Kapitel 3

21. April, Rua dos Remédios, Lissabon

Der Kellner brachte erneut zwei Kaffee, und während er die Marmorplatte des wackligen Tischchens abwischte, betrachtete er die beiden Herren verstohlen von der Seite. Es war nicht ungewöhnlich, lange Zeit nichts anderes als ein oder zwei bicas zu bestellen, es gab Studenten, die den ganzen Nachmittag bei einem einzigen Mineralwasser saßen. Aber diese beiden Herren passten nicht ins Bild, nicht hier, in der Alfama. Der eine war Ausländer, rauchte Kette, und sein Portugiesisch war leidlich. Der andere schien viel zu wohlhabend, um in diesem Café zu sitzen. Der Ausländer redete energisch und mit Händen und Füßen auf den anderen ein. Der Kellner bückte sich, um mit einem gefalteten Bierdeckel einen der schmiedeeisernen Füße des Tisches zu fixieren. Dabei hoffte er, weitere Gesprächsfetzen aufschnappen zu können, aber die beiden Männer schwiegen, bis er sich wieder anderen Gästen zuwenden musste.

»Senhor Macieira-Borges, es scheint, dass ich Sie nicht vom Erfolg des Unternehmens überzeugen kann.«

Der Angesprochene, ein stämmiger Portugiese mittleren Alters in einem etwas unmodernen aber maßgeschneiderten Dreiteiler, rückte einen Manschettenknopf zurecht und ergriff mit seinen speckigen Fingern den winzigen Henkel der Espressotasse. Es sah aus, als versuche jemand mit Hilfe zweier Bockwürste einen Briefkastenschlüssel zu bedienen, aber es funktionierte.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das tatsächlich überrascht«, sagte er und pustete leicht auf seinen Kaffee, um ihn ein wenig abzukühlen.

»Wenn ich, wie vorgeschlagen, einen oder zwei Botaniker oder Chemiker Ihrer Firma der Expedition anschließe, ist Ihr Investitionsrisiko doch gleich null.«

»So wie auch Ihres, nicht wahr, Senhor Nevreux?« Der Portugiese nippte an seinem Kaffee und sah den Franzosen dabei über den Tassenrand hinweg an.

»Natürlich, wenn Sie so wollen. Eine Hand wäscht die andere!« Patrick Nevreux verspürte zum ersten Mal in diesem Gespräch wieder so etwas wie ein Fünkchen Hoffnung und drückte wie zur Bekräftigung seine Filterlose aus.

»Ja, so sagt man: Eine Hand wäscht die andere... genau ...« Der Geschäftsmann setzte seine Tasse behutsam ab. Er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. »Nun gut«, hob er dann an, »ich will ehrlich mit Ihnen sein. Es geht nicht um Geld. Beträge, wie Sie sie nennen, geben wir monatlich für das Design neuer Tablettenpackungen aus. Packungen, die Ihnen der Arzt oder Apotheker in die Hand drückt, die Sie aufmachen und in den Müll werfen. Vom Jahresgehalt meines Laborleiters in Brasília könnten Sie zehn Expeditionen finanzieren. Es geht nicht um Geld, ganz und gar nicht.« Er machte eine dramatische Pause und leerte derweil seine Tasse. Patrick Nevreux zündete sich eine neue Zigarette an und ging im Kopf bereits resigniert die Liste der anderen Geschäftsmänner durch, die er in Lissabon noch treffen wollte, als der Portugiese fortfuhr: »Bedenken Sie, dass die Stadt, die Sie suchen – unabhängig davon, was ich persönlich glaube – für den Rest der Welt ein Märchen ist. Meine Firma ist nicht deswegen das größte Pharmaunternehmen Südamerikas und eines der innovativsten in Europa, weil wir Märchen hinterherjagen würden. Wir sind hochmodern und schnell, aber deswegen sind wir auch unter ständiger, genauer Beobachtung durch unsere Konkurrenz. Ich kann es mir unmöglich leisten, mich in ein Projekt wie das Ihrige zu involvieren. Das kleinste Gerücht darüber – und das ließe sich nicht vermeiden, glauben Sie mir –, das kleinste Gerücht würde unsere Seriosität erschüttern.«

»Ich verstehe...« Patrick blies leicht entnervt eine Rauchwolke nach oben.

»Noch dazu sind Sie ja nicht gerade ein angesehener Forscher, wenn ich das mal so sagen darf. Wir haben Sie eingehend überprüft. Mit Ihren Methoden gehen Sie bestenfalls als ein Indiana Jones durch. Ein Dr. Jones für Arme, möchte ich hinzufügen, nach Ihrem Eklat mit der ESA. Bringen Sie mir etwas, das die Existenz der Stadt belegt, dann bin ich der Erste, der sich auf Ihre Seite stellt. Aber so...« Er machte eine entschuldigende Geste und stand auf. »Ich habe nun einen Termin. Eines muss ich Ihnen allerdings zugestehen: Sich mit mir in der Alfama zu treffen, das hat Stil, macht einen vertraut und rührselig. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Senhor Nevreux, vielleicht sehen wir uns wieder.«

Nachdem der Unternehmer gegangen war, hielt es Patrick nicht viel länger im Café aus. Es stimmte, Macieira-Borges war ein harter Verhandlungspartner. Unverschämt, aber leider im Recht. Patrick nahm sich vor, auf den Portugiesen zurückzukommen, wenn er tatsächlich einmal irgendetwas Handfesteres als seinen persönlichen Enthusiasmus vorzuweisen hatte.

Er bezahlte und machte sich auf den Weg durch die Gassen der Innenstadt zur nächsten Bushaltestelle. Er fuhr zur Wohnung, die er sich für ein paar Monate gemietet hatte, um hier in Portugal Sponsoren für eine Expedition in Südamerika zu finden. Wenn man sich schon keine Reise nach Brasilien leisten konnte, was lag da näher, als die portugiesischen oder brasilianischen Unternehmer in Lissabon zu treffen? Er wollte bewusst zunächst keine anderen Europäer oder Amerikaner ansprechen, da er hoffte, dass man Portugiesen und Brasilianer durch ihre Verbundenheit mit dem Land leichter für ein Projekt im Regenwald begeistern und gewinnen konnte. Ob das stimmte, war natürlich fraglich. Es gab einige amerikanische Konzerne, die investitionsfreudiger waren und die über eine ebenso gute technische wie soziale Infrastruktur in Brasilien verfügten. Doch der Gedanke an Mineralölkonzerne oder andere Multis aus den Staaten missfiel ihm aus Prinzip. Vielleicht war es auch Idealismus. Eine Pharmafirma war freilich nicht viel besser, aber immerhin war sie so gut wie einheimisch, und irgendwie hatte er sich mehr von Lusomédic versprochen.

Nachdem er den Briefkasten geleert hatte, ließ er sich in seiner Wohnung auf die Couch sinken. Von hier hatte er einen wunderbaren Blick auf ein Industrieviertel und ein halbes Dutzend Baukräne. Es war nicht die beste Gegend, und auch das Apartment war winzig und abgewohnt. Dass der alte Gasboiler im Badezimmer noch funktionierte, grenzte fast an ein Wunder und ließ Patrick jedes Mal wieder schaudern. Aber das Ding hatte so lange gehalten, weshalb sollte es in den paar Wochen in die Luft fliegen, die er hier verbrachte?

Es war erstaunlich, wie viel Post er täglich bekam. Immerhin wohnte er hier nur vorübergehend. Kaum einer kannte diese Adresse. Aber meistens waren es ohnehin nur Flyer, Prospekte oder andere Wurfsendungen. Ein Brief war diesmal allerdings dabei, der seine Aufmerksamkeit erregte. Er war offensichtlich per Express zugestellt worden; erstaunlich, dass er den Empfang nicht hatte bestätigen müssen. Auf dem Umschlag prangte das Symbol der Vereinten Nationen, ein Absender war allerdings nicht angegeben. Der Brief enthielt ein kurzes Anschreiben und Instruktionen, laut denen er sich persönlich ein Flugticket in einem Büro in der Stadt abholen sollte. Er würde sich beeilen müssen: Der Flug nach Genf ging noch an diesem Abend.


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