Kapitel 11
8. Mai, Hôtel de la Grange, St.-Pierre-Du-Bois
Sie saßen noch am gemeinsamen Frühstückstisch im Salon Vert und warteten auf Fernand Levasseur, der sich für heute um neun Uhr angemeldet hatte. Da sie nicht vorhatten, ihm ihre zum Büroraum umgebaute Suite zu zeigen, wollten sie ihn hier abfangen.
»Worüber denken Sie nach, Peter?«, fragte Stefanie. »Sie sind so schweigsam heute Morgen.«
»Wir kommen mit unseren Nachforschungen nicht vom Fleck. Und nun werden wir auch noch von diesen Geschichten aufgehalten.«
»Geschichten?«
»Die Tollwut. Keiner von uns ist qualifiziert, und jetzt treffen wir jemanden, der sich wahrscheinlich besser auskennt, und versuchen uns herauszureden. Ich befürchte, es ist ein Spiel, das wir nur verlieren können.«
»Seien Sie nicht so pessimistisch, Peter.« Patrick zündete sich eine Zigarette an. »Heute sind wir drei gegen einen. Haben Sie sich das Material, das man uns vorbereitet hatte, noch mal angesehen?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
Patrick deutete auf eine Mappe. »Dann lassen Sie am besten mich und Stefanie reden. Wir haben genug, um ihn eine Weile zu beschäftigen. Wie auch immer der Bürgermeister ihn genannt hat: Letztendlich ist er bloß ein Förster.«
»Ich hoffe, Sie unterschätzen ihn nicht. Da ist er schon.« Peter wies mit dem Kopf zum Eingang des Salons. Patrick stand auf und begrüßte den breitschultrigen Mann mit Handschlag.
»Guten Morgen, Monsieur Levasseur. Professor Lavell kennen Sie bereits, darf ich Ihnen Stefanie Krüger vorstellen? Sie ist Biologin und uns zur Unterstützung aus London geschickt worden.«
»Guten Morgen.«
»Setzen Sie sich zu uns. Möchten Sie einen Kaffee oder Tee?«
Er setzte sich. »Danke, nein. Ich möchte mit Ihnen über Ihre Untersuchungen sprechen.«
»Natürlich. Haben Sie uns schon meteorologische Messdaten mitgebracht?«
»Nein. Bürgermeister Fauvel hat Ihre Anfrage weitergegeben und wird sich direkt mit Ihnen in Verbindung setzen. Wie weit sind Sie mit Ihren Analysen?«
Patrick holte die Mappe hervor. »Wie Sie sicher bereits festgestellt haben, ist das Gebiet weiträumig abgesperrt worden. Wir untersuchen anhand von Stichproben an Kleintieren die Verbreitung der Seuche. Es sieht nicht gut aus. Wir haben vergiftete Fuchsköder überall an strategischen Orten in der Zone verteilt.« Patrick zog eine topographische Karte des Gebiets hervor, die mit allerlei kryptischen Linien, Buchstaben und Zahlen übersät war und einen eindrucksvollen UN-Stempel in der linken unteren Ecke auswies. »Aber das behebt natürlich nur die Symptome.«
Der Förster beachtete die Karte nur beiläufig. »Sie sind der Meinung, dass Füchse die Tollwut verbreiten?«
»Ja, leider.« Patrick holte ein paar sehr scharfe, großformatige Hochglanzfotos aus der Mappe, auf denen verendete Füchse zu sehen waren, ausgezehrt und abstoßend. »Eine der wenigen Aussagen, die wir schon mit Bestimmtheit machen können. Es ist ja auch nicht ungewöhnlich für die Tollwut.«
»Haben Sie schon herausgefunden, wo die Tiere hergekommen sind? Wie Sie wissen, gibt es in diesem Gebiet keine Füchse.«
Peter hob unmerklich eine Augenbraue und beobachtete Patricks Gesicht. Doch dieser schien nicht beunruhigt. Stattdessen holte er einen Bericht hervor. »Sie haben völlig Recht, Monsieur Levasseur. Aber grundsätzlich sind Füchse hier durchaus endemisch. Nur, dass sie seit den zwanziger Jahren ausgestorben waren. Wie Sie diesen Unterlagen entnehmen können, wurden hier vor acht Jahren mehrere Fuchspaare ausgewildert, um das biologische Gleichgewicht wieder herzustellen.«
»Ich kenne die Unterlagen und auch das Auswilderungsprojekt.«
»Natürlich.« Patrick nahm die Papiere wieder an sich. »Nun hat sich das biologische Gleichgewicht auf andere Weise gerächt.«
»Die Unterlagen sind von mir gefälscht worden.«
Patrick erstarrte und sah den Mann sprachlos an.
Fernand Levasseur beugte sich vor. »Es hat nie ein Auswilderungsprojekt gegeben.«
Peter fühlte, wie sich Ärger in ihm regte. Dies war es, worauf er sich nicht hatte einlassen wollen.
»Sie haben Bürgermeister Fauvel kennen gelernt«, fuhr der Förster nun fort. »Er will die Wälder um St.-Pierre-Du-Bois so weit wie möglich für den Tourismus erschließen. Aus diesem Grund habe ich vor acht Jahren ein angebliches Auswilderungsprojekt inszeniert, um dabei ein Naturreservat zu schaffen und es seinem Zugriff zu entziehen.«
Peter sah, wie Patrick eindringliche Blicke mit Stefanie austauschte.
»Und somit bleibt es dabei. Es gab hier keine Füchse, und es gibt hier noch immer keine. Und deswegen gibt es auch keine Tollwut. Sie haben sich bei der Vorbereitung mit Ihrem Material leider vergriffen.«
»So gut ich Ihre Beweggründe auch nachvollziehen kann, Monsieur Levasseur«, erklärte nun Stefanie, »ich muss Ihnen sagen, dass ich Ihr Vorgehen für höchst verwerflich halte!« Der Förster wollte etwas einwerfen, aber sie sprach unbeirrt weiter. »Nichtsdestotrotz hat dies nichts mit unseren Funden zu tun. Vielleicht sind die Füchse nicht ausgewildert worden. Na und? Vielleicht sind sie aus dem Zentralmassiv gekommen oder über die Pyrenäen aus Spanien. Sie sind jedenfalls hier, und wie sie hierher kommen und wohin sie gehen, das versuchen wir gerade erst herauszufinden.«
»Madame Krüger«, sagte der Mann, »ich möchte Ihnen nicht gerne widersprechen, aber ich kenne im Umkreis von fünfzig Kilometern jeden Grashalm.« Er lachte wohlwollend auf, versah sie aber mit einem strengen Blick. »Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es hier keine Füchse gibt.« Nun wandte er sich an alle drei. »Sie ersparen sich viel Ärger, wenn Sie offenbaren, was Sie hierher geführt hat, und was Sie oben am Vue d'Archiviste untersuchen.«
»Vue d'Archiviste?«, fragte Peter. »Archivars Blick? Was ist denn das?«
»Es ist der Name des Berges, den Sie abgesperrt haben.« Der Förster deutete auf die Mappe. »Das steht wohl nicht in Ihren Unterlagen? So nennen wir ihn im Volksmund. Und nun sagen Sie mir, welches Spiel Sie spielen!«
»Ich finde es ausgesprochen unverschämt«, konterte Stefanie, »wie Sie uns derart offen der Lüge bezichtigen. Fühlen Sie sich gekränkt, weil wir etwas über Ihr ›Reich‹ wissen, das Sie selber nicht aufgedeckt haben? Wenn Sie Kooperation oder Informationen von uns wünschen, dann sollten Sie sich um einen anderen Tonfall bemühen!«
Patrick musste ihr innerlich Anerkennung zollen. Sie spielte ihre Rolle ausgezeichnet und wusste, wie sie das Beste aus der Situation machen konnte. Außerdem, so fiel ihm auf, sah sie wirklich verdammt gut aus, umso mehr, wenn sie sich echauffierte.
Der Förster stand unvermittelt auf und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch, um sich zu ihnen herunterzubeugen. Seine Stimme war gedämpft aber nachdrücklich.
»Madame, Messieurs. Ich entschuldige mich für meinen Tonfall und meine Wortwahl. Aber ich nehme meine Forderung nicht zurück: Ich möchte wissen, was Sie hier treiben, und ich werde es herausbekommen! Guten Tag.«
»Ich fürchte, wir haben uns einen Feind gemacht«, sagte Peter, als der Mann gegangen und sie auf dem Weg in ihr Büro waren.
»Hm... ja, er scheint ziemlich entschlossen«, stimmte Patrick ihm zu.
»Hoffen wir, dass er sich nicht zu irgendwelchen Handlungen hinreißen lässt, die er vielleicht bereuen müsste.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Patrick. »Immerhin könnten wir ihn jetzt als Urkundenfälscher ebenso bloßstellen. Und dann ist er sein Naturreservat los.«
»Man muss sich fragen, warum er so dumm war, uns auf diese Weise seine Schwäche offen zu legen.«
»Ich denke«, sagte Stefanie, »es war keine Dummheit sondern Berechnung. Er wollte uns zu verstehen geben, dass er seine Interessen gewahrt wissen will, aber dass diese sich nicht zwangsläufig mit denen des Bürgermeisters decken. In gewisser Weise war es auch ein Angebot von ihm.«
»Vielleicht können wir uns das noch zu Nutze machen.«
Stefanie schloss die Tür der Suite auf. »Vergessen wir für einen Augenblick den Förster. Nachdem Sie beide mich vorhin den fragwürdigen Offenbarungen Ihrer Parisreise, der Geschichten um die Abstammung der Freimaurer und Herrn von Weimars Suche nach den Lutherarchiven ausgesetzt haben, möchte ich Ihnen jetzt auch etwas zeigen.«
Sie führte sie an den Tisch, auf dem sie verschiedene Papiere ausgebreitet hatte. Es waren Zeichnungen, Ausdrucke und Zahlenreihen. Sie deutete auf die einzelnen Teile, während sie erklärte.
»Hier sehen Sie eine präzise Skizze der Symbole auf dem Fußboden vor dem Durchgang. Die kleineren Zeichen sind in vier Gruppen so um die großen Ringe in der Mitte angeordnet, dass alles zusammen fast ein großes Quadrat bildet. Es sind zwölf unterschiedliche Symbole, von denen sich jedes dreimal wiederholt. Insgesamt sind es also sechsunddreißig mehrfach dargestellte Zeichen.«
»Was ist das für ein Zeichen oben rechts?«, fragte Patrick.
»Das siebenunddreißigste fällt deutlich heraus, nicht wahr? Es taucht nur einmal auf«, erklärte Stefanie, »und außerdem stört es die Symmetrie der Anordnung. Vielleicht ist es eine Art Schlüssel, ich habe keine Ahnung.«
»Was meinen Sie mit Schlüssel?«, fragte Peter. »Glauben Sie, die Symbole enthalten eine verschlüsselte Nachricht?«
»Möglicherweise, ja. Bei den Zeichen handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um einen Text. Es sind zu wenig verschiedene Symbole, um für bestimmte Buchstaben oder Silben zu stehen. Damit ließe sich kein Text verfassen. Oder nur ein sehr kurzer. Die Tatsache, dass jedes Symbol genau dreimal vorkommt, legt außerdem den Schluss nahe, dass die Anordnung konstruiert wurde.«
»Die einzelnen Zeichen«, fragte Patrick, »konnten Sie sie schon deuten? Sie sehen irgendwie mystisch aus, mittelalterlich.«
»Es sind alchimistische Symbole, nicht wahr?«, sagte Peter.
Stefanie sah ihn einen Augenblick erstaunt an. »Ja, Sie haben vollkommen Recht.« Dann deutete sie auf ein paar Ausdrucke lateinischer Texte, die ähnliche Zeichen enthielten. »Das ist ein besonders interessanter Aspekt. Alle diese Zeichen wurden in verschiedenen alchimistischen Werken verwendet. Allerdings erst ab dem sechzehnten Jahrhundert!«
»Die Malereien im vorderen Teil der Höhle waren etwa aus dem dreizehnten Jahrhundert«, sagte Patrick. »Entweder ist der Fußboden vor dem Durchgang also gar nicht so alt wie der Rest der Höhle, sondern wurde erst dreihundert Jahre später bearbeitet, oder die Alchimisten haben in ihren Werken auf ein viel älteres Wissen zurückgegriffen. Sie haben möglicherweise Symbole benutzt, die sie gar nicht selber erfunden, sondern die sie irgendwo aufgeschnappt hatten – vielleicht sogar in dieser Höhle...«
»Ja, es könnte gut sein, dass die Zeichen überhaupt nichts mit denen der Alchimisten zu tun haben, sondern rein zufällig dieselben sind.«
»Es mag ja nur ein schwacher Anhaltspunkt sein«, sagte Peter, »aber was bedeuten sie denn bei den Alchimisten? Haben Sie Erklärungen für die Zeichen gefunden?«
Stefanie nickte. »Das hier ist das Symbol für Schwefel, dies hier das für Blei.«
»Wenn es alles chemische Elemente sind«, überlegte Patrick, »dann sind vielleicht ihre Ordnungszahlen im Periodensystem der Elemente ein mathematischer Code. Oder vielleicht ihre chemische Formel.«
»Na, das klingt aber ein wenig nach Science-Fiction«, sagte Peter, »finden Sie nicht?«
»So abwegig finde ich die Idee nicht«, sagte Stefanie, »wir haben ja überhaupt keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben. Die Leute, die die Höhle im vorderen Teil beschriftet haben, verfügten auch über unmöglich scheinendes Wissen. Und wer weiß, welches Phänomen – oder welche Technologie – hinter dem merkwürdigen Durchgang steckt? Aber Ihre Idee wird leider trotzdem nicht funktionieren. Chemische Elemente sind die Ausnahme, wenn wir davon ausgehen, dass die Zeichen tatsächlich dieselben Dinge bezeichnen, die die Alchimisten damit beschrieben. Dieses Zeichen hier steht für Essig, das hier für Lauge. Beides scheint mir äußerst wenig wissenschaftlich, zumindest gibt es keine Formel oder Ordnungszahl dafür. Dafür ist hier ein Zeichen, das verwendet wurde, um den Vorgang der Sublimation zu beschreiben. Das ist, wenn ein Stoff aus dem festen...«
»...direkt in den gasförmigen Zustand wechselt, danke schön«, beendete Patrick den Satz.
»Also, ich wusste das nicht«, gestand Peter und versuchte damit, Patricks bissige Bemerkung zu entschärfen.
»Vielleicht ist es ja auch alles nur ein Muster, eine Dekoration«, überlegte Stefanie.
»Nein, das denke ich nicht«, sagte Peter. »Wer würde eine derart aufwendige Dekoration in den Fußboden einer Höhle meißeln, wo sie keiner sieht? Außerdem ist es dafür nicht regelmäßig genug. Ägyptische Hieroglyphen sind wesentlich sorgfältiger angeordnet – die wirken tatsächlich wie Schmuck. Und doch sind es Texte. Nein, ich glaube auch, dass diese Zeichen eine Bedeutung haben. Aber ein Code...?«
»Sie sind in vier einzelnen Gruppen angeordnet«, sagte Patrick. »Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen oder Abweichungen?«
Peter deutete auf das Papier. »Mir fällt irgendwie immer dieses eine Zeichen auf, das aussieht wie eine Mischung aus einer Zwei und einer Vier, und dann das hier, das aussieht wie ein Z.«
»Das eine kennzeichnet Stahl, das andere Kalk«, erklärte Stefanie.
»Bei den Alchimisten«, fügte Patrick hinzu. »Wir wissen nicht, was sie hier bedeuten.«
»Natürlich.«
»Was sind das für Zahlenreihen, die Sie da drüben ausgedruckt haben?«, fragte Peter.
»Ach das.« Stefanie zog die Papiere herbei. »Ich habe versucht, jedem Symbol einen Zahlenwert zu geben, um ein paar Numbercruncher drüberlaufen zu lassen.«
»Wer hätte das gedacht!«, sagte Patrick ehrlich erstaunt. »Womit sind Sie denn rangegangen?«
»Ich habe CryptWarrior und Word of Chaos benutzt.«
»Ich kann die US-Version von Word of Chaos mit dem 128-Bit-Schlüssel besorgen. Vielleicht kommen wir damit schneller voran?«
»Moment, Moment«, unterbrach Peter. »Reden Sie von Dechiffrierungssoftware?«
»Ja«, erklärte Patrick, »Word of Chaos ist ein sehr mächtiges Tool. Der 128-Bit-Schlüssel ist schwer zu bekommen, er fällt nämlich unter ein US-Exportverbot für militärische Güter. Das Programm macht sich fraktale Algorithmen zu Nutze. Man braucht aber auch eine ordentliche Rechnerleistung dafür. Oder sehr viel Zeit.«
»Na gut, das reicht schon«, sagte Peter und verdrehte die Augen. »Entschuldigen Sie, dass ich gefragt habe.«
»Patrick hat aber Recht«, sagte Stefanie. »Worum es geht, ist Folgendes: Um in unserem Fall voranzukommen, müssen wir erst mal nach Mustern, Regeln oder anderen Anhaltspunkten suchen. Diese Software, von der wir sprechen, ist dafür geeignet, solche Muster aufzuspüren.«
»Von was für Mustern sprechen Sie?«
»Sie meint keine grafischen Muster«, erklärte Patrick, »sondern Auffälligkeiten, Wiederkehrendes, na ja, Muster eben. Dinge, die man berechnen kann. Wenn man zum Beispiel allen Zeichen eine Zahl von eins bis zwölf zuordnete, und man fände heraus, dass die Symbole hier auf dem Boden so angeordnet sind, dass stets die Summe der Quersummen von zwei Symbolen der Quersumme des dritten Symbols entspricht, dann wäre das ein Muster.«
Peter sah ihn verständnislos an.
»Auch Sprachen haben Muster«, ergänzte Stefanie nun. »Zum Beispiel kann man anhand der Wortlängen und der Verteilung der Vokale in einem Text jede Sprache einem bestimmten Sprachstamm zuordnen, auch wenn man die Sprache selbst zunächst nicht verstehen kann. Andersherum kann man auf diese Weise im Übrigen auch einzelne Symbole einer unbekannten Sprache als Vokale identifizieren.«
»Hm... und haben Sie denn schon irgendetwas entdeckt?«
»Leider nein.«
»Vielleicht ist es auch ein völlig falsches Vorgehen«, überlegte Peter. »Vielleicht sind es ja nicht die Zeichen, die den Ausschlag geben, sondern die Anzahl der Linien, mit denen sie gezeichnet sind, oder das Maß ihrer Abstände untereinander, wer weiß?«
»Wissen Sie, was mir auffällt?«, sagte Patrick plötzlich.
»Na?«
»Die offensichtliche Lücke unten rechts entspricht genau der Lücke oben rechts, nur, dass sich dort das merkwürdige Symbol mit dem Halbmond befindet. Wenn man das aber außer Acht lässt, dann haben sowohl die ersten beiden als auch die letzten beiden Reihen je sechs Zeichen. Wie viele Zeichen waren es noch gleich insgesamt? Sechsunddreißig?«
»Ohne den Halbmond, ja. Richtig.«
»Dann kann man alle Zeichen in einem ordentlichen Quadrat mit sechs Reihen mit je sechs Zeichen aufmalen!«
»Na und?«, sagte Peter.
Patrick nahm einen Stift und skizzierte hastig etwas. »Wenn wir ein Quadrat haben, können wir noch eine Menge zusätzlicher Berechnungen anstellen. Quersummen über Reihen und Spalten beispielsweise.« Er verglich seine Zeichnung mit den Zahlen auf Stefanies Ausdruck und erklärte dabei weiter. Er war in seinem Element. »Da wir keinen Anhaltspunkt haben, müssen wir dem Problem heuristisch auf den Grund gehen.«
»Heuristisch«, übersetzte Stefanie, »bedeutet, dass man einen Teil des Lösungswegs testweise voraussetzt und probiert, ob man zu einem Endergebnis kommt, das zu dem Problem passt. Man zäumt das Pferd gewissermaßen von hinten auf. Einige mathematische Probleme lassen sich am besten lösen, indem man ein Endergebnis voraussetzt und von dort an rückwärts rechnet und versucht, so die Aufgabenstellung zu rekonstruieren.«
»Das wiederum war mir bekannt«, sagte Peter.
»Heuristisch vorzugehen«, fuhr Patrick fort, »bedeutet für uns beispielsweise, dass wir jetzt einfach mal voraussetzen, dass es sich hier um einen numerischen Code handelt, den wir mathematisch auflösen müssen. Das stimmt ja vielleicht gar nicht, aber wir probieren jetzt eine Weile herum, ob wir mathematisch zu einem brauchbaren Ergebnis oder zu einem offensichtlichen Muster kommen.«
»Einverstanden, warum nicht.«
Patrick schaltete die Rechner ein, und Stefanie, die wusste, worauf er hinauswollte, startete die notwendigen Programme, während Patrick weitersprach. »Wenn sich hier ein mathematischer Code verbirgt, haben wir genau genommen zwei Probleme zugleich. Wir wissen nicht, welche Formel wir verwenden müssen, aber dabei kann uns der Rechner helfen. Und zusätzlich wissen wir nicht, welche Zahlen wir benutzen sollen. Ist das Symbol für Stahl zum Beispiel eine Drei? Oder eine Siebenundzwanzig?«
»Vielleicht eine Vierundzwanzig«, warf Peter ein, »sieht ja ein bisschen so aus.«
»Ja, warum nicht? Oder eine Zweihunderteinundvierzig? Vielleicht steht das Symbol auch für eine irrationale Zahl, Pi zum Beispiel oder Wurzel aus Zwei«, sagte Patrick. »Fakt ist: Wir wissen es einfach nicht. So kann natürlich auch der stärkste Rechner ewig herumrechnen. Aber mit ein bisschen Glück bekommen wir es ja heraus. Meine nächste heuristische Annahme ist, dass die Zeichen absichtlich in einem Quadrat angeordnet werden sollen; dass das einen Hinweis auf ihre Werte liefert.«
Patrick schien sich mit der Software gut auszukennen, denn nun tippte er verschiedene Befehle in den Rechner, und kurz darauf erschien ein sechs mal sechs Felder umfassendes Quadrat. In den einzelnen Kästchen änderten sich nun rasend schnell immer größer werdende Zahlen, bis die Anzeige nach einer Weile plötzlich einfror. Rote Linien blitzten auf und verbanden jeweils die waagerechten und senkrechten Felder miteinander. Zum Abschluss legten sich zwei diagonale Linien quer über das gesamte Bild.
»Volltreffer!«, rief Patrick aus. »Es ist sogar ein magisches Quadrat!«
»Das Programm hat errechnet«, erklärte Stefanie dem etwas unsicher zuschauenden Peter, »welche Zahlen die zwölf verschiedenen Zeichen symbolisieren könnten. Wenn man es so macht, wie der Rechner hier vorschlägt«, sie deutete auf den Bildschirm, »dann erkennt man, dass die Summe der Felder in jeder Reihe exakt dieselbe ist, egal, ob man eine waagerechte Reihe, eine senkrechte oder eine diagonale nimmt. Es kommt immer dieselbe Summe heraus. So eine Anordnung nennt man magisches Quadrat.«
»Ein magisches Quadrat«, sagte Peter, »ein passender Name. Und mir kommt es auch reichlich weit hergezaubert vor, was Sie beide da vorführen. Wir finden hier eine bunte Mischung merkwürdiger Symbole, und in null Komma nichts ordnen wir sie zu einem Quadrat und rechnen aus, dass unsere Anordnung ein magisches Quadrat ergibt, wenn man das Zeichen für... was war das noch gleich? Stahl? Wenn man das Zeichen für Stahl mit der Zahl 1,876121 gleichsetzt, ein anderes mit 25400,1777 und so weiter.«
»Wieso kommt Ihnen das so unwahrscheinlich vor?«, fragte Stefanie. »Meinen Sie, das Ganze ist ein Zufall?«
»Ich habe keine Ahnung, ich kann es nicht beurteilen. Wie viele mögliche Kombinationen gibt es denn? Was, wenn wir die Zeichen anders angeordnet hätten? Oder wenn der Computer noch eine Weile länger gerechnet hätte?«
»Magische Quadrate sind extrem selten«, erklärte Patrick. »Stellen Sie sich ein Quadrat mit nur neun statt sechsunddreißig Zahlen vor. Also drei Reihen mit drei Zahlen. Nun ordnen Sie darin die Zahlen von eins bis neun so an, dass sich ein magisches Quadrat ergibt. Hier ist die Lösung«, er kritzelte etwas auf ein Blatt und reichte es Peter.
»Alle Summen ergeben fünfzehn. Ist eine tolle Knobelaufgabe. Ich habe mir das auswendig gemerkt, um meine Nerven zu schonen. Aber nun probieren Sie dasselbe einmal mit unserem Raster von sechs mal sechs und der Einschränkung, dass Sie zwölf verschiedene Zahlen verwenden dürfen, jede exakt dreimal. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele verschiedene Lösungen es für dieses mathematische Problem gibt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es verdammt wenige sind. Wenn das hier ein Zufall ist, dann können Sie mich nächstes Jahr auf den Knien nach Santiago de Compostela rutschen sehen.«
Peter musste bei diesem Gedanken schmunzeln. »Also gut. Lassen Sie uns dem heiligen Jakob das nicht antun. Nehmen wir an, die alchimistischen Zeichen stehen also für diese Zahlen. Was nun?«
Patrick machte sich wieder am Rechner zu schaffen. »Wenn wir alle Zahlen hintereinander hängen, haben wir jetzt quasi den mathematischen Code in seiner Rohform. Word of Chaos wird diese Zahlen durch seine Algorithmen jagen und regelrecht weich kauen. Das Programm protokolliert dabei sein Vorgehen und gibt Warnhinweise aus, wenn es auffällige Muster entdeckt.«
»Und was für Muster erwarten Sie? Irgendwelche Quersummen?«, fragte Peter.
»Ich habe keine Vorstellung davon, Peter. Aber deswegen mache ich es auch nicht selber.« Patrick grinste. »Wir lassen die Maschine jetzt ein wenig qualmen, und heute Abend sehen wir nach, was sie ausgebrütet hat. Allerdings...«, er stockte.
»Was ist?«
»Wir benötigen noch eine Zahl. Irgendetwas, einen Schlüssel, eine Prüfsumme oder so.«
»Wieso? Wie kommen Sie denn darauf? Sie müssen mich entschuldigen, aber seit etwa zwanzig Minuten zweifle ich an meiner naturwissenschaftlichen Schulbildung.«
»Na ja, diese Software bietet immerhin die Option, einen Schlüssel anzugeben. Und es gehört ja eigentlich auch zum Prinzip des Chiffrierens, dass der Empfänger der Nachricht einen Schlüssel hat. Etwas, mit dem er die Lösung augenblicklich rekonstruieren kann, ohne herumprobieren zu müssen. Meistens wird eine Information darüber, welcher Schlüssel nötig ist, zusammen mit der chiffrierten Nachricht übermittelt. Diese spezielle Software nutzt außerdem fraktale Berechnungsformeln. Auch diese speist man häufig mit einem Initialwert, wie mit einem Samen, einer Spore. Und zu guter Letzt«, er deutete auf die Zeichnung der Symbole, »ist da dieses Zeichen oben rechts, das mir keine Ruhe lässt. Mein Instinkt sagt mir, dass es etwas bedeuten soll, und dass es möglicherweise der Schlüssel ist, wie auch Stefanie schon vermutet hat. Ich glaube ja nicht an viel, aber an meinen Instinkt glaube ich.«
»Sie machen mir im Augenblick eher den Eindruck, als ob Ihr Instinkt mit Ihnen durchbrennt.«
»Ich weiß auch nicht«, sagte Patrick. »Aber mir kommt es alles absolut logisch vor. Die Ideen scheinen mir so richtig, als ob sie nicht neu wären, sondern ich mich nur daran erinnern würde... wenn Sie verstehen, wie ich das meine.«
Peter hob eine Augenbraue und sah ihn eine Weile an. Dann betrachtete er das Symbol näher. »Es sieht aus wie ein Mond mit einer Kugel drin oder so. Alchimistisch ist es nicht, oder haben Sie eine Erklärung gefunden, Stefanie?«
»Nein. Nicht bei den Alchimisten.«
»Ein astronomisches Zeichen ist es auch nicht«, sagte Patrick. »Zumindest keines, das ich kenne.«
»Astronomisch?« Peter überlegte. »Doch, irgendwie schon, warten Sie mal. Es sind zwei überlagerte Zeichen. Die Sichel ist das Zeichen für den Mond, und der große Kreis mit der Kugel oder dem Punkt in der Mitte ist das Zeichen für die Sonne.«
»Sonne und Mond übereinander? Das ist doch...«
»...eine Sonnenfinsternis«, vollendete Peter den Satz, von seiner eigenen Entdeckung überrascht.
»Natürlich! Wunderbar!«, rief Patrick aus. »Das Datum einer Sonnenfinsternis als numerischer Schlüssel für den Code. Das wäre geradezu genial und absolut logisch. Dann stellt sich nur die große Frage, welche Sonnenfinsternis gemeint ist.«
»Wenn wir heuristisch davon ausgehen«, sagte Peter, »dass der Durchgang und dieser Code genauso wie der Rest der Höhle aus dem dreizehnten Jahrhundert sind, dann wäre es am logischsten, nach einer Sonnenfinsternis zu suchen, die etwa im dreizehnten Jahrhundert in dieser Gegend stattfand.«
»Guter Vorschlag«, sagte Patrick, »aber wie kriegen wir das heraus?«
»Das ist nicht so schwer«, meldete sich nun Stefanie. »Ich werde über das Internet eine Recherche beauftragen. Es gibt ein paar Menschen da draußen, die so was sehr präzise berechnen können. Ist ja gerade mal achthundert Jahre her.«
»Wie lange wird das dauern?«, fragte Peter.
»Je nachdem, wann unsere Anfrage bearbeitet wird, vielleicht einen Tag, höchstens zwei. Ich glaube, so lange können wir uns noch gedulden, oder?«
»Klar. Darauf eine Zigarette!«, meinte Patrick und begab sich zum Fenster. »Was sagen Sie nun, Peter? Vorhin waren Sie noch so kummervoll, aber nun sind wir geradezu mit Siebenmeilenstiefeln vorangekommen, oder?«
Peter lehnte sich zurück, während sich Stefanie an einem anderen Rechner zu schaffen machte und eine Internetverbindung herstellte. »Ich muss zugeben, dass mir der Fortschritt sehr gefällt – wenn ich auch nur die Hälfte davon nachvollziehen kann. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, einen vorläufigen Bericht an unsere Auftraggeberin in Genf zu verfassen?«
Patrick grinste. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Nehmen Sie sich aber nicht zu viel Zeit. Für heute Nachmittag habe ich etwas vor, was wir uns nicht entgehen lassen sollten.« Er holte einen gefalteten Zettel aus der Tasche. »Dieses Flugblatt befand sich unter den Papieren, die uns die Großmeisterin gestern in der Kathedrale gegeben hat. Es ist die Ankündigung und Einladung für ein Symposium heute Nachmittag in Cannes. Das Thema lautet: »Permutatio XVI‹. Es ist eine geschlossene Veranstaltung ausschließlich für geladene Gäste.«
»Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll«, sagte Peter.
»Dann warten Sie, bis ich den Rest vorlese:
Im Mittelpunkt unserer sechzehnten Zusammenkunft steht die Kabbala. Redner und Abgesandte aller großen Schulen der Mystik sind bereits registriert. Wie immer gilt das eherne Gesetz: Das Symposium dient dem Austausch. Der Boden der Permutatio ist heilig. Wir sind gemeinsam offen, tolerant und undogmatisch. Wir missionieren nicht. Wir fehden nicht.«
»Was wollen Sie denn da?!«, fragte Peter.
»Ich denke immer noch an die Rose«, sagte Patrick. »Egal, ob uns Renée etwas von der Arche Noah erzählt hat und ob uns der Herr von und zu Weimar mit Luther voll gequatscht hat; fest steht doch, dass scheinbar jeder etwas zu der Rose zu sagen hat. Diese ganzen Leute, die sich mit Mystik und Kabbala und solchem Kram beschäftigen, die sind doch das ideale Publikum für unsere Recherche. Im Grunde hatte Herr Weimar ja Recht: Vieles, was wir entdecken, erkennen wir vielleicht gar nicht als wichtigen Hinweis, weil wir einige Zusammenhänge gar nicht kennen, die aber im dreizehnten Jahrhundert durchaus präsent waren. Zumindest bei den Mystikern. Und dass diese Höhle etwas Mystisches hat, das werden Sie wohl auch zugeben müssen.«
»Ja, das lässt sich nicht abstreiten...«
»Dann halten Sie beide nichts von der Erklärung, die Rose sei das Wappen Luthers?«, fragte Stefanie.
»Vielleicht gibt es tatsächlich einen losen Zusammenhang«, schränkte Peter ein. »Luther wurde zwar erst viel später geboren, erst zwei- oder dreihundert Jahre, nachdem diese Höhlenwände bemalt wurden. Aber sein Wappen könnte natürlich seinen Ursprung in dieser Höhle haben. Nur wüsste ich nicht, wie uns das weiterhelfen sollte. Er hat die Höhle sicher nicht gebaut, und die ominösen Lutherarchive werden wir hier bestimmt auch nicht finden...«
»Es sei denn«, unterbrach Stefanie, »er hätte herausgefunden, wie man den Durchgang passiert!«
Peter und Patrick sahen sie erstaunt an.
Sie fuhr fort: »Sagten Sie nicht, Luther hätte angeblich wichtige Entdeckungen gemacht? Vielleicht war eine davon dieser Durchgang und wie man ihn passiert. Dann könnte es durchaus sein, dass er seine Aufzeichnungen hinter den Durchgang in Sicherheit gebracht hat.«
»Stefanie hat Recht«, sagte Patrick. »Die Lutherarchive könnten durchaus hier sein. Wenn es sie denn gibt.«
»Nun, das würde aber noch immer nicht das Geheimnis des Durchgangs erklären«, sagte Peter. »Dann hätte er ihn sich vielleicht zu Nutze gemacht. Aber da seine dubiosen Aufzeichnungen dahinter lägen, würden sie uns nicht einmal weiterhelfen. Wir sind wieder da angekommen, wo wir gestartet sind. Das Rätsel des Durchgangs müssen wir alleine lösen.«
»Dann lassen Sie uns heute nach Cannes fahren und ein paar dieser Leute nach der Rose befragen«, sagte Patrick. »Ich schlage vor, wir nehmen auch eine Zeichnung des großen Symbols in der Mitte mit.«
»Sie meinen die konzentrischen Ringe?«, fragte Stefanie. »Das sieht mir aber nun wirklich wie ein bloßer Schmuck aus. Wie ein einfaches Labyrinth-Motiv oder so.«
»Es ist wirklich sehr regelmäßig konstruiert«, überlegte Peter. »Das sind klassische Labyrinthe auch. Aber hier führt ein gerader Weg ins Zentrum und je zwei weitere Wege um das Zentrum herum. In klassischen Labyrinthen gibt es immer nur einen einzigen Weg, durch den man die vollständige Fläche durchläuft, bis man im Zentrum ankommt. Das ist etwas ganz anderes.«
»Seit wann gibt es da nur einen einzigen Weg?«, fragte Patrick. »In Labyrinthen soll man sich doch verlaufen.«
»Was Sie meinen, sind Irrgärten«, erklärte Peter. »Ein Labyrinth ist ein viel älteres Symbol. Eine Konzentrationsaufgabe, die den geistigen Weg vom Äußeren zum Inneren darstellt. Aber wenn man sich dieses Zeichen hier genau ansieht, scheint es weder ein Irrgarten noch ein Labyrinth zu sein. Es sieht eher aus wie drei umeinander gelegte Ringe oder Schalen.«
»Sieht ein bisschen aus wie eine Antenne, von der kreisförmige Wellen ausgehen, oder?«
»Ihre Fantasie möchte ich haben, Patrick«, sagte Peter. »Aber es stimmt schon; es wirkt irgendwie fast technisch. Kreise, Spiralen und Labyrinthe sind archaische Symbole, und in meinen Studien habe ich sehr viele davon gesehen und beschrieben. Dieses Zeichen hier ist aber eindeutig anders. Es kann nicht schaden, wenn wir es ein paar Leuten zeigen. Sollte es jemand erkennen, könnte uns das einen wichtigen Hinweis auf seinen Ursprung geben.«
»Dann sind Sie also einverstanden mit Cannes?«, fragte Patrick.
»Ja, lassen Sie uns zum Symposium der Mystiker fahren. Hoffen wir nur, dass sich alle an ihre ›ehernen Gesetze‹ halten und tatsächlich nicht missionieren.«
8. Mai, Büro des Bürgermeisters, St.-Pierre-Du-Bois
Didier Fauvels dicke Finger zitterten unmerklich, als er sich einen Cognac einschenkte. Er zog den Beistelltisch auf den kleinen Rollen hinter sich her und ließ sich dann in seinen Schreibtischsessel sinken. Er leerte das Glas fast bis zur Neige, lehnte sich zurück und ließ die Ereignisse Revue passieren.
Der Besuch war nicht lang gewesen, aber unangekündigt und äußerst unangenehm. Er hatte noch kurz mit Fernand Levasseur gesprochen, bevor dieser die Forscher im Hotel aufsuchen wollte. Dann hatte er sich die Zeitung genommen und auf dem Weg zum Schreibtisch gesehen, wie ein dunkler Mercedes vorgefahren war...
Dem Wagen entstiegen Fahrer und Beifahrer, beide ernsthaft, breitschultrig und in teure Anzüge gekleidet. Der Beifahrer trat an den Fond und öffnete einem Mann mit sportlichem Sakko und einer modischen Brille. Dieser schritt zielstrebig auf das Haus zu, während ihm die anderen beiden folgten. Daran, wie einer der Begleiter einen unsichtbaren Gurt unter seinem Jackett zurechtschob, erkannte Didier Fauvel, dass sie bewaffnet waren.
Er hatte sich kaum hingesetzt, als auch schon seine Sekretärin das Büro betrat.
»Sie haben Besuch, Monsieur le Maire«, brachte sie gerade noch heraus, als sie von einem der beiden Bodyguards beiseite geschoben wurde, der den Fahrgast aus dem Mercedes vorbeiließ. Aus der Nähe betrachtet, wirkte er smart und gebildet. Er trat an den Schreibtisch heran, während seine Begleiter an der Tür stehen blieben.
»Guten Morgen, Monsieur Fauvel.«
»Guten Morgen, Monsieur...?« Er ließ den Satz absichtlich als Frage enden, doch der Mann ging nicht darauf ein.
»Ich komme aus Paris.« Er reichte dem Bürgermeister eine Visitenkarte. »Sie kennen diese Karte?«
O ja, und wie er sie kannte. Er hatte gehofft, dass dies niemals geschehen würde, dass man ihn vergessen würde, ja er hatte es selbst fast vergessen. Aber nun schlug das Schicksal zu. Unerbittlich und höchstwahrscheinlich äußerst schmerzhaft.
»Ja, ich kenne sie.«
»Schön. Dann fasse ich mich kurz. Einige sehr einflussreiche Herren in Paris sind äußerst gereizter Stimmung über bestimmte Nachforschungen, die gewisse Personen in Ihrer Umgebung anstellen.«
»Wie meinen Sie das?« Einen Augenblick lang war er ehrlich verwirrt.
»Ein Franzose und ein Engländer. Sie stochern bisher im Nebel mit irgendwelchen Untersuchungen, die sie anstellen, aber sie erregen damit das falsche Maß an Aufmerksamkeit bei den falschen Leuten. Verstehen Sie, was ich Ihnen sage?«
»Ja, das heißt, irgendwie...«
»Sorgen Sie dafür, dass die beiden ihre Nachforschungen einstellen, was auch immer sie hier gerade tun.«
»Sie untersuchen einige Fälle von Tollwut...«
»Paris ist es egal, was sie untersuchen. Und wenn es die Keuschheit der Jungfrau Maria ist. Es wird von Ihnen erwartet, dass Sie dem Treiben Einhalt gebieten. Die Untersuchungen sind sofort zu beenden.«
»Beenden? Aber wie... die sind von den UN, ich habe keine Befugnis, denen etwas vorzuschreiben.«
»Sie sollen niemandem etwas vorschreiben. Sie sollen einfach dafür sorgen, dâss die beiden nicht weiterarbeiten. Ist das so schwierig zu verstehen?«
»Aber... ich kann die beiden doch nicht einfach verschwinden lassen! Oder...? Oder ist es das? Wollen Sie etwa, dass ich die beiden umbringen lasse, oder wie stellen Sie sich das vor?!«
Der Mann beugte sich gefährlich nahe zu Didier Fauvel herunter. »Lieber Monsieur Fauvel. Ihr fetter Arsch ruht auf einem Schleudersitz, wie Sie selber wissen. Und die Finger, die den Auslöser betätigen, brauchen nur einmal nervös zu zucken. Sie werden sich jetzt nachhaltig um Ihr kleines Problem kümmern, oder Sie haben bald gar keine Probleme mehr. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Ja, sehr klar.«
»Gut.«
Ohne weitere Worte hatte sich der Mann umgedreht und mit seinen Begleitern das Büro verlassen. Zurück blieb nur die Visitenkarte.
Didier schauderte es beim Gedanken an die Szene. Bei all ihrer Trägheit hatten die schwergewichtigen Mächte in Paris zu allem Überfluss auch das sprichwörtlich gute Gedächtnis von Elefanten. Er schenkte sein Glas nach und versuchte jene Ereignisse des Sommers 1968 zu verdrängen, die, aufgeschreckt durch die jähe Begegnung mit der Vergangenheit, nun beharrlich in ihm emporquollen. Die an die Oberfläche drangen, emporgewürgt, ausgespuckt und gesühnt werden wollten.
»Monsieur le Maire?«
Die Stimme seiner Sekretärin schreckte ihn aus den Gedanken.
»Was gibt es?!«, herrschte er sie an.
»Monsieur Levasseur möchte Sie kurz sprechen... Soll ich ihm sagen, dass Sie...?«
»Nein, schon gut.« Er winkte ab, froh über eine Ablenkung, wenn seine Stimmung dadurch auch nicht besser wurde. »Lassen Sie ihn herein.«
Mit dem Fuß schob er den Beistelltisch ein Stück außer Reichweite. Sein Glas konnte er gerade noch so hinter einen Stapel Akten stellen, dass es für den Besucher nicht sichtbar war, als der Förster auch schon vor ihm stand.
»Wie war Ihr Besuch bei den UN-Leuten?«
»Nicht sehr aufschlussreich, wie ich aber leider schon vermutet hatte.«
»Weshalb das? Hat man Ihnen denn nicht geholfen?« Es konnte sich als nützlich erweisen, wenn die Forscher nicht kooperativ waren. Vielleicht konnte man ihnen daraus einen Strick drehen.
»Doch, ganz im Gegenteil. Sie waren durchaus hilfsbereit und haben mir ihre bisherigen Ergebnisse gezeigt. Ich muss zugeben, dass ich anfangs misstrauisch war, es ist aber leider tatsächlich so, wie sie sagen. Sie benötigen diese ganzen Wetterdaten. Sie werden sie tatsächlich aus Carcassonne anfordern müssen.«
Der Bürgermeister verzog den Mund. Anstatt einen guten Vorwand zu bekommen, die beiden Männer loswerden zu können, sollte er sich nun sogar noch weiter um ihre Angelegenheiten kümmern.
»Trauen Sie den beiden denn zu, dass sie die Seuche damit in den Griff bekommen?«
»Es sind übrigens inzwischen drei Forscher: Sie haben Unterstützung von einer Biologin bekommen.«
»Ach... das ist ja interessant. Und man hat mich nicht davon unterrichtet?«
»Offensichtlich nicht, Monsieur le Maire, aber ich bin sicher, dass Sie sie kennen lernen werden.«
»So. Nun gut. Und glauben Sie, dass die drei das Problem lösen können?«
»Ja, unbedingt. Sie sind hervorragend ausgerüstet. Auf dem neuesten Stand der Technik.«
»Hm... gut, einverstanden. Ich werde mich um die Wetterdaten kümmern. Vielen Dank für Ihre Einschätzung.« Er wandte sich scheinbar geschäftig einem Stapel Papier zu. »Wenn Sie mich nun entschuldigen möchten...«
»Natürlich. Einen schönen Tag noch, Monsieur le Maire.« Der Förster verließ das Büro, zufrieden, dass er die notwendige Zeit herausgeschlagen hatte, die er benötigte, um das undurchsichtige Geheimnis der Forscher zu lüften, die nun wirklich alles andere taten, als sich mit Tollwut zu beschäftigen.