20

Nach dem Essen fuhr Sprottes Mutter zur Volkshochschule, um sic h für einen Englischkurs anzumelden. Sprotte machte ihre Hausaufgaben, hörte Musik, machte den Fernseher an und wieder aus, starrte durchs Fenster auf die Straße - und wusste nicht, was sie mit dem Nachmittag anfangen sollte. Ein Wilde-Hühner-Treffen war nicht vorgesehen. Wo auch, solange in ihrem Bandenquartier ein Pygmäe wohnte? Außerdem hatten die ändern sowieso keine Zeit: Wilma bekam Nachhilfe in Deutsch, weil ihre Mutter fand, dass die Drei im letzten Aufsatz Besorgnis erregend gewesen war. Melanie musste zu Hause helfen. Trude sagte nur >Waaas?<, wenn sie angesprochen wurde, und spielte melancholisch mit dem Ohrring, den Paolo ihr zum Abschied geschenkt hatte. Und Frieda hatte nach dem Theater mit Willis Vater verkündet, dass sie sich für den Rest des Tages ins Bett legen würde. Aber Sprotte wollte zu gern die Hühner besuchen. Schließlich waren es jetzt ja ihre, nachdem Oma Slättberg auf sie verzichtet hatte. Andererseits hatte sie keine Lust, den Nachmittag nur in Willis Gesellschaft zu verbringen. Also versuchte sie es doch noch mal bei Frieda. »Ja, gut, ich komm mit«, muffelte Frieda ins Telefon. »Das Ins-Bett-Legen kann ich sowieso vergessen. Titus hat sich schon wieder ums Babysitten gedrückt. Ist dir klar, was das bedeutet? Ich muss Luki mitbringe n.«

»Macht nichts«, sagte Sprotte. »Hauptsache, du kommst mit.«

»Ich hol dich sogar ab«, sagte Frieda und hängte ein. Sie kam mit dem großen Fahrrad ihrer Mutter, weil Lukis Fahrradsitz hintendrauf war.

»Mit dir red is nich«, sagte Luki, als Sprotte aus der Haustür kam. Während der ganzen Fahrt zum Wohnwagen streckte er ihr entweder die Zunge raus oder guckte grimmig in ihre Richtung.

»Was ist denn mit dem los?«, fragte Sprotte entnervt, als sie endlich beim Wohnwagen ankamen. »Wird dein kleiner Bruder jetzt schon so blöd wie dein

großer?« Sie stellten die Räder vor dem Schild ab, das Wilma neben dem Gatter aufgestellt hatte. Fünf Hühner hatte sie draufgemalt und darunter geschrieben: Privat. Betreten für Füchse und Urwaldzwerge strengstens verboten.

»Ach, Luki meint das nicht so«, murmelte Frieda und hob ihren kleinen Bruder mühsam aus seinem Kindersitz. »Zur-zeit streckt er allen die Zunge raus. Du kannst schon froh sein, dass er dich nicht angespuckt hat. Nee, Luki ist harmlos, aber Titus ... « Sie nahm sie Luki den Fahrradhelm ab. »Der wusste genau, dass Mama heute zum Zahnarzt muss und er mit Babysitten dran ist, und trotzdem haut er einfach ab!«

Luki zerrte an ihrer Jacke. »Wo sind die Hühner, Frisa?«, fragte er. »Können die swimmen? Is kann swimmen, oder?« Frieda seufzte. »Nee, kannst du nicht, Luki. Komm, die Hühner sind dahinten.«

Sachte schob sie ihn auf das Gatter zu. Hinter der Hecke stand ein Fahrrad. Schwarz, mit einem Spiegel vorne dran. »Ach, sieh mal einer an«, sagte Sprotte spöttisch. »Kaum hockt ein Junge bei uns im Hauptquartier, ist Melli zur Stelle. Ich denk, die muss heute beim Auspacken helfen?« »Wahrscheinlich haben ihre Eltern sie weggeschickt. Bei so was ist sie bestimmt keine große Hilfe.« Frieda schob das Gatter auf. »Außerdem ist Melli nicht wegen irgendeinem Jungen hier, sondern wegen Willi.« »Was soll das denn heißen?«, fragte Sprotte. Frieda schloss das Gatter wieder. »Das heißt, die beiden sind schon lange zusammen«, sagte sie. Entgeistert sah Sprotte sie an. »Quatsch!« Frieda zuckte nur die Achseln.

»Guck mal, Frisa, is bin ein Pirat!«, krähte Luki, hob einen morschen Ast auf und fuchtelte damit so wild herum, dass Sprotte ihn gegen die Kniescheibe bekam. »He, pass doch auf, Zwerg!«, rief sie ärgerlich.

»Is bin kein Zwerg!«, sagte Luki und fuchtelte nur noch wilder mit dem Stock rum. »Du Aassloch!« »Jetzt reicht’s!«, sagte Sprotte und riss ihm den Stock weg. Luki stimmte ein ohrenbetäubendes Gebrüll an. »He, Süßer, guck mal!« Frieda zog ihn schnell zum Auslauf. »Da sind die Hühner. Siehst du?« Luki wischte sich die Tränen aus den Augen und stolperte auf den Zaun zu. »Na, das wird ja ein schöner Nachmittag«, murmelte Sprotte. Mit gerunzelter Stirn guckte sie zum Wohnwagen rüber. »Was machen die da?«, hörte sie Luki fragen. »Die scharren nach Würmern«, antwortete Frieda. »Hühner fressen unheimlich gern Würmer, weißt du?« Luki kaute auf seiner Unterlippe. Mit gerunzelter Stirn starrte er die Hühner an. »Die Würmer wolln aber nich gefressen werden«, sagte er. »Die sind so blöd, die Hühner.« Frieda kicherte und nahm ihn in den Arm. »Komm, wir füttern sie mit dem Salat, den wir mitgebracht haben«, sagte sie. »Den mögen sie nämlich auch. Okay?« Sprotte hockte sich neben die beiden und steckte einen Finger durch den Maschendraht. Neugierig staksten Dafne und Isolde näher.

Wenn es nach Oma Slättberg gegangen wäre, lägen sie jetzt gerupft in ihrer Kühltruhe, zusammen mit ihren dreizehn glucksenden, scharrenden, gackernden Schwestern. Aber es war nicht nach O. S. gegangen, und die Hennen scharrten in der Sonne herum, fühlten sich federweich und warm an.

Gut, dass ich Fuchsalarm gegeben hab, dachte Sprotte. Dame schüttelte den Kamm, und vor dem Stall stritten Loretta und Kokoschka sich laut gackernd um einen Wurm. Was für ein wunderbares Gefühl es war, sie gerettet zu haben! Sprotte raschelte ein bisschen mit der Tüte, die sie mitgebracht hatte. Neugierig ruckten die Hennen mit den Köpfen.

»Ach, übrigens, meine Mutter hat das mit Wilmas Anzeige rausgekriegt«, sagte sie.

Besorgt sah Frieda sie an. »O je, was hat sie gesagt?« »Na, begeistert war sie nicht gerade. Am meisten hat sie aufgeregt, dass Wilma unsere Telefonnummer angegeben hat. Aber so richtig wütend wird sie wahrscheinlich erst, wenn die Ersten anrufen. Dann krieg ich bestimmt noch was zu hören.« »Ach, vielleicht ist ja auch ein Netter dabei«, meinte Frieda. Sprotte schnaubte nur verächtlich.

»Okay, war eine alberne Idee, das mit der Anzeige.« Frieda drückte Luki ein Salatblatt in die speckige kleine Hand. »Guck mal, so, durch den Draht musst du das Blatt stecken.« »Dann fressen die doch meine Finger!«, sagte Luki und machte besorgt einen Schritt zurück.

»Nee, tun die nicht«, Sprotte hielt den Hühnern etwas Löwenzahn hin. »Siehst du, wie sie angerannt kommen?« Luki stellte sich vorsichtshalber hinter Sprotte, als die Hennen auf den Zaun zustürmten. Beunruhigt beobachtete er, wie sie Sprotte die Blätter aus den Fingern rupften.

»Die haben aber große Snäbel!«, stellte er beeindruckt fest. »Wieso haben die so komisse Augen?« »Komisse Augen?« Sprotte und Frieda kicherten. Da hörten sie plötzlich die Wohnwagentür aufgehen. »He, seid ihr schon lange da?«, rief Melanie und kam die Treppe runtergesprungen. »Wir haben euch gar nicht gehört.«

»Schwer zu glauben bei dem Geschrei, das Luki veranstaltet hat«, flüsterte Sprotte Frieda zu.

Melanies schlechte Laune wegen des Umzugs schien verflogen. Strahlend lief sie auf Frieda und Sprotte zu. Willi schlenderte zögernd hinterher.

Luki klammerte sich an Sprottes Pullover. »Sind das Piraten?«, flüsterte er.

Frieda lachte. »Unsinn. Das ist doch Melli, Süßer.« Aber Luki machte weiter ein misstrauisches Gesicht. »Wisst ihr was? Willi hat heute Nacht irgendwas verscheucht, das um die Hühner rumschlich!«, erzählte Melanie, als sie neben

ihnen stand.

»Was?« Erschrocken richtete Sprotte sich auf. »War irgendwas Kleines, Dünnes«, sagte Willi. »Kleiner als ein Fuchs jedenfalls.« Er riss einen Grashalm ab und zerpflückte ihn. »Ich war noch mal zu Hause gestern Abend, ist ja nicht weit von hier. Hab meiner Mutter ’ne Nachricht in den Briefkasten geworfen, damit sie sich keine Sorgen macht. Und als ich zurückkomm«, er zeigte zum Schuppen, »da veranstalten die Hennen einen Irrsinnsspektakel. Ich hab so ein Kratzen gehört. Und als ich hinrannte, huschte was weg.«

»Mist!«, murmelte Sprotte. Besorgt zählte sie, wie viele Hennen im Auslauf herumscharrten. Es waren alle da. Luki klammerte sich immer noch an ihren Pullover und starrte zu Willi hoch. »Is bin stärker als du«, sagte er. Willi grinste und ging vor ihm in die Hocke. »Klar«, sagte er. »Viel stärker. Jede Wette.«

Sprotte ließ die ändern stehen und lief zum Schuppen. Besorgt untersuchte sie die Holzwände, aber es war kein Loch zu entdecken, weder von innen noch von außen, kein Spalt, keine Lücke, durch die sich ein Wiesel zwängen konnte. »Hast du was entdeckt?«, fragte Melanie, als sie zurückkam. Sprotte schüttelte den Kopf.

»Na, ein Glück, dass Willi nachts hier schläft«, meinte Frieda. »Tut er aber schon bald nicht mehr«, sagte Melanie. Überrascht sahen Sprotte und Frieda sie an. Melanie warf Willi einen schnellen Blick zu. »Er weiß, dass er nicht ewig hier bleiben kann, außerdem macht er sich Sorgen wegen seiner Mutter, und ich hatte da so eine Idee«, sagte sie. »Ich ... «

»Wo ist Luki?«, unterbrach Frieda sie besorgt. »Da am Zaun«, sagte Willi. »Hält den Hühnern Steine hin und wundert sich, dass sie nicht wie wild drauflosstürzen.« »Also, was für eine Idee?«, fragte Sprotte ungeduldig.

»Willi geht morgen Abend nach Hause zurück«, sagte Melanie und strich sich die Locken aus der Stirn. »Aber nicht allein. Wir bringen ihn alle hin und Steve bleibt zwei, drei Nächte bei ihm.«

»Steve?« Sprotte guckte Willi ungläubig an. »Steve ist der Einzige, der mit meinem Vater noch keinen Arger hatte«, sagte Willi.

»Und außerdem ...«, Melanie le gte ihre Hand auf Willis Schulter, »... ist Steves Vater zwar nur eine Handbreit größer als sein Sohn und noch dicker, aber er ist bei der Polizei.« »Bei der Wasserschutzpolizei«, stellte Sprotte spöttisch fest. »Na und? Polizei ist Polizei«, sagte Melanie schnippisch. »Willis Vater wird sich nicht trauen, den Sohn von einem Polizisten anzurühren. Und Willi wird er auch nicht verhauen, wenn Steve dabei ist.« Gespannt sah sie die ändern beiden Hühner an. »Sagt schon, wie findet ihr meine Idee?« Frieda bohrte ihre Schuhspitze in die feuchte Wiese, und Sprotte guckte zu Luki rüber, der immer noch andächtig vorm Hühnerzaun kauerte und ohne Pause auf die Hennen einredete. »Steve als Willis Leibwächter«, murmelte sie. »Das ist wirklich eine ausgeflippte Idee, Melli.« »Na und? Hast du eine bessere?«, fauchte Melanie. »Nee, nee«, sagte Sprotte schnell. »Ich hab nicht gesagt, dass ich sie schlecht finde.«

»Habt ihr Willis Mutter schon davon erzählt?«, fragte Frieda. Melanie nickte. »Steve kann in Willis Zimmer auf dem Teppich schlafen. Er muss sich nur einen Schlafsack mitbringen. Steve hat zwar ein bisschen rumgenörgelt, dass er im Schlafsack kein Auge zukriegt, aber er macht's.« »Aha.« Sprotte kniff die Augen zusammen. »Moment mal, wann habt ihr das denn alles besprochen? Willis Mutter weiß schon Bescheid, mit Steve hast du auch schon geredet...« »Die Pygmäen waren hier«, sagte Melanie, ohne Sprotte anzugucken. »Vor einer halben Stunde. Ich hab sie gebeten herzukommen und ... «

»Du hast was?« Sprotte schnappte nach Luft. »Du hast dich in unserm Bandenquartier mit den Pygmäen getroffen? Reicht's nicht, dass einer von denen hier rumhängt?« Melanies Augen fingen an verdächtig zu glänzen. Sie biss sich auf die Lippen, um nicht loszuheulen. Willi machte drohend einen Schritt auf Sprotte zu. »Wenn du kein Mädchen wärst«, knurrte er, »dann würd ich dir jetzt eine reinhauen'.«:

»Versuch's doch!«, fauchte Sprotte zurück. »Wenn ich kein Mädchen wär! Das ist ja wohl der blödeste, mottenzerfressenste Spruch, den es gibt.«

»Schluss jetzt!«, rief Frieda und zerrte die zwei auseinander. »Hört sofort auf, klar? Keiner haut hier irgendwem eine rein. Mein kleiner Bruder kriegt schon Angst!« Luki starrte mit großen Augen zu ihnen herüber. Schnell lief Frieda zu ihm, nahm ihn in den Arm und flüsterte ihm etwas zu.

»Das war wirklich daneben, Sprotte«, sagte Melanie heiser. »Absolut daneben. Wo sollten wir denn sonst mit den Pygmäen reden? In ihrem platt gemachten Baumhaus? Mann, hier geht's doch nicht um irgendwelche Bandenspielchen.«

»Euerm Oberhuhn war's am liebsten, ich würd mich einfach in Luft auflösen«, knurrte Willi. »Die würde doch am liebsten jedem Jungen die Augen auspicken.« »Ach, Blödsinn«, sagte Melanie und griff nach seiner Hand. »So schlimm ist sie nicht. Sie ist nur genau so ein Hitzkopf wie du.«

Frieda kam mit Luki auf dem Arm zurück. »Ich will meinem kleinen Bruder mal den Wohnwagen zeigen«, sagte sie. »Kommt ihr mit? Vielleicht können wir Mellis Plan bei 'ner Kanne Tee noch mal in Ruhe besprechen.« Sprotte kniff die Lippen zusammen und nickte. »Ich kann mich ja draußen auf die Treppe setzen«, sagte Willi spöttisch.

Melanie stieß ihm den Ellbogen in die Seite. »Hör du jetzt auch auf«, sagte sie. Luki warf Willi einen düsteren Blick zu und schlang Frieda die kurzen Arme um den Hals. »Der ist ein Aaassloch, oder?«, flüsterte er. Frieda musste kichern.

»Nur manchmal, Luki«, sagte Melanie und zog Willi zum Wohnwagen.

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