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Drei Nächte verbrachte Steve bei Willi auf dem Teppich, obwohl er schon nach der ersten Nacht behauptete, dass ihn das für den Rest seines Lebens zum Krüppel machen würde. Melanie legte das Funkgerät neben ihr Kissen, wenn sie ins Bett ging, und gewöhnte sich daran, jeden Abend mit Willi zu tuscheln, bevor sie einschlief. Steve kommentierte die Gespräche der beiden mit tiefen leidvollen Seufzern. An dem Abend, an dem er glücklich wieder in sein eigenes Bett kroch, waren alle nervös, aber nichts passierte, und Willi erzählte Melanie übers Funkgerät, dass er Steves Geschnarche nicht eine Nacht länger ausgehalten hätte. Willis Vater schrieb einen Beschwerdebrief über Frau Rose an den Schuldirektor, aber er schickte ihn nicht ab. Willi fand die Fetzen im Abfalleimer. Am sechsten Tag nach seiner Rückkehr fing er sich die erste Ohrfeige, weil er zu spät zum Abendbrot kam. Danach ging er in sein Zimmer und hängte sich einen großen Zettel in den Schrank, mit einem Kästchen für jeden Monat, der noch bis zu seinem sechzehnten Geburtstag vergehen musste. Reichlich viele waren das noch.

Zwei Tage später fanden Fred und Torte einen idealen Baum für das neue Pygmäen-Baumhaus. Ausgerechnet in dem Wald, an den das Grundstück von Trudes Vater grenzte. »Wenn wir uns da oben in der Astgabel noch einen Aussichtsplatz bauen«, sagte Fred, während die Pygmäen den Platz besichtigten, »dann können wir den Hühnern fast auf ihren Wohnwagen spucken.« Die ändern grinsten. »Aber diesmal bleibt unser Hauptquartier geheim«, sagte Torte mit einem Blick auf Willi. »Nicht, dass hier irgendeiner Mädchen mitbringt.«

»Mach mich nicht an«, fuhr Willi ihn an. »Ich hab Melanie nicht als Erster ins Baumhaus eingeladen. Das warst du, soweit ich mich erinnere.«

»Stimmt«, meinte Steve und ging einmal um den Baum herum. »Torte hat sie als Erster mitgebracht. Aber der nervt die Weiber so, dass sie ihm gleich wieder weglaufen.« »Ach ja?« Torte wollte ihn packen, aber Steve versteckte sich kichernd hinter dem nächsten Baum. »Vor dir laufen sie weg, wenn sie dich bloß sehen!«, rief Torte ihm wütend hinterher. »Hört auf«, schnauzte Fred die beiden an. »Morgen bringen wir das Holz her. Wir brauchen endlich wieder ein Hauptquartier.«

Aber ihr letztes Baumhaus hatten die Pygmäen nicht im Winter gebaut. An manchen Tagen war es so kalt, dass ihnen fast die Hämmer aus den steif gefrorenen Fingern fielen. Außerdem wurde es mit jedem Tag früher dunkel, und oft dämmerte es schon, wenn sie endlich mit den Hausaufgaben fertig waren.

Willi konnte an etlichen Nachmittagen nicht mitbauen, weil er mit Frau Rose nachholen musste, was er verpasst hatte, und Zeitungen austrug, um das Geld für die Baggerscheibe abzustottern. Viel Zeit zum Baumhausbauen blieb da wirklich nicht. Dass Willi sich außerdem regelmäßig mit Melanie traf, erzählte er den Pygmäen natürlich nic ht. Aber die Hühner wussten es, denn Wilma war Melanie irgendwann nachgeschlichen, als sie einen ihrer angeblichen Hautarzttermine hatte. Es war Wilma verdächtig vorgekommen, dass Melanies Pickel weniger, die Arzttermine aber immer häufiger wurden.

In der Schule ließen Melanie und Willi sich selten zusammen sehen. Manchmal lag morgens unter Melanies Tisch ein zusammengefalteter Zettel, den sie unauffällig in ihrer Tasche verschwinden ließ, manchmal waren sie und Willi in der Pause nirgends aufzutreiben, aber ansonsten hielten die beiden geheim, was sowieso jeder wusste. Dafür schmachtete Torte Frieda weiter in aller Öffentlichkeit an. Plötzlich bekam sie statt der Beschimpfungen wieder Liebesbriefe, seitenlang, gespickt mit abgeschriebenen Gedichten und Songtexten in ziemlich wildem Englisch. Frieda ließ Torte von den ändern Hühnern ausrichten, dass er sich eine andere Brieffreundin suchen sollte, sie schlug ihm sogar Kandidatinnen vor, aber nichts half.

Torte schrieb ihr weiter.

»Daran ist bloß Steve mit seinen blöden Karten schuld«, schimpfte Frieda jedes Mal, wenn wieder ein Brief in ihrer Schultasche steckte, aber Steve wies alle Schuld von sich. In fastjeder Pause bekam er inzwischen Besuch von jemandem, dem er die Karten legen sollte. Sogar aus den oberen Klassen kamen Ratsuchende. Meistens waren es Mädchen, aber ab und zu schlich sich auf dem Schulhof auch ein bohnenstangenlanger Junge an Steve heran und flüsterte ihm unauffällig sein Anliegen ins Ohr.

Steve hatte die Preise deutlich gesenkt, um das Geschäft anzukurbeln. Eine Mark kosteten Auskünfte über Versetzungen und andere schulische Leistungen (ohne Garantie natürlich), einsfünfzig Voraussagen zum Liebesglück und zwei Mark Angaben zu beruflicher Zukunft, Reichtum, Berühmtheit und so weiter. Das war deshalb am teuersten, begründete Steve, weil es noch in weiter Zukunft lag und deshalb komplizierter vorherzusagen war. Meistens verschwand er mit seinen Kunden in der Schulbücherei, wo es zwischen den Regalen ein paar lauschige Ecken gab. Als sich das herumsprach, tauchten immer öfter Schüler in der Bibliothek auf, die sich die Pause damit vertrieben, hinter den Bücherregalen zu stehen und Steve bei seinen Vorhersagen zu belauschen.

Die Baumhausbaustelle der Pygmäen blieb tatsächlich ungewöhnlich lange Zeit geheim. Vielleicht, weil die Hühner viel zu sehr mit ihrem eigenen Hauptquartier beschäftigt waren. Sprotte hatte durch Oma Slättbergs Haus- und Gartenverbot plötzlich unendlich viele freie Nachmittage, die sie fast immer beim Wohnwagen verbrachte. Auch die ändern kamen fast jeden Tag. Trude machte dort sogar meistens ihre Hausaufgaben mit Sprotte zusammen, und Wilma tauchte auf, sobald sie ihre fertig hatte. Frieda fehlte nur an ihren Gruppendienstagen, und manchmal brachte sie Luki mit, aber der störte nicht weiter. Stundenlang suchte er im Stall nach Eiern oder hielt den Hennen durch den Zaun kleine Steine hin, die sie immer noch nicht fressen wollten. Was Melanie betraf, die musste eben ab und zu zum Hautarzt, aber sonst war auch sie sehr oft im Wohnwagen zu finden. Der Wagen sah von Tag zu Tag mehr wie das Hauptquartier der Wilden Hühner aus. Melanie hatte den Bandennamen mit Goldfarbe auf die Tür gepinselt, und Frieda brachte ihre Hühnersammlung mit, die bisher lukisicher ganz oben bei ihr im Regal gestanden hatte. Dreiundzwanzig Hühner waren es: Gipshühner, Strohhühner, Glas- und Porzellanhühner. Sogar welche aus Marzipan, Schokolade und Kuchenteig waren dabei. Auf dem Regal, das Trudes Vater für seine Biergläsersammlung aufgehängt hatte, machten die Hühner sich wirklich gut. Die Biergläser kamen in die hinterste Ecke vom Küchenschrank. Wilma schließlich fädelte Massen von Hühnerfedern auf, die sie und Trude mit endloser Geduld im Stall und im Auslauf gesammelt hatten, und hängte sie vor die Fenster. Sprotte und Frieda fanden das toll, nur Melanie rümpfte die Nase, aber die Federn blieben, wo sie waren.

Dann hatte Sprotte noch die Idee, von jeder Henne ein großes Foto an die Wand zu hängen. Frieda >lieh< sich den Fotoapparat von Titus, und Sprotte fotografierte die Hennen, während Trude sie auf dem Arm hielt. Trude wurde dabei zweimal von oben bis unten voll gekackt, aber die Fotos wurden toll. Wilma schrieb mit Goldfilzer auf jedes den Namen der Henne, und dann hängten sie die Fotos in einer langen Reihe an die Wohnwagenwand. Viel Platz für Mela nies Poster blieb da nicht, das von ihrer Lieblingsgruppe passte noch an die Kühlschranktür und ihr Lieblingsschauspieler klebte schließlich draußen im Plumpsklo, wo ihm schon am zweiten Tag ein Knutschfleck verpasst und am dritten ein schwarzer Schnurrbart gemalt wurde. Sehr tragisch nahm Melanie das aber nicht. Die Poster würde sie sowieso bald auswechseln, ihre Begeisterung für Stars nutzte sich genauso schnell ab wie ihr Nagellack.

»Ist wirklich schön geworden«, sagte Frieda, als sie an einem eisig kalten Freitagnachmittag nebeneinander auf der großen Matratze lagen, heiße Milch mit Honig schlürften und sich aufs Wochenende freuten. »Das allerallertollste Hauptquartier!«, sagte Sprotte und schlug die Beine übereinander. »Die Pygmäen sind innerlich bestimmt schon schimmelgrün vor Neid.« »Jetzt, wo wir hier fertig sind«, meinte Wilma, »werde ich ihnen mal wieder etwas hinterherspionieren. Spätestens nächste Woche weiß ich, wo sie ihr neues Baumhaus bauen. Hühnerehrenwort.«

»Jetzt müssen wir uns nur noch ein gutes Versteck für die Hühnerschatz­ Schatulle ausdenken«, stellte Frieda fest. »Draußen im Hühnerstall kann sie auf die Dauer nicht bleiben, sonst ist sie irgendwann vollkommen voll gekackt.« »Quatsch, ich hab natürlich eine Plastiktüte drumgemacht, bevor ich sie unterm Stroh versteckt hab«, sagte Sprotte -und verbrannte sich die Zunge an ihrer heißen Milch. »Ich find auch nicht gut, dass der Schatz draußen ist«, sagte Wilma. »Wie sollen wir denn da an das Verteidigungsspray kommen, wenn hier doch mal einer rumschleicht?« Wegen Wilmas ständiger Rumschleicher-Angst lag in der Hühnerschatz-Schatulle inzwischen eine Dose Verteidigungsspray, aber draußen im Stall nützte die natürlich wirklich nicht viel.

»Du denkst wohl gar nicht an die armen Hühner, Wilma«, sagte Frieda und kicherte. »Die wollen sich doch auch irgendwie verteidigen.«

»Ha, ha!«, Wilma wischte sich ärgerlich etwas Milch vom Knie. »Für das Bandenbuch haben wir auch keinen richtigen Platz. Oder soll das ewig unter der Matratze liegen?«

»Ich finde, das Geheime Bandenbuch schaffen wir ab«, verkündete Melanie. »Abstimmung! Wer ist dafür?« Sie hob die Hand.

»Genau, das Geheime Bandenbuch ist sowieso kein bisschen geheim!«, rief Frieda, hob gleich beide Hände und kicherte mit Melanie um die Wette.

»Ihr nehmt das alles nicht ernst!«, fuhr Wilma die beiden empört an. »In dem Buch stehen alle Codenamen und die ganzen Geheimsprüche!«

»Mich nervt dieser Geheimkram ehrlich gesagt auch langsam«, murmelte Trude. »Es macht doch viel mehr Spaß, es sich zusammen gemütlich zu machen, was zusammen zu unternehmen und so - außerdem vergess ich die Codewörter und all das sowieso dauernd. Ich frag mich, wie ihr euch die bloß alle merken könnt.«

»Gar nicht!«, antwortete Melanie und prustete vor Lachen so in ihre Milch, dass ihr Gesicht danach weiß gesprenkelt war. Frieda hielt ihr kichernd ein Taschentuch hin. »Nun sag du doch mal was!«, drängte Wilma Sprotte, die die ganze Zeit nur still auf dem Bett gehockt und ihre Milch geschlürft hatte.

Sprotte stellte ihre Tasse auf den Fußboden, sah sich im Wohnwagen um - und zuckte die Achseln. »Ich finde, Trude hat Recht«, sagte sie.

Fassungslos starrte Wilma sie an. »Was? Aber, aber was ist denn dann mit den

Wilden Hühnern':'«

»Na, wir sind die Wilden Hühner«, antwortete Sprotte. »Diese ganze Geheimsache, die Stinkbombenstreiche, die Geheimschriften, das ist doch alles unwichtig. Okay, ich wüsste auch gern, wo die Pygmäen ihr neues Baumhaus bauen, aber ich hab ehrlich gesagt keine große Lust mehr, stundenlang hinter ihnen herzuschleichen. Ich finde es viel toller, zusammen Gemüsebeete anzulegen oder den Stall sauber zu machen oder einfach nur hier rumzuliegen und zu quatschen. Ich hör mir sogar den ganzen Nachmittag Mellis Sülzmusik an, wenn wir dabei zusammen sind.«

»Aber das ...«, Wilma machte ein ganz verzweifeltes Gesicht, »das reicht doch nicht für eine richtige Bande.« »Klar reicht das«, sagte Melanie und stopfte sich ein Kissen in den Rücken. »Ich finde, wir waren noch nie ’ne bessere Bande, und ob das Geheimwort für den Hühnerstall >Chemiesaal< oder >Schulhof< heißt, ist doch scheißegal!« Zerknirscht guckte Wilma in ihre Tasse. »Ach, komm.« Frieda warf ihr ein Kissen gegen den Kopf. »Du kannst dir ja weiter Codewörter ausdenken. Wir müssen sie ja nicht unbedingt auswendig lernen, oder?« »Genau«, sagte Melanie. »Und wo das neue Baumhaus von den Pygmäen ist, das wüsste ich auch zu gern. Mit dem Spionieren musst du also ebenfalls nicht aufhören.« »Na, dann ist ja gut«, murmelte Wilma. Und grinste. »Ich werd hinter Steve herschleichen. Den kann man ganz leicht beschatten.«

»Na, wunderbar!«, Sprotte ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf den Rücken fallen. »Ist doch alles wunderbar. Meine Oma kann den Hühnern nicht mehr die Köpfe abhacken, die Wilden Hühner haben das beste Hauptquartier der Welt, und meine Mutter redet nur noch jeden vierten Tag von Amerika. Bleibt uns bloß noch eine Sorge.« »Und die wäre?«, fragte Frieda.

»Melanies Pickel«, sagte Wilma und bekam dafür schon wieder ein Kissen an den Kopf.

»Es sind frische Kratzspuren am Hühnerstall«, antwortete Sprotte. »Und verdächtiger Kot.« Sie malte mit dem Finger einen Fuchs in die Luft. »Oje!«, stöhnte Trude.

»Ich hab gestern geträumt, dass wir herkommen und alle Hühner sind weg«, sagte Frieda. »Nur Federn lagen überall rum, und wir waren schuld, weil wir die Hennen hergebracht haben.«

»Na, nun mach mal halblang«, sagte Melanie. »Ohne uns wären die längst alle ohne Federn und ohne Köpfe dazu.« »Trotzdem«, sagte Trude und guckte zu der langen Reihe Fotos, die sie von den Hennen gemacht hatten. »Das ist wirklich eine Sorge. Wer soll uns die vom Hals schaffen?«

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