Epilog
18. Mai, Museum für Völkerkunde, Hamburg
»Paris: Der Vorsitzende der französischen Partei PNF, Jean-Baptiste Laroche, ist heute Morgen erschossen in seinem Haus am Pariser Stadtrand aufgefunden worden. Ein Sprecher der Polizei wollte keine Angaben zu den näheren Umständen machen, erklärte aber, dass die ersten Indizien für einen Selbstmord sprächen. Der erfolgreiche Geschäftsmann und Gründer der Rechtsnationalistischen Partei, Laroche, hatte als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat gegolten, bis er vor knapp einer Woche durch eine Anklage wegen Landesverrats in die Schlagzeilen geraten war. Zur gleichen Zeit hatte die britische Tageszeitung Sun berichtet, dass sich Laroche für einen Verwandten von Jesus Christus halte, und ihn in der Folge zum Gespött der Medien in beiden Ländern gemacht. Wie ein Sprecher der PNF in einer Pressekonferenz mitteilte...«
Peter schaltete das Radio aus, als es an der Tür seines Büros klopfte. »Ja, bitte.«
Patrick Nevreux trat ein. Leger gekleidet, aber frisch rasiert, lachte er ihn an. »Hallo, Sportsfreund! Schön, Sie zu sehen!«
»Patrick, die Freude ist ganz meinerseits!« Er wies auf den alten Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Setzen Sie sich! Was führt Sie her? Sie haben mich doch nicht etwa vermisst?«
»Aber nein, wo denken Sie hin! Ich war gerade zufällig in der Gegend und dachte, ich schau mal beim alten Professor vorbei.«
»Wie aufmerksam!« Peter beobachtete amüsiert Patricks zweifelnden Blick auf den Stuhl und erwartete eigentlich, dass der Franzose, nachdem er sich zögernd niedergelassen hatte, seine Füße auf den Tisch legen würde. Aber Patrick blieb gesittet und sah sich im Raum um. »Nettes Büro«, sagte er dann. »Aber etwas langweilig, oder?«
»Ich kann nicht klagen. Zumindest ist es ungefährlich.«
»Da haben Sie wohl Recht.«
»Und wie geht es Ihnen?«, fragte Peter. »Denken Sie noch oft an sie?«
»An Stefanie? Ja. Ich vermisse sie... Sie hatte es nicht verdient. Ich frage mich immer wieder, was wir ohne sie erreicht hätten. Ich habe versucht, herauszufinden, wo sie herkam, ob sie eine Familie oder Verwandte hinterließ. Aber es war nichts zu finden. Sie war auf eine merkwürdige Art anders, fanden Sie nicht auch?«
»Ich hatte manchmal das Gefühl, dass sie etwas vor uns verbarg«, stimmte Peter zu. »Die Art, wie sie sich immer im Hintergrund hielt und doch stets diejenige war, die uns weitergebracht hat. Sie schien irgendwie selbstlos. Wie sie selbst trotz ihrer schweren Verletzung Elaine noch verfolgte... meinen Sie, sie hat sich bewusst für die Höhle geopfert?«
»Wer weiß... Ich habe auch über die Höhle nachgedacht. Vielleicht hätte sie gar nicht jede Frau betreten können. Immerhin wäre das ja kein besonders guter Schutz, wenn ein paar Milliarden Menschen einfach hineinspazieren könnten, oder? Aber vielleicht war Stefanie wirklich anders. Vielleicht war sie tatsächlich eine Bewahrerin der Mysterien... auf eine ganz andere Art, die wir nie erahnt haben.« Patrick atmete tief ein. »Aber nun gut, wir werden es niemals erfahren...«
»Nein, in der Tat.« Peter schwieg einen Augenblick. »Aber sagen Sie«, setzte er dann neu an, »wie ist es Ihnen in den letzten Tagen ergangen? Haben Sie sich noch mit Levasseur auseinander gesetzt?«
»Nur wenig«, sagte Patrick. »Die Leute von Nuvotec sind ziemlich schnell – und natürlich unverrichteter Dinge – abgezogen, und der fette Fauvel hat seine Schergen ebenfalls zurückgepfiffen. Levasseur konnte ihn anscheinend überzeugen, dass es am Vue d'Archiviste irgendeine Art seismischer Aktivität gäbe, so stark, dass ganze Berge einstürzen können und man das Gebiet folglich keinesfalls bebauen sollte. Fauvel hat das wohl geschluckt.«
»Also ist dort alles wieder beim Alten. Als sei nie etwas geschehen, wird die Höhle im Vergessen versinken. Sie ist unwiederbringbar verloren. Und wir beide sind genauso schlau, wie wir es vor ein paar Wochen waren.«
»Aber um viele zehntausend Euro reicher.«
»Das stimmt allerdings.«
»Und wie es der Zufall so wollte, musste ich deswegen an Sie denken«, sagte Patrick und holte eine Zigarettenschachtel hervor. »Ich darf doch?«
»Sie machen mich neugierig. Und was das Rauchen angeht: natürlich nicht.« Mit diesen Worten und einem verschmitzten Funkeln in den Augen griff Peter nach einer Dose Tabak und einer Pfeife aus seinem Pfeifenständer und begann damit, sie sorgfältig zu stopfen.
Patrick grinste den Engländer an, entzündete seine Zigarette und nahm einen tiefen Zug. Dann blies er den Rauch in die Höhe.
»Wissen Sie«, sagte er, »ich habe nachgedacht.«
»Nein.«
»Über unsere Recherchen, die verrückten Leute, die wir getroffen haben, das wirre Zeug, das man uns erzählt hat, und diese Menge an Sachen, die Sie ganz offensichtlich wissen...«
»Aha...«
»Und ich dachte mir, Patrick, alter Junge, von dem kannst du noch was lernen.«
»Ist das so?« Peter entzündete ein Streichholz, wartete einen Augenblick und entfachte dann damit seine Pfeife.
»Ich weiß, dass Sie hier im Museum jobben«, erklärte Patrick. »Ist bestimmt mächtig spannend. Aber jetzt, wo wir beide ein bisschen Spielgeld haben, interessiert Sie vielleicht eine kleine Abwechslung?«
»Wollen Sie mich zum Essen einladen?«
»Nicht direkt... na ja, vielleicht springt ein Essen dabei heraus ... Gut, einverstanden, ein Abendessen ist drin. Und dann erzähle ich Ihnen von meiner Idee. Es hat mit alten Kulturen zu tun. Und der Suche nach weiteren Archiven des Wissens.«
Peter hob eine Augenbraue und sah den Franzosen eine Weile schweigend an. Dann griff er nach einem Zettel und reichte ihn über den Tisch.
Patrick nahm ihn entgegen, las ihn und stutzte.
»Meine Adresse in Lissabon?«
»Ich wollte morgen einen Flug buchen und Ihnen in einer portugiesischen Fischkneipe von derselben Idee erzählen.«
Patrick sah ihn erstaunt an. »Zwei Dumme, ein Gedanke, was? Und was war Ihr Ziel? Ich hatte da recht vage an Pyramiden gedacht...«
Peter schob eine Ausstellungsbroschüre des Museums über den Tisch. Abgebildet war der Stein von Rosette und darüber prangte die Aufschrift: »5000 Jahre Schrift. Mit einer Sonderausstellung von Professor Peter Lavell: Ägypten – Wiege der Kultur?«
18. Mai, Herrenhaus bei Morges, Schweiz
Auf der Rasenfläche vor der herrschaftlichen Villa stand ein Hubschrauber, dessen Rotorblätter sich langsam drehten. Steffen van Germain warf einen letzten Blick auf das Anwesen. Ein wunderbarer Ort, der ihm lange zu Diensten gewesen war. Aber wie immer, ging jede Zeit einmal zu Ende. Wenn Neues beginnt, muss das Alte weichen. Ebenso wie die Ereignisse im Languedoc ein Ende in der entsetzlichen Zerstörung der Archive gefunden und das Augenmerk zugleich auf einen neuen Anfang gelenkt hatten.
Eine Weile hatte er gezweifelt, ob sie alles richtig gemacht hatten. Wie immer schalt er sich einen Narren, bei vielem, was sie übersehen hatten und was zu den furchtbaren Ereignissen geführt hatte. So viel vergossenes Blut, so viel fehlgeleiteter Eifer, so viel verlorenes Wissen. Es war immer dasselbe, seit Menschengedenken. Aber er wusste auch, dass er nichts hätte anders entscheiden wollen. Sie mussten es immer wieder darauf ankommen lassen. Mussten beobachten, mussten lenken, wenn es angebracht war, und immer wieder prüfen, ob die Zeit gekommen war. Und eines Tages würde es so weit sein. Dann würde eines der Archive seine Bestimmung erfüllen.
Er wandte sich ab, bestieg den Hubschrauber und setzte sich neben Joseph, der die Tür schloss.
»Seid Ihr bereit, Steffen?«, fragte der junge Mann.
»Ja. Es kann losgehen.«
Dann wandte sich van Germain an die Frau, die ihnen gegenübersaß. Ihre blonden Haare fielen ihr über eine Schulter, auf der anderen Seite hatte sie sie hinters Ohr geklemmt. Sie wirkte ebenfalls nachdenklich, wenn auch aus anderen Gründen als er selbst.
»Du musstest es zerstören«, sagte er. »Es war das einzig Richtige, Johanna.«
»Ich weiß... aber das beschäftigt mich auch weniger.«
»Dann denkst du noch an ihn?«, fragte er.
»Ja. Er war auf eine unverschämte Art liebenswürdig. Und er hatte ein gutes Herz. Es ist lange her, dass jemand Tränen für mich vergossen hat.«
»Es tut mir leid«, sagte van Germain. »Wirklich. Aber es war deine Entscheidung.«
»Ja«, sagte sie. Und mit einem entschlossenen Nicken fügte sie hinzu: »Und es war auch gut so.«
Der Hubschrauber hob langsam vom Boden ab, stieg in die Höhe und flog in einer Schleife über das Grundstück. Er folgte der Auffahrt, flog über das Tor, gewann dort schnell an Höhe und verschwand in der Ferne.
Vor der Toreinfahrt war ein hohes Gestell aufgebaut, auf dem die Villa abgebildet war. Darüber stand in großen Buchsraben: À vendre – Zu verkaufen.