Herta Muller
Atemschaukel

Vom Kofferpacken

Alles, was ich habe, trage ich bei mir.

Oder: Alles Meinige trage ich mit mir.

Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. Es war entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem. Der Schweinslederkoffer war ein Grammophonkistchen. Der Staubmantel war vom Vater. Der städtische Mantel mit dem Samtbündchen am Hals vom Großvater. Die Pumphose von meinem Onkel Edwin. Die ledernen Wickelgamaschen vom Nachbarn, dem Herrn Carp. Die grünen Wollhandschuhe von meiner Fini-Tante. Nur der weinrote Seidenschal und das Necessaire waren das Meinige, Geschenke von den letzten Weihnachten.

Es war noch Krieg im Januar 1945. Im Schrecken, dass ich mitten im Winter wer weiß wohin zu den Russen muss,wollte mir jeder etwas geben, das vielleicht etwas nützt, wenn es schon nichts hilft. Weil nichts auf der Welt etwas half. Weil ich unabänderlich auf der Liste der Russen stand, hat mir jeder etwas gegeben und sich sein Teil dabei gedacht. Und ich habe es genommen und mir gedacht mit meinen siebzehn Jahren, dass dieses Wegfahren zur rechten Zeit kommt. Es müsste nicht die Liste der Russen sein, aber wenn es nicht zu schlimm kommt, ist es für mich sogar gut.

Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. Statt Angst hatte ich diese verheimlichte Ungeduld. Und ein schlechtes Gewissen, weil die Liste, an der meine Angehörigen verzweifelten, für mich ein annehmbarer Zustand war. Sie fürchteten, dass mir etwas zustößt in der Fremde. Ich wollte an einen Ort, der mich nicht kennt.

Mir war bereits etwas zugestoßen. Etwas Verbotenes. Es war absonderlich, dreckig, schamlos und schön. Es passierte im Erlenpark ganz hinten jenseits der Kurzgrashügel. Auf dem Heimweg bin ich in die Parkmitte, in den runden Pavillon gegangen, wo an Feiertagen die Orchester spielten. Ich blieb eine Weile darin sitzen. Das Licht stach durchs feingeschnitzte Holz. Ich sah die Angst der leeren Kreise, Quadrate und Trapeze, verbunden durch weiße Ranken mit Krallen. Es war das Muster meiner Verirrung und das Muster des Entsetzens im Gesicht meiner Mutter. In diesem Pavillon habe ich mir geschworen: Ich komme nie mehr in diesen Park.

Je mehr ich mich davon abhielt, desto schneller ging ich wieder hin — nach zwei Tagen. Zum Rendezvous, so hieß das im Park.

Ich ging zum zweiten Rendezvous mit demselben ersten Mann. Er hieß Die Schwalbe. Der zweite war ein neuer, er hieß Die Tanne. Der dritte hieß Das Ohr. Danach kam Der Faden. Dann Der Pirol und Die Mütze. Später Der Hase, Die Katze, Die Möwe. Dann Die Perle. Nur wir wussten, welcher Name zu wem gehört. Es war Wildwechsel im Park, ich ließ mich weiterreichen. Und Sommer war es und weiße Haut an den Birken, im Jasmin- und Holundergestrüpp wuchs die grüne Wand aus undurchdringlichem Laub.

Die Liebe hat ihre Jahreszeiten. Der Herbst machte dem Park ein Ende. Das Holz wurde nackt. Die Rendezvous zogen mit uns ins Neptunbad. Neben dem Eisentor hing sein ovales Emblem mit dem Schwan. Jede Woche traf ich mich mit dem, der doppelt so alt war wie ich. Er war Rumäne. Er war verheiratet. Ich sage nicht, wie er hieß, und nicht, wie ich hieß. Wir kamen zeitversetzt, die Kassenfrau in der Bleiverglasung ihrer Loge, der spiegelnde Steinboden, die runde Mittelsäule, die Wandkacheln mit dem Seerosenmuster, die geschnitzten Holztreppen durften nicht auf den Gedanken kommen, dass wir verabredet sind. Wir gingen zum Bassin mit allen anderen schwimmen. Erst bei den Schwitzkästen trafen wir uns.

Damals, kurz vor dem Lager und genauso nach meiner Heimkehr bis 1968, als ich das Land verließ, hätte es für jedes Rendezvous Gefängnis gegeben. Mindestens fünf Jahre, wenn man mich erwischt hätte. Manche hat man erwischt. Sie kamen direkt aus dem Park oder Stadtbad nach brutalen Verhören ins Gefängnis. Von dort ins Straflager an den Kanal. Heute weiß ich, vom Kanal kehrte man nicht zurück. Wer trotzdem wiederkam, war ein wandelnder Leichnam. Vergreist und ruiniert, für keine Liebe auf der Welt mehr zu gebrauchen.

Und in der Lagerzeit — im Lager erwischt, wär ich tot gewesen.

Ich streifte nach den fünf Lagerjahren Tag für Tag durch den Tumult der Straßen und übte im Kopf die besten Sätze für den Fall meiner Verhaftung: AUF FRISCHER TAT ERTAPPT — gegen diesen Schuldspruch habe ich mir tausend Ausreden und Alibis zurechtgelegt. Ich trage stilles Gepäck. Ich habe mich so tief und so lang ins Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken. Ich packe mich nur anders ein, wenn ich rede.

Im letzten Rendezvous-Sommer bin ich, um den Heimweg aus dem Erlenpark zu verlängern, auf dem Großen Ring zufällig in die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit gegangen. Dieser Zufall spielte Schicksal. Ich habe die kommende Zeit gesehen. Neben dem Seitenaltar auf einer Säule stand der Heilige im grauen Mantel und trug als Mantelkragen ein Schaf im Nacken. Dieses Schaf im Nacken ist das Schweigen. Es gibt Dinge, über die man nicht spricht. Aber ich weiß, wovon ich rede, wenn ich sage, das Schweigen im Nacken ist etwas anderes als das Schweigen im Mund.

Vor, während und nach meiner Lagerzeit, fünfundzwanzig Jahre lang habe ich in Furcht gelebt, vor dem Staat und vor der Familie. Vor dem doppelten Absturz, dass der Staat mich als Verbrecher einsperrt und die Familie mich als Schande ausschließt. Im Gewühl der Straßen habe ich in die Spiegel der Vitrinen, Straßenbahn- und Häuserfenster, Springbrunnen und Pfützen geschaut, ungläubig, ob ich nicht doch durchsichtig bin.

Mein Vater war Zeichenlehrer. Und ich, mit dem Neptunbad im Kopf, zuckte wie von einem Fußtritt zusammen, wenn er das Wort AQUARELL benutzte. Das Wort wusste, wie weit ich schon gegangen war. Meine Mutter sagte bei Tisch: Stich die Kartoffel nicht mit der Gabel an, sie fällt auseinander, nimm den Löffel, die Gabel nimmt man fürs Fleisch. Mir pochten die Schläfen. Wieso redet sie vom Fleisch, wenn es um Kartoffel und Gabel geht. Von welchem Fleisch spricht sie. Mir hatten die Rendezvous das Fleisch umgedreht. Ich war mein eigener Dieb, die Wörter fielen unverhofft und erwischten mich.

Meine Mutter und besonders mein Vater glaubten, wie alle Deutschen in der Kleinstadt, an die Schönheit blonder Zöpfe, weißer Kniestrümpfe. An das schwarze Viereck von Hitlers Schnurrbart und an uns Siebenbürger Sachsen als arische Rasse. Mein Geheimnis war, rein körperlich betrachtet, schon höchste Abscheulichkeit. Mit einem Rumänen kam noch Rassenschande dazu.

Ich wollte weg aus der Familie und sei es ins Lager. Nur tat es mir um meine Mutter leid, die nicht wusste, wie wenig sie mich kennt. Die, wenn ich weg bin, öfter an mich denken wird als ich an sie.

Neben dem Heiligen mit dem Schaf des Schweigens im Nacken hatte ich in der Kirche die weiße Wandnische mit der Inschrift gesehen: DER HIMMEL SETZT DIE ZEIT IN GANG. Als ich meinen Koffer packte, dachte ich: Die weiße Nische hat gewirkt. Das ist jetzt die in Gang gesetzte Zeit. Ich war auch froh, dass ich nicht in den Krieg ziehen muss, in den Schnee an die Front. Ich ging dümmlichtapfer und gefügig ans Kofferpacken. Ich wehrte mich gegen nichts. Ledergamaschen mit Schnürchen, Pumphosen, Mantel mit Samtbündchen — nichts passte zu mir. Es ging um die in Gang gesetzte Zeit, nicht um Kleider. Ob mit diesen Sachen oder anderen, erwachsen wird man sowieso. Die Welt ist zwar kein Kostümball, dachte ich, aber lächerlich ist keiner, der im tiefsten Winter zu den Russen fahren muss.

Eine Patrouille aus zwei Polizisten ging mit der Liste von Haus zu Haus, ein Rumäne und ein Russe. Ich weiß nicht mehr, ob die Patrouille bei uns im Haus das Wort LAGER ausgesprochen hat. Und wenn nicht, welches andere Wort außer RUSSLAND. Und wenn ja, dann hat mich das Wort Lager nicht erschreckt. Trotz Kriegszeit und dem Schweigen meiner Rendezvous im Nacken steckte ich mit meinen siebzehn Jahren immer noch in einer hellen dummen Kindheit. Mich trafen die Wörter Aquarell und Fleisch. Für das Wort LAGER war mein Hirn taub.

Damals bei Tisch mit den Kartoffeln und der Gabel, als die Mutter mich mit dem Wort Fleisch erwischte, fiel mir auch ein, dass ich als Kind im Hof unten spielte und die Mutter aus dem Verandafenster schrie: Wenn du nicht gleich zu Tisch kommst, wenn ich jetzt noch mal rufen muss, kannst du bleiben, wo du bist. Weil ich dann noch eine Weile unten blieb, sagte sie, als ich oben ankam:

Jetzt kannst du dir den Ranzen packen und in die Welt gehen und machen was du willst. Dabei zerrte sie mich ins Zimmer, nahm den kleinen Rucksack und stopfte meine Wollkappe und Jacke hinein. Ich fragte: Aber wo soll ich hin, ich bin doch dein Kind.

Viele Leute meinen, Kofferpacken gehört zu den Übungssachen, man lernt es von selbst wie Singen oder Beten. Wir hatten keine Übung und auch keinen Koffer. Als mein Vater an die Front zu den rumänischen Soldaten musste, gab es nichts zu packen. Als Soldat kriegt man alles, es gehört zur Uniform. Außer fürs Wegfahren und gegen die Kälte wussten wir nicht, wofür wir packen. Das Richtige hat man nicht, man improvisiert. Das Falsche wird zum Notwendigen. Das Notwendige ist dann das einzig Richtige, nur weil man es hat.

Meine Mutter brachte das Grammophon aus dem Wohnzimmer und stellte es auf den Küchentisch. Ich machte mit dem Schraubenzieher aus dem Grammophonkistchen einen Koffer. Das Drehwerk und den Plattenteller habe ich zuerst ausgebaut. Dann das Loch, wo die Kurbel war, mit einem Korken zugestopft. Das Innenfutter blieb drin, fuchsroter Samt. Auch die dreieckige Plakette mit dem Hund vor dem Trichter HIS MASTERS VOICE habe ich nicht abmontiert. Auf den Kofferboden legte ich vier Bücher: den Faust in Leinen, den Zarathustra, den schmalen Weinheber und die Sammlung Lyrik aus acht Jahrhunderten. Keine Romane, denn die liest man nur einmal und nie wieder. Auf die Bücher kam das Necessaire. Darin waren: 1 Flacon Toilettenwasser, 1 Flacon Rasierwasser TARR, 1 Rasierseife, 1 Handrasierer, 1 Rasierpinsel, 1 Alaunstein, 1 Handseife, 1 Nagelschere. Neben das Necessaire legte ich 1 Paar Wollsocken (braun, schon gestopft), 1 Paar Kniestrümpfe, 1 rotweiß kariertes Flanellhemd, 2 kurze Ripsunterhosen. Ganz oben hin kam der neue Seidenschal, dass er sich nicht zerdrückt. Er war weinrot in sich selbst kariert, mal glänzend, mal matt. Da war der Koffer voll.

Dann das Bündel: 1 Tagesdecke vom Diwan (aus Wolle, hellblau und beige kariert, ein Riesengestell — aber es hielt nicht warm). Und hineingerollt: 1 Staubmantel (Pfeffer und Salz, schon sehr getragen) und 1 Paar Ledergamaschen (uralt, aus dem Ersten Weltkrieg, melonengelb mit Riemchen).

Dann der Brotbeutel mit: 1 Schinkenkonserve Marke Scandia, 4 geschmierte Brote, ein paar übriggebliebene Weihnachtskekse, 1 Feldflasche Wasser mit Trinkbecher.

Dann hat meine Großmutter den Grammophonkoffer, das Bündel und den Brotbeutel in die Nähe der Tür gestellt. Die zwei Polizisten hatten sich für Mitternacht angesagt, dann wollten sie mich holen. Das Gepäck stand fertig neben der Tür.

Dann zog ich mich an: 1 lange Unterhose, 1 Flanellhemd (beige-grün kariert), 1 Pumphose (grau, wie gesagt vom Onkel Edwin), 1 Stoffweste mit Strickärmeln, 1 Paar Wollsocken und 1 Paar Bokantschen. Die grünen Handschuhe von der Fini-Tante lagen griffbereit auf dem Tisch. Ich schnürte meine Bokantschen zu, und dabei fiel mir ein, dass meine Mutter vor Jahren in den Sommerferien auf der Wench einen selbstgenähten Matrosenanzug trug. Mitten im Spaziergang auf der Wiese ließ sie sich ins hohe Gras fallen und stellte sich tot. Ich war damals acht Jahre alt. Dieser Schrecken, der Himmel fiel ins Gras. Ich drückte die Augen zu, dass ich nicht sehe, wie er mich schluckt. Die Mutter sprang auf, schüttelte mich und sagte: Hast du mich gern, ich leb ja noch.

Die Bokantschen waren geschnürt. Ich setzte mich an den Tisch und wartete auf Mitternacht. Und Mitternacht kam, aber die Patrouille hatte Verspätung. Drei Stunden mussten vergehen, das hielt man fast nicht aus. Dann waren sie da. Die Mutter hielt mir den Mantel mit dem schwarzen Samtbündchen. Ich schlüpfte hinein. Sie weinte. Ich zog die grünen Handschuhe an. Auf dem Holzgang, genau dort, wo die Gasuhr ist, sagte die Großmutter: ICH WEISS DU KOMMST WIEDER.

Ich habe mir diesen Satz nicht absichtlich gemerkt. Ich habe ihn unachtsam mit ins Lager genommen. Ich hatte keine Ahnung, dass er mich begleitet. Aber so ein Satz ist selbständig. Er hat in mir gearbeitet, mehr als alle mitgenommenen Bücher. ICH WEIsS DU KOMMST WIEDER wurde zum Komplizen der Herzschaufel und zum Kontrahenten des Hungerengels. Weil ich wiedergekommen bin, darf ich das sagen: So ein Satz hält einen am Leben.

Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C. Wir fuhren auf dem Lastauto mit Plane durch die leere Stadt zur Messehalle. Es war die Festhalle der Sachsen. Und jetzt das Sammellager. In der Halle drängten sich an die 300 Menschen. Auf dem Fußboden lagen Matratzen und Strohsäcke. Die ganze Nacht kamen Autos, auch von den umliegenden Dörfern, und luden eingesammelte Leute aus. Gegen Morgen waren es an die 500. Alles Zählen war in dieser Nacht umsonst, man hatte keinen Überblick. In der Messehalle brannte die ganze Nacht das Licht. Die Leute liefen herum, suchten nach Bekannten. Man erzählte, es seien Tischler am Bahnhof requiriert, die nageln Pritschen aus frischem Holz in Viehwaggons. Und andere Handwerker bauen Kanonenöfen in die Züge. Andere sägen Klolöcher in den Fußboden. Es wurde mit aufgerissenen Augen leise und viel gesprochen und mit zugedrückten Augen leise und viel geweint. Die Luft roch nach alter Wolle, verschwitzter Angst und fettigem Bratfleisch, Vanillegebäck und Schnaps. Eine Frau nahm ihr Kopftuch ab. Sie war bestimmt vom Dorf, ihr Zopf war auf dem Hinterkopf doppelt zusammengelegt und mit einem halbrunden Hornkamm auf der Kopfmitte hochgesteckt. Die Zähne des Hornkamms verschwanden im Haar, von seinem gewölbten Rand schauten nur zwei Ecken wie kleine spitze Ohren hervor. Mit den Ohren und dem dicken Zopf sah der Hinterkopf aus wie eine sitzende Katze. Ich saß wie ein Zuschauer zwischen stehenden Beinen und Gepäckhaufen. Für ein paar Minuten betäubte mich der Schlaf und ich träumte:

Meine Mutter und ich stehen auf dem Friedhof vor einem frischen Grab. Mittendrauf wächst, halb so hoch wie ich, eine Pflanze mit pelzigen Blättern. An ihrem Stengel ist eine Fruchtkapsel mit einem Ledergriff, ein kleiner Koffer. Die Kapsel steht fingerbreit offen, ausgepolstert mit fuchsrotem Samt. Wir wissen nicht, wer gestorben ist. Die Mutter sagt: Nimm die Kreide aus der Manteltasche. Ich hab doch keine, sage ich. Als ich in die Tasche greife, ist ein Stück Schneiderkreide drin. Die Mutter sagt: Wir müssen einen kurzen Namen auf den Koffer schreiben. Schreiben wir doch RUTH, so heißt niemand, den wir kennen. Ich schreibe RUHT.

Im Traum war mir klar, dass ich gestorben bin, aber das wollte ich meiner Mutter noch nicht sagen. Ich schreckte auf, weil sich ein älterer Mann mit einem Regenschirm neben mich auf den Strohsack setzte und nah an meinem Ohr sagte: Mein Schwager will noch kommen, aber die Halle ist rundum bewacht. Die lassen ihn nicht. Wir sind doch noch in der Stadt, und er kann nicht her und ich nicht nach Hause. Auf jedem Silberknopf seines Jacketts flog ein Vogel, wilde Ente oder eher Albatros. Denn das Kreuz auf seinem Brustabzeichen wurde, als ich mich weiter vorbeugte, ein Anker. Der Regenschirm stand wie ein Spazierstock zwischen mir und ihm. Ich fragte: Nehmen Sie den mit. Dort schneit es doch noch mehr als hier, sagte er.

Man hat uns nicht gesagt, wann und wie wir aus der Halle zum Bahnhof müssen. Dürfen, möchte ich sagen, weil ich endlich loswollte und sei es im Viehwaggon mit Grammophonkistchen und Samtbündchen am Hals zu den Russen. Ich weiß nicht mehr, wie wir zum Bahnhof kamen. Die Viehwaggons waren hoch. Auch die Prozedur des Einsteigens habe ich vergessen, weil wir so lange Tage und Nächte im Viehwaggon fuhren, als wären wir schon immer drin gewesen. Ich weiß auch nicht mehr, wie lang wir fuhren. Ich war der Meinung, lange fahren heißt, weit weg fahren. Solang wir fahren, kann uns nichts passieren. Solang wir fahren, ist es gut.

Männer und Frauen, junge und alte mit dem Gepäck am Kopfende der Pritsche. Reden und schweigen, essen und schlafen. Schnapsflaschen gingen reihum. Als das Fahren schon Gewohnheit war, fingen da und dort Schmuseversuche an. Man sah mit einem Auge hin und mit dem andern weg.

Ich saß neben der Trudi Pelikan und sagte: Mir kommt es vor wie beim Skiausflug in den Karpaten auf der Bulea-Hütte, wo eine halbe Lyzealklasse von einer Lawine geschluckt wurde. Uns kann das nicht passieren, sagte sie, wir haben gar kein Skizeug mitgenommen. Mit einem Grammophonkistchen kann man reiten, reiten, durch den Tag durch die Nacht durch den Tag, du kennst doch den Rilke, sagte die Trudi Pelikan in ihrem Glockenschnittmantel mit Pelzmanschetten bis hinauf zu den Ellbogen. Manschetten aus braunem Haar wie zwei halbe Hündchen. Die Trudi Pelikan schob manchmal beide Hände über Kreuz in die Ärmel, und die zwei Hundehälften wurden ein ganzes Hündchen. Damals hatte ich die Steppe noch nicht gesehen, sonst hätte ich an Erdhunde gedacht. Die Trudi Pelikan roch nach warmen Pfirsichen, sogar aus dem Mund, sogar am dritten, vierten Tag im Viehwaggon. Sie saß in ihrem Mantel wie eine Dame in der Straßenbahn auf dem Weg ins Büro und erzählte mir, sie habe sich vier Tage in einem Erdloch im Nachbargarten, hinter dem Schuppen versteckt. Doch dann kam der Schnee, jeder Schritt zwischen Haus, Schuppen und Erdloch wurde sichtbar. Ihre Mutter konnte ihr nicht mehr heimlich das Essen bringen. Man konnte im ganzen Garten die Fußstapfen lesen. Der Schnee denunzierte, sie musste freiwillig aus dem Versteck, freiwillig gezwungen vom Schnee. Das werde ich dem Schnee nie verzeihen, sagte sie. Frischgefallenen Schnee kann man nicht nachmachen, man kann Schnee nicht so arrangieren, dass er unberührt aussieht. Erde kann man arrangieren, sagte sie, auch Sand und sogar Gras, wenn man sich Mühe gibt. Und Wasser arrangiert sich von selbst, weil es alles schluckt und sich gleich wieder schließt, wenn es geschluckt hat. Und die Luft ist immer fertig arrangiert, weil man sie gar nicht sehen kann. Alles, außer dem Schnee hätte geschwiegen, sagte die Trudi Pelikan. Dass der dicke Schnee die Hauptschuld trägt. Dass er zwar in die Stadt gefallen ist, als wisse er, wo er ist, als wäre er bei sich zu Hause. Dass er aber den Russen sofort zu Diensten war. Wegen dem Schneeverrat bin ich hier, sagte die Trudi Pelikan.

Der Zug fuhr 12 Tage oder 14, unzählige Stunden, ohne zu halten. Dann hielt er unzählige Stunden, ohne zu fahren. Wo wir grad waren, wussten wir nicht. Außer wenn einer auf den oberen Pritschen ein Bahnhofsschild durch den Schlitz des Klappfensterchens vorlesen konnte: BUZǍU. Der Kanonenofen in der Waggonmitte dubberte. Die Schnapsflaschen kreisten. Alle waren angesäuselt, einige vom Getränk, andere von der Ungewissheit. Oder von beidem.

Was in den Worten VON DEN RUSSEN VERSCHLEPPT stecken könnte, ging einem zwar durch den Kopf, aber nicht aufs Gemüt. An die Wand stellen können sie uns erst, wenn wir ankommen, noch fahren wir. Dass man nicht längst an die Wand gestellt und erschossen worden war, wie man es aus der Nazipropaganda von zu Hause kannte, machte uns beinahe sorglos. Die Männer lernten im Viehwaggon, ins Blaue zu trinken. Die Frauen lernten, ins Blaue zu singen:

Im Walde blüht der Seidelbast

Im Graben liegt noch Schnee

Und das du mir geschrieben hast

Das Brieflein, tut mir weh

Immer dasselbe getragene Lied, bis man nicht mehr wusste, ob wirklich gesungen wird oder nicht, weil die Luft sang. Das Lied schwappte einem im Kopf und passte sich ans Fahren an — ein Viehwaggonblues und Kilometerlied der in Gang gesetzten Zeit. Es wurde das allerlängste Lied in meinem Leben, fünf Jahre lang haben die Frauen es gesungen und es so heimwehkrank gemacht wie wir alle waren.

Die Waggontür war von außen plombiert. Viermal wurde sie geöffnet, eine Schiebetür auf Rollen. Wir waren noch auf rumänischem Gebiet, und es wurde zweimal eine halbe, der Länge nach durchgesägte, nackte Ziege in den Waggon geschmissen. Sie war starrgefroren und polterte auf den Boden. Die erste Ziege hielten wir für Brennholz. Wir brachen ihre Stücke auseinander und verfeuerten sie. Sie war so dürr, dass sie gar nicht stank, sie brannte gut. Bei der zweiten Ziege machte das Wort PASTRAMA die Runde, luftgetrocknetes Fleisch zum Essen. Wir haben auch unsere zweite Ziege verheizt und gelacht. Sie war genau so starr und blau wie die erste, ein Schreckensgeknöch. Wir lachten zu früh, waren so überheblich, die beiden rumänischen, mildtätigen Ziegen zu verschmähen.

Die Vertrautheit wuchs mit der Länge der Zeit. In der Enge geschahen die kleinen Dinge, sich hinsetzen, aufstehen. Im Koffer wühlen, ausräumen, einräumen. Aufs Kloloch gehen hinter zwei hochgehaltene Decken. Jede Kleinigkeit zog eine andere nach sich. In einem Viehwaggon schrumpft jede Eigenart. Man ist mehr zwischen anderen vorhanden als bei sich selbst. Rücksichtnahme war gar nicht nötig. Man war füreinander da wie zu Hause. Vielleicht rede ich nur von mir, wenn ich das heute sage. Vielleicht nicht einmal von mir. Vielleicht zähmte mich die Enge im Viehwaggon, weil ich sowieso weg wollte und im Koffer noch genug zum Essen hatte. Wie sich der wilde Hunger bald über uns alle hermacht, ahnten wir nicht. Wie oft haben wir in den kommenden fünf Jahren, als uns der Hungerengel heimsuchte, diesen starren blauen Ziegen geglichen. Und ihnen nachgetrauert.

Es war schon die russische Nacht, Rumänien lag hinter uns. Wir hatten bei einem stundenlangen Halt das starke Ruckeln gespürt. An den Waggonachsen wurden die Räder auf die breitere russische Schienenspur umgestellt, auf die Steppenbreite. So viel Schnee machte die Nacht draußen hell. In dieser Nacht auf dem leeren Feld war der dritte Halt. Die russischen Wachsoldaten schrien UBORNAJA. Alle Türen aller Waggons wurden geöffnet. Wir purzelten hintereinander ins tiefer gelegene Schneeland und sanken bis zu den Kniekehlen ein. Wir begriffen, ohne zu verstehen, Ubornaja heißt gemeinschaftlicher Klogang. Oben, sehr hoch oben, der runde Mond. Vor unseren Gesichtern flog der Atem glitzrigweiß wie der Schnee unter den Füßen. Ringsherum die Maschinenpistolen im Anschlag. Und jetzt: Hosen runter.

Diese Peinlichkeit, das Schamgefühl der ganzen Welt. Wie gut, dass dieses Schneeland mit uns so allein war, dass niemand ihm zusah, wie es uns nötigte, dicht nebeneinander das Gleiche zu tun. Ich musste nicht aufs Klo, ließ aber die Hose herunter und setzte mich in die Hocke. Wie gemein und still dieses Nachtland war, wie es uns in der Notdurft blamierte. Wie die Trudi Pelikan links von mir ihren Glockenschnittmantel in die Achseln raffte und ihre Hose über die Knöchel herunterzog, wie man zwischen ihren Schuhen das Zischeln hörte. Wie hinter mir der Advokat Paul Gast beim Drücken stöhnte, wie seiner Frau Heidrun Gast das Gedärm vom Durchfall quakte. Wie der pestwarme Dampf rundherum sofort glitzrig in der Luft gefror. Wie uns dieses Schneeland eine Rosskur verpasste, uns mit blankem Hintern in den Geräuschen des Unterleibs einsam werden ließ. Wie armselig unsere Eingeweide wurden in dieser Gemeinsamkeit.

Vielleicht wurde in dieser Nacht nicht ich, aber der Schrecken in mir plötzlich erwachsen. Vielleicht wird Gemeinsamkeit nur auf diese Art wirklich. Denn alle, ausnahmslos alle setzten wir uns bei der Notdurft automatisch mit dem Gesicht in Richtung Bahndamm. Alle hatten wir den Mond im Rücken, die offene Viehwaggontür ließen wir nicht mehr aus den Augen, waren bereits auf sie angewiesen wie auf eine Zimmertür. Wir hatten schon die verrückte Angst, dass die Tür sich ohne uns schließt und der Zug ohne uns wegfährt.

Einer unter uns schrie in die weite Nacht: Da haben wirs, das scheißende Sachsenvolk, alle auf dem Haufen. Wenns den Bach runtergeht, geht nicht nur der Bach runter. Nicht wahr, ihr lebt doch alle gern. Er lachte leer wie Blech. Alle schoben sich ein Stück von ihm weg. Dann hatte er Platz und verneigte sich vor uns wie ein Schauspieler und wiederholte mit hohem und feierlichen Ton: Nicht wahr, ihr lebt doch alle gern.

In seiner Stimme hallte ein Echo. Einige fingen an zu weinen, die Luft stand glasig. Sein Gesicht war in den Wahn getaucht. Der Speichel auf seinem Jackett war glasiert. Da sah ich das Brustabzeichen, es war der Mann mit den Albatrosknöpfen. Er stand ganz allein und schluchzte mit einer Kinderstimme. Bei ihm geblieben war nur der versaute Schnee. Und hinter ihm die gefrorene Welt mit dem Mond wie ein Röntgenbild.

Die Lokomotive tutete einen einzigen dumpfen Ton. Das tiefste UUUH, das ich je gehört habe. Jeder drängte sich zu seiner Tür. Wir stiegen ein und fuhren weiter.

Den Mann hätte ich auch ohne Brustabzeichen erkannt. Ich habe ihn im Lager nie gesehen.

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