Kapitel 7

Tante Beatrice, Roland de Brescous Schwester, sprach mit einem leichten französischen Akzent, der von einem stark amerikanischen überlagert war. Sie hatte eine Fülle gewellter Haare, nicht lang und dunkel wie die von Danielle, sondern weiß bis hell orange. Sie rahmten und übertürmten ein rundes Gesicht mit Kulleraugen und einem Ausdruck gewohnheitsmäßiger Entschlossenheit.

«Danielle!«sagte Beatrice und hob die schmalen Augenbrauen.»Was tust denn du hier?«

«Ich arbeite in England. «Danielle ging zu ihrer Tante und gab ihr ein pflichtbewußtes Küßchen.»Seit vorigem Herbst.«

«Kein Mensch erzählt mir etwas.«

Sie trug ein Seidenkostüm — ihr Nerzmantel war über Dawsons Arm nach oben gewandert — mit einem massiven, leuchtenden Anhänger an einer Goldkette vor dem Busen. Die Ringe an ihren Fingern sahen aus wie unzenschwere Nuggets, und für ihre Handtasche hatte ein Krokodil sein Leben gelassen. Kurz, Beatrice gab gern Geld aus.

Sie war offensichtlich im Begriff zu fragen, wer Litsi und ich seien, als die Prinzessin, die in Rekordgeschwindigkeit heruntergekommen sein mußte, ins Zimmer trat.

«Beatrice«, sagte sie, beide Hände ausgestreckt, ein Süßstofflächeln im Gesicht,»was für eine entzückende Überraschung. «Sie nahm Beatrice bei den Armen und gab ihr zwei Begrüßungsküsse, und ich sah, daß ihre Augen vor Bestürzung kalt waren.

«Überraschung?«sagte Beatrice, als sie sich voneinander lösten.»Ich habe Freitag angerufen und mit deiner Sekretärin gesprochen. Ich bat sie, dir das unbedingt auszurichten, und sie sagte, sie würde einen Zettel schreiben.«

«Ach. «Ein Ausdruck des Verstehens huschte über das Gesicht der Prinzessin.»Der wird dann unten im Büro sein, und ich habe ihn übersehen. Wir hatten hier… ziemlich viel zu tun.«

«Casilia, was das Bambuszimmer angeht. «begann Beatrice zielbewußt, und die Prinzessin unterbrach sie mit Geschick.

«Kennst du meinen Neffen, Litsi?«stellte sie vor.»Litsi, das ist Rolands Schwester, Beatrice de Brescou Bunt. Bist du gestern abend von Palm Beach fort, Beatrice? So ein langer Flug von Miami.«

«Casilia. «Beatrice gab Litsi die Hand.»Das Bam — «

«Und dies ist Danielles Verlobter, Christmas Fielding«, fuhr die Prinzessin unbeirrt fort.»Ich glaube, ihn hast du auch noch nicht kennengelernt. Und nun, meine liebe Beatrice, einen Schluck Tomatensaft und Wodka?«

«Casilia!«stieß Beatrice in die Lücke.»Ich habe immer das Bambuszimmer.«

Ich öffnete den Mund, um entgegenkommend zu sagen, daß ich durchaus bereit sei, meinen Platz zu räumen, und empfing einen Blick aus reinem Stahl von der Prinzessin. Ich schwieg verblüfft und amüsiert und hielt meine Gesichtsmuskeln im Zaum.

«Mrs. Dawson packt deine Sachen im Rosenzimmer aus, Beatrice«, sagte die Prinzessin bestimmt.»Du wirst dich dort sehr wohl fühlen.«

Beatrice, wütend, aber ausmanövriert, gestattete einem freundlichen Litsi, ihr eine Bloody Mary zu brauen, wobei sie ihn scharf anwies, den Tomatensaft zu schütteln, soundsoviel Worcestershire-Soße, soviel Zitrone, soviel Eis hinzuzugeben. Die Prinzessin sah wohlwollend mit unschuldiger Miene zu, und Danielle verschluckte ihr Lachen.

«Und jetzt«, sagte Beatrice, als der Drink schließlich zu ihrer Zufriedenheit bereitet war,»was soll dieser Quatsch, daß Roland sich weigert, das Geschäft auszudehnen?«

Nach einem Moment frostigen Erstarrens setzte die Prinzessin sich ruhig in einen Sessel und kreuzte die Arme und Beine in künstlicher Gelassenheit.

Beatrice wiederholte energisch ihre Frage. Mir wurde klar, daß diese Frau so leicht nicht aufgab. Litsi bot ihr eifrig einen Sessel an, half ihr hinein, erkundigte sich, ob sie es bequem habe, ob sie noch Kissen brauche, und gab der Prinzessin damit Zeit, ihre Gedanken zu sammeln.

Litsi setzte sich in einen dritten Sessel, beugte sich mit erdrückender Höflichkeit zu Beatrice vor, und Danielle und ich nahmen auf einem Sofa Platz, wenn auch mit ein paar Metern geblümtem Chintz zwischen uns.

«Roland stellt sich quer, und ich bin gekommen, um ihm zu sagen, daß mir das nicht paßt. Er muß auf der Stelle umdenken. Es ist lächerlich, wenn einer nicht mit der Zeit geht, und es ist Zeit, sich nach neuen Märkten umzusehen.«

Die Prinzessin sah mich an, und ich nickte. Wir hatten so ziemlich das gleiche, zum Teil sogar in den gleichen Worten, am Freitagabend von Henri Nanterre gehört.

«Woher weißt du etwas von geschäftlichen Plänen?«fragte die Prinzessin.

«Der junge, dynamische Sohn von Louis Nanterre hat es mir natürlich gesagt. Er hat mich extra besucht und mir die ganze Sache erklärt. Er bat mich, Roland zuzureden, damit er den Schritt ins zwanzigste Jahrhundert vollzieht — vom einundzwanzigsten ganz zu schweigen —, und ich habe mir überlegt, daß ich rüberkomme und darauf bestehe.«

«Es ist Ihnen bekannt«, sagte ich,»daß er vor hat, Waffen herzustellen und zu exportieren?«

«Selbstverständlich«, sagte sie,»aber doch nur Plastikteile von Waffen. Roland ist altmodisch. Ich habe eine gute Freundin in Palm Beach, deren Mann, das heißt seine Firma, baut Raketen für das Verteidigungsministerium. Wo ist da der Unterschied?«Sie machte eine Pause.»Und was geht Sie das an?«Ihr Blick wanderte zu Danielle, und sie erinnerte sich.»Also, wenn Sie mit Danielle verlobt sind«, meinte sie widerwillig,»dann geht es Sie wohl auch ein bißchen an. Ich wußte nicht, daß Danielle verlobt ist. Kein Mensch erzählt mir was.«

Henri Nanterre, dachte ich, hatte ihr viel zu viel erzählt.

«Beatrice«, sagte die Prinzessin,»du möchtest dich nach deiner Reise sicher frischmachen. Dawson richtet noch einen späten Lunch für uns, aber da wir nicht wußten, daß es so viele sein würden.«

«Ich möchte mit Roland reden«, beharrte Beatrice.

«Ja, später. Er schläft gerade. «Die Prinzessin stand auf und wir ebenfalls, in der Erwartung, daß Danielles Tante durch die geschlossene Front unseres guten Benehmens nach oben getrieben würde; und das Interessante war, sie gab tatsächlich nach, setzte ihr halbleeres Glas ab und ging. Wenn sie dabei auch nörgelte, daß sie erwarte, spätestens am nächsten Tag wieder das Bambuszimmer zu belegen.

«Sie ist erbarmungslos«, sagte Danielle, als ihre Stimme verklang.»Sie bekommt immer ihren Willen. Und das Bambuszimmer ist doch sowieso leer, oder nicht? Schon merkwürdig, daß Tante Casilia es ihr verweigert.«

«Ich habe die letzten beiden Nächte da geschlafen«, sagte ich.

«Man höre und staune«, kam es von Litsi.»Über den Köpfen von Prinzen einquartiert.«

«Das ist nicht fair«, wandte Danielle ein.»Du sagtest, die Räume im Erdgeschoß sind dir lieber, weil du ein und aus gehen kannst, ohne jemand zu stören.«

Litsi sah sie zärtlich an.»Das stimmt auch. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, daß Tante Casilia deinen Verlobten sehr schätzen muß.«

«Ja«, sagte Danielle und warf mir einen verlegenen Blick zu.»Das tut sie.«

Wir setzten uns alle wieder hin, aber Danielle rückte auf dem Sofa nicht näher zu mir.

Litsi sagte:»Wieso hat Henri Nanterre so fleißig deine Tante Beatrice angeworben? Sie wird Roland nicht umstimmen.«

«Sie lebt von De-Brescou-Geld«, sagte Danielle unerwartet.»Meine Eltern jetzt ja auch, nachdem mein Vater, das schwarze Schaf, wieder in den Schoß der Familie aufgenommen worden ist. Onkel Roland hat von den Einnahmen aus seinen Ländereien großzügige Treuhandkonten für alle eingerichtet, aber seit ich meine Tante kenne, meckert sie, daß er mehr herausrücken sollte.«

«Seit du sie kennst?«wiederholte Litsi.»Hast du sie nicht schon immer gekannt?«

Sie schüttelte den Kopf.»Sie hat Papas Verhalten mißbilligt. Er war total in Ungnaden, als er damals von zu

Hause wegging. Er hat mir nie erzählt, was er eigentlich angestellt hat. Wenn ich frage, lacht er nur. Aber es muß ganz schön schlimm gewesen sein. Mama sagt, er hatte die Wahl zwischen Exil oder Gefängnis, und er entschied sich für Kalifornien. Sie und ich betraten die Bühne erst viel später. Jedenfalls, vor acht Jahren überfiel uns plötzlich Tante Beatrice, um zu sehen, was aus ihrem geächteten kleinen Bruder geworden war, und seitdem habe ich sie mehrmals wiedergetroffen. Sie hatte vor langer, langer Zeit einen amerikanischen Geschäftsmann geheiratet, und als der dann starb, machte sie sich daran, Papa aufzuspüren. Dafür hat sie zwei Jahre gebraucht — die Vereinigten Staaten sind ein großes Land —, aber Beharrlichkeit gilt ihr als höchste Tugend. Sie wohnt in einem wunderbaren Haus spanischen Stils in Palm Beach — da war ich mal in den Frühjahrsferien für ein paar Tage —, sie macht Trips nach New York, und jeden Sommer fliegt sie nach Europa und verbringt einige Zeit auf >unse-rem Chateau<, wie sie es nennt.«

Litsi nickte.»Tante Casilia hat mich schon hin und wieder in Paris besucht, wenn ihre Schwägerin zu lange blieb. Tante Casilia und Roland«, erläuterte er unnötigerweise,»fahren so im Juli oder August immer für etwa sechs Wochen aufs Chateau, um etwas Landluft zu schnuppern und ihren Pflichten als Grundbesitzer nachzukommen. Wußten Sie das?«

«Sie erwähnen es manchmal«, sagte ich.

«Ja, natürlich.«

«Wie ist das Chateau?«fragte Danielle.

«Kein Märchenschloß«, erwiderte Litsi lächelnd.»Eher wie ein großes georgianisches Landhaus, aus hellem Stein, mit Läden vor allen Fenstern. Chateau de Brescou. Die kleine Stadt dort, südlich von Bordeaux, ist auf Land gebaut, das zum größten Teil Roland gehört, und er ist menschlich und moralisch stolz auf das Wohl der Gemeinde. Auch ohne die Baugesellschaft könnte er allein von den Pachteinnahmen eine Mini-Olympiade finanzieren, und sein Grundbesitz wird ebenso gerecht und gewissenhaft verwaltet wie das Unternehmen früher.«

«Er kann nicht mit Waffen handeln«, bemerkte ich.

Danielle seufzte.»Ich sehe es ein«, gab sie zu.»Bei soviel altaristokratischem Ehrgefühl muß ihm einfach davor grauen.«

«Mich erstaunt aber wirklich«, sagte ich,»daß Beatrice das so leicht nimmt. Ich hätte eher gedacht, sie würde die Einstellung ihres Bruders teilen.«

«Ich möchte wetten«, sagte Danielle,»daß Henri Nanter-re ihr eine Million auf die Hand versprochen hat, wenn sie Onkel Roland herumkriegt.«

«In diesem Fall«, deutete ich an,»könnte dein Onkel ihr das Doppelte bieten, damit sie wieder nach Palm Beach geht und dortbleibt.«

Danielle sah schockiert aus.»Das wäre nicht recht.«

«Moralisch unvertretbar«, räumte ich ein,»aber praktisch eine klare Lösung.«

Litsis Blick ruhte nachdenklich auf meinem Gesicht.»Halten Sie sie für eine solche Gefahr?«

«Ich glaube, sie könnte sich als ein steter Tropfen erweisen, der den Stein aushöhlt. Wie Wasser, das jemandem auf die Stirn tropft und ihn um den Verstand bringt.«

«Die Wasserfolter«, sagte Litsi.»Nach einiger Zeit soll es ein Gefühl sein, als ob sich einem ein rotglühender Schürhaken in den Schädel bohrt.«

«Genauso ist es mit ihr«, sagte Danielle.

Eine kurze Stille trat ein, während wir über das Zermür-bungspotential von Beatrice de Brescou Bunt nachdach-ten, und dann sagte Litsi wohlüberlegt:»Vielleicht wäre es gut, ihr von dem Dokument zu erzählen, das Sie als Zeuge unterschrieben haben. Man könnte ihr die traurige Mitteilung machen, daß wir alle vier mit den Waffen einverstanden sein müßten, und ihr versichern, daß sie, selbst wenn sie Rolands Widerstand bricht, immer noch mit mir zu rechnen hat.«

«Sag ihr das bloß nicht«, bat Danielle.»Sonst läßt sie keinen von uns mehr in Ruhe.«

Die beiden hatten nichts dagegen einzuwenden gehabt, wie in ihrer Abwesenheit über sie verfügt worden war, sondern sich im Gegenteil darüber gefreut.»So sind wir eine richtige Familie«, hatte Danielle betont, und ich als der Zeuge hatte mich ausgeschlossen gefühlt.

«Wenn ich nicht irre«, sagte ich nachdenklich,»habe ich oben ein Doppel des Formulars, das Monsieur de Brescou für Henri Nanterre unterschreiben sollte. Es ist auf französisch. Möchten Sie es mal sehen?«

«Aber gern«, sagte Litsi.

«Gut.«

Ich ging hinauf, um es zu holen, und fand Beatrice Bunt in meinem Schlafzimmer.

«Was wollen Sie hier?«fragte sie barsch.

«Ich wollte etwas holen.«

Ihre Hand hielt die leuchtend blaue Turnhose, in der ich gewöhnlich schlief. Ich hatte sie an diesem Morgen oben auf Nanterres Formular in die Nachttischlade gelegt. Die Schublade stand offen, das Schriftstück war vermutlich noch drinnen.

«Das ist Ihre Hose?«sagte sie ungläubig. »Sie benutzen dieses Zimmer?«

«Ganz recht. «Ich trat zu ihr, nahm ihr die Shorts aus der

Hand und tat sie wieder in die Schublade. Erleichtert sah ich, daß das Formular unangetastet dort lag.

«Wenn es so ist«, sagte sie triumphierend,»besteht kein Problem. Ich nehme dieses Zimmer, und Sie können das andere haben. Ich bin immer in der Bambussuite, das ist so üblich. Ich sehe da noch einige Sachen von Ihnen im Bad. Die sind ja schnell rausgeschafft.«

Ich hatte beim Eintreten die Tür offengelassen, und vielleicht weil sie unsere Stimmen hörte, kam die Prinzessin, um nach dem Rechten zu sehen.

«Ich habe dem jungen Mann gesagt, er soll mit mir tauschen, Casilia«, erklärte Beatrice,»denn das hier ist nun mal mein angestammtes Zimmer.«

«Danielles Verlobter«, sagte die Prinzessin ruhig,»bleibt in diesem Raum, solange er in unserem Haus bleibt. Bitte komm jetzt, Beatrice, das Rosenzimmer ist äußerst komfortabel, du wirst sehen.«

«Es ist halb so groß wie das hier und hat keine Garderobe.«

Die Prinzessin warf ihr einen freundlichen Blick zu, mit dem sie bewundernswert ihre Gereiztheit verbarg.»Wenn Kit weggeht, bekommst du selbstverständlich das Bambuszimmer.«

«Ich dachte, du hättest gesagt, er heißt Christmas.«

«Heißt er auch«, stimmte die Prinzessin zu.»Er ist am Christfest geboren worden. Komm, Beatrice, wir wollen endlich den verspäteten Lunch nachholen…«Sie schob ihre Schwägerin regelrecht hinaus auf den Flur und kam Sekunden später zurück, um einen einzigen, bemerkenswerten Satz zu äußern, halb Anweisung, halb inständige Bitte.

«Bleiben Sie bei uns«, sagte sie,»bis sie fort ist.«

Nach dem Lunch gingen Litsi, Danielle und ich nach oben in das umstrittene Revier, um uns das Formular anzuschauen, und Litsi prophezeite, daß Beatrice mich noch vor morgen abend aus der ganzen Tropenpracht hinausekeln würde.

«Haben Sie mitbekommen, wie Sie während des Sorbets mit Blicken erdolcht worden sind?«

«Das konnte mir nicht entgehen.«

«Und diese spitzen Bemerkungen über gutes Benehmen, Selbstlosigkeit und die angemessene Rangfolge?«

Die Prinzessin hatte sich währenddessen taub gestellt, sich liebenswürdig nach Beatricens Gesundheit, ihren Hunden und dem Februarwetter in Florida erkundigt. Roland de Brescou war, wie auch sonst oft, zum Lunch oben geblieben, wofür ihn die Prinzessin mit sanften Worten entschuldigte, und bestimmt hatte er seine Tür verbarrikadiert.

«Also«, sagte ich,»hier ist das Formular.«

Ich holte es unter meinen blauen Shorts hervor und gab es Litsi, der damit zu einer bequemen Sitzgruppe am Fenster wanderte. Er setzte sich zerstreut und las es aufmerksam durch, ein großer, von Natur aus dominierender Mann, der seine Stärke nicht hervorkehrte. Meine Gefühle zu ihm waren zwiespältig. Ich mochte ihn und fürchtete ihn zugleich wegen Danielle, aber die liebenswürdige Kompetenz, die er ausstrahlte, flößte mir Vertrauen ein.

Ich ging durch das Zimmer, um mich zu ihm zu setzen, und auch Danielle kam, und nach einer Weile hob er den Kopf und runzelte die Stirn.

«Erstens«, sagte er,»ist das kein Antrag für eine Lizenz zum Bau oder Export von Waffen. Sind Sie sicher, daß Nanterre das behauptet hat?«

Ich dachte zurück.»Soweit ich mich entsinne, war es der Anwalt Gerald Greening, der sagte, es sei ein amtliches Formblatt zur Beantragung einer Lizenz. Offenbar hat Henri Nanterre der Prinzessin das in ihrer Loge in Newbury so erklärt.«

«Nun, es handelt sich keineswegs um ein amtliches Formular. Auch nicht um einen Antrag für irgendeine Lizenz. Das ist ein ganz vager und allgemein gehaltener Vordruck, wie einfache Leute ihn verwenden würden, um einen Vertrag aufzusetzen. «Er hielt inne.»In England kann man, glaube ich, beim Schreibwarenhändler einen vorformulierten Testamentstext kaufen. Er enthält alle juristischen Floskeln, die gewährleisten, daß ein rechtsgültiges Testament errichtet wird. Man trägt einfach in die Spalten ein, was man verfügen möchte, zum Beispiel, daß der Enkel das Auto bekommen soll. Entscheidend ist, was in den Spalten steht. Nun, der Vordruck hier ist so ähnlich. Die juristischen Formulierungen sind korrekt, so daß es, ordnungsgemäß unterschrieben und beglaubigt, ein bindendes Dokument wäre. «Er sah auf das Papier hinunter.»Man kann natürlich nicht wissen, wie Henri Nanterre die Spalten alle ausgefüllt hat, aber ich könnte mir denken, daß es insgesamt lediglich besagt, die im Vertrag genannten Parteien seien einverstanden mit dem in den Anlagen umrissenen Kurs. Ich würde annehmen, daß dieser Vordruck dann als Seite 1 einem Berg von Unterlagen beigeheftet wird, die alles mögliche betreffen, wie etwa Herstellungskapazität, Auslandsvertretungen, Vorbestellungen von Kunden und die technischen Daten der Waffen, die produziert werden sollen. Alles mögliche. Aber dieses einfache Formblatt mit Rolands Unterschrift würde die ganze Eingabe rechtsgültig machen. Es würde als umfassende Willenserklärung wirklich sehr ernst genom-men werden. Damit in Händen, könnte Henri Nanterre sofort seine Lizenz beantragen.«

«Und sie bekommen«, sagte ich.»Dessen war er sicher.«

«Ja.«

«Aber Onkel Roland könnte doch sagen, daß die Unterschrift erzwungen war«, warf Danielle ein.»Er könnte sie für ungültig erklären, oder nicht?«

«Ein Antragsformular hätte sich unter Umständen ganz einfach annullieren lassen; bei einem Vertrag ist das sehr viel schwieriger. Er könnte sich auf Drohungen und Nötigung berufen, aber der Rechtsstandpunkt wäre vielleicht, daß es zu spät ist, sich anders zu besinnen, wenn man einmal nachgegeben hat.«

«Und falls der Vertrag aufgehoben würde«, sagte ich nachdenklich,»könnte Henri Nanterre mit seiner Geißelung von vorn anfangen. So daß es kein Ende nähme, bis der Vertrag neu unterzeichnet wäre.«

«Aber jetzt müssen wir doch alle vier unterschreiben«, sagte Danielle.»Wenn wir nun alle sagen, daß wir es nicht tun?«

«Ich glaube«, sagte ich,»wenn dein Onkel sich zur Unterschrift entschließen sollte, würdet ihr alle seinem Beispiel folgen.«

Litsi nickte.»Die Vierervereinbarung ist eine Verzögerungstaktik, keine Lösung.«

«Und was«, sagte Danielle trocken,»ist eine Lösung?«

Litsi sah in meine Richtung.»Laß Kit daran arbeiten. «Er lächelte.»Danielle erzählte mir, daß Sie vergangenen Herbst allerlei starke Männer an die Kandare genommen haben. Können Sie das nicht noch einmal?«

«Hier liegt der Fall etwas anders«, sagte ich.

«Was war denn damals?«fragte er.»Danielle hat mir nichts Näheres erzählt.«

«Eine Zeitung brachte meine Schwester und ihren Mann ins Gerede — er ist Pferdetrainer, und sie schrieben, er ginge bankrott —, und im wesentlichen habe ich erreicht, daß sie sich dafür entschuldigt und Bobby eine Entschädigung gezahlt haben.«

«Und Bobbys abscheulicher Vater«, sagte Danielle,»erzähl Litsi von ihm.«

Sie konnte mich, so wie jetzt, ansehen, als wäre alles noch dasselbe. Ich versuchte, meine allgemeine Unruhe, was sie betraf, nicht allzusehr zu zeigen, und erzählte Litsi die Geschichte.

«Der wahre Grund für die Angriffe gegen Bobby war, seinem Vater eins auszuwischen, der versucht hatte, den Zeitungsverlag an sich zu reißen. Bobbys Vater, Maynard Allardeck, sollte in den Adelsstand erhoben werden, und die Zeitung wollte ihn in Mißkredit bringen, um das zu verhindern. Maynard war eine echte Plage, eine brutale Last auf Bobbys Schultern. Also habe ich, ehm… ihn heruntergeholt.«

«Und wie?«fragte Litsi neugierig.

«Maynard«, sagte ich,»verdient Unsummen, indem er wackligen Firmen Kredit gibt. Er richtet sie auf und fordert sein Geld wieder ein. Die Firmen können es ihm nicht zurückzahlen, also übernimmt er sie, verkauft wenig später ihre Aktiva und macht sie dicht. Der lächelnde Hai kommt und verschlingt die dankbaren Fischchen, die ihren Fehler erst bemerken, wenn sie halb verdaut sind.«

«Und was haben Sie unternommen?«sagte Litsi.

«Tja… ich habe Interviews mit einigen Leuten gedreht, denen er geschadet hatte. Die Sachen gingen ziemlich ans Gefühl. Ein altes Ehepaar, dem er ein Superrennpferd abgeschwindelt hatte, ein Mann, dessen Sohn nach dem Ver-lust seiner Firma Selbstmord begangen hatte, und ein dummer Junge, der sich dazu hatte verleiten lassen, seine halbe Erbschaft zu verwetten.«

«Ich habe den Film gesehen«, sagte Danielle.»Bilder wie Hammerschläge… ich mußte weinen. Kit drohte damit, allen möglichen Leuten Videokopien zu schicken, wenn Maynard Bobby noch weiter schaden würde. Und du hast vergessen zu erwähnen«, sagte sie zu mir,»daß Maynard Bobby angestiftet hat, dich umzubringen.«

Litsi sah verständnislos drein.»Umbringen…«

«Mm«, sagte ich.»Er ist paranoid, weil Bobby meine Schwester geheiratet hat. Er ist von Geburt an darauf programmiert worden, alle Fieldings zu hassen. Als Bobby klein war, sagte er ihm, wenn er jemals unartig wäre, würden ihn die Fieldings fressen.«

Ich erklärte ihm das Ausmaß und die Bitterkeit der alten Fielding-Allardeck-Fehde.

«Bobby und ich«, setzte ich hinzu,»haben uns versöhnt und sind Freunde, aber das erträgt sein Vater nicht.«

«Bobby glaubt«, sagte Danielle zu mir,»daß Maynard auch deinen Erfolg nicht ertragen kann. Er hätte nicht so eine Mordswut, wenn du ein mieser Jockey wärst.«

«Maynard«, erzählte ich Litsi lächelnd,»ist Mitglied des Jockey-Clubs und taucht jetzt auch ziemlich häufig als Steward auf verschiedenen Rennbahnen auf. Er sähe zu gern, daß ich meine Lizenz verliere.«

«Was er nicht mit faulen Tricks durchsetzen kann«, sagte Litsi nachdenklich,»weil der Film existiert.«

«Es ist ein Patt«, gab ich gelassen zu.

«Okay«, sagte Litsi,»wie wäre es denn mit einem Patt für Henri Nanterre?«

«Ich weiß nicht genug über ihn. Maynard habe ich mein

Leben lang gekannt. Ich habe keine Ahnung von Waffen und kenne niemand, der damit handelt.«

Litsi schürzte die Lippen.»Ich glaube, das könnte ich arrangieren«, sagte er.

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