüttete Gänge wieder passierbar gemacht und sie im Laufe der Zeit mit allen anderen Kellern und Katakomben verbunden, die wir über Mittelsmänner ebenfalls erworben haben. Mittlerweile kann die Stadtverwaltung von Albi keinen Spatenstich mehr tun, geschweige denn Kabel verlegen oder Sielarbeiten vornehmen, ohne uns um Genehmigung zu bitten. Selbstverständlich weiß niemand, dass all dies in einer einzigen Hand ist.«

»Albi! Wir sind in Albi... ausgerechnet hier.« Peter dachte an Albi als Hochburg der Ketzer und an die Albigenserkreuzzüge.

»Ja, ist das nicht komisch?«, sagte Ash Modai. »Eine köstliche Ironie. Aber ich neige nicht zu so viel Selbstgefälligkeit, zu behaupten, es sei Absicht gewesen. Es bot sich einfach an.« Er beugte sich ein wenig zu Peter herüber, jedoch so, dass Peter ihn mit seinen angeketteten Gliedmaßen nicht erreichen konnte. »Ehrlich gesagt«, raunte er ihm zu, »glaube ich nicht, dass das damals überhaupt jemand aufgefallen ist.«

»Was soll das Theater, was wollen Sie von mir?«

»Aber Peter, wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Es geht um die Höhle.«

»Aber ich habe Ihnen doch schon gesagt...«

»Schschsch...! Ganz ruhig, Peter. Ich weiß, was Sie durchmachen. Bemühen Sie sich nicht. Ich glaube Ihnen sowieso nicht. Daher habe ich mir etwas anderes ausgedacht.«

Peter antwortete nicht. Er überlegte fieberhaft, wie er in diese Situation gekommen war und wie er wieder herauskommen sollte. Was hatte Ash Modai vor? Was war das überhaupt für ein Spinner? Bestimmt war sein wirklicher Name ganz banal, und tagsüber arbeitete er als Kassierer im Supermarkt. Wie um alles in der Welt war es möglich, dass dieser Mann Macht über ihn haben konnte? Es war einfach absurd.

»Übrigens finde ich Ihre Bücher hochinteressant«, fuhr Ash Modai fort, »ich glaube, das hatte ich Ihnen noch gar nicht gesagt. Sie sind fundiert, greifen so viel weiter als vergleichbare Untersuchungen. Und auch Ihre Schlüsse und die Verbindungen, die Sie ziehen, sind bisweilen... gewagt. Mutig, aber genial. Nur leider... leider haben Sie dennoch in einigen Dingen Unrecht. Es ist wirklich schade, denn zum Teil sind es grundlegende Inhalte. Dadurch bleiben Ihnen ganze Bereiche verschlossen, oder Sie kommen zu gegenteiligen Ergebnissen ...«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Sie verleugnen das Metaphysische. Oder nennen Sie es das Übernatürliche, also das, was nicht in die natürliche, realwissenschaftliche Welt passt. Doch wie viele Ihrer Untersuchungen kämen zu einem anderen Ergebnis, wenn Sie als Faktor das Vorhandensein des Übernatürlichen einbezögen?«

»Ich bitte Sie! Ist das die Folter, die Sie mir jetzt angedeihen lassen wollen? Mich mit Ihren spirituellen Ansichten zu Tode zu langweilen?«

»Ich weiß, Sie können es nicht verstehen. Aber dafür habe ich Sie ja auch hergebracht. Ihre Beleidigungen prallen an mir ab, Peter. Sie sind gar nicht in der Position, mich zu beleidigen. Sie sind so weit davon entfernt, dass Sie das noch nicht einmal wissen. Ich habe auch nicht vor, Sie zu foltern. Natürlich interessiert mich die Höhle, aber Ihnen deswegen Gewalt anzutun? Warum? Ich halte Sie für verblendet, aber ich kann Sie nicht als wahrhaften Gegner ernst nehmen oder mich angegriffen fühlen. Wir leben in einer anderen Welt, Sie und ich, wir haben keinen gemeinsamen Nenner, auf dessen Basis wir in Wettstreit treten könnten. Sie widersprechen und kämpfen nicht gegen jene Dinge, die ich vertrete, Sie glauben sie ja noch nicht einmal. Was werde ich also tun? Ich werde einen gemeinsamen Grund schaffen, eine spirituelle und – wie haben Sie es in irgendeinem Buch genannt – perzeptorische Integrität.« Er lächelte.

Peter antwortete nicht, schüttelte nur verständnislos den Kopf.

«Mars und Venus stehen heute in Konjunktion! Wussten Sie das? Wissen Sie, was das bedeutet? Natürlich wissen Sie es.«

»Sie stehen im gleichen Breitengrad.«

»Längengrad, Peter, Längengrad. Aber es geht nicht darum, was es ist, sondern, was es bedeutet. Besondere Energien können heute genutzt werden! Sehen Sie diesen Altar dort? Wir haben ihn gerade geweiht. Den ganzen Tag schon wird das Ritual vorbereitet. Und nun dauert es nicht mehr lang... Es ist immer wieder erregend, eine solche Macht, eine solche Präsenz! Wenn Sie es erleben, wenn Sie zum ersten Mal spüren, was Sie derart real, so alles durchdringend in keiner Kirche jemals spüren werden... wenn Sie mit einem Schlag die Welt wirklich verstehen, sich Tore öffnen und sich ein Universum auftut, größer und gewaltiger, als Sie es sich jetzt vorstellen können... Sie können stolz sein, dabei sein zu dürfen! Denn der Anrufung beizuwohnen, ist nur den oberen Rängen in unseren Reihen gestattet.«

»Was für eine Anrufung?«

»Belial. Wir beschwören Belial, rufen ihn zu uns. Wir rufen ihn herbei, wir bereiten ihm ein Geschenk, danken ihm für seine Stärke, seine Unterstützung und seine Gnade. Dann erbitten wir erneute Gunst, erhalten Gaben und Antworten, ehren seinen Namen und tragen ihn weiter.«

»Belial beschwören?!«

»Ja, er ist unser Herr, warum sollten wir ihn nicht anrufen und zu uns bitten? Im Gegensatz zu anderen Religionen können wir unseren Herrn herbeirufen, sehen, anfassen – und er uns. Sie wissen doch wohl, wer Belial ist? Oder vielleicht sollte ich sagen: Sie haben doch wohl einiges über Belial gelesen, richtig?«

»Sie sind geisteskrank.«

»Natürlich, so muss es Ihnen scheinen. Und darum sind Sie hier. Um es mitzuerleben. Und außerdem wird der Herr uns dann jene Antworten von Ihnen holen können, die Sie uns freiwillig niemals geben würden.«

»Hören Sie, ich sagte doch schon...«, begann Peter, aber Ash Modai ignorierte ihn.

»Von hier aus können Sie das Anrufungsritual vollständig sehen.« Ash Modai trat an den Rand des Absatzes und begutachtete die Aussicht. »Auf den Altar kommt natürlich die Gabe für Belial. Zunächst wird der Hohepriester die Energien von Mars und Venus nutzen, sie kanalisieren. Dann bündelt er sie und ruft beim Höhepunkt Belial herbei, der in diesem Augenblick seine Manifestation erfährt. Er tritt unter uns, er wird das Geschenk annehmen, begierig und dankbar. Sodann werden wir im Gegenzug seine Hilfe erbitten, und wir haben bislang noch das meiste auch immer erhalten.«

»Sie haben das schon einmal gemacht?!«

»Aber natürlich«, Ash Modai lachte auf, »wer seinen Herrn liebt, der möchte ihn doch sooft wie möglich sehen. Es ist...« Er stockte kurz, als ein Kuttenträger am Rand des Absatzes erschien. Offenbar führte eine Art Treppe vom Saal herauf. Der Mann blieb mit geneigtem Kopf stehen und sagte nichts. Ash Modai trat einen Schritt an ihn heran, hielt sein Ohr nah an ihn und sagte: »Sprich.« Der Vermummte murmelte daraufhin leise etwas vor sich hin. Anschließend machte Ash Modai eine Handbewegung, und der Mann verschwand.

»Es gibt eine leichte Planänderung, Peter. Aber keine Sorge, dies ist außerordentlich erfreulich, und Sie werden die versprochene Vorstellung erhalten. Sehen Sie nachher gut hin, damit Sie nichts verpassen! Gerade auf Ihre alten Tage bekommt man so etwas sicherlich nicht mehr häufig geboten.« Er verpasste Peter einen Hieb in die Rippen. Es sollte kameradschaftlich aussehen, war aber viel zu stark. Peter rang mit schmerzverzerrter Miene nach Luft und sank auf die Knie.

»Sie müssen mich jetzt entschuldigen«, sagte Ash Modai und wandte sich zum Gehen. »Jetzt gibt es noch einiges vorzubereiten. Wir sehen uns später wieder. Sie werden ein veränderter Mensch sein, glauben Sie mir.«

Patrick parkte den Wagen gegenüber einer Polizeiwache. Sie war nur einige Straßenecken von einem Fabrikgelände entfernt, wo sich nach Renées Informationen ein Zugang zu den unterirdischen Anlagen der Sekte befand.

»Woher wussten Sie von meiner Schwester?«, fragte er Stefanie.

»Ich habe ein wenig recherchiert, bevor ich den Job angenommen habe. Über Sie und Peter. Schließlich muss man wissen, mit wem man zusammenarbeitet. Und Ihre Vergangenheit ist kein Staatsgeheimnis.«

Patrick sah sie einen Augenblick an. Dann nickte er. Sie sagte nicht die Wahrheit, das spürte er. Über seine Schwester war öffentlich nichts bekannt. Wenn sie das in Erfahrung gebracht hatte, wusste sie möglicherweise auch noch ganz andere Dinge. Aber dann würde sie ihm erst recht nicht sagen, woher. Und auf eine seltsame Art passte es zu dem neuen Bild, das er von ihr hatte. Seit dem Besuch in der Höhle war sie mehr als die Sprachwissenschaftlerin, die sie vorgab zu sein. Es war, als sei ihre Fassade plötzlich durchsichtig geworden, etwas funkelte und blitzte aus den Fugen hervor, als sei da etwas viel Größeres, Mächtigeres, nur unzureichend getarnt. Vielleicht war es auch einfach nur ein Anflug von Verliebtheit, der sie in seinen Augen so überragend und unantastbar erscheinen ließ. Dergleichen hatte er zuletzt als vernarrter Jugendlicher gespürt. Aber jetzt war es noch anders. Er fühlte sich ihr unterlegen, und zugleich fürchtete er, dass sich seine Ehrfurcht vor ihr wie ein Trugbild auflösen würde, sollte er sie berühren oder zur Rede stellen.

Schließlich gab er sich einen Ruck, um seine Gedanken abzuschütteln. »Gehen wir rein«, sagte er. »Hektisch, aufgelöst«, erinnerte er Stefanie und stieg aus. Dann hastete er auch schon über die Straße.

Die Polizeiwache war nicht groß. Sie lag im Erdgeschoss eines Bürogebäudes. Hinter der gläsernen Eingangstür befand sich ein Empfangstresen, der an ein Krankenhaus erinnerte. Als Stefanie hinzukam, sah sie Patrick wild gestikulierend mit einem Beamten sprechen, der kurz darauf bereits zum Hörer griff.

»Er ist in einer Minute da, Monsieur«, sagte der Polizist, nachdem er aufgelegt hatte. »Einen Augenblick, bitte.«

»Können sie uns helfen, Schatz?«, fragte Stefanie, als sie hinzukam.

»Ich hoffe es«, erwiderte Patrick. »Ich hoffe es...« Damit wandte er sich ab und begann, unruhig hin und her zu laufen, wobei er erregt vor sich hin murmelte. Wenige Augenblicke später kam ein Polizeibeamter durch einen Seitengang auf sie zu. »Madame, Monsieur. Ich bin Commissaire Thénardier. Was kann ich für Sie tun?«

»Madelaine, meine Tochter, sie ist vom Fahrrad gerissen worden!«, erklärte Patrick. »Zwei Männer haben sie geschnappt. Sie haben sie fortgezerrt! Nicht weit von hier. Wir müssen da hin!«

»Wann ist das gewesen?«

»Vor ein paar Minuten. Fünf oder zehn.«

»Und wo war das?«

Patrick deutete nach draußen. »Die Straße hinauf und dann rechts. Und dann noch ein Stück. Da steht eine verlassene Fabrik.«

Der Kommissar wechselte einen Blick mit dem Beamten am Empfangsschalter und nickte ihm zu. »Die alte Druckerei. Rufen Sie Eduard zum Einsatz.« Daraufhin wandte er sich wieder Patrick und Stefanie zu. »Wir sehen uns das sofort an. Ist das Ihr Wagen da draußen, Monsieur...?«

»Dupont. Ja, das ist meiner.«

»Dann steigen Sie schon mal ein, Monsieur Dupont. Und wenn ich mit meinem Kollegen im Wagen komme, fahren Sie voraus.«

»Einverstanden! Danke, Monsieur le Commissaire!«

Sie gingen mit eiligen Schritten zum Wagen und setzten sich hinein. »Das ging ja leicht«, sagte Patrick.

»Etwas zu leicht, finden Sie nicht?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe ein ungutes Gefühl...«

»Meinen Sie?«

»Wo ich herkomme, kenne ich solch unkritische Bereitschaft zumindest nicht. Er hat keine Personalien aufgenommen, Ihre Geschichte nicht einmal hinterfragt.«

»Vielleicht haben Sie Recht... Es kann sicher nicht schaden, wenn wir auf der Hut bleiben... Da sind sie.« Er fuhr los. Der Polizeiwagen folgte ihnen, bis sie kurze Zeit später vor dem Fabrikgelände angekommen waren. Renée hatte ihnen die Adresse gegeben und erklärt, dass der Zugang über den Keller des Nebengebäudes erfolgte. Sie stiegen aus und warteten, bis die Polizisten zu ihnen stießen.

»Sie haben sie über diesen Weg geschleppt und zu dem Gebäude dort drüben«, erklärte Patrick.

»Und das Fahrrad?«, fragte der Kommissar.

»Das weiß ich doch nicht«, erwiderte Patrick, »meinen Sie, ich mache mir jetzt Gedanken um das verdammte Fahrrad?«

»Ist ja schon gut, Monsieur. Gehen wir also.«

Gemeinsam gingen sie über eine asphaltierte Auffahrt. Der Kommissar schritt voran und beleuchtete ihren Weg mit einer klobigen Taschenlampe. Ihm folgten Patrick und Stefanie, während der andere Polizist, bei dem es sich offenbar um Eduard handelte, den Abschluss bildete.

Das Gebäude lag vollständig im Dunklen und machte einen wenig Vertrauen erweckenden Eindruck. Das Licht der Taschenlampe wanderte über die Wand, die Tür, ein verschmutztes Fenster. Nichts deutete darauf hin, dass in der letzten Zeit jemand hier gewesen war. Vielleicht ist dieser Zugang gar nicht mehr in Betrieb, dachte Patrick. Das würde ihre Chancen, eine Weile unentdeckt zu bleiben, deutlich vergrößern.

Der Kommissar blieb vor der Tür stehen. »Sind Sie sicher, dass die Männer hier hineingegangen sind?«

»Absolut«, versicherte Patrick. »Ich war ja kurz davor, selbst hinterherzurennen. Aber dann wollte ich es nicht ohne Polizei wagen.«

»Also gut«, sagte der Mann. Er streckte die Hand aus und betätigte den Türgriff. Zu Patricks Erstaunen sprang die Tür leichtgängig auf. Der Kommissar leuchtete in den dahinter liegenden Raum. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen. Dann ging er hinein, und Patrick und Stefanie folgten ihm. Sie standen in einem geräumigen Flur, von dem aus in alle Richtungen Türen und Gänge abzweigten. Hinter ihnen trat Eduard hinein und schloss die Tür. Dann hörten sie, wie er sie abschloss.

Erschrocken fuhren sie herum.

»Bitte!«, sagte nun der Kommissar. Als sie sich zu ihm umdrehten, sahen sie, dass er seine Waffe auf sie gerichtet hatte. »Bitte. Bewahren Sie die Ruhe. Eduard, rufst du kurz an und sagst Bescheid?«

»Was wollen Sie?«, fragte Patrick. »Was haben Sie vor?«

»Dasselbe könnte ich Sie fragen, Monsieur Nevreux.«

»Sagen Sie nicht, dass Sie mit denen unter einer Decke stecken!«

»Sie haben doch gar keine Ahnung.«

»Erzählen Sie es mir!«

»Halten Sie den Mund!«

Wenige Augenblicke später kam Eduard aus einem benachbarten Raum. »Wir sollen sie nach unten bringen«, sagte er.

»Los geht's«, wies der Kommissar sie an. »Sie gehen vor, ich leuchte Ihnen von hinten den Weg. Da entlang!«

Er dirigierte sie zu einem fensterlosen Treppenhaus. Dort gingen sie nach unten und kamen an eine kleine Stahltür, wie sie in einen Heizungskeller führen würde. Als sie diese öffneten, stießen sie jedoch auf eine steinerne Wendeltreppe, die nach unten verlief. Dort angekommen, erwartete sie erneut eine Tür. Was dahinter lag, kam jedoch völlig unerwartet.

Sie betraten ein geräumiges Kellergewölbe, das dem Weinkeller eines Schlosses alle Ehre gemacht hätte. Die Decke war etwa vier Meter hoch und gewölbt, alles war aus mächtigen Granitblöcken zusammengefügt. Auf dem polierten Steinboden lag ein dunkelroter Läufer, Feuerschalen auf schmiedeeisernen Ständern erhellten die mittelalterliche Szenerie. Und vor ihnen stand Ash Modai.

»Was für ein Festtag!«, rief er aus. »Jetzt sind die Heiligen Drei Könige vom Berg der Weisen komplett.«

»Ash, ich wusste es!«, rief Patrick. »Wo ist Peter? Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Sie dürfen ihm gleich Gesellschaft leisten. Sie kommen gerade recht für ein außergewöhnliches Schauspiel... Und was haben wir da?« Er trat an Stefanie heran und musterte sie eindringlich von oben bis unten. »Etwas sagt mir, dass Sie mehr sind als eine bloße Forscherin... das ist erstaunlich...« Er trat noch näher an sie heran, schien fast an ihr zu riechen. »Ja...« Er streckte seine flache Hand aus und hielt sie vor ihre Brust, als wolle er ihren Herzschlag spüren.

»Fassen Sie sie nicht an!«, rief Patrick.

»Nein?« Ash Modai legte seine Hand auf Stefanies Busen und drückte eine ihrer Brüste ein wenig zusammen. Stefanie sah ihn dabei mit steinerner Miene an. »Und warum sollte ich das nicht machen, Patrick?«, fragte er. »Neidisch?«

»Weil es Ihrem Leben abträglich ist«, sagte Stefanie mit einer Stimme, die ebenso ruhig wie kalt war. »Deswegen.«

»Was sagen Sie da? Wie wollen Sie mir denn drohen?« Ash Modai lachte auf.

»Es ist keine Drohung«, sagte Stefanie. »Es ist eine Prophezeiung.«

Ash holte blitzschnell aus und verpasste ihr eine klatschende Ohrfeige. Ihr Kopf wurde kurz zur Seite geschleudert, doch als sie ihn wieder ansah und sich ihre Wange rot verfärbte, zeigte ihr Gesicht noch immer keine Regung.

Ash Modai grinste sie nur an. »Ach, was für ein Fest!« Dann wandte er sich an die Polizisten: »Bringt die beiden weg. Den hier zu dem Alten auf die Empore. Und den kleinen Racheengel zu Alain. Er weiß, was er zu tun hat.«

Peter sah erstaunt auf. »Patrick! Was tun Sie denn hier?«

»Hallo, alter Knabe«, antwortete Patrick. Ein überaus kräftig gebauter Mann in schwarzer Kutte stieß ihn an die Wand, während ihn vom Rand des Absatzes ein Polizist mit seiner Waffe in Schach hielt. »Ich bin gekommen, um Sie zu retten. Das sieht man doch.« Der Mann drückte Patricks Arme an die Wand und umschloss die Handgelenke mit eisernen Manschetten. Dann machte er sich an Patricks Fußgelenken zu schaffen, und kurz darauf war der Franzose ebenso an die Wand gekettet wie sein Kollege, und sie wurden allein gelassen.

»Schöne Scheiße«, konstatierte Patrick.

»Wie sind Sie hergekommen?«, fragte Peter. »Hat man Sie auch entführt?«

»Als Sie verschwunden waren, hatten wir die Brüder hier im Verdacht. Wir haben dann mit Renée telefoniert, die uns den Tipp mit diesen geheimen Kellern unter Albi gegeben hat.«

»Was für Geheimnisse, die jeder kennt! In der Szene weiß man wohl mehr übereinander, als jeder zunächst zugeben würde... Aber wollten Sie denn alleine hier reinstürmen? Und wo ist Stefanie?«

»Natürlich nicht. Wir sind zur Polizei gegangen und haben denen eine Geschichte aufgetischt. Hat auch grundsätzlich geklappt. Es stellte sich nur leider heraus, dass unsere beiden Polizisten ebenfalls diesem Verein hier angehören. Den Rest haben Sie ja mitbekommen. Stefanie haben sie irgendwo anders hingebracht. Ich hoffe, ihr passiert nichts.«

»Das können wir auch nur hoffen! Die bereiten hier nämlich eine schwarze Messe vor.«

»Wie bitte? Dann war es das, was Ash eben meinte mit außergewöhnlichem Schauspiel... Was wissen Sie darüber, Peter, was ist hier los?«

»Sehen Sie den Altar dort drüben? Was da leuchtet, ist frisches Blut. Ich hatte vorhin das zweifelhafte Vergnügen, mit anzusehen, wie sie einen Hahn geschlachtet und den Altar mit seinem Blut geweiht haben, wie sie es nennen. Danach kam unser smarter Dressman, Ash, und hat ein bisschen geplaudert, Sie wollen Belial anrufen und werden zu diesem Zweck nachher eine schwarze Messe abhalten.«

»Belial? War das nicht...«

»Ein Dämon, ja. Der Tradition nach ist er einer der Kronprinzen der Hölle, kommt direkt nach Satan selbst. Er erfüllt Wünsche, verleiht Titel und gibt Antworten. Aber er gehorcht nur kurze Zeit und ist außerordentlich verschlagen und verlogen. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen erzählte, in der esoterischen Tradition würde Satan stets die Wahrheit sagen, ehrlich und ungeschminkt? »Der Herr der Lügen‹ ist nämlich tatsächlich nicht Satan, sondern Belial.«

»Woher wissen Sie das alles? Ach ja, Ihre Bücher...«

»Um ehrlich zu sein nur zum Teil...« Peter zögerte.

»Was meinen Sie? Worum geht es? Hat es damit zu tun, weswegen Sie in der ›Szene‹ so unbeliebt sind?«

»Ja, ich habe... ach, es ist schon so lange her... aber ja, ich habe mich mit Esoterik und Okkultismus befasst... sehr sogar. Damals war ich keine dreißig. Mein Geschichtsstudium hatte mich mit hochinteressanten Menschen in Verbindung gebracht. Gebildete Menschen, Intellektuelle, ich geriet in ihre Kreise, lernte Exzentriker und Künstler kennen. Ich nahm alles in mir auf, las alles, was mir in die Finger geriet, über Nahtoderfahrungen, Tischrücken, transzendentale Meditation, Akupunktur, Rudolf Steiner und Madame Blavatsky. Einmal auf diesem Kurs, war es nur ein kleiner Sprung in die okkulten Gewässer. Sehen Sie, die Grenzen sind fließend. Ich schloss mich zunächst einer theosophischen Loge an und rutschte von dort in eine Sekte, die mit den Lehren des Aleister Crowley sympathisierte...«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden, Peter.«

»Nun, ist auch nicht so wichtig. Jedenfalls kam ich in die inneren Bereiche der Sekte, lernte ihre Lehren, ihre Geheimnisse – und was viel wichtiger war –, ihre Geschichte und ihre Mitglieder kennen. Durch meine Auffassungsgabe und mein gutes Gedächtnis erweckte ich den Anschein eines besonders strebsamen und hingebungsvollen Schülers. In Wahrheit betrachtete ich alles immer mit einem gewissen Abstand. Und irgendwann kam der Zeitpunkt, als ich ausstieg und die Lehren und Geheimnisse der Lächerlichkeit preisgab. Natürlich erwarb ich mir damit keine Freunde, aber durch mein Insider-Wissen blieb ich unantastbar.«

»Daher kommt es also, dass jedermann Sie kennt! Es hat weniger mit Ihren aktuellen Büchern zu tun als mit Ihrer Vorgeschichte. Und weshalb sind Sie unantastbar?«

»Das hat wohl damit zu tun, dass ich einige einflussreiche Leute überzeugen konnte, dass im Fall meines Ablebens gewisse Dokumente veröffentlicht werden, die bei einigen Banken deponiert sind. Seither hat man mich kaum mehr behelligt.«

»Sie erstaunen mich immer wieder, Peter.«

»Nur leider hilft uns das im Augenblick nicht weiter...«

»Der Zeitpunkt kommt ja vielleicht noch. Was wissen Sie über die schwarze Messe?«

»Es gibt da keine einheitliche Vorgehensweise. Nach dem, was Ash erzählte, vermute ich, dass es sich um Rituale aus der Sexualmagie handelt. Er hat die Konjunktion von Mars und Venus erwähnt, deren Energie üblicherweise für derlei Zwecke herhalten soll.«

»Und wie läuft so was ab?«

»Das kann ganz unterschiedlich sein. Es geht im Prinzip darum, die sexuelle Energie zu nutzen, um einen höheren Zustand zu erreichen. Meistens benötigt man dazu also zwei Menschen. Außerdem Musik, Tanz oder andere Hilfsmittel, um in Trance zu verfallen. Beim Höhepunkt soll die Energie des Orgasmus umgelenkt werden. Außerdem hat Ash von einem Geschenk gesprochen, das Belial auf dem Altar gegeben werden soll, eine Art Opfer, vermute ich.«

»Und mit diesem Gehirnfick wollen sie einen Dämon beschwören?!«

»So lächerlich man es auch finden mag, hier nimmt man das sehr ernst. Mit allen Konsequenzen...«

»Ja, da haben Sie wohl Recht... Sehen Sie, dort!« Patrick wies mit dem Kopf in Richtung Ende des Saals, das rechts von ihnen lag. Dort hatte sich eine Pforte mit zwei Flügeln geöffnet, und nun schritt eine Prozession herein. Sie wurde angeführt von etwa einem Dutzend weiblicher Sektenmitglieder, deren schwarze Gewänder aus mehreren Lagen sehr dünnen, fließenden Stoffes bestanden. Es wirkte wie eine finstere Perversion feinster Brautkleider. Den Frauen folgte eine ebenso große Gruppe schwarz gekleideter Männer; sie trugen jeweils eine glänzende schwarze Schärpe, und ihre Häupter waren mit Kapuzen bedeckt. Als Nächstes trat der Rest der satanischen Gemeinde in den Saal, ebenfalls in Schwarz, allerdings ohne Kapuzen und in schlichte, mönchsartige Kutten gehüllt.

Die Menschen gingen den Mittelgang der Halle entlang und verteilten sich dann gleichmäßig. Dabei bildeten die Mitglieder der vordersten beiden Gruppen in der ersten Reihe einen Halbkreis, der zum Altar hin geöffnet war. Nach einer kurzen Weile hatten alle einen Stehplatz eingenommen und verharrten mit gesenkten Köpfen. Dann begannen dumpfe, regelmäßige Trommelschläge, ohne dass ersichtlich war, woher sie kamen. Der Takt war langsam. Daraufhin gesellte sich ein einzelner Ton hinzu. Er war erst kaum wahrzunehmen, wurde jedoch nach und nach deutlicher. Es klang, als würde ein unsichtbares, überdimensionales Horn einen sehr tiefen, endlosen Ton erzeugen. Es war eine merkwürdige Frequenz, sie baute sich immer mehr auf, als ob sie sich ständig selbst überlagerte und verstärkte. Die Luft schien zu vibrieren, als ob der Klang den Stein der Halle selbst zum Schwingen brächte. Plötzlich brachen alle Geräusche abrupt wieder ab. Die Menge hob den Kopf und sah zum Altar. Ein Mann trat von hinten an den weißen Steinblock heran. Auch er war schwarz gekleidet, aber er trug einen weiten, wallenden Mantel, der mit einem breiten Gürtel um den Bauch zusammengehalten wurde. Seine Robe war mit aufwendigen, schimmernden Stickereien versehen. Unter dem Arm trug er ein schweres Buch. Neben dem Mann erschienen zwei weitere Leute, einfacher gekleidet. Einer der beiden stellte eine eiserne Buchstütze auf den feucht glänzenden Altar, der andere setzte eine große Stumpenkerze daneben. Sie wichen wieder zurück, und der Mann im Mantel legte das Buch aufgeschlagen auf die Stütze. Dabei trat er in den Lichtschein der Kerze, und sein Gesicht wurde erhellt.

»Ich hab's geahnt!«, entfuhr es Patrick.

Der Priester, der die Zeremonie leiten würde, war niemand anders als Ash Modai selbst.

Der hob nun die Arme. »Dies ist die Hand von Belial!«, rief er mit kraftvoller Stimme, die von der Akustik des Gewölbes verstärkt und durch die ganze Halle getragen wurde. »Sie dient ihm heute wie zu allen Zeiten. Heute rufen wir den Herrn an, wie er es uns gelehrt hat.«

Mit diesem Satz ertönten die Trommeln erneut, jedoch in einem schnelleren, treibenden Rhythmus. Dazu intonierte die Menge eine monotone Klangfolge.

Nach einer Weile hob der Priester abermals seine Arme. Alles verstummte. Er verlas nun mehrere lange Passagen aus seinem Buch in Latein. An bestimmten Stellen stimmte jeweils die satanische Gemeinde mit ein und sprach mit oder antwortete mit anderen Phrasen. Dieses Wechselspiel wurde eine ermüdende Zeit lang fortgeführt, bis Patrick sich schon fragte, ob das nun alles sei, was eine schwarze Messe ausmachte. Doch dann war offenbar ein neuer Abschnitt der Zeremonie erreicht. Die beiden Helfer des Priesters erschienen. Sie trugen gemeinsam eine Feuerschale mit drei niedrigen Füßen und etwa einem Meter Durchmesser. Sie stellten sie auf den Boden des Saals, während die vordere Reihe der Sektenmitglieder einen abwechselnd aus Männern und Frauen bestehenden Kreis um die Schale bildete. Einer der Gehilfen trat heran und entzündete das undefinierbare Material in der Schale. Schnell züngelten leuchtende Flammen in die Höhe. Peter beobachtete, dass sich dabei ein dünner, leicht gelblicher Rauch entwickelte, der über den Rand der Schale waberte. Als sich die Gehilfen zurückgezogen hatten, setzten die Trommeln wieder ein. Es war erneut ein treibender Rhythmus, den die Gemeinde abermals mit Gesang unterlegte. Der Kreis der Vermummten um die Feuerschale begann, entgegen dem Uhrzeigersinn zu tanzen. Die Bewegungen wirkten seltsam ungelenk und unnatürlich, doch sie alle bewegten sich identisch, folgten einem komplizierten, archaischen Muster. Auch der Gesang schwoll an und nahm ab nach einem unbekannten Prinzip. Die Gewänder der Frauen flossen wie dunkle Nebelschwaden um sie herum und verbanden alles zu einem zuckenden schwarzen Ring. Ash Modai las während des Tanzes halblaut Sätze aus dem Buch, die offenbar dem Gesang der Gemeinde entsprachen.

Plötzlich hielten die Tänzer inne. Die Frauen lösten mit einer einfachen Bewegung die Verschlüsse ihrer Kleidung, die Gewänder fielen von ihnen ab, und ihre nackten Körper wurden enthüllt. Sie waren allesamt makellos und schlank, alle in etwa gleich gebaut, als seien sie bewusst nach denselben Kriterien für diese Aufgaben ausgewählt. Sie traten einen Schritt an die Feuerschale heran und hoben die Arme in die Höhe. Die Gemeinde sang nun einen neuen Choral, aufreibend, antreibend.

In diesem Augenblick erschienen wieder die Gehilfen des Priesters. Sie führten eine weitere Vermummte herein. Ihr blondes Haar fiel offen auf ihre Schultern. Sie war in einen taillierten, bestickten Mantel gehüllt, der ganz offenbar das Gegenstück zu dem darstellte, den Ash Modai trug. Sie ließ sich von den Gehilfen zum Altar begleiten, wo sie im Schein der Altarkerze stehen blieb.

»Stefanie!«, rief Patrick entsetzt.

»Hören Sie auf«, zischte Peter, »Sie können nichts ausrichten. Und sie kann Sie nicht hören. Sehen Sie doch: Sie steht offenbar unter Drogeneinfluss!«

Tatsächlich war Stefanies Gesichtsausdruck vollkommen leer und unbeteiligt. Ohne jegliche Regung ließ sie es geschehen, als einer der Gehilfen an ihrem Mantel nestelte und ihn ihr schließlich auszog. Plötzlich stand sie vollständig nackt vor der satanischen Gemeinschaft. Willenlos ließ sie es geschehen, als einer der Gehilfen sie noch näher an den Altar lotste und ihr half, sich auf den blutigen Stein zu setzen. Währenddessen entfernte der andere den Buchständer und schob die Kerze an das Kopfende. Dann drückten sie sie nach hinten, legten sie auf den Rücken, drehten sie, hoben ihre Beine an und hatten sie schließlich vollständig auf den Altar gelegt.

»Himmel, was machen die da?! Peter!«

»Ich fürchte das Schlimmste, mein Freund. Aber uns sind die Hände gebunden!« Er deutete mit dem Kopf auf ihre Handschellen.

Nun begannen die Tänzer im Rhythmus der Trommeln wieder mit ihren ekstatischen Bewegungen. Die Frauen, näher an den Flammen, begannen schnell zu schwitzen. Auch aus der Entfernung der Empore konnte Peter deutlich sehen, wie sich ihre Gesichter röteten, ihre Haut zu glänzen begann, feuchte Tropfen zwischen ihren Brüsten und an ihren Hüften herabrannen. Peter erschien es, als sei es deutlich wärmer im Saal geworden, wärmer, als jene Feuerschale die Halle zu erhitzen vermochte. Die Trommeln, der Gesang und die Bewegungen rund um die Flammen drangen auf seltsame Weise auf ihn ein, und er fühlte sich fahrig, fast ein wenig fiebrig.

Wieder verharrten die Tänzer einen Augenblick. Nun öffneten die Männer ihre Gewänder. Sie warfen die Kapuzen zurück und ließen ihre Kutten zu Boden sinken. Bald wurde offenbar, dass auch die Männer bereits stark erhitzt waren. Und nicht nur das: Sie waren deutlich erregt. Auch die Männer glichen sich in mancherlei Hinsicht; allesamt waren sie muskulös, kurzhaarig, unbehaart, und sie verfügten in diesem Augenblick jeder über eine Erektion von beeindruckender Größe, Jeder von ihnen umfasste eine der Frauen von hinten, und anschließend bewegten sie sich gemeinsam weiter im Kreis um die Feuerschale herum, wobei sie ihre verschwitzten Körper alle in gleicher Weise aneinander rieben, sich massierten, sich ableckten und bissen.

Die Gemeinde intonierte einen immer lauteren und zunehmend stärker antreibenden Gesang, der nun an eine Art Sprechchor erinnerte und sich ständig wiederholte.

Währenddessen trat Ash Modai an den Altar. Er ergriff die Fußgelenke von Stefanie und zog sie über den verschmierten Marmor zu sich heran. Dabei spreizte er ihre Oberschenkel und ließ ihre Unterschenkel links und rechts vom Altar herunterbaumeln. Entsetzt beobachtete Patrick, wie Ash Modai nun seine eigene Kutte zu öffnen begann, während ihm Stefanies gespreizte Beine zugewandt waren, ihr heiligster Schrein sich ihm wehrlos darbot.

Heißer Zorn loderte in Patrick auf.

Als Ash Modais Kutte fiel, wurde auch sein erigierter Penis sichtbar. Er ergriff ihn und begann, ihn mit gleichmäßigen Bewegungen zu massieren.

Unterdessen hatte der Gesang der Gemeinde einen Höhepunkt erreicht. Ein Aufheulen wurde laut, als die Tänzer plötzlich stehen geblieben waren. Nun wandten sich die Frauen dem Feuer zu, stellten sich breitbeinig hin, reichten sich die Hände, streckten die Arme nach oben, stützten sich gegenseitig und beugten sich dann gemeinsam so weit nach vorn, dass sie den Männern, die hinter ihnen standen, ihre blanken Hinterteile und den Ansatz ihrer Schamlippen präsentierten. Die Männer ergriffen jeweils die Hüften der Frau, die vor ihnen stand, und drangen ruckartig in sie ein. Die Trommeln untermalten diesen ersten Stoß und fanden zu einem neuen, zunächst langsamen Rhythmus, den die Gemeinde erneut mit Gesang begleitete. Die Männer bewegten sich dabei im Takt der Trommeln.

Peter schwitzte nun ganz deutlich. Er merkte, wie ihm ein Rinnsal an den Schläfen herabrann. Und sosehr ihn das verstörte, was er sah, bemerkte er auch, dass er von der Vorstellung im Saal aufs Äußerste erregt wurde. Er hatte nur noch Augen für das orgiastische Treiben der Tänzer, es schien, als könne er das Geschehen heranzoomen, er war ganz darin versunken. Er spürte sein eigenes, pochendes Geschlecht, spürte, wie er selbst immer wieder in die Frauen eindrang, wie er nah daran war, zu kommen, und wie der Gesang und die Trommeln ihn immer weitertrieben.

Patrick hingegen hatte nur Augen für das Geschehen am Altar. Ash Modai masturbierte noch immer. Ab und zu ergriff er Stefanies Kniekehlen, hob ihr Becken an und rieb sein Glied zwischen ihren Beinen, doch er drang nicht in sie ein. Dabei warf er den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und rief fremdsprachige Worte, die seine Gemeinde wiederholte.

»Peter, wir müssen etwas tun! Peter, hören Sie?«

Doch Peter war wie taub. Seine Augen waren gebannt auf die nackten Menschen gerichtet, deren Leiber sich um die Feuerschale herum auf dem Boden wälzten. Einige Frauen lagen auf dem Rücken, andere auf dem Bauch oder krochen auf allen vieren herum, während die Männer wie Tiere über sie herfielen, wahllos mal die eine, mal eine andere Frau bestiegen. Sie drangen dabei in jede Öffnung ein, die ihnen gierig entgegengestreckt wurde. Peter nahm ihre Ausdünstungen wahr, roch ihren Schweiß. Ihr animalisches Treiben, das brutale Stoßen und das inbrünstige Stöhnen strömten wie heißer Teer durch seine Adern. Er atmete tief und schwer ein, zitterte, bebte. Er war am Rand eines Höhepunktes und zugleich körperlich am Ende seiner Kräfte, war so weit von seinem Selbst entfernt, dass er Patricks Stimme kaum zur Kenntnis nahm.

»Peter, was ist mit Ihnen?! Merde!«

Die Trommeln waren nun so schnell geworden, dass es wie ein einziger beständiger Ton klang. Ash Modai vibrierte am ganzen Körper, seine Muskeln waren angespannt, er war kurz vor einem Orgasmus. Er hielt noch immer seinen Penis umfasst, und plötzlich durchfuhr ihn der Höhepunkt. Er wandte sich von Stefanie ab und präsentierte sich der Gemeinde.

»BELIAL, WIR RUFEN DICH!«, schrie er unter Zuckungen in die Halle. Patrick beobachtete, dass Ash dabei keinerlei Flüssigkeit verlor. Entweder es handelte sich um eine körperliche Fehlfunktion, oder er hatte sich auf eine besondere Art unter Kontrolle.

Rund um die Feuerschale erreichten die Sektenmitglieder nun ebenfalls den Höhepunkt, der von einem kollektiven, orgiastischen Schreien und Stöhnen begleitet wurde. Die Männer ergossen sich dabei zuckend in jener Körperöffnung, die ihren Penis gerade aufgenommen hatte.

Peter erschauderte, als er sah, was geschah: Die Leiber begannen zu leuchten. Wabernde Lichtschleier entstanden zwischen den Nackten. Das Licht floss wie leuchtender Nebel zur Feuerschale hin und begann, sich um die Flammen zu wickeln, dehnte sich aus, wurde zu einer vier Meter hohen Säule. Dann bog sie sich leicht und entwickelte eine immer länger und dünner werdende Spitze, die sich dem Priester zuneigte. Ash Modai stand breitbeinig und mit ausgebreiteten Armen neben dem Altar. Er zog das Licht an. Es neigte sich stärker in seine Richtung, formte sich weiter und begann langsam, in einem Bogen von der Feuerschale zu ihm herüberzufließen. Die Spitze berührte sein Gesicht, er öffnete den Mund, und das Licht kroch in seine Kehle. Schneller und schneller strömte nun der glühende Nebel zu ihm, umhüllte den Priester bald vollkommen und drang in ihn ein. Voller Grauen wurde Peter Zeuge einer unnatürlichen Metamorphose. Durch das Leuchten, das Ash Modai umgab, waren spastische Zuckungen zu sehen, Gliedmaßen, die sich krümmten und verformten. Belial erscheint tatsächlich!, durchfuhr es Peter. Und wie in der Goetia beschrieben, formten sich nun aus dem Licht ein zweites Paar Arme und Beine, ein zusätzlicher Körper, ein weiterer Kopf, bis zwei getrennte, strahlend helle Wesen zu erkennen waren. Sie wirkten geschlechtslos und waren von überirdischer, fast schmerzhafter Schönheit. Nur schemenhaft war zu erkennen, dass sie in einer Art Streitwagen standen.

»Belial! Belial!«, rief die Gemeinde.

Wie vom Donner gerührt, starrte Peter zum Altar. Was sich dort, wenige Meter von ihm entfernt, manifestiert hatte, diese engelsgleiche, unwirkliche Erscheinung, war atemberaubend und entsetzlich zugleich. Ein Wirklichkeit gewordener Albtraum, der wahrhaftige Dämon Belial, seit Jahrtausenden gefürchtet, ein Beweis für die Hölle, den Abgrund, Hades, die Totenwelt, das Jenseits und alle jene Dimensionen, die zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit lagen. Der Boden der Realität war aufgerissen, gab den Blick frei auf die Schrecken sämtlicher Epochen, die Legion der chtonischen Monster, die etruskischen Dämonen, die babylonischen Götter, die ägyptischen Herrscher der Unterwelt, Totenwächter, Widersacher, Zerstörer, Weltenverschlinger: Tiamat, Pazuzu, Lamaschtu, Charon, Kali, Anubis, Apophis, Leviathan, Behemot, Luzifer, Diabolos, Shaitan.

Die beiden erhabenen Gesichter Belials sahen durch die Halle, zerschnitten die Luft mit ihren alles ergründenden, tödlich klaren Blicken. Dann sahen sie den Altar und den darauf liegenden nackten Körper von Stefanie.

»Belial! Belial!«, klang es einstimmig im Saal.

Der Dämon wandte sich dem Opfer auf dem Altar zu. Und erneut begann eine Verwandlung. Die Erscheinung Belials, die beiden Körper und der Wagen verschmolzen ineinander, verformten sich. Gleißendes Licht stieg auf, und es bildete sich etwas Neues, dunkler, haariger. Klauen wurden sichtbar, muskulöse Arme, Fell, ein gehörnter Schädel mit der Schnauze eines übergroßen Raubtiers. Belial zeigte sich in seiner wahren Gestalt. Peters Nackenhaare stellten sich auf, er zitterte am ganzen Körper, Todesangst überkam ihn, und er wollte nur noch fliehen. Aber er konnte sich nicht rühren, musste mit ansehen, wie eine fast drei Meter hoch aufragende Ausgeburt der Hölle brüllend neben dem Altar stand. Geifer troff aus ihren Fängen. Die Kreatur legte ihre Vorderklauen rechts und links neben Stefanie auf den Altar, beugte sich über sie. Aus einer Felltasche zwischen den Hinterbeinen des Monstrums schob sich ein riesenhafter, unmenschlicher, erigierter Penis hervor. Das satanische Biest warf den Kopf in den Nacken, und sein durchdringendes, triumphierendes Aufheulen erfüllte den Saal. Stefanie wirkte winzig und zerbrechlich unter dem dämonischen Geschöpf. Es würde sie zu Tode pfählen und dabei ihre Eingeweide aus dem Brustkorb reißen...

11. Mai, 2.15 Uhr, Rue Georges Simenon, Paris

Jean-Baptiste Laroche wurde aus dem Schlaf gerissen, als seine Haustür im Erdgeschoss aufgebrochen wurde. Er hörte Männer aufgeregt rufen und bald darauf das Getrampel schwerer Stiefel auf seiner Treppe. Hektisch fuhr er über seinen Nachttisch, um seine Brille zu suchen. Er erwischte sie an einem Bügel, doch sie fiel ihm aus der Hand und landete auf dem Boden. Er strampelte sich frei und warf sich über die Bettkante, um mit ausgestreckten Armen nach seiner Brille zu angeln. Gerade, als er sich nackt aus dem Bett beugte, wurde die Tür zu seinem Schlafzimmer aufgetreten, und gleißende Mag-Lite-Strahlen schlugen ihm ins Gesicht. Dann wurde die Deckenbeleuchtung eingeschaltet.

»Keine Bewegung!«

Militärpolizisten strömten in sein Zimmer, umstellten sein Bett und hielten ihre Maschinenpistolen auf ihn gerichtet.

Jean-Baptiste wagte nicht, sich zu rühren, obwohl er sich der Peinlichkeit seines Anblicks durchaus bewusst war.

Ein Polizeibeamter in einem dunkelblauen Parka und ohne Waffe in der Hand betrat nun den Raum. »Monsieur Laroche, Sie sind verhaftet«, sagte er. »Die Anklage lautet auf Landesverrat. Leisten Sie keinen Widerstand. Sie haben das Recht, zu schweigen und Ihren Anwalt zu informieren. Ich muss Sie bitten, uns zu folgen.«

»Wie bitte?! Landesverrat? Was geht hier vor sich?«

»Bitte ziehen Sie sich an.«

»Wollen Sie mir bitte erklären, was los ist? Ich bin Parteivorsitzender!«

»Ihre Immunität ist um Mitternacht vom Präsidenten aufgehoben worden. Ich kann Ihnen keine weiteren Fragen beantworten. Bitte beeilen Sie sich jetzt.«

Widerwillig stieg Laroche aus dem Bett. Bei seinem Versuch, das Bettlaken um sich zu wickeln, riss er die schwere Überdecke herunter und verwickelte sich fluchend in ein Wirrwarr von Stoffbahnen. Schließlich wurde es ihm zu bunt, er warf die Decken auf den Boden, stampfte nackt zwischen den Polizisten hindurch, riss seine Kleidung vom Stuhl und verschwand mit knallender Tür im Badezimmer.


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